Wien, Volksoper, Zar und Zimmermann – Albert Lortzing, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

 Zar und Zimmermann  – Albert Lortzing

– van Bett:  Ein wahrlich aufgeblasener Bürgermeister –

Von Marcus Haimerl

Mit Albert Lortzings, 1837 in Leipzig uraufgeführter Spieloper Zar und Zimmermann, fand die erste Opernpremiere der Wiener Volksoper der aktuellen Saison statt. Erstmals wurde Zar und Zimmermann am 7. Dezember 1904 an der Wiener Volksoper aufgeführt. Für die Wiedereröffnung nach dem Konkurs 1925 entschied man sich ebenfalls für Lortzings Oper und es folgten weitere Inszenierungen in den Jahren 1932 und 1939. 1953, während die Wiener Staatsoper ihren Spielbetrieb in der Volksoper hatte, kam es schließlich zu einer erneuten Inszenierung, welche 1962 wieder aufgenommen wurde. Erst am 30. Oktober 1980 kam es unter der Direktion Karl Dönch zu jener Produktion, welche nun durch die aktuelle abgelöst wurde. Regie, Bühnenbild und Kostüme der aktuellen Produktion lagen in den alleinigen Händen von Hinrich Horstkotte, seiner dritten Arbeit für die Volksoper nach Leo Falls Madame Pompadour und Johann Strauß‘   Eine Nacht in Venedig.

Zar und Zimmermann  –  Albert Lortzing
Youtube Trailer der Volksoper Wien
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Für die Geschichte um Zar Peter I., welcher inkognito als Zimmermannsgeselle Kenntnisse im Schiffsbau erwirbt und gemeinsam mit einem Handwerker, welcher ebenfalls Peter heißt, das holländische Städtchen Saardam und die internationale Diplomatie verwirrt,  schuf Hinrich Horstkotte einen mit blau-weißen Delfter Kacheln verfliesten Bühnenraum, welcher sich durch seitliche Einschübe entsprechend verändern lässt. Blau-weiß mit roten Farbakzenten sind auch die Kostüme und stehen für die Farben der holländischen Flagge, aber auch jener Großbritanniens, Frankreichs und Russlands – also jener Länder, welche diplomatisch in dieser Oper eine wesentliche Rolle spielen.

Horstkotte inszenierte Albert Lortzings Oper mit einer gehörigen Portion Humor. Der Bürgermeister van Bett ist nicht nur aufgeblasen, hier wird er auch wortwörtlich mit einer Fahrradpumpe aufgeblasen. Auf Fahrrädern präsentiert sich auch der von Thomas Böttcher hervorragend einstudierte Chor. Marie, die Ähnlichkeit mit Frau Antje aus der Werbung hat, trägt sogar auf ihrer Haube Windmühlenblätter, der englische Gesandte Lord Syndham trägt das Outfit Sherlock Holmes und natürlich darf auch holländischer Käse nicht fehlen. Selbst der Mond über Saardam sieht aus wie ein angeschnittener Käselaib. Warum der dritte Akt in einer Seniorenresidenz stattfindet, lässt sich nicht ergründen, originell aber der Schluss, wenn Zar Peter am Ende mit seinem Schiff in die Schlussszene einbricht und die Rückwand zum Einsturz bringt um die Menge nochmals zu grüßen.

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann - hier : Carsten Süss als Peter Iwanow, Stefan Cerny als Lord Syndham, Lars Woldt als van Bett, Daniel Schmutzhard als Peter I., Gregor Loebel als General Lefort, Ilker Arcayürek als Marquis von Chateauneuf © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann – hier : Carsten Süss als Peter Iwanow, Stefan Cerny als Lord Syndham, Lars Woldt als van Bett, Daniel Schmutzhard als Peter I., Gregor Loebel als General Lefort, Ilker Arcayürek als Marquis von Chateauneuf © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Neben der Fülle an Slapstick versteht es Horstkotte aber auch die ernsten Themen glaubwürdig herauszuarbeiten. Als van Bett, den Bürgermeister von Saardam, erlebt man Lars Woldt in seinem aufgeblasenen Kostüm, dem es trotz Bewegungs-einschränkung gelingt, das Publikum mit pointiertem Humor zu unterhalten und mit seinem intensiven Bass zu beeindrucken. Sein Gegenspieler, den vom Bürgermeister gesuchten (Zar) Peter, ist Daniel Schmutzhard, der mit unglaublich lyrischem Bariton für den zar, zar peter, entsprechenden Tiefgang sorgte.

Auf gleichem Niveau agiert auch Stefan Cerny als englischer Gesandter Syndham. Großartige Leistungen auch von Ilker Arcayürek als französischer und Gregor Loebel als russischer Gesandter und Carsten Süss als Peter Iwanow. Mara Mastalir ist eine entzückende Bürgermeistersnichte Marie, wobei sie teilweise aufgrund der Regie nicht ihre gewohnten Qualitäten entfalten konnte. Am Höchsten in der Publikumsgunst stand jedoch der wirklich gelungene Holzschuhtanz des Kinderchors, aber das liegt einfach in der Natur der Sache. Auch der Chor der Volksoper Wien konnte das Publikum nachhaltig beeindrucken.

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann - hier: der Holzschuhtanz des Kinderchores © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Zar und Zimmermann – hier: der Holzschuhtanz des Kinderchores © Barbara Pallfy / Volksoper Wien

Christof Prick am Pult des Orchesters der Wiener Volksoper lässt Lortzings Partitur mit viel Schwung und Leichtigkeit erklingen. Auch wenn das Publikum sich in den Pausengesprächen vereinzelt skeptisch zeigte, ließ der Beifall am Ende Anderes erkennen. Mit der vorliegenden Produktion ist der Wiener Volksoper auf jeden Fall erneut eine Produktion gelungen, welche viele Jahre im Repertoire verbleiben wird können.

Zar und Zimmermann an der Volksoper Wien; die weiteren Vorstellungen 30.10.; 5.11.; 15.11.; 19.11.; 28.11.; 2.12.2018

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Rostock, Volkstheater Rostock, Premiere ZAR UND ZIMMERMANN von Lortzing, 14.01.2017

Dezember 24, 2016 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / Zar undZimmermann - Jasmin Etezadzadeh © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / Zar undZimmermann – Jasmin Etezadzadeh © Dorit Gätjen

 ZAR UND ZIMMERMANN von Albert Lortzing

Premiere Zar und Zimmermann: Samstag, 14. Januar 2017, 19:30 Uhr, weitere Vorstellungen 20.1.2017, 25.2.2017

In seiner Spieloper ZAR UND ZIMMERMANN gelingt Albert Lortzing 1837 bei der Uraufführung in Leipzig eine, musikalisch betrachtet, fein erdachte Groteske voller dramatischer Situationskomik: Zar Peter I. arbeitet inkognito als Zimmermannsgeselle unter dem Namen Peter Michailow auf der Schiffswerft in Saardam und freundet sich mit dem Zimmermannsgesellen und Deserteur Peter Iwanow an. Der Bürgermeister Van Bett erfährt, dass sich Zar Peter I. in seiner Stadt aufhalten soll, gelangt aber zur falschen Auffassung, dass es Peter Iwanow sei. Die Verwicklung um die Identitätsfrage, welcher der richtige Peter sei, wird von Lortzing humoresk erweitert, indem so gut wie jeder Arbeiter auf der Werft Peter heißt und plötzlich der englische, französische und russische Botschafter mit jeweiligen Befehlen auftauchen.

Die Zimmermannsepisode basiert auf dem beinahe operettenhaften Lebensabschnitt von Zar Peter des Großen, der 1697/98 namenlos in „diplomatischer Mission“ durch Europa reiste. Schon zuvor hatte der beliebte Stoff Opern geliefert, darunter zu solchen von Grétry und Donizetti. Seinem eignen Libretto hatte Lortzing eine deutsche Fassung des französischen Stücks „Le Bourgmestre de Sardam, ou Les Deus Pierres“ zugrunde gelegt. Die Oper verbreitete sich schnell über die Bühnen, drang sogar vereinzelt ins Ausland, wobei man das Werk in Russland „Flandrisches Abendteuer“ nannte, da ein Zar nicht auf der Bühne erscheinen durfte. Anstelle Peters I. ließ man Kaiser Maximilian auftreten.

Musikalische Leitung: Gerrit Prießnitz / Inszenierung: Anja Nicklich / Bühne und Kostüm: Antonia Mautner Markhof / Choreographie: Katja Taranu / Choreinstudierung: Joseph Feigl

Mit: Grzegorz Sobczak, Daniel Philipp Witte, Oliver Weidinger, Katharina Kühn, Maciej Idziorek, Florian Spiess, Matthew Peña, Jasmin Etezadzadeh, Tim Grambow, Opernchor des Volkstheaters, Tanzcompagnie des Volkstheaters, Norddeutsche Philharmonie Rostock. PMVthRo

Premiere Zar und Zimmermann: Samstag, 14. Januar 2017, 19:30 Uhr, weitere Vorstellungen 20.1.2017, 25.2.2017

—| Pressemeldung Volkstheater Rostock |—

Krefeld, Theater Krefeld, Tschaikowsky-Rarität Mazeppa, IOCO Kritik 25.09.2012

September 27, 2012 by  
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Kritik

Theater Krefeld Mönchengladbach

Tschaikowsky-Rarität

Pjotr Tschaikowsky “Mazeppa“

Premiere am 22.09.2012 / Besuchte Vorstellung am 25.09.2012

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Tschaikowskys 7. Oper, entstanden zwischen “Der Jungfrau von Orleans“ und “Pantöffelchen“, wurde am 15. Februar 1884 am Bolschoi-Theater in Moskau uraufgeführt. Das Libretto von Victor Burenin fußt auf dem Poem “Poltawa“ von Alexander Puschkin. Das Werk war nicht nur in den Theatern des russischen Reiches erfolgreich. Auch im Ausland fand es Anklang. Die ersten Inszenierungen waren in Liverpool (1888), Warschau (1912) Boston (1922), Wiesbaden (1931) und Prag (1934). Die erste Aufführung nach dem 2. Weltkrieg fand im Rahmen des “Maggio Musicale“ in Florenz 1954 statt.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Nun wurde es am Theater Krefeld als Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit gezeigt.

Die Handlung sei kurz erzählt. Der Kosakenhauptmann Mazeppa (übrigens eine historische Figur, wie auch Zar Peter der Große) nicht mehr der Jüngste, liebt Maria, die blutjunge Tochter des Gutsherren Kotschubej und will sie heiraten. Sein Ansinnen wird zurückgewiesen, als eine nicht standesgemäße Verbindung.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Kotschubej verweist ihn des Hauses. Maria, die von Mazeppa vor die Wahl gestellt wurde, sich für ihn oder sich für ihre Familie zu entscheiden, geht mit Mazeppa. Nun intrigiert der Vater und lässt über Marias Jugendfreund Andrej bei Zar Peter Mazeppa denunzieren. Mazeppa stände in Geheimverhandlungen mit dem Schwedenkönig, um sich mit ihm gegen Peter zu verbünden. Der Zar schenkt der Sache keinen Glauben, lässt Kotschubej festnehmen und liefert ihn Mazeppa aus.

Der läßt Kotschubej durch seinen Vertrauten Orlik foltern. Maria erfährt erst über ihre Mutter von der bevorstehenden Hinrichtung des Vaters und versucht diese zu verhindern. Vergebens! Der Vater und sein Freund Iskra sind schon getötet worden. In der Schlacht bei Poltawa unterliegen die ukrainischen Truppen und die Schweden, dem Heer des Zaren.

Andrej, der auf der Seite des Zaren kämpft, trifft verwundet  auf Mazeppa, will ihn hasserfüllt töten und wird dabei selber tödlich verwundet. Maria ist nicht mehr bei Sinnen und erkennt den ehemaligen Geliebten nicht mehr. Mazeppa und Orlik fliehen vor den Siegern und lassen Maria zurück.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Mazeppa © Matthias StutteEs ist ein starkes Stück des Menschenkenners Tschaikowsky, der in fast allen seinen Opern den menschlichen Konflikten, Schmerz, Verzweiflung und Tod, breiten Raum gab. Aber es ist auch eine starke Produktion geworden, gleich stark in der szenischen und musikalischen Realisation.

Die Regisseurin Helen Malkowsky gelingt eine spannende Inszenierung mit anrührenden Szenen, dabei immer die psychologischen, wie auch die politischen Ausmaße beleuchtend. Sehr gut gelungen ist die Personenführung, nicht nur die Solisten, sondern auch der Chor (der nur im 1. Akt etwas statisch wirkte) führt vor, dass hart daran gearbeitet wurde. Die stärksten Momente sind im 1. und 2.Akt. Die Folterung Kotschubejs ist erschütternd, die Szene zwischen Mutter und Tochter im Gefängnis hat eine starke Aussage. Im Schlussbild singt Maria ein Wiegenlied für ihren tödlich verletzten Jugendfreund Andrej. Erschütternd!

An der Dichte dieser Inszenierung sind auch maßgeblich die außerordentliche Bühnenausstattung (Kathrin Susann Brose), wie auch die charakteristischen Kostüme (Alexandra Tivig) beteiligt.

Am Pult gab der neue GMD Mihkel Kütson seinen musikalischen Einstand.

Er zeigte sich als feinfühliger Begleiter. Die starken Impulse die von ihm  ausgingen übertrugen sich auf das vorzügliche Orchester. Es hatte den Anschein, dass die Niederrheinischen Sinfoniker besonders inspiriert waren.

Ein großartiges Sänger-Ensemble war das I-Tüpfelchen dieses Abends.

Mit einer ganz große Leistung bestach der Sänger der Titelpartie. Andreas Schwärsky war nicht nur ein wendiger, präsenter Darsteller, sondern erfreute mit ausdrucksvoller Bariton-Stimme. Prächtig bei Stimme und wie immer intensiv im Spiel begeisterte Hayk Déinyan als KotschubejSatik Tumyan, als dessen Frau Ljuboff, wartete mit satten Orgeltönen auf.

Ein berührendes Rollenporträt kam von Izabela Matula. Sie besitzt einen kräftigen, flexiblen Sopran, den sie schonungslos einsetzte. Ihr Wiegenlied zum Schluss war ein ganz großer Moment dieses großen Abends. Eine ganz große Leistung, gesanglich wie auch darstellerisch, kam von Carsten Süss als Andrej. Erste Kräfte auch bei den kleineren Rollen. Optimal wie immer der gutklingende Chor der Vereinigten Bühnen.

Herzlicher Beifall seitens des Publikums, für ein interessantes Werk und dessen außerordentlich stimmiger Präsentation.

IOCO / UGK / 25.09.2012

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