Wien, Volksoper Wien, Der Zauberer von Oz – Lyman Frank Baum, IOCO Kritik, 05.02.2020

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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

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 Der Zauberer von Oz – Lyman Frank Baum

– Ein Klassiker in Wien – In der Volksoper, als Flash Mob, in Schulen –

von Marcus Haimerl

Das Kinderbuch Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum stammt aus dem Jahr 1900, internationalen Ruhm erlangte die Geschichte erst mit der Verfilmung aus dem Jahr 1939 mit der damals 16-jährigen Judy Garland. Der Film fügte einige entscheidende Details hinzu, die noch heute untrennbar mit der Geschichte des Zauberers von Oz in Verbindung gebracht werden. So wurden aus den silbernen Schuhen der Buchvorlage – dem damals brandneuen Technicolor-Verfahrens geschuldet- die berühmten roten Schuhe (ruby slippers). Aber auch die im Buch sehr kurz gehaltene Vorgeschichte in Kansas wurde im Film ausgebaut und die handelnden Personen finden sich in einer anderen Rolle auch im Land Oz wieder.

Der Zauberer von Oz – Lyman Frank Baum
youtube Trailer der Volksoper Wien
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Die Songs von Harold Arlen, darunter der wohl größte Hit des Films „Somewhere over the rainbow“ und die Hintergrundmusik von Herbert Stothart bildeten auch die Grundlage für die an der Volksoper Wien gespielte Fassung, welche von John Kane 1987 für die Royal Shakespeare Company adaptiert wurde und auch um die im Film gestrichene Jitterbug-Szene, an der immerhin drei Wochen gedreht wurde, ergänzt.

Die beinahe filmhafte Umsetzung des Musicals an der Volksoper Wien entspricht auch der Handlung des Films. Mitten in Kansas hat die junge Dorothy Gale Schwierigkeiten. Die gemeine Miss Gulch hat es auf Dorothys Hund abgesehen, da sie in diesem eine Bedrohung sieht. Dorothy läuft davon und trifft auf den Wahrsager Professor Marvel, der ihr weismacht, ihre Tante sei schwerkrank. Dorothy läuft nach Hause, aber es zieht ein Wirbelsturm auf, sie kann aber nicht mehr rechtzeitig Schutz im Erdkeller finden. Sie flüchtet ins Farmhaus, das vom Sturm in das zauberhafte Land Oz getragen wird, in Munchkin City auf der bösen Hexe des Ostens landet und diese zerquetscht. Von der Tyrannin befreit, wird sie von den Munchkins als Heldin gefeiert. Die böse Hexe des Westens erscheint und möchte die roten Schuhe ihrer Schwester, die sich plötzlich an den Füssen von Dorothy befinden. Die gute Hexe Glinda schickt Dorothy in die Smaragdstadt zum Zauberer von Oz, dieser könne ihr sagen, wie sie wieder nach Hause findet. Gemeinsam mit Toto macht sich Dorothy auf dem Goldziegelweg auf in die Smaragdstadt.

Volksoper Wien / Der Zauberer von Oz - hier : Daniel Jeroma als Toto, Peter Lesiak als Hunk / Vogelscheuche, Oliver Liebl als Hickory / Der Blechmann, Franziska Kemna als Dorothy © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Der Zauberer von Oz – hier : Daniel Jeroma als Toto, Peter Lesiak als Hunk / Vogelscheuche, Oliver Liebl als Hickory / Der Blechmann, Franziska Kemna als Dorothy © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Auf ihrem Weg schließt sie Freundschaft mit der Vogelscheuche, die sich einen Verstand und dem Blechmann, der sich ein Herz wünscht, sowie auf den Löwen, der nichts anderes als Mut will. Die vier Freunde überwinden die Hindernisse, die die Hexe des Westens ihnen in den Weg legt und sie gelangen in die Smaragdstadt. Als sie schließlich zum Zauberer vorgelassen werden, eröffnet ihnen dieser, die Wünsche zu erfüllen, wenn sie ihm den Besen der bösen Hexe des Westens bringen.

Auf ihrem Weg in den Westen erwarten die Freunde wieder Prüfungen, denn die Hexe schickt alle, die unter ihrem Kommando stehen aus, um Dorothy und ihre Gefährten aufzuhalten. Neben ihren fliegenden Affen und dem versklavten Volk der Winkies schickt die Hexe auch die Jitterbugs. Wird man von diesen Käfern gebissen, muss man bis zur Erschöpfung tanzen. Dorothy und Toto werden von den fliegenden Affen schließlich zum Schloss der Westhexe gebracht, doch gelingt es ihr nicht die roten Schuhe an sich zu reißen. Auch Vogelscheuche, Blechmann und Löwe haben es, mit Uniformen der Winkie-Armee verkleidet, geschafft ins Schloss zu gelangen. Als die Hexe die Vogelscheuche mit Feuer bedroht, übergießt Dorothy sie mit Wasser. Die Hexe schmilzt und ist tot. Zurück in der Smaragdstadt müssen die Freunde erkennen, dass der Zauberer nur ein normaler Mann ist und sein Zauber nur Illusion. Aber sie erfahren von ihm, dass sie das, was sie sich wünschen, bereits in sich tragen. Als äußeres Zeichen ihrer Attribute erhalten die Vogelscheuche ein Diplom für seine Klugheit, der Löwe einen Orden für seine Tapferkeit und der Blechmann einen Preis für seine Nächstenliebe. Glinda schließlich zeigt Dorothy, dass sie jederzeit aus eigener Kraft nach Hause zurückkehren kann. Schließlich ist es nirgends so schön wie zu Hause.

Volksoper Wien / Der Zauberer von Oz - hier : Peter Lesiak als Hunk/ Die Vogelscheuche, Juliette Khalil als Dorothy, Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Der Zauberer von Oz – hier : Peter Lesiak als Hunk/ Die Vogelscheuche, Juliette Khalil als Dorothy, Ensemble © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Regisseur Henry Masons filmische Umsetzung des Musicals wird vor allem im ersten Teil von großen Postkarten (Bühne und Kostüme: Jan Meier) dominiert. Nicht nur das Musical aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist nostalgisch, sondern auch die Postkarten sind ein Objekt der Nostalgie und stehen für das Spannungsfeld zwischen Fern- und Heimweh. Für Dorothys Wunsch nach dem Land hinter dem Regenbogen, ebenso wie den Wunsch nach Hause zurückzukehren. Dazu sagt Henry Mason: „Der Schlusssatz ‚Es ist nirgends so schön wie zu Hause‘ bedeutet vielleicht, dass Dorothys Zuhause das vorher sehr grau ausgesehen hat, nun keine Grenze mehr hat, an der die Welt für sie aufhört. Es ist vielmehr ein Ort, an dem sie auftanken kann, um wieder wegzugehen. Dorothy lernt, wo ihre Wurzeln sind, und kann das, was sie vorher als Enge erlebt hat, nun als Liebe erfahren.“ Die erwähnten Postkarten dienen auf der Bühne als eindimensionale Kulisse, um die sich die Handlung farbenreich entwickelt.

Wolfram-Maria Märtig am Pult des Orchesters der Wiener Volksoper sorgt mit viel Schwung für einen hervorragenden und mitreißenden Hollywood Sound.

Mit Juliette Khalil ist die Rolle der Dorothy Gale ideal besetzt und sie begeistert nicht nur gesanglich mit ihrem Hit „Somewhere over the rainbow“, sondern vielmehr auch mit der intensiven schauspielerischen Gestaltung. Erstklassig besetzt sind aber auch ihre drei Freunde. Als Vogelscheuche auf der Suche nach Verstand (und als Farmarbeiter Hunk) erlebt man Peter Lesiak, der vor allem durch seine Darstellung und seinen akrobatischen Körpereinsatz zu überzeugen weiß. Oliver Liebl berührt als einfühlsamer Blechmann (sowie als Farmarbeiter Zeke). Eine sensationelle Leistung erlebt man von Christian Graf, der all sein Können in die Rolle der bösen Hexe des Westens (und Almira Gulch) wirft. Aber anders als Margaret Hamilton in der Musicalverfilmung bringt Christian Graf ausreichend Humor in die Partie ein und verhilft der Hexe damit auch zu einigen Sympathiewerten des Publikums. Mit verlässlich guter Leistung in Gesang und Darstellung gestaltet Regula Rosin die Rolle der Glinda, der guten Hexe des Nordens und Dorothys Tante Em. Als Onkel Henry und Wächter in der Smaragdstadt überzeugt Wolfgang Gratschmaier, ebenso wie Boris Eder in der Partie des Professor Marvel und des Zauberer von Oz.

Der Zauberer von Oz – Lyman Frank Baum
youtube Trailer ein Schulprojekt der der Volksoper Wien
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Eine besondere Darbietung auch von Rafael Schuchter der der Puppe von Dorothys Hund, Toto, meist in der Hocke verweilend, Leben einhaucht. Besonderes Lob muss hier auch an den Kinderchor und den Jugendchor der Volksoper Wien gehen, die hier als kleines Volk der Munchkins ganz Großes leisten und dem Wiener Staatsballett, die hier einen wunderbaren Tanz zwischen Mohnblumen und Schneeflocken aufs Parkett legen und damit die Szene im Mohnblumenfeld optisch auf besondere Weise gestalten.

Obwohl die Premiere bereits am 6. Dezember 2014 stattfand, ist das Haus nach mehr als 60 Vorstellungen immer noch restlos ausverkauft. Mit diesem Musical verfügt die Volksoper über eine Erfolgsproduktion, die hoffentlich noch viele Jahre Jung und Alt erfreuen wird.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Volksoper Wien, Das Gespenst von Canterville – Marius Felix Lange, IOCO Kritik, 14.11.2019

November 14, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

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Das Gespenst von Canterville –  Marius Felix Lange

– Komödie über einen Gespenst, dem der Zeitgeist suspekt ist –

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung von der Familienoper Das Gespenst von Canterville von Marius Felix Lange gelang der Volksoper Wien erneut ein veritabler Erfolg mit dem Potenzial das Repertoire langfristig zu bereichern.

Das Gespenst von CantervilleMarius Felix Lange
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Vorlage des gelungenen Librettos von Michael Frowin ist die gleichnamige Erzählung und Gesellschaftssatire des irischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900), der bereits mit der Vertonung seines Dramas Salome durch Richard Strauss Operngeschichte schrieb.
Die Geschichte des Gespenstes Sir Simon von Canterville, der am modernen amerikanischen Zeitgeist scheitert und selbst Angst vor den neuen Bewohnern des Schlosses bekommt, wurde von Maris Felix Lange und Michael Frowin in die Gegenwart geholt.

Aus der Familie des amerikanischen Gesandten Hiram B. Otis rückt die Familie des Immobilien-Unternehmers Georg König in den Mittelpunkt der Handlung. Dieser kauft das Schloss Canterville und zieht mit seinen drei Kindern, der Tochter Virginia und den Brüdern Leon und Noel (ein gelungenes Wortspiel), im Anwesen ein. Mit von der Partie ist auch die Assistentin und neue Liebe Frauke-Beeke Hansen, sehr zum Leidwesen von Tochter Virginia, die den Tod der Mutter noch nicht verkraftet hat. Mit der Familie König hat weder das Gespenst Sir Simon noch Mrs. Cecilia Umnay, die Haushälterin des Schlosses, gerechnet.

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville - hier : Morten Frank Larsen als Sir Simon von Canterville © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville – hier : Morten Frank Larsen als Sir Simon von Canterville © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der 400 Jahre alte Blutfleck wird von Frauke-Beeke einfach mit einem Universalreiniger entfernt und der in der Nacht herumgeisternde Sir Simon wird von Georg König kurzerhand aufgefordert seine Ketten zu ölen und mit Zahnpasta seinen Mundgeruch zu beseitigen. Obwohl am nächsten der Tag der Blutfleck zurück ist, diesmal grün, ist Frauke-Beeke gut gelaunt. Der Kaufvertrag ist bestätigt, dem Umbau steht nichts im Wege und auch Mrs. Umnay und ihr Sohn David sollen nun aus dem Schloss geworfen werden. Virginia ist entsetzt, als sie dies hört und Sir Simon beschließt, die lästigen Bewohner schon tagsüber zu erschrecken, was einen hysterischen Anfall Frauke-Beekes nach sich zieht.

Sir Simon belauscht ein Gespräch zwischen Georg König und Virginia, der die Mutter fehlt. Auch möchte Virginia verhindern, dass die Umbaupläne durchgeführt werden. In Gedanken hört Virginia die Stimme ihrer Mutter, die sie in den Schlaf singt. Im Traum sieht sie, wie das Gespenst einst seine Frau getötet hat. Als sie erwacht, steht Sir Simon vor ihr und sie geraten in Streit über diese Untat. Doch schon erscheinen die beiden Brüder und misshandeln das Gespenst erneut. Sir Simon flieht über den Kamin zurück in sein Bild.

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville – hier : Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen, Regula Rosin als Mrs. Cecilia Umney, Paul Schweinester als David Umney © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Am nächsten Tag reist Georg König ab, nicht ohne sich vorher von Frauke-Beeke versprechen zu lassen, die Hotelpläne zu verwerfen. Doch kaum ist er weg, lässt sie die Bauarbeiter für die Vorbereitungen zum Abriss des Schlosses zur Tür herein. Entstehen soll ein Halloween-Event-Hotel mit echtem Schlossgespenst. Die Kinder, Mrs. Umnay und ihr Sohn David verschwören sich gegen Frauke-Beeke, packen sie in eine Umzugskiste und lassen sie abtransportieren. Sir Simon, der sich seit 400 Jahren nach Schlaf sehnt, vertraut sich Virginia an, die bereit ist ihm zu helfen, den Fluch zu brechen. Der zurückgekehrte Georg König erfährt vom erlösten Gespenst und der entsorgten Assistentin und möchte nur noch das Schloss rasch sanieren und verkaufen. Doch da erfährt er von Mrs. Umnay, dass der Kaufvertrag gegenstandslos ist, denn die Grafen von Canterville sind gar nicht ausgestorben…

Regisseur Philipp M. Krenn lässt die Handlung im Eingangs- und Wohnbereich des Schlosses (Bühnenbild Walter Schütze) spielen, welches über eine zentrale Wendeltreppe zur Ahnengalerie und den Schlafräumen verfügt. Mit kluger Personenführung und den erstklassigen Videos von Roman Hansi, welche die Zuseher schon zu Beginn auf eine spannende und rasante Reise durch einen Wald in Richtung Schloss mitnimmt und im Anschluss den Ahnen in den Gemälden Leben einhaucht, gelingt es Philipp M. Krenn, die Mischung aus Ironie und tiefen Emotionen hervorragend herauszuarbeiten. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die nicht nur dem jungen Publikum große Freude bereitet.

Morten Frank Larsen glänzt in der Partie des Sir Simon, dem Gespenst von Canterville und spukt mit seinem wohltönenden Bariton mit vollem Körpereinsatz. Aber auch in den ernsten Momenten der Oper vermag er in seinem Leid zutiefst zu berühren. Ideal besetzt ist die Rolle der empathischen Virginia mit der Wiener Sopranistin Anita Götz, die nicht nur mit der notwendigen jugendlichen Frische überzeugt, sondern vielmehr auch musikalisch zu begeistern vermag. Die beiden Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig als ihre Brüder Leon und Noel erfreuen mit ihrer unerschöpflichen Energie das Publikum ebenso wie mit der kleinen Rap-Einlage im zweiten Teil.

Das Gespenst zwischen Ironie und Innigkeit
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Mit der fordernden Partie der Mrs. Umnay brilliert Regula Rosin, langjähriges Ensemblemitglied der Volksoper, musikalisch auf höchstem Niveau und ist auch in ihrer Darstellung als steife britische Haushälterin unübertroffen. Eine hervorragende Leistung auch von Paul Schweinester als ihr wunderbar schüchterner Sohn David.
Brillant auch die vielseitige Sopranistin Rebecca Nelsen als zickig-böse Assistentin Frauke-Beeke Hansen, die hier nicht nur ihre darstellerischen Qualitäten, sondern erneut ihr großes Talent für zeitgenössische Werke aufs Neue beweist. Als Einspringer zeigt Reinhard Mayr, dass er die Rolle des Georg Königs seit der Uraufführung 2013 immer noch mit Leichtigkeit bewältigen und das Publikum begeistern kann.

Großartig auch der Chor der Volksoper Wien (Choreinstudierung Thomas Böttcher), der in dieser Inszenierung über eine Vielzahl von gruseligen Charakteren verfügt. Ein Idealfall auch Dirigent Gerrit Prießnitz am Pult des Orchesters der Volksoper Wien. Mit unglaublicher Dynamik lässt Gerrit Prießnitz die Partitur von Marius Felix Lange zwischen kammermusikalischen Momenten, Filmmusik und Moderne, akustisch in den intensivsten Farben erstrahlen.

Mit wohlverdientem Jubel bedachte das Publikum eine Produktion die, wie die Bezeichnung „Familienoper“ schon ausdrückt, Jung und Alt gleichermaßen begeisterte.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Volksoper Wien, Cabaret – Inspirationen bei Revue und Ragtime, IOCO Kritik, 27.09.2019

September 27, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht © IOCO

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 Cabaret  –  Inspirationen bei Ragtime und Revue

– in Fräulein Schneiders Berliner Pension kulminieren Träume –

von Marcus Haimerl

Grundlage für das im November 1966 in New York uraufgeführte Musical Cabaret von John Kander und Fred Ebb bildet das Theaterstück I am a camera (verfilmt 1955 mit Julie Harris und Laurence Harvey) nach den beiden autobiographischen Romanen Mr. Norris steigt um (Mr. Norris changes trains, 1935) und Leb wohl, Berlin (Goodbye to Berlin, 1939). Die New Yorker Uraufführung sangen Jill Haworth (Sally), Bert Convy (Cliff), Lotte Lenya (Fräulein Schneider) und Joel Grey als Conférencier, jener Rolle, die er auch in der Verfilmung mit Liza Minelli 1972 übernommen hat.

Cabaret – Musical an der Volksoper Wien
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Die Handlung spielt zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin. Der junge amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw reist nach Berlin, um einen Roman zu schreiben und landet in der Pension einer älteren Dame, Fräulein Schneider. Über seine Bekanntschaft mit Ernst Ludwig lernt er auch den Kit-Kat-Club samt seinem Star, der englischen Sängerin Sally Bowles, kennen. Nach ihrer Entlassung aus dem Club sucht sie Zuflucht in Cliffs Zimmer in Fräulein Schneiders Pension. Die beiden werden ein Paar. Aber auch Fräulein Schneider begegnet das Glück: Herr Schultz, ein weiterer Bewohner der Pension, kann ihr Herz erfolgreich erobern. Als sich auf der Verlobungsfeier jedoch herausstellt, dass Ernst Ludwig Nationalsozialist und Herr Schultz Jude ist, auf dessen Obstgeschäft ein antisemitischer Anschlag verübt wird, erkennt Fräulein Schneider die Konsequenzen einer solchen Ehe und löst die Verlobung. Herr Schultz verlässt die Pension und auch Cliff möchte Deutschland verlassen, aber Sally träumt weiter von einer Karriere in Berlin. Als sie aber das gemeinsame Kind abtreiben lässt, hält Cliff nichts mehr. Nach einem letzten Zusammentreffen in der Pension flieht Sally in den Kit-Kat-Club, Cliff verlässt Berlin.

Erstmalig nahm sich die Volksoper Wien nun dieses Musicals an und konnte damit erwartungsgemäß dem Repertoire einen neuen Erfolg hinzufügen. Regisseur Gil Mehmert schuf in seiner Regiearbeit einen Tanz auf dem Vulkan im schillernden Berlin der ´“Roaring Twenties“ mit seinem berühmt-berüchtigten Nachtleben auf der einen und dem bürgerlichen Leben auf der anderen Seite, am Vorabend der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dazu schuf Heike Meixner ein Bühnenbild auf einer Drehbühne, das wie zwei Seiten einer Medaille funktioniert: Hier die biedere Pension Frau Schneiders mit dem biederen Leben der Kleinbürger auf zwei Wohnebenen, dort der Kit-Kat-Club mit einem überdimensionalen, schrägen Klavier als Bühne mit schrägen,  schillernden, kaum noch Geschlechterrollen beachtenden Gestalten.

Als zentrale Figur geistert der Conférencier durch die gesamte Handlung. Neben seiner Aufgabe im Kit-Kat-Club, wo er mit übergroßen Händen Sänger dirigiert oder am Klavier begleitet, agiert er auch in kleinsten Rollen und ist somit auf der Bühne beinahe allgegenwärtig.

Volksoper Wien / Cabaret - hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Cabaret – hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Da man Joel Grey, den überaus charismatischen Conférencier der Verfilmung, nur schwer vergessen kann, setzte Regisseur Gil Mehmert mit einem weiblichen, fast schon androgynen Conférencier, Ruth Brauer-Kvam, einen Kontrapunkt. Aber auch sonst war Mehmert durchaus einfallsreich: Bei dem Song „Two Ladies“ wird die besungene Dreierbeziehung politisch umfunktioniert. Der Conférencier wird kurzerhand zum neuen deutschen „Führer“ und bekommt zwei Figuren, die Mussolini und Stalin darstellen, zur Seite gestellt. Für den Song „Money“ ließ sich Kostümbildner Falk Bauer von einer Figur aus George GroszStützen der Gesellschaft“ (1926) inspirieren: Einem Bankier mit goldenem Gehirn und vergoldeten Gedärmen, die aus seinem Bauch – einem Tresor – entnommen werden. Ein besonders intensives Bild gelingt, als nach der ersten Darbietung des Liedes „Der morgige Tag ist mein“ der immer dem Publikum den Rücken zuwendende Conférencier sich umdreht und ein Totenkopfgesicht enthüllt.

Cabaret – Zwei Traumrollen auf der Bühne
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Neben der gelungenen Regiearbeit kann man auch von einem Erfolg der Künstler sprechen. Der gebürtigen Münchnerin Bettina Mönch gelingt es zweifelsfrei, in ihrer Partie der Sally Bowles aus dem Schatten von Liza Minelli herauszutreten und mit ihrer Darstellung nicht nur zu überzeugen, sondern auch mit ihrer enormen Stimmgewalt der Partie eine neue Intensität zu verleihen.  Als Conférencier setzt Ruth Brauer-Kvam neue Maßstäbe in der Interpretation dieser Figur und bleibt auch vokal mitreißend bei all ihren Songs. Fantastisch auch Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider, sie berührt in ihrer Melancholie zutiefst. Neben diesen Damen haben es die Herren des Abends nicht ganz so leicht: Jörn-Felix Alt gibt sein Volksopern-Debüt in der Partie des sympathischen Schriftstellers Clifford Bradshaw. Auch Volksoper-Hausherr Robert Mayer tritt in Cabaret auf, als Herr Schultz. Peter Lesiak als Ernst Ludwig überzeugen in ihren Partien, müssen sich aber rollenbedingt dennoch anstrengen, um mit den Damen mithalten zu können.

Am Pult des hervorragenden Orchesters der Volksoper gestaltet Lorenz C. Aichner die Hits dieses Musicals zwischen Ragtime, Jazz und Revue.

Keine Überraschung, dass am Ende dieses Abends zwischen Freude und Beklemmung fast nicht endenwollender Jubel des Publikums stand. Eine präzise Punktlandung bereichert das Repertoire der Wiener Volksoper.

 

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Wien, Volksoper, Volksopernfest mit Hommage an Dagmar Koller, 08.07.2019

Juli 6, 2019 by  
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 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

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1.9.2019 – Volksopernfest – Mit  Hommage an Dagmar Koller

Ballettelevin – So begann Dagmar Koller an der Volksoper

Mit einem Eröffnungsfest für die ganze Familie startet die Volksoper Wien am 1. September 2019 in die Spielzeit 2019/20. Vor der Volksoper erwartet die Besucher ein vielfältiges Programm. Besondere Highlights sind die begehrten Backstage-Führungen und das Meet & Greet mit Pinocchio und Peter Pan und Tinkerbell. Um 19:00 Uhr feiern wir mit der Hommage an Dagmar Koller auf der Bühne der Volksoper den 80. Geburtstag unseres Ehrenmitgliedes.

Ab 14:00 Uhr verwandelt sich der Platz vor der Volksoper in eine Open Air Bühne. Bei freiem Eintritt erwartet die Besucher ein abwechslungsreiches Programm: die Kantinenbrass, die Schrammelmusik und das Salonorchester spielen auf, der Chor singt Repertoirehighlights, wer möchte kann sein Musikwissen bei einem Quiz testen und Musicalhits lauschen. Die Jüngsten können in einem eigenen Kinderzelt nach Lust und Laune malen und basteln oder sich beim Kinderschminken verschönern lassen.

Peter Pan, der Junge der nie erwachsen wurde  –  James Matthew Barrie
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Für viel Aufregung wird der Besuch von Pinocchio, Peter Pan und Tinkerbell sorgen, die persönlich zu dem Fest kommen und mit den Kindern plaudern werden. Von 14:00-17:00 bieten unsere Backstage-Führungen Theaterinteressierten magische Einblicke in die Welt der Bühne.

 Volksoper Wien / Dagmar Koller © Volksoper Wien

Volksoper Wien / Dagmar Koller © Volksoper Wien

19:00-20:30 Uhr Hommage an Dagmar Koller

Begonnen hat Dagmar Koller an der Volksoper Wien als Ballettelevin; ab den 1970er Jahren spielte sich Dagmar Koller u. a. als Eliza in My Fair Lady, Aldonza in Der Mann von La Mancha, Kate und Dolly in die Herzen des Publikums. Wenige Tage nach ihrem 80. Geburtstag am 26. August gratuliert die Volksoper dem Ehrenmitglied mit einer Soiree, die von Christoph Wagner-Trenkwitz moderiert wird. Lisa Habermann, Juliette Khalil, Axel Herrig, Josef Luftensteiner, Robert Meyer und Jeffrey Treganza singen Ausschnitte aus Carousel, My Fair Lady und Der Mann von La Mancha, Lorenz C. Aichner leitet das Orchester der Volksoper Wien. Mit Videozuspielungen.

Ablauf des Volksopernfest

14:00–19:00 Uhr: Open Air Bühne vor der Volksoper
14:00 Uhr Salonorchester
15:00 Uhr Kantinenbrass
16:00 Uhr Musicalhighlights der Saison 2019/20
16:30 Uhr Musikquiz mit Magdalena Hoisbauer – Ensemblemitglieder bringen Kostproben aus Operette und Oper
17:15 Uhr Von „Zauberflöte“ bis „Fledermaus“,
18:00 Uhr Schrammelmusik

14:00–18:00 Uhr: Kreativprogramm der Jungen Volksoper
Jonglierworkshop, Buttons gestalten, Peter Pan Tattoo Station, uvm.
15:00–17:00 Uhr Kinderschminken
15:00 Uhr Triff Pinocchio
17:00 Uhr Triff Peter Pan und Tinker Bell

14:00–17:00 Uhr: Backstage-Führungen
Ausgabe der Führungskarten beim Infozelt vor der Volksoper
13:30 Uhr für Führungen von 14:00–15:30 Uhr
15:00 Uhr für Führungen von 15:45–17:00 Uhr

19:00 Uhr Hommage an Dagmar Koller

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