Biel, Kongresshaus Biel, Sinfonie Orchester Biel – Piotr I. Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik 28.10.2020

Oktober 27, 2020 by  
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Kongresshaus Biel © ctsbiel-bienne.ch / Stadt Biel

Kongresshaus Biel © ctsbiel-bienne.ch / Stadt Biel

Sinfonie Orchester Biel Solothurn  –  Piotr I. Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch

Réflexions russes – Konzert vom  14. Oktober 2020

von Julian Führer

Das Kongresshaus Biel (auch Palais des Congrès de Bienne, denn wir befinden uns genau an der Grenze der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz) wurde in den sechziger Jahren vom Architekten Max Schlup entworfen und 2000-2002 unter der Federführung von Rolf Mühlethaler erneuert. Ein Bau im Stadtzentrum mit großer Freifläche am Eingang, der viele Möglichkeiten bietet und unter anderem einen für Konzerte geeigneten Raum enthält. Von Foyer kann man ins Schwimmbad sehen (aufgrund von Spiegelungen durchaus nicht ohne Zauber), viel Glas sorgt für Transparenz. Der Konzertsaal bietet bis zu 1200 Menschen Platz; angesichts der aktuellen Situation wurde diese Marke nicht ganz ausgeschöpft, aber das Konzert war durchaus gut besucht.

Auf dem Programm standen gemäß Ankündigung Réflexions russes, zunächst das Violinkonzert D-Dur von Piotr Iljitsch Tschaikowsky op. 35, gespielt von der jungen Violinistin Liya Petrova auf einem 1737 von Carlo Bergonzi erbauten Instrument. Dieses Konzert komponierte Tschaikowsky innerhalb weniger Wochen des Jahres 1878 bei einem Erholungsaufenthalt in der Schweiz, gar nicht weit entfernt von Biel am Genfer See.

Das Orchester saß auf einem Podium, gegenüber dem Publikum leicht erhöht. Die Streicher trugen Maske, von den Bläsern durch Plexiglasscheiben getrennt. Diese Disposition machte sich gleich bei Beginn störend bemerkbar, denn natürlich war der Bläserklang gerade im Holz durch die Abtrennung gedämpft, mitunter dumpf. Bläsersätze hatten eine Färbung, die fast an den Mischklang bei den Bayreuther Festspielen denken ließ, allerdings mit gefährlichen Folgen für die Transparenz. Die Solistin hingegen spielte mit schönem rundem Ton, insbesondere die Kadenz war zugleich technisch brillant und klanglich überzeugend, ebenso die zwischendurch extrem hohen Töne, die völlig rein intoniert waren. Bei leisen Passagen musste sie gegen die recht laute Lüftungsanlage des Kongresshauses anspielen, auf der anderen Seite verfügt der Saal über einen deutlichen Nachhall, ohne aber ‚Klangbrei‘ zu verursachen, und dient so der Entfaltung der Musik.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Das Orchester begleitete zuverlässig und effektvoll, wie es sich für Tschaikowskys Konzert wohl auch gehört, mit deutlichem accelerando gegen Ende des ersten Satzes. Die Canzonetta des zweiten Satzes ließ Liya Petrova noch mehr Raum zur Gestaltung, den sie sehr überzeugend nutzte. Auch wenn im zweiten Satz die Bläser dann doch passagenweise etwas stark hervorstachen, gehörte dieser Mittelteil eindeutig dem Soloinstrument. Im Schlusssatz erinnerte das Blech an das Ende der vierten Symphonie Tschaikowskys, im Kopfsatz bereits einige rhythmische Passagen an die bekannten Ballettmusiken des Komponisten. In der Rondoform wurden musikalische Situationen variiert, die der Künstlerin immer wieder erlaubten, ihre Vielseitigkeit zu demonstrieren. Das Publikum applaudierte sehr herzlich, und nicht nur in Biel wäre es schön, Liya Petrova noch oft und auch mit anderen Werken zu hören.

Nach der Pause erklang ein ganz anders gefärbtes Werk, die Symphonie Nr. 11 g-Moll op. 103 „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch. Diese etwa eine Stunde lange Symphonie fordert vom Orchester viel Energie und Durchhaltevermögen und vom Dirigenten viel Umsicht und eine Disposition, die das Werk weder zerfasern lässt noch zu früh auf dynamische Effekte setzt, die danach nicht mehr gesteigert werden können. Schostakowitsch selbst verehrte unter seinen russischen Vorgängern vor allem Modest Mussorgsky, die Bezüge zu Tschaikowsky sind weit weniger deutlich. Yannis Pouspourikas verfolgte eine Lesart, die derjenigen von Andris Nelsons recht nahesteht, welche in Konzerten zu hören war. IOCO berichtete dazu, link HIER. und auch auf CD dokumentiert ist. Anders als Joshua Weilerstein in Zürich und Vladimir Jurowski in Dortmund verzichtete Pouspourikas darauf, der Aufführung noch einen gesprochenen Warnhinweis voranzuschicken.

Das Orchesterpodium war voll, dennoch war die Besetzung mit drei Kontrabässen, fünf Bratschen und Celli und nur einer Harfe schmal. Es sollte sich aber zeigen, dass das Klangvolumen auf die Raumdimension perfekt abgestimmt war und die eher schmale Besetzung insgesamt kein Nachteil war. Als deutlich störender erwies sich abermals die Plexiglasscheibe (siehe Foto oben) zwischen Streichern und Bläsern, da auch das Schlagwerk hinter der Trennung aufgestellt war und die ersten leise drohenden Schläge der Pauke im Publikum nicht gut zu hören waren. Die Trompete und das Horn hingegen, die sich über den sehr leisen Streicherteppich des ersten Satzes erheben, waren fast eine Spur zu laut – ebenso wie der Fotograf, der während des Konzertes von verschiedenen Stellen des Saales aus seine Arbeit tat. Dennoch: Die lastende Atmosphäre, der scheinbare musikalische Stillstand des ersten Satzes mit Anklängen an Lieder der Zarenzeit wurden deutlich, das Publikum hörte konzentriert zu.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn - hier:  die Violonistin Liya Petrova © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn – hier: die Violonistin Liya Petrova © Rodrigo Carrizo Couto

Der zweite Satz, „Der 9. Januar“, illustriert eine Demonstration im Jahre 1905, die von Truppen des Zaren niedergeschossen wurde, eine im Uraufführungsjahr 1957 und auch 2020 noch überraschende, packende, aber auch erschütternde Gewaltorgie. Yannis Pouspourikas ging den Satz sehr schnell an, nahm aber die Instrumentengruppen immer rechtzeitig zurück, gestaltete überzeugende Crescendi und Decrescendi in Posaunen und Kontrabasstuba, ließ die Bläser insgesamt betont rau aufspielen, und die wenigen Kontrabässe ließen dennoch den Saal vibrieren. Auch die große Trommel sorgte für Druck, bevor dann die eigentliche Eruption kam, eine Salve der kleinen Trommel, vor der viele Dirigenten eine Generalpause setzen. Nicht so Pouspourikas, der das Trommelsignal als Auslöser für eine Beschleunigung der Tempi nahm. Starke Streicherakzente konstrastierten mit der – durch die Plexiglasscheibe wieder zu stark gedämpften – Pauke. Die dynamischen Aufgipfelungen dieser Szene waren beeindruckend und blieben stets dem Raumvolumen angepasst. Auf das Dröhnen des vollen Orchesters folgen abrupt ruhige Streicherfiguren, ein Zitat aus dem ersten Satz, nun aber mit einem leisen Flirren unterlegt, das erst hörbar wird, wenn der Nachhall des Orchesters verschwunden ist und sich die Ohren der Zuhörer wieder an leisere Stellen gewöhnen.

Der dritte Satz, „Ewiges Gedenken“, ist zunächst ein Trauergesang, der von den Bratschen unisono angestimmt wird. Die Atmosphäre war auch im weiteren Verlauf kammermusikalisch, fast wie bei einem Streichquartett (einem Genre, das Schostakowitsch durch nicht weniger als 15 eigene Beiträge bereichert hat und das ihm also bestens bekannt war). Im Mittelteil bricht sich aber in scharfen Dissonanzen und mit großer Trommel und Tamtam eine sehr viel lautere Art der Trauer Bahn, und der Charakter des Satzes wurde vom Dirigenten Yannis Pouspourikas durch eine Beschleunigung sehr viel dramatischer gestaltet. Die folgende Reprise des Bratschen-Unisono, noch etwas zurückhaltender als zu Beginn des Satzes, schuf eine gespenstisch zurückhaltende Stimmung.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Der letzte Satz, „Sturmgeläut“, beginnt mit einem Bläsersignal, das Pouspourikas ähnlich wie Andris Nelsons zunächst seltsam gebremst vortragen ließ, bevor er dann über anziehende Tempi in den Streichern das von Schostakowitsch vorgegebene Metronommaß anschlug. Gerade im Schlusssatz hat der Komponist mehrere Kampflieder der russischen Arbeiter und speziell der Bolschewiki verwendet, die einem sowjetischen Publikum der fünfziger Jahre sofort präsent waren, heute den meisten Zuhörern, zumal einem westlichen Publikum erst erläutert werden müssen. Die „Warschawjanka“ wird doch eine marschartige Führung der Streicher eingeleitet, in Biel fast stampfend vorgetragen. Mehrere Kampfmelodien und Motive der ersten Sätze werden ineinander verwoben, bis es zu einer Aufstauung mit großer Trommel, Becken und Tamtam kommt – mit anschließender Rückkehr zum Nullpunkt der Symphonie, den ruhigen Streichern des ersten Satzes, über denen sich nun eine lange, elegische Melodie des Englischhorns erhebt, an diesem Abend sehr überzeugend und klangschön zu hören. Der Schluss, durch dumpfe Schläge und hektische Figuren der Bassklarinette beschleunigt, ist laut, durch Glocken verstärkt, und stürzt einem Ende entgegen, das allerdings auf keine Kadenz, keinen Schlussakkord zusteuert, sondern quasi mitten im Satz abreißt (ähnlich wie in Schostakowitschs Fünfter Symphonie).

Nach sekundenlanger Stille applaudierte das Publikum zunehmend begeistert, und Yannis Pouspourikas ließ die einzelnen Instrumentengruppen verdientermaßen hochleben. Hervorzuheben sind neben den perfekt harmonierenden Posaunen und Kontrabässen auch das erste Horn, Englischhorn und Bassklarinette, allerdings leider nicht die Trompetengruppe, in denen sich falsche Noten und ‚Kiekser‘ häuften, wozu im vierten Satz noch ein falscher Einsatz kam. Das Orchester dankte seinem Dirigenten für diese gemeinsam erreichte Leistung seinerseits mit Trampelapplaus, ein gutes Omen für die Zukunft, denn Yannis Pouspourikas wird mit der Saison 2022/2023 neuer Chefdirigent  des Sinfonie Orchester Biel Solothurn und Direktor Konzerte von Theater Orchester Biel Solothurn. 

—| IOCO Kritik Sinfonie Orchester Biel Solothurn |—

Ludwigshafen, Friedenskirche, Das Lied von der Erde – Gustav Mahler, IOCO Kritik, 12.09.2020,

 Friedenskirche Ludwigshafen © René van der Voorden.

Friedenskirche Ludwigshafen © René van der Voorden.

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz

DAS LIED VON DER ERDE – Gustav Mahler
nach Gedichten von Hans Bethge –  Die chinesische Flöte, in der Bearbeitung von Arnold Schönberg und Rainer Riehn

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz – Yannis Pouspourikas
Konzert vom 9. September 2020,  Friedenskirche, Ludwigshafen

von Uschi Reifenberg

ABSCHIED

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Gustav Mahler Gedenktafel in Hamburg © IOCO

Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz eröffnete ihre Jubiläumssaison 2020/21 mit vier Live Konzerten vom 4. bis 12. September 2020 unter dem Motto „Modern Times“. Im Zentrum stand die Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich in genreübergreifender Vielfalt von Filmmusik und Schlager bis hin zur Sinfonik in kleiner Besetzung präsentierte. Intendant Beat Fehlmann äußert sich vorab zur inhaltlichen Ausrichtung der Festival-Ausgabe: „Die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ waren eine Zeit der Extreme und brachten massive gesellschaftliche Umwälzungen. Ein Vergleich mit der Gegenwart liegt erstaunlich nahe und führt uns noch einmal deutlich vor Augen, warum „Modern Times“ mit dem Schwerpunkt auf der Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts so wichtig für das Orchester ist. Schließlich wurde die Staatsphilharmonie 1919, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg gegründet“.

1918, ebenfalls kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs, wurde von Arnold Schönberg in Wien der legendäre „Verein für musikalische Privataufführungen“ ins Leben gerufen. Dieser Verein wollte nicht nur zur Verbreitung neuer Musik beitragen, sondern seinen Mitgliedern auch die Möglichkeit bieten, sich im nicht öffentlichen Rahmen mit aktuellen und zeitgenössischen Werken „von Mahler bis jetzt“ auseinanderzusetzen, Über 150 Kompositionen in ca 120 Konzerten wurden gespielt, unter anderem von Mahler, Debussy, Strauss, Strawinsky, Berg oder Webern, vorwiegend in Bearbeitungen für Kammerensembles oder Klavierfassungen, da große Orchesterbesetzungen nicht zu bezahlen waren.
Diese Initiative Schönbergs war auch eine Reaktion auf die teilweise extrem ablehnende Haltung der Wiener Konzertbesucher und Kritiker gegenüber seinen Kompositionen oder auch denen seiner Zeitgenossen.

Friedenskirche Ludwigshafen © Reifenberg

Friedenskirche Ludwigshafen © Reifenberg

Schönberg, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der spätromantischen Tonsprache abwandte, begründete mit der Zwölftonmusik einen neuen Kompositionsstil, der die damalige Musikwelt tiefgreifend spaltete. Um dem Publikum den Zugang zu den neuartigen Werken zu erleichtern, setzte Schönberg einige unkonventionelle Strukturen um: Die Konzertprogramme wurden geheimgehalten, um eine ausgewogene Besucherzahl zu gewährleisten, die Werke wurden – auch zu didaktischen Zwecken – mehrfach wiederholt, Kritiker wurden erst gar nicht eingeladen und auf Beifalls- und Mißfallensbekundungen sollte generell verzichtet werden. Eineamüsante Parallele zur aktuellen Corona Situation an der Wiener Staatsoper..

Abschied lautete der Titel des dritten Konzertes von „Modern Times“, das mit Gustav Mahlers Lied von der Erde nach Texten von Hans Bethge Die chinesische Flöte zu einem beglückenden Konzertereignis geriet. Gespielt wurde die Kammermusikbearbeitung für 14 Instrumentalisten, von Arnold Schönberg, der die Arbeit damals allerdings nicht zu Ende führen konnte, da sein „Verein für musikalische Privataufführungen“ 1921 pleite ging. Erst 1982/83 vervollständigte Rainer Riehn (1940-1915) die Bearbeitung, die Schönberg nur bis zur Mitte des ersten „Satzes“ fertigstellen konnte.

Einschneidende Abschiede im Leben Mahlers haben dieses schillernde und vielgestaltige Werk begleitet und es zu einem seiner persönlichsten Bekenntnisse der letzten Schaffensperiode werden lassen. Das Jahr 1907 bringt für den oft schwermütigen Komponisten drei Schicksalsschläge, die seine lebenslange Auseinandersetzung mit Leben, Endlichkeit und Tod intensivieren und das Gefühl der Einsamkeit und der unerfüllten Lebenssehnsucht zuspitzen. Er kündigt nach einer antisemitisch motivierten Hetzkampagne seine Position als Direktor der Wiener Hofoper, dann stirbt seine älteste Tochter mit vier Jahren an Diphtherie und bei ihm selbst wird eine unheilbare Herzkrankheit diagnostiziert, die ihm starke Einschränkungen seiner bisherigen Lebensführung abverlangt.

Gustav Mahler Grabmal in Wien © IOCO

Gustav Mahler Grabmal in Wien © IOCO

Mahlers universeller Anspruch, mit jeder Sinfonie eine Welt erschaffen zu wollen, erwächst aus dem Leiden an ihr und der Utopie, der realen eine transzendente Welt in der Musik gegenüberzustellen. Mahler schreibt: „Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen“. In dieser bedrückenden Zeit lernt er die Gedichte von Hans Bethge: Die chinesische Flöte kennen, deren Thematik von Resignation, Verzweiflung und Vergänglichkeit seiner damaligen Seelenlage genau entsprachen.

Bethge übertrug die chinesische Lyrik aus dem 8.Jahrhundert in freier Nachdichtung aus dem Französischen und traf mit dem fernöstlichen Kolorit, den exotischen Versen und deren verzweigten Floskeln genau das Lebensgefühl der Jugendstilzeit.

Sieben Gedichte dienten Mahler als Vorlage, das sechste und siebte zog er zusammen: Der Abschied; außerdem fügte er den Versen noch eigene Textzeilen hinzu. Sechs Episoden für Tenor und Alt oder Bariton und großes Orchester wuchsen zur Synthese einer Lied-Sinfonie zusammen, die mit den Titeln 1.“Das Trinklied vom Jammer der Erde“, 2.Der Einsame im Herbst“, 3.„Von der Jugend“, 4.„Von der Schönheit“, 5.“Der Trunkene im Frühling“ und 6.„Der Abschied“ das gelebte Leben in all seinen Facetten feiern und zugleich Abschied nehmen von Natur, Liebe und Schönheit.

Es soll die magische Zahl „neun“ gewesen sein, die Mahler abgehalten hatte, das Lied von der Erde als seine 9. Sinfonie zu deklarieren, da Beethoven, Schubert, Bruckner oder Dvorak nie über die Schwelle einer „neunten“ Sinfonie hinausgekommen waren. Diese sollte Mahler aber bald komponieren, sie wurde sein sogenanntes „Weltabschiedswerk“, eine begonnene zehnte Sinfonie blieb unvollendet.

Uraufgeführt wurde Das Lied von der Erde 1911, ein halbes Jahr nach Mahlers Tod unter Bruno Walter in München.

Mit seinem drittletzten großen Werk deutet Mahler aber auch behutsam seinen Abschied von der romantischen Tonsprache an. Pentatonik, entschlackte, teils herbe Instrumentierung und frei schwebende Harmonik prägen unter anderem den Kompositionsstil. In der 9. Sinfonie löste sich Mahler aber noch entschiedener von Tonalität und konventioneller Formgebung.

Die Staatsphilharmonie Rheinpfalz hatte die Friedenskirche in Ludwigshafen für ihre Aufführung gewählt, die für die Kammerbesetzung einen idealen und repräsentativen Konzertrahmen abgab. Aufgrund der coronabedingten Auflagen waren statt der möglichen 500 Zuschauer135 geladen, so konnten die Abstandsregelungen – sowohl für die Zuhörer als auch für die Musiker- perfekt umgesetzt werden. Die Stimmung im Publikum war erwartungsvoll, hochkonzentriert und euphorisch.

Dirigent Yannis Pouspourikas © Daniel Wass

Dirigent Yannis Pouspourikas © Daniel Wass

Zu Beginn gab Intendant Beat Fehlmann einen Dirigentenwechsel bekannt, daß für den kurzfristig erkrankten Chefdirigenten der Staatsphilharmonie, Michael Francis, der international gefragte französische Dirigent Yannis Pouspourikas gewonnen werden konnte, der das 14-köpfige Kammerensemble und die zwei Solisten souverän und präzise durch die Partitur führte.

Die Akustik der Konzertkirche mit ihrem dezenten Nachhall erwies sich als optimal geeignet für dieklangliche Verschmelzung von Sängern und Instrumentalisten. Man vermisste zu keiner Zeit die Mahler‘sche Orchestergrösse und die Sänger fügten sich mühelos in den vollen Raumklang ein ohne forcieren zu müssen. Lediglich Transparenz und die kristallinen Strukturen der einzelnen Soloinstrumente hätte man sich mehr gewünscht.
Yannis Pouspourikas gelangen groß angelegte Steigerungen, dramatisch zugespitzte Höhepunkte und glänzend balancierte ätherisch schwebende Klangflächen, manche piano Passagen hätten verhaltener und verinnerlichter gestaltet werden dürfen, was aber möglicherweise der Akustik geschuldet war.

Schwungvoll, zupackend und mit unbändiger Musizierfreude nahm Pouspourikas die Anfangsfanfare zum „Trinklied vom Jammer der Erde“ und brachte sogleich die Klangfarbenpracht Mahlers – bestehend aus Streichquartett, Kontrabass, Bläserquintett, Klavier, Harmonium, Celesta und Schlagwerk – zum Blühen.

Tenor Rolf Romei erwies sich als Glücksfall für die anspruchsvolle Partie und blieb den immens schwierigen Sätzen „Das Trinklied vom Jammer der Erde“ und „ Der Trunkene im Frühling“ nichts schuldig. Er besitzt einen biegsamen, zu heldischen Aufschwüngen fähigen Tenor, der mühelos die extremen Klippen meistert, aber auch über die abgedunkelten Klangfarben der Mahler‘schen Weltschmerzattitüde verfügt. Beklemmend gerät die Stelle im 1.Satz „ Im Mondschein auf den Gräbern hockt eine wild-gespenstische Gestalt…“ Etwas mehr Textverständlichkeit an den rezitativischen Stellen hätte man sich allenfalls ab und zu gewünscht. Den dreimaligen Refrain „Dunkel ist das Leben, ist der Tod!“ singt Romei mit heller Tonfärbung und wehmütiger Schicksalsergebenheit. Tänzerisch und lebendig geht der Tenor den 3. Satz „Von der Schönheit“ an, und verleiht dem chinoisen Scherzo unbeschwerte Heiterkeit, die im Orchester mit fernöstlich anmutender Pentatonik und impressionistischen Wellenbewegungen koloriert wird.
Den dionysischen Rauschzustand im „Der Trunkene im Frühling“ gestaltet Romei auch darstellerisch überzeugend, sowohl in den Spitzentönen als auch im Dialog mit dem Vogel. Flöte und Violine illustrieren hier wunderschön die Szene. Tenor und Mezzosopran agieren im Wechsel, kontrastieren auch in der Satzfolge und symbolisieren die polaren Prinzipien des Werkes.

Die Mezzosopranistin Marlene Lichtenberg erwies sich ebenfalls als eine herausragende Interpretin der vielschichtigen elegischen Gesänge Mahlers. Ihr bruchloser samtener Mezzosopran trägt in jeder Lage perfekt und überzeugt mit sinnlich glühender Tiefe, voluminöser Höhe und unaufdringlicher Expressivität. Ihre variabler Stimme verschmilzt beglückend mit dem Orchesterklang, schillernd in vielen Facetten, mit weltabgewandter Haltung. Die tieftraurige, nebelverhangene Grundstimmung werden von Oboe und Flöte wunderschön intoniert, der schmerzliche Ausbruch „Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen“ wird zur erschütternden Erkenntnis der einsamen Seele, von Marlene Lichtenberg mit suggestiver Emphase zum Ausdruck gebracht.
Das heitere Genrebild „Von der Schönheit“ mit seinem tänzerischen Charakter, den Verzierungen und raschen Farbwechseln im Orchester, beschreibt Marlene Lichtenberg mit augenzwinkernder Leichtigkeit, nicht ohne wehmütige Erinnerung an vergangenes Liebesglück.

Der letzte Satz Der Abschied, Schluss- und Höhepunkt der „Liedsinfonie“ und einer der längsten Sätze Mahlers überhaupt, ist ein nach innen gerichtetes, gedehntes, bis an die Grenzen gehendes Abschiednehmen vom irdischen Dasein. In Erwartung des Übertritts in eine andere Sphäre, findet das Subjekt Trost und Erfüllung und löst sich endlich von allen Bindungen „Mir war auf dieser Erde das Glück nicht hold“. Marlene Lichtenberg beschreibt mit ihrem nuancenreichen Mezzo das allmähliche Verlöschen des Ich, das in den ewigen Kreislauf der Natur eingeht. „Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!“. In einem Trauermarsch mit Tam-Tam- Schlägen und Generalpausen scheint die Zeit still zu stehen und das Unausweichliche des Todes wird Gewissheit. Pouspourikas lässt noch einmal in einer berührenden Schlussapotheose alle Schönheiten der Musik Mahler‘schen Weltschmerzes aufblühen, bevor der Gesang, eingebettet in den ätherischen Orchesterklang, siebenmal das Wort „Ewig“ in einem schier endlosem diminuendo verhaucht.
Langer Applaus und Bravo-Rufe des ergriffenen Publikums nach einem bewegenden Konzertereignis für die hervorragenden Musiker der Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz, die Solisten und den Dirigenten.

—| IOCO Kritik Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz |—

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