Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, André Chénier – Umberto Giordano, 11.01.2019

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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

 André Chénier – Umberto Giordano

– EIN DICHTER IN DER NACHT DES SCHRECKENS –

von Peter M. Peters

André Chénier ist das einzige Werk, das außerhalb Italiens seinen festen Platz im Repertoire der großen Opernhäuser bis heute behalten hat und dem Komponisten Umberto Giordano (1867-1948) zu Weltruhm verhalf. Sein Textdichter Luigi Illica (1857-1919) verfasste das Opernlibretto indem er die tragische Gestalt eines Poeten zur Zeit der Schreckensherrschaft der französischen Revolution erzählt.

André Marie de Chénier (1762-1794), in Konstantinopel geboren, war ein von der hellenischen und klassischen Literatur geprägter Dichter. Sein kurzes Werk ist von der romantischen Bewegung beeinflusst, aber auch mit politischen und freiheitsliebenden Gedanken genährt. Nach seinem frühen gewaltsamen Tode wurde sein poetischer Nachlass veröffentlicht und äußerst gelobt, insbesondere von dem jungen Victor Hugo (1802-1885). Im Mittelpunkt der Oper, in dem nach dem Vorbild der grand opéra Dichtung und Wahrheit auf höchst effektvolle Weise miteinander verwoben sind, steht die historische Gestalt des Dichters Chénier, der als einer der bedeutendsten französischen Lyriker des 18.Jahrhunderts gilt. Das er in Adelskreisen verkehrte, wo man sein Talent zu schätzen wusste, ist überliefert, nicht jedoch dass sich eine adlige Dame in ihn verliebte, die sogar bereit war, mit ihm im in den Tod zu gehen. Das historische Vorbild der Maddalena di Coigny ist bei Illica la Duchesse Anne-Françoise- Aimée de Franquetot de Coigny (1769-1820), mit der Chénier einige Zeit das Gefängnis Saint-Lazare teilte. Dagegen die Gestalt des Gérard ist bare Erfindung, eingeführt nur aus dem einfachen Grunde, um der traditionellen Dramaturgie des Ottocento zu entsprechen, die den Dreieckskonflikt zur Grundlage des melodramma machte.

Andre Chenier – Umberto Giordano
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Was André Chenier vor anderen Opern seiner Zeit auszeichnet, ist die Abkehr von der starren Typisierung, die Hinwendung zu einer Charakterentwicklung. Die  Schwarzweißmalerei weicht damit einer differenzierten Darstellung der individuellen Persönlichkeit. Insbesondere  von der Titelgestalt wird zweifellos im Hinblick auf das historische Vorbild, ein vielschichtiges Porträt entworfen. Chéniers Arie « Un di all’azzurro spazio » (1.Bild) zeigt den Dichter als Kritiker des Ancien Régime, zugleich auch als Künder einer neuen Epoche, in der die tief empfundene Liebe den ersten Platz einnimmt – eine herausragende Facette im Wesen Chéniers, die sich mit Deutlichkeit in der Szene mit Maddalena (« Ora soave,  sublime ora d’amore  »,2.Bild) offenbart. Im 3.Bild wird das heroische Moment akzentuiert, als Chénier vor dem Tribunal eine Verteidigungsrede hält (« Si, fui soldato ») und den Wohlfahrtsausschuss wegen seines Schreckensregimes anklagt. Das 4.Bild zeigt, gewissermaßen als Pendant zum 1.Bild, noch einmal den empfindsamen Dichter (Arioso « Come un bel di di maggio »), andererseits den von ekstatischer Liebe erfüllten Menschen (Duett « Vicino a te »).

Durchaus ambivalent präsentiert sich auch die Gestalt des Gérard. Zwar hat er zunächst keine Skrupel, ähnlich wie Scarpia (Puccini: Tosca), seine öffentliche Stellung für seine privaten Ziele zu missbrauchen. Doch ist er auch der Reflexion fähig, ist bereit, sich selbst der Kritik zu unterziehen (Monolog « Nemico della patria », 3.Bild), vermag zu erkennen, dass er, der frühere Domestik, zum Sklaven seiner eigenen Begierden geworden, also Knecht geblieben ist. Den endgültigen Wandel führt die Begegnung mit Maddalena herbei, deren Bereitschaft, sich für einen anderen zu opfern, ihn in tiefster Seele rührt; anders als der Baron Scarpia hat sich der Proletarier Gérard seine Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit bewahrt.

Ähnlich wie bei Giacomo Meyerbeer (1791-1864) hat in André Chénier das historische Element nicht den Charakter einer bloßen Folie, vor der sich die Tragödie der Individuen abspielt. Vielmehr greift der geschichtliche Augenblick, hier also die Französische Revolution, in das Geschehen ein, wird selbst zum Gegenstand künstlerischer Gestaltung. Musikalisch wird das Ambiente der Revolution nicht nur durch Zitate einiger bekannter Revolutionslieder wie «Ça ira», der Carmagnole und der Marseillaise eingefangen, sondern auch durch naturalistische Techniken: nicht wenige Vokalpartien sind in ihrer Diktion an der gesprochenen Sprache orientiert, beziehen Rufe und Schreie mit ein, imitieren das Stimmengewirr durch eine kalkulierte Regellosigkeit des vokalen Satzes. Kontrastierend dazu wird im 1.Bild die Zeit des Rokoko beschworen: durch Schäferidylle, Clavecinspiel und eine Gavotte, wobei es sich hier nicht um Zitate, sondern um Stilkopien handelt.

Aufgrund der dankbaren Rollen entwickelte sich André Chénier zu einer der beliebtesten Opern des Verismus und zu den herausragenden Interpreten der Titelpartie zählen Enrico Caruso, Beniamino Gigli, und nach dem zweiten Weltkrieg vor allem Mario del Monaco, Franco Corelli, José Carrera und natürlich Placido Domingo.

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier - hier : Jasmin Etezadzahdeh, Yoontaek Rhim, Paul Kroeger, Raphale Käding © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier – hier : Jasmin Etezadzahdeh, Yoontaek Rhim, Paul Kroeger, Raphale Käding © Silke Winkler

Ursprung des musikalischen Verismus

Ausgehend von der naturalistischen Bewegung in Frankreich u.a. durch Émile Zola (1840-1902), Guy de Maupassant (1850-1893) und Alphonse Daudet (1840-1897) entwickelte sich im letzten Viertel des 19.Jahrhundert in Italien eine literarische Gruppe: « verismo » . Die mit ihrem Hauptvertreter Giovanni Verga (1840-1922), eine Literatur  behaupteten, die das Leben der anonymen Massen  und die Wahrheit des Lebens schilderte: Bauern, Handwerker, Fischer, Bettler, Vagabunden, Mörder, Prostituierte, Kurtisanen, die Ärmsten der Armen wurden hier die Hauptpersonen ihrer eigenen Geschichte. Inspiriert von dieser Bewegung entwickelte sich der musikalische Verismus u.a. mit Pietro Mascagni (1863-1945), Cavalleria rusticana, (1890) der mit diesem Werk einen sensationellen Erfolg erzielte. Seine Librettisten inspirierten sich nach einer Novelle « Vita dei Campi » des Giovanni Verga.

Desgleichen Ruggero Leoncavallo (1857-1919), I Pagliacci (1892) hatte zwei Jahre später einen ähnlichen großen Erfolg mit seiner Oper, indem er das Libretto selbst schrieb nach einer wahren Begebenheit, die sich um 1865 in Kalabrien abspielte.

Immer mehr Werke im Stil des Verismus erblickten die Welt: der sogenannte bürgerliche und historische Verismus entstand u.a. mit André Chénier (1896) von Giordano oder Adriana Lecouvreur (1902) von Francesco Cilea (1866-1950) und nicht zu vergessen Giacomo Puccini (1858-1924), der mehrere weltweit bekannte Musikdramen in diesem Stil hinterließ.

Der Musikstil verbreitete sich über die Grenzen Italiens aus und mehrere europäische Länder waren empfänglich für diese neue Ästhetik, jedoch es wurde nie eine Schule oder ein Manifest des Verismus. Die Musiksprache eines jeden Komponisten behielt seine persönliche Individualität und Kreativität verstärkt durch die Mentalität seines Landes. In Frankreich z.B. Gustave Charpentier (1860-1956) der in seiner Oper Louise (1900) das Schicksal einer Frau und deren Emanzipation als Thema hat.

Auch Deutschland hat seinen Verismus mit Eugen d’Albert (1864-1932), der mit seinem Werk Tiefland (1903) die elenden Zustände der Knechte und Zugehfrauen unter dem sadistischen Joch eines Großgrundbesitzers erzählte, oder Spanien mit der blutigen Familientragödie in einem überwiegend von Zigeunern bewohntem Stadtteil von Granada mit La Vida breve (1904-1905) von Manuel de Falla (1876-1946). Nicht zu vergessen unsere osteuropäischen Nachbarn:  Jenufa (1905) von Leoš Janácek (1854-1928) und Lady Macbeth von Mzensk (1932) von Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975) sind außergewöhnliche Werke des Musiktheaters, die auch die erniedrigen menschlichen Konditionen  zum Inhalt hat. Der Verismus machte sich nicht zuletzt die Aufgabe Menschen an der untersten Stufe der sozialen Leiter zu zeigen.

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier - hier : Karen Leiber, Jasmin Etezadzadeh, Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier – hier : Karen Leiber, Jasmin Etezadzadeh, Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas © Silke Winkler

Aufführung 3.Januar 2020 – Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin

Das erste Bild übermittelt die letzten Atemzüge des Ancien Régime im Schloss der Contessa di Coigny, die ihre Freunde zu einem großen Fest einlädt. Ein Schäferspiel zeigt die ganze obszöne Dekadenz einer sterbenden Gesellschaft: Schäferinnen und Travestien spielen miteinander sonderbare Spiele, ein kleiner Knabe wird Objekt einer seltsamen Lustbegierde…! Sehr scharfe Kritik zeigt der Dichter Chénier anhand seiner Gedichte an dieser skrupellosen Gesellschaft, die natürlich starke Empörung hervorruft. Durch eine Gavotte wird diese Verstimmung beseitigt und das Fest geht weiter. Aber da bricht die Revolution in das Schloss ein, indem Gérard mit Gleichgesinnten brutal das Fest beendet. Der radikale Übergang von Schäferidylle zu grausamen Straßenschlachten, Demonstrationen und hasserfüllten Massen ist dem Regisseur Roman Hovenbitzer außerordentlich deutlich gelungen. Der Rhythmus der Inszenierung wird der Musik und der Dramatik des Werkes äußerst gerecht. Eine großartige Idee ist die des «  le musicien rouge »,  eine zusätzliche Person, die als Moritatensänger zwischen den Bildern vor dem Vorhang, teils alleine oder begleitet mit Mathieu, genannt « Populus » seine kleinen Interludes vorträgt, die an Macky Messer und Charlot erinnern: « Ça ira », la Marseillaise ou la Carmagnole.

Inzwischen hat sich die Revolution als Schreckensherrschaft etabliert und die ehemaligen Diener sind zum Werkzeug dieser grausamen Tyrannei geworden: es wimmelt von Spionen und nur ein ungewolltes Wort kann zum Tode führen. Im Grunde nichts neues in unserer langen Menschheitsgeschichte, doch schockiert diese Unmenschlichkeit immer wieder. In diesem und der nächsten Bilder sieht man nur noch undekorative hässliche Metallgerüste, die wohl das Chaos vermitteln sollen. Vollbehangen mit Politbildern, Manifesten, Graffitis aus allen Epochen und Zeiten, Mahnbilder eines nie vergehenden Wahnsinns. Der Bühnenbildner Hermann Feuchter hat hier eine interessante Lösung gefunden. Auch die Kostüme von Roy Spahn sind inspiriert vom Zeitlosen, indem er ausgehend vom Rokoko bis hin in die Neuzeit verschiedene Kleidungsstile vermischt und neu entwirft. Das gesamte Produktionsteam hat hier einzigartige inspirierte Arbeit geleistet und wir waren überrascht über diesen Qualitätsanspruch, den oft viel größere Häuser mit gewaltigen Mitteln nicht erreichen.

Die musikalische Seite liegt auf keinem Fall im Schatten des Produktionsteam. Der junge amerikanische Dirigent Michael Ellis Ingram ziselierte mit viel Sensibilität die ganze Schönheit der Partitur heraus ohne ins Sentimentale abzurutschen. Der musikalische Rhythmus bewegt sich mit dem Inszenierungstempo, sodass ein geschlossenes Ganzes vor unseren Sinnen erscheint, ideal für eine Musiktheaterproduktion. Der Chor des Mecklenburgischen Staatstheaters und die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin sind überaus präzise und folgen ihrem jungen talentierten Dirigenten mit Begeisterung.

Der georgische Tenor Zurab Zurabishvili hat die geeignete Stimme für die Titelpartie, robust in den tiefen Lagen und strahlend in den Höhen, obwohl an diesem Abend hatte er mehrmals Schwierigkeiten den richtigen Anfangston zu finden. Dennoch bleibt es eine hervorragende Leistung für eine der schwierigsten Partien seines Faches. In seinem Duett mit Maddalena im vierten Bild zeigt er sein ganzes Können und vereint mit der Sopranstimme ist es vielleicht ein Sternstundenmoment, der häufig Gänsehaut erzeugt.

Maddalena di Coigny wurde ideal von der Sopranistin Karen Leiber interpretiert indem sie stimmlich sowie auch schauspielerisch die vielen Facetten einer glaubwürdigen Verwandlung darstellte: eine junge verwöhnte kokette Aristokratin bis hin zu einer reifen liebenden aufopfernden Frau. Ihre große Arie « La mamma morta m’hanno alla porta » wird mit Intensität und Schönheit vorgetragen und ist einer der Höhepunkte des Abends. Nicht zu vergessen das berühmte schon erwähnte Duett mit Chénier im vierten Bild.

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier - hier : Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas, Jasmin Etezadzadeh © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater / Andre Chenier – hier : Zurab Zurabvishvili, Bruno Vargas, Jasmin Etezadzadeh © Silke Winkler

Der südkoreanische Bariton Yoontaek Rhim als Carlo Gérard bekam den größten Applaus an diesem Abend und unserer Meinung nach auch berechtigt. Seine Stimme versehen mit einem schwarz-metallischen Timbre flutet durch die Orchestermassen mit einer derartigen Kraft und Leichtigkeit und die nuancenreiche Interpretation seiner Rolle ist einerseits mit grausamer Brutalität und andererseits mit sensibler Melancholie versehen, wie es die zwielichtige Person des Gérard verlangt. In seinem Monolog « Nemico della Patria » wird besonders die mit sich selbst kämpfende Person glaubwürdig dargestellt.

Der junge amerikanische Tenor Paul Kroeger ist ungemein gut besetzt für die schmierige aalglatte Person des Incredibile, indem er sich als Spion allgegenwärtig heimlich in Häuser und Wände einschleicht den Tod mit sich bringend und immer neue Opfer sucht. Seine leichte Tenorstimme zeigt den nötigen Charakter für diese makabre Rolleninterpretation. Außer dieser Rolle hat er noch einige kleinere Rollen übernommen: L’Abbate, ein Dichter und Dumas.

Der Bariton Cornelius Lewenberg hat zwei völlig gegensätzliche Rollen zu bewältigen, zum einen den immer vorteilsuchenden Dandy-Romancier Pietro Fléville (1. Bild), der gleich einem Salonlöwen sich geschickt lächeln durch die Gesellschaft schleicht. Und zum anderen den gefährlichen Sansculotto Matthieu, genannt « Populus », ein aus dem Proletariat entstiegener gehbehinderter und übergewichtiger Anhänger des Terrorregimes. Seine tiefschwarze Seele ist ihm gewissermaßen auf die Haut geschrieben und sein Großmaul schreit Parolen die er nicht versteht. Unsere politische Vergangenheit rückt näher und erinnert an nicht sehr glorreiche Zeiten. Sein diabolischesTimbre gleicht einer Farbpalette die sich den schwärzesten Situationen anpasst.

Roucher, Chéniers Freund, singt der Bariton Sebastian Kroggel mit einer samtigen Stimme,  die von beeindruckender Schönheit und Sensibilität sehr überzeugend wirkt. In seiner einzigen großen Szene mit Chénier «La femminil marea parigina» zeigt er sein ganzes Können und man denkt unweigerlich an Carlo und Posa (Verdi: Don Carlo).

Auch die spanische Mezzosopranistin Itziar Leseka hat zwei Rollen zu interpretieren, zum einen die arrogante standesbewusste Contessa di Coigny (1. Bild) und zum anderen die um ihre gefallenen Söhne trauernde Madelone. Die überzeugende Revolutionärin opfert weinend ihre letzten Söhne für den bevorstehenden Krieg, ein äußerst beeindruckender Moment unserer eigenen Geschichte, denn die kleinen Soldaten sind mit Stahlhelmen des zweiten Weltkrieges behelmt. Eine sehr berührende Szene mit einer « Mutter Courage Vision » versehen und die nie endende Unzulänglichkeit menschlichen Wesens vorführt. Gesanglich eine sehr bemerkenswerte Interpretation.

Die Mulatta Bersi wurde von der Sopranistin Hanna Larissa Naujoks mit ihrem in allen Lagen ansprechenden lirico-spinto und mit weit fließenden Legato gemeistert. Ihre einzige Szene «Temer? Perchè? Perchè temer dovrò?» sang sie mit viel Ironie,Trotz und Mut.

Auch die kleineren Partien waren bewundernswert homogen besetzt. Ein Extralob für den Musiker und Schauspieler Raphael Käding, der die von der Regie zusätzliche erfundene Person  « Le musicien rouge» mit Bravour, Witz und Ironie darstellte.

Kleine Schweriner Kulturgeschichte

Die wechselreiche Schweriner Theatertradition reicht zurück bis ins 16.Jahrhundert und viele «Comoedianten»-Truppen hatten sich zeitweise am fürstlichen Hofe angesiedelt. Der Schauspieler Konrad Ekhof (1720-1778), von Theaterhistorikern als der «Vater der deutschen Schauspielkunst» bezeichnet, gründet in der mecklenburgischen Metropole 1753 die erste deutsche Schauspielerakademie. Die erste Blütezeit des Schweriner Theaters endet abrupt 1756 mit dem Tode des kunstliebenden Herzogs Christian Ludwig II. Dessen Nachfolger, Friedrich «der Fromme» verbietet jegliches Theaterspielen. Und erst als Friedrich stirbt, kommt das Kulturleben der Stadt wieder in Schwung. 1788 wird ein ehemaliges Reit- und Ballspielhaus am alten Garten zu einem Schauspielhaus umgebaut. Schwerin hat sein erstes « richtiges » Theatergebäude. Es erfüllt seinen Zweck bis 1831, dann brennt es ab.

Der Architekt Georg Adolph Demmler (1804-1886), dessen Bauten auch heute noch wesentlich das Stadtbild des alten Schwerin prägen, erhält den Auftrag, ein neues zu bauen. 1836 ist es vollendet, und die Stadt hat mit dem Großherzoglichen Hoftheater am Alten Garten ein repräsentatives Haus. Eine neue Epoche der Schweriner Theatergeschichte beginnt. Diese Ära ist u.a. geprägt von der siebenjährigen Intendantenzeit des Komponisten Friedrich von Flotow (1812-1883), der 1856 den Dirigenten Georg Alois Schmitt (1827-1902) zu sich holt. Er macht Schwerin nach Bayreuth zur zweiten « Wagner-Stadt » in Deutschland und baut die seit 1563 bestehende Staatskapelle zu einem der bedeutendsten des Landes aus. Mit dem Orchester konzertieren beispielsweise Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), Clara Schumann (1819-1896), Joseph Joachim (1831-1907), Camille Saint-Saëns (1835-1921) und Johannes Brahms (1833-1897). Wagners Opern prägen den Spielplan und zur Walküre –Inszenierung im Jahre 1878 kommen Enthusiasten per Sonderzug aus Hamburg und Berlin. Diese glückliche Entwicklung wird durch einen erneuten großen Brand des Gebäudes unterbrochen.

Der Neubau im neo-barocken Stil wurde am 3.Oktober 1886 eröffnet und ab 1918 nannte es sich Mecklenburgisches Staatstheater. Das heutige Theater mit seiner eigenen Truppe spielt in jeder Saison ein umfangreiches Programm: Musiktheater, Schauspiel, Ballett, Fritz-Reuter-Bühne (Plattdeutsches Theater), Junges Staatstheater Parchim und Konzerte. In dieser Saison werden u.a. folgende Neuinszenierungen angeboten: Fidelio (Schlossfestspiele), Rigoletto, Orfeo ed Euridice, Die tote Stadt, Weiße Rose, Chess – The Musical, Mephisto, Mutter Courage und ihre Kinder.

—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—

Lübeck, Musik und Kongresshalle, Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Kritik, 27.03.2019

MuK-Lübeck Konzertsaal © Malzahn

MuK-Lübeck Konzertsaal © Malzahn

Musik und Kongresshalle Lübeck

Das Wunder der Heliane  –  Erich Wolfgang Korngold

Wundersame Auferstehung nach neunzig Jahren

 von Michael Stange

Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane zeichnet sich durch fesselnde musikdramatische Dichte, hohe Expressivität und faszinierende musikalische Einfälle aus. Der individuelle musikalische Charakter und die stete Geschlossenheit der Komposition sind Meilensteine des Opernschaffens des zwanzigsten Jahrhunderts. Die opalisierenden, blutroten, flammenden Klänge, das geheimnisvoll, schleiernde Kolorit des Orchesterklanges und die gewagte und an atonales grenzende Harmonik faszinieren noch heute. Sie belegen Korngolds kompositorische Meisterschaft. Das Werk zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner langen, großen musikalischen Erfinderkunst. Große Musik paart sich mit Drama, Intelligenz und unwiderstehlichem Zauber.

Die Wirkung der Oper ist durchgängig packend und schlägt die Zuhörer nahezu drei Stunden in ihren Bann. Höhepunkte sind im 1. Akt in die Duette zwischen Fremden und Herrscher und Heliane und dem Fremden. Gleiches gilt für den 2. und 3. Akt. Hierzu zählen insbesondere die Richterszene, das Gottesurteil und die großen oratorienhaften Chorszenen des Schlussaktes.

Ein Grund, dass die Wiedererweckung länger als bei der Toten Stadt auf sich warten ließ, ist das Libretto. Hans Müller-Einigen ersann eine Mixtur plagiatverdächtiger Wagner-Übersteigerungen unter Hinzufügung von Andeutungen libertär erotischer Enthemmung aus seinem eigenen Werk Das Wunder des Beatus und dem Fragment des früh verstorbenen Dichters Hans Kaltneker.

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane © Lutz Roeßler

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane © Lutz Roeßler

Die Dreiecksgeschichte handelt von einem grausamen Herrscher, seiner ihn nicht liebenden Frau Heliane und einem Fremden. Eine Mischung aus Liebessehnsucht des Herrschers, vermeintlichem Ehebruch Helianes mit dem Fremden, Suizid des Fremden, seiner Wiedererweckung durch Heliane in einem Gottesurteil, die Tötung Helianes durch den Herrscher und der Gang Helianes und des Fremden in den Himmel bilden eine übersteigerte psychodramatische Melange. Sie ist stofflich und dramaturgisch dem Wien der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurechnen schon zum Zeitpunkt der Urraufführung durch die damalige Lebenswirklichkeit und die neuen literarischen Strömungen überholt.

Musikdramatisch und von der Handlung trafen die Opern Alban Bergs, Franz Schrekers, Ernst Kreneks und Paul Hindemiths viel mehr den Zeitgeist und Geschmack des Uraufführungsjahres 1927.

Nach langer Pause hat das Werk in den letzten zwölf Jahren nach konzertanten und szenischen Aufführungsserien u. a. in Kaiserslautern, Wien, Amsterdam, Berlin, Freiburg und anderenorts beträchtlich an Popularität gewonnen. Die brillante und ausgezeichnet dirigierte Aufführung aus Freiburg liegt auf CD bei Naxos vor. Die Berliner Aufführung wird im Juni auf DVD erscheinen.

Nun hat Lübeck das Werk für sich wiederentdeckt. Dort erklang es erstmals im Theater Lübeck am 1. März 1928 als siebte Aufführung und nur fünf Monate nach der Hamburger Uraufführung.

Der Verzicht auf die szenische Aufführung schadete nicht ernstlich, weil das Werk mit seiner Mysterienhaftigkeit ohnehin musikalisch viel stärker wirkt als szenisch. Ursprünglich im Theater Lübeck vorgesehen verlegte man die Aufführungen man  in die Musik und Kongresshalle Lübeck (MUK). Damit tat man sich und dem Publikum keinen Gefallen. Die Gesangssolisten waren auf einem Podium hinter dem Orchester platziert. Dies schmälerte ihre Hörbarkeit beträchtlich und verschob das Werk einseitig zu Gunsten des Orchesters. Warum man sie nicht vor dem Orchester platzierte und nicht einige Monitore im Saal für ihre Einsätze zur Verfügung stellte bzw. aus welchem Grund man statt des akustisch wesentlich besser geeigneten Theaters auf die Musik und Kongresshalle auswich blieb ein Rätsel.

Der Dirigent des Abends Andreas Wolf legte seinen Schwerpunkt auf den bombastischen und wuchtigen Korngold. Eine fesselnde Farbpalette, schwelgerische Zartheiten, das an sich auch vorhandene im Werk durchsichtige Orchesterbild einschließlich der Hörbarkeit aller Instrumente und ein ineinander übergehendes spätromantisches Klangbild wurden diesem Konzept geopfert. Dadurch rückte die Oper nahezu völlig in die Nähe der dramatischen Ausbrüche von Puccini und Wagner.

Die Choralszenen und ihre oratorienhafte Prägung des Werkes verloren damit stark an Wirkung, weil der Chor – auf der Empore stehend – oft orchestral zugedeckt wurde.

Was die Aufführung auszeichnete, waren die Solisten, die stimmlich Grandioses vollbrachten und nach dieser Aufführung alle in die erste Korngold Liga gehören. Hätte man sie vor dem Orchester platziert, wäre die Wirkung des ganzen Werkes wesentlich stärker gewesen.

Bei der Wahl der Sängerinnen und Sänger hat sich das Theater Lübeck allerdings selbst übertroffen und eine hohe Kennerschaft für Stimmen bewiesen. Ein so exquisiter Geschmack ist in Opernhäusern rar gesät.  Cornelia Ptasseks Stimme ist für die Heliane wie geschaffen. Mit weitem Atem und jugendlich dramatischem Timbre kam die Stimme mühelos über das Orchester und behielt ihre blühende Klangschönheit in jeder Phrase. Ihr silbriger, lyrisch dramatischer Sopran verfügt über immense Durchschlagskraft und über eine leuchtende blühende, metallische Höhe. Von der leidenden Gattin bis zur feurigen Geliebten stellte sie alle Facetten der Rolle mit ihrer reichen stimmlichen Farbpalette seelenvoll und ausdrucksstark dar. Wie sie die Stimme an entscheidenden Stellen vom Piano zum Forte flutete, zeugte von phänomenaler Gesangstechnik und Stimmbeherrschung. Raumgreifend, klangschön und ergreifend faszinierte sie als Heliane uneingeschränkt und vokal souverän.

Zurab Zurabishvili als Fremder ging in der Rolle völlig auf. Mit südlich betörenden Timbre und einer glänzend sicheren Höhe durchschritt er die Partie belcantesk, furchtlos feurig und mit beglückender Gestaltung. Sein berückender Stimmklang klang in allen Registern voll und saftig. Seine ausgezeichnete Textverständlichkeit bei diesem schweren Debut war beeindruckend. In den nicht wenigen lauten Passagen blieb er stets hörbar ohne die Stimme zu forcieren. Innere Anteilnahme und Calaf Töne ergaben ein exzellentes Portrait mit eigner Note und hohem stimmlichen Wiedererkennungswert. Seine sängerische Intelligenz paarte sich mit immenser Musikalität. Er ist wirklich ein Glücksfall für diese sonst oft nicht einmal adäquat zu besetzende Rolle. Hoffentlich ist er in dieser Partie bald wieder zu hören und erschließt sich neben Erik und Parsifal weitere deutsche Partien.

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Aris Argiris als Herrscher belegt durch die mit ihm erschienen Aufnahme, dass er heute der ideale Rollenvertreter für den Herrscher ist. Mit seiner warmen, volltönenden, dramatischen, mehrere Oktaven umfassenden Heldenbaritonstimme ist er eine der herausragenden Sängerpersönlichkeiten unserer Tage. Sein Atemstrom scheint unermüdlich. Die hohen Töne kommen völlig organisch, natürlich und balsamisch strömend. Als gefeierter Rigoletto, Amonasro und Wotan verbindet er Belcanto und dramatisches deutsches Heldenfach. Hohe Rollenidentifikation, dramatisches Feuer und seine stupende Gesangstechnik lassen ihn in seine Rollen eintauchen und sie selbst konzertante Aufführungen zu glutvollem Leben erwecken. Nicht nur sein „Weh mir, weh euch..“ sondern auch die Qual des Ungeliebten und das ganze Portrait waren von packender bewegender Wucht. Darstellerisch noch reifer und berührender als in seiner vorherigen Serie in Freiburg hat er hier seinem Repertoire eine neue Glanzpartie hinzugefügt. Selbst bei der ungünstigen Positionierung war die Stimme mühelos hörbar, was aufgrund der tiefen Stimmlage für einen Bariton an sich schon eine staunenswerte Leistung ist.

Katerina Hebelková war eine Botin mit wuchtiger Attacke und klangschönem Timbre. Taras Konoshchenkos Pförtner strömte bassselige Klänge in den Saal. Hojong Song war ein potenter Schwertrichter mit glühendem Tenor.

Es ist dem Theater Lübeck hoch anzurechnen, dass man Korngolds Heliane im Norden aufgeführt und ins Gespräch gebracht hat. Mehr Rücksicht auf Sängerinnen und Sänger bei der nächsten Produktion, bei Beibehaltung der hohen Qualität der Stimmen würden diesen Verdiensten eine noch strahlendere Krone aufsetzen.

—| IOCO Kritik Musik und Kongresshalle Lübeck |—

CD-Rezension, Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Rezension, 10.03.2019

März 11, 2019 by  
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Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold © NAXOS Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold © NAXOS Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH

NAXOS – CD : Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold 

Expressionistisches Drama mit packender Wucht wiederentdeckt.

 von Michael Stange

Erich Wolfgang Korngold zählte zu den besten und bekanntesten Filmkomponisten des 20 Jahrhunderts. Seine Filmmusiken für die Errol Flynn-Filme Captain Blood, Robin Hood und Essex haben in den Kinos und im Fernsehen Millionen von Hörern erreicht. Oscar prämiiert lag ihm in den dreißiger Jahren Hollywood zu Füßen.

Der Weg dorthin war ihm als Sohn des Wiener Musikkritikers Julius Korngold nicht vorgezeichnet. Geboren 1897 entpuppte er sich aber früh als eines der größten kompositorischen Talente seiner Zeit. Mit dem Ballett Der Schneemann startete er 11-jährig seine Karriere. Die vom Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky orchestrierte Pantomime wurde am 4.Oktober 1910 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Bei der Uraufführung seiner Oper Die tote Stadt Korngold er erst 23 Jahre alt.

Diese Begabung war aber zugleich auch sein großes Handicap. Von Jugend an Erfolg und Anerkennung gewöhnt, komponierte er nicht gern für die Schublade. Der einflussreiche Musikkritiker und Vater Julius Korngold öffnete ihm die Türen der Musikwelt. Er war gewöhnt, dass seine Werke sofort aufgeführt wurden. Das Wunder der Heliane vollendete er Ende der zwanziger Jahre nach einer längeren Schaffenspause in der er Operetten bearbeitete und dirigierte.

Theater Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Applausfoto- vl Aris Argiris, Cornelia Ptassek, Zurab Zurabishvili, Katerina Hebelková © Patrik Klein

Theater Freiburg / Das Wunder der Heliane – hier : Applausfoto – vl Aris Argiris, Katerina Hebelkovà, Ian Storey, Annemarie Kremer © Patrik Klein

Als Das Wunder der Heliane 1929 uraufgeführt wurde, wehte aber musikalisch schon ein anderer Wind. Zur schärfsten musikalischen Konkurrenz des Werkes gehörten die von der Handlung wesentlich handfesteren Opern Cardillac von Hindemith, Wozzeck von Berg oder Johnny spielt auf  von Krenek.

Korngold war auch ein Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahnes. In Österreich wurde nach 1933 die Heliane überhaupt nicht, die Tote Stadt nur wenige Male aufgeführt.

Gleichwohl belegen achtzig Aufführungen des Wunders der Heliane bis zum Jahr 1931, dass das Werk früh seinen Weg auf die Bühne gefunden hatte. Anders als sein Lehrer Alexander von Zemlinsky, dessen Opern bis 1980 überhaupt nicht aufgeführt wurden, war Korngold aber nie – auch infolge seiner Filmmusiken – vergessen. Er kehrte oft nach Europa zurück, konnte sich dort aber nicht wieder als „ernsthafter“ Komponist etablieren. Man respektierte ihn zwar als noch als Mitglied der Musikszene, aber ihm haftete zugleich der Makel eines musikalisch unzeitgemäßen tonalen Fossils an.

Gleichwohl wurde seine Tote Stadt vom Bayrischen Rundfunk in einer heute noch hörenswerten Aufnahme mit Maud Cunitz und dem häufig unterschätzten Karl Friedrich unter Fritz Lehmann 1952 aufgenommen und die Oper 1955 mehrfach sehr erfolgreich im Münchner Prinzregententheater aufgeführt.

Anders als die Tote Stadt hat sich die Heliane nach dem Zweiten Weltkrieg – wie Die Ägyptische Helena von Richard Strauss – infolge des kulturpolitischen Gegenwindes der Avantgarde und der interpretatorischen Herausforderungen schwer behaupten können.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Das Wunder der Heliane in London 1959 und 1968 aufgeführt. Das Jahr 1970 brachte eine szenische Produktion in Ghent und eine weitere 1988 in Bielefeld. Edo de Waart nahm sich des Werkes 1995 in Amsterdam an. Vladimir Jurowski präsentierte es mit dem London Philharmonic Orchestra 2008 in Abu Dhabi, Taipei, Hong Kong, Sejong, Wien und London. Spätestens danach war der Bann gebrochen und es begann eine Welle der Wiederentdeckungen.

Hinderungsgrund für Aufführungen sind zudem die schwer zu besetzenden Hauptpartien. Richard Wagners Äußerung bei den ersten Bayreuther Festspiele 1875 gegenüber dem Gesangspädagogen Julius Hey: „Was hilft es mir, wenn ich noch so schöne Noten schreibe und keinen Sänger finde, der sie zu singen versteht?“ gilt auch für Korngolds Heliane. Die Hauptpartien verlangen Stimmen, die nahezu unmögliches leisten müssen. Weiteres Handicap für die Oper sind Handlung und Libretto. Sie gehören zum Absurdesten, was die Opernbühne zu bieten hat.

Korngolds Mysterienspiel fußt auf der Grundlage des früh verstorbenen österreichischen Dichters Hans Kaltneker. Die Handlung spielt im Reich eines grausamen Herrschers, der seinen Untertanen Freude und Lust verbietet. Hintergründe sind seine innere Einsamkeit, seine Lieblosigkeit und dass sich ihm seine Gattin, die Königin Heliane verweigert. Ein Fremder, der im Reich Freude predigen wollte, wird dafür zum Tode verurteilt und eingesperrt. Die Königin besucht ihn und ist von ihm fasziniert. Nach seinem Ausruf: „O gebt mir Euren Leib! Gebt mir das Wunder…“, lässt sie ihr Gewand fallen und zeigt sich ihm fast unverhüllt. Es erscheint der Herrscher, der den Fremden unter der Voraussetzung begnadigen will, dass er ihn lehre, wie er die die Liebe Helianes gewinnen könne.

Theater Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Applausfoto vl Aris Argiris, Cornelia Ptassek © Patrik Klein

Theater Freiburg / Das Wunder der Heliane – hier  vl Nutthaporn Thammathi, Frank van Hove, Aris Argiris, Katerina Hebelkovà, Ian Storey, Annemarie Kremer  © Patrik Klein

Als er die leicht bekleidete Königin bemerkt, gerät er außer sich und vermutet Ehebruch. Bevor es auch zu einer Verhandlung gegen Heliane kommt, begeht der Fremde Selbstmord, um nicht gegen sie aussagen zu müssen. Die Königin wird, um selbst der Todesstrafe zu entgehen, aufgefordert, den Toten durch Gottesurteil wieder auferstehen zu lassen. Sie willigt zunächst ein.  Als aber zum Gottessurteil kommt verweigert sie die Anrufung Gottes mit den Worten: „Ja! Ja! Ich hab‘ ihn geliebt! An seinem Mund hab‘ ich Süße getrunken! Begnadet und schuldig sind wir zusammen gesunken.“ Unbeschadet dessen, wird der Fremde wieder zum Leben erweckt.

Darauf tötet der Herrscher Heliane und flieht, anschließend. Eng umschlungen, gehen Heliane und der Fremde in den Himmel. Die Welt verwandelt sich und der Vorhang schließt sich über Licht und Schönheit.

Trotz der vordergründig verworrenen und sperrigen Handlung bietet das Libretto, wenn man sich näher damit beschäftigt, tiefgründige psychologische Studien der Charaktere. Daneben prunkt die Oper mit immensem musikalischem Reichtum. Korngold befand es später für seine größte Komposition. Die Klangfülle des Orchesters, die Klangfarben und die musikalischen Einfälle vereinen packende Dramatik und inwendige lyrische Melodien. Korngold zeigte hier, über welchen Reichtum orchestraler Ausdrucksmöglichkeiten und Einfälle er verfügte.


Wer sich mit dem Libretto auf die Reise zu Erich Wolfgang Korngolds Heliane macht wird eine bedeutende Neu- oder Wiederentdeckung machen. Tablet- oder PC-Nutzern sei dazu folgender externe Link empfohlen:
[ es gilt die DSGVO der Zielseite : http://operagazet.be/ ]

http://operagazet.be/wp-content/uploads/2017/10/libretto_das_wunder_der_heliane.pdf


Die Firma Naxos hat einen wichtigen Dienst zur Verbreitung des Werks gemacht. Die zweite Veröffentlichung auf CD bietet ein lyrisch entschlacktes Korngold Bild. Die Aufnahme ist dramatisch wuchtig, packend und durchleuchtet den sinnlichen Melodienfluss mit feurigem Klang. Fabrice Bollon gelingen fließende meditativen Momente und auflodernde dramatische Szenen. Dadurch erhält die Oper ein eigenständiges Klangbild und scheint nicht als Plagiat von Strauss oder Puccini. Bollon baut immense Spannungen auf und kostet die Oper sinnlich aus.

Korngolds polytonale Klangsprache vereint Lyrik und dramatische Wucht und lässt Manches der späteren Filmmusiken vorausahnen. Aris Argris als Herrscher ist ein weiterer wesentlicher Pluspunkt dieser Aufnahme. Er verfügt über einen wuchtig dramatisch ausladenden schwarzen Heldenbariton mit einem enormen Stimmumfang. Auch die höchsten Lagen erreicht er mühelos. Gestalterisch gelingen ihm die Momente des sich nach Liebe sehnenden und vor Rache brennenden Herrschers mit glühender Leidenschaft und packend bösartiger Kraft. Er ist eine Idealbesetzung für diese Partie, da er heldenbaritonales Gewicht mit Belcanto-Gesang verbindet.

Annemarie Kremer ist eine glänzende Heliane. Mit lyrischem, farbenreichem Timbre und dramatischer Attacke gestaltet sie die Titelrolle. Sie überbewältigt in den dramatischen Szenen mit Feuer und Intensität. Die Arie „Ich ging zu ihm..“ klingt berührendem inwendig. Ian Storey als Fremder bietet in großen Teilen ein überzeugendes Rollenportrait, hat aber im Finale hörbare Mühe. Katerina Hebelkovà als Botin singt die Partie mit leuchtendem Mezzosopran. Frank van Hove ist ein stimmstarker Pförtner mit lyrischem Bass. Nutthaporn Thammathi ist ein gewichtiger und imposanter Schwertrichter.

Die Tonqualität der Aufnahme ist überragend. Orchesterklang und die Balance zwischen Orchester und Stimmen sind hervorragend. Die CDs lassen Orchester, Chor und Ensemble glänzend zur Geltung kommen und bieten endlich die Gelegenheit, das in einer hervorragenden Aufnahme kennen zu lernen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, André Chénier – Umberto Giordano, 18.01.2019

Januar 8, 2019 by  
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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

  André Chénier – Umberto Giordano

„Vive la révolution! Vive l’amour!“

Premiere – 18. Januar 2019, 19.30 Uhr

Die Oper André Chénier von Umberto Giordano ist ein packendes musikalisches Drama. Sie versetzt das Publikum mitten in die Wirren der Französischen Revolution und erzählt dabei mit berauschenden Arien die anrührende Dreiecksgeschichte zwischen dem Schriftsteller Chénier, der jungen Aristokratin Maddalena und dem zwielichtigen Revolutionär Gérard – eine der leidenschaftlichsten Liebesgeschichten der italienischen Opernbühne.

Die 1896 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper André Chénier wurde von Umberto Giordano komponiert, der neben Puccini als wichtigster Komponist des „Verismo“ gilt.

Der vielfach ausgezeichnete Opernregisseur Roman Hovenbitzer wird das Opernjuwel als großes historisches Tableau spektakulär in Szene setzen. In der Titelrolle wird der Tenor Zurab Zurabishvili, der bereits bei den Schlossfestspielen 2018 auf dem Alten Garten das Publikum als Mario Cavaradossi verzauberte, zu erleben sein.

Die Premiere: 18. Januar 2019 um 19.30 Uhr

André Chénier
Oper in vier Akten von Umberto Giordano, Libretto von Luigi Illica
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Michael Ellis Ingram, Inszenierung Roman Hovenbitzer, Bühnenbild Hermann Feuchter, Kostüme Roy Spahn, Choreinstudierung Joseph Feigl / Friedemann Braun, Dramaturgie Peter Larsen

Mit:    Andrea Chénier Zurab Zurabishvili, Carlo Gérard Yoontaek Rhim, Maddalena di Coigny Karen Leiber, La Mulatta Bersi Hanna Larissa Naujoks, La Contessa di Coigny Itziar Lesaka / Jasmin Etezadzadeh, Madelon Itziar Lesaka / Jasmin Etezadzadeh, Roucher Sebastian Kroggel, Il Romanziero Pietro Fléville, vom König pensioniert Cornelius Lewenberg, Fouqier Tinville, öffentlicher Ankläger Bruno Vargas, Il Sansculotto Mathieu, genannt „Populus“ Cornelius Lewenberg, Un „Incredibile“ Paul Kroeger, L´Abate, Dichter Paul Kroeger, Schmidt, Schließer des Gefängnisses von S. Lazzaro Bruno Vargas, Il Maestro di Casa Bruno Vargas, Dumas, Präsident des Tribunals Paul Kroeger
Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, Opernchor des Mecklenburgischen Staatstheaters zusammen mit dem Extra-Chor, Statisterie des Mecklenburgischen Staatstheaters

—| Pressemeldung Mecklenburgisches Staatstheater |—