Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Trauer um Maria Magdalena Ludewig, IOCO Aktuell, 06.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Maria Magdalena Ludewig – Auf Fuerteventura  tödlich verunglückt

Maria Magdalena Ludewig © Wiesbaden Biennale

Maria Magdalena Ludewig © Wiesbaden Biennale

Maria Magdalena Ludewig, Kuratorin und Leiterin der Wiesbaden Biennale, ist tödlich verunglückt. Am 31. Dezember 2018 wurde sie auf Fuerteventura von einer Atlantik-Welle ins offene Meer gezogen. Gemeinsam mit Martin Hammer hatte Maria Magdalena Ludewig 2016 und 2018 die Wiesbaden Biennale des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden künstlerisch gestaltet und dabei international bedeutende Gruppen und Künstler aus den Bereichen Theater, Performance und Bildende Kunst in die hessische Landeshauptstadt geholt, darunter Rabih Mroué, Gob Squad, Romeo Castellucci, Dmitry Krymov, Florentina Holzinger, Roger Ballen, Markus Öhrn oder Dries Verhoeven. Auch die Errichtung der umstrittenen goldenen Erdo?an-Statue auf dem Platz der deutschen Einheit und die Installation eines REWE-Marktes im Foyer des Staatstheaters gehörten zu den von Ludewig und Hammer im Rahmen der Biennale verantworteten Projekten.

Maria Magdalena Ludewig, 1982 in Lübeck geboren, studierte Philosophie in Hamburg und Berlin sowie Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Sie arbeitete als freie Produzentin sowie als Regisseurin und inszenierte u.a. am Hamburger Schauspielhaus und an den Sophiensaelen Berlin, vor allem aber seit 2007 regelmäßig auf Kampnagel Hamburg – zuletzt hatte dort im Oktober 2017 ihr Projekt »Übung in Trauer – Excercise in Mourning« Premiere. 2014 setzte Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer als Kuratoren der Wiesbaden Biennale ein. Maria Magdalena Ludewig wurde 36 Jahre alt.

Uwe Eric Laufenberg – Zum Tod von Maria Magdalena Ludewig

„Maria Magdalena Ludewig ist tot. Maria Magdalena verunglückte an Silvester, dem 31. Dezember 2018, auf einer kanarischen Insel, in einer Welle, von der sie überrascht und unerwartet von einem Felsvorsprung gerissen wurde.

Alle Mitarbeiter des Hessischen Staatstheaters sind unfassbar traurig über diesen unersetzbaren Verlust. Maria Magdalena hat mit unbändiger Kraft, Energie und Phantasie zwei Wiesbaden Biennalen gemeinsam mit Martin Hammer geleitet und kuratiert, sie hat uns befeuert, begeistert, über alle Grenzen getrieben und ist gleichzeitig immer der gute Geist all ihrer Künstler*innen gewesen.

Sie hat Spuren in uns allen hinterlassen, die unauslöschlich sind. »This ist Not Europe« und »Bad News« hießen ihre, unsere Biennalen. Diese Nachricht ist die traurigste »Bad News«, die wir versenden können. Die christliche, frohe Botschaft, die auch dahinter steht, ist: Jedes Menschenleben ist einzigartig.
Wir enden hier. Wir leben weiter. Maria Magdalena Ludewigs Leben wird einzigartig, vollkommen und unvergesslich sein. Sie ist vorgegangen. Auch wenn sie viel zu früh von uns gegangen ist.“

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater Wiesbaden, WIESBADEN BIENNALE mischt auf – BAD NEWS, IOCO Kritik, August 2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Ganz Normal © Martin Kaufhold

  WIESBADEN BIENNALE 2018

 Verstörung garantiert! – Erdogan Statue erzeugt Aufruhr

von Ingrid Freiberg

 WIESBADEN BIENNALE mischt auf – Mit BAD NEWS

Erdogan Statue auf Wiesbaden Biennale Wiesbaden Biennale © IFreiberg

Erdogan Statue auf Wiesbaden Biennale Wiesbaden Biennale © IFreiberg

Die Kuratoren der WIESBADEN BIENNALE (vom 23.08. – 02.09.2018), Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, wollen mit ihrem Konzept bewusst verstören und Fragen aufwerfen: Wie gehen wir damit um, dass die Dinge, die uns eigentlich immer undenkbar erschienen, passieren können, dass der Konsens, der über Jahrhunderte galt, nicht mehr selbstverständlich ist? Damit wird die Institution Theater infrage gestellt, eine Vision entwickelt, was das Theater sein könnte, wenn es nicht mehr als solches betrieben wird.

Transformation einer repräsentativen Kulturstätte

Im Rahmen WIESBADEN BIENNALE erhalten repräsentative Kulturstätten eine zynische Transformation: Als spekulative Zukunftsvision wird das Hessische  Staatstheater Wiesbaden, ein imposanter Repräsentationsbau des 19. Jahrhunderts, einer Nachnutzung als Parkhaus, Shopping-Arcade und Autokino unterworfen. Dazu gehört auch ein neu eröffneter REWE-Markt im neo-barocken Kaiserfoyer mit einem umfangreichen Frische-Angebot.

HINTERLAND – eine schwierige Lage

Herzstück der Gesamtinszenierung ist die ehemalige City Passage, ein prekärer Leerstand, der von akutem Notstand kündet. Ein Schandfleck, an dem sich nur ein paar knutschende Teenager und qualmende Schulschwänzer herumdrücken. Doch genau diese stillgelegte, heruntergekommene Ladengalerie ist das kreative Kraftfeld von HINTERLAND. So heißt das zweite Motto des Festivals.
Hier zeigen vierzehn internationale Künstlerinnen und Künstler einen theatral verdichteten Parcours. Eine verloren gedachte Welt feiert ihr Auferstehen – und winkt schon von weitem bedrohlich mit dem Geruch des Verfalls und der Verwesung. Öffentliche Räume wandeln sich – funktionale Zuschreibungen werden unterminiert. Alles, was sich dort abspielt, ist nur für Zuschauer ab 16 Jahren zugänglich.

Wiesbaden Biennale / Hessisches Staatstheater als Parkhaus © BTrost

Wiesbaden Biennale / Hessisches Staatstheater als Parkhaus © BTrost

City Passage – Besucher treffen auf Urängste der Menschheit

Einkaufen wird zur Horrorshow. Kleine Laternen erinnern an ein Dorf. Es ist die Vorhölle der Erinnerung, die Reinkarnation traumatischer Abgründe. Die Klaviatur reicht von minimalistischer Performance mit einer Hommage an die Wiesbadener und japanische Badekultur über romantische Klavierklänge in steril weißem Ikea-Einrichtungsterror, die das Inferno hässlich-häuslicher Gewalt untermalt, bis zu den zarten butoh-inspirierten Solo-Performances. Flankiert wird das Panoptikum durch fragile Zeichnungen, die wie Juwelen drapiert brutalste Szenerien zeigen. Danach der Durchgang in eine Welt energetisch aufgeladenen Horrors: Räume erzählen, theatral und zugleich mit dem Blick eines Fotografen, die Geschichte des Kleinwarenhändlers als Bankrotteur. In den Relikten seiner Läden hat er sich eingenistet zwischen zur Funktionslosigkeit verdammten alten Fotoapparaten, die ihn immer wieder auf die Bilder seiner Vergangenheit stoßen lassen. Dieser eindrucksvoll ausgebreitete Kontrollverlust findet sein Pendant in der ins Chaos der Graffiti-Welten versetzten Primaballerina, die mit choreografischer Disziplin und Spitzentanz die perfekte Schönheit zelebriert. Versteckt in der alten Spielhalle befindet sich ein Filmset, das 24 Stunden am Tag Betreutes Leben – Ezzelino Live Cams in die Welt übertragen. In einem ehemaligen Schlecker-Laden wird die Arbeitswelt der Zukunft imaginiert, in der selbst die Drohnen arbeitslos geworden sind. Im einzigen Pornokino in Wiesbaden ist die Videoarbeit „Sex is Sentimental“, das Selbstporträt eines schamlos Liebenden, inmitten von ungehemmter Pornografie zu sehen.

Radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften

Die Wartburg wird zum Migrantenstadl. Für elf Tage ist sie Unterhaltungs-Mehrzweckhalle im Westend mit täglich wechselndem Programm von und für radikal unterhaltsame Parallelgesellschaften aus Kanak-Stars, Comedy auf Islam, Textterroristen, Rap-Ladies, Chill-Out mit Backgammon, Boxkampf und Kinosaal. Eine charmant brachiale Übernahme aus der Peripherie mit unbedingtem Integrationswillen… Ein riesiger Runder Tisch lädt täglich geladene Gäste und spontane Besucher zu Tischgesprächen voll unerwarteter Begegnungen und hitzigen Debatten ein. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen!

 Wiesbaden Biennale / Kaiserfoyer als REWE - Markt © BTrost

Wiesbaden Biennale / Kaiserfoyer als REWE – Markt © BTrost

Es gibt auch Good News!

KOI ist ein von Studierenden organisierter Raum für geteilte Festivalreflexion: Interessierte, Künstler oder Ladeninhaber in der ehemaligen City Passage haben die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten miteinander ins Gespräch zu kommen. Mit Esel, Bus oder als Wanderverein bewegt sich die Gruppe spielerisch In den Straßen Wiesbadens. Aus regionaler Perspektive berichtet KOI von den Begegnungen im hessischen Hinterland.

Auf welcher Seite soll man stehen? Eine Wand teilt die Reisinger-Anlagen!

Um Grenzen zu überschreiten, muss man sie erst sichtbar machen: Eine grüne 333 Meter lange Wand auf Gitterhintergrund teilt herausfordernd die Grünfläche der Reisinger-Anlage. Die Parkanlage liegt direkt vor dem Hauptbahnhof. Wasser und Blümchen gibt es nur noch auf der einen, schattengebende Bäume nur noch auf der anderen Seite. Ein verwirrter Mann setzt sich vor den Traktor und will verhindern, dass hier eine Grenze entsteht: Ich will auf die andere Seite! Sicherheitsleute greifen ruppig ein, Festivalbesucher beruhigen ihn. Wenn der Verwirrte ein Schauspieler ist, dann ist es ein guter. Schmerzhaft wird einem bewusst, wie einladend und weiträumig das „grüne Entree“ der Stadt ohne diese Begrenzung ist.

Viel Ärger um  Recep Tayyip Erdogan

Eine über vier Meter hohe Statue des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan mitten in der Wiesbadener Innenstadt sorgte für reichlich Aufsehen und Irritationen. Hierzu meldeten sich die Verantwortlichen zu Wort: Uwe Eric Laufenberg, Intendant der Wiesbaden Biennale, verteidigte die Aktion als ein Statement für freie Meinungsäußerung: Wir haben die Statue aufgestellt, um über Erdogan zu diskutieren. Das geht überall. Die Kunst ist dazu da, zu zeigen, wie es ist.  Das sei nicht immer leicht zu verstehen. Aber in einer Demokratie muss man alle Meinungen aushalten

Vor der Statue diskutierten er und die beiden Kuratoren, Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, angeregt mit den Anwesenden über die Aktion. Einige warfen ihnen dabei vor, es handele sich um eine bewusste Provokation, um die schon bestehenden Konflikte und das Verhältnis zur Türkei sowie zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern weiter zu schüren. „Wenn hier Blut fließt, sind Sie Schuld daran“, erregte sich ein aufgebrachter Mann.

Türkische Passanten knieten vor der Statue nieder, hoben vier Finger in die Höhe, den Daumen in den Handballen gedrückt, der R4bia-Gruß, oder jubelten ihm zu und stimmten evet an. Eine Frau legte eine rote Rose nieder. Ein junger türkischer Mann demonstrierte mit einer umgehängten Deutschland-Flagge seine eindeutige Zugehörigkeit. Daraufhin stellte sich ein Deutscher mit Hitlergruß vor die Gruppe. In solchen Situationen könnte der von den Kuratoren gewünschte kulturelle Austausch in eine gefährliche Konfrontation umkippen. Beamte von Stadt- und Landespolizei beobachteten die Situation vor Ort…. 

Auch die Stadtverwaltung zeigte sich überrascht. Im Vorfeld der Wiesbaden Biennale sei zwar das Aufstellen einer menschenähnlichen Statue genehmigt worden, teilte sie mit. Es sei aber nicht klar gewesen, dass es sich um eine Erdogan-Statue handeln wird. Einschreiten wolle die Stadt trotz der Proteste nicht, solange von der Kunstaktion keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgehe. Der Magistrat, bekenne sich zur im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit, erklärten die Verantwortlichen. Dennoch wurde die Erdogan Statue nach  einem Tag entfernt; aufgrund der Unruhen unter den Besuchern.

Hessisches Staatstheater / Wiebaden Biennale - hier : Guilty landscapes © Kevin McElvaney

Hessisches Staatstheater / Wiebaden Biennale – hier : Guilty landscapes © Kevin McElvaney

Herausforderungen der Zeit meistern! Werte anstoßen und begleiten!

Mit Festivalzentrum, Club und Sonnendeck auf dem Parkhaus der City Passage lädt die WIESBADEN BIENNALE ihre Besucher zu hitzigen Debatten, aber auch zum lustvollen Verweilen, zu durchtanzten Nächten und Konzerten unter freiem Himmel ein.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—