Baden-Baden, Museum Frieder Burda, Schumann Quartett – Beethoven, 25. & 26.07.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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„Doch noch Beethoven“

Schumann Quartett gastiert im Museum Frieder Burda

Samstag 25 Juli 2020 und Sonntag 26. Juli 2020, jeweils 19.30 Uhr
Im Museum Frieder Burda in Kooperation mit dem Hotel Der kleine Prinz

Vom Jagdvergnügen zum philosophischen Manifest: So ließe sich die Entwicklung des klassischen Streichquartetts beschreiben, die das Schumann-Quartett in seinen zwei „En Suite“-Konzerten nachvollziehen wird. Auf dem Programm stehen am Samstag, 25. Juli 2020 zwei Streichquartette von Beethoven und am Sonntag, 26. Juli 2020 jeweils ein Streichquartett von Ludwig van Beethoven und eines von Joseph Haydn. Die Konzerte im Museum Frieder Burda in Kooperation mit dem Hotel Der kleine Prinz beginnen jeweils um 19.30 Uhr.

Festspielhaus Baden-Baden / Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Festspielhaus Baden-Baden /
Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Nachdem das Schumann Quartett im Festspielhaus im Januar das Baden- Badener Publikum begeisterte, stehen seine Konzerte beim „En Suite“-Festival ganz im Zeichen des Jubilars des Musikjahres 2020: Ludwig van Beethoven. Spannend ergänzt wird das exklusiv für Baden-Baden zusammengestellte Beethoven-Programm durch den am Sonntag zu hörenden Beitrag von Joseph Haydn: Haydns Opus 1 Nr. 1 – sein allererstes Quartett und auch das erste Streichquartett überhaupt. Zusammen mit Beethovens erstem Quartett markiert es den Anfang einer ganzen Entwicklung. Beethovens sogenanntes Razumovsky-Quartett und das späte cis-Moll-Quartett des Komponisten stehen für die gesamte Spannweite des Streichquartetts in der Tradition der Wiener Klassik von seinen Anfängen bis zur Überwindung. Am Samstag, dem 25. Juli spielt das Schumann Quartett Beethovens Op. 18 Nr. 3 und das monumentale,  zum Spätwerk zählende Streichquartett Op. 131. Am Sonntag, den 26.Juli folgen dann das erste aller Streichquartett, Haydns Op. 1 Nr. 1 und Beethovens Op. 59. Nr. 1.

Zu den Werken selbst:
Ganz in der Tradition seiner Vorgänger Haydn und Mozart hat Beethoven seine ersten Quartette in einer Sechser-Sammlung herausgegeben. Die sechs Quartette Op. 18 wurden 1801 veröffentlicht. Das dritte Werk der Sammlung entstand dabei als erstes bereits zwischen 1798 und 1799. Es steht in D-Dur und beginnt mit einem lieblichen Thema, dessen sinnliche Septimen und weibliche Anfangskadenzen noch bewusst an die Rokoko-Welt Mozarts erinnern.

Und dann: Seine Neunte Sinfonie, die Missa solemnis und das cis-Moll Quartett – diese drei Werke des Spätwerks Beethovens sprengen alle Maßstäbe. Beethovens cis-Moll-Quartett Op. 131 von 1826 ist gigantisch: Mit seinen sieben ineinander übergehenden Sätzen spreng es alles bis dahin Dagewesene und sollte erst im zwanzigsten Jahrhundert noch übertroffen werden. Der zentrale Satz ist das Adagio, das als Quartett im Quartett angelegt wurde. Die einzelnen Variationen des Satzes ergeben dabei zusammen die vier klassischen Quartettsätze. Hier wird eine Klassizität zitiert, die das Quartett aber als Ganzes überwindet. Seine Fuge im ersten Satz geht auf Bach und Palestrina zurück. Vom ersten Ton an verdeutlicht das Werk eine philosophische Grundhaltung, ein Von-den-letzten-Dingen-Sprechen, das charakteristisch für das gesamte Spätwerk Beethovens ist.

Die späten Quartette Beethovens sind auch deshalb so allumfassend, weil sie die bis dahin übliche Viersätzigkeit erweitern. Den mit seinen fast 400 Takten längsten ersten Satz aller Beethovenquartette findet man jedoch in seinem Op. 59. Nr. 1 – dem ersten der drei Razumovsky-Quartette von 1806, welches Sonntag auf dem Programm steht. Diese Quartette stehen für den von Beethoven so genannten „neuen Weg“. Der Komponist stellte alle musikalischen  Parameter auf den Prüfstand gelegt – im Op. 59 Nr. 1 die Länge. Solche Experimente konnte sich Beethoven auch deshalb leisten, weil er sich von dem russischen Diplomaten Andrei Kirillowitsch Rasumowski finanziell unterstützt wusste, einem großen Bewunderer des Komponisten, der zum Widmungsträger der Quartette Op. 59 wurde. Ihm zu Ehren hat Beethoven in seinen Quartetten Op. 59 russische Volksmelodien verarbeitet, so findet sich im ersten Quartett
eine russische Volksmelodie im Finale.

Würde man das riesige cis-Moll-Quartett mit einem gewaltigen Baum vergleichen, dann gliche Haydns Op.1 Nr. 1 in B-Dur einem Samen. In diesem kleinen fünfsätzigen Werk von 1755 ist schon vieles en-miniature erhalten: etwa der Beginn des langsamen Satzes im Kirchenstil, der an ähnliche Übernahmen in Beethovens Op. 131 denken lässt. Haydns Quartett beginnt mit einem Jagdthema – Mozart und auch noch Brahms werden bewundernd daran anknüpfen.

Festspielhaus Baden-Baden / Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Festspielhaus Baden-Baden /
Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Zu den Künstlern:
Seit ihrer frühesten Kindheit spielen die drei im Rheinland großgewordenen Brüder Mark, Erik und Ken Schumann zusammen. 2012 ist die in Tallinn geborene und in Karlsruhe aufgewachsene Liisa Randalu als Bratschistin dazu gekommen. Die Vier genießen die nonverbale Kommunikation beim Musizieren: Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten treten dabei deutlicher hervor, und gleichzeitig entsteht mit jedem Werk, das sie interpretieren, ein gemeinsamer musikalischer Raum, findet eine geistige Metamorphose statt. Vielleicht sind diese Offenheit und Neugierde die entscheidenden Einflüsse von Lehrern wie Eberhard Feltz, dem Alban Berg Quartett oder Partnern wie Menahem Pressler, Sabine Meyer und Andreas Ottensamer. Ihre Leistung wurde mit dem ersten Preis beim renommierten Streichquartett- Wettbewerb 2013 in Bordeaux und mit einem ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb „Schubert und die Musik der Moderne“ 2012 in Graz honoriert.

Ihre Einspielungen sind mehrfach preisgekrönt, so wurde etwa ihr aktuelles  Album „Intermezzo“ mit dem OPUS Klassik 2019 in der Kategorie „Kammermusikeinspielung des Jahres“ ausgezeichnet. Lehrer, musikalische Partner, Preise, Veröffentlichungen – gerne werden Stufen konstruiert um herzuleiten, warum viele das Schumann Quartett heute zu den besten überhaupt zählen. Versuche, ihnen einen Klang, eine Position, eine Spielweise zuzuordnen, hebeln die vier Musiker gleichwohl charmant aus,
lassen allein die Konzerte für sich sprechen.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Baden-Baden, Festspielhaus, En suite-Festival – Tamestit, Tjeknavorian, Zassimova, 18.07. – 30.8.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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En suite – Festival – 18.7. – 30.8.2020

  Antoine Tamestit – Telemann, Bach – 18.7. – 19.7.2020

Die Festspiele Baden-Baden finden im Sommer 2020 in Hotels und dem Museum Frieder Burda statt. Unter dem Motto En suite gibt es ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie fest eingeplanten „Aha- Effekten“ vom 18. Juli bis zum 30. August 2020.

„Wer die Begriffe Baden-Baden, Musik und Hotel zusammenfügt, erzeugt angenehme Bilder in den Köpfen der Menschen“, so Stampa. Der Intendant möchte die durch die Corona-Pandemie erzwungene Spielpause auf diese angenehme Weise beenden. „Wir tasten uns langsam wieder an Live-Veranstaltungen heran – derzeit in kleinem Rahmen, der in Baden-Baden aber auch immer die Begriffe Sicherheit und Wohlergehen mitschwingen lässt“.

Das vollständige  Programm – En suite und mehr – HIER!

Das En suite – Festival begrüßt Solistinnen und Solisten wie den französischen Ausnahme-Bratschisten Antoine Tamestit, ein Streich-Trio um den gefeierten österreichischen Geiger Emmanuel Tjeknavorian, die in Baden lebende russische Pianistin Anna Zassimova sowie die international gefeierten Ensembles delian::quartett und das Schumann-Quartett.

Spielorte sind der Maler-Saal des Hotels Maison Messmer, die Orangerie des Brenners Park Hotel sowie das Museum Frieder Burda (in Zusammenarbeit mit dem Hotel „Kleiner Prinz“).

Den Auftakt macht im Malersaal des Hotels Maison Messmer der international als einer der einzigartigsten Bratschisten gefeierte Antoine Tamestit. In seinen Konzerten am Samstag 18. Juli, 16 Uhr, und Sonntag 19. Juli, 11 Uhr, stellt er auf reizvolle Weise Werke Johann Sebastian Bachs denen seines Zeitgenossen Georg Philip Telemann gegenüber. Festspielhaus-Dozent Dariusz Symanzski wird in das Konzert einführen und so für zusätzliche Aha-Effekte beim Musikgenuss sorgen.

Festspielhaus Baden - Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Festspielhaus Baden – Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Sowohl als Solist, Rezitalist und Kammermusiker ist Antoine Tamestist für seine unübertroffene Technik und die vielgerühmte Schönheit seines farbenreichen Bratschentons bekannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen bei renommierten Instrumentalwettbewerben, wie bei den New Yorker Young Concert Artists Auditions und dem Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Und auch sein Instrument ist einzigartig: Antoine Tamestist spielt die vielleicht wertvollste Viola der Welt:

Er konzertiert auf der 1672 von Stradivari gebauten „Mahler“- Bratsche, die vermutlich erste Viola, die von Stradivari stammt. Sein Repertoire reicht von der Barockzeit bis zur Gegenwart. In der aktuellen Saison sollte er mit einem umfangreichen Programm an Solo- und Kammerkonzerten „Portrait  Artist“ des London Symphony Orchestra sein, was die Corona-Pandemie unmöglich gemacht hat. Seine Residenz an der Kammerakademie Potsdam konnte er mit zwei Konzerten zumindest teilweise in Anspruch nehmen.

Er spielte mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Orchestre de Paris, den Wiener Symphonikern, dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra und dem São Paulo Symphony Orchestra. Neben Sir John Eliot Garniner arbeitet er regelmässig mit den Dirigenten Valery Gergiev, Riccardo Muti, Marek Janowski, Antonio Pappano, François-Xavier Roth und Franz Welser-Möst zusammen.

In der Zeit Bachs und Telemanns hatte die Bratsche im Ensemble der Streichinstrumente noch sehr viel mehr zu tun, als viele ihr heute zutrauen: Die Unterwerfung der Mittelstimmen kam erst im Rokoko und in der Wiener Klassik. War die Bratsche zuvor gleichberechtigter Partner im polyphonen Stimmgeflecht, verschwand sie nun in der vernachlässigten Mitte zwischen den Geigen, die oben jubilierten, und den Celli und Bässen, die unten Halt gaben. Tamestit deutet in seinem Programm die Bratsche wieder um: aus der lauen Mitte wird der wandlungsfähige, nach vielen Seiten offene Mittler: Denn es ist eine Stärke seines Instruments, dass auf ihm spieltechnisch alles möglich ist, was auch die Geige kann, wenn auch deren brillante Höhe fehlt. Zudem hat die Bratsche im tieferen Register mehr zu bieten als ihre zierliche Schwester – sie betört mit warmem, vollem Ton.

Festspielhaus Baden - Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

Festspielhaus Baden – Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

In den Konzerten am 18. und 19 Juli erklingen im Malersaal des Maison Messmer Fantasien von Georg Philipp Telemann und Suiten von Johann Sebastian Bach. Entstanden sind Bachs Suiten wie auch Telemanns Fantasien in den 1720er und 30er Jahren. Waren Telemanns Fantasien im Aufbau von Bach gar nicht so weit entfernt – auch in ihnen verbergen sich kleine Tanzsuiten und flotte Gigues im Dreiachteltakt.

Doch während bei Bach die Musik voranschreitet wie in einem Selbstgespräch oder einer Meditation, hört man bei Telemann das „Publikum“ immer gleich mit. Er bevorzugte klar umrissene, eingängige Melodien und folkloristische Rhythmen und komponierte mit Blick auf musikalische Laien, die seine Noten kauften oder Unterricht bei ihm nahmen. Damit stieß er eine Tür auf zur bürgerlichen Musikkultur, die nicht mehr für Gott oder den König, sondern für sich selbst musizierte.

Dass er in Leipzig aus geselligem Musizieren unter Studenten die öffentlichen „Kollegiumskonzerte“ formte, passt in diese neue Musikkultur. Sein Nachfolger als Leiter dieser Konzerte war dann gleichwohl kein Geringerer als Bach. Der Malersaal aus der Zeit der Belle Époque ist das Herzstück unter den festlichen Sälen, die das traditionsreiche Hotel Maison Messmer für außergewöhnliche und exklusive Veranstaltungen bereithält. Schon im alten „Messmer“ war der Malersaal Ort für festliche Events, hier gab sich die High Society von Baden-Baden ein Stelldichein. Aufwendig restauriert, mit über sieben Metern Raumhöhe und einem geradezu imperialen Ambiente, knüpft der Malersaal heute wieder an diese Tradition an und bietet einen idealen Rahmen für den En suite- Auftakt.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Boris Papandopulo – Komponist zwischen Tradition und Moderne, IOCO Portrait, 14.04.2020

cpo Boris Papandopulo - Klavierkonzert Nr. 2 © cpo

cpo Boris Papandopulo – Klavierkonzert Nr. 2 © cpo

Boris Papandopulo – ein Komponist zwischen Tradition und Moderne

cpo CD 3097679  – Klavierkonzert Nr. 2 

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Das Musik-Label cpo hat sich einen Namen mit „Neu- oder Wieder-Entdeckungen“ gemacht – dazu gehört auch die Veröffentlichungen von CDs mit Werken des kroatischen Komponisten Boris Papandopulo.Wer bitte soll das sein, Papandopulo ?„, mag sich der eine oder andere Leser fragen. Die Antwort: Papandopulo war der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts in Kroatien – und vor der Staatsgründung 1991/92 war er das auch im damaligen Jugoslawien. Dies markiert gleichsam auch seine Epoche. Geboren wurde Boris Papandopulo am 25. Februar 1906 allerdings in dem Rheinstädtchen Honnef, das sich ab 1960 Bad Honnef nennen darf. Sein Leben – er starb 1991 in Zagreb – umfasst nicht nur historisch nicht mehr bestehende Staaten und Kaiserreiche, es bildet zugleich eine ungewöhnliche europäische Biographie ab.

Maja de Strozzi, die Mutter von Boris Papandopulo, war Sopranistin, sein Vater ein russischer Baron mit griechisch-jüdischen Wurzeln aus Stawropol im Nordkaukasus, der Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen  Kaiserreich weilte. In Wiesbaden erhielt Maja de Strozzi ihr erstes Fest-Engagement und gab in Daniel-François-Esprit Aubers Oper Fra Diavolo als Zerline ihr Debüt. Sie entstammte einer angesehen Künstlerfamilie aus Zagreb, welche wiederum Verbindungen zu der alten Florentiner Patrizierfamilie Strozzi aufweist. Zu dieser Zeit gehörte Zagreb, wie auch die restlichen Landesteile, zuu Österreichisch-Ungarischen Monarchie; Kaiser Franz Josef I. herrschte noch über den Vielvölkerstaat. Auch Konstantin Papandopulo lebte in einer Monarchie – dem Zarenreich unter Nikolaus II. Die Verwerfungen, die später fast alle herrschenden Monarchien in Europa hinwegfegen sollten, kündigten sich noch nicht an. Unter diesen scheinbar gegeben anmutenden Umständen lernten sich Maja de Strozzi und Konstantin Papandopulo in Honnef kennen; sie war zur Kur dort, er lebenslang ein kränklicher Mann, benötigte intensivere medizinische Betreuung. Schon bald wurde geheiratet, Boris kam zur Welt und die Familie kehrte nach Stawropol zurück. Doch Konstantin starb, der Sohn war mit zwei Jahren Halbwaise, so dass seine Mutter nur einen Ausweg sah: zurück nach Kroatien. Dort erhielt Boris Papandopulo seine erste musikalische Ausbildung – auch in Komposition –, später ließ er sich dem Ratschlag des Familienfreundes Igor Strawinsky folgend in der Meisterklasse von Dirk Fock am Neuen Wiener Konservatorium zum Dirigenten ausbilden.

Boris Papandopulo  © Boris Papandopulo 

Boris Papandopulo  © Boris Papandopulo

Eine musikalische Nähe zu seinem „väterlichen Freund“ Strawinsky ist musikalisch nicht eindeutig auszumachen, doch hat Papandopulo immer wieder alle künstlerischen Strömungen verfolgt und aufgegriffen. So wurde er schon 1947 als bedeutendster Komponist Jugoslawiens nach Darmstadt zu den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik eingeladen. Papandopulo ist aber stets seinen eigenen Weg gegangen, der von der Dodekaphonie, über neoklassizistische Ansätze, dem Aufgreifen von Jazz- oder Tango-Elementen bis hin zur regionalen Volksmusik reicht – mit regional ist nicht nur das damalige Jugoslawien gemeint. Diese Bereitschaft für Musik jeglicher Ausprägung offen zu sein und Liebe zu den traditionellen Volksmusikformen haben viele Kritiker im Westen, salopp formuliert, als irgendwie nicht so richtig„salonfähig“ bewertet, weil es ja keine hohe Kunst sein könne. Doch auch ein Komponist wie Béla Bartók, der tatsächlich einen Einfluss auf das kompositorische Schaffen Papandopulos’ ausübte, war sich nicht zu „fein“, Volksmusiktraditionen aufzunehmen – im Gegenteil. Dass sich Bartók immer wieder für die bulgarische Volksmusik interessierte und sie einsetzte, bezeugt ein Blick in sein Werk; seine Leidenschaft für Melodien der Region, d.h. auch der slawischen  Bevölkerung in der alten k.u.k. Doppelmonarchie, belegen die 14.000 von ihm akribisch gesammelten und transkribierten Melodien. Diese beinahe schon wissenschaftliche Sammelleidenschaft entfalte Papandopulo nicht, aber er schätze gleichfalls die Volksmusiktradition – seine Neigung besaß zudem eine persönlich Note und das im wörtlichen Sinn: die Opernsängerin Jana Puleva, seine damalige Frau, stammte aus Bulgarien. Den Beweis für seine Kenntnisse, wie auch Affinität zum jahrhundertealten Liedgut, liefert diese in jeder Hinsicht geglückte CD-Einspielung.

papandopulijana - logo © papandopulijana

papandopulijana – logo © papandopulijana

Der Pianist Oliver Triendl hat eine beachtliche – mehr als 100 Einspielungen – Diskographie vorzuweisen, ist Gründer und bis 2018 Leiter des Internationalen Kammermusikfestivals Classix Kempten in Kempten im Allgäu gewesen – nicht nur dort hat er sein ausgesprochen feinfühliges Händchen für Ausgrabungen und Neuentdeckungen unter Beweis stellen können. Zusammen mit den Zagreber Solisten (Zagreb Soloists) hat er das Konzert für Klavier und Streichorchester Nr. 2 eingespielt. Dieses Werk entstand 1947, ist technisch anspruchsvoll und verknüpft das bereits erwähnte Liedgut Bulgariens mit der klassischen dreisätzigen Gestaltung eines Klavierkonzerts. Überhaupt verlangen Papandopulos Stücke viel Virtuosität und Können ab, und Oliver Triendl ist – nicht nur in Bezug auf Papandopulos Klavierkonzert – ein ausgezeichneter Interpret. Der erste Satz beginnt mit einer Prelude, con brio und Triendles ausdrucksstarkes Spiel kontrastiert und hält zugleich Zwiesprache mit den Streicherpassagen, und endet in immer kürzen werdenden Abständen zwischen Solist und Ensemble. Der Concerto grosso Charakter am Anfang, die Abwechslung zwischen dem Soloinstrument und den Tutti wie in einem barocken Musikstück, zeugen von Papandopulos’ Kenntnis der klassischen Musikliteratur und doch schlägt er eine andere Richtung an, insbesondere im zweiten und dritten Satz.

Der mittlere Satz (Andantino con moto) beginnt mit einer kreisenden, intensiver werdenden Streichersequenz, die dunkle Farben enthält ohne jedoch düster zu wirken, mit dem Klavierpart setzt auch die Volksmusik, auf dem Lied Bogdane, bog da te ubije (Bogdan, Gott töte dich) basierend, ein. Auch hier ist der Dialog zwischen Solist und Ensemble vom Komponisten beeindruckend gelöst worden; fungiert das Klavier beim Lied als Begleiter, wird es hier zum vorrangigen Ausdruckmittel, während die Liedmelodie den einzelnen Stimmen der Streicher überantwortet wird, um am Ende zusammenzuströmen und in einer überbordenden Aufwallung der Gefühle zu enden. Im dritten Satz (Allegretto vivace) dienen sogar zwei Volkslieder (Zalibil e mlad gidija, deutsch: Ein Jüngling verliebte sich, aus Bulgarien und Dafino vino crveno, deutsch: Dafina, Rotwein, aus Mazedonien bzw. heute Nordmazedonien) als musikalische Bausteine, die miteinander verschränkt werden und ein einzigartiges Strukturgeflecht erzeugen. Nicht nur im Hinblick des Verfahrens, im Textbuch wird dafür der Begriff „Filmmontagetechnik“ verwendet, sondern auch wegen der unterschiedlichen Rhythmen – 5/8 der bulgarische, 3/8 der mazedonische Takt – beider Lieder eine Herausforderung. Der bulgarische Takt gehört zu den sogenannten „unsymmetrischen“ oder wie Bartók sie einfach nannte „bulgarische Taktarten“, was für manche europäische Ohren etwas ungewohnt klingen mag. Papandopulo verknüpft beide nahtlos zu einem musikalisch runden und einheitlichen Ganzen.

Die Sinfonietta für Streichorchester, op. 79, bei Schott Mainz verlegt, entstand 1938 in einer Zeit, in der eine Pluralität der Stile charakteristisch für die Zwischenkriegszeit war. Es gab den rhythmisch akzentuierten Neoklassizismus, die Neue Sachlichkeit, die um Schönberg etablierte Wiener Schule oder auch die Synthese verschiedenster Stile und Richtungen, um nur einige zu nennen. Papandopulo – durchaus mittendrin in den künstlerischen Strömungen – bediente sich der vielfältigen Neuerungen und Ausdrucksmöglichkeiten. So wird der erste Satz, Intrada, von einem Marsch „mediterraner Prägung“ bestimmt, während der zweite, Elegie, Anlehnung an die barocke Da-Capo-Arie, vor allem in der neapolitanischen Barockoper, findet – was die „mediterrane“ Stimmung beibehält und unterstreicht. Diese erfährt eine weitere Öffnung über das Folklorehafte hinaus, in der die orientalische Musik als Hintergrundquelle aufzuleuchten scheint. Der dritte Satz, eine „Toccata furiosa“, unablässig pulsierende Sechzehntel – nicht zufällig ist der Satz mit Perpetuum mobile überschrieben –, greift zwar im Schlussteil die Intrada vom Anfang kurz auf, um dann doch schwungvoll und heiter zu enden.

Die Pintarichiana für Streichorchester, 1974 entstanden, widmete der Komponist den Zagreber Solisten. Gegründet wurde das bis heute existierende Ensemble 1953 von Antonio Janigro; dieser war ein aus Italien stammender geschätzter Cellist und Dirigent, der die Streicherformation zu internationaler Größe und Bekanntheit führte. Berühmt ist ihre Aufnahme mit Alfred Brendel, der übrigens selbst seinen ersten Musikunterricht in Zagreb erhalten hatte. Sreten Krstic, Konzertmeister des Ensembles und seit 1982 Erster Konzertmeister der Münchener Philharmoniker, hat mit vielen namhaften Dirigenten gearbeitet – stellvertretend soll hier nur Sergiu Celibidache genannt werden, der das Münchner Orchester entscheidend geprägt hatte.

Der Namensgeber des Stückes Fortunat Pintaric (1798-1867), ein Franziskanermönch, schrieb neben liturgischer Musikliteratur auch Miniaturen für Tasteninstrumente. Auf diese Werke greift Papandopulo zurück, wobei seine Bearbeitung und Neuschöpfung als eine Hommage an beide – Pintaric wie die Zagreber Solisten – verstanden werden kann; zugleich ist es auch eine Verbeugung vor der Wiener Klassik. Leichtigkeit und Freude vermittelt dieses 10minütige Stück – eine Einstellung, die dem Werk Papandopulos inhärent ist – rundet diese Einspielung ab.

Bewundern konnte man dieses Werk im vergangenen Jahr – im August 2019 – bei dem zwar kleinen, künstlerisch aber anspruchsvollen Festival – der Papandopulijana in Tribunj – mit den Zagreber Solisten. Dieser kleine Ort in der Nähe von Šibenik, in Mitteldalmatien, war fast siebzehn Jahre lang das Zuhause von Boris Papandopulo, und nur wenige Meter von seinem damaligen Wohnhaus entfernt erklang auf der Freilichtbühne diese musikalische Miniature – seine Witwe, Zdenka Papandopulo, saß als Ehrengast wie schon die Jahre zuvor im Publikum. Hier komponierte er sein Alterswerk, schrieb für Musikzeitschriften und hörte den Klapa-Gesängen (ursprünglich männliche A-Cappella-Formationen in Dalmatien) mit großen Vergnügen zu. Bei der Papandopulijana erklingt nicht nur Musik des Namensgebers, vielmehr ist seine Musik ein Ausgangspunkt, der vergangene und zeitgenössische Musik verbindet, und dabei u.a. auch jungen angehenden Profimusiker/innen Gelegenheit gibt, ihr Können unter Beweis zu stellen. Papandopulo hat seinen Humor nie verloren, seine Musik strahlt(e) immer Lebensfreude und Zuversicht aus und ist (nicht nur in dieser pandemiewütigen Zeit) ein guter musikalischer Begleiter. Er sagte von sich selbst: „Es ist meine Aufgabe Musik zu schreiben und nicht über einen eigenen Stil nachzudenken. Ich setze mich hin und schreibe und philosophiere nicht, das erscheint mir am charakteristischsten. (…) Musik muss für sich selbst sprechen.“ Sie soll wirken.

Lassen wir uns deshalb von Boris Papandopulo, von seiner Begeisterungsfähigkeit mittels dieser wunderbaren CD 3097679  und dem Klavierkonzert Nr. 2  anstecken.

—| IOCO CD-Rezension |—

Dortmund, Konzerthaus Dortmund, Oktober 2019

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Konzerthaus Dortmund

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner


KONZERTHAUS DORTMUND Oktober 2019


Di 01.10.2019 20.00
Mi 02.10.2019 20.00
1. Philharmonisches Konzert – New York
Dortmunder Philharmoniker
Gabriel Feltz (Dirigent)
Per Arne Glorvigen (Bandoneon)
Samuel Barber: Adagio für Streicher op. 11
Bernd Franke: »Open doors« für Bandoneon und Orchester
Leonard Bernstein: »On the Town« Three Dance Episodes
Antonín Dvo?ák: Sinfonie Nr. 9 e-moll op. 95 »Aus der Neuen Welt«
Einführung um 19.15 Uhr im Komponistenfoyer
€ 19,00 / 24,00 / 30,00 / 34,00 / 39,00 / 42,00
Veranstalter: Theater Dortmund


Sa 05.10.2019 20.00
A Child of Our Time – Mirga Gražinyt?-Tyla
Talise Trevigne (Sopran)
Felicity Palmer (Alt)
Joshua Stewart (Tenor)
Brindley Sherratt (Bass)
CBSO Chorus
City of Birmingham Symphony Orchestra
Mirga Gražinyt?-Tyla (Dirigentin)
Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem op. 20
Michael Tippett: »A child of our time« Oratorium für Solisten, Chor und Orchester
Auftakt für Maestra Mirga
Mit einem Programm der starken Haltungen zweier britischer Meister des 20. Jahrhunderts beginnt Mirga Gražinyt?-Tyla ihre dreijährige Residenz am KONZERTHAUS DORTMUND.

Tippetts Oratorium »A child of our time« als künstlerisch-emotionale Antwort auf die Reichspogromnacht verarbeitet auch 80 Jahre nach seiner Entstehung noch aktuelle Themen. Brittens zeitgleich entstandene Sinfonia da Requiem vermittelt eine unmissverständliche Antikriegsbotschaft, mit der sich der damals erst 26-jährige Komponist einen festen Platz im sinfonischen Repertoire sicherte. hörbar – Interaktive Einführung mit Anne Kussmaul um 19.00 Uhr im Komponistenfoyer
Expresseinführung um 19.40 Uhr
Abos: Maestra Mirga; Chorklang
€ 29,00 / 42,00 / 58,00 / 76,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


So 06.10.2019 11.00
Mozart Matinee
Bremer Philharmoniker
Marko Letonja (Dirigent)
Sérgio Fernandes Pires (Klarinette)
Wolfgang Amadeus Mozart: Ouvertüre zu »Die Zauberflöte« KV 620
Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622
Hector Berlioz: »Symphonie fantastique« op. 14
€ 17,00 / 26,00 / 32,00 / 35,00 / 43,00
Veranstalter: Mozart Gesellschaft Dortmund e. V.


Do 10.10.2019 20.00
Igudesman & Joo
Aleksey Igudesman (Violine)
Hyung-ki Joo (Klavier)
Die Rettung der Welt
Die Welt versinkt nicht im bunten Chaos, nein, in grauen Räumen, grauer Monotonie. Doch Rettung naht: Igudesman & Joo zeigen uns, wie sie es geschafft haben, ihrem Leben die nötige Portion Chaos und Humor zu geben und es dadurch frisch und bunt zu erhalten. Denn nur durch Kunst als höchste Form der Kreativität kann die Welt gerettet werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Show fragen Sie Mozart, Bach und Beethoven.
Abo: Cabaret + Chanson
€ 18,00 / 28,00 / 35,00 / 40,00 / 45,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


So 27.10.2019 18.00
Der Joker
Überraschungskonzert
Mitwirkende, Programm, Genre – wir verraten nichts. Nur so viel: Die Interpreten dieses
Konzerts sind Meister ihrer Instrumente und ein guter Freund des Hauses ist auch dabei. Ihr Geheimprogramm wird nicht nur Experten begeistern. Das ist der Joker unter den Konzertprogrammen!
Abo: Musik für Freaks
€ 20,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


Mo 28.10.2019 19.00
1. Konzert Wiener Klassik
Dortmunder Philharmoniker
Wolfgang Emanuel Schmidt (Violoncello, Leitung)
Im Puls von Wolfgang Schmidt
Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201
Peter Iljitsch Tschaikowsky: Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und
Orchester A-Dur op. 33
Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 98 B-Dur Hob. I:98
€ 20,00
Veranstalter: Theater Dortmund


Di 29.10.2019 19.00
Junge Wilde – Lucas & Arthur Jussen
Lucas Jussen (Klavier)
Arthur Jussen (Klavier)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Andante und Allegro brillant für Klavier zu vier Händen op. 92
Franz Schubert: Fantasie für Klavier zu vier Händen f-moll D 940
Faz?l Say: »Night« für Klavier zu vier Händen
Olivier Messiaen: »Visions de l’Amen« für zwei Klaviere
Einführung mit Hanna Frömberg um 18.00 Uhr im Komponistenfoyer
Expresseinführung um 18.40 Uhr
Nach dem Konzert »meet the artist!« mit Intendant Raphael von Hoensbroech
Abos: Junge Wilde; Schnupperabo
€ 25,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND
Sponsor: INNOGY


Mi 30.10.2019 19.00
Konzerthaus Backstage – Flügelvergleich
Martin Stadtfeld (Klavier)
Raphael von Hoensbroech (Moderation)
Spannende Einblicke
In unserer Reihe »Konzerthaus Backstage« haben Abonnenten, Freundeskreis-Mitglieder und Botschafter Gelegenheit, vertiefte Einsichten in den Konzertbetrieb und die Abläufe hinter den Konzerthaus-Kulissen zu bekommen. Dreimal pro Saison laden wir zu exklusiven Veranstaltungen, in denen wir mit Musikern und Experten beispielsweise über Instrumentenbau, Akustik oder Probenprozesse sprechen.

Der Pianist Martin Stadtfeld ist als »Junger Wilder« der ersten Generation ein enger Freund des Konzerthauses; hier hat er auch verschiedene CD-Aufnahmen eingespielt. Im direkten Vergleich verschiedener Tasteninstrumente demonstriert er, wie unterschiedlich Klaviere klingen können.
€ 8,00
Exklusiv für Abonnenten, Botschafter und Freunde des KONZERTHAUS DORTMUND
Nicht im Wahlabonnement erhältlich
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


Do 31.10.2019 20.00
Orgelrecital Winfried Bönig
William Byrd: »The Bells« (»Die Glocken«), Fassung für Orgel von Winfried Bönig
Gerard Bunk: Fantasie c-moll op. 57
Samuel Barber: Adagio für Streicher op. 11, Fassung für Orgel von William Strickland
Louis Vierne: ›Les Cloches de Hinckley‹ (›Die Glocken von Hinckley‹) aus »24 Pièces de
Fantaisie« op. 55
Franz Schmidt: Chaconne cis-moll
Abo: Orgel im Konzerthaus
€ 20,00
Veranstalter: KONZERTHAUS DORTMUND


—| Pressemeldung Konzerthaus Dortmund |—

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