Dresden, Semperoper, Spielplan Januar 2020

November 19, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Monatsspielplan Januar 2020

Der erste Monat des Neuen Jahres steht in der Semperoper ganz im Zeichen der mit Spannung erwarteten Neuproduktion von Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg« in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog. Die Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg, dem Tokyo Bunka Kaikan und dem New National Theatre, Tokyo ist erstmalig am 26. Januar 2020 in Dresden in Spitzenbesetzung zu erleben: Unter der Musikalischen Leitung ihres Chefdirigenten, Christian Thielemann, begleitet die Sächsische Staatskapelle Dresden unter anderem Christa Mayer, Jacquelyn Wagner, Adrian Eröd, Vitalij Kowaljow und Georg Zeppenfeld sowie den Sächsischen Staatsopernchor Dresden. Sebastian Kolhepp brillierte bereits bei den Osterfestspielen in Salzburg bei seinem Debüt als David.

Die Dresdner Produktion wird begleitet von einem »Aktenzeichen« am 28. Januar 2020 unter dem Titel »Festwiesenspektakel im Wandel der Zeit« und dem SemperDialog »Wie politisch ist Oper?« am 31. Januar 2020, moderiert vom Leitenden MDR-Kulturredakteur, Andreas Berger.

In Semper Zwei kommt am 15. Januar 2020 »Cabaret« in der Inszenierung von Manfred Weiß zur Wiederaufnahme. Als Conférencier entführen Aaron Pegram und seine Kit Kat Boys and Girls das Publikum in das Berlin der Roaring Twenties, wo Julia Gámez Martín als Sally Bowles und Simeon Esper als Clifford Bradshaw die braunen Schatten aufziehen sehen.

Premiere: 26. Januar 2020: Richard Wagner »Die Meistersinger von Nürnberg«

Weitere Vorstellungen: 30. Januar sowie 2., 10. und 16. Februar 2020


Mi 01.01. 17:00 Die Fledermaus

Do 02.01. 19:00 Lucia di Lammermoor

Fr 03.01. 19:00 Der Freischütz
20:30 Semper Bar

Sa 04.01. 19:00 La bohème

So 05.01. 11:00 Kammerkonzert der Giuseppe-Sinopoli-Akademie
16:00 Der Freischütz

Do 09.01. 13:00 Die Fledermaus (Seniorenvorstellung)
20:00 3. Kammerabend

Fr 10.01. 19:30 Der Nussknacker

Sa 11.01. 19:00 Die Fledermaus

So 12.01. 11:00 6. Symphoniekonzert
19:30 Der Nussknacker

Mo 13.01. 20:00 6. Symphoniekonzert

Di 14.01. 20:00 6. Symphoniekonzert

Mi 15.01. 10.00 Gestatten, Monsieur Patipa!
19:00 Così fan tutte
19:00 Cabaret

Do, 16.01. 10:00 Gestatten, Monsieur Petipa!

Fr 17.01. 19:00 Der Nussknacker
20:00 Cabaret

Sa 18.01. 14:00 Der Nussknacker (Familienvorstellung)
18:00 Der Nussknacker
20:00 Cabaret

So 19.01. 14:00 Der Nussknacker (Familienvorstellung )
18:00 Der Nussknacker
20:00 Cabaret

Di 21.01. 17:00 Premierenkostprobe »Die Meistersinger von Nürnberg«
19:00 Cabaret

Mi 22.01. 19:00 Così fan tutte (Dresdentag)
19:00 Cabaret
19:30 Tanz:Film (Programmkino Ost)

Fr 24.01. 19:00 Die Zauberflöte

Sa 25.01. 19:00 La bohème

So 26.01. 15:00 PREMIERE Die Meistersinger von Nürnberg

Mo 27.01. 19:00 Così fan tutte
19:00 Cabaret

Di 28.01. 18:00 Aktenzeichen zu »Die Meistersinger von Nürnberg«:
»Festwiesenspektakel im Wandel der Zeit«
19:00 Cabaret
20:00 2. Aufführungsabend

Mi 29.01. 10:00 Gestatten, Monsieur Petipa!
19:00 Die Zauberflöte
19:00 Cabaret

Do 30.01. 10:00 Gestatten, Monsieur Petipa!
16:00 Die Meistersinger von Nürnberg

Fr 31.01. 19:00 La bohème
19:00 SemperDialog zu »Die Meistersinger von Nürnberg«:
»Wie politisch ist Oper«

 

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Neumarkt, Classic Oper Air – Pape, Krieger, Seiffert, IOCO Aktuell, 05.09.2019

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Morement GmbH

6. Classic Open Air  –  Auf dem Dresdner Neumarkt

Barbara Krieger, Peter Seiffert, Rene Pape – Verzaubern in sonnig, südlicher Atmosphäre

von Michael Stange

Sommerliche Temperaturen sowie die Pracht des Neumarkts und der Frauenkirche boten den romantisch bezaubernden Rahmen des 6. Classic Open Air im Elbflorenz.

Unter dem Sternenzelt mit traumhafter Illumination der barocken Kulisse gingen Barbara Krieger, Peter Seiffert und Rene Pape mit dem Publikum auf eine musikalische Reise von Beethoven über Bernstein, Catalani, Gershwin, Kalman, Puccini Lehar, Verdi bis Wagner.

Schon zu Beginn nahm Barbara Kriegers hinreißend geführter Sopran insbesondere durch die sichere Atemführung gefangen. Mit breitem Gesangsbogen flutete sie Stimme unangestrengt und erreichte so freie, glockenhelle Spitzentöne und Koloraturen. Zugleich vermittelte sie durch organischen poetisch unterlegten Gesang und die eingesetzten Stimmfarben Sehnsucht und Poesie.

Durch diese spürbare, innere Anteilnahme an den interpretierten Charakteren gewann sie Ohren, Augen und Anteilnahme des Publikums schon mit ihrer ersten Arie der Elisabeth „Tu che le vanita“ aus Verdis Don Carlos. Verzweiflung um die gescheiterte Ehe mit Don Carlos, die Erinnerungen an die glücklichen Momente der Vergangenheit und ihre Seelenpein ließ Barbara Krieger zunächst mit betörendem Mezza voce erklingen, um sich dann zu bronzenen Tönen und leuchtenden Höhen aufzuschwingen. Nobel und elegisch schuf sie eine lyrisch, melancholisches Portrait, das bestrickte und bannte.

In Catalanis La Wally Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ gelangen ihr neben strahlenden Tönen innige, verhaltene Momente bei den Erinnerungen an den Abschied vom Haus der Mutter und der Beschwörung des Klanges der Kirchenglocken.

Eine Palette jubilierender, glückseliger Tönen prägten den Kalmann Walzer „Tanzen möcht‘ ich, jauchzen möcht‘ ich“. Runder Ton, perlende Koloraturen und quecksilbriges Sprühen machten auch Arditis „Il bacio“ zu einem Kabinettstück.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Dieses Nebeneinander von Seelenqual zum einen und Lebensfreude, Koloraturen und Übermut waren schon für sich allein eine große Leistung. Barbara Kriegers Wandlungsfähigkeit setzte dem die Krone auf indem sie jedem Stück Klang, Gehalt und die Atmosphäre der Komposition verlieh.

Die Gestaltung des Liebesduetts aus dem 2 Akt Tristan und Isolde mit silbernem Ton und blühenden Höhen von Barbara Krieger und Peter Seiffert war ein weiterer Höhepunkt. Hier bewiesen Beide ihr immenses sängerisches Gespür und ihre Wandlungsfähigkeit. Lyrisch legten sie zunächst ihre dramatischen Partien an, um dann die Steigerungen innwendig, bewusst, ohne Hast und ohne jegliches Forcieren zu erreichen.

Peter Seiffert war ihr heldischer und zugleich lyrischer Tristan: Mit emphatischen-mitreißenden Tönen schwammen Beide auf den Gesangslinien der Liebeswonne. So erschufen sie ein lyrisch dramatisches Bild des Liebespaares, das Intensität, Glut und belcanteske Wonnen versprühte und bis zum Ende des Duetts steigerten sie sich grandios. Im Schlussduett des 1. Aktes Boheme „O soave fanciulla“ gaben Sopran und Tenor mit italienischem Schmelz und pulsierende Leidenschaft.

Peter Seiffert kehrte zu Rollen seiner Anfängerjahre und CD-Einspielungen zurück. Er demonstrierte, dass seine Stimme auch nach vielen Ausflügen in das Wagnerfach zu den vielseitigsten und schönsten deutschen Tenorstimmen zählt. Seinen Humor und Charme stellte er bei „Heut geh ich ins Maxim aus der Lustigen Witwe unter Beweis. Mit heldentenoraler Pracht sang er „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ aus der Walküre.

Dritter im Bunde war Rene Pape, der Fiesco der Salzburger Simone Boccanegra Vorstellungen, der frisch von dort in seine Heimat zurückgekehrt war. So konnte auch das Dresdener Publikum mit der Arie „Il laceretao spirito“ als Simone Boccanegra begeistern.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Balsamische Bassklänge paarten sich mit seiner wohltönenden Mittellage und prächtiger Höhe. Dass er einer der führenden deutschen Bässe ist, stellte er auch an diesem Abend mit Hans Sachs „Fliedermonolog“ aus den Meistersingern und der Arie Sarastos „In diesen heilg’en Hallen“ aus der Zauberflöte unter Beweis.

Temperamentvoll ging es für ihn mit Bess You is My woman“ aus Gershwins Porgy and Bess weiter. Rene Pape demonstrierte neben einer unvergleichlich schönen Stimme, die in allen Registern leicht und strömend anspringt, so auch ein immenses Interpretationsgeschick und spielerische Freude.

Dirigent Julien Salemkour trug die Sänger mit immenser Musikalität und großem stilistischem Einfühlungsvermögen auf Händen. Er war ihnen ein umsichtiger, zugewandter und zuhörender Partner. Orchesterfarben und klangliche Durchhörbarkeit gewährleistete er mit sicherer Hand und entlockte der Jungen Philharmonie Berlin sowohl die Farben Kalmans und als auch die dramatischen Klänge Wagners. Gerade in Konzerten, die ein so großes Repertoire enthalten, keine Selbstverständlichkeit, so dass er eine der Säulen dieses Glanzabends war.

Die von dem heute auch in Graz tätigen Dirigent Markus Merkel 2013 gegründete Junge Philharmonie Berlin bot Orchesterleistungen auf hohem Niveau. Das aus jungen, motivierten und hochtalentierten Profis bestehende Orchester glänzte durch seinen farbigen Orchesterklang und fulminantes, involviertes Spiel.

Ein strahlender Belcantoabend der durch die immense Musikalität und die glühende Begeisterung aller Beteiligten das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss.

—| IOCO Kritik Morement Classic Open Air Dresden |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2019, Regisseur Andreas Weirich im Gespräch, IOCO Interview, 31.08.2019

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Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel - hier : Schlussapplaus mit vl .Joanna Kedzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange Komponist, Andreas Weirich  Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Schlussapplaus mit vl .Joanna Kedzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange Komponist, Andreas Weirich  Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

  Der Gesang der Zauberinsel oder: wie der Rasende Roland ….  – Kinderoper

Regisseur Andreas Weirich im Gespräch mit Adelina Yefimenko

Die Salzburger Festspiele 2019 eröffneten nicht mit einer großen Operngeschichte sondern mit der zauberhaften Uraufführung der Kinderoper Der Gesang der Zauberinsel oder: wie der Rasende Roland wieder zu Verstand kam. Im Auftrag der Salzburger Festspiele komponierte Marius Felix Lange eine Familienoper nach dem Epos von Ludovico Ariosto Der rasenden Roland, das im Jahre 1516 entstanden ist. Selbstverständlich lehnt sich die Geschichte an Händels Alcina an, die aber einfallsreich für Kinder konzipiert wurde und beinahe autobiographisch, mit Selbstironie und Kinderliebe, wirkte, da die Figur des Rasenden Rolands selber den Komponisten verkörpert.

Georg Friedrich Händel  - der Schöpfer von Alcina © IOCO

Georg Friedrich Händel – der Schöpfer von Alcina © IOCO

Die fantasiereiche und turbulente Handlung, gestaltet mit wunderschönen Bühnenbildern, zeigte auch die magische Kraft und das Können des Regisseurs Andreas Weirich, der diese Kinderoper mit bezauberter Atmosphäre und umfassenden Kenntnissen der Kinderpsychologie gestaltet hat. Der Regisseur hat sich mehrmals als Experte alternativer Regie- und Bühnen- Wunder etabliert – vom Svirz Castle, Ukraine, aus dem 16. Jahrhundert, wo er die Oper Alcide des ukrainischen Komponisten Dmitro Bortniansky inszenierte bis zur Oper Der zerbrochene Krug des jüdischen Komponisten Victor Ullmann, die im KZ komponiert wurde – mit der beeindruckenden Allegorie des Baums.

In seiner Inszenierung der Kinderoper Der Gesang der Zauberinsel von Marius Felix Lange fliegen alle Protagonisten, satteln einen Hippogryph zum Mond. Die lebendige Reaktion des Kinderpublikums auf die Verschwörungen, Zaubereien hat die Inszenierung belohnt. Die Interpretation des Mythos über die Alcina-Insel, die Szenen, voller Hexereien und Überraschungen offenbart in der Kinderpsychologie eine adäquate Reaktion der Liebe zu Märchen, Täuschungen, Reinkarnationen von Tieren, Menschen, natürlichen Elementen, von denen die Erwachsenen viel lernen können.

Andreas Weirich im Gespräch mit Adelina Yefimenko erzählt seine Gedanken zur Inszenierung dieser magischen Oper über Erde und Raum, Alltäglichkeit und Wunder, über den Flug zum Mond: ist es ein Traum oder doch die Wirklichkeit!

 Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel - hier :  Sarah Shine als Angelika, Joel Allison als Roland Angeler, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Sarah Shine als Angelika, Joel Allison als Roland Angeler, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Adelina Yefimenko (AY): Andreas, inwieweit erschließen sich die Bezüge dieser neuen Geschichte von Marius Felix Lange, der selber das Libretto des Gesangs der Zauberinsel geschrieben hat, auf die Quellen von Ariosto sowie Händel? Was ist das Wichtigste in dieser neuen Geschichte? Was ist der Kern der neuen Oper über Alcina?

Andreas Weirich (AW): Marius Felix Lange bezieht sich in seiner neuen Oper Der Gesang der Zauberinsel…  allein auf die literarische Vorlage des Versepos Der rasende Roland von Ludovico Ariosto aus dem Jahr 1516. Händels Oper Alcina hat in seiner Vorbereitung keine Rolle gespielt. Er hat ein ganz eigenständiges Werk geschaffen, das in wunderbarer Weise den mitunter sehr anarchischen Charakter und die Sprunghaftigkeit in der Erzählweise bei Ariosto sehr gut einfängt. Im Mittelpunkt der neuen Geschichte steht nicht Alcina, sondern der rasende Komponist Dr. Roland Angeler mit seiner Tochter Angelika. Roland Angeler schreibt eine neue Oper Der rasende Roland, seine Tochter soll darin eine Hauptrolle singen.

Die Komposition und Einstudierung der Oper zehrt sehr an seinen Nerven, er ist kurz vor dem Durchdrehen und dabei, seinen Verstand zu verlieren. Angelikas Mutter hat sich erst mal auf Kur aus dem Familienleben verabschiedet. Der Haushalt droht zusammenzubrechen. Mirza, ein junger Sänger aus Persien, soll für eine Rolle vorsingen, wird von Roland als völlig untalentiert eingestuft sofort wieder fortgeschickt. Sein Schlaflied hat Angelika so berührt, dass sie ganz verzaubert einschläft. Über den Traum Angelikas finden sich alle Beteiligten auf der Zauberinsel Alcinas wieder und treffen aufeinander. Rolands Verstand, abgefüllt in einer übergroßen Flasche, kann erst über eine Reise zum Mond wiedergefunden werden. Am Ende der Oper wacht Angelika wieder auf. Zurück in der Wirklichkeit tauchen einzelne Elemente der Traumhandlung nochmal auf, etwas vom Zauber des Traums bleibt. Es wirkt wie eine Parallele zum Ende von Shakespeares Sommernachtstraum: Der Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit hält sich über eine Nacht der Verwirrung hinaus und beeinflusst das Verhalten aller. Der Kern des Stückes ist für mich Verzauberung, Verzauberung durch Musik. Das schließt die Verführung durch Alcina mithilfe des Gesangs der Zauberinsel genauso mit ein wie Mirzas Schlaflied, das Angelika verzaubert.

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  Sarah Shine als Angelika, Iurii Iushkevich als Hippogryph, Benson Wilson als Mirza / Medoro © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Sarah Shine als Angelika, Iurii Iushkevich als Hippogryph, Benson Wilson als Mirza / Medoro © SF / Erika Mayer

AY: Also, die Märchengeschichte über die Hexe Alcina korrespondiert mit der Realität, in der der Komponist Dr. Roland seine neue Oper mit der Tochter Angelika für die kommende Premiere probt. Die Mutter ist nicht da. Sie ist in der Kur, die sie wahrscheinlich unbedingt braucht, um vom Chaosleben ihres Mannes – des Komponisten Dr. Roland Angeler – zu erholen. Wenn Alcina gleichfalls die Mutter von Angelika ist, wen verhext sie „in Felsen, Pflanzen, oder Tiere…“? Und weshalb erinnert sie an der Königin der Nacht? Im Text des Librettos sagt die Bradamante einmal: „Wer den Gesang der Zauberinsel höret, verfällt Alcinas dunkler Macht sogleich“.

AW: Dass Alcina die Mutter Angelikas ist, erfährt der Zuschauer erst am Ende. Zunächst ist sie einfach die böse und mächtige Zauberin, die sich eine Zauberinsel geschaffen hat. Sie verführt alle Männer und wenn sie ihrer überdrüssig wird, verwandelt sie sie in Felsen, Pflanzen oder Tiere. Die Verbindung zwischen der Figur Alcina und Angelikas Mutter – die in der Realität übrigens Annabelle heißt, alle anderen haben im Traum und der realen Welt dieselben Namen – ist in der Oper nicht so klar und bleibt bis zum Ende in der Schwebe. Über die Inszenierung wollte ich mit ihrem ersten Auftritt durch die magische Tür mit ihrem Reisekoffer, als Angelika einschläft, und ihren letzten Auftritt wieder mit Reisekoffer, wenn Angelika aufwacht, klar erzählen, dass Alcina / Annabelle eine Figur sind. Tiefenpsychologisch hat sich Annabelle als Alcina mit ihrer Insel eine Parallelwelt geschaffen, vielleicht um dem Chaos von zu Hause zu entfliehen und dem doch sehr einnehmenden Wesen ihres Mannes etwas entgegenzusetzen. Das kann eine Erklärung für ihre „dunkle Macht“ sein, „dunkel“ mehr im Sinne von anders und im Vergleich zur „hellen“ Realität ein „dunkler“ Traum. Im Deutschen gibt es interessanterweise die Formulierung „einen Kurschatten haben“, was soviel heißt, dass Alcina, während sie auf Kur ist, eine Affäre mit Ruggiero hat. Die Nähe zur Königin der Nacht ist vor allem durch Marius Felix Langes Wahl des Stimmfaches – hoher Koloratursopran – begründet. Manche musikalische Phrase wie Alcinas Lachen gleich im Vorspiel erinnert sehr stark an die Koloraturen von MozartsDer Hölle Rache kocht in meinem Herzen.“

AY:  Händels Alcina ist eine Zauberoper – eine sehr populäre Gattung im 17. Jahrhundert. Der Einsatz von Verwandlungsszenen, Pantomimen, Täuschungen, die die Handlung auf verschiedenen Ebenen durchdringen, sind auch in Deiner Inszenierung präsent – verwandelte Tiere, verkleidete Protagonisten Mirza, Bradamante und Ruggiero u.a. und eine Gestalt des Hippogryphes –  eine witzige Mischung aus Pferd und Vogel, der ab und zu pinkeln muss. All diese lustigen Gestalten sind aber nicht nur zum Lachen. Was ist das Ernsthafte in dieser Geschichte?

AW: Wenn man Marius Felix Langes Oper auch in eine Gattung einordnen möchte, so wäre der Titel moderne Zauberoper für die ganze Familie auch sehr treffend. Alle Verwandlungen in andere Wesen geschehen durch Alcina, immer mit der Absicht, die anderen unschädlich zu machen, sie loszuwerden und mit ihnen die Insel zu verschönern. Alcina lässt sich, je nachdem, wer verzaubert wird, jedes Mal etwas neues und passendes einfallen: Mirza – schönes Wortspiel – wird in einen Myrtenstrauch verwandelt, bei Astolfo konnte sie sich nicht entscheiden und hat ihn in eine Mischform aus vorne Adler, hinten Pferd, verzaubert, Bradamante wird zum Esel und aus Ruggiero ein Schwein. Was alle Verwandlungen in Tiere gemeinsam haben, ist, dass sie für alle Verzauberten sehr traurige Auswirkungen haben. Myrten-Mirza und Hippogryph teilen das gleiche gemeinsame Schicksal „Ach, ach, ach wie das Schicksal mit uns verfuhr…“, das eigenwilligste und zugleich anrührendste Pärchen der Oper. Schon traurig, aber situativ irgendwie auch komisch. Nur ernsthafte Komik ist lustig.

AY:  Ein Motiv zeigt in der Oper soziale Probleme und zwar – die Flüchtlinge. Auch musikalisch hören wir stilisierte orientalische Motive! Benson Wilson als persischer Flüchtling Mirza singt mit seinem klangschönen Bariton ein Schlaflied seines Heimatlandes. Dabei ist der Komponist – Dr. Roland – zuerst ein bisschen skeptisch, ob Mirza in seiner Oper singen kann. Inwieweit wollt ihr die Integrationsfragen in eurer Kinderoper erläutern.

AW:  Die Kunst von Marius Felix Lange ist, diese soziale Thematik in seiner Oper mit zu erzählen – die auch bei Ariost eine Rolle spielt, im Konflikt der christlichen Paladine Karls des Großen auf der einen Seite und der Sarazenen (heute Muslime) unter König Agramant auf der anderen, – ohne sie dabei zu sehr zu betonen. Marius und ich haben uns während des Entstehungsprozesses der Oper lange über den Begriff „Flüchtling“ ausgetauscht, ihn zeitweise auch raus genommen, um uns dann doch bewusst für ihn zu entscheiden. Wichtig war mir bei der Inszenierung, das Thema des Kulturkonflikts und der Integration nicht auszuklammern – es darf jederzeit mitgedacht werden, – ohne dabei konkrete aktuelle Bezüge zu schaffen, die das Ganze auf eine banale Ebene bringen würden. Die Kraft der Musik schafft Integration. Mirzas Schlaflied verzaubert alle, Mirza verkörpert in der Oper die Utopie der möglichen Integration durch Musik.

AY: Was den Komponisten selbst betrifft – er stellt interessante Fragen der Schaffens-Psychologie. Der Grund, warum der Vater mit der Tochter allein bleibt und die Mutter von Zuhause geflüchtet ist: Roland hat seinen Verstand verloren (und dazu noch Hut und Lesebrille). Kommt die Mutter zurück nach Hause, wenn er wieder sein Verstand findet? Oder hilft sie ihm den Verstand zu finden? Was ist dieser Verstand des Komponisten? Ist es gefährlich den Verstand zu verlieren?

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  Schlussapplaus mit vl Joanna Kadzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange _ Komponist, Andreas Weirich _Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Schlussapplaus mit vl Joanna Kadzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange _ Komponist, Andreas Weirich _Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

AW:  Eine sehr spannende Frage, ob Alcina / Annabelle zurück nach Hause oder zugespitzt formuliert nur wieder nach Hause kommt, wenn Roland seinen Verstand wieder findet. Alcina hilft in der Oper, besser in der Traumhandlung, überhaupt nicht dabei, Rolands Verstand wiederzufinden, im Gegenteil, sie verführt ihn mit Hilfe des Gesangs der Zauberinsel und bringt ihn dabei eher um den Verstand. Auf der anderen Seite schafft die Figur der Alcina in ihrem Sonett kurz vor Ende der Oper etwas, was vermutlich Annabelle in der Realität nicht geglückt ist: sie öffnet Roland die Augen und wird zu seiner Inspirationsquelle. Er nimmt sie ganz anders wahr als zuhause und verliebt sich in sie.

Den Verstand zu verlieren ist natürlich gefährlich, auch wenn man gerne sagt, der Künstler muss „außer sich“ sein, um „von sich“ etwas erzählen zu können. Der Verlust des Verstandes bedeutet Kontrollverlust, der Komponist Roland Angeler ist nicht mehr Herr seiner selbst, wenn er am Anfang der Oper wütet. Er sieht nicht nur ohne Lesebrille nichts, sondern ist auch im übertragenen Sinn gegenüber seinem gesamten Umfeld blind. Damit scheitert er als Mensch im Familienkontext und als Komponist, der sein Werk nicht mehr sieht. Erst über den Traum seiner Tochter Angelika kommt er wieder zu Verstand, die Tochter träumt ihm den Verstand zurück. Das Ausleben des Unterbewussten führt wieder zur Klarheit. Am Ende erkennt Roland die sängerische Begabung Mirzas und möchte auch an seiner komponierten Oper etwas ändern.

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  James Ley als Ruggiero, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel … hier James Ley als Ruggiero, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

AY: Und auf dem Mond findet sich alles wieder, was auch andere Kinder und Erwachsene verloren haben… Die Szene ist für sich nicht lustig, sondern sehr nachdenklich. Ist es die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, nach verpassten Chancen, nach fehlenden Träumen, die von der Realität vertrieben wurden?

AW:  Ein schöner Gedanke, die Mondszene mit der Sehnsucht nach der verloren Kindheit zu überschreiben. „Unerfüllte Versprechen“, „Vergebliches Hoffen“, „Verblichene Schönheit“, „Ungehörte Seufzer“, das alles findet sich auf dem Mond wieder, neben dem in milliarden Flaschen abgefüllten Menschenverstand, „eine Flasche pro Person“. Die Vorstellung ist aber schon auch lustig und zugleich eine bittere Erkenntnis, dass sich fast der gesamte Menschenverstand auf dem Mond befindet und nicht mehr auf der Erde. Und jedem Menschen, der seinen Verstand verloren hat, steht nur eine Flasche zu, mehr Platz für Verstand gibt es nicht.

Der Mond kann aber auch als pars pro toto für die Möglichkeiten des Theaters stehen. Hier können vergessene oder verlorene Gedanken, die für unsere Realität so wichtig und wesentlich sind, gedacht und geträumt werden.

AY: Kannst Du über die Besonderheiten der praktischen Realisation auf der Bühne mit Meer, Mond, Kosmos und anderen Zaubereien Deiner Inszenierung erzählen? Solche Bilder, Raum-Projektionen, Farben-Paradiese in der Großen Universitätsaula zu schaffen und nicht im Theater mit Vorhang, Orchestergraben und Bühnenmaschinerie, kostet nicht nur viel Fantasie, sondern auch viele Mühen. Ich habe die beschränkten Möglichkeiten der Bühne kaum bemerkt. Auch die fantastischen Kostümen von Katja Rotrekl, beeindruckende Videoeinblendungen von Fabian Kapo haben die Inszenierung unvergesslich gemacht. Wie schafft man eine solche faszinierende Zauberatmosphäre mit kleinen Mitteln?

AW:  Es freut mich sehr, dass Du die beschränkten Möglichkeiten kaum wahrgenommen hast. Da ist meiner Ausstatterin und mir doch einiges geglückt, wenn sich bei Dir der Theaterzauber eingestellt hat. Als ich vor einem Jahr Die Zauberflöte für Kinder bei den Salzburger Festspielen 2018 gesehen habe, war mir sofort klar, ich muss irgendwie mit dem weißen Raum umgehen, ohne ihn zuzubauen. Dabei entwickelten Katja und ich sehr schnell die Idee, mit Projektionen zu arbeiten, um unterschiedliche Atmosphären zu kreieren. Zudem stellte uns Marius Felix Lange vor die große Herausforderung, innerhalb von 75 Minuten neun sehr rasche Ortswechsel zu meistern: die erste Szene spielt bei Roland Angeler, dann kommen wir auf der Straße, als nächstes folgt der Überflug auf Alcinas Zauberinsel mit Gewitter und Sturm, später befinden wir uns am Strand, in Alcinas Palast, auf dem Mond… das wäre ohne filmische Mittel im Rahmen der Großen Universitätsaula nicht möglich gewesen.

Wichtig war mir auch von Anfang an, nicht zu viel zu verraten, sehr puristisch zu beginnen, um dann immer mehr entstehen zu lassen und hervorzuzaubern. Ich bin sehr glücklich über unser riesiges Luftkissen, auf das Katja und ich gekommen sind. Es hat in seiner Abstraktion so viele unterschiedliche Bedeutungsmöglichkeiten, ob Meer, Wasser, Insel, überdimensioniertes Schlafkissen. Es kann ganz konkret für etwas stehen und von Szene zu Szene auch seine Bedeutung verändern – je nachdem wie es beleuchtet und was darauf projiziert wird –, ohne beliebig zu werden. Bei den Kostümen hingegen haben wir uns entschieden, sehr farbig und konkret zu werden: Ein Ritter tritt in Ritterrüstung auf, eine Zauberin im Glitzerkleid, ein Hippogryph hat Adlerflügel und ein Pferdehinterteil.

Adelina Yefimenko: Andreas, vielen Dank für die wunderbare Inszenierung dieser zauberhaften Kinderoper und für das spannende Gespräch.

—| IOCO Interview Salzburger Festspiele |—

 

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Auslastung 2018/19 – 83,5%, Theaterfest am 24.8., IOCO Aktuell, 18.08.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Bilanz Spielzeit 2018/19

Spielzeit 2019/20 – Beginn 24. August 2019

Rund 300.000 Zuschauerinnen und Zuschauer besuchten 1.136 Vorstellungen und Veranstaltungen des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden in der Spielzeit 2018/19. Das Hessische Staatstheater Wiesbaden verzeichnet für die Spielzeit 2018/19 die voraussichtlich zweithöchste Auslastung in zehn Jahren. Die durchschnittliche Auslastung lag insgesamt bei 83,5 %; im Großen Haus lag die durchschnittliche Auslastung bei 82,9 % und im Kleinen Haus bei 85,2 %.

Zu den beim Publikum beliebtesten Produktionen zählten in der Sparte Oper Rigoletto (91,8 %*), Madama Butterfly (88,7 %*) und Hänsel und Gretel (86,9 %*). Außerdem das Musical My Fair Lady (98,8 %*).

My Fair Lady – auch 2019/20 wieder auf dem Spielplan
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Die Sparte Konzert verzeichnete die höchste Auslastung im Sinfoniekonzert WIR 6 (88,3 %*). Im Schauspiel waren es Der fröhliche Weinberg (98,9 %*), Arsen und Spitzenhäubchen (95,9 %*) und Der eingebildete Kranke (93,7 %*). Der beliebteste Ballettabend war Sommernachtstraum (93,5 %*). Im Jungen Staatstheater besuchten die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer, neben dem Weihnachtsmärchen Alice im Wunderland (98,5 %*), die Produktionen 35 Kilo Hoffnung (93,9 %*) und Die Zauberflöte für Kinder (91,2 %*). Die bestbesuchten Produktionen des Jungen Staatsmusicals waren Saturday Night Fever (100 %*) und 3 Musketiere – das Musical (96,4 %*).

Der fröhliche Weinberg – sehr gut besucht – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
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24.8.2019 – Start in die neue Spielzeit – Mit Theaterfest

HESSISCHES STAATSTHEATER – Programm Spielzeit 2019/20 – HIER!

Die Spielzeit 2019/20 wird am Samstag, den 24. August 2019 ab 14 Uhr mit dem Theaterfest feierlich eröffnet. Die fünf Sparten des Hessischen Staatstheaters präsentieren Ausschnitte aus dem neuen Programm, Interessierten wird ein Blick hinter die Kulissen ermöglicht und es werden viele Aktionen für die Besucherinnen und Besucher bereitgehalten.

Arsen und Spitzenhäubchen – 2018/19 sehr gut besucht
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Mit einem Kostümverkauf auf der Hinterbühne des Großen Hauses und der beliebten Kostümversteigerung, Chor- und Kammerkonzerten sowie Ausschnitten aus dem Programm der Spielzeit 2019/20 aller Sparten an verschiedenen Orten des Hauses wie in den Kolonnaden und der Außenbühne am Warmen Damm bietet das Theaterfest ein reichhaltiges Programm für Groß und Klein. Die Werkstätten gewähren Einblicke in ihre Arbeit. Bei Führungen durch die Kostüm- und Maskenabteilungen werfen die Besucher einen Blick hinter die Kulissen. Ein Meet & Greet mit der Theaterleitung und der Dramaturgie gibt Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. In den Theaterkolonnaden informieren Stände unterschiedlicher Abteilungen und Kooperationspartner über das Angebot der neuen Spielzeit. Für das leibliche Wohl sorgt die Theaterkantine.

Für viele attraktive und ausgewählte Vorstellungen gewährt die Theaterkasse an diesem Tag spezielle Angebote zum Spielzeitstart, so erhalten Theaterfestbesucher beispielsweise 50 % Rabatt auf den regulären Kartenpreis. Der Start dieser Aktion beginnt am 24.8.2019 bereits um 13 Uhr.

—| IOCO Aktuell Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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