Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – Idomeneo – Titus, IOCO Kritik, 08.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Idomeneo – La clemenza di Titus – Wolfgang Amadeus Mozart

Internationale Maifestspiele 2019

von Ingrid Freiberg

Die Internationalen Maifestspiele 2019 in Wiesbaden stehen unter dem Motto „Die Stille dazwischen“. Das Genie Mozart ist Mittelpunkt der Festspiele. „Die Stille dazwischen“ ist ein Kerngedanke des Komponisten: „Die Musik steckt nicht in den Noten, sondern in der Stille dazwischen…“

Mit dem Mozart-Doppelprojekt Idomeneo und Titus, in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, der Musikalischen Leitung von Mozartspezialist Konrad Junghänel und der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg wird sein Schaffen vom Anfang und vom Ende her beleuchtet. Zwei Opern über zwei Herrscher, die auch das Heutige reflektieren: Machtstrukturen, Heimat haben und nehmen… Kreta ist vom Krieg verwüstet, trojanische Flüchtlinge und Naturkatastrophen bedrohen Idomeneos Insel. Titus hingegen ruft im glänzenden Machtzentrum Rom gegen die destruktiven politischen Ränkespiele Gnade und Vergebung als oberste Staatsräson aus. In beiden Werken verzweifeln Menschen an den Prüfungen, die ihnen auferlegt werden. Mozarts Musik lässt Utopie und Abgrund als zwei Seiten einer Medaille erscheinen.

Idomeneo – Wolfgang Amadeus Mozart
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Idomeneo

Mit 24 Jahren ließ Mozart noch keine „Köpfe“ rollen. Als er Idomeneo, ein Auftragswerk für den Münchner Fürst Karl Theodor schreibt (Uraufführung 1. Fassung 1781 in München, 2. Fassung 1786 in Wien), fügt er sich noch den Zwängen übergeordneter Autoritäten und komponiert als Dramma per musica auf ein vorgegebenes Libretto. Freilich nur nach außen hin – hinter der steifen Formfassade brennt sein Unabhängigkeitsfeuer längst lichterloh. Idomeneo ist Mozarts Sturm-und-Drang-Oper, womöglich sein wildestes Werk überhaupt. Mozart hielt sie für seine beste: ein spannungsgeladenes Menschwerdungsdrama. Seine enormen seelischen Emotionen vermochte der Komponist musikalisch in lyrischen wie in melancholischen Stimmungen zu spiegeln, in eruptiven Koloraturen und groß angelegten Chören. Es sind Botschaften der Aufklärung und des humanistischen Gedankens.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung

Idomeneo ist die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, den die Zerstörung bis in die Heimat verfolgt. Als Preis für die glückliche Heimkehr hat er dem Gott des Meeres einen Menschen als Opfer versprochen. Mozarts große Choroper ist eine Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung, in der Naturgewalten und Kriege unter großen Entbehrungen überstanden werden müssen. Immer noch aktuell: Der Generation der Kinder wird auferlegt, Prüfungen zu bestehen und das Leben in eine heilere Welt zu überführen.

Stringente Herleitung aus der Musik

Dramaturgisch ist das Werk nach wie vor schwer zu knacken. Eric Uwe Laufenberg verbindet die erste Fassung (1781, München) mit der zweiten (1786, Wien), streicht bzw. ergänzt, nimmt aus beiden das Beste. Er überträgt Arien und Rezitative des Arbace auf den Oberpriester und erhöht damit das Geschehen. Schwerpunkt seiner Regie ist die stringente Herleitung aus der Musik. Laufenberg jongliert souverän in einem ästhetisch stark reduzierten Streifzug, erzählt eine zeitnahe Geschichte von komplexen Verwirrungen aus Schicksalsschlägen und Liebesleiden. Sein Idomeneo ringt um Macht, will trotz Krieg und Naturgewalten daran festhalten – bis hin zum Undenkbaren, seinen Sohn für eine bessere Zukunft zu opfern. Es ist eine rätselhafte Welt, in der der Meeresgott Neptun das Geschehen zu lenken scheint. Erst am Ende, wenn die Stimme des Orakels aus dem Off den Machtwechsel als überirdischen Kompromiss zwischen Meeresgott und Erdenwelt anordnet, überträgt Idomeneo seine Macht auf Idamante. Eric Uwe Laufenberg gelingt es, durch die vielfältigen Gefühlswelten zu führen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Schöpferische Phantasie und szenische Ästhetik

Seit langem stehen die Ausstattungen von Rolf und Marianne Glittenberg für schöpferische Phantasie, szenische Ästhetik und handwerkliche Perfektion. Die ethnologisch betonten Kostüme in vielgestaltigen Farben von Marianne Glittenberg für den Chor, und nicht zuletzt die prächtigen Gewänder von Idomeneo und Idamantes sind eine Augenweide. Der Bühnenrundraum von Rolf Glittenberg zeigt eindrucksvoll eine auseinandergeborstene Weltordnung. Es ist eine trostlose Trümmerwüste zwischen kaltem Beton, ein vor- bzw. nachzivilisatorischer Raum mit einem von Bomben zerschossenen Durchbruch, der erlaubt, auf das sich langsam wie auch stürmisch bewegte Meer zu blicken. Gérard Naziri (Video) und Andreas Frank (Licht) unterstützen diese Konzeption aussagekräftig.

Überzeugende Leistungen

Das Sänger-Ensemble bleibt den anspruchsvollen szenischen Herausforderungen nichts schuldig; hervorzuheben sind dabei die schauspielerischen Leistungen. Mirko Roschkowski, ein „Tenor zwischen Samt und Drama“, fesselt als Idomeneo durch seine intensive Verkörperung des traumatisierten Königs. Er ist keiner der femininen Mozart-Tenöre. Sein viriler Kern bekommt der Titelrolle ebenso gut wie die sanfte Belcanto-Politur, mit der er seine Partie veredelt.

Idamante und Ilia sind ein Paar, das seine Liebe hingebungsvoll lebt. Beide verschmelzen auf betörende Weise in den Liebesduetten. Der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim (Idamante) betört mit seinem dunkelrubinroten Timbre. Patriotisch. Bewegt. Erotisch. Im Lauf des Abends wird er immer mehr zu einer männlichen Figur, der man alle innere Zerrissenheit zwischen Folgsamkeit und Liebespassion abnimmt. Er emanzipiert sich… Slávka Zámecníková (Ilia) singt bei ihrem Rollendebüt berückend mit fulminant aufblühendem Sopran. Aus der Barbarin wird ein menschliches Wesen. Ihre feenhafte Interpretation, die zarte Vielfalt der Farben, verbunden mit ihrer stimmlichen Beweglichkeit überzeugen. Die furiose Elettra von Netta Or ist fordernd, leidend, zerbrochen. Nach ihrem bewegenden „Idol mio, se ritroso“ wünscht man ihr Liebe und Krone, und nicht, dass sie am Ende von Leichen umgeben in der Versenkung verschwindet. Ihre Furien-Dramatik gipfelt rachelüstern mit beachtlicher Koloraturtechnik in einer wild ausfahrenden Hass-Arie.

Eine besondere Rolle kommt dem Charaktertenor Rouwen Huther (Oberpriester) zu. Er übernimmt Arien und große Teile der Rezitative des Arbace und kann Idomeneo, der ihm von seinem Schwur erzählt, dominieren. Fein ausdifferenziert und nuanciert gewinnt seine Stimme mit exquisitem Timbre. Young Doo Park (Stimme des Orakels) vermittelt mit seiner Riesenstimme und sonoren Tiefe die Autorität Neptuns. Neben den vor Eifersucht getriebenen Rachegesängen Elettras, den lyrisch eindringlichen Arien Ilias und den Reflexionen Idomeneos steht das Quartett im 3. Akt „Andrò ramingo e solo“ mit Eka Kuridze, Barbara Schramm, Koan-Sup Kim und Slawomir Wielgus im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Mehr als durch Albert Horne ist aus dem Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kaum herauszuholen: Er ist mit hoher Intensität ein wuchtiges Metaphern-Kollektiv, ein echter Hauptrollen-Gegenpart – klanglich wie darstellerisch souverän.

Konrad Junghänel lässt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden auf Festspiel-Niveau mit Klangkultur und federnder Geschmeidigkeit aufblühen. Dezent, zielgerichtet und sensibel blüht Mozarts experimentellste Opernpartitur in all ihren Facetten auf: die machtvolle Feierlichkeit der Ouvertüre, die fast schon impressionistisch getönte Empfindsamkeit Ilias etwa in ihrer „Zephyretten-Arie“ oder die expressive Wucht der großen Chorszenen… fein, von den Celli bis zu den Hörnern in der kleinsten Phrase ausformuliert. Das ist schlicht großartig!

Das Publikum spendet allen Mitwirkenden herzlichen Applaus. Die Vorfreude auf den kommenden Opernabend ist geweckt, auf Titus, der inhaltlich mit Idomeneo verbunden wird und doch Raum lässt für eine Einzelbetrachtung: zwei Herrscher in prekären Situationen, die sich redlich Mühe geben, das Richtige zu tun, und dabei unter dieser Bürde leiden. Der eine soll den eigenen Sohn töten, weil er in Lebensgefahr den Göttern ein unkluges Versprechen gab, der andere soll selbst sterben, weil eine enttäuschte Frau ein rachedurstiges Komplott plant. Es bleibt spannend!

 La Clemenza di Tito  – Wolfgang Amadeus Mozart
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La Clemenza di Tito – Die Milde des Titus

La clemenza di Tito (Die Milde des Titus) ist eine Lobeshymne, eine Huldigungsoper, ein Dramma per musica in zwei Akten. Die Uraufführung fand 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag aus Anlass der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen statt. Sie erzählt die Geschichte um Macht, Intrigen und das milde Vergeben des römischen Herrschers Titus, der sein Volk versöhnt, den Staat befriedet und selbst dem Attentäter Sesto verzeiht. Damit brachte Mozart seine Vision des friedvollen Zusammenlebens musikalisch zum Ausdruck.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Bomben auf das Wiesbadener Kurhaus

In einer durchorganisierten sterilen Zentrale übt Titus seine Macht in Form von Milde aus und gerät in Konflikte, weil seine Gnade als Zumutung gesehen wird. Seine unbegrenzte Gnade geht soweit, dass er auch jenen verzeiht, die ihn töten wollen. Er macht sich zu einem gottähnlichen Herrscher. In seinem Machtsystem gibt es keinen, der das aushält. Im inneren System des Staates sind Umsturz, Attentate und Machtübernahmen bis hin zur Folter möglich. Herrschaft mit Gnade kann auch grausam sein. Uwe Eric Laufenberg erzählt den Titus-Stoff packend, dicht an unserer gesellschaftlichen Realität. Es gelingt ihm aufzuzeigen, wie zeitlos Machtmissbrauch und Intrige, die eigentlichen Inhalte von Mozarts Oper, immer waren und immer sein werden. Das Rezitativ „Oh Dei, che smania è questa“ singt Silvia Hauer (Sesto) – sehr passend aus der Kaiserloge – und wirft per Videoprojektion Bomben auf den römischen Titusbogen /Wiesbadener Kurhaus, dessen Inschrift in „Divo Vespasiano Augusto“ umgewidmet wird. Die Flammen lodern hell auf… Ein toller Regieeinfall und einer der Höhepunkte des Abends. Ein guter Ausgang war der Regie offenbar unheimlich. Vitellia trinkt Gift!

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Entgegen dem Bühnenrundraum von Idomeneo, in dem Empathie ausgelebt werden kann und der durch Farben bestimmt ist, strahlt der gleiche Raum in Titus Kühle aus. Durch eine große weiße Treppe wird hierarchisch geregelt, wer oben und wer unten steht. Auf dieser monumentaler Treppe kommt der Chor vortrefflich zur Geltung. Rolf Glittenberg gelingt ein überzeugender – optisch vergleichender – Übergang zwischen den beiden „Herrscher-Opern“. Die Kostümdesignerin Marianne Glittenberg unterstreicht die römischen Machtstrukturen mit schwarz-weißer Businesskleidung, die Zuordnungen zulässt.

Emotional und spannend

Mirko Roschkowski ging das Wagnis ein, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden beide Titelpartien zu singen, was ihm voll umfänglich gelingt. Er ist als Titus ein Aggressor als Vergebungskaiser mit klarer und eleganter Definition, wie für Mozart notwendig, dabei mit sorgfältig dosiertem Schmelz ausgestattet. Martialisch schmettert er die emotionalen Ausbrüche des Kaisers heraus und beweist an anderer Stelle mit langem Atem und großer Beweglichkeit seine Qualitäten. Auch szenisch, mit zerrissener Präsenz, kann er punkten.

Olesya Golovneva als machtgierige Vitellia glänzt mit blitzsauberen nuancenreichen Koloraturen und lebt ihre Rachsucht und Lüsternheit darstellerisch voll aus. Besonders eindrucksvoll ihr Rezitativ „Ancora mi schernisce?“, mit dem sie Sesto davon überzeugt, Titus zu ermorden. Außerordentlich und fast zu Tränen rührend ist der Sesto von Silvia Hauer. Mit großer Stimme, die sie biegsam und fein abgestuft durch alle Register führt, sprüht sie vor Energie, körperlicher Bühnenpräsenz und emotionsstarker Gestaltungskraft. Ihre Fermaten und Pianomomente betonen „Die Stille dazwischen“. Lena Haselmann singt den Annio mit Grandezza, Schönheit, apart mit schauspielerischer Fantasie. Ihr schlanker Mezzosopran mischt sich im Liebesduett ideal mit dem frischen, brillierenden Sopran und dem feinsinnig lustvollen Spiel von Shira Patchornik als Servilia.

Young Doo Park (Publio) repräsentiert die Macht des Volkes, verfügt über die Durchsetzungskraft, die Titus fehlt. Mit sicher geführter Stimme, markig, aber auch samtig weich, ist er auffällig präsent. Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen des Chores des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bei diesem Mozart-Doppelprojekt über ca. sechs Stunden sind eine beeindruckenden Glanzleistung. Unter der Leitung von Albert Horne gewinnt er immer mehr an Kontur.

Besonders berührt der Soloklarinettist Adrian Krämer, der auf die Treppe kommt und atemberaubend die Arie „Parto, ma tu ben mio“ des Sesto begleitet. An dieser Stelle leuchtet Mozarts Musik herrlich auf. Im zweiten Akt spielt er das Bassetthorn zu Vitellias Arie „Non più di fiori“ von einer der beiden Proszeniumslogen.

Auch am zweiten Abend gelingt es Konrad Junghänel das Hessische Staatsorchester Wiesbaden transparent, elegant, präzise – immer im Sinne einer mitreißenden Mozart-Konturierung aufleuchten zu lassen. Er lässt immer wieder Stille zwischen die Takte, verlangsamt oder beschleunigt zu exzellierenden Genussstrecken, die Eingangs- und Schlussphrasen mottoartig verlangsamend, den motorischen Hauptteil kräftig angezogen. Diese Höchstleistung war nur zu realisieren, indem die Mitglieder des Orchesters für beide Opern aufgeteilt wurden, somit wurde eine effektivere Probenarbeit ermöglicht.

Aufwühlende, inspirierende Opernabende mit viel Beifall.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Salome – Richard Strauss, 16.02.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Salome –  Richard Strauss (1864 – 1949)

Premiere Samstag, den 16. Februar 2019, um 19.30 Uhr, die nächsten Vorstellungen : 21. & 24. Februar 2019, jeweils 19.30 Uhr

Salome von Richard Strauss ist in einer Neuinszenierung des französischen Künstlerkollektivs Le Lab – Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange in Wiesbaden zu erleben.

Sera Gösch singt ihr Debüt in Wiesbaden als Salome. Frank van Aken gastiert an allen großen internationalen Opernhäusern und übernimmt die Partie des Herodes. Andrea Baker, zuletzt als Ulrica in Verdis Ein Maskenball, singt Herodias. Thomas de Vries, der gefeierte Sixtus Beckmesser in Wagners Meistersinger, ist als Jochanaan zu erleben. Simon Bode, des Wanderes Stimme in der Ballettproduktion Eine Winterreise, singt Narraboth.

Musikalische Leitung GMD Patrick Lange Inszenierung, Bühne, Kostüme Le Lab – Jean-Philippe Clarac, Olivier Deloeuil Licht Christophe Pitoiset, Oliver Porst Video Jean-Baptiste Beïs Dramaturgie Luc Bourrousse, Regine Palmai

Herodes Frank van Aken, Herodias Andrea Baker, Salome Sera Gösch, Jochanaan Thomas de Vries, Narraboth Simon Bode,  Ein Page Silvia Hauer 1. Jude Rouwen Huther 2. Jude Erik Biegel 3. Jude Christian Rathgeber 4. Jude Ralf Rachbauer 5. Jude Philipp Mayer

1. Nazarener Young Doo Park 1. Soldat/2. Nazarener Daniel Carison 2. Soldat Doheon Kim Ein Capadocier Nicolas Ries Ein Sklave Maike Menningen
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Im Anschluss an die zweite Vorstellung am Donnerstag, den 21. Februar 2019, findet ein Nachgespräch mit Mitwirkenden der Produktion im Theaterfoyer statt. Der Eintritt ist frei.

Salome ist auch während der Internationalen Maifestspiele 2019 mit Gun-Brit Barkmin in der Titelpartie, Thomas Blondelle als Herodes und Thomas J. Mayer als Jochanaan zu erleben.

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

In höchster finanzieller Bedrängnis

von Ingrid Freiberg

Die erste Skizze zur Oper Die Meistersinger von Nürnberg verfasste Richard Wagner 1845 während eines Kuraufenthaltes in Marienbad. Der Entwurf blieb zunächst unverarbeitet liegen. Erst 1861 verpflichtete er sich – wieder einmal in höchster finanzieller Bedrängnis – gegenüber dem Verleger Franz Schott, diese Oper zu komponieren. In völliger Zurückgezogenheit schrieb er in nur 30 Tagen das Libretto in Paris. Anfang 1862 reiste er nach Mainz und erhielt vom Verlagshaus Schott den Kompositionsauftrag und einen ansehnlichen Vorschuss.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Wiesbaden, Kettenhund Leo und das Heckelphon

Daraufhin mietete Wagner zwei Räume in der stattlichen Villa Annika, nahe des Biebricher Schlosses  – wie immer nobel und in fürstlicher Umgebung... Diesen Ort wählte er nicht nur wegen der reizenden Lage direkt am Rhein, sondern auch wegen der Möglichkeit, in kurzer Zeit die Theater von Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Mannheim erreichen zu können. In Biebrich schrieb er – noch vor der Komposition der eigentlichen Oper – das hinreißende Vorspiel und begann mit der ersten Szene. In dieser Zeit spielte Wagner sogar mit dem Gedanken, auf der Adolfshöhe sein eigenes Festspielhaus zu errichten. Seine Arbeit geriet jedoch ins Stocken! Die Bulldogge des Vermieters, der Kettenhund Leo, biss ihn in den Daumen, so dass er nicht mehr schreiben und komponieren konnte. Das hatte fundamentale Auswirkungen: Der Hund erhielt nach seiner Abreise einen Teppich zum Schutz gegen frostiges Wetter… und Wiesbaden verlor die geplanten Wagner Festspiele!!! Nach dem Biss reiste Wagner nach Wien ab, wo er Hans Richter kennenlernte. Eine schicksalhafte Begegnung: Richter erstellte für ihn die Druckvorlage der Meistersinger-Partitur und wurde zum unverzichtbaren Assistenten, der u.a. die ersten Aufführungen des Ring des Nibelungen in Bayreuth dirigierte.

Erst nachdem Wagner in König Ludwig II. einen großzügigen Förderer gefunden hatte, konnte er die Komposition seiner Meistersinger beenden, die schließlich am 21. Juni 1868 in München zur Uraufführung kamen. Geblieben ist Wiesbaden eine Erfindung: Mit seinem Schaffen beeinflusste Richard Wagner einen ansässigen Holzblasinstrumentenmacher, Wilhelm Heckel, der den Wünschen des Komponisten folgend eine Bariton-Oboe, das so genannte Heckelphon, erfand.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :Ensemble © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier :Ensemble © Monika Forster

Genial, poetisch, peinlich und umstritten

Tradition oder Veränderung, jung oder alt, Regeln und Gesetze oder Chaos und Anarchie, Eigeninteressen oder Gemeinschaftswohl, national oder global – ein Balanceakt, der eine Gesellschaft auf Gedeih und Verderb prägt. Die Meistersinger-Welt zeigt ein Künstlerdrama und eine Liebesgeschichte als treibende Kräfte und schließlich das Volk als Zünglein an der Waage. Der Grat, der hier das Komische vom Tragischen unterscheidet, ist schmal. Wagners Zauberwort heißt Poesie. Ein Meister wie Hans Sachs, mit Klugheit, Menschlichkeit, Mut und List, Einsicht und Verzicht ausgestattet, muss, um das Chaos abzuwenden, Wege in eine Zukunft aufzeigen.

Jedoch ist das Geniale in den Meistersingern auch mit dem Peinlichen untrennbar verquickt und verwoben. Und jene Elemente, die uns in diesem Werk stören oder abstoßen – Deutschtümelei, Chauvinismus und Brutalität – sind immanente Bestandteile des Librettos wie der Partitur: Sie lassen sich mehr oder weniger akzentuieren, aber niemals eliminieren. Wagner bleibt der umstrittenste Künstler der deutschen Musikgeschichte und die Frage des antisemitischen Gehalts seines Werkes bildet den harten Kern einer weltweiten Kontroverse.

In seiner detailverliebten Wiesbadener Inszenierung geht es Bernd Mottl um Regeln für die Kunst und um eine Feinzeichnung des menschlichen Miteinanders. Er sieht unsere Gesellschaft am Scheideweg, wie auch Richard Wagner im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zeichnet er  eine Stadt zwischen Mittelalter und Neuzeit. Wer hat darüber zu entscheiden? Was ist erhaltenswert und was muss neuen Entwicklungen angepasst werden? Seine Meistersinger sind ein Club alter von Krankenpflegern begleiteten Herren, die ihre angestaubten Ideale bewahren wollen. Sie haben keinen Bezug zur Gegenwart. Hans Sachs, von eigenen Niederschlägen geprägt – in einem Video wird seine verstorbene Frau und die Geschäftsaufgabe seiner Schusterwerkstatt gezeigt – sucht lebensweise den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt.

Stolzing unterscheidet sich deutlich von der traditionell altfränkischen Butzenscheiben-romantik  mit seiner (Motorrad-)Kluft und unterstreicht damit von Anfang an seine Zugehörigkeit zur rasenden Moderne. Erst als Sachs ihm hilft, das Lied zu schaffen, mit dem er das Wettsingen und damit seine geliebte Eva gewinnen wird, und ihm einen Trachtenjanker „zuordnet“, wird aus dem jungen liebestollen Feuerkopf, der die Nürnberger Jugend in seinen Bann zieht, zumindest optisch ein Meistersinger.

Wenn er sich mit allen anderen auf der Festwiese, hier ein Festsaal, zum Sängerwettstreit trifft, wird die sich beschleunigende oberflächliche Zeit deutlich: Selfies nutzend beschäftigt sich das Volk mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Motivationen. Fast unbeachtet beschwört sie Hans SachsVerachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst …“ Seine Worte finden keine Beachtung. Er kann den zerstörerischen Wahn des Volkes nicht bremsen, es vor ihrem sinnlosen Übereifer nicht schützen. Und er gewinnt auch Stolzing nicht, der die Meisterwürde ablehnt und mit Eva, Motorradhelme in der Hand schwingend, in ein neues modernes Leben entschwindet.

Mit Bühnenausstattung und Kostümen parodiert Friedrich Eggert die hausbackene konservative Kleinbürgerlichkeit mit leisem Strich: Ein 50er-Jahre Mehrfamilienhaus, in dem die Meister wohnen, und wo sich auch ihr Treffpunkt, die Gaststätte Alt-Nürnberg, mit Eichenmöbeln, Bleiglasfenstern und bunten städtischen Wimpeln befindet, unterstützt – auf mehreren Ebenen bespielbar –  den Gesang der Akteure; ihr Aktionsradius ist allerdings eingeschränkt. Die mit Samt und Pelz historisch aufgepufften Kostüme unterstreichen die Behäbigkeit der in die Jahre gekommenen Meister. Besonders Veit Pogner wird durch Kostüm und dunkle Brille so gehemmt, dass er schon deshalb auf die Hilfe seines Lehrbuben /Krankenpflegers angewiesen ist.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Auf Festspielhausniveau

Patrick Lange, in der Nähe von Nürnberg geboren, ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen, ist geradezu prädestiniert, die Meistersinger zu dirigieren. Unter seiner Leitung ist dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden ein starker Saisonauftakt gelungen, den das Publikum bereits vor Beginn des 3. Aktes feierte.

Der heitere musikalische Grundcharakter der Oper wird überschäumend vor Kraft, zart und transparent in allen Stimmen, überreich an verzaubernder Kontrapunktik und Klangfarben bedient. Ein herrlich perlender Klangfluss verwöhnt das Publikum. Die SängerInnen bewegen sich spielerisch auf einem zeitweise seidenleichten Klangteppich. Im Morgentraum-Quintett, in dem alle vom Glück träumen, aber auch um dessen Zerbrechlichkeit wissen, umgarnt das Orchester die Träumer einfühlsam und zärtlich. Christina Kuhn spielt die Beckmesser-Harfe, eine kleine Harfe mit Stahlsaiten, für alle sichtbar in der Proszeniumsloge. Dabei begleitet sie meisterhaft die stummen von Beckmesser gezupften Lautentöne auf der Bühne.

Das Rollendebüt von Oliver Zwarg als Hans Sachs ist gelungen. Mit einer in der Mittellage wohlklingenden, in der Höhe durch einen fast tenoralen Glanz ausgezeichneten Stimme mit gewaltiger stimmlicher Ausdauer bewältigt er diese Riesenaufgabe. Glaubhaft gelingt es ihm, das Hadern zwischen Schuster- und Komponistenleben, zwischen Autorität, Selbstsucht, Sehnsucht und Triebverzicht zu zeigen – auch, dass er am Schluss, im großen Jubel, einsam ist. Weder das Zarte (Flieder-Monolog), noch polternde Wut kommen zu kurz. Zwarg singt textverständlich, ermüdungsfrei verschwenderisch.

Der scheinbar mühelose Strahletenor von Marco Jentzsch als Walther von Stolzing schmeichelt den Ohren. Sein kristallklar mit süffigen piani gestaltetes Preislied Morgenlich leuchtend im rosigen Schein…, mit Innigkeit und Anmut vorgetragen, gehört zu den anrührendsten Momenten. Seine Präsenz und Kondition sind bewunderndswert.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Thomas de Vries debütiert in der Partie des verknöcherten Stadtschreibers Sixtus Beckmesser, mal charismatisch brillierend, mal nervend selbstgerecht. Gekonnt gelingen ihm die verschlagenen Beckmesser-Koloraturen, die technisch eine Herausforderung voller tückischer Stolpersteine sind. Er zeigt sich streng regelkonform denkend, akademisch konservativ, als an den Buchstaben der Vorschriften klebender Charakter. In der entsetzlich schwierigen Prügelfuge überzeugt er. Tragisch komisch sein Vortrag im Festsaal – anstatt „Morgenlich leuchtend“ singt er „Morgen ich leuchte“, oder „Wonnig entragend“ „Wohn‘ ich erträglich“ oder gar herrlich ein Baum“ „häng‘ ich am Baum“. Hier beweist Thomas de Vries sein feines Gefühl für Nuancen und erheitert gekonnt das Publikum.

Betsy Horne verkörpert Eva mit Empathie. Mit ihrem betörend leuchtenden samtweichen und klaren Sopran weiß sie sehr wohl, wie sie zu ihrem Willen kommt. Mit viel Temperament, nicht das naiv-fromme Mädchen, ist sie eine junge zielstrebige Frau, die das Objekt ihrer Begierde wild knutschend ins Nebenzimmer zieht. Es gelingt ihr, sich von den alten Meistern zu emanzipieren, sich zu befreien. Ihre Eröffnung des Quintetts im 3. Akt ist bewegend.

Erik Biegel ist ein charmant-frecher David mit hellem lyrischen Tenor. Er überzeugt darstellerisch und diktionsfreudig mit vortrefflicher Bühnenpräsenz. Fast eine Luxusbesetzung ist Margarete Joswig als Magdalena. Weich timbriert lässt ihr in der Höhe leuchtender Mezzosopran aufhorchen. Als stark sehbehinderter Veit Pogner ist der junge Young Doo Park kaum wiederzuerkennen. Mit seinem sonoren warmen Bass ist er ein souveräner, aber auch zögernder Vater, der seine Tochter – fernab von selbstgefälliger Protzigkeit – als Preis anbietet. Benjamin Russell als eifriger Organisator Fritz Kothner beeindruckt mit klangschön kräftigem Bariton und eloquenter Deklamation.

Richard Wagner - bewundert © IOCO

Richard Wagner – wird bewundert © IOCO

Die alten Meister Ralf Rachbauer (Kunz Vogelgesang), Florian Kontschak (Konrad Nachtigal), Rouwen Huther (Balthasar Zorn), Reiner Goldberg (Ulrich Eisslinger), Andreas Karasiak (Augustin Moser), Daniel Carison (Hermann Ortel), Philipp Mayer (Hans Schwarz) und Wolfgang Vater (Hans Foltz) tragen beeindruckend differenziert, bis hin zur geifernden Kakophonie in der Prügelfuge, zum Erfolg bei.

Hervorzuheben ist der profunde Nachtwächter von Tuncay Kurtoglu. Als Lehrbuben /Pflegekräfte agieren ausgezeichnete, bereits etablierte, Nachwuchssänger, die ohne Zweifel bald Meister-sängerniveau haben werden.

Der von Albert Horne einstudierte hellwache, mit viel Verve und Eindringlichkeit agierende Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden beeindruckt durch Spielfreude. Sicher und präzise profilieren sich die SängerInnen besonders in den Massenszenen, bei der Prügelfuge und im Festsaal. Eindrücklich gelingt  „Die Geister, die ich rief…“  zu einem vortrefflichen Schluss.

Der Jubel  am Ende des Abends ist groß. Das gutgelaunte Publikum hatte anschließend die einmalige Gelegenheit, statt eines Festsaals eine natürliche Festwiese vor dem Theater zu betreten. Stadtfest und Erntedankfest sei Dank…

Die Meistersinger von Nürnberg am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 3.10.2018; 14.10.2018; 4.11.2018; 22.4.2019; 30.5.2019

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