Wuppertal, Oper Wuppertal, Die tote Stadt – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Kritik, 26.06.2019

Juni 27, 2019 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

  Die tote Stadt  –  Erich Wolfgang Korngold

Die „tote Stadt“ steht für Brügge, einst blühende Hafenstadt, welche versandete  ….

von Ingo Hamacher

Stimmstark und mit großer Präsenz tritt Chefdramaturg David Greiner im Rahmen der Einführung von Die tote Stadt vor das Publikum. Das defekte Mikrofon braucht er nicht; mit kräftiger Stütze in der Stimme dringt er auch so schon sonor in jeden Teil des Foyers. Wenn die Anderen nachher so singen, wie dieser Mann spricht, wird der Abend großartig. Für alle, die sich amüsieren wollten, empfehle er den Besuch einer Aufführung von Die Hochzeit des Figaro, die ebenfalls in diesen letzten Tagen der Spielzeit noch aufgeführt würde. Heute sei das nicht zu erwarten; es würde eher „interessant“.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Immo Karaman (*1972 in Gelsenkirchen als Sohn deutsch-türkischer Eltern, auch Verantwortlich für die Bühne) habe sich für einen Regieansatz unter dem Aspekt von Entstehungsort und -zeit des Stückes entschieden: Wien in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts; Freud und die Psychoanalyse hätten das geistige Leben bestimmt. Die Geschichte von Paul, der sich durch ein Wahngebäude aus Vergangenheitserinnerungen vor der schmerzlichen Konfrontation mit der Realität und der Einsamkeit schützen wolle, sei von ihnen tiefenpsychologisch ausgedeutet worden.

Paul nimmt nur noch war, was ihn auf seiner Flucht vor der Wahrheit bestätige. Die Begegnung mit der Tänzerin Marietta, die seiner verstorbenen Marie verblüffend ähnelt, lösten verwirrende Prozesse in ihm aus, durch die er am Ende wieder ins Leben zurück fände.

Dabei sei es ihnen gelungen, noch viel näher an den Kern des Stückes heran zu kommen, als es Korngold selbst gelungen sei; als Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957) es selbst gewagt hätte! Starke Worte. Unter Mangel an Selbstbewusstsein scheint die Produktion nicht zu leiden.   Dann wollen wir mal sehen…

Der Vorhang öffnet sich zur Ouvertüre und dem ersten Bild. Wir sehen: Wenig.Wände aus großen Granitplatten. Keine Türen. Keine Fenster. In der Rückwand die Verschlussklappe einer Kühleinheit: Die Kirche des Gewesenen der Verabschiedungsraum einer Leichenhalle. Steingraue Vorhänge heben und senken sich; schieben sich wie zufällig über die Bühne. Personen treten weder auf noch ab: durch die wandernden Vorhänge sind sie plötzlich wie hingezaubert da, bzw. verschwinden ins Nichts.

Zu den Klängen der Ouvertüre sehen wir Paul, einen gebrochenen Mann im grauen Anzug, wie er sich von seiner verstorbenen, auf einer Schiebebahre halb im Kühlfach liegenden Frau Marie verabschiedet. Mit einer Schere schneidet er eine lange Strähne ihrer Haare als letzte Erinnerung ab, an die er sich verzweifelt klammert. Plötzlich steht eine schwarzgewandete Trauergemeinde auf der Bühne. In regennasser Herbststimmung erleben wir Maries Beerdigung. Auch Brigitta, die Haushälterin und Pauls Freund Frank sind anwesend. Im Anschluss hält Frank, gross gewachsen und schlank mit langem schwarzen Mantel, Hut und weiß geschminktem Gesicht, wie Gevatter Tod persönlich wirkend, Paul etwas Geschriebenes zur Unterschrift vor: Soll er ihm den Scheck für die Beerdigungskosten unter-, oder ihm seine Seele verschreiben?

Wenn Frank seinen Hut und Mantel ablegt, wirkt und gebärdet er sich wie ein spinnenbeiniger Mephistopheles. Keine Frage: Der Bariton Simon Stricker, der sowohl die Partie des Paul, als auch später den Pierrot Fritz als faustisch-diabolische Gestalt darstellt, steht für THANATOS, den Todestrieb.

Es ist überhaupt niemand einfach nur der, der er ist, sondern es fließen in dieser Inszenierung immer wieder Personen ineinander oder vertauschen die vom Libretto vorgesehenen Partien. Die Persönlichkeit erwächst weniger aus dem „Sein“, sondern eher aus dem „Gesehen werden als…“. Der von Freud postulierte Liebestrieb EROS wird sowohl von der blond gelockten Marietta, als auch von der glatthaarigen Marie vertreten.

Mit dem Erscheinen von Marietta, der Tournee-Tänzerin mit der verblüffenden Ähnlichkeit mit der verstorbenen Marie, durch deren Begegnung Paul eine völlige Wesensänderung erfahren hat, kommt Farbe auf die Bühne. Das bisherige Einheitsgrau/-schwarz verschwindet. Durch ihr Lebensfreude und ihre rosa/lila Kleidung verwandeln sich sogar die schwarzen Trauerrosen in einen rosig-duftenden Blumenstrauß.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Simon Stricker, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Simon Stricker, Jason Wickson © Wil van Iersel

Und wenn Paul ihr einen alten Schal und eine Ukulele reicht, um die Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Marie noch zu verstärken, steht plötzlich nicht mehr Marietta, sondern Marie auf der Bühne. Durch die Vorhangtricks und eine raffinierte Beleuchtung taucht eine Jazzband auf und ein 20 Jahre jüngerer zweiter Paul. In einer Disco-beleuchteten Rückblende erleben wir eine Marie, wie sie damals das Paul so vertraute Lied singt: „Glück, das mir verblieb…“.

Marietta / Marie weist Pauls Versuch, sie in die Arme zu schließen, energisch zurück, nachdem sie erkannt hat, dass es ihm gar nicht um das Hier und Jetzt geht, sondern um ein Klammern an Erinnerungen. Sie verlässt ihn mit dem Hinweis auf eine mögliche Begegnung im Theater.

Zum zweiten Bild ist plötzlich der Bühnenhintergrund verschwunden; wir erleben eine verstörende Szene. Ein verunfalltes, auf dem Dach liegendes brennendes Auto. Offensichtlich hat sich der Kleinwagen mit dem italienischen Nummernschild mehrfach überschlagen. Um das Autowrack herum liegen mindestens 5 Tote oder Verletzte, darunter auch der junge Paul und Marie, haufenweise aufgesprungene Koffer und anderes Gepäck. Dieser Wagen war gefährlich überladen.

War es ein Unglück? Wer war der Fahrer? Hat Paul, möglicherweise sogar angetrunken, aufgrund eigenen Fehlverhaltens den Tod Maries und der Anderen verschuldet? Ist es überhaupt Trauer, die Paul in seinem Verhalten treibt, oder nutzt er seine Opferhaltung als trauernder Witwe im Grunde nur, um die Konfrontation mit seinem Täteranteilen, seiner Schuld als Verantwortlicher einer fahrlässigen Tötung zu vermeiden? War es ein Ausflug nach Venedig – der Name wird erwähnt -, der zweiten Toten Stadt  Europas neben dem belgischen Brügge, wo die Handlung des Stückes verortet ist?

Paul begegnet seiner ehemaligen Haushälterin Brigitta, die ihn wegen seiner treulosen Leidenschaft zu Marietta verlassen hat und in ein Kloster eingetreten ist, dann Frank, der ebenfalls in Marietta verliebt ist und einen Schlüssel zu ihrer Wohnung besitzt.

Paul kämpft mit ihm um diesen Schlüssel und entwendet ihn. Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Ordensschwester, erkennbar an ihrer Kopftracht, tritt auf und beobachtet die Szene. Bruchstückhafte Bilder, Erinnerungen, Träume. Platz für Assoziationen. Marietta / Marie und ihre Freunde erheben sich aus ihrer Position des Unfallgeschehens und bilden eine Theatertruppe, die ein improvisiertes Spiel beginnt, wobei sie von Paul beobachtet werden. Sie spielen die „Auferstehung der Helene“ aus Meyerbeers Oper ROBERT DER TEUFEL, wobei Marietta Marie darstellt, die von den Toten aufersteht. Paul klagt Marietta / Marie der Blasphemie heiliger Gefühle an, worauf diese erneut ihre ganze Verführungskunst aufbietet und Paul erneut in ihren Bann zieht.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

„Mein Sehnen, mein Wähnen“, großartig gesungen!

In seinem Haus will sie (Wer? Marietta – Marie?) ihm angehören; sie nimmt den Kampf mit der toten Rivalin auf. Oder kämpft sie nur um ein Leben in der Gegenwart, in dem die Vergangenheit in den Hintergrund rückt? Die zahlreichen Personen auf der Bühne sind kaum noch eindeutig zuzuordnen. Haarsträhnen werden abgeschnitten, von Hand zu Hand gereicht. Teils gekost oder als Geißel verwendet. Die Handlung verwirrt. Die Intensität des Duettes zwischen Paul und Marietta/Marie steht einer wagnerschen Tristan-Aufführung in nichts nach. Es ist nichts mehr klar, aber alles hochemotional.

Im dritten Bild sehen wir erneut die vorbekannte leere Leichenhalle. Die Kühlfachklappe ist geöffnet, wie ein Fenster zu einer anderen Welt. Musik und Gesang der Heiligblutprozession, von der das Libretto zwar berichtet, die diese Aufführung jedoch nicht zeigt, erscheinen daher fremd, unerklärt und jenseitig. Wie ein Orpheus scheint Paul seine Eurydike aus dem Totenreich singen zu wollen. Pauls Wunsch, Marietta solle sich nicht am Fenster zeigen, wirkt wie der Versuch, Marie an der Rückkehr ins Jenseits zu hindern. Eine kurz erscheinende Orgie/Vergewaltigung-Szene im Hintergrund sorgt für weitere Verstörung.

Marietta / Marie schneidet sich selbst eine Strähne aus dem Haar und verhöhnt Paul damit; raubt ihm alle Besinnung. Der Bühnenhintergrund verschwindet erneut: wir sehen den kleinen fahrbereiten Kleinwagen mit italienischem Kennzeichen. Marie steigt ein und fährt davon. In einer Videoprojektion sehen wir ihre Fahrt mit überhöhter Geschwindigkeit durch einen Tunnel. Ein Unfall. Sie war alleine im Auto. Paul trifft keine Schuld.

Die Traumbilder sind verschwunden, die Realität ist wiederhergestellt. Wir sehen keinen Verabschiedungsraum einer Leichenhalle, sondern das Leichenlager einer Prosektur. Türen führen hinein und hinaus. Kein zauberhaftes Verschwinden mehr. Personen treten auf und ab. Eine Stimme meldet die Rückkehr einer fremden Dame, die einen Rosenstrauß vergessen habe. Paul ist nun Pfleger der Pathologie. „Ein Traum hat meinen Traum zerstört“, beschreibt Paul im Schlussakt den Prozess seiner Heilung. Er wird die Tote Stadt verlassen. Nach dem er abgegangen ist, öffnet er die Türe ein letztes mal und singt durch den Spalt sein abschließendes: „Glück, das mir verblieb…“.

GIGANTISCH!  Das Haus tobt  zur der zweiten Vorstellung der Inszenierung! Ovationen und nicht enden wollender Applaus, zahlreiche Vorhänge. Chapeau!  Regisseur David Greiner hatte wahrlich nicht zu viel versprochen.


Die tote Stadt  –  Oper von Erich Wolfgang Korngold, Libretto: Paul Schott, Uraufführung: 4. Dezember 1920

Die tote Stadt, op. 12, ist eine durchkomponierte Oper in drei Bildern mit einer Musik von Ericht Wolfgang Korngold und Texten von Paul Schott, einem Pseudonym, unter dem Julius Korngold, Erich Wolfgang Korngolds Vater, und der Komponist selbst zusammenarbeiteten. Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte, 1892; deutsche Übersetzung: 1903) von Georges Rodenbach (1855–1898).
Erich Wolfgang Korngold, er galt als „Wunderkind“, war  zur Uraufführung von Die tote Stadt  erst 23 Jahre alt.
Die „tote Stadt“ steht für Brügge, einst Hafenstadt, jetzt aber versandet, dadurch von der Welt abgeschnitten und mit der mühsamen Verarbeitung ihrer Vergangenheit beschäftigt. Man darf annehmen, dass Vater Korngold als Ort der Handlung zwar vordergründig Brügge übernommen, aber Wien gemeint hat. Ist doch die Habsburger Monarchie soeben untergegangen. Und gerade in Wien herrscht nach dem Ende des traumatisierenden ersten Weltkrieges eine „fin-de-siècle“-Stimmung.
Erich Wolfgang Korngold, Sohn des jüdischen als Nachfolger von Eduard Hanslick in Wien tätigen Kritikers Julius Korngold gewann nach Kompositionsstudien u.a. – auf Anraten von Gustav Mahler – bei Alexander von Zemlinsky schnell eine ungewöhnliche handwerkliche Sicherheit. Schon als Neunjähriger überraschte er mit einer Kantate, seine 1910 unter Mithilfe Zemlinskys in der Wiener Hofoper uraufgeführte Pantomime DER SCHNEEWIND brachte ihm den von Mahler ausgesprochenen, von Strauss und Puccini bestätigten Ruf eines „Wunderkindes“ ein.
Korngold, dessen Hauptwerke wie in einer Beschwörung des Nicht-vergessen-Werdens um das Thema der Auferstehung kreisen, gehörte wie Zemlinsky, Schreker und andere zu jenen Komponisten, denen zweimal im Leben das Lebensrecht bestritten wurde: durch die faschistische Verfemung 1933 als „entartete Kunst“ und durch das deutsch-österreichische Musikleben nach 1945 mit seinem rigiden Avantgarde-Denken. Die nationalsozialistische Machtergreifung, die 1938 mit dem Anschluss auch Österreich heimsuchte, bedingte, dass Korngold in die USA ging. In Hollywood avancierte er zum gefeierten Filmmusikkomponisten, der zwei Oscars gewann. Der Versuch, nach dem Krieg in der Heimat wieder Fuß zu fassen, scheiterte. Korngold ging in die USA zurück und starb dort 1957.
Im Gegensatz zur Wiener Schule rund um Schönberg, Berg und Webern, die Atonalität und später die Zwölftontechnik propagierten, zeigt der Komponist in dieser Oper einen spätromantischen Stil, geprägt durch seinen Lehrer Alexander von Zemlinsky, Richard Wagners Chromatik Leitmotiv-Technik, sowie die Orchestrierungstechnik von Richard Strauss.
Korngolds Partitur zeigt aber auch Einflüsse des Verismo Puccinis. Als berühmteste Nummern der Oper gelten das Duett zwischen Paul und Marietta „Glück, das mir verblieb“ (Mariettas Lied) und die schwärmerisch-melancholische Bariton-Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“. Es ist eine sinnliche, ja manchmal übersinnliche Musik, die uns wollüstige Emotionen erfahren lässt, aber melodisch auch menschliche Abgründe darstellen kann. Korngold hat für die musikalische Umsetzung dieses Seelendramas nicht zufällig ein opulent besetztes Orchester gewählt, wie man es sonst nur von Mahler kennt.
Der dramatische Tenor Jason Wickson, USA, konzentriert sich in der Partie als Paul vor allem auf den lyrischen Gesang und gestaltet die schlicht eingängigen Melodien Korngolds mit enormer Kraft und zauberhafter Schönheit. Zu Beginn des zweiten Teils zeigt er in den Piano-Teilen leichte Ermüdungserscheinungen, jedoch findet er kurze Zeit später zur vorherigen Kraft zurück.
Die Besetzung  –  Die tote Stadt
Die deutsch-ungarische Sopranistin Susann Serfing, seit 2014 freischaffend, analysierte das Kapriziöse der Partie der Marietta / Marie mit Esprit und Herzlichkeit.
Das Ensemble der Oper Wuppertal:  Iris Marie Sojer: Lucienne, Sangmin Jeon: Victorin / Gaston (Sänger), Simon Stricker: Frank / Fritz, Mark Bowman-Hester: Graf Albert
Ariana Lucas: Brigitta, Anne Martha Schuitemaker: Juliette
Am Pult der Wuppertaler Oper begleitete Johannes Pell (*1982 in Linz) das Sängerensemble und ließ die Klangfarben der Korngold-Partitur in einem Rausch der Melodik erstrahlen. Seit der Saison 2016/17 ist Johannes Pell 1. Kapellmeister an den Wuppertaler Bühnen.
Die Kostüme und Choreografie stammen von Fabian Posca, den eine langjährige Zusammenarbeit mit Immo Karaman verbindet.
Die Leitung des Chores lang in den Händen von Markus Baisch, der seit der Spielzeit 2016/17 als Chordirektor mit Dirigierverpflichtung an der Oper Wuppertal engagiert ist.

Die tote Stadt an der Oper Wuppertal; die weiteren Termine 30.6.; 12.7.2019

—| IOCO Kritik Wuppertaler Bühnen |—

CD-Rezension, Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Rezension, 10.03.2019

März 11, 2019 by  
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Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold © NAXOS Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold © NAXOS Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH

NAXOS – CD : Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold 

Expressionistisches Drama mit packender Wucht wiederentdeckt.

 von Michael Stange

Erich Wolfgang Korngold zählte zu den besten und bekanntesten Filmkomponisten des 20 Jahrhunderts. Seine Filmmusiken für die Errol Flynn-Filme Captain Blood, Robin Hood und Essex haben in den Kinos und im Fernsehen Millionen von Hörern erreicht. Oscar prämiiert lag ihm in den dreißiger Jahren Hollywood zu Füßen.

Der Weg dorthin war ihm als Sohn des Wiener Musikkritikers Julius Korngold nicht vorgezeichnet. Geboren 1897 entpuppte er sich aber früh als eines der größten kompositorischen Talente seiner Zeit. Mit dem Ballett Der Schneemann startete er 11-jährig seine Karriere. Die vom Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky orchestrierte Pantomime wurde am 4.Oktober 1910 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Bei der Uraufführung seiner Oper Die tote Stadt Korngold er erst 23 Jahre alt.

Diese Begabung war aber zugleich auch sein großes Handicap. Von Jugend an Erfolg und Anerkennung gewöhnt, komponierte er nicht gern für die Schublade. Der einflussreiche Musikkritiker und Vater Julius Korngold öffnete ihm die Türen der Musikwelt. Er war gewöhnt, dass seine Werke sofort aufgeführt wurden. Das Wunder der Heliane vollendete er Ende der zwanziger Jahre nach einer längeren Schaffenspause in der er Operetten bearbeitete und dirigierte.

Theater Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Applausfoto- vl Aris Argiris, Cornelia Ptassek, Zurab Zurabishvili, Katerina Hebelková © Patrik Klein

Theater Freiburg / Das Wunder der Heliane – hier : Applausfoto – vl Aris Argiris, Katerina Hebelkovà, Ian Storey, Annemarie Kremer © Patrik Klein

Als Das Wunder der Heliane 1929 uraufgeführt wurde, wehte aber musikalisch schon ein anderer Wind. Zur schärfsten musikalischen Konkurrenz des Werkes gehörten die von der Handlung wesentlich handfesteren Opern Cardillac von Hindemith, Wozzeck von Berg oder Johnny spielt auf  von Krenek.

Korngold war auch ein Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahnes. In Österreich wurde nach 1933 die Heliane überhaupt nicht, die Tote Stadt nur wenige Male aufgeführt.

Gleichwohl belegen achtzig Aufführungen des Wunders der Heliane bis zum Jahr 1931, dass das Werk früh seinen Weg auf die Bühne gefunden hatte. Anders als sein Lehrer Alexander von Zemlinsky, dessen Opern bis 1980 überhaupt nicht aufgeführt wurden, war Korngold aber nie – auch infolge seiner Filmmusiken – vergessen. Er kehrte oft nach Europa zurück, konnte sich dort aber nicht wieder als „ernsthafter“ Komponist etablieren. Man respektierte ihn zwar als noch als Mitglied der Musikszene, aber ihm haftete zugleich der Makel eines musikalisch unzeitgemäßen tonalen Fossils an.

Gleichwohl wurde seine Tote Stadt vom Bayrischen Rundfunk in einer heute noch hörenswerten Aufnahme mit Maud Cunitz und dem häufig unterschätzten Karl Friedrich unter Fritz Lehmann 1952 aufgenommen und die Oper 1955 mehrfach sehr erfolgreich im Münchner Prinzregententheater aufgeführt.

Anders als die Tote Stadt hat sich die Heliane nach dem Zweiten Weltkrieg – wie Die Ägyptische Helena von Richard Strauss – infolge des kulturpolitischen Gegenwindes der Avantgarde und der interpretatorischen Herausforderungen schwer behaupten können.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Das Wunder der Heliane in London 1959 und 1968 aufgeführt. Das Jahr 1970 brachte eine szenische Produktion in Ghent und eine weitere 1988 in Bielefeld. Edo de Waart nahm sich des Werkes 1995 in Amsterdam an. Vladimir Jurowski präsentierte es mit dem London Philharmonic Orchestra 2008 in Abu Dhabi, Taipei, Hong Kong, Sejong, Wien und London. Spätestens danach war der Bann gebrochen und es begann eine Welle der Wiederentdeckungen.

Hinderungsgrund für Aufführungen sind zudem die schwer zu besetzenden Hauptpartien. Richard Wagners Äußerung bei den ersten Bayreuther Festspiele 1875 gegenüber dem Gesangspädagogen Julius Hey: „Was hilft es mir, wenn ich noch so schöne Noten schreibe und keinen Sänger finde, der sie zu singen versteht?“ gilt auch für Korngolds Heliane. Die Hauptpartien verlangen Stimmen, die nahezu unmögliches leisten müssen. Weiteres Handicap für die Oper sind Handlung und Libretto. Sie gehören zum Absurdesten, was die Opernbühne zu bieten hat.

Korngolds Mysterienspiel fußt auf der Grundlage des früh verstorbenen österreichischen Dichters Hans Kaltneker. Die Handlung spielt im Reich eines grausamen Herrschers, der seinen Untertanen Freude und Lust verbietet. Hintergründe sind seine innere Einsamkeit, seine Lieblosigkeit und dass sich ihm seine Gattin, die Königin Heliane verweigert. Ein Fremder, der im Reich Freude predigen wollte, wird dafür zum Tode verurteilt und eingesperrt. Die Königin besucht ihn und ist von ihm fasziniert. Nach seinem Ausruf: „O gebt mir Euren Leib! Gebt mir das Wunder…“, lässt sie ihr Gewand fallen und zeigt sich ihm fast unverhüllt. Es erscheint der Herrscher, der den Fremden unter der Voraussetzung begnadigen will, dass er ihn lehre, wie er die die Liebe Helianes gewinnen könne.

Theater Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Applausfoto vl Aris Argiris, Cornelia Ptassek © Patrik Klein

Theater Freiburg / Das Wunder der Heliane – hier  vl Nutthaporn Thammathi, Frank van Hove, Aris Argiris, Katerina Hebelkovà, Ian Storey, Annemarie Kremer  © Patrik Klein

Als er die leicht bekleidete Königin bemerkt, gerät er außer sich und vermutet Ehebruch. Bevor es auch zu einer Verhandlung gegen Heliane kommt, begeht der Fremde Selbstmord, um nicht gegen sie aussagen zu müssen. Die Königin wird, um selbst der Todesstrafe zu entgehen, aufgefordert, den Toten durch Gottesurteil wieder auferstehen zu lassen. Sie willigt zunächst ein.  Als aber zum Gottessurteil kommt verweigert sie die Anrufung Gottes mit den Worten: „Ja! Ja! Ich hab‘ ihn geliebt! An seinem Mund hab‘ ich Süße getrunken! Begnadet und schuldig sind wir zusammen gesunken.“ Unbeschadet dessen, wird der Fremde wieder zum Leben erweckt.

Darauf tötet der Herrscher Heliane und flieht, anschließend. Eng umschlungen, gehen Heliane und der Fremde in den Himmel. Die Welt verwandelt sich und der Vorhang schließt sich über Licht und Schönheit.

Trotz der vordergründig verworrenen und sperrigen Handlung bietet das Libretto, wenn man sich näher damit beschäftigt, tiefgründige psychologische Studien der Charaktere. Daneben prunkt die Oper mit immensem musikalischem Reichtum. Korngold befand es später für seine größte Komposition. Die Klangfülle des Orchesters, die Klangfarben und die musikalischen Einfälle vereinen packende Dramatik und inwendige lyrische Melodien. Korngold zeigte hier, über welchen Reichtum orchestraler Ausdrucksmöglichkeiten und Einfälle er verfügte.


Wer sich mit dem Libretto auf die Reise zu Erich Wolfgang Korngolds Heliane macht wird eine bedeutende Neu- oder Wiederentdeckung machen. Tablet- oder PC-Nutzern sei dazu folgender externe Link empfohlen:
[ es gilt die DSGVO der Zielseite : http://operagazet.be/ ]

http://operagazet.be/wp-content/uploads/2017/10/libretto_das_wunder_der_heliane.pdf


Die Firma Naxos hat einen wichtigen Dienst zur Verbreitung des Werks gemacht. Die zweite Veröffentlichung auf CD bietet ein lyrisch entschlacktes Korngold Bild. Die Aufnahme ist dramatisch wuchtig, packend und durchleuchtet den sinnlichen Melodienfluss mit feurigem Klang. Fabrice Bollon gelingen fließende meditativen Momente und auflodernde dramatische Szenen. Dadurch erhält die Oper ein eigenständiges Klangbild und scheint nicht als Plagiat von Strauss oder Puccini. Bollon baut immense Spannungen auf und kostet die Oper sinnlich aus.

Korngolds polytonale Klangsprache vereint Lyrik und dramatische Wucht und lässt Manches der späteren Filmmusiken vorausahnen. Aris Argris als Herrscher ist ein weiterer wesentlicher Pluspunkt dieser Aufnahme. Er verfügt über einen wuchtig dramatisch ausladenden schwarzen Heldenbariton mit einem enormen Stimmumfang. Auch die höchsten Lagen erreicht er mühelos. Gestalterisch gelingen ihm die Momente des sich nach Liebe sehnenden und vor Rache brennenden Herrschers mit glühender Leidenschaft und packend bösartiger Kraft. Er ist eine Idealbesetzung für diese Partie, da er heldenbaritonales Gewicht mit Belcanto-Gesang verbindet.

Annemarie Kremer ist eine glänzende Heliane. Mit lyrischem, farbenreichem Timbre und dramatischer Attacke gestaltet sie die Titelrolle. Sie überbewältigt in den dramatischen Szenen mit Feuer und Intensität. Die Arie „Ich ging zu ihm..“ klingt berührendem inwendig. Ian Storey als Fremder bietet in großen Teilen ein überzeugendes Rollenportrait, hat aber im Finale hörbare Mühe. Katerina Hebelkovà als Botin singt die Partie mit leuchtendem Mezzosopran. Frank van Hove ist ein stimmstarker Pförtner mit lyrischem Bass. Nutthaporn Thammathi ist ein gewichtiger und imposanter Schwertrichter.

Die Tonqualität der Aufnahme ist überragend. Orchesterklang und die Balance zwischen Orchester und Stimmen sind hervorragend. Die CDs lassen Orchester, Chor und Ensemble glänzend zur Geltung kommen und bieten endlich die Gelegenheit, das in einer hervorragenden Aufnahme kennen zu lernen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, DER ZWERG – Alexander von Zemlinsky, 24.03.2019

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

DER ZWERG – Alexander von Zemlinsky

Libretto Georg C. Klaren, nach dem Märchen „The Birthday of the Infanta“ von Oscar Wilde

Premiere am 24. März 2019 / weitere Vorstellungen  27., 30. März; 7., 12. April 2019
 

– Wie anders darf man sein, um nicht an der Liebe zu verzweifeln … –

Die Titelfigur ist ein kleinwüchsiger Mann, als Sklave ein Geburtstagspräsent für die verwöhnte Infantin von Spanien. Für deren Hofgesellschaft ist er eine unterhaltsame Kuriosität und fesselt sie doch durch seine außergewöhnliche Begabung als Musiker. In einem kurzen Moment der Rührung schenkt ihm die Infantin eine Rose: Er deutet dies als Zeichen ihrer Liebe. Sich selbst hat er noch nie gesehen, er weiß nichts über seine Andersartigkeit. Als er sich im Spiegel betrachtet, bricht ihm die Verzweiflung das Herz.

Alexander von Zemlinski Gedenkstätte in Wien © IOCO

Alexander von Zemlinski Gedenkstätte in Wien © IOCO

Tobias Kratzer nimmt sich dieses Werkes über das Außenseitertum an, dem er Arnold Schönbergs „Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene“ voranstellt. So rückt er Zemlinskys Meilenstein in ein anderes Licht: Nicht von der spätromantischen Klangsprache her kommend, sondern in die Moderne hinausweisend sieht er dieses Märchen. Überhaupt deutet er diese Oper als „Tragödie aus dem Geiste der Musik“, hat die Musikalität und das Spiel mit ihr doch essentielle Bedeutung für ihn: In seiner Inszenierung werden zwei Pianisten genauso wie ein Bühnenorchester Teil des Bühnengeschehens. Um diese Nuancen herauszukristallisieren, arbeitet er eng mit Donald Runnicles zusammen, der für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnet. David Butt Philip und Elena Tsallagova leihen dem Zwerg und der spanischen Infantin Gestalt und Stimme.

BESETZUNG
Musikalische Leitung : Donald Runnicles, Inszenierung : Tobias Kratzer, Bühne, Kostüme : Rainer Sellmaier, Chöre : Jeremy Bines, Licht : Stefan Woinke, Dramaturgie : Sebastian Hanusa, Donna Clara : Elena Tsallagova, Ghita : Emily Magee

Mit:  Der Zwerg : David Butt Philip, Der Zwerg (Darsteller) : Mick Morris Mehnert,  Don Estoban : Philipp Jekal, Zofe 1 : Flurina Stucki, Zofe 2 : Amber Fasquelle, Zofe 3 : Maiju Vaahtoluoto, 1. Gespielin : So Young Park, 2. Gespielin : Kristina Häger, Alma Schindler (Pianistin) : Adelle Eslinger-Runnicles, Alexander von Zemlinsky (Pianist) : Evgeny Nikiforov, Chöre : Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Kassel, Staatstheater Kassel, Spielplan Oktober 2016

September 16, 2016 by  
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Staatstheater Kassel

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel © N. Klinger

PREMIEREN Oktober 2016

Die Räuber von Friedrich Schiller

Inszenierung: Markus Dietz / Philipp Rosendahl, Bühne: Mayke Hegger, Kostüme: Katharina Faltner / Mayke Hegger, Dramaturgie: Michael Volk / Annabelle Leschke,| Sounddesign: Marco Mlynek

Mit Jürgen Wink (Graf von Moor), Hagen Bähr (Karl), Konstantin Marsch (Franz), Ingrid Noemi Stein (Amalia von Edelreich), Rahel Weiss (Spiegelberg), Maria Munkert (Schweizer), Lauren Rae Mace (Grimm), Markus Schön (Schufterle), Aljoscha Langel (Roller), Lukas Umlauft (Hermann), Uwe Steinbruch (Daniel)

Zwei Brüder: Der Erstgeborene, Karl Moor, Lieblingssohn des Vaters, führt in Leipzig ein wildes Studentenleben. Der andere, Franz, fühlt sich von Natur und Gesellschaft benachteiligt und sinnt darauf, diesen Unterschied auszugleichen. Er liest dem Vater gefälschte Briefe vor, die von Exzessen Karls berichten – und unterschlägt Karls Bitten an den Vater, jenem zu verzeihen. Graf Moor enterbt daraufhin seinen geliebten Sohn. Empört über diese Ungerechtigkeit, schart Karl eine Bande aus jungen Radikalen um sich: Als Räuber wollen sie alle Demütigung in der Sprache der Gewalt zurückzahlen. Franz dagegen versucht in der Zwischenzeit, nicht nur das väterliche Erbe zu erhalten, indem er das Altern seines Vaters beschleunigt, sondern auch Amalia, Geliebte Karls, zu erobern – erst durch List, schließlich mit Gewalt. Zwei Menschen, zwei Welten: die Geschichte einer bewaffneten Rebellion in der Anarchie der Wälder; die Intrige im väterlichen Schloss, die das Familiendrama in Gang setzt.

Am Staatstheater Kassel werden zwei Regisseure sich jeweils einer dieser Welten annehmen: Markus Dietz inszeniert die Welt des Schlosses, der junge Regisseur Philipp Rosendahl nimmt sich die Welt der Räuber vor, die aus gekränkter Ehre zur Gewalt greifen.

Kostprobe: Mittwoch, 28. September, 19.30 Uhr, Schauspielhaus,  Premiere: Samstag, 1. Oktober, 19.30 Uhr, Schauspielhaus


Los Elementos,  Harmonische Oper im italienischen Stil von Antonio Literes, In spanischer Sprache

Musikalische Leitung: Jörg Halubek, Inszenierung und Ausstattung: Zenta Haerter, Dramaturgie: Olaf A. Schmitt

Mit Elizabeth Bailey, Marta Herman, Inna Kalinina, Anna Nesyba, Natalia Perelló und Cozmin Sime; es spielt das Kammerorchester Louis Spohr,  In Koproduktion mit den Kasseler Musiktagen und SOZO visions in motion

Feuer, Wasser, Luft und Erde bekommen bei Antonio Literes, einem der bedeutendsten spanischen Komponisten des 18. Jahrhunderts, eine Stimme – und durch die musikalische Umsetzung auch einen besonderen Charakter. Ebenso wie die weiteren Mitspieler: Zeit und Aurora. In Literes’ Kammeroper erwarten die vier Elemente sehnlich den Tagesanbruch. Gemeinsam mit der Zeit reflektieren sie ihr Dasein und ihre Sehnsucht nach dem Licht, bis sich beim Erscheinen der Morgenröte ihre unbändige Freude entlädt.

In einer erstmaligen Koproduktion mit den Kasseler Musiktagen führt das Staatstheater Kassel seine Beschäftigung mit Barockopern fort. Dirigent Jörg Halubek intensiviert die musikalischen Erfahrungen der letzten Spielzeiten, diesmal mit dem Kammerorchester Louis Spohr. Choreografin Zenta Haerter lässt in der Alten Brüderkirche die vier Elemente als lebendige Wesen neu erscheinen.

Premiere: Freitag, 28. Oktober, 20 Uhr, Alte Brüderkirche


Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Die Großherzogin von Gerolstein  von Jacques Offenbach

Musikalische Leitung: Alexander Hannemann, Inszenierung: Adriana Altaras, Bühne und Kostüme: Yashi, Choreografie: Rhys Martin, Dramaturgie: Jürgen Otten, Choreinstudierung: Marco Zeiser Celesti

Mit Jaclyn Bermudez / Lin Lin Fan, Maren Engelhardt / Belinda Williams, Bassem Alkhouri / Tobias Hächler, Johannes An / Gideon Poppe, Daniel Holzhauser / Hansung Yoo | Bernhard Modes, Marc-Olivier Oetterli / Dieter Hönig, Abraham Singer, Tänzern des Tanzensembles sowie Opernchor des Staatstheaters Kassel, Staatsorchester Kassel

Die Geschichte ist grotesk. Ein Märchen. Aber mehr als das. Sie ist auch augenzwinkernde Parabel über jene Unzulänglichkeiten, die den Menschen sein ganzes Leben lang begleiten. In ihrem Zentrum stehen Fritz, ein gemeiner Soldat, und die Großherzogin eines fiktiven Staatsgebildes, eine durch und durch distinguierte Dame, die aber zwei Schwächen hat: Sie liebt das Militär und junge, schneidige Männer. Männer wie Fritz. Und weil sie diesen Fritz besonders ins Herz geschlossen hat, ernennt sie ihn kurzerhand zum General. Was nicht gut gehen kann, und eben auch nicht gut geht. Mit der Musik allerdings von Jacques Offenbach geht es hervorragend, und so kann man sagen, dass die 1867 im Jahr der Weltausstellung in Paris aus der Taufe gehobene Operette „La Grand-Duchesse de Gerolstein“ zu einem der raffiniertesten und charmantesten Werke des genialischen Spottvogels geriet. Über die zeitimmanenten Anspielungen hinaus versprüht diese Schöpfung einen Geist der Anarchie, der uns auch heute noch sehr gut zu Gesicht steht.

Kostprobe: Dienstag, 25. Oktober, 19 Uhr, Opernhaus,  Premiere: Samstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr, Opernhaus


EMOJI – Tanztheater: Ikimono von Annamari Keskinen und I Share Therefore I Am  von Evangelos Poulinas

Choreografie und Inszeneriung: Annamari Keskinen und Evangelos Poulinas, Bühne und Kostüme: Juri Halliday (Ikimono) und Evangelos Poulinas (I Share Therefore I Am), Musik / Soundediting: Michel Tittlepp (Ikimono)

Tanz: Annamari Keskinen und Samuel Nerl (Ikimono) sowie Niv Melamed und Juan José Tirado Pulido (I Share Therefore I am)

Das Wort Ikimono kommt aus dem Japanischen und bedeutet ›lebendiges Sein‹ oder ›Lebewesen‹. Der gleichnamige Tanztheaterabend stellt die Frage: Worin liegt die Verantwortung des Einzelnen für den gesellschaftlichen Wohlstand und das Glück jedes Einzelnen? »In Ikimono beschäftige ich mich mit dem Kampf um das Licht in der Dunkelheit, in einer Welt, in der sich Illusionen und Realität gegenseitig aufheben und zu paranoiden Zuständen führen. Ich gehe auf die Suche nach einem sicheren Ort“ (Annamari Keskinen).

Der Akt des Sich-Mitteilens bzw. „Teilens“ in der virtuellen Welt definiert oftmals unsere soziale Umwelt und gaukelt das reale Leben vor. Evangelos Poulinas taucht mit seiner Choreografie ein die Welt des Teilens von Informationen und beobachtet, wie dieser Austausch unser Leben beeinflusst. Ist es möglich, dass neue Identitäten durch den bloßen Akt eines Erfahrungsaustausches konstruiert werden? „Ich stelle mir in meinem Stück Menschen vor, die nach Aufmerksamkeit dürsten, am Rande eines emotionalen und psychischen Zusammenbruchs, und dabei immer ihr Bestes versuchen, den ›schönen Schein‹ zu wahren.“ (Evangelos Poulinas)

Premiere: Sonntag, 30. Oktober, 20.15 Uhr, tif – Theater im Fridericianum



KONZERTE

1. Sinfoniekonzert:    »Hans Christian Andersen«

Louis Glass: Elverhøj (Elfenhügel) op. 67 nach den Abenteuern von H.C. Andersen (Deutsche Erstaufführung); Sergej Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18; Alexander von Zemlinsky:  Die Seejungfrau nach einem Märchen von H.C. Andersen

Solistin: Nareh Arghamanyan (Klavier), Dirigent: Patrik Ringborg

Gleich zwei Märchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen stehen im Mittelpunkt des ersten Sinfoniekonzertes: »Elfenhügel« und »Die Seejungfrau«. Letzteres, von Alexander von Zemlinsky vertont, fällt in eine für ihn persönlich wie beruflich schwere Zeit. Das Märchen der kleinen Seejungfrau mit den Themen der unerfüllten Liebe und der Identitätsfindung dürfte ihn daher besonders angesprochen haben. Die schlechten Kritiken zur Uraufführung führten jedoch dazu, dass Zemlinsky seine »Seejungfrau« nicht mehr aufführte, erst seit den 1970er Jahren erlebt das Werk eine Renaissance im Konzertsaal.

Auch Sergej Rachmaninow musste erst eine große Krise überwinden, ehe er sein 2. Klavierkonzert vollenden konnte. Durch die vernichtende Kritik zu seiner ersten Sinfonie in eine tiefe Schaffenskrise gestürzt, komponierte Rachmaninow nicht mehr, sondern arbeitete stattdessen zeitweilig als Dirigent an der Moskauer Russischen Privatoper. Ärztliche Hilfe fand er schließlich bei einem der russischen Pioniere auf dem Gebiet der Psychiatrie, Dr. Nikolai Dahl, dem es mittels Hypnose gelang, ihm sein Selbstvertrauen zurückzugeben. Erfolg der Therapie: Rachmaninow begann mit der Arbeit an seinem c-Moll-Konzert und widmete es aus Dankbarkeit seinem Arzt.

Montag, 17. Oktober, 20 Uhr, Stadthalle (19.15 Uhr Einführung)


2. Kammerkonzert – Werke von Beethoven, von Winter und Spohr

Mit Dimitrios Papanikolau, N.N. (Violine), Joachim Schwarz, Antje Schmidt (Viola), Dorothea Brenner (Violoncello), Jan Harborth (Kontrabass), Sabine Neher (Klarinette), Susanne Lorenz, Markus Brenner (Horn)

Im zweiten Kammerkonzert steht eine Rarität auf dem Programm: das Quartett für Klarinette und Streicher von Peter von Winter (1754-1825), das nur noch in einem Archiv auf Mikrofilm existierte und nun eigens für die Kasseler Aufführung gedruckt wurde. Von Winter, zunächst Geiger der Mannheimer Hofkapelle und später Hofkapellmeister für Vokalmusik in München, nahm unter anderem Unterricht bei Antonio Salieri. Besonders mit seinen Opern hatte der Komponist bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts Erfolg in ganz Europa, bevor er in Vergessenheit geriet.

Zwei Paradebeispiele dafür, wie sich Bläser- und Streicherklang wunderbar vermischen, sind Beethovens Sextett für zwei Hörner und Streichquartett, und Louis Spohrs Oktett für Klarinette, Hörner und Streicher.

Montag, 31. Oktober, 19.30 Uhr, Opernfoyer                15 / 7,50 Euro



EXTRAS UND GASTSPIELE

Gastspiel: Das Theaterstübchen geht fremd –  Ute Lemper: The 9 Secrets

Idee, Konzept und Musik: Ute Lemper, Texte: Paulo Coelho, Cinematische Einrichtung: Volker Schlöndorff

Mit Ute Lemper (Gesang), Henri Agnel, Idriss Agnel (arabische Gitarren und Percussion), Vana Gierig (Piano), Romain Lecuyer (Bass), Victor Villena (Bandoneon), Philippe Botta (arabische Flöte und Saxophon)

Ute Lempers neues Album ist eine poetische Sinfonie in neun Sätzen. Als Inspiration diente der Künstlerin Paulo Coelhos Buch „Die Schriften von Accra“. Von dessen positiver Energie und Lebensperspektive euphorisiert, entstand der Kontakt zu Coelho, der die Idee, einen Liederzyklus auf Basis des Buchs zu schreiben, enthusiastisch unterstützte. „The 9 Secrets“ vereint arabische Musik, europäische Chanson-Einflüsse und Bossa Nova zu detailreichen Kleinoden. Die eigentlich disparaten musikalischen Sozialisationen der aus Tunesien, Amerika, Frankreich, Griechenland und dem Libanon stammenden Musiker schaffen einen wunderbar stringenten Ensemble-Sound. »Ein atmosphärisches Gesamtkunstwerk.« (RBB Kulturradio)

Montag, 3. Oktober, 19.30 Uhr , Opernhaus                68 / 40 Euro


Junges Staatstheater: Herbstakademie Abschlusspräsentation

HABEN? / TEILEN!  –  Hans im Glück

Das Junge Staatstheater plant, im Rahmen einer »Zur Bühne«-Maßnahme von KULTUR MACHT STARK (Bundesministerium für Bildung und Forschung) geflüchtete und nicht geflüchtete Jugendliche eine Woche lang in Workshops eine Performance nach dem Motiv des Hans im Glück erarbeiten zu lassen. Angeleitet von mehreren lokalen Künstlern erforschen die TeilnehmerInnen in performativen, musikalischen, tänzerischen, literarischen und weiteren Arbeitsgruppen unser HABEN und was passiert, wenn wir es teilen. Macht Loslassen glücklich? Ist Hergeben gleichzusetzen mit Verlust? »You can’t always get, what you want?!« An diesem Abend werden die (Forschungs-) Ergebnisse auf der Bühne im Schauspielhaus geTEILT. Damit Sie vom geplanten interkulturellen Austausch etwas HABEN.

Samstag, 29. Oktober, 18 Uhr, Schauspielhaus,  

—| Pressemeldung Staatstheater Kassel |—

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