Hellerau, Festspielhaus, Peter Eötvös – Konzerte zum 75. Geburtstag, IOCO Kritik, 14.01.2019

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös - Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös – Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau

Peter Eötvös – Konzertabende zum 75. Geburtstag

Mit dem  –  Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle

Von Thomas Thielemann

Wie werden zwei verschlungene Kaffeetassen Teil einer Komposition? Ist es ein Fehler, wenn der Schlagzeuger die Drumsticks während des Stückes fallen lässt? Welchen Klang kann das letzte Röcheln des sterbenden Martin Luther King schön klingen lassen? Da helfen nur Blicke in die Werkstatt eines der kreativsten Komponisten unserer Zeit!

Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, dass das Schaffen des amtierenden Capell-Compositeurs der laufenden Konzertsaison in einem Portrait-Konzert interessierten Musikern des Orchesters und Freunden der Staatskapelle nahe gebracht wird. Das waren bisher stets interessante und zeitlich ausgedehnte Abende. Auch das Portraitkonzert mit Peter Eötvös im Festspielhaus Hellerau dauerte am 11. Januar 2019 von 19 Uhr bis 23 Uhr 30.

Für Peter Eötvös, der am 2. Januar 1944 im damals zu Ungarn gehörigem und jetzt rumänischen Odorheiu Secuiesc geboren worden ist, wurde das Konzert zur Feier seines 75. Geburtstags. Er gehört als Komponist, Dirigent und Lehrer zu den bedeutenden den Musikern unserer Zeit. Seine Musik ist vom Einfluss verschiedener Komponisten geprägt und häufig von äußeren Einflüssen inspiriert. Dabei bedient er sich erweiterter Techniken, um Klangfarben und Klangwelten zu erschließen.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes  - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Mit der Uraufführung seiner Huldigung Per Luciano Berio, seinem The Gliding oft he Eagle in The Skies sowie seinem Memorial für die verunfallten Astronauten Seven hatte er in Dresden bereits, unter anderem als Dirigent, Teile seines kompositorischen Schaffens beeindruckend vorgestellt.

Ein Kammerorchester, Solisten der Sächsischen Staatskapelle und einige Gäste hatten zehn weitere Proben aus der Komponier-Werkstatt des Peter Eötvös herausgesucht und zum Teil mit den Quellen seiner Inspirationen verbunden. Diese reichten von Samuel Beckett, Domenico Scarlatti, Claude Debussy, Igor Strawinsky bis zu Juri Gagarin. Selbst Beobachtungen in seinem Garten hatte Peter Eötvös zu interessanten musikalischen Einfällen genutzt.

Das „Levitation“ für Streichorchester handelt von vier Formen eines im übertragenen Sinne schwe-benden Stoffwechsels, gleichsam eine Interpretation eines surrealistischen Bildes. Die Soloklarinettisten Robert Oberaigner und Jan Seifert sorgten mit warmen, dynamisch flexiblem Ton, dass das Phänomen Menschen oder Gegenstände auf unerklärbare Weise zum Schweben zu bringen plastisch hörbar wurde, bevor ein Akkordeonspieler die Erdung der Zuhörer wieder herstellt.

Den Abschluss des Abends bildete dann ein, ursprünglich von Gagarins Flug angeregtes Stück für zwei Klaviere. Die beiden Flügel waren bis an die Randgebiete der Spielfläche in etwa 25 Meter Abstand platziert worden. Auf Wunsch konnten wir uns ziemlich exakt zwischen beide Instrumente setzen, so dass das das Spiel der Emi Suzuki das rechte Ohr und der Klang von Petr Popelka das linke Ohr dominierten.

Damit kamen die Themenvorgaben des einen Klaviers bevorzugt am rechten Ohr an, während die Aufnahme und Ausarbeitung der Themen des zweiten Instruments vom linken Ohr aufgenommen worden sind. Die Zusammenführung der beiden Impulse im Hörzentrum des Gehirns der privilegierten Hörer hatte eine phantastische Hörerfahrung zur Folge. Petr Popelka, eigentlich Kontrabassist der Staatskapelle und Emi Suzuki fühlten sich in diesem voller Überraschungen steckenden Kosmos pudelwohl und beendeten den langen Abend mit abrupten Schlägen, langen Triller-Ketten und heftig auseinanderspringenden Akkorden. Im Talk äußerte sich Peter Eötvös recht begeistert, dass er an einem Abend eine derartige Vielfalt seiner Arbeiten in einer so hohen Qualität erleben durfte.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Haben wir erst kurz vor der Mitternacht das Festspielhaus Hellerau verlassen, so trafen wir uns bereits am folgenden Tag um 10 Uhr in der Generalprobe des um 19 Uhr in der Semperoper beginnenden 5. Symphoniekonzerts der Saison. Lionel Bringuier, leitete bei seinem Orchesterdebüt die Sächsische Staatskapelle, wieder in Anwesenheit des Komponisten zunächst die Aufführung von Peter Eötvös zeroPoints für Orchester.
Wie so typisch für den Komponisten, hatte er sich diesmal von Pierre Boulez Komposition Domaines anregen lassen. Boulez zählte dabei die Takte als 1; 2; 3; etc. Eötvös wollte dieser ganzzahligen Welt etwas entgegensetzen und teilt deshalb seine Komposition in die neun Abschnitte 0.1; 0.2;…..0.9, die er allerdings ohne Übergang zusammenfasst.

Die Abschnitte sind auch nicht gesondert charakterisiert, so dass über 17 Minuten unterschiedliche musikalische Ausdrucksarten auf den Hörer einstürzen. Das erfordert natürlich vom Hörer, dass er sich auf diese Musik einlässt und seiner Einbildungskraft freien Lauf lässt.

Am Beginn scheint man Vogelgezwitscher zu hören, das sich zu einer Menagerie steigert. Danach folgen feierlich anwachsende und wieder verklingende dunkle Bläserstimmen gefolgt von einer resoluten Auseinandersetzung unterschiedlicher Instrumentengruppen untermalt von gleitenden Paukenschlägen. Dem folgt eine Phase der Beruhigung, in der Perkussionsinstrumente dominieren. Ein erneutes Aufflackern des Motivaustauschs, der zu einer choral-artigen Phase führt. Eine abrupte Beruhigung mit Pianissimo untermalten Holzbläser-Melodien, gefolgt von sehnsuchtsvollen Rufen hoher Klänge, die eine Mondlichtstimmung über einer Wasserfläche assoziieren könnte. Aufgenommen von wellenförmigen Blechklängen leiten wieder Celesta und Perkussions-Klänge zur Schlusssteigerung von Klavier, Harfe und Schlagzeug, die mit gedämpftem Metallophon abschließt.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Lionel Bringuier dirigierte das Werk akzentuiert und die Musiker des Orchesters folgten ihm ernst-haft, sehr diszipliniert und konzentriert. Erwartungsgemäß hatte sich das recht konservative Publikum nur zum Teil auf die Klangfolge einge-lassen, so dass es nur freundlichen Beifall gab. Abgeschlossen wird die „Geburtstagsfeier für Peter Eötvös“ mit dem Konzert für Orchester Sz. 116 des  Eötvös-Landsmanns Béla Bartók.

Eötvös hatte Bartók als seinen Maßstab charakterisiert. Nicht nur als Künstler, sondern auch in seiner moralischen Haltung als Weltbürger, vergleichbar mit einem Weltbaum, dessen Wurzeln in der Transsilvanischen Heimatstehen, dessen Äste aber die ganze Erde überdecken. Das Konzert, 1943 von Béla Bartók mit 62 Jahren nach seiner USA-Emigration geschrieben, gehört zu seinen bekanntesten und zugänglichsten Werken.
Lionel Bringuier bot eine spannungsgeladene Interpretation, voller Emotionen und Detailreichtum. Die Staatskapelle spielte alle Ecken und Kanten der Partitur, lässt nichts unbelichtet, kein Schlagzeugeffekt geht unter.

Zwischen diesen beiden Stücken spielte Yuja Wang mit dem Orchester das im sächsischen Raum häufig und dabei unterschiedlich ausgelegte a-Moll-Klavierkonzert von Robert Schumann. Die Pianistin beeindruckt mit ihrer Technik, ihrer instinktsicheren Virtuosität, ihrer starken Interpre-tation und ihrem erfrischend unkonventionellen Auftreten bei einer etwas kühl-akzentuierten Darbietung. Dank ihres Vermögens, sich komplett auf die Musik einzulassen, haben die glamourösen Äußerlichkeiten letztlich keine Bewandtnis.
Mit diesem in Dresden uraufgeführtem Werk beginnt die Sächsische Staatskapelle Dresden gleichsam die Erinnerungen an den 200. Geburtstag der Erstaufführenden Clara Schumann.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Hellerau |—

Dortmund, Theater Dortmund, Faust II – Ballett von Xin Peng Wang, IOCO Kritik, 30.06.2018

Juli 1, 2018 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

 FAUST II – Erlösung – –  Ein Tanz- und Bilderrausch

– Getanzter Appell an die Menschlichkeit –

Von Hanns Butterhof

Xin Peng Wang, der chinesische Direktor des Dortmunder Balletts, hat sich nach Goethes Faust I an dessen Alterswerk Faust II gewagt. Das Wagnis besteht darin, dass das Stück als ziemlich unaufführbar gilt und Goethe mehr hineingerätselt hat, als sich in einem Tanzabend konzise darstellen ließe.

Wang beleuchtet denn auch nur einige Faust – Szenen schlaglichtartig, um mit Faust II – Erlösung einen getanzten Appell an die Menschlichkeit zu richten. Dass Faust am Ende seiner Tage neues Land für viele Millionen schaffen will, verschränkt Wang mit dem Versuch von Flüchtlingen und Migranten, in Europa eine neue Heimat zu finden. Der Appell stützt sich auf die Hoffnung, dass das Publikum, wie Faust, sich in seinem Inneren des rechten Weges letztlich wohl bewusst ist.

Wie als utopischen Vorschein auf das Gelingen flicht Wang eine dritte, relativ unabhängige Ebene von Tanz-Inseln ein, in denen die Tänzer ganz bei sich sind, jenseits des Kampfes um Leben und Überleben. So tanzt einmal das Corps de Ballett, in fleischfarbenen Ganzkörper-Trikots (Kostüme: Bernd Skodzig) wie nackt, unbeschwert paar-, aber auch wechselweise frei und losgelöst miteinander.

Theater Dortmund / Faust II - hier : Lucia Lacarra als Helena, Dann Wilkinson als Mephisto, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Theater Dortmund / Faust II – hier : Lucia Lacarra als Helena, Dann Wilkinson als Mephisto, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Sehr klar charakterisiert Wang die Ausgangslage im Faust, das Verhältnis Fausts (Marlon Dino) zu seinem diabolischen Helfer Mephisto (Dann Wilkinson). Der weißgekleidete Faust behält liegend das Licht einer an langem Kabel herabhängenden Glühbirne fest im Blick, auch wenn der in schwarzes Leder wie ein Punker gekleidete Mephisto sie mit raschen Bewegungen weit über die ganze Bühne schwingen lässt, um ihn von seinem rechten Weg abzubringen.

Doch wer nicht mit Goethes Text vertraut ist, wird von den folgenden Faust II – Szenen der Kaiserlichen Pfalz, dem Erscheinen Helenas und des Homunculus wenig verstehen können. Es bleiben beeindruckende tänzerische Leistungen und schöne Bilder, wenn in der Pfalz die beschwingt und präzise Pirouetten drehenden Tänzerinnen in tellerartig abstehenden Tutus von weißgekleideten Herren umschwärmt werden und Mephisto als Zeremonienmeister finstere Tänzer in schwarzen Tutus dirigiert. Oder wenn Homunkulus (Giacomo Altovivo), wie aus dem Geist der von einer Cellistin erzeugten Musik geboren, sich in einem Käfig aus türkisen Laserstrahlen müht, aufrecht ins Leben zu finden.

Und hinreißend sind die beiden großen Pas de deux von Faust und Helena (Lucia Lacarra). Die beiden Gasttänzer vom Bayerischen Staatsballett, die geschmeidige, wie schwerelose Lucia Lacarra und der elegante Marlon Dino, sind ein wie von Phidias gemeißeltes klassisches Tanz-Traumpaar und rufen die Sehnsucht nach der alle menschlichen Schwächen versöhnenden Kraft der Liebe herauf.

Nur eher assoziativ mit dem Faust-Stoff verbunden, dafür aber optisch überwältigend sind die Flüchtlingsszenen. An Europas humanistische Tradition wird, wenn auch mit leisen Zweifeln, gemahnt, wenn die Fäuste zur „Internationale“ gereckt werden und das Orchester Beethovens „Neunte“ anklingen lässt, aber Mephisto zum allgemeinen „Oh my God“ ein Europafähnchen schwingt.

Theater Dortmund / Faust II - hier : Lucia Lacarra als Helena, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Theater Dortmund / Faust II – hier : Lucia Lacarra als Helena, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Es kann als Folge der diabolischen Kaiserhof-Party mit ihrer inflationären Papiergeldschwemme angesehen werden, dass die scheinbar nackten Flüchtlinge immer wieder gegen Wände rennen und unter dem Sirenengeheul der Musik zusammensinken. Oder dass sie in einer fast zu schönen Laserprojektion von Meereswogen des Licht-Designers Li Hui nahezu pantomimisch gegen das Ertrinken ankämpfen, aber immer wieder untergehen. Das gipfelt im Bild eines Kindes (Ava Jahnke), das vor den vom Schnürboden herabgelassenen Trümmern eines Bootes tot am Strand angespült wird. Dahinter kämpft eine Gruppe gegen den Widerstand an, den die Musik mit Trommelschlägen wie Schüssen malt. Doch jetzt geben die Gestrandeten ihre individuelle Flucht auf, sie fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis, zu dem Faust mit Helena hinzutritt. Er nimmt das Kind in einer rührenden Geste auf, reicht es Helena weiter, und sie gehen, nachdem Faust mit seiner menschlichen Tat noch Mefisto das Lebenslicht ausgeblasen hat, voran in einen ins Meer führenden Laser-Licht-Tunnel, hoffentlich auf dem rechten Weg.

Ein Künstler muss keine Lösungen für politische Fragen parat haben, nicht einmal Empfehlungen wie die von Faust II nahegelegte, Raum für Menschen zu schaffen, die keinen eigenen Platz mehr in der Welt haben. Aber die Mitmenschlichkeit beim Publikum anzurühren, ästhetisch an sein Mitgefühl bei der Lösung dieser Fragen zu appellieren, das kann die Kunst, und Xin Peng Wang ist das mit Faust II – Erlösung eindringlich gelungen, musikalisch differenziert begleitet von den Dortmunder Philharmonikern unter der souveränen Leitung von Philipp Armbruster.

Es lohnt sich, den Tanz- und Bilderrausch von Faust II – Erlösung noch einmal am 10.7.2018, 20.00 Uhr in München zu genießen.

Faust II – Ballett von Xin Peng Wang: weitere Vorstellung 10. Juli 2018  München, Gasteig,  Carl-Orff-Saal

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—