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# Wien, Akademietheater, MERLIN ODER DAS WÜSTE  LAND - Tankred Dorst, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/wien-akademietheater-merlin-oder-das-wuste-land-tankred-dorst-ioco/
- Published: 2026-10-16T15:08:05.000Z
- Updated: 2026-10-16T15:08:05.000Z
- Description: Tankred Dorsts „Merlin oder Das wüste Land“ wird am Wiener Akademietheater zur wilden Groteske über das Scheitern menschlicher Utopien. Antú Romero Nunes setzt auf Sprachwitz, Körpertheater und ein spielfreudiges Ensemble – ein ebenso herausfordernder wie unterhaltsamer Theaterabend.
- Author: IOCO
- Tags: Aktuelles aus der Theaterwelt

von Stephan Thomas

  
**VOM ENDE DER UTOPIEN**

Die Artus-Sage ist die Behauptung der Möglichkeit der Utopie. „**Merlin oder Das wüste Land*“* von **Tankred Dorst** (Mitarbeit: **Ursula Ehler**) ist die grundsätzliche Zurückweisung dieser Idee. Und **Antú Romero Nunes’** Inszenierung des Stücks am **Wiener Akademietheater** ist der Karneval an ihrem endgültigen Ende. Beauftragt, die Menschen ihrer eigentlichen Bestimmung, dem Bösen, zuzuführen, entscheidet sich der Magier ***Merlin*** im Gegenteil dazu, ***König Artus*** zur Gründung der Tafelrunde zu drängen, eine Ordnung zu schaffen, in der Gerechtigkeit und Gleichheit herrschen. Er scheitert bei **Dorst** an der prinzipiellen Unzulänglichkeit der Menschen: ihrer Affektgesteuertheit, ihrer Untreue, ihrer Unversöhnlichkeit, ihren dunklen Seiten … Die Welt zerfällt zu einem wüsten Land. Wenn utopische Ideen, beispielsweise als Marsbesiedelung, nur noch in den Köpfen tech-libertärer Psychos kreisen und tatsächlich vom Rest der Menschheit gereinigte Dystopien darstellen, wenn selbst vergleichsweise menschenfreundliches utopisches Denken nur noch in kleiner Münze als „Narrativ“ erhältlich ist, dann ist spätestens ab da der Utopie-Begriff unrettbar erledigt.

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 Eine Utopie sieht anders aus (v. l.: Marie-Luise Stockinger, Felix Rech, Katharina Lorenz, Michael Maertens, Michael Wächter) © Tommy Hetzel

An diesen Punkt knüpft **Tankred Dorsts** Versuch einer Erklärung für das Scheitern jeder Utopie mit seinem Stück *„*Merlin oder Das wüste Land*“* (1980) an. Fast ein halbes Jahrhundert später schärft **Antú Romero Nunes’** Inszenierung am **Akademietheater** **Merlin** als wilde Groteske über die traurige Wahrheit, dass im Versuch der Realisierung einer humanen Utopie ihr dystopischer *„Vibe Shift“* schon angelegt ist.

Es beginnt mit der Geburt ***Merlins*** **(Sarah Viktoria Frick)** aus dem Schoß der Riesin ***Hanne*** (**Michael Wächter,** später auch ***Die Liebe***) unter viel hektischem Herumgerenne, Kreißen und Geschrei auch des Harlekins (**Marie-Luise Stockinger,** im Weiteren ***Teufel*** und ***Harlekin*** in *einer* Person; bei **Dorst *Der Clown***). Alles passiert in einem Fantasie-Mittelhochdeutsch, das jeder und jede Schauspieler:in für sich während des Sprechens erfindet und das einen Teil des gesprochenen Textes unverständlich macht. Nach einer halben Stunde verlassen deshalb die ersten Zuschauer das Theater. Ein weiterer Grund dafür, dass später, nach der Pause, wohl ein Drittel der Sitze leer bleibt, dürfte die Tonlage grotesken Kindertheaters erklären, die die Aufführung zu großen Teilen bestimmt. Schon am Anfang spricht ***Die Liebe*** die Zuschauer mit „Also, Kinder …“ an, und mit einer ähnlichen Anrede endet die Vorstellung auch.

Was sich zuerst nach endgrausliger 1A-Nervtöterei anhört, ist bei Licht besehen eine theatrale Selbstverständlichkeit. Der dramatische Text ist nur eines von verschiedenen zusammenspielenden Zeichensystemen, neben Körperspiel, Bühne, Licht et cetera. Und nur im – nennen wir es – bürgerlichen Theater kommt dem Wort eine besondere und dominante Rolle zu. Was die Textbehandlung am Theater angeht, reicht dagegen die Bandbreite aktuell ungefähr von den beliebten textlastigen Romanadaptionen bis zur reinen Performance auf der Grenze zwischen darstellender und bildender Kunst und allem Möglichen dazwischen. Den Schauspieler:innen muss es in einer Inszenierung wie **Nunes’ *Merlin*** gelingen, die semantische Last vom schwerst misshandelten dramatischen Text zu großen Teilen auf die anderen Zeichensysteme zu übertragen. Dem Ensemble gelingt das mühelos, spielerisch:

**Michael Maertens** zeigt ***König Artus*** als einen mehr naiven als gutherzigen und von ***Merlin*** problemlos lenkbaren König. Er führt einen Körper vor, der sichtlich nicht mehr der Jüngste ist. Sein ***Artus*** ist nicht unbedingt die hellste Kerze am Luster. **Maertens** lässt ihn begriffsstutzig nölen, statt verstehen – oder gar vernünftig zu handeln. Er braucht nur große Augen, einen leicht vorgeschobenen Kopf und fast unmerklich eingeknickte Knie, einen ständig diffus beleidigten Tonfall, und seine Figur stimmt.

***Merlin*,** der Sohn des Teufels, der ihn beauftragt, das Schlechteste aus den Menschen herauszuholen, ist die Gestalt gewordene Widerspenstigkeit, der ins Gegenteil verkehrte ***Mephisto*,** wie ihn **Goethe** im ***Faust*** charakterisiert: ***Merlin*** ist der Geist, der stets das Gute will und stets das Böse schafft. **Sarah Viktoria Frick** spielt ***Merlin*** mit der nicht zu bändigenden Resolutheit von Menschen, die es gut meinen. Sie rast über die Bühne, drängt und zerrt jeden zum Guten und damit in sein oder ihr Verderben. Einmal trägt sie ein Lied vor. Sie schreit und brüllt es heraus. Der Text bleibt völlig unverständlich. Aber sie braucht ihn auch gar nicht. Ihre Stimme, ihr Körper, dazu die Musik sind geballte Kraft, die unbelehrbar auf ein Ziel gerichtet sind.

Die Musik (**Pablo Chemor**) begleitet das Geschehen meistens direkt auf der Bühne. **Phoebe Violet, Judith Fliedl** und **Ulrike Greuter** mischen sich als stumme Figuren unter die Schauspieler:innen und tragen dabei, wie diese auch, wie zufällig und wirr aus dem Fundus zusammengerafftes frühmittelalterlich Anmutendes (Kostüme und Bühne: **Matthias Koch**). Die Bühne ist schwarz und leer, bis auf ein paar wenige, genial eingesetzte Requisiten wie das Ölfass, aus dem ***Hanne Merlin*** gebiert, und das blutrote Konfetti, das dazu abgeschossen wird. Räume werden durch das Licht (**Marcus Loran**) gesetzt.

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Irrer Haudrauf Parzifal ( Bruno Cathomas) © Tommy Hetzel

An **Parzifal**(**Bruno Cathomas**) lässt sich die Gut-Böse-Dialektik, die **Dorst** und **Nunes** meinen, am klarsten ablesen. Dieser „reine Tor“ ist in seiner naiven, in Fetzen gekleideten Schuldlosigkeit ein kompletter Irrer, der auf der Suche nach Gott in einer Art Ausschlussverfahren alles abschlachtet, was nicht Gott ist, sodass das, was am Ende übrigbleibt, Gott sein muss. **Cathomas** spielt ihn als amoralischen Haudrauf mit fiebrigem Blick. Er bewältigt die Sprachverstümmelung, die den Schauspieler:innen abverlangt wird, am schlechtesten – liegt ihm einfach nicht, was man ihm wirklich nicht übel nehmen kann – und ist deshalb paradoxerweise beinahe am besten zu verstehen.

**Marie-Luise Stockinger** als ***Teufel-Harlekin*** kann das besser. Sie kauderwelscht sich durch ihren Text, ohne jemals ganz unverständlich zu werden. **Stockingers** Figur ist ständig in Bewegung, setzt ihren ganzen Körper ein. Ihre ***Teufelin*** spiegelt sich im ***Harlekin*** und umgekehrt. Als **Teufelin** will sie, dass die Menschen zu sich selbst, zum Bösen, finden. **Stockinger** spielt sie ohne glühende Augen und Schwefelgestank. Stattdessen zeigt sie eine höfische Närrin, deren Aufgabe darin besteht, die Wahrheit hyperdeutlich im Gewand des Grotesken herauszuschleudern. Sehr lustig und unterhaltsam, athletisch und biegsam fuchtelt **Stockinger** sich über die Bühne, spielt mit ihrer Mimik, lauert, plustert sich auf, wechselt von Zynismus zu Komik und endet in Verzweiflung.

 Wenn ***Lancelot*** (**Lilith Hässle**) und ***Ginevra*** (**Katharina Lorenz**) aufeinandertreffen, ändert sich in der Regel die Tonlage. Bei **Dorst** überwiegt im Ganzen der ernste, düstere Tonfall. In **Nunes’** Inszenierung verhält es sich umgekehrt. Hauptsächlich, wenn von Liebe die Rede ist, wechselt das dominant Groteske ins ernsthafte Register. ***Ginevras*** und ***Lancelots*** Liebe, die ein Betrug an ***Artus*** ist und deshalb scheitert, scheint **Nunes** mehr Sympathie entgegenzubringen als dem Politischen, der Tafelrunde und der idiotischen Suche nach dem Gral.

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Teufelin und Hofnärrin zugleich (v. l.: Marie-Luise Stockinger, Katharina Lorenz) © Tommy Hetzel

***Sir Mordred* (Felix Rech)** ist am Gral nicht interessiert. Der Sohn ***Artus*,** gefangen in tödlichem Groll gegen den Vater, strebt einzig nach Macht und nach Rache am Vater, der ihn wegen der Prophezeiung töten lassen wollte, er werde ihn stürzen. **Rech** zeigt, wie auch er nur ein Spielball des Schicksals ist, festgelegt auf irgendwas zwischen unheilbarer Kränkung und Blutdurst. Er verkörpert ihn weniger als Bösewicht. Er entwirft ihn als Negativbild ***Artus*,** so wie **Merlin** die verzerrte Kehrseite des ***Teufels*** ist.

**Nunes,** der ohnehin **Dorsts Merlin** stark bearbeitet und gekürzt hat, beschneidet den Zerfall des Reichs, das Chaos, den epischen Endkampf zwischen ***Artus*** und ***Mordred***, bis fast nichts übrigbleibt. Stattdessen erfindet er einen Versuch ***Merlins*,** alles noch mal von vorn, nur diesmal besser, aufzurollen. Das Ensemble spielt die extreme Kurzfassung der bisherigen Handlung, aber der Ausgang bleibt selbstverständlich gleich.

Bei **Dorst** hockt ***Merlin*** am Ende in einem Weißdornbusch, dem Übergang zur „Anderswelt“, und singt ein wehleidiges Lied über Vergeblichkeit. **Nunes** lässt ***Merlin*** sich zurück in ***Hannes*** Schoß wühlen. Die **Teufelin** sitzt gebrochen am Rand der Bühne. Sie presst völlig verzweifelt: „*Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Das soll aufhören!*“ heraus. Nicht mal ***Die Liebe*** kann sie trösten. ***Die Liebe*** scheint bei **Nunes** überhaupt grundsätzlich mit einer selbstverständlichen und natürlichen Resilienz ausgestattet zu sein. Sie weiß, wie alles enden wird, macht aber weiter. Was auch sonst.

Der Teil des Publikums, der *hardcore* genug war, Kauderwelsch und Kindertheater als theatrale Mittel auszuhalten, belohnte das Ensemble und sich selbst nach über drei Stunden völlig zu Recht mit einem großen, gut gelaunten Applaus.
  
  
Die nächste Vorstellungen: 23.10., 27.10., 5.11., 14.11., 30.11\. und 28.12.2026 jeweils um 19 Uhr, am 22.11\. und 25.12.2026 jeweils um 18 Uhr

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.burgtheater.at/produktionen/merlin-oder-das-wueste-land?ref=ioco.de)