Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert – Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

 Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung 

von Thomas Thielemann

Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte  australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangte  das 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem New York Symphony Orchestra  unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem New York Philharmonic unter Gustav Mahler  am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20  bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten  Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Myung-Whun Chung  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms  alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem  dritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chung die Bedeutungsschwere  der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen  „Ungarischen Tanz“ nach Hause.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Kulturpalast, Musikfestspiele Dresden 2019 – Birmingham Orchestra, IOCO Kritik, 23.05.2019

Mai 23, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 City of Birmingham Symphony Orchestra –  Musikfestspiele Dresden 2019

Verstolperter Anfang  –  Frauenpower zeigt lebendige Dirigat

von Thomas Thielemann

Einen besonderen Reiz bekommen die Dresdner Musikfestspiele, dass man zeitlich komprimiert die verschieden artigsten Orchester im erst zwei Jahre alten Konzertsaal des Dresdner Kulturpalasts hören kann. Viele dieser Klangkörper hatten noch im früheren Saal gespielt oder sogar abgelehnt unter dessen Bedingungen zu musizieren.

Das City of Birmingham Symphony Orchestra war bereits mehrfach nach dem Umbau zu Gast gewesen und kannte sich mit den Besonderheiten des Konzertsaals aus. Und so galt das besondere Interesse, wie  die aus Lettland stammende Chef-Dirigentin Mirga Gražinyté-Tyla die Nachfolge von Sir Simon Rattle und Andris Nelsons meistert.

Das Konzert wurde mit György Ligetis faszinierentem Concert  Romanesc begonnen. Eigentlich als Einstimmung auf das geplante 5. Prokofjew – Klavierkonzert gedacht, erreichte es doch als eigenständige Darbietung  seine Wirkung. Ligeti (1923-2006) hatte das Werk nach schwierigen Kriegserlebnissen 1951 in Budapest komponiert. Unter den Eindrücken der politischen  Entwicklungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte er in der Mitte der neunziger Jahre seine frühe Arbeit überarbeitet und „als eine autobiographische Momentaufnahme“ bezeichnet.  Die beiden ersten Sätze, eine Ballade-Andantino  und ein schneller Tanz aus der Urfassung gehen übergangslos zum komplexen langsamen 3. Satz über. Das Finale, gleichsam sofort angeschlossen, findet dann in einer noch moderneren Klangsprache statt.

Dredner Musikfestspiele 2019 / Dirigentin Mirga Gražinté-Tyla © Benjamin-Ealovega

Dredner Musikfestspiele 2019 / Dirigentin Mirga Gražinté-Tyla © Benjamin-Ealovega

Die 1986 geborene Dirigentin Mirga Gražinté-Tyla, seit 2016 mit dem Chefposten beim City of Birmingham Symphony Orchestra betraut, hat vom ersten Takt das Heft in der Hand. Mit geraden klaren Schlägen der Arme zeigt sie die Taktwechsel fast Metronom-artig an.

Das wirkt zwar sehr diszipliniert. Aber dass sie ihr stürmisches Temperament nur schwer zügelt, bemerkt man, wenn sie einen Einsatz mit einem angedeuteten Luftsprung begleitet. Ihr selbstgewählter Namenszusatz Gražinyté-Tyla“ ist ihr auch immer Mahnung, denn Tyla bedeutet im Lettischen „Stille“ oder „schweigen“. Aber dankenswerterweise gelingt  die Dämpfung nicht immer und so wirkte ihr Dirigat immer lebendig.

Eigentlich sollte nun Sergej Prokofjews  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 G-Dur mit der Solistin Yuja Wang folgen. Nach  der gesundheitlich bedingten Absage von Yuja Wang hatten die Konzertorganisatoren mit Patricia Kopatschinskaja eine der fantasievollsten Geigerinnen unseres Konzertbetriebs als Solistin gewonnen, statt dessen Tschaikowskis D-Dur-Violinkonzert mit dem City of Birmingham Orchestra zu spielen.

Robert Schumann Büste © IOCO

Robert Schumann Büste © IOCO

Als aber dann noch Frau Kopatschinskaja nicht zur Verfügung stand, half der Festspielleitung nur noch, einen Konzertflügel aufs Podium zu schieben und Gražinnyte-Tyla zu bitten, mit einer emotionalen Ansprache dem Auditotium den jungen Amerikaner Kit Armstrong und ausgerechnet mit Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll schmackhaft zu machen.

Dieses 1845 wenige Schritte vom Kulturpalast von Clara Schumann uraufgeführte Meisterwerk gehört in Dresden zu den populärsten Kompositionen und ist  in den verschiedensten Interpretationen mit den unterschiedlichste Qualitäten zu Gehör gebracht worden. Aber was der „Einspringer“ uns da geboten hatte, da passte eigentlich Garnichts. Die Dirigentin ließ den Orchesterpart sauber nebenher spielen und machte dem Mann am Klavier keine zusätzlichen Schwierigkeiten. Ob Armstrong dann ob seines Mutes von den Zuhörern gefeiert wurde? Zumindest bedankte auch er sich mit einer auf unseren Plätzen nicht verständlichen Ansprache .

Natürlich war es nun schwierig, nach der Pause mit Johannes Brahms zweiter Sinfonie dem Konzert ein Mindestniveau zu geben. Die Dirigentin leitete auch bei Brahms  ihr Orchester klar, transparent und bis zu einem gewissen Grad auch flexibel. Auch wenn nicht jedes Detail ihrer Ansagen bei ihren Musikern ankam, so war doch eine frische Aufführung der „zweiten Brahms“ in einem mittleren Tempo zu Stande gekommen. Beeindruckt hatte letztlich György Ligetis „Concert Romanesc“.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

 

Hellerau, Festspielhaus, Peter Eötvös – Konzerte zum 75. Geburtstag, IOCO Kritik, 14.01.2019

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös - Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös – Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau

Peter Eötvös – Konzertabende zum 75. Geburtstag

Mit dem  –  Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle

Von Thomas Thielemann

Wie werden zwei verschlungene Kaffeetassen Teil einer Komposition? Ist es ein Fehler, wenn der Schlagzeuger die Drumsticks während des Stückes fallen lässt? Welchen Klang kann das letzte Röcheln des sterbenden Martin Luther King schön klingen lassen? Da helfen nur Blicke in die Werkstatt eines der kreativsten Komponisten unserer Zeit!

Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, dass das Schaffen des amtierenden Capell-Compositeurs der laufenden Konzertsaison in einem Portrait-Konzert interessierten Musikern des Orchesters und Freunden der Staatskapelle nahe gebracht wird. Das waren bisher stets interessante und zeitlich ausgedehnte Abende. Auch das Portraitkonzert mit Peter Eötvös im Festspielhaus Hellerau dauerte am 11. Januar 2019 von 19 Uhr bis 23 Uhr 30.

Für Peter Eötvös, der am 2. Januar 1944 im damals zu Ungarn gehörigem und jetzt rumänischen Odorheiu Secuiesc geboren worden ist, wurde das Konzert zur Feier seines 75. Geburtstags. Er gehört als Komponist, Dirigent und Lehrer zu den bedeutenden den Musikern unserer Zeit. Seine Musik ist vom Einfluss verschiedener Komponisten geprägt und häufig von äußeren Einflüssen inspiriert. Dabei bedient er sich erweiterter Techniken, um Klangfarben und Klangwelten zu erschließen.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes  - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Mit der Uraufführung seiner Huldigung Per Luciano Berio, seinem The Gliding oft he Eagle in The Skies sowie seinem Memorial für die verunfallten Astronauten Seven hatte er in Dresden bereits, unter anderem als Dirigent, Teile seines kompositorischen Schaffens beeindruckend vorgestellt.

Ein Kammerorchester, Solisten der Sächsischen Staatskapelle und einige Gäste hatten zehn weitere Proben aus der Komponier-Werkstatt des Peter Eötvös herausgesucht und zum Teil mit den Quellen seiner Inspirationen verbunden. Diese reichten von Samuel Beckett, Domenico Scarlatti, Claude Debussy, Igor Strawinsky bis zu Juri Gagarin. Selbst Beobachtungen in seinem Garten hatte Peter Eötvös zu interessanten musikalischen Einfällen genutzt.

Das „Levitation“ für Streichorchester handelt von vier Formen eines im übertragenen Sinne schwe-benden Stoffwechsels, gleichsam eine Interpretation eines surrealistischen Bildes. Die Soloklarinettisten Robert Oberaigner und Jan Seifert sorgten mit warmen, dynamisch flexiblem Ton, dass das Phänomen Menschen oder Gegenstände auf unerklärbare Weise zum Schweben zu bringen plastisch hörbar wurde, bevor ein Akkordeonspieler die Erdung der Zuhörer wieder herstellt.

Den Abschluss des Abends bildete dann ein, ursprünglich von Gagarins Flug angeregtes Stück für zwei Klaviere. Die beiden Flügel waren bis an die Randgebiete der Spielfläche in etwa 25 Meter Abstand platziert worden. Auf Wunsch konnten wir uns ziemlich exakt zwischen beide Instrumente setzen, so dass das das Spiel der Emi Suzuki das rechte Ohr und der Klang von Petr Popelka das linke Ohr dominierten.

Damit kamen die Themenvorgaben des einen Klaviers bevorzugt am rechten Ohr an, während die Aufnahme und Ausarbeitung der Themen des zweiten Instruments vom linken Ohr aufgenommen worden sind. Die Zusammenführung der beiden Impulse im Hörzentrum des Gehirns der privilegierten Hörer hatte eine phantastische Hörerfahrung zur Folge. Petr Popelka, eigentlich Kontrabassist der Staatskapelle und Emi Suzuki fühlten sich in diesem voller Überraschungen steckenden Kosmos pudelwohl und beendeten den langen Abend mit abrupten Schlägen, langen Triller-Ketten und heftig auseinanderspringenden Akkorden. Im Talk äußerte sich Peter Eötvös recht begeistert, dass er an einem Abend eine derartige Vielfalt seiner Arbeiten in einer so hohen Qualität erleben durfte.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Haben wir erst kurz vor der Mitternacht das Festspielhaus Hellerau verlassen, so trafen wir uns bereits am folgenden Tag um 10 Uhr in der Generalprobe des um 19 Uhr in der Semperoper beginnenden 5. Symphoniekonzerts der Saison. Lionel Bringuier, leitete bei seinem Orchesterdebüt die Sächsische Staatskapelle, wieder in Anwesenheit des Komponisten zunächst die Aufführung von Peter Eötvös zeroPoints für Orchester.
Wie so typisch für den Komponisten, hatte er sich diesmal von Pierre Boulez Komposition Domaines anregen lassen. Boulez zählte dabei die Takte als 1; 2; 3; etc. Eötvös wollte dieser ganzzahligen Welt etwas entgegensetzen und teilt deshalb seine Komposition in die neun Abschnitte 0.1; 0.2;…..0.9, die er allerdings ohne Übergang zusammenfasst.

Die Abschnitte sind auch nicht gesondert charakterisiert, so dass über 17 Minuten unterschiedliche musikalische Ausdrucksarten auf den Hörer einstürzen. Das erfordert natürlich vom Hörer, dass er sich auf diese Musik einlässt und seiner Einbildungskraft freien Lauf lässt.

Am Beginn scheint man Vogelgezwitscher zu hören, das sich zu einer Menagerie steigert. Danach folgen feierlich anwachsende und wieder verklingende dunkle Bläserstimmen gefolgt von einer resoluten Auseinandersetzung unterschiedlicher Instrumentengruppen untermalt von gleitenden Paukenschlägen. Dem folgt eine Phase der Beruhigung, in der Perkussionsinstrumente dominieren. Ein erneutes Aufflackern des Motivaustauschs, der zu einer choral-artigen Phase führt. Eine abrupte Beruhigung mit Pianissimo untermalten Holzbläser-Melodien, gefolgt von sehnsuchtsvollen Rufen hoher Klänge, die eine Mondlichtstimmung über einer Wasserfläche assoziieren könnte. Aufgenommen von wellenförmigen Blechklängen leiten wieder Celesta und Perkussions-Klänge zur Schlusssteigerung von Klavier, Harfe und Schlagzeug, die mit gedämpftem Metallophon abschließt.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Lionel Bringuier dirigierte das Werk akzentuiert und die Musiker des Orchesters folgten ihm ernst-haft, sehr diszipliniert und konzentriert. Erwartungsgemäß hatte sich das recht konservative Publikum nur zum Teil auf die Klangfolge einge-lassen, so dass es nur freundlichen Beifall gab. Abgeschlossen wird die „Geburtstagsfeier für Peter Eötvös“ mit dem Konzert für Orchester Sz. 116 des  Eötvös-Landsmanns Béla Bartók.

Eötvös hatte Bartók als seinen Maßstab charakterisiert. Nicht nur als Künstler, sondern auch in seiner moralischen Haltung als Weltbürger, vergleichbar mit einem Weltbaum, dessen Wurzeln in der Transsilvanischen Heimatstehen, dessen Äste aber die ganze Erde überdecken. Das Konzert, 1943 von Béla Bartók mit 62 Jahren nach seiner USA-Emigration geschrieben, gehört zu seinen bekanntesten und zugänglichsten Werken.
Lionel Bringuier bot eine spannungsgeladene Interpretation, voller Emotionen und Detailreichtum. Die Staatskapelle spielte alle Ecken und Kanten der Partitur, lässt nichts unbelichtet, kein Schlagzeugeffekt geht unter.

Zwischen diesen beiden Stücken spielte Yuja Wang mit dem Orchester das im sächsischen Raum häufig und dabei unterschiedlich ausgelegte a-Moll-Klavierkonzert von Robert Schumann. Die Pianistin beeindruckt mit ihrer Technik, ihrer instinktsicheren Virtuosität, ihrer starken Interpre-tation und ihrem erfrischend unkonventionellen Auftreten bei einer etwas kühl-akzentuierten Darbietung. Dank ihres Vermögens, sich komplett auf die Musik einzulassen, haben die glamourösen Äußerlichkeiten letztlich keine Bewandtnis.
Mit diesem in Dresden uraufgeführtem Werk beginnt die Sächsische Staatskapelle Dresden gleichsam die Erinnerungen an den 200. Geburtstag der Erstaufführenden Clara Schumann.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Hellerau |—

Berlin, Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko – Dukas, Prokofjew, Schmidt, IOCO Kritik, 18.04.2018

April 18, 2018 by  
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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie Foto: © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko, Yuja Wang –  Berliner Philharmoniker 

12.April 2018  –   Berliner Philharmonie

Von Karola Lemke

Kirill Petrenko, der feinfühlige designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und vielleicht der gefragteste Drigent unserer Zeit, präsentierte gemensam mt den Berliner Philharmoniker zwei klangvolle Raritäten: Paul Dukas‘ irisierende Tondichtung La Péri und Franz Schmidts  Vierte Symphonie. Dazwischen erklang Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3, mit der Pianistin Yuja Wang.

Petrenko begann seine internationale Karriere nach dem Weggang von der Komischen Oper (2001-2007). Freischaffend wirkte  Petrenko in 2000 am Maggio Musicale Fiorentino, 2001 an Wiener Staatsoper und der Semperoper Dresden, 2003 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Opéra National de Paris, Royal Opera House Covent Garden in London, Bayerische Staatsoper, Metropolitan Opera in New York, 2005 an Oper Frankfurt. Seit 2013 ist Kirill Petrenko Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Die chinesische Pianistin Yuja Wang  hatte 2003 ihr Europadebüt. Im Jahr 2009 spielte sie mit Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra das Klavierkonzert des heutigen Abends. 2016 war sie Artist of the Year 2017 der US-amerikanischen Zeitschrift Musical America

Paul Dukas  –  La Péri, Poème dansé

Dukas war Komponist, Kritiker und Mitglied der Fakultät am Pariser Konservatorium. Er war als Komponist sehr selbstkritisch und vernichtete zahlreiche seiner Werke, so dass er nur 25 Kompositionen hinterlassen hat.
La Péri wurde 1911 geschrieben und wurde von den Ballets Russes in Auftrag gegeben. Die Fanfare für Blechbläser, die das Werk öffnet, wurde zu einem späteren Zeitpunkt komponiert und zu Beginn des Werkes eingefügt, da das ursprüngliche Tongedicht sehr leise beginnt. Dukas nannte das Stück ein „Tanzgedicht in einer Szene“ und es ist sein letztes veröffentlichtes Werk. Die Uraufführung war am 22.04.1912.
Die Geschichte des Balletts stammt aus einer alten persischen Legende. Ein Prinz namens Iskender (Prinzenthema in den Holzbläsern) reist auf der Suche nach der „Blume der Unsterblichkeit“ ans Ende der Welt. Er findet einen gefallenen Engel (La Péri), der mit einer Lotusblume in der Hand eingeschlafen ist. Er stiehlt die Blume, die Péri wacht auf, tanzt und durch ihren Tanz nimmt den Lotus zurück. Peri´s Tanz nimmt die Hälfte des Stückes ein. Die Lotusblume war die Blume der Unsterblichkeit und ohne sie stirbt der Prinz langsam.Seit 50 Jahren wurde dieses Werk nicht mehr von Berliner Philharmonikern gespielt.
Petrenko breitet einen musikalischen Zauberteppich aus den drei Ebenen der Peri, des Prinzen und der Zauberwelt aus. Nach einem fast unhörbaren Beginn entfaltet sich das 19 minütige Werk tänzerisch, spärisch. Das Beeindruckendste ist die Art, wie Petrenko dieses Werk präsentiert und mit wieviel Engagement die Berliner Philharmoniker ihm folgen.

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Sergej Prokofjew  –  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26
Yuja Wang Klavier

Das 3. Klavierkonzert ist das mit Abstand am meisten gespielte Konzert Prokofjews.
Nach der zärtlich schwelgerischen Eröffnung durch die Klarinetten setzt nach kurzer Weiterführung durch die Streicher das Klavier ein und steigert sich nach Durchführung in der Reprise zu einem wahnwitzigen Tempo.
Yuja Wang spielt den Klavierpart technisch virtuos. So virtuos, daß es ungewöhnlichen Beifall nach dem ersten Satz aus dem Publikum gibt. Diese technische Perfektion blieb das Herausragende am Spiel Yuja Wang´s an diesem Abend. Man hätte sich ein engeres Zusammenwirken mit dem Orchester gewünscht.
Petrenko stellt dem eine fast durchsichtige Orchesterführung gegenüber, die im Orchesterklang auch die Raffinessen des Stückes hörbar macht.

Franz Schmidt  –  Symphonie Nr. 4 C-Dur

Die Sinfonie in C-Dur ist die vierte Sinfonie des östereichischen Komponisten Franz Schmidt (1874-1939) wurde 1933 komponiert und am 10. Januar 1934 in Wien uraufgeführt. Diese Sinfonie ist ein Requiem für seiner Tochter Emma, die bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1932 starb. Der gesundheitlich angeschlagene Schmidt erlitt danach einen totalen Zusammenbruch.Dirigent der Uraufführung (46min.) mit d en Wiener Symphonikern war Oswald Kabasta, der das Autograph der vierten Symphonie an das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gab.

Der erste Satz beginnt mit einem Solotrompeten-Thema (Gábor Tarkövi), der Stimme des Schicksals.  Franz Schmidt äußerte dazu lt. Karl Trötzmüller: Es ist sozusagen die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt.“

Ein Solo-Cello (Ludwig Quandt) führt in das Adagio mit seiner Tonart B-Dur, der Mittelteil steigert sich zu immensem Ausdruck, ehe das Solo-Cello in das ursprüngliche Adagio-Tempo zurück führt, und es ist das Cello, das die elegische Bewegung zu einem Ende bringt, gefolgt vom Echo der gedämpften Trommeln.
Das Scherzo, in b – moll, scheint eine Fuge vorzuschlagen, wobei das Viola – Thema von den zweiten Violinen beantwortet wird, bevor andere Ideen eingreifen, wobei das bahnbrechende Anfangsthema erneut erscheint.
Das Thema kehrt mit dem ersten Horn über einem begleitenden Trommelwirbel zurück und wird von vier Hörnern fortgesetzt. Dieses bildet die Reprise, die mit dem Trompetensolo des Anfangs, jedoch auf höherem geistigen Niveau endet.

Bei dieser Symphonie Nr. 4 zeigt Petrenko erneut, was intelligentes, emphatisches Dirigat bedeutet. Er spannt einen so dichten Bogen über die vier Sätze der Symphonie, in deren genauer Mitte der Todesmarsch für Emma liegt, dass die Aufführungsdauer nur 40 Minuten beträgt.  Konzentriert führt er die Berliner Philharmoniker zum ersten, zweiten, dritten Aufschrei der Trauer. Diese tragischen Ausbrüche sind erschütternd.
Zart leitet die Trommel im weiteren Verlauf zur Solotrompete über, aufkeimende Hoffnung in den Steichern, weitergefürt von der Solovioline und endet im Trugschluß ehe das Trompetensolo des Anfangs das Werk beendet.

Besonderer Dank gilt ebenso Gábor Tarkövi, Ludwig Quandt wie allen anderen Solisten der Berliner Philharmoniker, deren großartige Leistung vom Publikum gewürdigt wurde. Im August 2019 nimmt Kirill Petrenko seine Tätigkeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auf. Man darf gespannt sein. An 12. Aprilo 2018 harmonierten der designierte Chef und die Berliner Philharmoniker ganz wunderbar.

 

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