Wien, Wiener Symphoniker, Jan Nast – Neuer Intendant der Wiener Symphoniker, 01.10.2019

Juli 11, 2019 by  
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Wiener Symphoniker

Wiener Konzerthaus

Wiener Symphoniker / Gruppenfoto am Podium des Großen Saales im Wiener Konzerthaus (mit Chefdirigent), © Stefan Oláh

Wiener Symphoniker / Gruppenfoto am Podium des Großen Saales im Wiener Konzerthaus (mit Chefdirigent), © Stefan Oláh

Jan Nast – Neuer Intendant der Wiener Symphoniker

Die Mitgliederversammlung der Wiener Symphoniker hat in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat des Orchesters den deutschen Orchestermanager Jan Nast als Nachfolger Johannes Neuberts zum neuen Intendanten bestellt. Antreten wird Nast die Stelle am 1. Oktober 2019.

Jan Nast ist derzeit Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Hier hat er in der Ära von Giuseppe Sinopoli begonnen und später mit Christian Thielemann als Chefdirigenten zusammengearbeitet. Außerdem hat Nast die Staatskapelle zum Residenz-Orchester der Salzburger Osterfestspiele gemacht. Der ausgebildete Hornist und Kulturmanager begann seine Karriere als Orchestergeschäftsführer beim Philharmonischen Orchester Freiburg im Breisgau.

„Die Symphoniker sind das erste Orchester der Stadt Wien, sie strahlen international nicht nur durch ihre weltweiten Auftritte und ihre Konzerte im Wiener Konzerthaus und im Musikverein, sondern auch durch ihre Präsenz bei den Bregenzer Festspielen, im Theater an der Wien und bei den Wiener Festwochen“, sagt Jan Nast.Ich kenne kaum ein Orchester mit einer derartigen Publikumsbindung, nicht zuletzt durch seine Musikvermittlung, und bin der festen Überzeugung, dass dieser Klangkörper das Potenzial hat, den musikalischen Reichtum Wiens in höchster musikalischer Qualität zu verkörpern und die Menschen für die Musik zu begeistern. Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg mit dem Orchester, das von Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan oder Carlo Maria Giulini geleitet wurde, das derzeit von Philippe Jordan und von 2021 an von Andrés Orozco-Estrada geführt wird. Für mich sind die Begeisterung und die Leidenschaft der Musiker der Grund, gemeinsam mit ihnen neue Horizonte zu erkunden.“

„Mit Jan Nast ist es gelungen für mein Orchester einen Mann von internationaler Erfahrung und ausgezeichnetem Ruf zu gewinnen. Ich freue mich gleichermaßen, dass ich mit ihm mein Abschlussjahr als Chefdirigent der Wiener Symphoniker durchführen kann und dass mit ihm auch eine seriöse und vielversprechende Perspektive für die Zukunft gefunden wurde“, kommentiert der amtierende Chefdirigent der Wiener Symphoniker Philippe Jordan die Entscheidung.

„Mit Jan Nast konnte ein international erfahrener wie anerkannter Orchesterfachmann für Wien gewonnen werden“, erklärt die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. „Ich bin davon überzeugt, dass Nast die unter Johannes Neubert begonnene Positionierung der Wiener Symphoniker als weltweit rezensiertes A-Liga Orchester weiterführt und beglückwünsche daher unsere Musikerinnen und Musiker ausdrücklich zu ihrem neuen Intendanten.“

Thomas Schindl, Orchestervorstand der Wiener Symphoniker ergänzt: „Mit Jan Nast konnte ein erfahrener, in der internationalen Musikwelt äußerst angesehener und bestens vernetzter Orchestermanager zum Intendanten verpflichtet werden. Wir begrüßen diese Bestellung sehr. Neben seinen Qualifikationen, Erfahrungen und Kompetenzen haben uns vor allem seine Pläne und Ideen für die Zukunft der Wiener Symphoniker begeistert. Dass es gelungen ist, den Manager eines der weltweit führenden Orchester zu gewinnen, reflektiert auch, wie sehr wir in den vergangenen Jahren an Renommee und Strahlkraft gewonnen haben. Gemeinsam mit unserem aktuellen Chefdirigenten Philippe Jordan, dem kommenden Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada und unserem neuen Intendanten Jan Nast kann die positive Entwicklung des Orchesters der letzten Jahre so kontinuierlich vorangetrieben werden. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.“

Vakant wurde die Stelle durch den Wechsel des amtierenden Intendanten Johannes Neubert zum Orchestre National de France nach Paris zur Spielzeit 2019-20. Die Bestellung Jan Nasts erfolgte auf Empfehlung einer 10-köpfigen Expertenjury, die auf Initiative von Veronica Kaup-Hasler eingesetzt wurde. Mitglieder der Findungskommission waren. 55 Bewerbungen sind eingegangen: 40 männlich und 15 weiblich. 34 stammten aus dem Inland, 21 Personen haben sich aus dem Ausland beworben.

—| Pressemeldung Wiener Symphoniker |—

Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philharmoniker – Neu auf SACD, IOCO CD-Rezension, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Wilhelm Furtwängler - SACD Box © BPH

Wilhelm Furtwängler – SACD Box © BPH

Wilhelm Furtwängler – Furioser Klangrausch aus dunkelster Zeit

Neu auf SACD erschienen

von Michael Stange

Die CD Edition der Berliner Philharmoniker erweckt Furtwänglers Kriegsaufnahmen in phänomenalem Klang zu neuem Leben

Die Berliner Philharmoniker legen auf ihrem hauseigenen Label Neuüberspielungen der Tonbandaufnahmen Wilhelm Furtwänglers aus dem Deutschen Rundfunkarchiv der Jahre 1939 bis 45 vor. Die Toningenieure wählten aus den vorhandenen Bändern das am besten erhaltene Material aus, überspielten es neu und unterzogen alle Aufnahmen einer behutsamen und versierten klanglichen Aufbereitung.

Quellen sind die Originalbänder oder alte Überspielungen der Originale durch den Russischen Rundfunk in etwas schwächerer Klangqualität. Dem fast achtzig Jahre alten Tonbändern wird eine ungeahnte Klangpracht entlockt. Dynamik, Tiefen und Hörbarkeit sind staunenswert aufbereitet und steigern den Höreindruck gegenüber dem bisher erschienenen Ausgaben ungemein. Gleiches gilt auch für den Transfer von Furtwänglers Symphonischem Konzert von Schellackplatten. Die Aufnahmen klingen gegenüber alten Ausgaben wesentlich frischer und unverfälschter. Die Tonhöhe stimmt und abspielbedingte Tonschwankungen der Bänder wurden beseitigt. Dadurch sind die Konzerte in bisher nicht dagewesener Weise aufbereitet.

Für das heutige Nacherleben des Phänomens Furtwängler sind sie unverzichtbar und ein Meilenstein der Bearbeitung historischer Aufnahmen. Die Ursprünge des Trends zur Veröffentlichung von Liveaufnahmen aus Archiven liegen in Italien, den USA und Japan. Kleine Piratenlabel haben seit den siebziger Jahren Musikschätze aus den Archiven zum Leidwesen der etablierten Musikindustrie gehoben und ihnen damit heftige Konkurrenz auf dem Tonträgermarkt gemacht. Auch damals schon gehörten Aufnahmen Wilhelm Furtwänglers neben denen von Maria Callas zu den Bestsellern des „grauen Musikmarktes“.

Wilhelm Furtwängler auf Tournee © Archiv BPH

Wilhelm Furtwängler auf Tournee © Archiv BPH

Ein wesentlicher Faktor für die Popularität dieser Veröffentlichungen war und ist, dass historischen Aufnahmen oft unverkennbare Visitenkarten der Interpreten abgeben und dadurch eine faszinierende Wirkung haben. Schon nach wenigen Takten einer Aufnahme hört man, dass Enrico Caruso, Maria Callas, Jussi Björling oder Kirsten Flagstad singen oder Furtwängler oder Hans Knappertsbusch dirigieren.

Timbre der Sänger oder und historische Dirigate verströmen eine unverkennbare Individualität und künstlerische Ausdruckskraft. Dies ist der Grund für viele Musikliebhaber, dem tönenden Erbe vergangener Epochen nachspüren.

So erklärt sich das ungebrochene Interesse an alten Tonträgern. Interessierte können heute bei Streaming Dienste und von CD-Label ein Füllhorn historischer Konzert- und Opernaufnahmen erhalten. Die Zahl digital guter Restaurierungen steigt und ermöglicht Zeitreisen in vergangene Aufführungen von Opernhäusern und Konzertsälen aller Welt.

So wurde und wird auch heute noch in Archiven aller Welt nach historischen Aufnahmen der Vergangenheit geforscht. Die heute im Berliner Rundfunk befindlichen Tonbänder der Reichsrundfunkgesellschaft sind eines der bekanntesten Beispiele einer derartigen Suche. Diese Bemühungen weisen oft auch Momente eines Puzzles oder einer Detektivgeschichte auf.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden von den sowjetischen Streitkräften zahlreiche Rundfunkaufnahmen des Berliner Rundfunks nach Moskau gebracht. Sie galten in Deutschland daher als verschollen. Einige Aufnahmen erblickten dann aber auf dem russischen LP Label Melodya und bei anderen Graumarktfirmen ab Ende der sechziger Jahre das Licht der Welt. Weitere Editionen auf CD – auch die technisch gute Edition des russischen Labels Melodya von 2006 – folgten. Aufgrund der verwendeten Bänder boten sie ein klanglich besseres Bild. Auch sie erreichte aber bei weitem nicht die Wiedergabequalität der nun vorliegenden Neubearbeitungen.

Perestroika und das jahrelange intensive Engagement des damaligen SFB Musikredakteurs Klaus Lang bei der Suche nach den Originalbändern in Moskau führten zu einer Schenkung einiger Furtwängler-Aufnahmen im Jahre 1987. Zu einer weiteren Lieferung von über 1.000 Musikbändern aus dem Reichsrundfunkarchiv durch den Moskauer Rundfunk kam es 1991. Die meisten Originalbänder waren schon damals durch die umsichtigen und technisch ungemein akribischen Moskauer Archivare kopiert worden. Die gesamte verworrene und spannende Geschichte wird im editorisch und journalistisch brillanten Booklet der Edition erzählt. Es wartet mit zahlreichen Hintergrundinformationen und Zeitzeugnissen auf und rechtfertig schon für sich allein die Anschaffung der Edition.

Das Eintauchen in versunkene Klangwelten erfordert wegen der eingeschränkten Klangqualität Geduld und Einfühlungsvermögen. Wer den Zugang findet, wird mit berührenden oft atemberaubenden Schätzen der Vergangenheit belohnt. Musikalische Zeitreisen in die Vergangenheit entfalten immense Sogkraft und Magie. Dies gilt insbesondere für die Kriegsaufnahmen Wilhelm Furtwänglers. Daher war es eine wichtige Großtat, sie durch technisch hervorragende Überarbeitungen in die heutige Zeit zu retten.

Dreißig Jahre nach ihrer Rückkehr nach Deutschland liegen sie nun in einer vollendeten Qualität vor und der letzte wesentliche Teil der Konzert- und Opernaufnahmen Wilhelm Furtwänglers ist damit in das digitale Zeitalter überführt. Weitere Beispiele sind die klanglich völlig aufgefrischten Furtwängler Aufnahmen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg von Tahra, EMI, Warner, Praga Digitals auf Super Audio CDs. Hinzu kommen die Veröffentlichungen der Salzburger, Wiener und Berliner Konzerte von Orfeo und Audite und viele weitere Neuüberspielungen von den Originalbändern auf CD. Diese Aufnahmen machen begreiflich, warum Wilhelm Furtwängler, auch heute, über sechzig Jahre nach seinem Tod, als eine der faszinierendsten Dirigentenlegenden des zwanzigsten Jahrhunderts wahrgenommen wird.

Die Edition ist über die Dokumentation von Furtwänglers Wirken hinaus ein Stück Zeitgeschichte. Die Erfindung des Tonbandes und damit erreichte technische Qualität der Aufnahmen war ein Meisterstück der Ingenieurkunst der vierziger Jahre. Gleichzeitig lassen die Aufnahmen uns in den erlebten Alltag der Kriegsjahre eintauchen. Zuhörinnen und Zuhörer kamen in die Konzerte, nachdem sie das Inferno des Krieges erlebt oder erahnt hatten. Jeder war selbst von Leid, Kämpfen, Bomben, Entbehrung und dem Verlust von Familie und Freunden infolge rassischer Verfolgungen oder des Krieges betroffen. Verwandte und Freunde waren bereits verschleppt oder emigriert oder als Soldaten an der Front oder schon umgekommen. Dieses Leben im Angesicht des Todes führte zu einem heute kaum mehr vorstellbaren belastenden Alltag und undenkbaren physischen und psychischen Beanspruchungen. Entsprechend groß war der Wunsch nach Flucht und Befreiung die sich auch im Musizieren und Musikerleben ausdrückte. Auch für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der 1938 durch die Gestapo nach Polen verschleppt wurde, waren Furtwänglers Konzerte vor dem Krieg wichtige Oasen, um dem NS-Terror zu entrinnen und in eine „bessere Welt“ einzutauchen.

Wilhelm Furtwängler © Hilde Zenker

Wilhelm Furtwängler © Hilde Zenker

Diese verhängnisvollen und bedrückenden Zeitumstände sind ein Grund der dramatischen Entladungen der Furtwängler-Konzerte jener Jahre. Furtwängler war als sensibler Mensch in ständigem Konflikte mit dem NS Regime. Ungeachtet aller Verstrickungen mit den Machthabern war er ein Getriebener und zum Teil Verzweifelter. Seine Seelenqualen drückte er in seiner Musik aus und er floh mit Publikum und Musikern aus dem Schreckensalltag in eine bessere Welt zu den Werken der Romantiker.

Flucht und „Fremdeln“ mit der Moderne begleiteten Wilhelm Furtwängler zeitlebens. Sein Freiheitsdrang, seine tiefe humanistische Gesinnung und seine immense Musikalität entluden sich in seinen Dirigaten, in denen er Orchester und Publikum das Füllhorn seiner Innenwelt offenbarte. Die Partituren waren Grundlage aber kein unveränderliche Maßstab in den Konzerten. Jedes Konzert und jede Furtwängler Aufnahme beleuchten neue Aspekte und Modulationen des Werks.

Er ist de so genannten „espressiven“ Dirigentenschule des neunzehnten Jahrhunderts zuzurechnen, nach der Aufgabe und Verantwortung des Dirigenten war, den Geist der Musik zu heben, den Intentionen des Komponisten in der Aufführung nachzuspüren und dem Publikum nicht als Botschafter des Komponisten sondern auch als Übersetzer des Werkes im jeweiligen Zeitpunkt der Aufführung gegenüberzutreten.

So entwickelte Furtwängler einen eigenen Dirigier- und Interpretationsstil, um seine Vorstellung des in den Partituren wohnenden Schöpfergeistes unter Mitwirkung des Orchesters zu entwickeln und darzubieten. Dadurch wurden Furtwängler-Aufführungen ein gemeinsamer Schöpfungsakt mit Musikern und Publikum. Tempi und Dynamiken interpretiere Furtwängler nach dem gerade empfundenen Fluss der Musik. Notierungen in der Partitur legte er weit aus. Im Beiheft der Edition finden sich neben der Bezugnahme auf Arturo Toscanini zahlreiche andere Beispiele der Musikwiedergabe der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und die unterschiedlichen Interpretationsansätze prägnant erläutert.

Die Konzerte der Berliner Philharmoniker unter Furtwängler sind durch ihre musikalische Dichte in mannigfaltiger Hinsicht singuläre Ton- und Zeitdokumente. Sie spiegeln Lebensumstände und Lebenswille von Publikum, Musikern und Dirigent wider. Zugleich sind beredter Ausdruck einer erhitzten, glühenden und sehnsüchtigen Erlebnis-, Gefühls- und Musikwelt.

Die 22 CDs der Box umfassen das romantische Kernrepertoire Furtwänglers mit Werken von Beethoven (Sinfonien Nr. 4, 5, 6, 7 und 9), Bruckner (Sinfonien Nr. 5, 6 und 9), Schubert (Sinfonien 7 und 8), Schumann (Klavier- und Cellokonzert), Brahms (Klavierkonzert Nr. 2, Haydn-Variationen, Sinfonien Nr. 1 und 4), Sibelius, Ravel, Furtwänglers Sinfonisches Konzert und weitere Kompositionen. Einige Werke sind nur lückenhaft erhalten, so dass von Bruckner nur die 5. Sinfonie vollständig vorliegt.

Auch heute noch erlebt der Hörer packende Konzertstunden durch die Unmittelbarkeit Furtwänglers und seines Orchester. Allen Aufführungen ist gemeinsam, dass der Orchesterklang gemeinsam ertastet wird. Es entwickelt und entspinnt sich eine Bandbreite von Tempi und Dynamiken die in dieser Form in aktuellen Konzerten Fassungs- und Ratlosigkeit hinterließen. Orchesterklang und –spiel drohen oft zu bersten und auseinanderzufallen. Dies riskierte Furtwängler, weil er Fluss der Musik, Spannung der Aufführung und das musikalische Mögliche dem Moment der Aufführung und dem erstrebten Klangideal unterordnete.

Beethovens Werke bilden den Schwerpunkt der Furtwängler-Konzerte seiner gesamten Laufbahn. Beethoven war aus Sicht Furtwänglers der Komponist, der in sich die ganze runde komplexe Menschennatur vereint. Niemals habe ein Musiker von der Harmonie der Sphären, dem Zusammenklang der Gottesnatur mehr erlebt und mehr gewusst als Beethoven.

Wilhelm Furtwängler bei der Probe © Archiv BPH

Wilhelm Furtwängler bei der Probe © Archiv BPH

Dieses Verständnis Furtwänglers zeigt sich überdeutlich an den in der Edition enthaltenen Beethoven-Sinfonien. Die 4. Sinfonie ist mit zwei Aufnahmen vertreten. Einmal ist es eine Aufzeichnung ohne Publikum und ein Konzertmittschnitt. Letzterer klingt noch frischer und unmittelbarer. Furtwänglers Gestaltung, paart den fortwährenden Fluss neuer Gedanken und das romantische Moment des Kontrastes zwischen Hell und Dunkel. Zu Beginn mit Tempi entwickelt, die gerade jedes Motiv neu beleuchten und zögernd ertastet. Furtwängler hält an bestimmten Harmonien langen fest, die versteckten Einmischungen von Dissonanzen werden prägnant herausgearbeitet und in träumerischer Dynamik verharrt. Die Kontraste des Scherzos des dritten Satzes werden in prägnantester Weise gegenüber gestellt. Lebendigkeit und Feuer werden im Konzert gegenüber der verhalteneren Aufführung ohne Publikum noch gesteigert. Die 5. Sinfonie wird nicht als pastoses Gemälde sondern innere Reise mit leuchtender Glut dargestellt und beeindruckt durch einen inwendigen melancholischen Trauermarsch. Das Finale ist triumphierend und befreiend. Mit der 9. Sinfonie erreicht Furtwängler ein Portrait das durch aberwitzige schnelle Tempi im ersten und letzten Satz und irrwitzigen Steigerungen gekennzeichnet ist. Seine Interpretation erinnert im 4. Satz mehr an einen Vulkanausbruch, in dem er seinen Gefühlen freien Lauf lässt, die Musiker um ihr Leben spielen und eine unterjochte Gemeinschaft brennend um die Freiheit bittet. Dadurch zählen diese Beethoven-Interpretationen zu den ausdruckstärksten Aufnahmen der Werke und fesseln durch die tiefe Auslotung, den Spannungsbogen des Melodienflusses und die Spontanität sowie die Intensität des Musizierens.

Bruckners 5. Sinfonie zeichnet sich durch gelegentliche Tempoveränderungen aus, hier hat Furtwängler aber insbesondere in den Außensätzen immer das architektonische Gebilde und den inneren Zusammenhang des Werks im Blick den er meisterhaft, profund und mit großer Poesie entwickelt. Schuberts 9. Sinfonie wird in sehr subjektiver Weise mit phänomenalem emotionalem Espressivo, großen Ausbrüchen und starken, fesselnden Kontrasten gespielt. Eine unerreicht dramatische Aufführung gelingt mit Webers Freischütz Ouvertüre. Sie ist an Düsternis und mitreißender Kraft kaum zu überbieten. Der Kern des Werks ist schon in der Ouvertüre vollständig angelegt und vermittelt. Eine derartige dynamische Differenzierung und so intensiv aufgebaute Spannungsbögen hat mit gleicher Wirkung nur Carlos Kleiber erreicht. Die Solistenkonzerte mit Erich Röhn (Beethoven Violin-Konzert), Tibor de Machula (Schumann, Cellokonzert), Edwin Fischer (Brahms, 2. Klavierkonzert) zeichnen sich durch die hohe Qualität der Solisten und das inspirierte Gemeinsame Verständnis der Werke von Dirigent und Orchester aus. Hier ist Furtwängler immer verständnisvoller Partner der Solisten und lässt ihnen Raum, Atem und Freiheit. Beeindruckend sind die Intensität, Musikalität und das wechselseitige Zuhören und die gemeinsame Gestaltung in den Konzerten. Faszinierend auch die mystisch, entrückte Aufführung von Sibelius En saga. Ein Exot ist Heinz Schuberts Hymnisches Konzert mit dem silbrigen Koloratursopran Erna Berger.

Die Edition wirft auch ein wichtiges Licht auf den Komponisten Wilhelm Furtwängler. Es enthält die Ersteinspielung des Sinfonischen Konzertes für Klavier und Orchester h-Moll mit dem Pianisten Edwin Fischer. Das Werk ist von ausladender Dimension und dauert über sechzig Minuten. Vom Aufbau lehnt es sich strukturell an ehesten an die Brahms Klavierkonzerte an und steht in der nachromantischen Tradition. Furtwänglers Komposition vereint mehrere Motive die am ehesten als meditative Bruchstücke der eigenen Gefühlswelt verstanden werden können. Leiden, Aufbegehren, Träume und Glücksmomente werden als Fäden gesponnen und verlieren sich unvollendet in der nächsten Melodie. Tatkraft und Energie versprüht das Klavier. Das Werk entfaltet eine immense Spannung und einen atemberaubenden Sog und hat einen zutiefst individuellen Charakter der die Vorgänger nie plagiiert. Den gestaltenden kraftvollen Part hat im Wesentlichen das Klavier. Edwin Fischer besticht dort durch sein kraftvolles mächtiges und zugleich poetisches Spiel.

Seinem Freund Walter Riezler gegenüber bekundete Furtwängler: „Ich bin nun mal ein Tragiker.“ Dem tragischen in Wilhelm Furtwängler und seiner kompositorischen Antwort auf die Qualen der NS-Zeit kann man in diesem Konzert nachspüren.

Neben diesen Aufnahmen machen zwei Erinnerungen des Solopaukisten Werner Thärichen das Phänomen Wilhelm Furtwängler und die aus den Aufnahmen hervorquellende Faszination ein wenig fassbarer. Das Musizieren mit Furtwängler und seine Schlagtechnik beschreibt er dergestalt, dass er nicht mit einem Schlag den Einsatz zum Beginn des Konzerts gegeben habe. Vielmehr sei dies mit einer Vielfalt von vorbereiteten Aufforderungen, die ihn und alle Mitwirkenden gezwungen haben, den Zeitpunkt des vorbereitenden Akkords selbst heraus zu spüren. Die Anforderungen an die Konzentration seien beispiellos gewesen. Der Abstieg nach einem Höhepunkt sei ein ergreifendes Festhalten an einem großen Erlebnis gewesen. Furtwängler hielt die linke Hand geöffnet, als ob er dem Orchester eine große Kostbarkeit vor Augen führen würde. Daran hielt er fest, auch wenn in der Partitur ein Diminuendo stand und die Instrumentierung immer dünner wurde. Er wollte seinen Klang nicht hergeben und steigerte die Intensität selbst im Leiser werden. An anderer Stelle beschreibt er eine Probe eines Gastdirigenten bei den Berliner Philharmonikern nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Probe änderte sich plötzlich die Klangfarbe. Eine Wärme und Intensität kam auf, als ginge es jetzt um alles. Verwundert schaute Thärichen von seine Partitur auf, ob eine neue Taktstockakrobatik das Wunder vollbracht hatte. Dort hatte sich nichts geändert, aber alle Kollegen starrten zur Tür des Saals. In ihr stand Wilhelm Furtwängler. Seine pure Anwesenheit genügte, um dem Orchester solche Klänge zu entlocken.

Furtwängler war aber nicht nur ein Tragiker sondern ein Zauberer, Charmeur, Sportler mit Hang zum Risiko beim Reiten und Skifahren und umschwärmter Frauenliebling. Dies spürt der Hörer in seinen Vorträgen in der Berliner Musikhochschule. Dort umgarnte er die Zuhörer mit Witz, Esprit und bemerkenswerten Erkenntnissen. Beispiel dessen ist seine leicht genant erzählte Geschichte eines Gastspiels des Tenors Ludwig Suthaus in Tschechien in Janacecks Jenufa. Suthaus – selbst großer intuitiver gesanglicher Gestalter – fragte den Sopran, der die Jenufa sang, wie sie einen derart sinnlichen Klang produziere worauf die Sängerin antwortete: „Mit dem Geschlecht. Furtwängler setzt dann hinzu, dass er selbst oft Sängerinnen erlebt habe, die mit geringen stimmlichen Mitteln und starkem Ausdruck eine wesentlich größere Wirkung erzielt hätten, als Kolleginnen mit wesentlich besserer Technik.

Furtwänglers Interpretationen ruhten auf vielen Säulen. Wahrhaftigkeit, tief empfundenes Gefühl, Spontanität, Risikobereitschaft und eine große Sinnlichkeit gehörten sicher dazu. Diese Eindrücke können durch die bisher unerreichte Wiedergabequalität der Edition neu erlebt werden. Sie ermöglicht das interpretatorisch glühende, eruptive Musizieren Furtwänglers während des Zweiten Weltkrieges in klanglicher Vollendung nachzuerleben. Die Zuhörer erleben eine Achterbahnfahrt der Gefühle und der Spontanität, die sie durch den musikalischen Fluss geleiten und mitreißen.

Die Edition stellt so die wichtigste historische Neuerscheinung des Jahres dar

—| IOCO CD-Rezension |—

CD – Rezension, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.12.2018

Dezember 27, 2018 by  
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NAXOS / Der Ring des Nibelungen - mit Jaap van Zweden © NAXOS Deutschland

NAXOS / Der Ring des Nibelungen – mit Jaap van Zweden © NAXOS Deutschland

Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Digitale Zauber aus:  Hongkong / NAXOS versus Bayreuth

Von Michael Stange

Naxos, der weltweit größte Anbieter für klassische Musik, und natürlich die Bayreuther Festspiele bietet faszinierende CD-Produktionen des Ring des Nibelungen von Richard Wagner. Michael Stange bespricht im folgenden für IOCO die folgenden Aufnahmen:

– Die Naxos-Eigenproduktion des Ring des Nibelungen unter Jaap van Zweden mit dem Hongkong Philharmonic Orchestra, entstanden in den Jahren 2015 -2018.

– Den Mitschnitt des Ring des Nibelungen der Bayreuther Festspiele von 2008 unter Christian Thielemann von Opus Arte.

Der hauseigene Naxos-Ring wurde in Hong Kong, wo das das Label seinen Sitz hat, zwischen 2015 und 2018 eingespielt. Geschuldet ist der Firmensitz der Vita des Naxos-Gründers Klaus Heymann. In Deutschland geboren setzte er seine Berufslaufbahn 1967 in Asien fort. Während des Vietnamkriegs organisierte er dort den Vertrieb einer US-amerikanischen Soldatenzeitung. Nebenher gründete er ein Versandgeschäft für Uhren, Kameras und Hifi-Artikel und importierte Klassik-LPs. In der Folge übernahm er den Asien-Vertrieb diverser unabhängiger Plattenlabel und gründete – und nicht ohne Hintergedanken – sein erstes eigenes Label Marco Polo. Die Idee war, seiner Frau, der japanischen Violinistin Takako Nishizaki, eine Plattform zu bieten, nahezu unbekannte Werke zu veröffentlichen. 1987 folgte dann die Gründung des Labels Naxos. Seitdem sind eine Vielzahl von Veröffentlichungen erschienen, die sich stets durch eine ausgezeichnete Aufnahmetechnik und qualitativ hochwertige Interpretationen auszeichnen.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Den Tonmeistern ist es gelungen, einen Ring des Nibelungen aufzunehmen, der alle aufnahmetechnischen Finessen und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters vollendet auf die Silberscheibe bannt. Orchester und Sänger sind perfekt aufeinander abgestimmt. Das Klangbild ist phänomenal ausbalanciert. Verblüffend gelingt auch die Erzeugung eines mehrdimensionalen Klangraums in Breite und Tiefe. Wenn die Rheintöchter im Finale des Rheingolds Wotan anrufen glaubt, sie aus der Tiefe des Rheins zu hören.

Auch Lautsprecher, die nicht durch Basslastigkeit glänzen, bringen selbst die tiefen Töne der Hörner und Pauken wirklichkeitsgetreu hervor. Diese filigrane Aufnahmetechnik und klangliche Finesse allein überwältigt.

Auf der beigefügten USB Karte erläutert Produzent und Tonmeister Phil Rowlands die Details des Aufnahmeverfahrens, wie er mit den Mikrofoneinstellungen experimentiert hat und dass das Abmischen von wenigen Minuten Aufnahmezeit oft Stunden in Anspruch genommen hat. Seine Arbeit macht die Aufnahme in tontechnischer Hinsicht zum Meilenstein und zur Messlatte für neue Opernaufnahmen.

Wem die in kompakten CD Boxen zu schwer sind, der kann den Ring auch über den Naxos Streamingdienst NAXOS Music Library in achtbaren, klangvollem 320 kbs im AAC-Format hören. Erforderlich ist dafür ein Abonnement. Alternativ bieten zahlreiche regionale Büchereien oder Bibliotheken ihren Kunden einen Zugang zur digitalen Naxos-Bibliothek an. Erhältlich ist die Naxos Aufnahme auch als Blue Ray Audio DVD. Im Downloadbereich werden weitere hochauflösende Stereo-Daten-Formate angeboten, darunter auch DSD 2.8MHZ und DSD 5.6MHZ.

Dies entspricht bzw. übertrifft die Qualität der Super Audio CDs (SACD). Aufgrund der hohen Klangqualität ist dies überaus begrüßenswert; so wird vom Tabletnutzer bis zum High-End Stream für alle Zielgruppen ein passendes Tonformat geboten. Die CD Ausgabe ist klanglich so gut gelungen, dass sie an Klangfülle, Auflösung und Tonumfang mit den anderen High-End Formaten mithalten kann und durch handliches Format überzeugt.

NAXOS / Der Ring des Nibelungen - hier: Jaap van Zweden © Ramond HoHK Phil

NAXOS / Der Ring des Nibelungen – hier: Jaap van Zweden © Ramond HoHK Phil

Jaap van Zweden zeichnet die Partitur als Erzählung ohne Prunk und Pathos; seine Tempi begleiten die Handlung in bestrickender und spannender Weise. Klangschönheit paart sich mit mitreißenden Akzenten. Der Fluss des Dramas und die Spannungsbögen werden mit den Sängern gestaltet und entwickelt. Der Orchesterklang ist durchsichtig, kraftvoll und an entscheidenden Stellen dramatisch zupackend. Das Klangbild bleibt vom Rheingold bis zur Götterdämmerung durchsichtig und ausgewogen. Streicher und Holzbläser atmen und werden nie zugedeckt.

Dadurch sind die filigranen und oft polyphonen Melodienführung der Partituren stets präsent. Van Zweeden und sein Orchester bringt die vielschichtigen, schillernden Harmonielandschaften der einzelnen Teile des Ringes brilliant zum klingen. Das balancierte Zusammenspiel lässt alle Instrumente durchscheinen und bringt Wagners Werk packend und präzise auf die Klangbühne.

Schon im Rheingold meint man beim Gesang der Rheintöchter die Sonne in die Tiefen des Rheins herabblinzeln zu sehen. Aufwühlend dramatische auch Alberichs Höhle, der 1. Akt Walküre und das Siegfried Finale. Der 3. Akt Walküre zeichnet sich durch einen Walkürenritt ohne Pathos und Blechgetöse aus. Gerade hier gelingt eine Orchesterführung, die sich ganz der menschlichen Tagödie zwischen Brünnhilde und Wotan widmet, den Sängern den Vortritt lässt und sie einfühlsam begleitet.. Die Götterdämmerung setzt dem Ganzen in ihrer Wucht und orchestralen Pracht die Krone auf. Hier merkt man, dass das Hong Kong Philharmonic Orchestra in den vier Jahren der Befassung mit Wagner seinen eigenen Stil gefunden hat und das schon im Rheingold brillante Spiel wird in der Götterdämmerung durch abgründige Orchesterfarben und noch diferrenziertes Spiel als zum Beginn der Tetralogie gekrönt.

Höchstes Niveau erreicht auch die Sängerriege. Das gesamte Ensemble ist so wortdeutlich, dass man kein Textbuch braucht. Trotz des Konzertsaals sind die Sänger darstellerisch zutiefst involviert. Der Chor der Götterdämmmerung zeichnet sich Klangschönheit, und Dynamik aus und hebt sich aus vielen Konkurrenzaufnahmen wohltuend hervor.

NAXOS / Der Ring des Nibelungen - hier : Gun-Brit Barkmin © Ka Lam/HK Phil

NAXOS / Der Ring des Nibelungen – hier : Gun-Brit Barkmin © Ka Lam/HK Phil

Beeindruckend sind auch die Solistinnen. Die Götterdämmerungs-Brünnhilde von Gun-Brit Barkmin ist ein gesanglicher Höhepunkt dieses Ringes. Mit ihrer jugendlich dramatisch, leuchtenden Stimme beherrscht sie die Partie in staunenswerter Weise. Mit berückendem, lyrisch samtweichen Timbre und leuchtender Höhe nimmt sie Abschied von Siegfried; verhangen melancholisch gestaltet sie das Wiedersehen mit Waltraute. Im Racheterzett des 2. Akts und in Brünnhildes Schlussgesangs gelingen ihr gesanglich und gestalterisch große, intensive Momente. Sie füllt die Partie stimmlich mit ihrer leuchtenden Höhe und ihrem klangschönen Sopran vollständig aus. Was für eine beeindruckende Stimme, die Schönheit, Gesangstechnik und interpretatorischen Tiefgang miteinander vereint. Sie ist eine weitere große Überraschung dieses Ringes.

Herausragend auch Heidi Melton als Sieglinde und Siegfried-Brünnhilde. Ihr hochdramatischer Sopran ist von großer Wucht. Mit beindruckende Klangfarben und glühender Gestaltungsfähigkeit gestaltet sie beide Rollen. Petra Lang ist eine klangschöne, technisch sichere Walküre-Brünnhilde. Insbesondere im 3. Akt der Walküre hat sie große lyrische Momente mit rundem warmen Ton. Michelle De Young ist als Fricka darstellerisch ungemein intensiv, fällt aber gegenüber den Sopranen mit ihrem in der Mittellage verschatteten Ton und häufigem Tremolo auch als Waltraute in der Götterdämmerung gegenüber den übrigen Sängerinnen ab.

Matthias Goerne hat bei Naxos seine ersten Wotane und den Wanderer eingespielt. Klangschön, strömend, überaus differenziert und textdeutlich lotet er die Partie aus. Sein Wotan ist von der Tragödie des Scheiterns gezeichnet und kein herrischer Gottvatervater. Allerdings fehlt ihm etwas die heldenbaritonale Wucht und die durchschlagskräftige Höhe. Gleichwohl ein interpretatorisch gelungenes und wichtiges Rollendebut. Textbehandlung und Gestaltung sind vorbildlich.

Auch die Heldentenöre sind gut besetzt. Daniel Brenna ist ein Götterdämmerungs-Siegfried von großer Poesie und heldischer Attacke. Stuart Skelton ist stimmlich mit seinem baritonalen Timbre ein heroischer Siegmund. Simon O’Neills Siegfried gelingt mit Strahlkraft und Schmelz ein eindrucksvolles Portrait des jungen Siegfried. Kim Begley ist ein differenzierter und tückischer Loge. Herausragend auch der schwarze Hagen von Eric Halvarsson. Dirigat, Sängerriege und die überirdische Klangqualität überwältigen. Ein großer Wurf und eine wichtige Ergänzung der überreichen Ring-Discografie.

Christian Thielemann setzt mit Opus Arte die Aufnahmen der Bayreuth-Ringe der neunziger Jahre fort, Daniel Barenboim folgend. Grundlage sind die Rundfunkbänder des Bayrischen Rundfunks. Der Vorzug der Aufnahme liegt in der Live-Atmosphäre. Sie fängt die Akkustik des Bayreuther Festspielhauses mit seinem verdeckten Orchester detailgetreu ein. Beim Zuhören glaubt man, im dortigen Zuschauerraum zu sitzen.

Die Klangwogen nach Wagners Vorstellung überwältigen und akkustisch wird nicht getrickst. Hifi-Enthusiasten sollten bedenken, dass tiefgestaffelter Raumklang und die Auffächerung von Sängern sowie Orchester aufgrund der akustischen Gegebenheiten des Aufnahmeortes fehlen.

Thielemann entwickelt schon im Rheingold ein mystisches Klangbild. Er beleuchtet Wagners das Wagners Musikdrama in allen Facetten von der menschlichen Tragödie über die Verstrickungen zwischen Macht, Gewalt und Leidenschaft. Tonal gelingt ein klanglich nuancierter bestrickender Zauber. Thielemanns architektonische angelegte musikalische Konzeption verbindet den inneren Zusammenhang des jeweiligen Stücks, wie auch der vier Werke zueinander. Dramatische Situationen werden durch das fließende Dirigat miteinander verknüpft; sie zerfallen nicht in lose symphonische Ausleuchtungen einzelner Passagen. Thielemann kostet schwelgerisch die Partitur aus, schafft aber auch durch teilweise rasche Tempi ein Klangbild, dass stets mitreißt.

Es ist hörbar, dass Christian Thielemann sein Musizieren auch unter dem Aspekt begreift, einen bestimmten, tradierten Musik und Dirigierstil zu bewahren. Dieser zum Teil als überholt gelten Ansatz wurde von ihm in einem Interview mit der Zeit damit begründet, dass Dirigenten wie Hans Knappertsbusch, Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter freier und freizügiger musiziert haben.

 Christian Thielemann © Bayreuther Festspiele / Jochen Quast

Christian Thielemann © Bayreuther Festspiele / Jochen Quast

Christian Thielemann liefert aber kein Plagiat dieser Musikgrößen ab sondern entwickelt eine überzeugende, eigenständige, auftrumpfende und mitreißende Ringdeutung. Man nimmt ihm ab, dass er den interpretatorischen Geist seiner Vorgänger aufgreift, ohne aber beispielsweise die breiten Tempi von Hans Knappertsbusch nachzuahmen. Was Thielemanns Interpretation so auszeichnet, ist dass er mit dem klang- und farbenreichen Orchester und ein furioses Klangfeuerwerk entzündet. Der musikalischen Fluss und Wagners Zuversicht, dass im Ende immer ein Anfang liegt bei ihm interpretatorisch in den besten Händen.

Das Bayreuther Orchester ist gleichsam die Nationalmannschaft der deutschen Orchester, die ihre Sommerferien mit Richard Wagner in Bayreuth verbringen. Als Team gingen sie mit Thielemann in das dritte Jahr dieser Ring Inszenierung, so dass genug Proben und Aufführungen hinter ihnen lagen, um ein packendes musikalisches Portrait abzuliefern.

Sängerisch wird hohes Niveau geboten: Albert Dohmen ist ein lyrischer, innwendiger Wotan mit großem gesanglichen Momenten. Mit Textdeutlichkeit und berückendem Timbre gestaltet er – wie Goerne bei Naxos – einen sinnenden, schicksalsergebenen Göttervater. Linda Watson singt Brünnhilde mit leuchtenden Töne und unermüdlicher Stimmkraft. Stephen Gould ist ein lyrischer Siegfried mit poetischen Ton und großer Attacke. Endrik Wottrich singt einen packenden Siegmund mit Feuer und intensiver Gestaltung. Eva-Maria Westbroek ist ein lyrische, blühende Sieglinde mit betörender Stimme und großer Strahlkraft. Kwangchul Youn ist ein bedrohlicher Hunding und Hans-Peter König ein stimmgewaltiger Hagen.

Für Thielemann-Fans und Bayreuth-Liebhaber eine ausgezeichenete Wahl. Der Mitschnitt der Bayreuther Festspiele von 2008 punktet klanglich deutlich vor dem Thielemann Ring aus der Wiener Staatsoper, der mir bei kurzem Hören hinsichtlich der Klangqualität auch für einen Rundfunkmitschnitt recht fragwürdig schien.

 Der Naxos Ring – Bayreuther Festspiele Ring :  Ein Fazit

Der Naxos Ring zieht den Hörer in den Bann. Van Zweeden geleitet den Hörer –  wiegleichsam Dante von Vergil – musikalisch erläuternd durch Wagners Welten und zieht ihn in den Bann. Klanglich faszinierend wird höchstem Niveau musiziert. Wortdeutlichkeit und Hörbarkeit aller Instrumente im Orchester machen die Aufnahme gerade für Wagner-Einsteiger und Kenner ihn zum Muss. Er präsentiert die alle Farben des Orchesters und die Vielfalt von Wagners Ring-Instrumentation in unvergleichlicher Weise.

Thielemann ist für meine Ohren intensiver, dramatisch dichter und mitreißender. Er legt jede Verstrickung dar und er entlockt der Partitur das Bayreuther Feuer. Damit hat er ein zentrales Ring-Portrait in der Bayreuther Klangtradition geschaffen und mit starker künstlerischer Handschrift eine bleibende Ringinterpretation auf Tonträger gebannt.

Richard Wagner in Venedig © IOCO

Richard Wagner in Venedig © IOCO

Beide Ringe werden Richard Wagners Werk auf hohem Niveau in unterschiedlicher Weise gerecht; zeigen sie doch eindrucksvoll verschiedene musikalische Deutungsmöglichkeiten. Beide Aufnahmen verdienen so vordere Plätze in der großen Ring Discografie.

Weitere  Empfehlungen  –  Der Ring des Nibelungen

Wer Historisches in gutem Klang sucht ist mit dem Keilberth Ring bei Testament ausgezeichnet bedient. Die Bayreuther Ring-Garde der 50er Jahre singt in Breitwand Stereo: Ein Jahrhundert Ring.

Digitales in Hollywood-Dimension liefert James Levine bei der Deutschen Grammophon. Pluspunkte sind zudem die stimmlich unerreichten heldische Wotane und der Wanderer von James Morris. Er ist der klangschönste und heldischste Wotan auf CD. Maßstäbe setzt auch Reiner Goldberg als Götterdämmerungs-Siegfried. Beeindruckend auch Hildegard Behrens als berührend menschliche Brünnhilde. Tontechnisch ist allerdings die Aufnahme des Siegfried seltsam abgemischt. Die Sänger werden zum Teil unvorteilhaft überdeckt und klingen verschattet.

Hörenswert und ohne sängerische Beeinträchtigungen auch die Ringe des Nibelungen unter Wilhelm Furtwängler. Kirsten Flagstad, Max Lorenz und Ferdinand Frantz machen den Scala Ring zu einem zeitlosen Wagnermuseum und wer sich für den Ring aus Rom entscheidet begegnet der unvergleichlichen Martha Mödl als Brünnhilde und dem Jahrhundert Tristan Ludwig Suthaus.

 

—| IOCO CD-Rezension |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Wunder der Heliane – Erich W. Korngold, IOCO Kritik, 05.05.2018

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold

Großes Kino oder nackte Wahrheit ?   Bühne wird zum Gerichtssaal

Von Kerstin Schweiger

Die Berliner Opernhäuser besinnen sich derzeit einträchtig auf diesen in der Oper musikalisch so heterogenen Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach den Gezeichneten von Franz Schreker im Januar an der Komischen Oper und dem Strauss‘schen Türöffner zur Moderne Salome an der Staatsoper, gelingt nun der Deutschen Oper Berlin mit Korngolds Das Wunder der Heliane 90 Jahre nach der ersten Aufführung an diesem Haus ein Opern-Coup.

April 2018 – 90 Jahre nach Erstaufführung
Deutsche Oper Berlin hebt musikalischen Schatz  –  Das Wunder der Heliane 

Dramaturgisch greift diese Rückschau nach einer Blütezeit des Musiktheaters an der Schwelle großer Veränderungen. Das frühe 20. Jahrhundert war eine Zeit der Neuordnung, des Aufbruchs in Wissenschaft und Psychologie, einer politischen Zeitwende und jähen Einbruchs. Die Weltkriegsfolgen führten zu einer Neuorientierung auf allen gesellschaftlichen und künstlerischen Gebieten. Eine Verschärfung von Prekariat und politischer Bewusstwerdung folgte auf Krisen. Künstler nahmen dieses explosive Gemisch seismographisch auf, das Publikum stellte sich aus der konservativen und neu gewonnen Bürgerlichkeit heraus ebenfalls neu auf, so das die Formen des künstlerischen Verarbeitens kaum unterschiedlicherer Ausprägung sein konnten und nebeneinander existierten.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Auf den Opern-Bühnen waren Richard Strauss und Gustav Mahler musikalische Trendsetter, Inspiration für eine Folgegeneration von Komponisten, die ihren Ansatz in eine neue zeitgenössische musikdramatische Sprache weitergeführt haben. Ihr Stil ermöglichte  in der kurzen Folge bis 1933 eine Flut musiktheatralischer Formen, wie sie z.B. Arnold Schönberg oder Alban Berg ausgeführt haben. Denen auf der Spur war die eine Gruppe von jüngeren Komponisten wie Schreker, Krenek, Weill oder Korngold, jeweils mit ganz unterschiedlichem stilistischem Ansatz.

Allen drei hier genannten Stücken gemeinsam, und ganz anders als die Werke von Krenek oder Kurt Weill, ist es, dass sie in der Wahl des Stoffes weit weg aus der Tagesrealität der Entstehungszeit in ferne, vergangene Zeiten oder mystische Schauplätze entführen. Sie behandeln allgemeingültige zwischenmenschliche Fragen von Religion, Beziehung, Macht, Diktatoren und ihrer Beziehung zum Volk. Eine Art dramaturgisches Krisenmanagement in unstetiger Zeit.

Wo markiert man Erich Wolfgang Korngold und sein Werk?

Erich Wolfgang Korngold (29. Mai 1897 – 29. November 1957) galt in seiner Heimatstadt Wien bereits als Wunderkind. Seine Jugendwerke wurden häufig durch Dirigenten wie Bruno Walter, Artur Schnabel, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Felix Weingartner und Richard Strauss aufgeführt. Er hatte in der Tradition einer modernen Klassik mit seiner Oper Die tote Stadt 1920 im zeitgenössischen Musiktheater eine Marke gesetzt und die Ankündigung einer neuen Oper elektrisierte die Häuser. Mit „Heliane“ hatte es Korngold bei Publikum und Kritik schwerer. Die Uraufführung 1927 an der Hamburgischen Staatsoper fand anders als Die tote Stadt wenig positive Resonanz.

Kreneks etwa zur gleichen Zeit uraufgeführte Jazzoper Johnny spielt auf traf mit Themen der Zeit und aktuellen Trends den herrschenden Publikumsgeschmack direkter als das eher mystisch-märchenhafte und inhaltlich verschlungene Stück Korngolds. Dennoch  wurde Das Wunder der Heliane direkt nach der Uraufführung von 12 Bühnen im deutschsprachigen Raum nachgespielt. Wenige Jahre später war die Oper von den Spielplänen verschwunden und vergessen. So unterschiedlich Krenek und Korngold agierten, Korngold stellte die Stimme mit spätromantisch blühenden Bögen noch einmal ins Zentrum, Krenek nutzte Jazzelemente, so sehr sind beide Stücke Ausdruck ihrer Entstehungszeit.

Von den Nationalsozialisten ab 1933 mit Aufführungsverbot belegt und als entartet“ eingestuft, ging Korngold auf Einladung von Max Reinhardts 1934 nach Hollywood, um für dessen Film A Midsummer Night’s Dream die Filmmusik nach Mendelssohns Schauspielmusik für das gleichnamige Shakespeare-Stück zu arrangieren.  Mit der Arbeit am Sommernachtstraum veränderte Korngold die bisherige Struktur von Filmmusik: Er vergrößerte die Orchesterbesetzung zu Symphonieorchesterumfang und setzte enge Relationen zwischen gesprochenen Dialogen und Filmmusik.  In den nächsten Jahren war er sehr erfolgreich als Filmkomponist für die Warner Brothers tätig und erhielt 1936 und 1938 zwei Oscars.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane, Josef Wagner als König / Herrscher © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane, Josef Wagner als König / Herrscher © Monika Rittershaus

Mit dem von den Nazis verhängten Aufführungsverbot des Komponisten jüdischer Herkunft verschwanden Korngolds Opernwerke für lange Zeit von den Bühnen. Ein Anknüpfen an die Aufführungsserien der Entstehungszeit war nach der Zäsur durch Nationalsozialismus und Weltkrieg nicht gegeben. Die Nachkriegszeit setzte auch in der Opernlandschaft andere Prioritäten.

Erst 1989  gab es wieder eine Inszenierung (John Dew) in Bielefeld. Im Rahmen der Reihe „Entartete Musik“, die die von den Nazis verfemten Werke wieder in den Fokus rückte, wurde die Oper 1992 für die DECCA auf CD aufgenommen. Eine konzertante Aufführung folgte 2007 im Rahmen der Londoner Proms Konzerte.  2010 und 2012 folgten in einer Koproduktion Aufführungen in Kaiserslautern und Brünn. Die Volksoper Wien und das Philharmonische Orchester Freiburg präsentierten 2017 konzertante Aufführungen Das Wunder der Heliane. Ebenfalls 2017 brachte die Oper Vlanderen in Antwerpen/Gent eine Neuproduktion heraus.

Die Handlung:   Ein eiskalter Herrscher ohne Liebesfähigkeit, der seinem Volk, das auf ein erlösendes Wunder wartet, alle  Freuden und Gefühle verbietet, führt ein strenges, freudloses Regime. Auch seine unglückliche Frau Heliane ist davon betroffen, sie verweigert sich dem kalten Herrscher.

Ein Fremder, der wie ein Guru das Volk in Glück und Liebesfähigkeit coachen will, landet dafür im Gefängnis. Als ihn Heliane dort aufsucht, geraten beide in eine plötzliche gegenseitige seelische Anziehung. Heliane wendet sich diesem Fremden zu, entblößt sich vor ihm aus einem Gefühl heraus. Als der Herrscher hinzukommt und diesen angenommenen Treuebruch entdeckt, klagt er seine Frau an, der Fremde ersticht sich. Heliane bleibt nur eine Option, nämlich mit einem „Wunder“, den Fremden wieder zum Leben zu erwecken und so zu beweisen, dass sie unschuldig ist. Auf diese wundersame Erlösung und damit ein emotional freies Leben hofft schließlich das ganze Land. Und bekommt sie auch, Heliane und der Fremde sterben eine Art Liebestod, der Herrscher und das Volk bleiben in dem kalten Reich zurück, ein Neuanfang?

Elsa Bienenfeld, Rezensentin der Wiener Erstaufführung 1927, erkannte, dass das Potential der Oper in der Musik, weniger im altertümelnden, sprachlich gewundenen, düster märchenhaften Plot und Textbuch lag. „Die Musik überflutet das Textbuch, wogt durch die Akte, reißt die Szenen mit sich. (…). Sie schüttet Melodie in die Figuren, daß sie an Gesang überquellen.“

Im Zentrum dieser Musik steht die menschliche Stimme, ein „Schwelgen im Gesang“, Hochexpressive Harmonien, packend, dynamisch und süffig  – für die Sänger eine Kraftanstrengung über dreieinhalb Stunden hinweg. Musikalische Promille, eingebettet in einen üppigen Orchesterklang, der stellenweise Korngolds spätere Komposition für Filme also Filmmusik voraus ahnen lässt, in einer Zeit, in der der Film selbst noch stumm war, aber durch seine bis Ende der 1920er Jahre ausdifferenzierte Weiterentwicklung als eigenständige Begleitmusik bereits klang. Korngold selbst notierte: „Musik ist Musik, ob sie für die Bühne, das Dirigentenpult oder fürs Kino ist. Die Form mag sich ändern, die Art, sie zu notieren, mag unterschiedlich sein, aber der Komponist darf keinerlei Zugeständnisse machen in Bezug auf das, was er für seine eigene musikalische Überzeugung hält.“

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane und Jakob Wagner als König © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane und Jakob Wagner als König © Monika Rittershaus

So krude, unverständlich und aus der Zeit gefallen der Librettotext uns heute erscheint, so plausibel ist die inszenatorische Idee, die Loy konsequent den gesamten langen Abend hindurch umsetzt. Regisseur Christof Loy kehrt nach Inszenierungen von JENUFA, FALSTAFF und EDWARD II. zum vierten Mal an die Deutschen Oper Berlin zurück. Er sieht sieht Themen wie „Liebe“, „Nächstenliebe“ und „Mit-Leid“, die in dem Stück verhandelt werden, in einer 1928 wie heute eiligen Metropole wie Berlin, dem Ort der dritten „Uraufführung“ des Stückes nach Hamburg und Wien, von großer Relevanz.

In einem Einheitsbühnenbild, einer dunkel getäfelten Kastenbühne mit einer variabel lichtdurchlässigen Decke und Fensterfront (Johannes Leiacker), erhält jede Figur eine Rolle in einer jeweils offensichtlichen Richt- bzw. Gerichtsituation. Die Gerichtskulisse ist die perfekte Basis für die seltsam und zugleich spirituell anmutende Handlung. So spielt der erste Akt in der Untersuchungshaft, wo nacheinander der König, dann Heliane und wieder der König den zum Tode verurteilten Fremden aufsucht. Keine TV Soap, kein Gerichtsfilm könnten die Gerichtsszene im zweiten Akt dramaturgisch besser herstellen. Angeklagt sind Heliane und der Fremde dafür, dass sie lieben, Gefühle zeigen, was im Reich des Königs bei Strafe verboten ist. Heliane wird ausserdem des Ehebruchs bezichtigt. Der Herrscher ist sein eigener Staatsanwalt, der Chor das sensationsgierige Volk, schwankend zwischen Hoffnung auf ein besseres Leben und Stillhalten unter dem Joch des autoritären Herrschers, mal dieser, mal jener Seite parteiisch zugetan. Und schließlich hält der strenge Raum auch im letzten Akt die Anspannung vor der spirituellen Auferweckung des toten Fremden, das Wunder der Heliane, und dem dramatischen Schluss dicht zusammen. Der durchweg dunkel bis grau gehaltene Businesslook der Kostüme (Barbara Drosihn) entspricht dem szenischen Konzept.

Die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak ist in jeder Hinsicht souverän und anrührend. Ihr leuchtend heller Sopran ist warm timbriert, angenehm in den lyrischen Passagen, voller Kraft, wenn es notwendig ist, strömt ihre Stimme mühelos auf und über dem Orchester. Wenn sie in einer innige Seelenbegegnung mit dem Fremden plötzlich nackt auf der Bühne steht, ist das logisch und im Erzählstrom selbstverständlich. Ihre Heliane ist in diesem Bühnengericht Angeklagte und Zeugin der Anklage gleichermaßen. Eine Marlene Dietrich der Opernbühne, auch äußerlich im Businesskostüm mit Pelzumhang.

Die Besetzung des Fremden und des Königs macht es Loy leicht, die unvereinbaren Positionen der Figurencharaktere markant herauszustellen. In dem ganzen schwer fassbaren Handlungsgerüst ragen besonders der asketische König von Josef Wagner, der mit großartiger Diktion und standhaften Bassbariton den König als unversöhnlichen, in selbst gewählter Einsamkeit nach Liebe und Anerkennung hungernden Gegenpol zu dem menschlichen Füllhorn von Brian Jagdes Fremden positioniert. Jagdes durchschlagender heller und kräftiger Tenor läuft insbesondere zum Schluss zu dramatischer Größe auf, sein Fremder ist eine schillernd uneindeutige Figur. Mediator für König und Königin, Verführer des Volkes, Verführer der Königin und Wundermedium mit Auferstehungsfähigkeiten.

Okka von der Damerau nutzt sowohl gesanglich als auch darstellerisch mit feinem Gefühl für Nuancen die Rolle der Botin für ein Charakterbild von purer Intriganz. Sie ist darstellerisch wie musikalisch vom Komponisten vorgegeben fast eine Seeräuberjenny Weill’scher Prägung. (Die Uraufführung der Dreigroschenoper erfolgte tatsächlich nur einige Monate nach der Berliner Erstaufführung von Korngolds Oper 1928).

Burkhard Ulrich gestaltet  den blinden Schwertrichter mit hochpräsentem hellen Tenor als differenzierende Persönlichkeit. Eine Charakterstudie gibt Gideon Poppe als Der junge Mann, ein omnipräsenter Verehrer der Königin. Besonders anrührend ist Derek Welton als Pförtner, der das Volk aufrüttelt, sein Glück selbst zu gestalten, sich der Diktatur des Königs zu entziehen.

Marc Albrecht, Chefdirigent der Dutch National Opera, des Netherlands Philharmonic und des Netherlands Chamber Orchestra ist der Deutschen Oper langjährig verbunden. Er trägt den Abend kongenial, gibt dem Orchester eine transparente Stimme, fächert die Klangebenen auf, mit den Musikern von extremer Expression mühelos zum feinsten Pianissimo gleitend, gibt den Sängern Raum auf der reichen Tonebene, präsentiert jedes Instrumentensolo und hält die überbordenden Klangmassen so weit in Zaum, dass jede gesungene Phrase hörbar und trotzdem in den Klang eingebettet ist. Eine phänomenale Leistung von Marc Albrecht und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Der Chor ist hochpräsent stimmlich wie darstellerisch. Ein Powerpaket, das  – einmal im Spiel – mit großem szenischen Verstand seine Wegmarken präzise in die Klangexplosionen hinein setzt. So erscheint das Wunder der Auferstehung des Fremden packend wie eine musikalisch-spirituelle Gemeinschaftsleistung von Heliane und dem Volk. Das ist musikalisches Gewichtheben auf elegante und differenzierte Art.

Es bleibt zu hoffen, dass nach der ersten überaus erfolgreichen Aufführungsserie im März / April 2018 sich dieses Wunder der Heliane in den kommenden Spielzeiten noch oft wiederholt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

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