München, Bayerische Staatsoper, Alceste – Christoph Willibald Gluck, IOCO Kritik, 26.07.2019

Juli 26, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Alceste  –  Christoph Willibald Gluck

 Aufrechnung: Einer muss sterben, damit ein anderer leben kann

von Hans-Günter Melchior

Was für eine Zumutung. Da haben sich die Götter etwas Grausames ausgedacht: der sterbenskranke und vom Volk geliebte König Admète kann nur überleben, wenn ein anderer Mensch für ihn stirbt. Mensch gegen Mensch; eine Aufrechnung: einer muss sterben, damit ein anderer leben kann.

Aber obwaltet da nicht ein höheres Gesetz, eine Weisheit?: wenn diejenigen Menschen, für die die Zeit reif ist, nicht Platz machen, ist für die Nachfolgenden kein Raum. Es ist ein Lebensgesetz überhaupt. Und so unerbittlich es einerseits ist, so einsichtig ist es andererseits. Einsichten der Mythologie.

ALCESTE Christoph Willibald Gluck
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Dass es freilich Alceste sein sollte, die vom König geliebte Gattin und Mutter seiner Kinder, die sich zu opfern entschlossen ist, widerstreitet den innersten Gefühlen des Herrschers bis zur Verzweiflung. Lieber will er sterben, als dieses Opfer annehmen. So ist es fast immer: in den Grundfragen des Lebens kann man es sich nicht aussuchen, das Leben ist reduziert auf die Naturgesetze.

Zunächst weiß der König freilich nicht, welche Entscheidung ihm bevorsteht. Das Volk jubelt und ermuntert ihn zum Weiterleben. Als gebe es dies: ein Leben grundsätzlich höher zu bewerten als ein anderes. Als Alceste idem Ehemann freilich gesteht, für ihn sterben zu wollen, ist er entschlossen, sich dem Willen des Volkes zu versagen. Staatsräson gegen Liebe. Der König entscheidet sich für die Liebe.

Bayerische Staatsoper München / Alceste - hier : Dorothea Röschmann als Alceste, Charles Castronovo als Admète, Compagnie Eastman © Bayerische Staatsoper / Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Alceste – hier : Dorothea Röschmann als Alceste, Charles Castronovo als Admète, Compagnie Eastman © Bayerische Staatsoper / Wilfried Hoesl

Da erscheint Hercule, sozusagen als deus ex machina, und wird von Évandre, einem Vertreter des Volkes, von der ausweglosen Lage unterrichtet. Am Ende würden beide sterben: der König, der den Tod der Gattin aus Gram nicht überlebt und diese selbst, die sich umsonst opferte. Eine für Hercule unannehmbare Vorstellung. Die Ehegatten erscheinen bereits vor dem Eingang zur Unterwelt, bereit und darauf beharrend, jeweils für den anderen zu sterben.

Hercule greift entschlossen ein. Er holt die beiden ins Leben zurück, indem er den Göttern der Unterwelt den Zugriff auf das Paar verweigert und die Totenwächter zurücktreibt. Glücklich vereint kehren die Eheleute, vom Volk gefeiert, ins Leben zurück und huldigen Apollon, der die Tat des Hercule preist.

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Ein originärer Stoff für eine Oper. Geradezu opernhaft. Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787) hat 1767 dazu eine elegische Musik komponiert, die sich fein zurückhält, sich nur stellenweise zu emotionalen Aufschwüngen entschließt, insbesondere in der Partie der Alceste. Dem Stoff angemessen fließt sie wie ein Trauergesang durch die Handlung und verzichtet auf jedes auftrumpfende Getöse.

Der Regie ist dies offenbar zu wenig. Das im Innern Aufwühlende, die eigentlich ins Innere verlegte Handlung, wird auf einer zunächst –, nämlich in den ersten beiden Akten –, abstrakt wirkenden und hohe Tempel mit gradlinigen Säulen andeutenden Bühne in äußere, tänzerische Bewegung umgesetzt. Soll wohl den Kampf der Seelen versinnbildlichen. Da wuselt es (Foto, Trailer) choreographisch um die Akteure herum, Tanzeinlagen jede Menge rund um die Protagonisten, wie sie beschwörend, schlangenartige Verrenkungen, manche an akrobatische Zirkusnummern erinnernd.

So bewundernswert tänzerisch dies auch sein mag: es bringt Unruhe in den schwergewichtigen Stoff und lenkt vom inneren Drama ab, ohne ihm wirklich etwas hinzuzufügen. Man versteht ja auch, was gemeint ist. Und es nimmt der Musik die Tiefe.

Sinnvoll und wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlassend sind die Tanzeinlagen lediglich im dritten Akt, wo übergroße, auf Stelzen sich bewegende schwarze Gestalten in flatternden Gewändern die Schrecken der Unterwelt darstellen. Sie dringen auf die schicksalhaft verstrickten Personen wie grotesk verzerrte Ungeheuer ein, bald von oben aus kabinenartigen Abteilen, bald auf gleicher Ebene, gespenstig, polypenartig, diese vereinnahmend. Das wirkt beklemmend und nimmt den Stoff inhaltlich unmittelbar auf. Ein bezwingender Einfall, zumal die Überhöhung der Gestalten, ihre Schwärze das Schicksalhafte des Geschehens verdeutlicht.

Einmal mehr bewährt sich das großartige Orchester unter der Leitung von Antonello Manacorda. Ruhig fließt die Musik, der Dirigent versagt sich jedem Seelenpomp.

Opernsteckbrief zu ALCESTE, Oper von Christoph Willibald Gluck
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Auch das Ensemble auf der Bühne ist seiner nicht leichten Aufgabe gewachsen. Die Alceste von Dorothea Röschmann hat es da am schwersten. In der Höhe merkt man ihren Sopran ein wenig die Kraftanstrengung an. Der Admète des Charles Castronovo beeindruckt durch die makellose Reinheit seiner hohen Stimmlage, ebenso wie der markige Bass des von Michael Nagy verkörperten Hercule. Der Évandre des Manuel Günther beeindruckte durch stimmliche Reinheit. Die Leistung des Ballett, der Tänzer der Compagnie Eastman, Antwerpen steht außer Kritik. Ob sie sich sinnvoll dem dramatischen Stoff fügt, bleibt offen.

So bleibt zur Münchner Inszenierung der Alceste letztlich ein etwas zwiespältiger Eindruck. Dem Publikum jedenfalls hat die Aufführung gefallen. Stürmischer Beifall belohnte das Orchester mit seinem Dirigenten sowie das gesamte Ensemble.

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Mannheim, Nationaltheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.11.2018

November 30, 2018 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

– Der Aufmarsch der Marionetten –

Von Uschi Reifenberg

Das Nationaltheater Mannheim hat wieder eine Meistersinger Inszenierung, die Spaß macht, und das im doppelten Wortsinne. Die verschiedenen Spielarten des Komischen stehen für den englischen Regisseur Nigel Lowery, der ebenso für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet, im Vordergrund seiner Inszenierung von Richard Wagners einziger komischen Oper Die Meistersinger von Nürnberg.

Was Lowery vorführt, ist Theater auf dem Theater im besten Sinne, episches Theater im Stile Brechts, ein Spiel mit Masken und Spiegeln, eine Verbindung aus Märchen-Puppen und Marionettentheater mit Anleihen bei der Commedia dell‘arte.

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner
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Karikatur, Parodie, Ironie, Slapstic, comicartige Szenen, gewürzt mit einer Prise englischen Humors à la Monthy Python ergeben pralles, sinnliches Musiktheater, das nie ins Lächerliche abdriftet.

Lowerys Verkleinerungen, Perspektivwechsel und ironische Brechungen weiten und multiplizieren die Wahrnehmung, was zwar faszinierend ist, aber auch die Distanz vergrößert.

In Wagners menschlichstem Werk wünscht man sich, näher an die innerseelischen Vorgänge der Figuren herangeführt zu werden, was zumindest am Beginn des 3. Aktes in der Schusterstube gelingt. Wenn alle Hüllen gefallen sind und die Privatperson Hans Sachs nach den Ausschreitungen der Johannisnacht in Freizeitkleidung den Boden wischt, wird klar, dass Sachs nicht nur im entfesselten Gewirr der künstlerischen Ergüsse für Ordnung sorgt, sondern auch im realen Alltag den Überblick behält. Sichtbar wird ein einsamer, resignierter Mann, der über den wahnhaften Zustand der Welt reflektiert, der Abschied nimmt vom eigenen Liebesglück und sich zu der Erkenntnis durchringt, dass er sowohl der nächsten Generation als auch den künstlerischen Errungenschaften zur Weiterentwicklung und zum Fortbestand verhelfen muss.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Die Meistersinger, Wagners bürgerliche Festoper, konzipiert als (heiteres) Satyrspiel, das nach antikem Vorbild auf die Tragödien folgte, sind angesiedelt im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zur Zeit der Reformation, mit der historischen Figur des Schuster-Poeten Hans Sachs an der Spitze. Die Meistersinger sind alles andere als  rückwärtsgewandtes Historiendrama, der Ort

Nürnberg fungiert hier als Metapher für die Auseinandersetzung von Tradition und Fortschritt, Gegenwart und Zukunft, Politik und Staat. Über allem geht es in Wagners philosophischer Komödie um die Kunst. Sie erscheint hier als das Bindeglied der bürgerlichen Gemeinschaft und vermag- anders als die Politik- mit ihren Regeln Ordnung zu gewährleisten und Anarchie und „Wahn“ in Schach zu halten. Wagners gesellschaftsutopischer Entwurf, wie in seiner Schrift Das Kunstwerk der Zukunft“ thematisiert, findet hier seine ideale Entsprechung.

Das Spiel im Spiel findet in einem Guckkasten Rahmen mit Brecht-Gardine statt, in welchem sich die Akteure einfinden und den Darstellern die passenden Kostüme anprobieren. Ebenso werden verschiedene Bühnenbilder ausprobiert, beispielsweise ein großformatiges Tableau vom Moulin Rouge, das aber dann doch dem Inneren der Katharinenkirche weichen muss. Beckmesser entscheidet sich nach Anprobe einer Naziuniform und jüdischer Kippa mit Locken (man denkt an Beckmesser als viel gescholtene Judenkarikatur), schließlich für das Gewand eines evangelischen Priesters. Im schön gemalten gotischen Kirchenraum sieht man Eva- puppenhaft herausgeputzt- in träumerischer Haltung. Wie ihre Leidensgenossinnen Senta und Elsa sehnt sie sich heftig einen Retter herbei. Da schwebt plötzlich – man traut seinen Augen kaum — am oberen Bühnenrand das Raumschiff Enterprise l vorbei. Jetzt wissen wir: Erlösung naht aus den unendlichen Weiten des Weltalls. Und tatsächlich erscheint ein Stolzing/ Lohengrin Verschnitt in silbernem Gewand und blonder Haarpracht, direkt von der Enterprise in die Kirche gebeamt.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Da wird nicht lange gefackelt, kaum haben sich Eva und Stolzing kurz beschnuppert, sind die beiden auch schon ein Paar, das ziemlich genau weiß, was es will und sich um Regeln und Vorschriften herzlich wenig kümmert. Dies nämlich ist vor allem Sache der Meistersinger. Diese kommen daher als putzige Karikaturen in detailverliebten Renaissancekostümen mit diversen Altersgebrechen, ein seniles Häuflein beflissener Nürnberger Handwerker, das keine neuen Impulse von Außen zulässt und sich verzweifelt an das Regelwerk der Tabulatur klammert. Die Kunstausübung ist erstarrt und hängt sozusagen am Tropf der tradierten Norm. Vielleicht wird deshalb immer wieder ein Sarg über die Bühne getragen, mal beerdigt man symbolisch die Kunst, oder was von ihr übrig geblieben ist, oder auch die Hoffnung-wer weiß…

Die aber stirbt bekanntlich zuletzt, was auch dadurch gezeigt wird, dass die Meister bei Stolzings überschwänglichem Probelied plötzlich wie in Trance zu tanzen beginnen und Wände in Bewegung geraten. Ein witziges Leitmotiv ist der Busch, der verschiedene Metamorphosen durchläuft. Zuerst fährt er als Dornenhecke Beckmessers über die Bühne, dann ist er Fliederbusch, der sich vermehrt und als Requisit für Sachsens Monolog dient, dann mobiles Versteck für das Liebespaar im 2. Akt oder gar brennender Dornbusch am Ende der Prügelfuge.

Am Schluss des ersten Aktes, wenn Stolzing gegen den Protest der Meister sein Kunstlied durchgesetzt hat, verstopfen sich die Meister die Ohren mit Zeitungspapier, ein bedrohliches Bühnenbild mit schwarzem Gewölk wird dazu heruntergefahren, das sogleich wieder verschwindet, stattdessen erstrahlt ein klarer Sternenhimmel, in welchen Stolzing hinaufgezogen wird. Nicht im Venusberg, sondern im Parnass hat der Künstler geweilt und vermag auf der Festwiese von jenen Wonnen zu singen, die ihm dort widerfahren sind …   Möglicherweise ist dies aber auch ein Verweis des Regisseurs auf Wagners eigene Inspiration, die ihn 1861 in Venedig nach dem Anblick des Bildes von Tizians Assunta, der Himmelfahrt Marias, zur Vollendung der Meistersinger animiert haben soll.

Der Sternenhimmel wölbt sich auch über das Bühnenbild des 2. Aktes, ergänzt durch einen Dorfbrunnen mit Johannes Figur und einem Häusereck im bayerisch-barocken Stil. Eine klare Verortung der Szene mit liebevollem bis kitschigem Lokalkolorit. Sachs – detailgetreu historisch kostümiert, mit weißer Perücke, singt seinen Fliedermonolog auch tatsächlich unterm Fliederbusch und hat mit Eva ein sehr inniges Verhältnis, was am unkomplizierten Körperkontakt zu erkennen ist. Beckmesser wird in seinem Ständchen von einer aparten Harfenistin mit veritabler Beckmesser- Harfe unterstützt, die jedoch um ihre wohlverdiente Gage geprellt wird. Bemerkenswert ist auch der Nachtwächter mit Totenkopfmaske, Laterne und Kegel, ein mittelalterlicher Sensenmann, der allgegenwärtig ist und wahllos zuschlägt.

Zum Ende von Beckmessers desolatem Ständchen verirren sich Sachs und Beckmesser in die erste Reihe des Zuschauerraumes und schaffen es gerade noch rechtzeitig zur Prügelfuge auf die Bühne, die von lustigen Kasperle Figuren angezettelt wird. Lowery inszeniert die Kontrapunktik der Prügelfuge, indem er der größtmöglichen musikalischen Verdichtung ein Puppentheater entgegensetzt. In der Tat ein interessanter Kunstgriff.

 Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Die Schusterstube im 3. Akt ist in schwarz gehalten, kräftige weiße Pinselstriche deuten die Innenarchitektur an, ein Kamin, ein Schreibtisch und eine Katze komplettieren Sachsens gemütliches Zuhause. Sachs und Stolzing sind während ihres philosophischen Diskurses über Leben und Kunst in rote Bademäntel gehüllt, trinken Punsch und lassen in schönster Harmonie eines der genialsten Lieder entstehen, die je geschrieben wurden. Beckmesser darf noch einen Kampf mit Sachsens Katze ausfechten, der für Lacher sorgt. Im 3. Akt ist die Guckkasten-Bühne mit überdimensional gespiegelter Laute, riesiger Ritterrüstung und bunten Mittelalter- Wimpeln ein Eyecatcher.

David darf noch seinen Junggesellen Abschied im zwielichtigen „Haus zum Schwanen“ feiern, (Parsifal lässt grüßen), dann fährt Lowery zum großen Festwiesen Finale zusätzlich zum Puppen Arsenal noch mal sämtliche Geschütze auf, die der Wagner Fundus zu bieten hat. Stolzing bringt zum Gesangswettbewerb gleich den Gralskelch mit, der die Kunst- Erlösung garantiert und lässt ihn – ganz im Wagnerschen Sinne -bei der Festwiesen Gesellschaft rumgehen. Bei Sachsens Schlussansprache ziehen – synchron zur berüchtigten c-Moll Stelle – wieder die dunklen Wolken herauf. Keiner will Sachs  zuhören, alle Anwesenden verschwinden, zu schwer wiegt die Bürde der Vergangenheit. Sachs bleibt zunächst im Regen stehen, da erscheint der versöhnte Beckmesser, den Sachs zu sich unter den Schirm holt. „Zweieinig“, unter dem Jubel aller Beteiligten feiern die beiden Kontrahenten die Kunst und Sachsens integrative Gesamtleistung. Am Bühnenhimmel wartet schon die Enterprise. Stolzing und Eva machen sich aus dem Staub und dringen womöglich in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch das Wagnerensemble, Orchester und Chor des NTM sind  überzeugend aufgestellt.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Der Bayreuth- erprobte Thomas Jesatko als Sachs stattet die Riesen- Partie mit allen Facetten seines variablen Baritons aus, wortverständlich, sensibel, mit großer Emphase, berührend in den resignativen Momenten, ein beeindruckendes Rollenportrait. Als Beckmesser steht Joachim Goltz ihm nicht nach. Sein klarer, tragfähiger und höhensicherer Bariton besticht mit präziser Deklamation, Goltz‘ darstellerische Fähigkeiten geben der vielschichtigen Figur nicht nur Witz, sondern auch Tiefe. Tilman Unger ist vom Erscheinungsbild her ein idealer Stolzing. Er teilt sich die Partie klug ein, lässt aber bisweilen heldische Strahlkraft und Durchsetzungsfähigkeit vermissen. Astrid Kessler überzeugt als mädchenhafte, quirlige Eva, mit klangvoller Mittellage und Tiefe sowie mit dramatischen Aufschwüngen in der Schusterstube. Christopher Diffey singt als David die Weisen differenziert, lebendig mit schönem Timbre und mühelosen tenoralen Spitzen. Der Pogner von Sung Ha erscheint als seriöse Persönlichkeit, mit kultiviertem, sonorem Bass. Die Magdalene wird von Marie-Belle Sandis mit resoluter Mezzo-Attitüde versehen. Als Nachtwächter lässt Bartosz Urbanowicz aufhorchen. Chor und Extrachor unter der Leitung von Danis Juris präsentieren sich in Bestform, homogen und klangexpansiv.

GMD Alexander Soddy geht das Vorspiel mit straffen Tempi, schwungvoll, pathosfrei, mit viel Sinn für die Mittelstimmen von Wagners komplexer kontrapunktischer Partitur an. Der 1. Akt kommt allerdings wirkt wie mit angezogener Handbremse; die Balance zwischen Bühne und Graben lässt ab und zu wünschen übrig, ebenfalls vermisste man diesmal die Trompeten, dafür überraschte das überaus engagierte Solohorn umso mehr. Im Laufe des Abends gleichen sich diese leichten Unstimmigkeiten; Soddy findet- bei aller kammermusikalischen Behandlung – zu schwebendem Fluss und sinfonischem Aufblühen der Komposition. Im 3. Akt vereint Soddy Orchester, Chor und Solisten zu einer eindrucksvollen Schlussapotheose in strahlendem C-Dur.

Das enthusiasmierte Publikum spendet lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten und Jubelrufe für die Solisten. Mit dieser Meistersinger Inszenierung kann man die kommenden Jahre wunderbar leben!

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Augsburg, Theater Augsburg, Die Orestie – Aischylos, 29.09.2018

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Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Die Orestie – Agamemnon, Die Choephoren, Die Eumeniden

Von der griechischen Antike zur heutigen Rechtsprechung

Premiere : 29.9.2018 19:30  im  martini-Park, weitere Vorstellungen: siehe unten

Mord, Rache und Sühne lauten die zentralen Motive in Die Orestie, ein 2500 Jahre altes Stück aus der griechischen Antike mit heutiger Wucht, dessen Premiere am 29. September die Eröffnung der Schauspielsaison 2018/19 im martini-Park markiert. In seiner Tragödien-Trilogie skizzierte Aischylos vor fast 2500 Jahren die »Erfindung« eines (vor-)demokratischen Staatswesens, auf deren Fundament unsere heutige westlich-demokratische Grundordnung basiert und deren Existenz gegenwärtig von massiven politisch tektonischen Verschiebungen bedroht erscheint. Regisseur Wojtek Klemm übersetzt die politische Aktualität dieser Trilogie in einer packenden Inszenierung von großer nicht zuletzt körperlich spürbarer Intensität.

Theater Augsburg / Die Orestie © Jan-Pieter Fuhr

Theater Augsburg / Die Orestie © Jan-Pieter Fuhr

Die ORESTIE

Tragödientrilogie von Aischylos

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als der griechische Herrscher Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfert, um die Götter auf dem Weg in den Krieg nach Troja gnädig zu stimmen. Das Opfer zeigt zwar den gewünschten Erfolg, doch seine Frau, Klytaimestra, ist davon naturgemäß nicht gerade begeistert. Sehnsüchtig wartet sie auf seine Rückkehr, um ihn aus Rache zu erschlagen. Dies und die Tatsache, dass sie sich mit dem verhassten Onkel Thyest zur Herrscherin über die Stadt erhebt, bringt wiederum ihre beiden Kinder, Orest und Elektra, gegen sie auf. Dabei steht Orest vor dem moralischen Dilemma, den Mord am Vater rächen zu wollen, dafür aber die Mutter umbringen zu müssen. Angestachelt vom aufgebrachten Volk, das die ihm verhasste Herrscherin loswerden möchte, entschließt er sich zur Tat, wird dafür aber zur Strafe von den Erinnyen, den von seiner Mutter geschickten Rachegeistern, verfolgt.  Dieser – scheinbar gottgewollten – Spirale von »Tod folgt auf Tod« setzt schließlich die Göttin Athene ein Ende, indem sie eine weltliche Ordnung einsetzt und die Menschen in die Selbstverantwortung entlässt.

Als der Dichter Aischylos im Jahr 458 v. Chr., zwei Jahre vor seinem Tod, mit der Uraufführung seiner Trilogie, die den Weg aus der Blutrache hin zu einer vormodernen Rechtsprechung nachzeichnet, den Siegespreis bei den Dionysien in Athen gewann, konnte er nicht ahnen, dass die Halbwertzeit der attischen Demokratie nur von begrenzter Dauer war und Europa für mehr als 2000 Jahre wieder im Blutsumpf rach- und herrschsüchtiger Despoten versinken sollte. Vor diesem Hintergrund und der sich aktuell immer deutlicher abzeichnenden antidemokratischen Verwerfungen in der Welt, kann uns diese einzige erhaltene Tragödien-Trilogie als mahnende Warnung gelten, unbeugsam für den Erhalt unserer Demokratie einzustehen.

Die Orestie ist die erste Regiearbeit des deutsch-polnischen Regisseurs Wojtek Klemm am Theater Augsburg. Er inszeniert regelmäßig in Polen, Deutschland, der Schweiz, Österreich und Israel. Seine letzten Arbeiten endstanden am Deutschen Theater Berlin (»Tigermilch«), an den Münchner Kammerspielen (»1968«) und am polnischen Theater in Toruc (König Ödipus).

Inszenierung Wojtek Klemm, Bühne & Kostüme Katrin Kersten, Musikkomposition Albrecht Ziepert, Choreografie Efrat Stempler, Dramaturgie Lutz Keßler

Orestes, Chor Sebastian Baumgart, Kassandra, Chor Linda Elsner, Wächter, Apollon, Chor Gerald Fiedler, Iphigenie, Chor, Chorführerin (2. Teil) Marlene Hoffmann, Amme, Athene, Chor Natalie Hünig, Bote, Chorführer (1. Teil), Chor Anatol Käbisch, Agamemnon, Chor Thomas Prazak, Klytaimnestra, Chor Katharina Rehn, Aigisth, Chor Patrick Rupar, Elektra, Chor Karoline Stegemann

Premiere : 29.9.2018 19:30 | martini-Park,  Weitere Termine 3.10.2018 18:00 | martini-Park, 6.10.2018 19:30 | martini-Park, 20.10.2018 19:30 | martini-Park, 16.11.2018 19:30 | martini-Park, 22.11.2018 19:30 | martini-Park, 8.12.2018 19:30 | martini-Park, 18.12.2018 19:30 | martini-Park, 2.1.2019 19:30 | martini-Park, 18.1.2019 19:30 | martini-Park,, 3.2.2019 18:00 | martini-Park

—| Pressemeldung Theater Augsburg |—

Gera, Theater und Philharmonie Thüringen, Oedipe von George Enescu, 13.04.2018

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Theater und Philharmonie

Theater und Philharmonie Thüringen / Oedipe - Kai Wefer (Theiresias) mit Sébastien Soulès (Oedipe) kniiend © Ronny Ristok

Theater und Philharmonie Thüringen / Oedipe – Kai Wefer (Theiresias) mit Sébastien Soulès (Oedipe) kniiend © Ronny Ristok

 OEDIPE von George Enescu

Theater&Philharmonie Thüringen bringt mit Oedipe die einzige Oper des genialen Rumänen George Enescu auf die Bühne. Atmosphärisch dicht und farbenprächtig erzählt Enescu einen großen Menschenmythos: die Geschichte des Ödipus von der Geburt bis zum Tod. Dieses 1936 in Paris uraufgeführte Meisterwerk geriet in den Schatten des II. Weltkriegs und wurde seither nur sehr selten aufgeführt, sodass ihm bis heute der verdiente Sprung ins Repertoire verwehrt blieb.

Premiere in Gera in der Regie von Generalintendant Kay Kuntze ist am 13. April um 19.30 Uhr im Großen Haus. Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Laurent Wagner. Für die Titelpartie wurde der Franzose Sébastien Soulès engagiert.

Die monumentale Komposition des Rumänen George Enescu (1881-1955) basiert auf den antiken Dramen Oedipus Tyrannos und Oedipus auf Kolonos von Sophokles, geht jedoch recht frei mit den Vorlagen um. So beginnt die Oper bereits bei Ödipus’ Geburt; eine besondere Bedeutung kommt auch dessen Begegnung mit der Sphinx zu. Oedipe gilt als das Meisterwerk Enescus. Die Oper, so der Komponist, muss „ihren Schwung behalten. Kein Pathos, keine Wiederholungen, kein unnötiges Geschwätz. Die Handlung muss sich schnell entwickeln.“ Quelle seines Kompositionsstils ist die Volksmusik seiner rumänischen Heimat. Dies manifestiert sich in einer ständig changierenden Melodie, Harmonie und Klangfarbe, die den Hörer von Anfang bis Ende einnimmt.

Theater und Philharmonie Thüringen / Oedipe - Sébastien Soulès (Oedipe) und Damen und Herren des Opernchors © Ronny Ristok

Theater und Philharmonie Thüringen / Oedipe – Sébastien Soulès (Oedipe) und Damen und Herren des Opernchors © Ronny Ristok

Ödipus ist der Enthüllungskrimi in der griechischen Mythologie: Ein Orakel verkündet, dass der Sohn des Lajos seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird. Die entsetzten Eltern lassen den Neugeborenen mit zusammengebundenen Füßen aussetzen. Er wird aber von einem Hirten gerettet und nach Korinth gebracht, wo er als Sohn des Königs aufwächst. Als Ödipus das Orakel von Delphi aufsucht, wird auch ihm das Schicksal geweissagt, den Vater zu töten und die Mutter zu ehelichen. Um dem zu entgehen, flieht er von seinen vermeintlichen Eltern aus Korinth und trifft dabei auf seinen leiblichen Vater Lajos, den er nach einem heftigen Streit im Kampf tötet. Er befreit Theben von der grausamen Sphinx und heiratet die Witwe des Lajos, seine Mutter, mit der er vier Kinder zeugt. Anzeichen verdichten sich, dass sich der einstige Orakelspruch erfüllt haben könnte. Unerbittlich forscht Ödipus nach der Wahrheit. Als er die Zusammenhänge begreift, sticht er sich die Augen aus. Mit seiner Tochter Antigone begibt er sich auf eine lange Wanderschaft…

Bühnenbild und Kostüme entwirft Duncan Hayler. Für die wissenschaftliche Beratung wurde der Archäologe Prof. Dr. Ulrich Sinn gewonnen. Es spielt das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera.

Oedipe George Enescu, Jokaste Béela Müller · Kreon Johannes Beck · Tiresias Kai Wefer · Hohepriester/ Phorbas/ Wächter Ulrich Burdack · Hirte Frank Ernst  · Laios Timo Rößner · Sphinx/ Merope Christel Loetzsch · Theseus Alejandro Lárraga Schleske · Antigone Miriam Zubieta · eine Thebanische Frau Pihla Terttunen (Mitglied des Thüringer Opernstudios)

Der Opern-, Kinder- und Jugendchor singt in der Einstudierung von Holger Krause. Es tanzt das Kinder- und Jugendballett von Theater&Philharmonie Thüringen.

OEDIPE von  George Enescu;  Premiere am 13. April 2018, weitere Vorstellungen: 21. April und 18. Mai 2018, jeweils 19.30 Uhr.


Sébastien Soulès wurde in Orléans (Frankreich) geboren und studierte Gesang am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris sowie an der Hochschule der Künste in Berlin bei Prof. Harald Stamm. Meisterkurse bei Walter Berry, Dietrich Fischer-Dieskau, Brigitte Fassbaender und Jose van Dam.

Zuletzt war er u. a. als Hidraot in Glucks Armide in Bern, als Der Mann von La Mancha (Don Quijote) in Biel, als Scarpia in Puccinis Tosca und als Golaud in Pélleas et Mélisande am neuen Opernhaus Linz, in der Titelpartie von Bergs Wozzeck am Theater Augsburg, als Kurwenal am Teatr Wielki Warschau sowie als Ruprecht in L´ange de Feu von Sergej Prokofiev in der Inszenierung von Silviu Purc?rete beim renommierten Opernfestival in Miskolc/Ungarn, Graf Homonay in Strauß ´ Der Zigeunerbaron bei den Festspielen Langenlois und in der UA Displace beim Festival Musiktheatertage Wien sehr erfolgreich.

Im Sommer 2016 war er als Orazio in der umjubelten Neuproduktion Amleto von Franco Faccio bei den Bregenzer Festspielen zu erleben (inkl. TV-Liveübertragung), wohin er 2017 als Zuniga in Carmen und als William Bankes in der UA To the lighthouse zurückkehrt. Weitere Pläne umfassen u.a. sein Debüt an der Oper Leipzig in Gounods Cinq-Mars sowie Kaspar in einer Neuproduktion Der Freischütz“ am Theater Baden.

2013/14 war er u. a.  in Schrekers Der Schatzgräber in Linz, als Figaro und Zuniga an der Volkoper Wien, als Escamillo an der Opera de Tours, als Mitterhofer in Elegie für junge Liebende von Henze in Wiesbaden, in der Uraufführung von Moby Dick in Warschau, sowie bei der Styriarte in Graz als Kaspar im Freischütz zu erleben.

In der Saison 2012/13 hatte Sébastien Soulès einen Residenzvertrag an der Volksoper Wien und debütierte in derselben Spielzeit als Fliegender Holländer in Hildesheim. Desweiteren sang er in der Uraufführung von Join bei den Wiener Festwochen. Außerdem gestaltete der Bariton die Rolle des Popolani (Barbe-Bleue, Offenbach) bei der Styriarte Graz unter Nikolaus Harnoncourt.

2011/2012 sang Soulès die Titelrolle in Friedrich Cerhas Baal in Wien und Konzerte mit einer Auswahl von Liedern aus Mahlers Des Knaben Wunderhorn mit dem Orchestra di Padova e del Veneto. In derselben Spielzeit debütierte der Bariton an der Volksoper Wien. Außerdem war er als Scarpia in Tosca in einer Produktion des Landestheaters Niederbayern und als Graf (Le Nozze di Figaro) beim Festival d’Antibes zu erleben.

2010/2011 hatte Sébastien Soulès großen Erfolg als Don Giovanni und als Marcello (La Bohème) am Opernhaus Halle, sowie als Albert in Massenets Werther am Theater Koblenz. Bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden sang er am Hessischen Staatstheater Wiesbaden den Humbert Humbert in der Uraufführung von Schedrins Lolita unter Marc Piollet in der Regie von Konstanze Lauterbach.

Sébastien Soulès ist Preisträger des Willi-Domgraf-Fassbaender-Wettbewerbs, München.

—| Pressemeldung Theater und Philharmonie Thüringen |—