Die Oper in Zeiten der Seuche – ein lockerer Beitrag, IOCO Aktuell, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
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Alphonsine Plessis - Violetta und Kameliendame des realen Lebens - ruht in Montmarte © IOCO

Alphonsine Plessis – Violetta und Kameliendame des realen Lebens – ruht in Montmarte © IOCO

DIE OPER –  IN ZEITEN DER SEUCHE

Ein lockerer Beitrag  –  Albrecht Schneider

Wenn derzeit die Pandemie das äußere Leben weitgehend maßregelt, liegt es nahe, dass ein Musikfreund, an geschlossenen Theatern und Konzertsälen leidend und diese erzwungene Abstinenz anderweitig zu konterkarieren sich abstrampelnd, in der Opernhistorie danach zu blättern beginnt, inwieweit hier Krankheit, gar eine Seuche mitunter zum Sujet von Librettisten und Komponisten geworden sind. Bricht man mithin auf zu einer nicht unbedingt ausgedehnten Besuchsreise, die kreuz und quer hin zu den großen Bühnen Europas führt, lässt sich an deren Ende ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch resümieren, nirgendwo ist die Krankheit in der Pose der Primadonna aufgetreten. Doch eine Rolle hat sie wiederkehrend übernommen, weil sie zu der meisten Tonsetzer dramaturgischem Repertoire gehört und ihm, um einen Topos Richard Wagners wieder zu beleben, als ‚Mittel zum Zweck‘ zu dienen hat.

„Die Krankheit ist die Vergeltung der empörten Natur“ –  Theologe Hosea Ballou 1771-1852

Schaut man auf die Werke mit entsprechender Thematik, die unbeschadet ihres Alters oder relativen Jugend in der Gunst des Publikums verharren durften, also gleichsam stets Logenplätze innehatten oder ganz vorn auf den Orchestersesseln hockten, dann trifft der diagnostische Blick auf zwei Menschheitsleiden: die Tuberkulose und insbesondere den Wahnsinn. Sofern man willens ist und das metaphorische Bild der Rangfolge nicht ablehnt, demgemäß auch Opern hinten auf den Stehplätzen für erwähnenswert erachtet, begegnen einem zwei Stücke, in der eine wahre Seuche, die Pest nämlich, am Drama beteiligt ist. So geschehen in Jacques Fromental Halevys still in den Archiven schlummerndem Opus: Guido et Ginevra (oder: Die Pest in Florenz), worin ein mit der Pest infizierter Schleier der Heldin den Scheintod beschert, indessen in Igor Strawinskys quicklebendigem Ödipus Rex der Titelheld die in Theben ausgebrochene Pest durch Selbstaufopferung  austreiben will.

Als ein die Handlung motivierendes Element erlangt demnach die epidemische Seuche in der Operngeschichte so gut wie kein Gewicht, hingegen sind Tuberkulose und der Wahnsinn einem Librettisten geradezu unentbehrlich. Jene amtiert als eine Affektion der Lunge unter dem emphatischeren Namen Schwindsucht in der Literatur und gleichermaßen auf der Bühne, wo sie sich mit einem ihrer Symptome, nämlich dem Husten, zu erkennen gibt. Obschon nichts weiter denn ein kakophones Geräusch und für den Tonsetzer kaum verwertbar, kommt ihm der Misston durchaus gelegen, weil sich mit dessen Hilfe eine Bühnenfigur für alle hörbar stigmatisieren lässt: Dieser Mensch ist krank! Denkbar wäre ohne Frage, horribile dictu, die Syphilis, nur bleibt der eine ähnlich signifikante Äußerung verwehrt. Fernerhin ist die Schwindsucht ein von der Gesellschaft respektiertes und reputierliches Leiden, was freilich von der Lues nun ganz und gar nicht behauptet werden kann.

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Die berühmtesten Agentinnen der Husterei sind die Edelkurtisane Violetta Valery aus Giuseppe Verdis La Traviata mitsamt Giacomo Puccinis Midinette Mimi aus La Bohème. Deren pathologisches Symptom signalisiert akustisch dem versierteren Teil des Publikum ein tristes Ende der Heldin und folglich der ganzen Geschichte. Die dritte im Bunde entsprechend malader Damen heißt Antonia und stirbt in Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, indem sie sich selbst zuerst um die Luft und dann leider zu Tode singt. Hier darf mit Fug und Recht von einer operngerechte Fatalität die Rede sein, was wiederum von des genialen Komponisten Theaterinstinkt zeugt.

Augenscheinlich und vernehmbar rafft die Schwindsucht lediglich Soprane und Mezzosoprane dahin. Tenöre, Baritone und Bässe andererseits, ersichtlich das gesamte singende männliche Geschlecht, verschont sie offenkundig. Das zeugt unbedingt von einer zum Himmel schreienden infamen Bevorzugung durch wen auch immer. Zugleich mag die Krankheit eine Chiffre sein dafür, und das bezieht sich gemeinsam auf Sängerin wie Sänger, dass beide aufgrund ihrer Herkunft, Armut oder Tätigkeit kaum oder niemals den Abstand zu einer gesunden, tugendhaften und in geordneten Verhältnissen beheimateten braven Bourgeoisie überwinden werden.

Der Wahnsinn verfährt da auf erheblich gerechtere Weise. Für Opernliebhaber/Innen hat unbestritten Gaetanos Donizettis Lucia di Lammermoor sich gewissermaßen zur Mutter aller vom Wahnsinn heimgesuchten Weiber hochgedient, falls die heute despektierliche, vormals respektable Bezeichnung ausnahmsweise erlaubt sei, und bitte keinen weiblichen(!) Shitstorm provozieren möge. Zu ihrer Schwester im Wahn darf man die Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani insofern rechnen, als beiden der Liebesverlust die Sinne verwirrt mit den bekanntlich stark differierenden Folgen. Dergleichen Verhängnis ereilt fairerweise genauso die Männer, allerdings hauptsächlich in Opern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dazumal wurden die gleichen mythologischen Stoffe von genialen wie weniger genialen Musikern unzählige Male vertont. Weil sie heute kaum Zuschauer hinter den Monitoren der Notebooks und TV Geräte hervorzulocken imstande sind, vergilben sie größtenteils in den hintersten Regalen der Staatsbibliotheken. Allenfalls gelegentlich entsinnt sich ihrer ein Regisseur und setzt sie mal mehr, mal weniger einfallsreich in Szene. Auf CD können Interessierte einige vortrefflich musizierte und die Kunst jenes Zeitalters repräsentierende Werke kennenlernen.

Igor Starvinksky auf der Toteninsel von Venedig © IOCO

Igor Stravinksky auf der Toteninsel von Venedig © IOCO

In schummrigen Magazinen stößt man auf einige kraft des Liebesverlustes ebenfalls dem Wahnsinn verfallene Leidensgenossen oben genannter Frauen, als da sind der König Iarba aus Francesco Cavallis Didone und der Kollege König namens Atys aus Jean-Baptiste Lullys Atys. Manche auf dem Sachgebiet sehr beschlagene Leute vertreten die diskutierbare These, mit William Shakespeares umnachteter Ophelia sei die Ära der irren Frauen eingeläutet worden und die der irren Männer zu Ende gegangen. Das mag man so sehen, oder auch nicht. Hernach im 19. und 20. Jahrhundert behaupten sich neben den vorgenannten weiblichen Protagonisten der Verrücktheit durchaus die mit ihr geschlagenen Männer: Giuseppe Verdis Nabucco, salopp gesagt, schnappt über, da er wähnt, Gott zu sein, normalisiert sich aber wieder, und in Igor Strawinskys The Rake’s Progress ist Mister Tom zweitweise nicht minder wirr im Kopf.

Die Worte ‚Verrücktheit‘ und ‚Wahnsinn‘ klingen schrill, sie wecken alsbald die Vorstellung von wie wahnsinnig durch die Räume rasenden Figuren, die sich durch Verrücktheiten unterschiedlicher Qualität drastisch von der Umgebung abheben. Das Substantiv ‚Geisteskrankheit‘ stattdessen kommt weniger plakativ daher und impliziert ihre differierenden Erscheinungsformen und ebenso deren oft weniger spektakulären Wirkungen. ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Beachtet werden sollte dabei, dass Sinnesverwirrung auf der Bühne nicht aus einer klinischen Krankheit, einer sich einschleichenden pathologischen Veränderung des Cerebrums herrührt, vielmehr verschulden ein Schock, ein hysterischen Anfall oder eine von den Göttern verhängten Strafe das rätselhaft groteske Betragen. An dem sind bisweilen Furien beteiligt, die mittels einer plötzlichen Geistesumnachtung dem in ihren Augen kriminellen Sterblichen seine Untat heimzahlen wollen. Bei alledem sollte niemandem entgehen, wie der Wahn nach dem Stande blinzelt; kann doch in der Regel das Personal, vorwiegend das der Opera buffa, all die Doktoren, Ehefrauen, Bräute, Mündel, Soldaten, Bauersleute und Dienerschaft, abermals sehr salopp formuliert, sich keinen Dachschaden leisten. Womöglich wähnt eine hierfür verantwortliche höhere Instanz, voreingenommen und hochnäsig wie sie sich gibt, deren Hirnsubstanz sei für derlei nicht geeignet oder, noch denunzierender, sie seien eines gehörigen Wahnwitzes schlichtweg nicht wert.

Zur Warnung der Betroffenen sei darauf aufmerksam gemacht, wie die Melancholie vor Jahrhunderten als Agens, als Auslöser einer allerdings ‚heiligen‘ Gemütskrankheit eingeschätzt wurde

Nicht ausgespart bleiben sollen Szenarien, in denen der Wahnsinn, um den veralteten Begriff definitiv letztmalig zu benutzen, keineswegs in einem das Beziehungsgeflecht einer Oper befördernden oder lähmenden, zumindest seriösen Sinne, sondern er ganz im Gegenteil in einer eher ziemlich profanen, erheiternden Absicht gebraucht ­ missbraucht? ­ wird.

Als Modelle dafür herhalten können zum Beispiel Donizettis Farsa I Pazzi per Progetto, die von Vornherein im ‚Irrenhaus‘ angesiedelt ist, und desgleichen hat Strawinsky die letzte Szene des dritten Aktes seines The Rake’s Progress dorthin verlegt. Letztlich aber zählen Schwindsucht und Geisteskrankheit zu jenen Gestaltungsmitteln, derer sich Künstlern aller Provenienzen ohne jede Sorge vor Abmahnungen aus Advokatenzirkeln bedienen dürfen.

Nach dieser unvollständigen wie oberflächlichen Recherche, wie tiefgreifend und tonangebend zwei typische Leiden das Schicksal von Opernfiguren zu beeinflussen vermögen, muss am Ende der Blick noch auf ein Musikdrama gerichtet sein, in dem die Krankheit zwar keine Hauptrolle innehat, sie gleichwohl für das vom Komponisten so getaufte ‚Bühnenweihfestspiel‘ absolut konstitutiv ist. Unschwer zu erraten: Richard Wagners Parsifal ist gemeint.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Des Amfortas Krankheit ist weder eine Affektion der Atemorgane noch eine Geistesumnachtung, sie ist wesentlich delikaterer Natur. Bei seinem Antipoden, dem Zauberkönig Klingsor, lässt sich zumindest von einem Anfall von Sinnestrübung sprechen, will man sie für die von eigener Hand besorgte Dezimierung seiner Fortpflanzungsorgane haftbar machen. Der Fall des Gralskönig ist von anderem Aufbau. Im Kontext seiner intensiven Liebesbeziehung zu und seiner Liebesausübung mit der Dame Kundry geht des Grals Heiliger Speer verloren, und mit selbigem wird ihm eine unheilbare Verletzung zugefügt. Es soll sich um eine Seitenwunde handeln. Jedoch gehen die Spekulation dahin, dass der Meister von Bayreuth sie aus Gründen der Schicklichkeit nicht an die wahre Stelle platziert hat, nämlich den Intimbereich. Ganz kühne und abseitige Mutmaßungen laufen darauf hinaus, die schwärende Blessur sei nur Symbol für, anstandskonform umschrieben, eine Lustseuche. Indem jetzt neuerlich eine Seuche ins Spiel kommt, und zwar eine allenthalben verruchte, würde ein ganz heikles Motiv auf der Opernbühne Einzug halten. Dem ist aber zu unser aller Glück nicht so; die unsittliche Unterstellung entbehrt gewiss jeder Grundlage und findet nirgendwo Resonanz. Ohne Mühe hat man sie als ein von den fanatischsten Wagnergegnern in die Musikwelt gesetztes Gerücht, als Fakenews entlarvt.

Jedenfalls erfüllt des Gralkönigs Amfortas chronisches körperliches wie seelisches Leiden dramaturgische und musikalische Funktionen in Wagners ‚Weltabschiedswerk‘. Die Krankheit schlechthin als ein essentielles Element dürfte anderswo in Oper und Musikdrama so leicht nicht zu entdecken sein.

Die von der derzeitigen Krise provozierte Inspektion der Krankenakten von Bühnenhelden/Innen soll mit einem bedenkenswerten Satz ausklingen. Man mag ihn an dieser Stelle vielleicht für unpassend empfinden, allein das Zitat lässt sich nicht verhindern. Es schließt zwei Kategorien ein, ohne die, und das gilt insbesondere für die erstere, die Liebe, jedes Spiel auf dem Theater überhaupt nicht vorstellbar ist. Und die zweite, die Krankheit, hat immerhin eine Zeitlang hier das Thema bestimmt.

Das an irgendeine Wand gekritzelte Graffito lautet:
„Liebe ist eine Krankheit, die ins Bett gehört!“

—| IOCO Aktuell |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Operngala – Deutsche AIDS-Stiftung, 21.03.2020

Februar 10, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

11. Festliche Operngala    –  Deutsche AIDS-Stiftung

Rolando Villazón führt durch den Abend

Die Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung verbindet hochkarätigen Musikgenuss mit dem Engagement für die gute Sache: Am Samstag, 21. März 2020, um 19.00 Uhr findet sie im Opernhaus Düsseldorf statt – und das bereits zum elften Mal. Das Klassik-Event, das Generalintendant Christoph Meyer 2010 an der Deutschen Oper am Rhein etablierte, hat sich zu einer der wichtigsten Benefiz-Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen entwickelt und einen Gesamterlös von mehr als 1,5 Mio Euro erzielt. Mit ihm konnte die Deutsche AIDS-Stiftung vielen Menschen mit HIV und AIDS individuell und durch die Förderung von Projekten helfen.

Erneut haben sich in diesem Jahr elf international gefragte Opernstars bereit erklärt, zu Gunsten der Deutschen AIDS-Stiftung ohne Gage in Düsseldorf aufzutreten. Auch durch das Engagement der Besucher, Sponsoren, Kuratoren und Förderer der Festlichen Operngala steht am Ende ein Reinerlös, der wie in den vergangenen Jahren in Stiftungshilfen für Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen und Mosambik fließen kann.

Deutsche Oper am Rhein / Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung © Susanne Diesner

Deutsche Oper am Rhein / Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung © Susanne Diesner

Das vielseitige Programm aus Oper, Operette und Musical gestalten die Sängerinnen Joyce El-Khoury, Anita Hartig, Maria Mudryak, Tuuli Takala, Marina Viotti und Ramona Zaharia, die zum Ensemble der Deutschen Oper am Rhein gehört, zusammen mit den Solisten Matteo Lippi, Guido Loconsolo, Jonathan Tetelman, Freddie De Tommaso und Andrey Zhilikhovsky. Begleitet werden sie von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung des italienischen Dirigenten Roberto Rizzi Brignoli. Ein Opernstar führt auch durch das Programm des Abends: Rolando Villazón übernimmt erstmals die Moderation der Festlichen Operngala und begleitet das Publikum mit großer Kenntnis und Begeisterung durch die Welt der Musik. Oberbürgermeister Thomas Geisel übernimmt erneut die Schirmherrschaft der Operngala. Deren künstlerische Leitung liegt bei Alard von Rohr.

„Diese Operngala ist für uns sehr wichtig. Weil wir den Erlös dringend für unsere Hilfen brauchen. Aber genauso, weil wir HIV und Aids zu einem Thema machen können. Denn nur wer über HIV Bescheid weiß, kann sich schützen. Und Vorurteile überdenken“, sagt Kristel Degener, die Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung.

„Im Kalender der Deutschen Oper am Rhein nimmt die Festliche Operngala für die Deutsche AIDS-Stiftung nunmehr bereits im elften Jahr einen ganz besonderen Platz ein – als glanzvolles musikalisches Fest der Extraklasse in Verbindung mit gesellschaftlichem Engagement für ein immens wichtiges Anliegen“, sagt Christoph Meyer, der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein. „Mein herzlicher Dank geht an unsere Partner bei der Deutschen AIDS-Stiftung, das Kuratorium und die zahlreichen Förderer und Unterstützer, vor allem aber auch die wunderbaren Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt und aus unserem eigenen Ensemble, die an diesem Abend wieder für den guten Zweck auf ihre Gage verzichten.“

Eintrittskarten für die AIDS-Gala kosten zwischen 49 und 175 Euro, einschließlich eines Begrüßungsgetränks. Sie sind erhältlich im Opernshop Düsseldorf und an der Theaterkasse Duisburg, unter Telefon 0211.89 25 211 oder online über www.operamrhein.de.

VIP-Karten zum Preis von 500 Euro schließen das Galadinner mit Künstlern und Ehrengästen im Anschluss an das Konzert im Foyer des Opernhauses ein. Sie sind nur direkt über die Deutsche AIDS-Stiftung, Tel. + 49 228-60 469 0, oder per E-Mail an info@aids-stiftung.de zu bestellen.

Spenden nimmt die Deutsche AIDS-Stiftung über ihre Website https://aids-stiftung.de/spenden entgegen.


Die Künstlerinnen und Künstler der 11. Festlichen Operngala:


Roberto Rizzi Brignoli genoss seine Ausbildung am renommierten Mailänder Konservatorium, wo Riccardo Muti auf ihn aufmerksam wurde und ihm die Türen zur Scala di Milano öffnete. Dort startete der italienische Dirigent seine internationale Karriere. Jetzt dirigiert er zum ersten Mal in Düsseldorf.

Rolando Villazón ist ein Weltstar – und das nicht nur als Tenor. Als Regisseur war er gerade zum zweiten Mal an der Deutschen Oper am Rhein zu Gast, um Vincenzo Bellinis Oper „I Puritani“ zu inszenieren. Als Moderator versteht er wie wenige andere, die Welt der Musik zugänglich zu machen.

Joyce El-Khoury „ist eine Prima Donna“, schrieb das Harodds Magazine nach einem Auftritt der aus dem Libanon stammenden Sopranistin am Royal Opera House London. Und das Opéra Magazine meinte „seit der Callas nicht mehr eine solche Stimme“ gehört zu haben.

Anita Hartig ist an den wichtigsten Opernhäusern der Welt zu Hause. Mit einem „glasklaren Chablis Grand Cru Vaudesir“ hat Bachtrack ihre Stimme verglichen und auch die New Yorker Presse zeigte sich begeistert vom „seidenen Klang“ der rumänischen Sopranistin, die an der Wiener Staatsoper ebenso wie an der MET gefeiert wird.

Matteo Lippi: Als Verdis Alfredo („La traviata“) und Duca („Rigoletto“), Puccinis Rodolfo („La Bohème“) und Pinkerton („Madama Butterfly“) begeistert der Genueser Tenor derzeit auf den Bühnen von Venedig und Moskau, Dubai, Tokio und Glyndebourne.

Guido Loconsolo Vom Barock über Mozart bis in die italienische Romantik reicht das Repertoire des italienischen Bass-Baritons, der von der Scala di Milano aus seine internationale Karriere startete und sich in Tel Aviv als Basilio gerade auf die Premiere von Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ vorbereitet.

Maria Mudryak Mit ihrem lyrischen Timbre und überzeugender Bühnenpräsenz erobert sich die aus Kasachstan stammende Sopranistin derzeit die internationalen Bühnen. 2017 gewann sie bei Placido Domingos Operalia-Wettbewerb. Zu ihren Partien zählen Violetta („La traviata“), Gilda („Rigoletto“) und Mimì („La Bohème”).

Tuuli Takala: Mozarts Königin der Nacht ist eine Paraderolle der finnischen Koloratursopranistin. Die Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe ist Ensemblemitglied der Semperoper Dresden und singt als Gast u. a. an der Royal Opera London und in Glyndebourne.

Jonathan Tetelman: „The guy’s a total star“, schrieb die New York Times über den chilenischen, mit zahlreichen Preisen geehrten Tenor, der auf den nord- und südamerikanischen Bühnen ebenso zu Hause ist wie in Europa. An der Royal Opera in London kann man ihn derzeit als Rodolfo in Puccinis „La Bohème“ erleben.

Freddie De Tommaso gewann 2018 den 55. Tenor Viñas Contest in Barcelona. Sein Engagement im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper stellte die Weichen zu seiner internationalen Karriere, die ihn nun an die großen Bühnen in London, Amsterdam, Dresden, Wien und Berlin führt.

Marina Viotti Erfahrungen mit Jazz, Gospel und Heavy Metal gingen dem klassischen Gesangsstudium der Schweizer Mezzosopranistin voraus. Es folgten Gewinne mehrerer großer Wettbewerbe, sowie Engagements an die Bühnen von Mailand, Barcelona, München und Dresden.

Ramona Zaharia: Als Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein wurde die rumänische Mezzosopranistin zu Beginn der aktuellen Spielzeit für ein großes Debüt gefeiert: Ihre Dalila in Camille Saint-Saëns‘ „Samson et Dalila“ vereine „das ganze Spektrum von Wohllaut, Schmeichelei, Gurren bis zu kalter Rache“, hieß es in der Rheinischen Post. Als Carmen gastiert sie 2020 zum zweiten Mal an der Metropolitan Opera New York.

Andrey Zhilikhovsky Aus Moldawien stammend machte der Bariton seine ersten Bühnenerfahrungen in St. Petersburg und Moskau. Aktuell ist er in Prokofjews „Die Verlobung im Kloster“ in Berlin zu erleben sowie mit Puccinis Marcello und Schaunard („La Bohème“) an der Bayerischen Staatsoper und der MET in New York.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Odessa – Ukraine, Opernhaus Odessa, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 16.01.2020

Januar 16, 2020 by  
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Opernhaus Odessa
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Opernhaus Odessa

 La Traviata – Giuseppe Verdi

– Mythen verweben sich mit Fantasie- und Traumwelten –

von Adelina Yefimenko

Im berühmten Roman Schlafes Bruder von Robert Schneider sowie in der gelungenen Verfilmung von Joseph Vilsmaier ist der Bezug zu den Figuren aus der griechischen Mythologie beachtenswert – Hypnos, der Gott des Schlafes und sein Bruder Thanatos, der Gott des sanften Todes. Elias Alder lebt in einem Dorf im 19. Jahrhundert. Er entdeckt sein Hörwunder, vernimmt alle Klänge des Universums, versucht sie im Orgelspiel nachzuahmen. Im von der Doppelmoral geprägten ländlichen Dorfmilieu wird seine überragende musikalische Begabung als Normalitätsverstoß und böses Zeichen angesehen. Die Liebe zur Musik entwickelt sich für Elias zu einem mystischen Liebestod. Eros – der Gott der begehrlichen Liebe – führt ihn zur schmerzhaften transzendenten Erlösung in der Stille. 

Die Doppelfigur Thanatos-Hypnos ist ein beliebtes Motiv in der Bildhauerkunst. Die Inszenierung von Verdis La Traviata am Opernhaus Odessa interpretiert dieses Motiv als Symbol für die unerfüllte Liebe. Auch das andere Mythen-Paar spielt eine wichtige Rolle. Die Statue „Eros (Amor) und Psyche“ begleitet das Geschehen auf der Bühne wie eine schweigsame Zeugin. .

 Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Der junge, in Lemberg geborene ukrainische Regisseur Eugene Lavrenchuk (ein Absolvent des weltweit gefeierten Theaterregisseurs Roman Wiktjuk) inszeniert Verdis Oper neu und spannend und nicht nur als eine romantische Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod einer Kurtisane. Durch die soziale Zugehörigkeit zum Milieu der Halbwelt ist Violetta Valeri in der Pariser Welt der Adligen zum Scheitern verurteilt. Aber die neu, von Mythen angeregte Version Lavrenchuks offenbart spiegelbildlich zu Schlafes Bruder eine interessante Ergänzung zu Dumas d. J. und Verdis Heroinen.

Bevor das Preludio flimmernd aus dem Orchestergraben erklingt, fällt von oben eine riesige schwarze Stoffwolke herab, verdeckt alles auf der Bühne und schafft die Stimmung eines Bestattungsritus. Violetta nimmt bei diesem Vorgang eine Distanz zum Bühnengeschehen ein. Der Regisseur spielt mit dem „Aha!-Effekt“ und erzählt mit Bildern, Statuen und Video-Projektionen eine etwas andere Geschichte über die Frau, deren Würde, Liebe und musikalische Talente (vermutlich war sie früher eine Sängerin) sozial verkannt waren. Seine Violetta liebt die Musik und den Gesang, wie Elias seine Orgel liebte. Und beide verbindet ein mysteriöser Tod – Schlafes Bruder.

Das Spektakulum von Eugene Lavrenchuk (Regie) und Efim Ruakh (Bühnenbild) verursachte große Aufregung in der Presse, die die konzeptuellen und technischen Mängel der Inszenierung kritisierte. Einen Monat später wurde die Inszenierung neu konzipiert und überarbeitet.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Die Personenregie der Hauptdarsteller blieb aber unverändert. Eine „Violetta aus dem Jenseits“ darzustellen ist schauspielerisch nicht einfach. Die Rolle der Violetta übernahm in der Vorstellung am 27.12.2019 die zierliche, junge und noch wenig erfahrene Debütantin Natalia Stepanjak. Sie stellte Violetta in Gestalt eines Engels dar. Ist eine solche Violetta ein Regie-Novum oder die Folge der Personen-Regie? Im „Ah, fors´è lui che l’anima“ schlüpft die Sängerin in die Gestalt einer Träumerin. Am Ende ist sie mit der Rolle einer „Schlafes Braut“ absolut vertraut. Sie singt oder besser gesagt: singend träumt, schläft und stirbt sie auf der Bühne. Vielleicht war sie schon früher tot und ist als Engel auf die Erde zurückgekehrt? Jedenfalls befindet sie sich nicht im Hier und Jetzt des Geschehens von Verdis La Traviata. Das ist nur ihre Vergangenheit.

Die Idee ihres Todes, der nicht nur durch ihre Krankheit verursacht wurde, sondern auch durch ihre Mitmenschen, vor allem durch den Doppelmoralisten Germont (Olexiy Zhmudenko) beabsichtigte der Regisseur neu zu interpretieren. Die Protagonisten agierten aber traditionell. Trotzdem war deutlich, dass Lavrenchuks Violetta mehr in die Musik aus ihrer Vergangenheit als in Alfredo verliebt ist. Sie hört die Musik, deren erste Töne von einem alten Grammophon erklingen, bevor das Orchester überhaupt den Klang vorgibt. Die Effekte der fieldrecording mit Geräuschen, wie von einer alten Vinyl-Schallplatte, schufen eine Sehnsuchtsstimmung, die Violettas Untergang antizipierte. (Einen ähnlichen Effekt fügte Krzysztof Warlikowski in der Neuinszenierung von Salome ein). Eugene Lavrenchuk verwendete die Aufnahme des Orchesters des Opernhauses Odessa unter dem Chef-Dirigenten Vyacheslav Chernukho Volich und bearbeitete ihn mit dem Audacity-Programm.

In der Welt der neue La Traviata tragen alle Protagonisten weder historische noch moderne Kleider. Eher sehen sie aus wie Personagen aus dem Jenseits, wie Chimären und dabei sehr fantasievoll, stilisierend das Milieu eines Gespensterhauses. Die Kostüme sind geschmackvoll floristisch geschmückt, aus durchsichtigen Stoffen schön geschneidert und leuchten in den Farben der Bühnenbeleuchtung, – von Grau-Weiß und Blau-Grün bis zu Rosa (Kostüme – inklusive Mode-Design von Efim Ruakh und Eugene Lavrenchuk). Der Eindruck der hypnotischen, wie von Hypnos animierten Traumwelt Violettas wird damit verstärkt. Zum Beispiel, die Flora (Taisiya Shafranska) schwankt frei und schön singend wie ein blauer Geist mit einer riesigen Champagner Flache. Solch witzvolle Kontraste sind auch in der großen Ball-Szene zu sehen. Alles dreht sich im Tanz um den strahlend weißen Engel Namens Violetta – bunte Clowns, skurrile Männer-Stiere, sogar ein luxuriöser großer Kronleuchter mit Damenkleidern schwebt wie körperlose Geister in der Luft. Die Annina (Alina Drugak) gleicht auf der Bühne einer Salon-Dame, einer Rassehundebesitzerin. Zum Schluss laufen die Hunde schnell zusammen (das alles wurde auf die Leinwand projiziert) und lassen an eine viel stärkere Hundetreue als an die Treue der Menschen denken. Insofern entsteht ein Blick auf das bizarre Geschehen aus der Hypnos-Welt im Traum Violettas. Anschließend sucht die Sängerin in traurigen intimen Momenten eine Innigkeit, reflektiert ihren seelischen Schmerz sehr ehrlich. Ihr letztes Pianissimo in der Schlussszene lässt die Frage offen, ob sie wirklich aus der Welt der Brüder Hypnos und Thanatos zurück zur Alfredo-Welt kehren will? Alfredo wirkt dagegen wie ein schwacher, energie- und liebloser Held (Olexandr Prokopovych). Er bleibt auch stimmlich blass und monoton, was dem Regie-Konzept für die Distanz der Gefühle nicht hilfreich ist.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata - hier : Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata – hier : Violetta © Litvynenko Yuri

In Allgemeinem vermischen sich in diesem Regie-Konzept verschiedene Motive des romantischen Liebestodes, der gesellschaftlichen Satire und den neuen mythologischen Inspirationsquellen. Zum Beispiel wird in der Ball-Szene das Bild „Orgy“ vom polnischen Kunstmaler des Akademismus, Symbolismus und der Moderne, Wilhelm Kotarbicski, projiziert (sein Leben und Werk war eng mit Italien und Ukraine verbunden). Eine abwechslungsreiche theatralische Eklektik aus den verschiedenen Motiven von Literatur, Musik, Mythos, Malerei, Skulptur, Licht- und Video-Design imaginiert auf der Bühne eine spannende und mysteriöse Interaktion.

Die parallelen Kontexte, bzw. der Mythos „Amor und Psyche“ nimmt einen festen Platz in der Regie ein. Violetta ist eben nicht nur ein Engel, sondern auch mythische Psyche. Überraschenderweise ist die Verbindung des Bühnengeschehens mit der Geschichte des Odessa-Opernhauses sehr authentisch. Das Park Palais Royal im Innenhof des Opernhauses besitzt eine berühmte Skulptur „Amor und Psyche“ (eine Marmorkopie der antiken griechischen Statue von Bildhauer Boris Eduards, deren Original sich in den Kapitolinischen Museen befindet). Diese Statue nennt man auch „Der Kuss“, was die Sinnlichkeit von Skulpturen Auguste Rodins oder Bilder Gustav Klimt hervorhebt. Auf der Bühne aber macht die Statue der Psyche einen schmerzlichen Eindruck, halb verfallen und ohne Kopf.

Auf solche Weise korrespondieren die zwei Mythen mit La Traviata von Alexandre Dumas d. J. und von Giuseppe Verdi. Die damalige Kritik der beiden Autoren auf die adelige Doppelmoral im 19.Jahrhundert hatte eine starke Wirkung auf die Interpretationsgeschichte der Oper. Dies wird in der Regie mit einer Reihe von Video-Installationen unterstrichen. In der Mitte des 2.Aktes entstehen aussagenkräftige Zitate aus den Briefwechseln Verdis und Cesare de Sanctis oder Giulio Ricordi u.a. – „La traviata, ieri sera, fiasco. La colpa è mia o dei cantanti? Il tempo giudicherà” und später – „Sappiate addunque che la Traviata che si eseguisce ora al S.Benedetto e’ la stessa, stessissima, che si esegui l’anno passato alla Fenice! Allora fece fiasco: ora fa furore. Concludete voi!!”
Die Videos verwendet der Regisseur, um die Pause für den aufwendigen Bühnenbildwechsel im zweiten Akt zur Aktion umzuwandeln. Auf der großen Leinwand diskutiert das Regie-Team – Efim Ruakh, Victor Melezhko, Mykola Gorobets, Yulia Presnyakova, Tamara Forsyuk – über das Problem der aktuellen Pause. Das schafft den Reiz, einen Blick hinter die Kulissen der Produktion zu werfen, um den Ideen des Regie-Theaters genauer folgen zu können.

Zum Höhepunkt der Inszenierung wurde das Finale. Die engelshafte Violetta singt ihre letzte Abschiedsarie „Addio del passato“ in ihrer tiefen Traurigkeit. In Ihrem Abschied ertönt eine klare und auf das feinste Pianissimo reduzierte Stimme. Und man trauert mit Violetta zusammen, dass ihre „Addio…“ gekürzt wurde, so schön und geheimnisvoll blieb die Wirkung dieser Szene. Die zurückhaltende Abschiedsstimmung in der Orchesterführung entspricht mehr dieser Situation als eine stürmisch laute Dramatik. Aus dem Orchestergraben unter der jungen Dirigentin Margaryta Grynyvetska ertönte kein einziger zu derber Klang. Aber etwas mehr sensible Interpretation und Korrespondenz zur Regie wäre erwünscht. Es fehlten der weit gespannte Spannungsbogen und mehr Flexibilität der Tempi, besonders in der Kommunikation mit dem Chor. Übergreifend wurde aber musikalisch wie szenisch vielfach und korrekt die Form gewahrt.

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

Opernhaus Odessa Ukraine / La Traviata hier Violetta © Litvynenko Yuri

In einem Interview erwähnte der Regisseur den Wind als tragendes Symbol der Inszenierung und er hat diese Idee, die Geräusche mit der Musik in Balance zu halten trotz der technischen Schwierigkeiten realisiert. Spektakulär treibt der Gott des Windes die schwarzen dichten Wellen des Meeres aus Stoff über die Bühne. Ein Exkurs im Mythos „Amor und Psyche“ kann einiges in der Regie aufklären und die spannende Parallelen aufzeigen.

Als Erstes: der Gott des Windes Zephyr trug Psyche zu Amor auf die Bergspitze. Dort verbrachten die Verliebten viele glückliche Nächte zusammen, aber Amor blieb unerkannt. Die Eifersucht auf Psyches Glück trieb ihre Schwestern dazu, Amor als Ungeheuer auszugeben. Es gab schon einige Regie-Deutungen (z.B. von Dmitri Tscheniakow, Robert Karsen u.a.), in denen Alfredo in seinem Verhalten zu Violetta zum seelenlosen Ungeheuer wird. Wie sonst kann man diesen Mann wahrnehmen, wenn er seine Geliebte vor der ganzen Öffentlichkeit demütigt, worauf der Tod sie umso früher ereilt?

 Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Alphonsine Plessis, die Violetta Valery des realen Lebens in Paris © IOCO

Als Zweites: den todesgleichen Schlaf der Psyche, aus dem sie nicht mehr erwacht, verursachte Proserpina – die Göttin des Totenreiches. Von ihr bekam die Psyche ein versiegeltes Fläschchen mit Schönheitssalbe, das sie heimlich öffnete und ihre betäubenden Düfte einatmete. Das historische Vorbild für Alexandre Dumas‘ Roman- und Bühnengestalt Marguerite Gautier (La dame aux camélias) und Giuseppe Verdis Violetta Valery (Oper „La traviata“) war bekanntlich die französische Kurtisane Alphonsine Plessis, die wegen ihrer Lungenkrankheit keine Blumen-Düfte außer die von Kamelien vertragen konnte.

Als Schlafes Braut und „Schwägerin des Todes“ lässt Violetta alle Figuren aus ihrer Vergangenheit wie Gespenster aus dem Jenseits hinter sich. Sie hängen im schwarzen Nebel mysteriös in der Luft. Nur Alfredo ersteigt auf der Vorderbühne aus der schwarzen Welle. Die ganze Bühne versinkt nun langsam im völligen Dunkel. Während der ganzen Vorstellung lief im Hintergrund eine eindrucksvolle Folge von Videos, die eine eigene Dynamik im Sujet hatten: von romantischen Visionen der langsam fallenden Kamelienblätter und der Frühlingsblühte bis zum stürmisch starken Regen (die Vision der Tränen) oder dem Regen der Dollars (die Vision der Demütigung). Aber am Nachhaltigsten wirkte am Ende das Video mit dem abstrakten Verfall der Mauer (die Vision des totalen Untergangs von Violettas Existenz).

Am Ende bleibt Violetta einsam auf der Bühne zurück, im immer gleichen weißen Hemd mit übergroßen Schleier auf der Schulter. Ihre durchsichtigen Stoff-Flügel bringt der Wind zur Bewegung und diese engelhafte Erscheinung verschwindet in der Dunkelheit des Jenseits genauso rätselhaft, wie sie zuvor erschien. Ihr Geist wird vom Winde Zephirs in die Ewigkeit verweht. Traurig bleibt Schlafes Braut, die sich früh mit dem Tod verband, in der Erinnerung des Publikums.

So reizvoll trifft der Mythos auf eine der populärsten romantischen Geschichten aller Zeiten. Das Gesamtkunstwerk triumphiert in dieser La Traviata. Erstaunlich, wie viele neue Fantasie- und Traumwelten birgt in sich diese Oper und Regisseure immer wieder und immer neu inspiriert.

 Besprochene Vorstellung von 27.12.2019.  Die Premiere fand am 9.10.2019 

—| IOCO Kritik Opernhaus Odessa |—

Rostock, Volkstheater Rostock, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 26.10.2019

Oktober 25, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Volkstheater Rostock

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

La Traviata – Giuseppe Verdi

…  den Tod vor Augen inszeniert Violetta ihr Ableben …

von Thomas Kunzmann

La Traviata geht immer. Für einige Orchestermusiker und Chormitglieder ist es bereits die vierte Traviata am Volkstheater Rostock – alle 10 Jahre kann man mit einer Neuinszenierung rechnen. Das klingt nicht ungewöhnlich, zumal die Verdi-Oper mit Mozarts Zauberflöte, Puccinis La Bohéme und Bizets Carmen zu den meistgespielten Werken der Opernliteratur weltweit gehört. Dennoch: an einem Haus, an dem durchschnittlich nur zwei bis drei bis Opern-Neuproduktionen pro Saison herausgebracht werden, gäbe es sicher einige Alternativen, die deutlich länger nicht gespielt wurden. Die Saison 2019/20 eröffnet das Musiktheater in Rostock mit umwerfender Interpretation, beachtlichen Gesangsleistungen, mit einer stimmigen Orchesterleistung.

 Volkstheater Rostock / La Traviata - hier :  Julia Novikova als Violetta und Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Julia Novikova als Violetta und Ensemble © Dorit Gätjen

Vor 10 Jahren verblüffte eine kleine Szene, ein Regiegedanke: Als Giorgio Germont Violetta besucht, um sie zur Trennung von Alfredo zu bewegen, damit seine Tochter standesgemäß verheiratet werden kann, erscheint ebendiese Tochter im Hintergrund und verschwindet mit dem erstbesten Bauernlümmel im Gebüsch. Und plötzlich beschlich einen die nie gestellte ketzerische Frage, ob denn diese Tochter es überhaupt wert ist, die Liebe zwischen Violetta und Alfredo zu zerstören.

Regisseurin Magdalena Fuchsberger (IOCO berichtete 2018 über ihren Don Pasquale im Theater Neubrandenburg, Neustrelitz, link hier, der in der Casa di Riposo, dem von Giuseppe Verdi gegründeten Altersheim für Musiker und Sänger spielt) lotet im Volkstheater Rostock die Randbereiche des Textes und der Musik aus, interpretiert die Traviata auf eine eigene, moderne und trotzdem durch und durch glaubhafte Weise, ohne  darstellerische Übertreibungen. In den Augen von Fuchsberger ist Violetta Valéry nicht nur Opfer der Umstände und Projektion männlicher Begierden, sie nimmt ihr Schicksal bewusst in die Hand.

 Alphonsine Plessis, Paris, Violetta und Kameliendame des realen Lebens © IOCO

Alphonsine Plessis, Paris, Violetta und Kameliendame des realen Lebens © IOCO

Den unabwendbaren Tod vor Augen beginnt Violetta, ihr Ableben zu inszenieren. Bereits im ersten Aufzug sind die Möbel abgedeckt, alles deutet auf ihr Ende. Das Fest der illustren, aber auch völlig verkommenen, dekadenten Gesellschaft, die sich wie nach einem Drogenrausch blutig gekratzt hat, bringt ihr erstmals Alfredo nahe, der ihr in seiner Ergebenheit geeignet scheint, den großen Abgang zu begleiten. Dass er ihr nicht ebenbürtig ist, die Liebe nicht vollkommen und ehrlich, zeigt im zweiten Bild seine um Selbstbestätigung ringende Arie, die mit Anninas Information, Violetta wäre abgereist, um ihre Habseligkeiten zu verkaufen, konterkariert wird.

Volkstheater Rostock / La Traviata - hier :  Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Ensemble © Dorit Gätjen

Überhaupt wird im Volkstheater Rostock viel nach vorn gesungen, wenig miteinander. Nicht nur, weil es der Akustik des Hauses entgegenkommt, sondern als stilistisches Mittel, als Appell an das Publikum, und besonders als Selbstdarstellung und -beweihräucherung. Emotional eindringlich gerät die Szene zwischen Giorgio Germont und Violetta, in der sich per Alter Ego die drogensüchtige Kurtisane im Hintergrund räkelt – nie wird Violetta ihre Vergangenheit völlig abstreifen können, während seine Tochter demütig, den Vater in seiner Argumentation stützend, durch den Raum schreitet. Doch Violetta weiß, dass genau diese Differenzen zwischen Vater und dem ihr verfallenen Sohn den Zündstoff für einen Konflikt bei ihrer Rückkehr birgt. Und sie treibt es auf die Spitze, indem sie mit ihrem früheren Gönner Baron Duphol auf Floras Fest erscheint. Und wenn sich zwei Männer einer Kurtisane wegen duellieren, dann ist ihre gesellschaftliche Stellung bereits weit höher, als es ihrem Rang gebühren dürfte. Violetta singt im vierten Bild: „so sterb‘ ich, umgeben von allen meinen Lieben“ bleibt dabei aber allein am rechten Bühnenrand. Sie versucht sich mehr des schlechten Gewissens der Zurückgelassenen denn der Liebe zu versichern, während Alfredo, Germont und Annina lediglich in Lippenbekenntnissen links wie in einer Reihe Kirchenstühle sitzen. Ob inszeniert oder nicht, das Publikum wird sich immer auf ihre Seite schlagen – und damit hat sie jedenfalls ihr Ziel erreicht: die Unsterblichkeit in Literatur und Musik.

 Volkstheater Rostock / La Traviata - hier : Ensemble und Violetta © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Ensemble und Violetta © Dorit Gätjen

Das Volkstheater und Rostock bekommen mit dieser Traviata eine Oper aus einem Guss. Das zeitlose, aber einfühlsame Bühnenbild wird durch atmosphärische Hintergrundprojektionen (Aron Kitzig) ergänzt, eine überdimensionale Kamelie am Beginn über düsteres Schneegestöber auf dem Landsitz. Es rundet die Produktion unaufdringlich ab, da sie weder in das Geschehen eingreift noch fehlende Requisiten ersetzt, sondern lediglich Stimmungen verstärkt. Musikalisch orientiert sich Marcus Bosch in seinem ersten Rostocker Opern-Dirigat an der Regiekonzeption, verzichtet auf hochdramatisches Vibrato in den Streichern zugunsten einer detailreichen Durchsichtigkeit.

Der um die Singakademie verstärkte Chor bildet eine fragwürdige Gesellschaft ab, ein Pool an Individualisten, die in ihrer Selbstsucht die andernorts oftmals propagierte schicke High Society hinterfragen lassen. Sobczaks Baron Duphol ist darstellerisch das Sinnbild der Lebemänner ohne moralische Grenzen und gesanglich voll überzeugend. Takako Onodera als treue Seele Annina, nicht nur der Violetta, sondern auch des Volkstheaters als Dauergast, betört mit warmem Mezzo und großer Spielfreude, Katarzyna Wlodarczyk als Flora strahlt leuchtend, ohne sich als „ewige Zweite“ profilieren zu müssen. Auch Woongyi Lee als Alfredo passt sich hervorragend in das Ensemble ein, alle zusammen bilden eine stimmliche Einheit, die man selten an Bühnen dieser Größe hören kann.

Julia Novikovas Violetta könnte mitunter etwas mehr Bühnenpräsenz und Ausstrahlung haben, gerade bei dieser Sichtweise auf die Geschichte. Gesanglich war es ein Genuss, von kleineren nervösen Patzern abgesehen. Über allem steht und tönt allerdings der übermächtige Vater Giorgio Germont, Gihoon Kim, der mit traumhafter Leichtigkeit und unglaublicher Intensität die Rolle des schärfsten Gegenspielers verkörpert. Das Publikum sehnte regelrecht seine nächste Szene herbei und entsprechend fiel sein Applaus noch etwas kräftiger aus.

Ein überaus gelungener Abend, der mit einem lang anhaltenden, wirklich verdient tosendem Applaus und stehenden Ovationen abgerundet wurde. Die Folgevorstellungen sind ausverkauft – eine Traviata geht immer

La Traviata am Volkstheater Rostock; die weiteren Vorstellungen 26.10.; 3.11.; 22.11.; 25.12.2019

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

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