Minden, Stadttheater Minden, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Siegfried  –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

  – Siegfried heißt der Held im Stadttheater von Minden –

von Sebastian Siercke

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Es ist 41 Jahre her, daß ich Richard Wagners  Der Ring des Nibelungen zum ersten Mal sah. Der Theaterfundus der Hamburgischen Staatsoper war gerade abgebrannt und man musste sich die Dekorationen von anderen Opernhäusern ausleihen. Dieser Ring kam von der Oper Köln und war eine etwas betagte Wieland-Wagner-Produktion. Seither habe ich viele Ringe gesehen und eine Unzahl aus Einzelwerken daraus. Legendäre Inszenierungen, längst vergessene Belanglosigkeiten und Ärgerliches. Musikalische Höhepunkte, die zu andächtigem Niederknieen verleiteten und welche, über die schnell der gnädige Mantel des Vergessens gelegt wurde.

Und dann kam der Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden!

Kurzentschlossen gelang es uns 2018 die letzte Götterdämmerung zu besuchen und danach stand fest: Der komplette Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden wird 2019 für uns zu einer Pflichtveranstaltung! Das Erlebte in Minden mit Superlativen zu überhäufen wird dem Ganzen nicht wirklich gerecht. Die Sänger sind durch die Bank erstklassig, das Orchester großartig, der Dirigent Weltklasse.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Das Herausragende am Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden ist aber das Gesamtpaket dieser Aufführungen. Jeder in der Stadt scheint zu wissen, daß sich im Stadttheater außerordentliches tut und spricht die angereisten Gäste darauf an. Um das Theater herum hat man beinahe das bekannte, wohlige Bayreuth-Gefühl. Das Publikum steht in Hochstimmung vor dem Haus und wartet auf die Fanfaren, die hier wie dort das Pausenklingeln ersetzen und in Haus rufen. Letztlich fehlt nur der Bratwurststand um es zu komplettieren.

Das mit 525 Plätzen übersichtliche, beinahe intime Theater hat einen zu kleinen Orchestergraben für ein großes Wagnerorchester, also wird dieser überbaut zur Vergrößerung der Bühne, das Orchester sitzt nun hinter einen Gazevorhang im Hinterraum der Bühne. Dadurch hat man selbst aus der vorletzten Reihe im Parkett das Gefühl direkt ins Spiel auf der Bühne einbezogen zu werden. Und das, was dort gespielt wird ist wirklich außerordentlich! Der Regie von Gerd  Heinz merkt man an, daß er vom Schauspiel kommt. Eine so ausgefeilte Personenführung, perfekt an Musik und Text angelehnt, habe ich selten erlebt. Die Darsteller danken es mit hinreißender Spielfreude, bei der Gestik und Mimik in nie gesehener Perfektion gezeigt werden. Den Auftritt des gurrenden, flatternden Waldvogels wird jedem im Gedächtnis bleiben müssen.

Mit der Titelpartie des Siegfried hatte Thomas Mohr mittlerweile die dritte Rolle in dieser Ring-Serie; nach Loge im Rheingold und Siegmund in der Walküre. Von  lyrisch gesungen Passagen im ersten Akt über wuchtige Schmiedelieder bis zu dem strahlend inbrünstigen Werben um Brünnhilde im letzten Akt, gelang es ihm alles komplett mühelos erscheinen zu lassen, von der Anstrengung, die diese Mordspartie erfordert, war buchstäblich nichts zu hören oder zu sehen. Seine Brünnhilde war, wie schon in der Walküre, Dara Hobbs. Vom ersten „Heil Dir, Sonne!“ an hatte sie das Publikum mit ihrem strahlenden Sopran fest im Griff.  Herrlich, wie sich im folgenden Duett die ehemals göttliche Jungfrau und der eben erst erwachsene Jüngling sich gegenseitig wahrnehmen und neckend umwerben, bis sich zum Finale in die Arme werfen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Mime war der amerikanische Tenor Jeff Martin, wunderbar den verschlagenen, falschen Charakter der Partie darstellend. Renatus Meszar als Wanderer, im ersten Akt noch souverän als wanderender Wotan, der verzweifelt versucht Mime dazu zu bringen endlich die richtigen Fragen, die, die ihm beantworten würden, wie das das Schwert zu schmieden sei, zu einem resignierten Gott im zweiten und dritten Akt, zeigte stimmlich wie darstellerisch hervorragend die Wandlung zu jemandem, der dann nur noch schweigend, stumm und ernst in Walhall sitzen wird um das eigene Ende zu erwarten. Welch ein Einfall der Regie, daß nicht Siegfried am Amboss das Schwert schmiedet, sondern Wotan als Schattenbild im Hintergrund mit dem Aufstoßen seines Speers Nothung neu formt, in der vergebenen Hoffnung Siegfried könnte mit des Schwertes Hilfe doch noch alles zum Guten wenden. Erda trug mit ihrem Auftritt ihren Teil zu Wotans Wandlung bei. Nicht mehr als allwissendes Weib wie im Rheingold, sondern als alte verwirrte Frau saß sie auf der Bühne, verschlafend, was sie wissen müsste und letztlich von Wotan  zu ewigem Schlaf zurückgesandt.

Janina Baechle verkörperte diese Erda brillant. Heiko Trinsinger als Alberich mit höchst ausdrucksvoller Stimme, kommt als Jäger auf die Bühne und hat erstmal seinen kleinen Sohn Hagen dabei. Er erzieht ihn zum kalten Neid, zeigt ihm schon früh wo die Feinde sind, die er, erst erwachsen, für seinen Vater zu  schlagen hat. Der erste der fällt, wenn auch durch Siegfried ist Fafner, der Wurm. War es im Rheingold noch ein chinesischer Karnevalswurm, ringelte sich jetzt ein von Komparsen gespielter glitzernder Riesenwurm auf der Bühne. Erst als er von Siegfried tödlich getroffen wird verwandelt er sich zurück in Fafner, den Riesen, der seinen Bruder für den Ring erschlagen hat. Johannes Stermann lieh erst dem gelangweilten Wurm, Ich lieg und besitz: lasst mich schlafen, zum sterbend weisen Riesen seinen schönen Bass. Was war bei Julia Bauers Waldvogel eigentlich wichtiger? Die klangschöne Stimme oder das sagenhafte Spiel? Da spielte niemand einen Vogel: ein Vogel saß auf der Balkonbrüstung!

Bleibt noch das Orchester, wie immer in Minden die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, das makellos und klangschön wohl die meisten Opernorchester mit dieser Leistung souverän an die Wand spielt. Liegt es auch am Dirigenten? Bestimmt. Frank Beermann entlockt dem Orchester Klänge, wie man sie kaum noch sonst zu hören bekommt. Das gesamte Spektrum der romantischen Emotionen und überbordenden Dramatik wird hervorgeholt, daß es einem heiß und kalt wird. Genau so möchte ich Siegfried hören! Ganz ganz wunderbar!

Stadttheater Minden / Siegfried - Der Ring des Nibelungen - hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Siegfried – Der Ring des Nibelungen – hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein Wermutstropfen: 2020 ist in Minden Wagner-Pause. Ob und mit was man in Minden in den folgenden Jahren weiter macht steht noch nicht fest. Ich hoffe, daß weiteres kommt; die Opernwelt wäre deutlich ärmer ohne Richard Wagner in Minden!

Widmen möchte ich diese Zeilen meinem besten Freund, den ich 1978, bei meinem ersten Ring in Hamburg kennenlernte und mit dem ich in den folgenden Jahren hunderte von Opernvorstellungen landauf-landab gesehen habe. Er starb am Morgen dieses Mindener Siegfrieds.  Er hätte diese Aufführung geliebt!

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Luisa Miller – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 11.10.2018

Oktober 11, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 Luisa Miller – Giuseppe Verdi

Ergreifende Belcanto-Wonnen an der Staatsoper

Von Michael Stange

Die Hamburgische Staatsoper hat mit Luisa Miller eine seltenere Verdi Oper in ihr Repertoire zurückgeholt. Die Werke Verdis, die sich an die deutschen Theaterklassiker anlehnen, haben es auf den deutschen Bühnen eher schwer. Opernvertonungen deutscher Klassiker waren und sind auch heute noch ein wenig verdächtig. Verdis Oper lehnt sich an Schillers Theaterstück an und handelt von der Liebe zwischen dem adeligen Rodolfo und der bürgerlichen Luise Miller.

Die Oper konzentriert sich stärker auf das Verhältnis der Personen als auf die Gesellschaftskritik Schillers. Zum tragischen Tod der Liebenden führen Intrigen, die Feindschaft von Familien unterschiedlicher Stände und eine starre, vorurteilsbehafteten und teilnahmslose Gesellschaft. In dieser Atmosphäre scheitert die Liebe zwischen Luisa und Rodolfo und sie finden den Tod.

Luisa Miller – Giuseppe Verdi
Youtube Trailer  der Hamburgische Staatsoper
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Andreas Homoki hat das Werk in seiner Inszenierung aus dem Jahr 2014 klug und dramatisch packend gedeutet. Er belässt – wie Schiller – alle Szenen in Innenräumen der jeweiligen Häuser und greift so Schillers Vorstellung auf, dass Intoleranz, Enge und gesellschaftliche Zwänge unausweichlich zur Katastrophe führen. Die grellen, mit wenigen Möbeln und großen Gemälde ausgestatteten Räume bilden eine kalte Atmosphäre. Die in der Ouvertüre verwendeten Schicksals und Intrigenmotive nimmt die Inszenierung auf. Die orchestralen Verweise werden durch kurze Bildsequenzen auf der Bühne verstärkt. So wird bildlich schon Zu Beginn auf die Verstrickungen und Katastrophen im weiteren Handlungsverlauf vorgegriffen. In fließender Bewegungen der Bühnenbilder reihen sich auch später die Szenen wie in einer Perlenkette aneinander. Die dramatische Zwangsläufigkeit, in die die Liebenden hineinsteuern, wird so sichtbarer. Entscheidenden Anteil am folgenden Verhängnis haben neben dem Vater Rodolfos, dem Grafen Walter, sein intriganter Gehilfe Wurm, der Luisa gleichfalls liebt. Ein weiterer entscheidender Faktor ist das fehlende Vertrauen der Liebenden zueinander, die sich daher einander nicht über die Intrigen offenbaren.

Mit den Kostümen aus der französischen Revolution schlägt Homoki zwei Fliegen mit einer Klappe. Er bietet einen leichten ästhetischen Kontrast zum kalten Bühnenbild. Gleichzeitig wird aber durch die kalten Farben klar, dass die Poesie der Kostüme nur eine Illusion ist. Dies unterstreicht der teilnahmslose und statisch agierende Chor. Den egoistischen Zielen von Graf Walter und Wurm treten keine äußeren Kräfte entgegen. Alle Akteure sind durch Erziehung, Glaube, Gesellschaft und Zwängen des eigenen Standes so festgelegt, dass die dramatische Entwicklung alternativlos vorgezeichnet ist und die Liebenden keine Chance haben. Die gesellschaftliche und moralische Verwahrlosung spiegeln die zunehmend verkommenen Kostümen und Frisuren der Choristen wieder. Als Schlusspunkt symbolisiert die Guillotine erneut den ständig präsenten Tod.

Nino Machaidze durchlebt die Partie der Luisa mit einem breiten Spektrum an stimmlichen Nuancen vom verschatteten Piano bis zur expressiven Leuchtkraft. Sie gibt ihrer Luisa viel Glut und dramatischen Glanz. Gesanglich und darstellerisch ist sie faszinierend. Dramatische Attacken paaren sich mit berückenden lyrischen Tönen. Ihr gelingt ein präsentes und packendes Portrait. Dafür wurde sie vom Publikum frenetisch gefeiert.

Staatsoper Hamburg / Luisa Miller von Giuseppe Verdi © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Luisa Miller von Giuseppe Verdi © Monika Rittershaus

Joseph Calleja ist als Rodolfo eine Idealbesetzung. Er wartet mit klangschönen, lyrischem Schmelz und großer Durchschlagskraft auf. Den dramatischen Ausbrüchen ist er mühelos gewachsen. Die früher helle, weiche Stimme mit ihrem charakteristischen mediterranen Timbre hat die bezaubernde Klangqualität der jungen Jahre nahezu erhalten. Sie ist aber dunkler, metallischer und intensiver geworden und hat zugleich an Durchschlagskraft in der Höhe gewonnen. Mit dem Rodolfo hat Calleja eine ideale Rolle für seine gegenwärtige stimmliche Entwicklung gefunden. Dass einer der wichtigsten Verdi Tenöre unserer Tage ist, hat er in seinem Hamburger Rollendebut als Rodolfo erneut unter Beweis gestellt.

Roberto Frontalis dramatischer Miller bot durch seine gesangliche Intensität ein imposantes Gegenstück zum Conte di Walter von Vitalij Kowaljow mit seinem schwarzen Bass ist für diese schwere Belcantorolle wie geschaffen. Nadezhda Karyazina als Federica war mit ihrem blühenden Mezzosopran und ihren mühelosen, leuchtenden Spitzentönen ein weiterer wesentlicher Faktor dieser ganzvollen Gesamtleistung. Ramaz Chikviladze verlieh dem Wurm stimmliche Potenz und perfide Bösartigkeit.

Das Dirigat von Alexander Joel war ein wesentlicher Faktor dieses großen Verdiabends. Ihm gelang ein packendes, mitreißendes Dirigat. Verdis Spannungsbögen Verdis entfesselte er mit Dramatik und lyrischen Klängen. Das Orchester folgte ihm mit Feuer, Elan, Spielfreude und großer Präzision. Die balancierte und präzise Koordination zwischen Orchester, Solisten und Chor ermöglichte allen Beteiligten, sich an entscheidenden Stellen zu steigern, zu ergänzen und gemeinsam eine packende Gesamtdarbietung zu leisten. Die Besucherinnen und Besucher belohnten diese Glanzleistung mit tosendem Applaus. Dieser Abend war eine der Sternstunden der bisherigen Spielzeit.

Luisa Miller an der Hamburgischen Staatsoper; weitere Termine der Spielzeit 2018/19 –  11.10.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—