Dortmund, Konzerthaus Dortmund, Oktober 2019

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Konzerthaus Dortmund

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner


KONZERTHAUS DORTMUND Oktober 2019


Di 01.10.2019 20.00
Mi 02.10.2019 20.00
1. Philharmonisches Konzert – New York
Dortmunder Philharmoniker
Gabriel Feltz (Dirigent)
Per Arne Glorvigen (Bandoneon)
Samuel Barber: Adagio für Streicher op. 11
Bernd Franke: »Open doors« für Bandoneon und Orchester
Leonard Bernstein: »On the Town« Three Dance Episodes
Antonín Dvo?ák: Sinfonie Nr. 9 e-moll op. 95 »Aus der Neuen Welt«
Einführung um 19.15 Uhr im Komponistenfoyer
€ 19,00 / 24,00 / 30,00 / 34,00 / 39,00 / 42,00
Veranstalter: Theater Dortmund


Sa 05.10.2019 20.00
A Child of Our Time – Mirga Gražinyt?-Tyla
Talise Trevigne (Sopran)
Felicity Palmer (Alt)
Joshua Stewart (Tenor)
Brindley Sherratt (Bass)
CBSO Chorus
City of Birmingham Symphony Orchestra
Mirga Gražinyt?-Tyla (Dirigentin)
Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem op. 20
Michael Tippett: »A child of our time« Oratorium für Solisten, Chor und Orchester
Auftakt für Maestra Mirga
Mit einem Programm der starken Haltungen zweier britischer Meister des 20. Jahrhunderts beginnt Mirga Gražinyt?-Tyla ihre dreijährige Residenz am KONZERTHAUS DORTMUND.

Tippetts Oratorium »A child of our time« als künstlerisch-emotionale Antwort auf die Reichspogromnacht verarbeitet auch 80 Jahre nach seiner Entstehung noch aktuelle Themen. Brittens zeitgleich entstandene Sinfonia da Requiem vermittelt eine unmissverständliche Antikriegsbotschaft, mit der sich der damals erst 26-jährige Komponist einen festen Platz im sinfonischen Repertoire sicherte. hörbar – Interaktive Einführung mit Anne Kussmaul um 19.00 Uhr im Komponistenfoyer
Expresseinführung um 19.40 Uhr
Abos: Maestra Mirga; Chorklang
€ 29,00 / 42,00 / 58,00 / 76,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


So 06.10.2019 11.00
Mozart Matinee
Bremer Philharmoniker
Marko Letonja (Dirigent)
Sérgio Fernandes Pires (Klarinette)
Wolfgang Amadeus Mozart: Ouvertüre zu »Die Zauberflöte« KV 620
Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622
Hector Berlioz: »Symphonie fantastique« op. 14
€ 17,00 / 26,00 / 32,00 / 35,00 / 43,00
Veranstalter: Mozart Gesellschaft Dortmund e. V.


Do 10.10.2019 20.00
Igudesman & Joo
Aleksey Igudesman (Violine)
Hyung-ki Joo (Klavier)
Die Rettung der Welt
Die Welt versinkt nicht im bunten Chaos, nein, in grauen Räumen, grauer Monotonie. Doch Rettung naht: Igudesman & Joo zeigen uns, wie sie es geschafft haben, ihrem Leben die nötige Portion Chaos und Humor zu geben und es dadurch frisch und bunt zu erhalten. Denn nur durch Kunst als höchste Form der Kreativität kann die Welt gerettet werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Show fragen Sie Mozart, Bach und Beethoven.
Abo: Cabaret + Chanson
€ 18,00 / 28,00 / 35,00 / 40,00 / 45,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


So 27.10.2019 18.00
Der Joker
Überraschungskonzert
Mitwirkende, Programm, Genre – wir verraten nichts. Nur so viel: Die Interpreten dieses
Konzerts sind Meister ihrer Instrumente und ein guter Freund des Hauses ist auch dabei. Ihr Geheimprogramm wird nicht nur Experten begeistern. Das ist der Joker unter den Konzertprogrammen!
Abo: Musik für Freaks
€ 20,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


Mo 28.10.2019 19.00
1. Konzert Wiener Klassik
Dortmunder Philharmoniker
Wolfgang Emanuel Schmidt (Violoncello, Leitung)
Im Puls von Wolfgang Schmidt
Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201
Peter Iljitsch Tschaikowsky: Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und
Orchester A-Dur op. 33
Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 98 B-Dur Hob. I:98
€ 20,00
Veranstalter: Theater Dortmund


Di 29.10.2019 19.00
Junge Wilde – Lucas & Arthur Jussen
Lucas Jussen (Klavier)
Arthur Jussen (Klavier)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Andante und Allegro brillant für Klavier zu vier Händen op. 92
Franz Schubert: Fantasie für Klavier zu vier Händen f-moll D 940
Faz?l Say: »Night« für Klavier zu vier Händen
Olivier Messiaen: »Visions de l’Amen« für zwei Klaviere
Einführung mit Hanna Frömberg um 18.00 Uhr im Komponistenfoyer
Expresseinführung um 18.40 Uhr
Nach dem Konzert »meet the artist!« mit Intendant Raphael von Hoensbroech
Abos: Junge Wilde; Schnupperabo
€ 25,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND
Sponsor: INNOGY


Mi 30.10.2019 19.00
Konzerthaus Backstage – Flügelvergleich
Martin Stadtfeld (Klavier)
Raphael von Hoensbroech (Moderation)
Spannende Einblicke
In unserer Reihe »Konzerthaus Backstage« haben Abonnenten, Freundeskreis-Mitglieder und Botschafter Gelegenheit, vertiefte Einsichten in den Konzertbetrieb und die Abläufe hinter den Konzerthaus-Kulissen zu bekommen. Dreimal pro Saison laden wir zu exklusiven Veranstaltungen, in denen wir mit Musikern und Experten beispielsweise über Instrumentenbau, Akustik oder Probenprozesse sprechen.

Der Pianist Martin Stadtfeld ist als »Junger Wilder« der ersten Generation ein enger Freund des Konzerthauses; hier hat er auch verschiedene CD-Aufnahmen eingespielt. Im direkten Vergleich verschiedener Tasteninstrumente demonstriert er, wie unterschiedlich Klaviere klingen können.
€ 8,00
Exklusiv für Abonnenten, Botschafter und Freunde des KONZERTHAUS DORTMUND
Nicht im Wahlabonnement erhältlich
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


Do 31.10.2019 20.00
Orgelrecital Winfried Bönig
William Byrd: »The Bells« (»Die Glocken«), Fassung für Orgel von Winfried Bönig
Gerard Bunk: Fantasie c-moll op. 57
Samuel Barber: Adagio für Streicher op. 11, Fassung für Orgel von William Strickland
Louis Vierne: ›Les Cloches de Hinckley‹ (›Die Glocken von Hinckley‹) aus »24 Pièces de
Fantaisie« op. 55
Franz Schmidt: Chaconne cis-moll
Abo: Orgel im Konzerthaus
€ 20,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


—| Pressemeldung Konzerthaus Dortmund |—

Chemnitz, Kreuzkirche, Sächsisches Mozartfest 2017, IOCO Kritik, 15.05.2017

Mai 16, 2017 by  
Filed under Konzert, Kritiken

Sächsisches Mozartfest

„Mozart und Böhmen in Chemnitz“

26. Sächsisches Mozartfest 2017 – Mitteleuropäisches Mozart-Festival

Von Guido Müller

Am 12. Mai 2017 eröffnete das 26. Sächsische Mozartfest 2017 zum Thema Mozart und Böhmen in Chemnitz in der Kreuzkirche mit einem mitreißenden Konzert des Mendelssohn Kammerorchesters Leipzig unter der glänzenden Leitung des tschechischen Dirigenten Václav Luks mit der herausragenden slowakischen Sopranistin Simona Šaturová.

Chemnitz / Sächsisches Mozartfest 2017 © Wolfgang Schmidt / Sächsisches Mozartfest

Chemnitz / Sächsisches Mozartfest 2017 © Wolfgang Schmidt / Sächsisches Mozartfest

Das auch musikalisch grenzüberschreitende, in den kommenden zwei Wochen sowohl in Sachsen wie in Tschechien stattfindende Mozart-Fest geht auf die große Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs in Mitteleuropa 1989/90 zurück, als ein paar mozartbegeisterte Mitglieder der Robert-Schumann-Philharmonie im damaligen Karl-Marx-Stadt der DDR den Kontakt zum Salzburger Mozarteum suchten. Durch den bereits löchrig werdenden Eisernen Vorhang knüpften sie musikalische und kollegiale Beziehungen. Es war die emotional bewegte Zeit, als auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag Außenminister Genscher den ausreisewilligen DDR-Bürgern die Möglichkeit zur Ausreise verkündete.
Damals studierte der 1970 in Pilsen geborene Dirigent und Musikpädagoge Václav Luks an der Akademie der musischen Künste in Prag Horn und Cembalo. Die Öffnung der europäischen Grenzen erlaubte es ihm sich an der weltberühmten Schweizer Schola Cantorum Basiliensis in den Fächern Historische Tasteninstrumente und Historische Aufführungspraxis weiter in der Erforschung Alter Musik zu spezialisieren. Als Hornsolist konzertierte er seitdem in führenden Spezialensembles wie der Akademie für Alte Musik Berlin. Schon früh spielte Luks aber auch regelmäßig bei den Mozart-Aufführungen des Prager Ständetheaters mit, der Uraufführungsstätte von Mozarts Don Giovanni.

 Chemnitz / Vaclav Luks - Simona Šaturová © Wolfgang Schmidt / Saechsisches Mozartfest

Chemnitz / Vaclav Luks – Simona Šaturová © Wolfgang Schmidt / Saechsisches Mozartfest

Nachdem Václav Luks 2005 nach Prag zurück gekehrt war, entwickelte er das Kammerorchester Collegium 1704 und den Chor Collegium Vocale zu einem Spitzen-Barockensemble. Luks wurde zum führenden Ausgräber und Botschafter der böhmischen Alten Musik seines Landes, auch mivielen preisgekrönten Aufnahmen vor allem von Jan Dismas Zelenka und Josef Myslivecek.
Im Rahmen des Internationalen Musikfestivals Prager Frühling etablierte Luks sich mit seinen Ensembles als ein international geschätzter Bach-Dirigent, der regelmäßig auch zu allen wichtigen Bach-Festivals, zu den Salzburger Festspielen sowie nach Berlin, Amsterdam, London, Versailles, Luzern und Utrecht eingeladen wird. 2008 gründete Luks die seitdem äußerst erfolgreiche Konzertreihe Musikbrücke Prag-Dresden mit innovativen Programmen Alter Musik.

Das Sächsische Mozartfest konnte somit keinen geeigneteren Preisträger für den Sächsischen Mozartpreis 2017 gewinnen als Václav Luks. Er bedankte sich mit einem ganz auf Mozarts Prager Erfolge abgestimmten Programm, das er mit dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig einstudiert hatte.
Dieses professionelle Kammerorchester bildete sich 1997 aus Absolventen der Leipziger Musikhochschule. Seine jugendliche und überschwängliche Musizierfreude passt hervorragend zur pädagogischen Disziplin, zum Präzisionswillen und der ansteckenden Musizierlust von Václav Luks, der das Publikum auch in Chemnitz wieder zu Ovationen und Jubel hinreißen sollte.

Zeigte der Auftakt mit der festlichen Ouvertüre zu Mozarts Prager Krönungsoper La Clemenza di Tito (KV 621) von 1791 noch leichte Schwierigkeiten des Orchesters, sich auf die hallige Akustik der Kreuzkirche einzustellen, so war jede Unsicherheit mit dem großen Auftritt der Sopranistin Simona Houda-Šaturová aus Bratislava verschwunden. Šaturovás silbriger und schmerzerfüllter, dramatischer Koloratur-Sopran verzauberte zunächst mit der höhensicheren Rondo-Arie der Donna Anna Crudele? – Ni mi dir aus dem 1787 in Prag uraufgeführten Don Giovanni (KV 527). Hier zeigte sich bereits, warum die stilsichere und technisch perfekte Mozart-Sängerin seit 2010 an allen großen Opernhäusern von Brüssel bis Dresden, Paris bis Wien, Buenos Aires bis Athen gefragt ist.
Vor einigen Jahren entdeckte ich Simona Šaturová am Aalto-Theater Essen als perfekte Konstanze in Mozarts Entführung aus dem Serail, die alle drei großen Arien der Konstanze, von denen oft eine wegen der extremen unterschiedlichen stimmlichen Anforderungen an die Sängerin gestrichen wird, von ihr in allen Affekten fast ununterbrochen hintereinander gesungen.
Simona Šaturovás herausragende Kunst der differenzierten Darstellung hochdramatischer Affekte in emotionalen und stimmlichen Grenzsituationen zeigte sie in Chemnitz in der von Mozart für seine Prager Freundin Josefina Dušek 1787 komponierten großen Konzertarie Bella mia fiamma, addio (KV 528). Diese sich aus dem Da-Capo-Schema lösende Arie ist ein wahres Musterstück für stimmliche Fertigkeiten mit ihren Sprüngen und chromatischen Besonderheiten. Diese Abschiedsarie durchmißt die Mozart so gemäßen Entgrenzungen von Klage und Traurigkeit, die er wohl in einer privaten Widmungsarie noch stärker zum Ausdruck bringen konnte als in öffentlichen Opernaufträgen. Wie mit einem Silberstift, je nach geforderten weichen oder harten Pastellstiften zeichnet die Stimme von Simona Šaturová alle emotionalen Farben und Ausdruckswerte dieses Höhepunkts von Mozarts Kompositionskunst für die weibliche Stimme.

Mit dem Alleluja und seinen Kolloraturtrillern aus der bekannten Motette von Mozart als Zugabe bedankte sich Frau Šaturova beim mit lauten Brava-Rufen applaudierenden Publikum.

Lässt sich eine solche opernmäßige dramatische Stimmung noch steigern? Václav Luks erreichte dies nach der Laudatio und Überreichung des Mozartpreises mit dem von ihm zu einem herausragend homogenen Klangkörper geformten Mendelssohn Kammerorchester Leipzig mit ihrer Aufführung der sogenannten Prager Sinfonie. Am 19.1.1787 war diese Sinfonie Nr. 38 D-Dur (KV 504) im Rahmen einer für Mozart veranstalteten Akademie im Prager Nationaltheater (heute Ständetheater) uraufgeführt worden.
Bereits die ausgedehnte langsame Einleitung der Sinfonie, ruhig fließend und zugleich mit enormer Innenspannung musiziert, lässt ein musikalisches Drama erwarten, das der vorausgegangenen Oper Le Nozze di Figaro und allem dem folgenden Don Giovanni ebenbürtig ist.

Das Theatralische, Leidenschaftliche, Erhabene und Komische klingt hier im ersten Satz wie in Opernensembles an, so wie Luks die Bläser und Streicher miteinander kommunizieren lässt. Transparent und mit größter Dynamik im Detail der Kontraste von hell und dunkel baut Luks mit seinem Orchester die Spannung auf. In der Durchführung des ersten Satzes wird die Innenspannung durch einen kontrapunktischen Sturm voran getrieben, den der Kenner Bachs und Zelenkas auf das Feinste und Logischste heraus arbeitet. Besonders herausragend die Trompeten und Holzbläser.

Noch deutlicher wird die Wirkung des Szenischen vergleichbar den großen Mozart-Da-Ponte-Opern im zweiten langsamen Satz geradezu zelebriert. Auch ohne Gesang und Bühnenbild zaubert Mozart uns hier geradezu ein „Dramma giocoso“ vor Augen, das bereits die Abgründe des „Don Giovanni“ vorweg nimmt. Hier wird die Verschmelzung vom instrumentalem und theatralischen Denken manifest. Besser als durch Luks und die Instrumentalsolisten des MKL kann diese Klangrede Mozarts kaum dargestellt werden.
Danach führt uns der virtuos und atemlos rasende Kehraus des Finales der Sinfonie wie so oft in den Opern Mozarts in eine Buffo-Welt des äußerlichen fröhlichen Feierns, die zumindest musikalisch nach den Dramen dieses Konzerts wieder hergestellt scheint. Mozart hinterlässt uns aber dabei mit mehr Fragen als mit Lösungen so wie der überraschende Schlußakkord der Sinfonie.

Großer, nicht enden wollender Applaus des Publikums. Der so uneitel auftretende tschechische Dirigent Vaclav Luks macht auch mit diesem Konzert deutlich, warum er zu den herausragenden Dirigenten und Musikpädagogen seiner Generation gehört, der seine mit größter Disziplin und Detailfreude verbundene unermessliche Musizierfreude an die Musiker wie das Publikum weiter zu geben vermag.

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Turandot von Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 09.03.2017

März 9, 2017 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

„Kaltherzige Kaisertochter trifft heißblütigen Prinzen“

Und China steht im Regen

Turandot von Giacomo Puccini

Von Albrecht Schneider

Grenzte es nicht nahezu an ein Wunder, sollte es ein Regisseur fertigbringen, eine der klassischen Opern, zu deren Aktualisierung, Modernisierung, Vertiefung, Ergänzung, was auch immer es ihn gedrängt hat, das modifizierte Stück derart in Szene zu setzen, dass es für das Publikum allzeit verständlich bleibt?

Deutsche Ope am Rhein Düsseldorf / Turandot - Linda Watson als Turandot © Hans Joerg Michel

Deutsche Ope am Rhein Düsseldorf / Turandot – Linda Watson als Turandot © Hans Joerg Michel

Gewöhnlich studiert der Mensch daheim zunächst den Opernführer oder sogar das Libretto, ehe er sich erwartungsvoll in den Theatersessel fallen lässt. Hier mag es ihm widerfahren, dass er, sofern zuvor nicht im Programmheft geblättert wurde oder ihn nicht von sonst woher ein bisschen Information über die Intentionen der Inszenierung erreichte, er mit dem Öffnen des Vorhangs auf eine Szenarium schaut, das mit dem akquirierten Wissen nicht unbedingt harmoniert. Deswegen ringt er die nächsten Stunden um Erkenntnis, was die Figuren dort oben wohl letztlich verhandeln. Den Missmut über die Diskrepanz zwischen dem verheißenen lustigen oder tragischen Geschehen und dem realen unbegreiflichen zu dämpfen, wird somit zur Pflicht der Musik. Bestenfalls dürfte ein andauernder Verdruss dann eine Spur nachlassen, liefert am nächsten Morgen der kluge Kritiker der Zeitung Aufklärung über die tiefsinnige Exegese einer Oper, deren Aufführung am Abend zuvor unseren Besucher eben mehr verstimmt denn vergnügt hat.

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot - Turandot-Sklavin Liu, Ping, Pang, Pong © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot – Turandot-Sklavin Liu, Ping, Pang, Pong © Hans Joerg Michel

Wem sich die Düsseldorfer Turandot in der Thematisierung des Regisseurs Huan-Hsiung Li ohne seine Hinweise im Programmheft oder der Verlautbarung des Pressebüros erschließen, derjenigen – demjenigen gebührt Respekt. Inwieweit dessen Konzept sich einleuchtend mit dem vom Komponisten wie Librettisten intendierten Dramma lirico verträgt, und wie überzeugend es auf die Bühne gebracht wurde, der Frage gilt es nachzugehen.

Puccinis große Opern sind die Dramen großer, liebender Frauen, die für ihre Liebe mit dem Tode büßen müssen. Die Schicksale von Manon, Tosca, Butterfly und Mimi klingen verklärt ausschließlich in der Musik, auf der Bühne endet ihr Leben ganz und gar jämmerlich. Davon nicht betroffen ist die chinesische Prinzessin Turandot. Die Gefahr, an der Liebe zu sterben, hält sich die Dame mit den eingefrorenen Gefühlen vom Leibe, indem sie den Platz in ihrem Ehebett nur demjenigen Herrn aus einem Fürstenhaus einräumen will, dem zuvor die Lösung dreier von ihr gestellter Rätsel glückt. Ein Versagen hingegen bezahlt der Freier mit Enthauptung. Wie radikal von ihr jeder Angriff auf die kaiserliche Jungfräulichkeit bislang abgewehrt wurde, bezeugen die abgehackten Köpfe der Bewerber, die aufgespießt auf Pekings Stadtmauer weitere liebestolle Interessenten von dem riskanten Quiz abschrecken sollen.

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot - Chor © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot – Chor © Hans Joerg Michel

Ihr grausames Verfahren resultiert, was sie frei gesteht, aus einem barbarischen Hass auf Männer, die in grauer Vorzeit einer Ahnin sehr übel mitgespielt haben. (In der Nachdichtung des Mythos von der Prinzessin Turandot durch Friedrich Schiller, die Puccini zur Vertonung anregte, tritt sie geradezu als eine frühe Feministin auf, die ihre Verachtung des anderen Geschlechts begründet mittels der akribischen Auflistung von dessen genuinen Charakterfehlern, Lastern und Missetaten).

Das ist der Hintergrund der in China angesiedelten unerfreulichen, grauslichen Sage von der Kaisertochter mit dem vereisten Herzen. Ein Stoff wie gemacht nicht allein, um ihn in Musik zu setzen, sondern als durchaus einer Untersuchung wert von der Psychopathologie, Soziologie, Mythologie und sogar Ethnologie befunden zu werden.

Konstitutiv für die Düsseldorfer Inszenierung ist, dass sie auf einer Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Taiwanesischen National Kaohsiung Center for Arts und der Rheinoper beruht. Der von dort stammende Regisseur möchte Turandot präsentieren als die Parabel eines archaischen wie unwirtlichen, eines großartigen und für die Welt eigentlich unergründlich bleibenden Chinas, dessen Stadt Peking im Regen nahezu zu ertrinken droht. Letzteres ist als eine Reminiszenz an Honkongs Regenschirmdemonstrationen von 2016 gedacht.

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot - Kalaf, Ping, Pang, Pong © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot – Kalaf, Ping, Pang, Pong © Hans Joerg Michel

Solcherlei Vorstellungen konkretisieren sich in der Aufführung nicht so richtig, auch wenn der Chor mit Regenschirmen in der Hand auftritt, um sich als Stadtvolk mal gnadenlos mal mitleidig zu den Aktionen zu äußern. Während derer veranschaulichen die auf dem Bühnenhintergrund vorbeihuschenden zerrissenen Schatten samt den jäh vom Bühnendach herabfallenden Gazevorhängen mit den darauf projizierten verfließenden chinesischen Schriftzeichen einem unbedarften Zuschauer wohl kaum, welches Gleichnis und Psychogramm von dem Großreich der Mitte man ihm gerade vor Augen führt.

Der Handlungsverlauf von Puccinis letztem Werk bleibt davon im Wesentlichen unberührt. Somit wird der Migrant Prinz Kalaf, aus dem eigenen fremdbesetzten Land geflohen, als nächster Kandidat sein Glück bei dem widerlichen Weibsbild versuchen. Zunächst voller Abscheu vor einem solchen Monster von Frau, deren Henker gerade einen persischen Kollegen zum Schafott führt, fängt er bei einem kurzen Erscheinen Turan-dots umgehend Feuer. Ob ihrer Schönheit fast von Sinnen, will er sie unbedingt erobern. Ihn von der lebensgefährlichen Probe abzuhalten, schaffen weder sein Vater Timur (Günes Gürle) noch dessen Sklavin Liu. Letztere hat ihr Herz längst an den Prinzen verloren, und verkörpert als das seelenvolle, liebende Weib den Gegenentwurf zu der versteinerten, eisumgürtet heißt es poetisch im Textbuch, Kaisertochter. Erst recht können ihn die Hofschranzen Ping (Dmitri Vargin), Pang (Johannes Preißinger) und Pong (Luis Fernando Piedra) als vortrefflich singendes und agierendes Trio nicht daran hindern, drei Mal den Gong zu schlagen, womit er sich geräuschvoll als neuer Examinand anmeldet.

Das Ganze spielt sich ab vor der Silhouette des Kaiserpalastes, auf dessen Zinne der Chinakaiser im schwarzem Gewand und schwarzer Melone gleich einem Londoner Bankier auftaucht, und mit hölzerner Prosodie (Wolfgang Schmidt) seine Hilflosigkeit in dem anstehenden Verfahren kundtut.

Obwohl der Prinz das Examen mit Bravour durchläuft, verweigert Turandot ihm die Gewinnmitnahme. Noch will ihr tiefgefrorenes Herz für ihn nicht schmelzen. Der Prüfling in seiner Großmut gewährt ihr nunmehr die Chance auf seinen Verzicht, sofern sie bis zum nächsten Tag seinen Namen errät. Die Dame setzt umgehend Himmel und Hölle in Bewegung, den Fremdling zu identifizieren. Zu dieser Aufgabe werden die Einwohner Pekings aufgerufen, und deswegen ist allen Schlaflosigkeit anbefohlen. Nessun dorma…..

Mit dieser Arie kommt der Augenblick der Wahrheit für den Tenore eroico Kalaf (Yonghoon Lee). Mit Tönen aus feuergehärtetem Metall hätte er eigentlich schon zuvor den Eisblock Turandot (Linda Watson) in Stücke zu sägen vermocht. Von Anfang an hält er es in dem chinesischen Milieu wohl für aussichtslos, mezzavoce, gar piano auf die ferne Geliebte, die Volksmassen, Schergen und Henkersknechte einwirken zu können. Auch seine Besänftigung der berührend liebend und herzbewegend leidend singende Sklavin Liu (Anke Krabbe) gerät mehr zu viriler Seelsorge im Forte denn zu Angst linderndem Wohllaut. Die Kaisertochter andererseits bleibt ihm vokal nichts schuldig. In blutroter Robe mit bizarrem Hutschmuck kommuniziert sie mit ihm in des Soprans höchster Stimmlage, die sich nicht feurig rot und rund, eher stahlfarben und scharf anhört, was bei weiblich-männlichen verbalen Disputen ja zumeist der Fall ist.

Kalaf schürzt selbst den Knoten und offenbart seinen Namen. Turandot nennt ihn urplötzlich: Liebe. Diese Empfindung scheint endlich in ihrem Busen aufgetaut und aufgeblüht, ihr Herz gleichsam vom Eise befreit zu sein, sonst käme es jetzt nicht zu beider Umarmung und dem erlösenden Kuss. Ein allerseits begrüßter Ausgang, den der Chor mit einem Schlusshymnus feiert.

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot - Timur, Sklavin Liù, Kalaf, im Hintergrund: Turandot_Chor © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf / Turandot – Timur, Sklavin Liù, Kalaf, im Hintergrund: Turandot_Chor © Hans Joerg Michel

So hat das Drama den ihm eingeschriebenen Verlauf genommen. Wenn sich darin Geschick und Sein des Großreichs China spiegeln, so dürfte trotz aufleuchtender fremder Zeichen und der hintergründigen Schattenspiele, trotz einer mal herumflatternden, mal sich windenden, mal arretierten weißgekleideten Elfenfigur, die vielleicht als Seele oder Geist Chinas agiert, dergleichen Deutungen nicht das gesamten Halbrund des Opernhauses wahrgenommen haben. Unverhüllter, fassbarer hätten sie herausgearbeitet werden müssen, damit mehr als eine konventionelle, immerhin fabelhaft orientalisch gestaltete (Jo-Shan Liang + Hsuan-Wu Lai), doch durchaus gelungene Aufführung entsteht. Den Chören (Ltg. Gerhard Michalski + Justine Wanat) indessen gebührt die Palme, sie haben sich zig Vorhänge verdient. Deren Frauen, Männer und Kinder mauern mit den Körpern in bleichem Tuch den Schauplatz gleichsam ein. Ihr drohender, aufpeitschender, bisweilen säuselnder Gesang kommentiert, das Orchester (Ltg. Wen-Pin Chien) trägt mit Wucht und Leidenschaft und grundiert, wenn verlangt, mit zarten Farben die sentimentale wie abstoßende Erzählung. Gibt sie vielleicht eine Antwort auf Nietzsches Frage: Sind Liebe und Tod nicht Geschwister?

Aufrauschender Beifall!

Turandot in der Rheinoper, Düsseldorf: Premiere 4.3.2017, weitere Vorstellungen 18.3.2017,  19.3.2017,  23.3.2017,  29.3.2017, 2.4.2017, 8.4.2017, 20.4.2017

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

 

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Die Schneekönigin von Felix Lange, 04.06.2016

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Adela Zaharia – die Schneekönigin © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Adela Zaharia – die Schneekönigin © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 

Die Schneekönigin von Marius Felix Lange

Premiere : Mo 04.07. – 18.00 Uhr (Premiere) | Di 05.07 – 11.00 und 18.00 Uhr | Mi 06.07. – 10.00 Uhr Weitere Aufführungen in der Spielzeit 2016/17 : Theater Duisburg : So 16.10. – 15.00 Uhr | Do 10.11. – 11.00 Uhr / Opernhaus Düsseldorf : Fr 25.11. – 18.00 Uhr | Di 29.11. – 11.00 Uhr | Di 13.12. – 10.30 Uhr | Mi 14.12. – 18.00 Uhr | Do 15.12. – 11.00 Uhr | Mo 26.12. – 16.00 Uhr

Familienoper nach Hans Christian Andersen, Libretto vom Komponisten Eine Koproduktion der Deutschen Oper am Rhein mit dem Theater Dortmund und dem Theater Bonn im Rahmen von „Junge Opern Rhein-Ruhr“ Schirmherrin: Christina Kampmann, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW

Kurz vor den Schulferien feiert Marius Felix Langes Oper Die Schneekönigin am Montag, 4. Juli, um 18.00 Uhr Premiere im Opernhaus Düsseldorf. Die hochsommerlichen Temperaturen können der eisigen Welt der Schnee­kö­nigin, die den jungen Kay gefangen hält, nichts anhaben. Befreien kann ihn nur die tiefe Freundschaft und Herzens­wärme seiner Freundin Gerda, die ihn nach einer abenteuerlichen Reise endlich im Eispalast findet. Rund 1000 junge Zuschauer bejubelten vor wenigen Wochen die Uraufführung im Theater Duisburg. Jetzt folgt die Premiere in Düsseldorf,  bevor Die Schnee­königin im Herbst 2016 wieder in beiden Städten auf dem Programm steht.

Die dritte Neukomposition, die die Deutsche Oper am Rhein gemeinsam mit den Theater Dortmund und Bonn im Rahmen der Kooperation Junge Opern Rhein-Ruhr in Auftrag gab, hat das Familienopern-Repertoire für große Bühnen um ein weiteres Stück bereichert. Marius Felix Lange habe „alle Register seiner Kunst gezogen, um gezielt mit abwechslungsreicher, stets situationsbezogener Klangmalerei auch bei Zuhörern im Grund­schulalter die Gefahr von Langeweile zu bannen“, heißt es in der Rheinischen Post, und in der Westdeutschen Allgemeinen: „Wie nachhaltig die Produktion wirken kann, zeigte die geballte Konzentration, mit der ausnahmslos alle Besucher der Uraufführung, auch die Jüngsten, dem bunten Geschehen neunzig pausenlose Minuten gebannt folgten.“

Johannes Schmid setzt Die Schneekönigin nach Hans-Christian Andersens gleichnamigem Märchen in idyllisch-skurrilen Bühnen- und Kostümbildern von Tatjana Ivschina in Szene. Die musikalische Leitung übernimmt Ville Enckelmann. Die Ensemblesolisten Adela Zaharia als Schneekönigin, Heidi Elisabeth Meier als Gerda und Dmitri Vargin als Kay führen das 13-köpfige Sänger­ensemble an, das Andersens phantastische Welt zusammen mit dem Projektchor der Robert-Schumann-Hochschule und dem altstadtherbst­orchester lebendig werden lässt.

Musikalische Leitung: Ville Enckelmann, Chorleitung: Markus Fohr, Inszenierung: Johannes Schmid Choreographie: Anna Holter, Bühne & Kostüme: Tatjana Ivschina Dramaturgie: Bernhard F. Loges, Licht: Volker Weinhart
Schneekönigin: Adela Zaharia,  Räubermädchen: Maria Kataeva
Kay: Dmitri Vargin,  Rentier: Lukasz Konieczny,
Gerda: Lavinia Dames Großmutter/ Finnin: Katarzyna Kuncio
Blumenfrau: Annika Kaschenz Tölpeltroll: Aïsha Tümmler
Krähe: Wolfgang Schmidt Trotteltroll: Conny Thimander
Prinz: Hubert Walawski,  Deubeltroll: Peter Nikolaus Kante
Prinzessin: Anna Tsartsidze Chor: Projektchor der Robert Schumann Hochschule
Orchester: Duisburger Philharmoniker

Die Schneekönigin im Opernhaus Düsseldorf: Mo 04.07. – 18.00 Uhr (Premiere) | Di 05.07 – 11.00 und 18.00 Uhr | Mi 06.07. – 10.00 Uhr, Aufführungen der Spielzeit 2016/17: Theater Duisburg : So 16.10. – 15.00 Uhr | Do 10.11. – 11.00 Uhr / Opernhaus Düsseldorf : Fr 25.11. – 18.00 Uhr | Di 29.11. – 11.00 Uhr | Di 13.12. – 10.30 Uhr | Mi 14.12. – 18.00 Uhr | Do 15.12. – 11.00 Uhr | Mo 26.12. – 16.00 Uhr

 

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