Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Aktuelles – Festspiele – Katharina Wagner, IOCO Aktuell, 01.05.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele – Aktuelles – Festspielzeiten 2020 / 2021

Sorgen um Katharina Wagner

von Viktor Jarosch

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Ende März 2020 erklärten die Bayreuther Festspiele in einer Mitteilung, dass angesichts der Corona Krise die Festspiele 2020 abgesagt werden müssen:

„Angesichts der bereits jetzt eingetretenen  Auswirkungen der Corona Krise auf dem Betrieb der Bayreuther Festspiele GmbH bedauern Geschäftsführer und Gesellschafter der Bayreuther Festspiele GmbH, daß die Bayreuther Festspiele im kommenden Sommer 2020 ausgesetzt werden müssen. Dadurch müssen die nachfolgenden Festspieljahrgänge umdisponiert werden. In der Saison 2021 werden neben der vorgesehenen  Neuproduktion Der fliegende Holländer  die Wiederaufnahmen Tannhäuser  und  der Sängerkrieg auf der Wartburg, Lohengrin und drei konzertante Aufführungen der Walküre  auf dem Spielplan stehen. Die für diese Saison geplante Neuproduktion Der Ring des Nibelungen kann aus Gründen der Probenplanung voraussichtlich erst im Jahr 2022 Premiere feiern.

Grundsätzlich bleiben die bereits für 2020 gekauften Karten  für die Festspiele 2022 gültig. Zur Klärung der Modalitäten bezüglich konkreter Termine wird das Kartenbüro in den kommenden Wochen alle Kartenkäufer der Festspiele 2020 kontaktieren.

Bayern Kunstminister Bernd Sibler betont hierzu: „Als begeisterter Anhänger der Bayreuther Festspiele und der ausdrucksstarken Musik Richard Wagners bedauere ich es sehr, daß wir in dieser Jahr nicht mehr in den Genuss der Aufführungen auf dem Grünen Hügel kommen. Für das kulturelle Leben ist der Ausfall ein herber Verlust. Die lange Festspieltradition hat im bayerischen Kulturstaat einen hohen Stellenwert.“.

Bayreuth / Festspiele Bayreuth - Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuth / Festspiele Bayreuth – Katharina Wagner © Matthias Balk

 2020 – Ein schlechtes Jahr für Katharina Wagner

Das Jahr 2020 trifft Katharina Wagner zusätzlich zum Ausfall der Festspiele sehr hart:   Am 19. März 2020 sollte am Gran Teatro del Liceu im Barcelona die Premiere der von ihr inszenierten Lohengrin – Produktion stattfinden: die geplante Besetzung: Klaus Florian Vogt als Lohengrin, Günther Groissböck als Heinrich der Vogler, Erin Wall als Elsa von Brabant; Evelyn Herlitzius als Ortrud   IOCO-Korrespondent  Dr. Julian Führer wäre ebenfalls zur Premiere in Barcelona gewesen: Katharina Wagner hatte Julian Führer / IOCO, auch aufgrund der Besprechung ihrer Tristan und Isolde Inszenierung in Bayreuth, link HIER, persönlich nach Barcelona eingeladen. Wegen der  Ausbreitung des Corona Virus in Spanien wurde die  Lohengrin – Premiere  abgesagt; der IOCO Besuch fiel damit leider ebenfalls aus .

Bayreuther Festspiele 2017 – hier die lebensfrohe Eröffnung mit viel Prominenz
youtube Trailer Bayreuther Festspiele
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Ende April 2020 kommt vom Grünen Hügel eine weitere schlechte Nachricht: Katharina Wagner, 42, ist längerfristig erkrankt (nicht am Corona-Virus) und zurzeit nicht geschäftsfähig. Wann sie ihre Arbeit wieder aufnimmt,  kann  zurzeit ebenfalls nicht gesagt werden.  Die Tochter von Wolfgang Wagner (1919 – 2010) und  Urenkelin Richard Wagners (1813-1883)  leitet die Bayreuther Festspiele seit 2015; der Vertrag mit ihr wurde 2019 bis 2025 verlängert.

Der Betrieb der Bayreuther Festspiele wird zurzeit neben Holger von Berg auch von Heinz-Dieter Sense geleitet. Sense, 81, wurde vom Verwaltungsrat und der Gesellschafterversammlung zum weiteren Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele bestellt; er vertritt Katharina Wagner kommissarisch. Sense ist mit dem Grünen Hügel und seinen Gepflogenheiten seit Jahren bestens vertraut.

So wünschen auch  IOCO und alle Kollegen hier und heute Katharina Wagner wie den Bayreuther Festspielen von ganzem Herzen baldige Genesung.

—| IOCO Aktuell Bayreuther Festspiele |—

Erfurt, Theater Erfurt, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.02.2020

Februar 11, 2020 by  
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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Lohengrin – Richard Wagner

Heilsbringer für einen Tag enttäuscht – Bühnenbild beeindruckt in Wagners romantischer Oper

von Hanns Butterhof

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Am Theater Erfurt hat Regisseur Hans-Joachim Frey Richard Wagners 1850 uraufgeführte romantische Oper Lohengrin in eine unbestimmte Zukunft verlegt. Diese sieht in dem eindrucksvollen Bühnenbild Hartmut Schörghofers unserer Gegenwart noch ziemlich ähnlich, und auch die mittelalterliche Lohengrin-Handlung ist unserer Zeit nicht ganz fremd. Das pessimistische Regie-Konzept läuft darauf hinaus, dass auch die Zukunft nicht besser wird, als die Vergangenheit war, und wir Gegenwärtigen keine großen Hoffnungen auf irgendwelche Heilsbringer setzen und Veränderung durch sie erwarten sollten. Mit Paukenschlägen und viel Blech verleiht Myron Michailidis am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt dieser Botschaft Nachdruck.

Lohengrin – Richard Wagner
youtube Trailer des Theater Erfurt
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Zum matten Silberglanz der Streicher ist zur Ouvertüre eine von der Regie erdachte Vorgeschichte des Lohengrin zu sehen. Hinter einem blauen Gazevorhang spielt sich ein Traum der Elsa von Brabant ab, in dem Graf Telramund und seine Frau Ortrud ihr Gottfried entwenden, den kleinen Bruder und Erben des Herzog-Throns; tröstend aber erscheint Lohengrin und segnet sie beruhigend. Es irritiert schon etwas, dass Telramund hier als an der Tat beteiligt gezeigt wird, stempelt ihn dies doch für seinen ganzen restlichen Auftritt grundlos zum Lügner.

Dann öffnet sich zum Auftritt König Heinrichs (Kakhaber Shavidze) die dreiteilige spektakuläre Bühne. Vorn erstreckt sich als schmale Spielfläche ein Platz mit laserblau blühenden Bäumen. Nach hinten wird er durch zwei gegeneinander verschobene hohe Wände abgetrennt, auf deren schrägen Seiten Auf- und Abgänge möglich sind. In der Tiefe des Raums wird in Video-Endlosschleife eine Megacity sichtbar, deren mehrfach übereinander geführte Autobahnen so voll sind wie die unsrigen und durch deren Hochhausschluchten in eleganten Schwüngen glänzende Raumgleiter flitzen. Getoppt wird dieses Bild noch bei der Ankunft Lohengrins (Uwe Sickert). Langsam und bedrohlich senkt sich ein riesiges Raumschiff über den Platz (Projektion: Marc Löhrer), auf einem blaue Blitze schießenden Fallreep steigt beeindruckend der silbergewandete Held herab. Dass sich sein Raumschiff auf Lohengrins „Leb wohl, mein lieber Schwan“ nicht folgsam entfernt, sondern noch tief in den zweiten Akt hinein über der Szene schwebt, irritiert auch etwas.

Theater Erfurt / Lohengrin - hier : die Ankunft Lohengrins © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Lohengrin – hier : die Ankunft Lohengrins © Lutz Edelhoff

Lohengrin kommt gerade recht, um Elsa (Margrethe Fredheim) gegen die Anklage Telramunds zu verteidigen, sie habe ihren Bruder getötet, um danach als Erbin des Herzog-Throns ihn, den untergebenen Lehnsmann, als Bewerber zugunsten eines noch unbekannten Liebhabers zurückweisen zu können. Bei allem technischen Fortschritt scheint die Bevölkerung – oder sind es nur die herrschenden politischen Figuren? – noch recht mittelalterlich zu denken. So schlägt Telramund als Test für die Wahrheit seiner Anklage ein von allen akzeptiertes Gottesgericht vor, das als Kampf merkwürdigerweise auf den Särgen früherer Herzöge stattfindet. Als Lohengrin dann in einem Schwertkampf siegt, dessen Raffinesse einzig darin besteht, dass er mit Laserschwertern ausgetragen wird, glaubt Telramund sich in Übereinstimmung mit allen tatsächlich auch widerlegt.

Telramund und seine Frau Ortrud, beide in finsteres Schwarz gekleidet, sind die Einzigen in der Oper, mit denen sich die Regie eingehender befasst zu haben scheint. Der Telramund von Máté Sólyon-Nagy ist ein Würstchen, ein Spielball in der Hand seiner Frau, die ihn buchstäblich nach vorn schubst. In ihren Augen sucht er Lob und Zustimmung und kuscht vor jeder Autorität, selbst vor der kräftigen Figur des rangniedrigeren Heerrufers (Siyabulela Ntlale). Es ist schwer vorstellbar, dass er „aller Tugend Preis“ sein soll oder dass er in wildem Kampf die Dänen besiegt hat. Wenn er in Wut und Enttäuschung über seine Niederlage und den Ehrverlust seinen Vorfahr aus dem Schneewittchen-Sarg zerrt und sich hineinlegt, ist er nur komisch. Doch ehrpusselig, wie er ist, ist er definitiv nicht an der Beseitigung Gottfrieds beteiligt, sondern hat seine Anklage ausschließlich auf die Behauptungen seiner Frau gebaut.

Theater Erfurt / Lohengrin - hier : Klare Machtverhältnisse bei Ortrud und Telramund (Anne Derouard und Máté Sólyon-Nagy © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Lohengrin – hier : Klare Machtverhältnisse bei Ortrud und Telramund (Anne Derouard und Máté Sólyon-Nagy © Lutz Edelhoff

Ortrud (Anne Derouard) ist da von anderem Schlag. Sie brennt als Nachfahre des alten, vorchristlichen Herrscherstamms vor Ehrgeiz, mit ihrem Stammesgott Wotan und ihrem Werkzeug Telramund wieder als Herzogin zu Macht zu kommen. Anne Derouard in ihrem schwarzen Umhang ist wie ein böser großer Vogel in ihrer ungebrochen skrupellosen Zielstrebigkeit die überzeugendste Figur der Oper.

Dagegen haben es Margrethe Fredheim und Uwe Sickert schwer, Statur zu gewinnen. Zwischen beiden funkt es nicht, sie kommen sich nicht nahe, zumal Lohengrin in seine unvorteilhafte Raumfahrer-Rüstung eingezwängt ist wie zur Hochzeitsnacht auch Elsa in steif-metallischer Rauschgoldengel-Pracht. Es ist, als arbeiteten sie mehr oder weniger mechanisch Elsas Traum ab, ohne ihm Leben einzuhauchen. So ist Lohengrins überzeugendste Szene sein Abschied; die Offenbarung seines Namens und seiner hohen Abstammung in der Gralserzählung bringt sogar den Verkehr in der Megacity zum Erliegen. Dass der Heilsbringer für einen Tag Elsa mit ins Raumschiff nimmt, irritiert auch ein wenig, herrscht in Montsalvat, dem Ziel der Rückreise, doch der Zölibat. Viel Irritierendes gibt es in der Inszenierung von Hans-Joachim Frey, und viel bloß Verwunderliches.

Dazu gehört die nahezu fehlende Personenführung bei viel unmotiviertem Herumstehen, Hinlegen und Wiederaufstehen der Brabanter auf der zu engen Spielfläche. Die Choristen sind weitestgehend einheitlich in mönchartige Kutten gekleidet und tragen wie die eigenartig vergitterten Choristinnen silberne, helmartige Perücken wie Playmobil-Figuren. Ihre Bewegungen sind meist mechanisch und ohne individuelle Motivation, die vier Mannen Telramunds agieren wie ferngesteuert. Wenn sie auch dem Bild heutiger Mandatsträger entsprechen, die ihren freien Willen an die jeweilige Autorität oder das Idol ausgelagert haben, von denen sie sich, und sei es nur einen Tag lang, Heil und Vorwärtskommen versprechen, so ist das nur wenig originell.

König Heinrich ist auch eher Mönch als König. Wenn er im Schneidersitz dem Geschehen beiwohnt und stoisch die Gebetskette durch die Finger gleiten lässt, vergisst man fast, dass er am Ort ist, um ein Heer für den Kampf gegen die Ungarn auszuheben. Dass er am Ende vor dem Knaben Gottfried niederkniet, der wie ein kleiner Klon Lohengrins aus dem Raumschiff steigt, irritiert.

Theater Erfurt / Lohengrin - hier : Elsa und Lohengrin kommen sich nicht nahe (Margrethe Fredheim, Uwe Sickert und Chor) © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Lohengrin – hier : Elsa und Lohengrin kommen sich nicht nahe (Margrethe Fredheim, Uwe Sickert und Chor) © Lutz Edelhoff

Die Regie ist insgesamt unausgegoren, bietet zu viel Ungenaues und zu wenig Richtung. Die Aussage, dass sich die Geschichte und ihr herrschendes Personal selbst bei höchstem technischen Fortschritt nicht ändern, trägt die Ausstattung fast ganz allein. Der Pessimismus der Regie-Idee berührt nicht, wenn sie nicht auf dem Hintergrund der Beziehung Elsas und Lohengrins als Schrecknis erlebt wird. Das ist in diesem Lohengrin definitiv nicht der Fall.

Gesanglich ist der von Andreas Ketelhut einstudierte Chor von starker Wucht, und Anne Derouard entspricht mit ihrem großen, dunklen Mezzo, den sie mit hoher Anstrengung zu Geltung bringen musste, voll ihrer Rolle. Auch Margrethe Fredheim hat mit ihrem klaren, strahlenden Sopran bei einigem Vibrato die passende Stimme für Elsa. Uwe Sickert führt seinen fast knabenhaft hellen Tenor gepflegt durch die anstrengende Partie, spart die Kraft für die Gralserzählung, kann aber seine Liebe nicht glaubhaft machen. Máté Sólyon-Nagy charakterisiert mit seinem hellen, beweglichen Bariton passend den Pantoffelhelden, zu dem ihn die Regie verdammt, und Kakhaber Shavidze als Heinrich und Siyabulela Ntlale als sein Heerrufer geben ihren Rollen die angemessene Bass-Tiefe.

Myron Michailidis am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt, verstärkt von der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach, verleiht der Botschaft der Regie Nachdruck, dass sich seit Lohengrins Zeiten nichts geändert hat und nichts sich ändern wird. Von kräftigen Trommelschlägen gestützt wird es immer laut, wo es um Gott geht, und die Blechbläser dröhnen bei jedem Anflug von Patriotismus, übertönen gelegentlich auch die Sänger. Bei manchmal recht hohem, dann wieder schleppendem Tempo kommt die unendlich fließende Melodie nicht zum Tragen, der Wagner-Sog bleibt aus.

In den Pausen zwischen den Akten wird einmal eine Briefstelle Adolf Hitlers einer Textpassage Björn Höckes, auf den Vorhang projiziert, gegenübergestellt, dann ein Zitat aus Heinrich Manns Roman Der Untertan. Wenn damit die Richtigkeit der Regie-Idee belegt werden soll, so ist es auch das Eingeständnis, ästhetisch die überzeugende Umsetzung dieser Idee mit dem Lohengrin nicht geleistet zu haben.

Das Premierenpublikum zollte nach vier langen Stunden dem Sänger-Ensemble, besonders Anne Derouard und Margrethe Fredheim, kräftigen Beifall. Auch der Chor und vor allem Myron Michailidis mit seinem Orchester wurden begeistert beklatscht, während das Regieteam einem heftigen Buh-Sturm ausgesetzt war.

Lohengrin am Theater Erfurt, die nächsten Termine: 26.2. und 14.3. um 18.00 Uhr, am 1.3. um 16.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Die Meistersinger von Nürnberg, IOCO Kritik, 29.08.2018

August 29, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Die Meistersinger von Nürnberg

In Haus Wahnfried – Mit Richard Wagner, Hermann Levi, Franz Liszt

von Marcus Haimerl

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

 Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky © IOCO

Wieviel Autobiografisches steckt in Richard Wagners Meistersinger von Nürnberg? Diese Frage wirft der australische Regisseur Barrie Kosky in seiner Inszenierung für die Bayreuther Festspiele in den Raum. Auch die Stadt Nürnberg wird hier zum zentralen Thema: von der von Wagner idealisierten mittelalterlichen Stadt über die Stadt der               Reichsparteitage und der 1935 ausgerufenen Rassengesetze bis hin zu den Nürnberger Prozessen.

Der erste Aufzug zeigt den unglaublich detailgetreu nachgebildeten großen Saal des Haus Wahnfried (Bühne: Rebecca Ringst), eine Einblendung verrät, dass es sich um den 13. August 1875 handelt und Kapellmeister Hermann Levi erwartet wird. Auch Franz Liszt ist auf dem Weg. Dem Klavierspiel Wagners entsteigen, einer Inspiration gleich, kleine Doppelgänger Wagners, schließlich auch David und Stolzing, welche ebenfalls große Ähnlichkeit mit dem Komponisten aufweisen. Schon bald wird jedoch klar, welche Richtung die Inszenierung nehmen wird. Während des Chorals („Da zu Dir der Heiland kam“) feiern alle Beteiligten einen improvisierten Gottesdienst, deren Rituale Hermann Levi nicht folgen kann. Wagner und Liszt weisen Levi an, dennoch wird dieser als Außenseiter vorgeführt, er soll es auch bis zum Finale bleiben.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Die beiden dominierenden Bilder, Richard Wagners Porträt von Cäsar Willich und Cosimas (eigentlich erst vier Jahre später entstandenen) Porträts Franz von Lenbachs. Diese dienen später als Gemerk und an der Rückseite wird Beckmesser seine Kreidestriche anbringen. Denn Wagner teilt den Anwesenden ihre Rollen zu: Richard Wagner ist Hans Sachs (und eigentlich sowohl Stolzing als auch David), Franz Liszt wird Veit Pogner und Cosima zu Eva, Hermann Levi, Sohn eines Landesrabbiners, wird zu Sixtus Beckmesser und eine Dienerin die Magdalene. Auch die Meister entsteigen, in historischen Gewändern, dem Klavier. Doch dieser erste an Slapstick gemahnende Aufzug endet bedrohlich. Die Szene friert ein und Richard Wagner/Hans Sachs entsteigt diesem Bild, welches in den Bühnenhintergrund fährt und den Blick auf den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse freigibt.

In diesem Ambiente finden auch die beiden restlichen Aufzüge statt. Anstelle des Kunstrasens, welcher bei der Neuinszenierung 2017 den zweiten Aufzug beherrschte, findet sich auf der linken Seite der Bühne das aufgestapelte Mobiliar des Haus Wahnfried, so wie 1945 die Besatzer Wahnfried „entrümpelt“ haben. Die Zimmerpflanze inmitten dieses Möbelhaufens wird kurzerhand zum Fliederbusch. Unter dem Porträt Wagners aus dem ersten Aufzug wird Sixtus Beckmesser verprügelt, man setzt ihm einen großen Kopf auf, welches den geschmacklosen antisemitischen Karikaturen des dritten Reichs ähnelt, und lässt ihn als Demütigung vor den Bürgern Nürnbergs tanzen. Dieselbe Fratze entsteigt in Form eines überdimensionalen Ballons dem Zeugenstand am Bühnenrand, welcher gegen Ende des Aufzugs den Kopf neigt, sodass für das Publikum nur noch die Kippa mit Davidstern erkennbar ist.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Der dritte Aufzug findet in dem nunmehr voll eingerichteten Gerichtssaal statt. An einem einzelnen Schreibtisch im Vordergrund sitzt Hans Sachs und sinniert über den deutschen Wahn und beklagt die Massenschlägerei in seinem lieben Nürnberg. In Gestalt Franz von Lenbachs Porträt wird Cosima von David in den Zeugenstand gestellt, ehe sich die Festwiese als ein von historisch gewandeten und Fahnen schwenkenden Bürgern Nürnbergs bevölkerter Gerichtssaal herausstellt. Der Auftritt der einzelnen Meister wird mit Applaus begrüßt, welcher Sixtus Beckmesser jedoch versagt wird. Hans Sachs, wieder in Gestalt von Richard Wagner, steht für seine Ansprache („Verachtet mir die Meister nicht“) im Zeugenstand alleine auf leerer Bühne. Der Chor wird in Form eines Orchesters nochmals hereingefahren, welches von Hans Sachs / Richard Wagner dirigiert wird. Als diese Phantasmagorie verschwindet, bleibt Wagner erneut alleine, dirigierend auf der Bühne zurück und es bleibt dem Volk/Publikum überlassen, über Wagners Antisemitismus zu richten.

Barrie Kosky gelingt stellenweise eine humorvolle Inszenierung (ja, man hört auch Wagnerianer kurz auflachen), an einigen Stellen wiederum bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Die Entscheidung darüber, ob die Regiearbeit von Barrie Kosky Sinn macht, ob sich eine Inszenierung der Meistersinger zwangsweise mit Antisemitismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen muss, kann dem Besucher nur selbst überlassen bleiben.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

Philippe Jordans leichte, beinahe spritzige und manchmal fast kammermusikalische Klanggestaltung harmoniert mit der manchmal humorvollen Inszenierung was bereits beim pantomimisch gestalteten Vorspiel zum 1. Akt bewusst wahrgenommen wird und selbst im dritten Akt kommt Jordan ohne großen Pomp aus. Auch der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor agierte in gewohnter Weise auf Spitzenniveau.

Mit seinem sehr hellen aber kraftvollen Tenor, klangschön und sehr lyrisch begeistert Klaus Florian Vogt erneut das Publikum als Ritter Walther von Stolzing. Daniel Behle singt mit tenoraler Strahlkraft einen intensiv berührenden, schwärmerischen David und überzeugt auch darstellerisch in allen Facetten. Auf einem ebenso hohen Niveau erlebt man Wiebke Lehmkuhl in der Partie der Magdalene mit jugendlichem Charme. Die Altistin verfügt über eine schöne, klare Höhe und ein angenehmes warmes Timbre in Mittellage und Tiefe. Anstelle der im Vorjahr eher wenig bejubelten Anne Schwanewilms erlebt man in diesem Jahr Emily Magee in der Partie der Eva, die das Publikum leider auch nicht richtig begeistern konnte. Die amerikanische Sopranistin klingt hier leicht gepresst und kann auch nicht mit Textverständlichkeit punkten. Allerdings muss man auch sagen, dass es die Regie der Partie Eva, vor allem im ersten Aufzug als an Migräne leidender Cosima, nicht besonders einfach macht. Günther Groissböck ist mit seinem kräftigen, sonoren Bass eine Luxusbesetzung für die Partie des Veit Pogner.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Johannes Martin Kränzle als geschundener Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, wird in Koskys Inszenierung zum Sympathieträger, der mit viel Witz und schönem Bariton der Rolle einen ganz besonderen Charakter verleiht. Diese grandiose Leistung, die ihresgleichen sucht, wird lediglich von Michael Volle als Hans Sachs übertroffen. Mit unglaublicher Souveränität, kraftvoll, nuanciert braucht Volle den Vergleich mit namhaften Vorgängern nicht zu scheuen. An seiner Leistung wird man wohl künftige Interpreten dieser Partie messen müssen.

Aber auch die Meister, Tansel Akzeybek (Kunz Vogelsang), Armin Kolarczyk (Konrad Nachtigall), Daniel Schmutzhard (Fritz Kothner), Paul Kaufmann (Balthasar Zorn), Christopher Kaplan (Ulrich Eisslinger), Stefan Heibach (Augustin Moser), Raimund Nolte (Hermann Ortel), Andreas Hörl (Hans Schwarz) und Timo Riihonen (Hans Foltz) sorgten für einen außergewöhlichen musikalischen Abend, welcher vom Publikum mit Ovationen bedacht wurde. Dieser Abend wird vom musikalischen Standpunkt aus (vielleicht auch aus szenscher Sicht), noch lange im Gedächtnis der Festspielbesucher bleiben.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Richard Wagner oder der Zerfall einer Dynastie, IOCO Aktuell, 22.02.2014

Februar 25, 2014 by  
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Aktuell

Bayreuther Festspiele

Festspielleitung: Eva Wagner-Pasquier tritt 2015 zurück

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Die amtliche Mitteilung des Bayerischen Staatsministerium für Kunst ist knapp, die Würdigung von Kunstminister Dr. Spaenle denkbar flach: Eva Wagner-Pasquier habe darum  gebeten, dass ihr Vertrag als Festspielleiterin nicht verlängert werden soll. Sie möchte nach dessen Ablauf eine Aufgabe als Beraterin übernehmen. „Die amtierende Festspielleiterin hat sich durch ihr künstlerisches Schaffen große Verdienste um die Qualität und das Ansehen der Festspiele erworben. Ich erinnere in diesem Zusammenhang allein an das Jahr 2013, als die Weltklassemusiker Christian Thielemann, Andriss Nelsons und Kyrill Petrenko in Bayreuth dirigiert haben.“

 vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

vlnr: Katharina und Eva Wagner © Tafkas_2009

Eva Wagner-Pasquier (68) ist Tochter des 2008 verstorbenen Wolfgang Wagner und dessen erster Frau Ellen Drexel. Eva Wagner nahm das Theaterleben früh und intensiv auf: 1967 bis 1976 Assistentin von Wolfgang Wagner in Bayreuth, danach Assistentin von August Everding und Otto Schenk, Opéra Bastille, Teatro Real, Metropolitan Opera New York. 2001 lehnte Wolfgang Wagner im Rahmen einer Führungskrise, er war 82,  den eigenen Rücktritt und Eva Wagner-Pasquier als Festspielleiterin am Grünen Hügel formal ab. Wolfgang Wagner bestand darauf, daß nur seine Frau Gudrun ihn ablöse. Erst Gudruns plötzlicher Tod in 2007 und die eigene schwächelnde Gesundheit öffneten Wolfgang Wagner wieder für eine Nachfolgediskussion. Doch nun bestand er darauf, dass Tochter Eva gemeinsam mit seiner zweiten Tochter Katharina (35, Tochter von Gudrun Wagner) Festspielleiterinnen in Bayreuth werden. Der für die Bestellung zuständige Stiftungsrat, die Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth, stimmte zum 1. August 2008 dieser Nachfolgeregelung zu. Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagners und ebenfalls direkter Nachkomme Richard Wagners, hatte zuvor Wolfgang Wagner heftig kritisiert und sich ebenfalls um die Festspielleitung beworben. Sie wurde vom Stiftungsrat zwangsläufig nicht berücksichtigt, weder in der Festspielleitung oder anderer Funktion.

2015 verlässt Eva Wagner-Pasquier die Festspielleitung; ein Abgang ohne große Folgen. Als Beraterin, vermutlich einer Art gut dotierter Altersrente, möchte Wagner-Pasquier noch zur Verfügung stehen. Dabei zeichnet sich Bayreuth schon seit Jahren nicht mehr künstlerisch aus. Nicht Inszenierungen bestimmen inzwischen Bayreuther Schlagzeilen. Auch nicht extreme Subventionen, sondern Kult und Klatsch, in die Jahre gekommene Traditionen, Prominentenauftrieb, dubiose Kartenverkäufe, misslungene Regiecoups, Nazi-Logos oder Lohengrin-Mäuse. Die liebenswerte Katharina Wagner, dann einziger direkter Nachkomme Richard Wagners in der Festspielleitung, kann solch verflachten Wagner-Historismus gut allein verwalten.

Dabei lohnt auch zukünftig ein Besuch Bayreuths: Letzte Reste einer wie immer gearteten Richard Wagner-Aura, gute wenn auch unsichtbare Orchester bilden strahlende Sahnehäubchen eines erholsamen Urlaubs in Oberfranken. So macht die knorrige Meldung des Bayerischen Ministeriums für Kunst zum Abgang Eva Wagner-Pasquiers wiederum deutlich: Die Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth wandeln sich: Die Kult-Institution Grüner Hügel wandelt sich zu einer steuerlich begünstigten Partymeile Klassik.

IOCO / Viktor Jarosch / 24.02.2014

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