Frankfurt, Oper Frankfurt, Vincent Wolfsteiner, Tenor – im Gespräch, IOCO Aktuell, 11.02.2020

Tenor Vincent Wolfsteiner © Ludwig Olah

Tenor Vincent Wolfsteiner © Ludwig Olah

Vincent  Wolfsteiner – Tenor

Im Gespräch mit Adelina Yefimenko zu Hintergründen und Motiven der Opern Salome  – Tristan und Isolde, der Partien des  Herodes, des Tristan, über Produktionen an der Staatsoper Unter den Linden und der Oper Frankfurt

Vincent Wolfsteiner, Tenor; *1966 in München, seit 2015 Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt. Zuvor sang er an großen Häusern in Deutschland und den USA.

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HINTERGRÜNDE:  Das Markus- und Matthäusevangelium weisen darauf hin, dass Herodes Antipas zuerst mit einer Tochter des nabatäischen Königs Aretas IV. verheiratet war. Seine erste Gattin verstieß er, um seine Schwägerin und Nichte Herodias zu heiraten. Ein Krieg zwischen Herodes und Aretas war die Folge. Herodias verließ für diese neue Ehe ihren Mann Herodes Boethos (einen Halbbruder des Herodes Antipas). Dieser doppelte Ehebruch erregte großes Aufsehen und wurde öffentlich von Johannes dem Täufer als Blutschande kritisiert. Diese prophetische Kritik Johannes des Täufers traf alle Herrschenden am Hof des Herodes Antipas. Herodes ließ deshalb Johannes verhaften, einkerkern und auf Wunsch seiner Frau Herodias und deren Tochter Salome (aus erster Ehe) hinrichten. Nicht Herodes, sondern Herodias und Salome forderten den Tod des Propheten.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – Vincent Wolfsteiner ist Tristan
Hier die IOCO besprechung zur Premiere im Januar 2020

1891 schrieb Oskar Wilde in französischer Sprache das Einakter-Drama Salome. Aufgrund der Vorwürfe von Unmoral wurde Salome verboten. Die Inszenierung des Dramas wurde jedoch in Paris im Jahr 1896, als Wilde im Gefängnis saß, zu einem wichtigen Kulturereignis, das die Begeisterung des deutschen Komponisten Richard Strauss weckte. Strauss komponierte daraufhin die gleichnamige Oper.

Oskar Wilde sowie Richard Strauss betonen im Drama nicht nur Salomes Begehren nach Jochanaans-Kopf, sondern auch ihren Zwiespalt zwischen Liebe und Hass. Wo ist ihre Grenze zwischen Hass und Liebe? Nicht zufällig verkörpert die Partie des Herodes bei Strauss eine immens wichtige Rolle, die auch musikalisch sehr virtuos komponiert ist. Herodes sollte charismatisch und gleichfalls pervers klingen. Aus Trotz ihm gegenüber verliebt sich Salome in Jochanaan. Beide bilden für sie eine gegenseitige männliche und menschliche Existenz. Aber Salome ist ausnahmslos abhängig von beiden.

Salome erlebt ihre Begeisterung zu Jochanaan (seine Stimme, sein Leib – weiß, wie Elfenbein) im Gegensatz zu ihrem grausamen Hass auf Herodes. In der psychoanalytischen Beschreibung wird festgestellt, dass die bipolare Abhängigkeit Salomes von Herodes und Jochanaan einen tiefen Grund hat, denn ihre Mutter war an der Ermordung ihres Vaters beteiligt und heiratete dann seinen Bruder. Salome als Kind war Zeuge dieser schrecklichen Taten.

Tristan und Isolde – mit Vincent Wolfsteiner als Tristan
youtube Trailer Oper Frankfurt
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Was belastet Herodes, der sich auf dieses Verbrechen einlässt und den Befehl zum Töten des Propheten ausspricht? Warum ist er verzweifelt und gibt den Forderungen der zwei Frauen nach? Diese Fragen sowie die Fragen der Interpretation der Herodes-Rolle in der Inszenierung von Hans Neuenfels (Wiederaufnahme von 13.12. an der Staatsoper Unter den Linden) beantwortet Vincent Wolfsteiner, der als einer der besten Interpreten sowohl der Herodes –, als auch der Tristan- und Siegfried- Partien in der Opernwelt gilt.

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Das Gespräch von Vincent Wolfsteiner mit Adelina Yefimenko

Adelina Yefimenko (AY):  Wir wissen, dass Oskar Wilde mit der Geschichte der Herodes Dynastie sehr vertraut war. Das Bild des verbannten, lasziven, psychisch labilen Herrschers passte sehr gut zu Herodes Sohn – Herodes Antipas für Oskar Wildes Salome. Insofern belastete der Name Herodes des Großen, der zur Zeit der Geburt Jesu König in Israel war und sich mit dem fürchterlichen Verbrechen – dem Kindesmord von Betlehem – bekannt gemacht hat, alle seine Söhne. Die Vergangenheit des Vaters lastete offensichtlich auf Herodes Antipas Charakter. Als Tetrarch von Galiläa und Peräa war Herodes bekanntlich ein sehr machtloser Landesherr über das Gebiet, aus dem Jesus stammte. Herodes wurde nicht, wie sein Vater, mit der Königswürde ausgezeichnet. Auf Verlangen Herodias reiste Herodes nach Rom, um vom Kaiser Caligula die Königswürde zu erbeten, was letztendlich im Jahr 37 n. Christus scheiterte. Nur seine Verantwortung bei der Ermordung Johannes des Täufers hat seinen Namen in der Geschichte des Christentums als schmähliche Figur verewigt.

Oskar Wilde interpretierte in der Figur des Herodes das Problem des unrealisierten Machtstrebens. Herodes Antipas wurde in einem depressiven Licht gezeigt. Wie vertont Richard Strauss diesen Komplex des Herodes?

Salome an der Staatsoper Unter den Linden
HIER die IOCO Besprechung der Neuenfels – Produktion aus März 2018

Vincent Wolfsteiner (VW): Süsslich, laut vergeblich fordernd und wahnsinnig. Richard Strauss verleiht Herodes drei musikalische Grundstimmungen. Eine süsslich unangenehm geile – die er vor allem Salome gegenüber anwendet und die Herodes wahrscheinlich für verführerisch hält. Eine schwach fordernde … Herodes gibt zwar Befehle, aber die betreffen keine wichtigen Sachen und werden eigentlich nur von seinen Leibdienern befolgt (sicher nicht von Salome oder Herodias) und eine Wahnsinnsstimmung.

AY:  War Herodes Antipas in Wirklichkeit eine psychisch zerrissene Figur?

VW:  Wie er in Wirklichkeit war, kann ich nicht sagen. Die Römer befürchteten zu dieser Zeit den großen Volksaufstand in Judäa. Ich glaube nicht, dass sie einem Vasallen dort Macht (also die Königswürde) verliehen hätten. Natürlich muss das an seinem Selbstvertrauen genagt haben, aber wie er wirklich war kann ich nicht sagen.

In der Oper ist Herodes psychisch krank. Er hat einen massiven Minderwertigkeitskomplex, er hat psychotische Schuldgefühle für seine Morde, er hat eine starke pädophile Neigung, Paranoia und manische Anfälle. Er ist nicht psychisch zerrissen, er ist völlig krank.

AY:  Was ist für Sie das Wichtigste am Herodes-Charakter bei der Regie von Hans Neuenfels? Was ist das Entscheidende für Ihre Interpretation?

VW:  Die oben genannten Stimmungen scharf abzugrenzen. Neuenfels ist bei der Charakterisierung Herodes sehr nah an der Musik und den Worten geblieben und deswegen ist der Herodes so zu spielen wie er geschrieben wird. Das funktioniert natürlich nur, wenn die verschiedenen Krankheitszustände scharf abgegrenzt und sehr klar kommuniziert sind. Nur dann funktioniert das Bild dieses schrecklichen Mannes in dieser Inszenierung.

AY:  Ihr Herodes klingt und handelt anders als bei den Darstellern dieser Rolle, zum Beispiel bei John Daszak in Salzburg oder bei Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in München. Die Zweideutigkeit des Herodes wird verschärft, wenn seine Gestalt in eine andere Zeit transferiert wird – in die „bigotte Gesellschaft, die ihre wirkliche Existenz vertauschte und vertuschte“ –– so Hans Neuenfels. „Die bedrückende gesellschaftliche Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters hinter einer scheinheiligen bürgerlichen Fassade“ schafft die Illusion der Entstehungszeit des Werkes im viktorianischen England. Welche Bedeutung hat für Herodes die Figur des Oskar Wilde, die Neuenfels in dieser Handlung auf der Bühne bringt?

VW:  Für ihn ist sie interessanterweise der Tod. Da dieser aber mit Salome spielt (oder sie mit ihm) erscheint dieser ihm verführerisch – ja fast erotisch. Herodes beengt die Kontrolle, die Herodias und in gewisser Weise auch Salome über ihn hat mehr, als ein biederes Weltbild. Das ist der Vorteil seines Wahnsinns … spießig kennt er nicht.

AY:   Viele Inszenierungen von Hans Neuenfels spielen mit der Visualisierung von Begriffen wie Sexualität und Freiheit, Eros und Tanatos. Welcher Begriff ist für Sie wichtig, um Herodes auf der Bühne zu visualisieren?

VW: : Pädophilie, Wahnsinn, Manie.

Salome – mit Vincent Wolfsteiner als Herodes in 2019
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AY:   Die Inszenierung Salome stellt das Regie-Team an der Staatsoper Unter den Linden als Parabel dar: „Parabel kennt eigentlich keine Moral“. Heißt das, dass die Hauptdarsteller auch keine Moral in sich tragen müssen, besonders, wenn sie in die viktorianische Zeit versetzt werden? Herodes weigert sich, den Propheten zu töten, lässt ihn aber für Salome umbringen…

VW:   Da sowohl Wilde als auch Neuenfels (bei Strauss ist es fraglich) ein sehr kritisches Bild der Moral hatten und haben – ja eventuell Moralbegriffe im herkömmlichen Sinn für falsch halten, schuldet man als Darsteller dem Stück die Rechenschaft, möglichst wenig Moral zu zeigen. Herodes zögert davor, Jochanan zu töten nicht aus moralischen Gründen, sondern aus einer krankhaften Furcht vor göttlichem Zorn.

AY:   Auch die Figur des Jochanaan zeigt Richard Strauss doppeldeutig. Er vermittelt die christliche Moral, aber verflucht Salome. Die Inszenierung von Hans Neuenfells zeigt das diese Figur noch komplizierter: er begehrt Salome, was ihn bändigt. Sein Hass ihr gegenüber ist sehr fragil. Und sein symbolischer Platz auf der Bühne (statt in einer Zisterne ist er in einer metallischen Rakete im Form eines Phallus verkapselt) zeigt deutlich seine gefesselte Potenz. Betrifft dies auch Herodes?

VW:   Jochanan als biblische Figur ist immer als Vorreiter zu Jesus Christus zu sehen. Er sieht sich schon als vollkommenen Diener des zukünftigen Herrn, aber er hat seine Botschaft noch nicht ganz verstanden. Er steht zwischen der jüdischen Strafmoral und der christlichen Vergebungsbotschaft. Er hält seine Männlichkeit, seine Versuchung, seinen Hass für unaustilgliche Sünde und sieht sich gleichzeitig als Richter – auch über sich selber. Er widerspricht Jesus Christus in jeder Aussage, obwohl er ihn als Heiland erkannt hat. Jochanaans Potenz ist gefesselt durch Selbstdisziplin .. noch nicht durch die christliche Liebe. Auch dafür stirbt er als der erste Märthyrer. Der Tod ist seine christliche Erlösung.

Herodes ist das genaue Gegenteil: Impotent, unfähig zu richten, schwach, abhängig, moralisch verworfen und furchtsam. Und ich glaube, genau deswegen stirbt er nicht in diesem Stück. Seine Erlösung ist der Mord an Salome. Menschen töten ist seine einzige Potenz.

AY:   Wenn wir über die literarische und musikalische Quelle hinausblicken, enthüllen die historischen Vorlagen ein psychologisches Problem, die in der Vater-Sohn-Beziehung liegt. Welche Rolle spielt dieses Problem für ihre Interpretation des Herodes?

VW:  Ehrlich gesagt, nur eine sehr Schwache. Herodes macht auf mich den Eindruck eines unterdrückten, oder sogar misshandelten Sohnes. Seine Beziehung zu seiner Mutter ist angesichts seiner psychischen Störung wahrscheinlich interessanter. Vor allem, weil ich seinem Verhalten gegenüber Herodias in dieser Inszenierung etwas mütterliches entnehme. Was hier noch interessant ist: er versucht natürlich Salome gegenüber väterlich zu wirken. Da er dies allerdings nur aus den verwerflichsten Motiven heraus tut, darf für das Verhältnis zu seinem Vater das Schlimmste vermutet werden. Meine Interpretation sollte das zeigen.

AY:  Trotz der Tatsache, dass Wilde und nach ihm Strauss eine sehr freie Version der Geschichte des Evangeliums gestalteten, bleibt das Bild des Propheten als ersten Mensch, der den Messias kannte, und als strengen Asketen. Er toleriert nicht die Todessünde. Wie verstehen wir dieses? Wilde und ihm folgend Richard Strauss schaffen eine Gestalt des Todesengels, dessen Erscheinung Jochanaan offenbart: „Ich höre die Flügel des Todesengels im Palaste rauschen…!“ Herodes hört auch dieses Rauschen der Flügel, das er aber auf eine andere Weise wahrnimmt. Was bedeutet seine Phrase: „Ich sage euch, es weht ein Wind. – Und in der Luft höre ich etwas wie das Rauschen von mächtigen Flügeln… Hört ihr es nicht?“ oder weiter „Jetzt höre ich es nicht mehr. Aber ich habe es gehört, es war das Wehen des Windes. Es ist vorüber. Horch! Hört ihr es nicht? Das Rauschen von mächt’gen Flügeln…“ Weist diese Szene auf die Angst oder psychische Verwirrung Herodes hin?

VW:  Das ist beides. Es ist nur insofern interessant, als dass Jochanan die Erscheinung schon vorher erwähnt. Zusätzlich zur Angst und der psychischen Verwirrung kommt also noch der mystische Aspekt, ob Herodes der Todesengel nicht als göttliche Prophezeiung erscheint.

AY:   Strauss illustriert Herodes Worte mit Passagen aus Streichern und Flöten (con sordino), die einen gedämpften, pfeifenden Klang auslösen. Die Musik kann hier mehr als Dichtung sagen – der Klang birgt eine Vision von Jochanaan und gleichfalls eine Halluzination von Herodes. Die Erscheinung des Todesengels ist ein sehr starkes Symbol für beide Künstler, die nicht der Religion fremd waren, aber bei grundsätzlichen Existenzfragen sehr unterschiedliche Einstellungen hatten. Wie denken Sie? Deutet der Komponist in der Musik die Vorstellung Wildes über den Todesengel? Oder es ist eine eigene Strauss’sche Interpretation?

VW:   Strauss ist der große Wortmusikmahler. So wenig es ihm selber gegeben war, große Worte zu verfassen (wird im Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal fast peinlich deutlich) so war sein ganz großes Werk doch die Übersetzung und Weiterentwicklung von Worten in Musik. Die Antwort ist also: beides. Er greift die Wildesche Vorstellung auf, aber er spinnt sie weiter als etwas, das nur die Musik kann – die atmosphärische Assoziation.

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

AY:  Wie Hans Neuenfells treffend formulierte, „das Stück ist ein ununterbrochener Höhepunkt… und findet auf einer gnadenlosen Fläche statt, auf einem Operationstisch… Es fängt auf maximaler Höhe an, und dort endet es auch“. Das Ende mit dem Kopf des Jochanaan wird durch die Interpretationsgeschichte mit einem Klischee verbunden – das Bild von Salome mit Jochanaans Kopf auf der silbernen Schüssel. Was will Salome in dieser Inszenierung wirklich? Will sie mit den Lebenslügen brechen?

VW:   Das glaube ich nicht. Sie stelle ich ja nicht dar, aber ich glaube, Salome ist die Verkörperung des Egoismus. Sie kennt im Grunde gar keine Welt um sich, außer der, die sich für sie interessiert. Das macht sie natürlich gnadenlos. Sie will Jochanan ja nicht lieben. Sie will nur, dass er sich ihrem Willen unterwirft. Sie will nur sie selbst sein … allein.

AY:  Hans Neuenfels ist seit seinem skandalösem „Idomeneo“ mit seinem besonderen Bezug auf Köpfe bekannt. Diesmal antwortet er nicht, sondern stellt selber die Frage: ist es der Kopf eines einzelnen oder ist es der Kopf generell – um bei der Parabel zu bleiben: Was denken Sie darüber? Und warum dies Zahl – 42 Köpfe? Die Zahl 42 deutet übrigens die sakrale Numerologie als Zeichen des Schicksals. Bei den Japanern weist diese Zahl auf den Tod hin, im christlichen spirituellen Sinne steht die Nummer 42 für Fortschritt und Stabilität. Was bedeutet die Zahl für die Inszenierung?

VW:  Weiß ich nicht. Da dies eine Wiederaufnahme war, habe ich die Diskussion und ehrlich gesagt die Zahl gar nicht mitbekommen.

AY:   Ich glaube, in diesem Satz das idealtypische Beispiel von Herodes Psyche zusammengefasst: „Ah! Es ist kalt hier. Es weht ein eis’ger Wind und ich höre… Warum höre ich in der Luft dieses Rauschen von Flügeln? Ah! Es ist doch so, als ob ein ungeheurer, schwarzer Vogel über der Terrasse schwebte? Warum kann ich ihn nicht sehn, diesen Vogel? Dieses Rauschen ist schrecklich… Es ist ein schneidender Wind. Aber nein, er ist nicht kalt, er ist heiß. Gießt mir Wasser über die Hände, gebt mir Schnee zu essen, macht mir den Mantel los. Schnell, schnell, macht mir den Mantel los! Doch nein! Laßt ihn! Dieser Kranz drückt mich. Diese Rosen sind wie Feuer“. Diese Phrase hat viele Schlüsselworte: kalt, Wind, Luft, Rauschen, Flügel, schwarzen Vogel, schrecklich, und dann drehen plötzlich seine Halluzinationen in einer anderen Richtung – heiß, Wasser, Mantel, Kranz, Rosen, Feuer? Wie deuten Sie als Herodes diese Schlüsselworte? Sein Geheimnis ist nicht das Geheimnis von der „Liebe, die größer als das Geheimnis des Todes“ ist… Welches Geheimnis verbirgt Herodes in Ihrer Auslegung dieser Rolle?

VW:  Den Brudermord natürlich. Die Sünde des Mordes der heiligen Familienmitglieder. Herodes Geheimnis ist das Geheimnis des Todes.

AY:   Parallel zu Ihrem Herodes verkörpern Sie auf der Bühne auch den Tristan. Zuerst sangen Sie nach Andreas Schager in „Tristan und Isolde“ von Dmitri Tscherniakov an der Staatsoper Unter den Linden. Nur wenige Tenöre können diese zwei andersgearteten Rollen – Herodes und Tristan parallel interpretieren. Existiert für Sie in der Interpretationsgeschichte beider Opern jeweils ein Vorbild für Herodes und Tristan?

VW:  Nein. Nie. Ich versuche jede neue Rolle als weiße Leinwand zu sehen.

AY:  An der Oper Frankfurt ist zurzeit die neue Version von „Tristan und Isolde“ von Katharina Thoma zu erleben. Sie singen den Tristan. Was ist ganz neu in dieser Inszenierung?

VW:   In jeder neuen Inszenierung von Tristan und Isolde steht die Beantwortung der Frage im Mittelpunkt, ob Tristan und Isolde ein klassisches tragisches Liebespaar sind, oder es um ein modernes psychologisches Beziehungsdrama geht. Katharina Thoma verschränkt die beiden Aspekte stärker, als ich das bisher gesehen habe. Sie konzentriert sich je nach Abschnitt des Stückes mal stärker auf den psychologischen – mal stärker auf den traditionellen Liebesaspekt.

AY: : Welches Geheimnis offenbart für Sie dieser Tristan?

VW:   Will er nur sterben oder auch lieben?

AY:  Gute Frage! Katharina Thoma glaubt, er will sterben. Ihr Tristan ist beziehungsunfähig und wünscht sich seit frühester Kindheit den Tod. Am Ende singt Isolde ihren Liebestod ohne zu sterben. Ob sie eventuell ein neues Leben ohne Tristan findet, können wir nicht wissen. Tristan hat schon erreicht, was er wollte. Nämlich den Tod, so die Regisseurin. Das minimalistische Bühnenbild von Johannes Leiacker deutet dazu noch Vergleich mit dem Gemälde von Caspar David Friedrich, „Das Eismeer“ an. Was will und was singt Ihr Tristan dabei? Können Sie musikalisch auch so klar, wie bei Herodes musikalische Grundstimmungen, wichtige Intensionen Tristans differenzieren?

VW:   Die musikalischen Grundstimmungen sind bei Tristan nochmal erheblich vielfältiger als bei Herodes. Erstens, weil Tristan eine Entwicklung im Stück durchlebt, zweitens weil er musikalisch detaillierter porträtiert wird, was ja schon durch die Länge des Stücks bedingt ist. Da braucht es von den stimmlichen Farben so ziemlich die ganze Palette: beißender Spott, jämmerliches Selbstmitleid, passionierteste Leidenschaft, philosophischen Intellektualismus, drängende Überzeugungskraft, tiefstes Mitleid, entrückte Todessehnsucht, Kampfesstärke, schwerste Versehrtheit und Fieberwahn.

AY::   Für mich das Novum dieser Frankfurter Version Wagners Oper, die der Komponist selber als „fürchterlich“ bezeichnet, ist die Inszenierung des Essays von Nike Wagner „Der zweimal einsame Tod im Tristan“. Und für Sie?

VW:   Tristan stirbt liebend, weil Isolde gegenwärtig ist … mir kommt das nicht einsam vor.

—| IOCO Interview |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.01.2020

Januar 29, 2020 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 Tristan und Isolde – Richard Wagner

 Tristan – ein Abbild menschlicher Abgründe

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Entwurf vom Juli 1870 findet sich im sogenannten Braunen Buch von Richard Wagner ein Entwurf für eine Beethoven-Schrift, in der dieser schreibt: „Die Wirkung des Schönen ist erst die Bedingung für den Eintritt der wahren Wirkung des Kunstwerkes, nämlich der erhabenen. In der Musik wird die erste Wirkung sofort und durchgehend durch ihre Form erreicht, eben weil sie reine Form ist. – Führt es nicht zur erhabenen Wirkung, so ist überhaupt das Schöne nur Spielerei.“ (Für schöne Spielerei waren weder Beethoven noch Wagner zu haben.) Geschrieben hat Wagner diese Gedanken anlässlich des 100. Geburtstags des von ihm verehrten Komponistenkollegen, dessen „Musik in Begriffe umgesetzt“ Philosophie ergäbe, und zwar die von Schopenhauer. Nun wird dieses Jahr erneut ein Ludwig van Beethoven-Jubiläum, inzwischen der 250. Geburtstag, gefeiert und so erklingt Wagners Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – und eignet sich vielleicht gerade deshalb gut, die „erhabene Wirkung“ von Kunst zu überprüfen, geht es doch um das größte aller Themen: das risikobeladene Wagnis der Liebe. Apropos Beethoven: Gibt es vielleicht Fidelio als Abschluss des Gedenkjahres? Um Liebe – allerdings erfüllte – geht es auch bei ihm.

Tristan und Isolde – Oper Frankfurt
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Wagner nennt seine Oper im Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ und nicht „Drama“. Nicht das äußere Geschehen bestimmt die Handelnden, sondern ihre inneren Empfindungen. Doch aus der Selbstbeschäftigung und Seelenausleuchtung kann pathetische Überhöhung, statt Erhabenheit, werden – in diese Falle wollte Katharina Thoma, die Regisseurin, nicht tappen, stattdessen arbeitet sie mit größtmöglicher Reduktion. Die Kostüme von Irina Bartels sind dunkel, schwarz, nur die beiden Frauen – Isolde im kupfer-golden Jumpsuit, Brangäne im Kleid-Mantel-Ensemble und Hut in Petrol früherer Stewardessen gleich, als Fliegen noch etwas Besonderes und ja „Erhabenes“ war – erhalten farbige Kleidung und dunkles Rot der Tristan-Verräter Melot. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker lässt nur schwarz-weiß Kontraste, dagegen das Licht von Olaf Winter farbliche Gestaltung zu; eine – nicht nur farblich – ansprechende Szene, als Brangäne im zweiten Aufzug die Liebenden vor der Gefahr warnt: Wir hören sie, das Licht, grünlich wie ihre Kleidung, kündigt sie an, (von der Zinne kommt sie natürlich nicht mehr, sondern hinter dem schwarzen Rechteck hervor), doch erst nach einigen Takten wird sie zu sehen sein: Ihr „Habet acht“ kommt zu spät.

Im ersten Akt „schwebt“ Isolde auf einem schwarzen Rechteck herunter, in der ebenfalls schwarzen Barke neben ihr liegt Tristan. Später – wie um das Liebesglück zu unterstreichen – wird das Boot weiß sein und das aufgerichtete Rechteck in der Mitte stehen. Es teilt nicht nur die Bühne, sondern ist zugleich eine zeitliche Mauer: Zurück können die beiden Liebenden nicht mehr, und Melot, Tristans Freund, wird die beiden – trotz dieses Schutzwalls –  enttarnen.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Thomas Ansatz, das „Erhabene“ dieser aufwühlenden und letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe auf ein menschliches Maß zurückzuführen, gräbt den (menschlichen) Abgrund aller aber umso tiefer. Und der Wagnersche Text verlangt umso mehr nach umsetzbarer Darstellung. Tristan ist ein unbeholfener Mann, abweisend bis schroff, der die Liebe nicht sucht und Isoldes Wüten über seinen Verrat, erst ihren Verlobten getötet zu haben, um sie anschließend als Brautwerber zu König Marke zu führen, gar nicht begreift. Begreifen bedeutet ein grundsätzliches Problem für diesen Helden, doch nicht nur für ihn. Zu verstrickt ist er in seine eigene Lebensgeschichte, eine Todessehnsucht peinigt ihn, in den Tod will und wird ihm Isolde jedoch nicht folgen – trotz Liebestrank und anfänglichem Wunsch.

Das schwarze Rechteck, die Schiffsplanken, berühren den Boden nicht, es schwebt immer über ihm, wie auch das Verhältnis von Tristan und Isolde; nur langsam kommen sie sich näher, als der Liebestrank endlich wirkt und sie für das Publikum etwas verborgen, dem ersten Liebesüberschwang erleben. Brangäne hat die mitgeführten Zauber-Getränke vertauscht und etwas ist gekippt, das Rechteck ragt nun steil nach oben. Thoma beweist sicheres Feingespür für die kleinen Momente, es gelingt ihr die musikalische Zartheit in berührender Weise in Szene zu setzen: Ganz vorsichtig sind Hände oben auf dem Rechteck zu erkennen, tastend suchen sie nach der Hand des bzw. der Anderen – Tristan und Isolde haben sich gefunden, doch sie halten einander nicht, stattdessen werden sie zu Schiffbrüchigen, die sich verzweifelt an die Planken klammern.

 Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Das heimliche Liebesrauschen ist jedoch immer bedroht, die Aufdeckung nah, das inzwischen weiß gestrichene Boot – im dritten Aufzug ist es wieder schwarz –, Unschuld suggerierend, wird daran nichts ändern. Isolde hüpft im zart-rosa Jungmädchenkleid beglückt umher, Tristan hat währenddessen seine schwarze Lederjacke zugunsten einer Weste, weißem Hemd und Hose getauscht, seine ganze Haltung bedeutet mehr Selbstgewissheit – eine trügerische Heiterkeit strahlen sie aus. Vielleicht auch, weil sie uns heutigen Menschen darin gleichen, immer irgendwie aneinander vorbeireden bzw. singen. Was der eine anstrebt, wird die andere nicht fassen, die einzige Lösung wird und kann nur der Tod sein. Und Melot, der Vertraute Tristans, wird die vage Ahnung und zugleich reale Befürchtung Brangänes erfüllen, den Verrat aufdecken und sühnen.

Eine weitere fesselnde Szene ist mit dem Auftritt von König Marke verbunden. Als eine distinguierte Erscheinung in Mantel und Hut, tritt er an Tristan heran, dann sitzend, ihm gegenüber, um seine Enttäuschung Aug in Aug kundzutun, während dieser sich windet und alle anderen wie eingefroren verharren. Man hält den Atem an und spürt förmlich die Verletzung Markes, der sich selbst auf ein Wagnis mit der Ehe einließ, auch für ihn wird nichts mehr so sein wie zuvor –  alles ist ein einziger seelischer Scherbenhaufen, später kommt der echte hinzu.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

König Marke – so hat ihn die Regisseurin als Figur angelegt – ist der Gegenentwurf zu Tristan. Andreas Bauer Kanabas spielt ihn beeindruckend, einnehmend, gepaart mit einem eindringlichen und schönen Bass, „sein“ Marke wird zur überragenden Gestalt.

Vincent Wolfsteiner verkörpert den auf sich selbst zurückgeworfenen Tristan und steigert sich im Laufe des Abends immer mehr. Seine Verzweiflung ob der viel zu früh verlorenen Eltern – schwarz und mit Masken treten sie stumm und wie Gespenster im dritten Aufzug auf –, seine Unfähigkeit überhaupt Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, tritt hier anschaulich zutage. Das Rechteck liegt wie ein Trümmerhaufen unter ihm – wahrlich kein guter Ort zum Sterben, doch der äußere Ausdruck seiner Schwermut und Aussichtslosigkeit. Einzig die Musiker verbreiten etwas Trost, dafür hat Thoma zwei auf der Bühne auftreten lassen: Romain Curt, der gekleidet wie ein Klezmer-Musiker die traurige Weise anstimmt und Tristans Trümmerberg umkreist, und Matthias Kowalczyk nicht minder berührend die Holztrompete ertönen lässt.

Die beiden Baritone Christoph Pohl und Iain MacNeil überzeugen stimmlich wie darstellerisch. Pohl besitzt eine klare und deutliche Diktion, und ist als Tristans treuer Freund Kurwenal eine hervorragende Besetzung. Auch MacNeils forscher Melot hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Claudia Mahnke als Brangäne erntet (nicht zu Unrecht) zusammen mit Andreas Bauer Kanabas den größten Applaus; ihr zuvor schon erwähnter Wächterruf geht unter die Haut, ihre Bühnenpräsenz ist immer ein Ereignis. Rachel Nicholls als Isolde überzeugt vor allem darstellerisch: Wie sie einsam – der tote Tristan entschwindet mitsamt seinem schwarzen Trümmerberg in das Dunkel der Hinterbühne – auf der leeren und hell erleuchteten Bühne singt, zeitlos in weißer Hose und Pulli, könnte sie auch als Filmdiva durchgehen. Nur in den Tod folgt sie Tristan nicht.

Die kleineren Nebenrollen waren ebenso gut besetzt; dazu gehören Michael Porter mit seinem schönen Tenor (ein junger Seemann zu Beginn), ebenso Tianji Lin (als Hirte im dritten Aufzug) und Liviu Holender (ein Steuermann). Für den satten Klang des  Männerchors war zuverlässig Chordirektor Tilman Michael verantwortlich. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Musiker und Musikerinnen, die unter der Leitung von Lukas Rommelspacher für die Bühnenmusik zuständig waren. Es spielen Trompete: Friederike Huy, Michael Schmeißer und Peter Hársaniy (Gäste); Posaune: Christian Künkel und Andreas Weil (Gäste) sowie Rainer Hoffmann (Orchestermitglied); Horn: Pedro Rodriguez (Gast), Stef van Herten, Silke Schurack und Claude Tremuth (Orchestermitglieder) sowie Martin Walz (Gast).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester – selbstverständlich steht GMD Sebastian Weigle am Pult – erwies sich als kongenialer Begleiter der Szenerie; zurückgenommen, jedoch ohne Klangverlust, nie flach werdend, keinem aufgeladenen und überbordenden musikalischen Rauschzustand sich hingebend, der ohnehin nicht zu dieser zurückgenommenen Inszenierung gepasst hätte. Auch bei Wagner kann der simple Spruch „weniger ist mehr“ zur Wahrheit werden. Weigle holte alle Orchestermitglieder auf die Bühne – nicht nur an diesem Abend haben sie es verdient, oben zu stehen und aus dem Zuschauerraum mit großem Applaus belohnt zu werden. Ihrer Leistung ist es ebenfalls zu verdanken, dass es ein durchaus gelungener und interessanter Premierenabend wurde – auch wenn in anderer Hinsicht die Meinung des Publikums geteilt war.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt; die weiteren Termine 1.2.; 9.2.; 14.2.; 23.2.; 29.2.; 12.6.; 20.6.; 28.6.; 2.7.2020

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Premiere TRISTAN UND ISOLDE, 19.01.2020

Dezember 19, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Premiere
TRISTAN UND ISOLDE
Handlung in drei Aufzügen von Richard Wagner
Text vom Komponisten

nach dem Versroman Tristan (um 1210) von Gottfried von Straßburg
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Regie: Katharina Thoma
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Irina Bartels
Licht: Olaf Winter
Herrenchor: Tilman Michael
Dramaturgie: Mareike Wink
Tristan: Vincent Wolfsteiner
Isolde: Rachel Nicholls
König Marke: Andreas Bauer Kanabas / Falk Struckmann (Juni, Juli 2020)
Brangäne: Claudia Mahnke / Tanja Ariane Baumgartner (Juni, Juli 2020)
Kurwenal: Christoph Pohl / Simon Bailey (Juni, Juli 2020)
Melot: Iain MacNeil
Ein Hirte: Tianji Lin
Ein Steuermann: Liviu Holender

Stimme eines jungen Seemanns: Michael Porter / Michael Petruccelli (14., 23. Februar 2020)
Herrenchor der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Oper Frankfurt /  Nicholls Rachel © David Shoukry

Oper Frankfurt / Nicholls Rachel © David Shoukry

Tristan und Isolde gilt als einer der Höhepunkte im Schaffen von Richard Wagner (1813-1883) und als gewaltiger Schritt in die musikalische Moderne. Etwas wie der „Tristan-Akkord“, der erst am Ende während Isoldes „Liebestod“ seine harmonische Auflösung erfährt, schien bis dahin unmöglich. Der Komponist war sich der Schwierigkeiten bewusst, die eine Realisierung seiner anspruchsvollen Handlung in drei Akten mit sich bringen würde: „Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten“, so schrieb er an Mathilde Wesendonck. Die Uraufführung am 10. Juni 1865 am Münchner Nationaltheater auf Befehl von König Ludwig II. wurde gleichwohl begeistert aufgenommen. Die letzte Frankfurter Inszenierung des Tristan feierte 2003 in der Regie von Christof Nel Premiere.

Oper Frankfurt /  Vincent Wolfsteiner © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Vincent Wolfsteiner © Barbara Aumüller

Zum Inhalt: Obwohl Tristan den Verlobten Isoldes im Kampf getötet hat, pflegt die irische Prinzessin den verletzten Ritter gesund, unfähig, ihre Rache zu vollziehen. Später treffen beide auf dem Schiff, das Isolde ihrem neuen Gemahl, Cornwalls König Marke, zuführen soll, erneut aufeinander. Dort lädt Isolde den Brautwerber zum Sühnetrunk, doch ihre Dienerin Brangäne vertauscht den Todes- mit einem Liebestrank, so dass beide in tiefer Leidenschaft zueinander entbrennen. In Cornwall werden sie bei einem nächtlichen Treffen von König Marke ertappt, woraufhin Tristan von einem der Männer Markes schwer verwundet wird. In seiner Burg Kareol wartet der fiebernde Tristan auf die Geliebte und stirbt noch vor ihrer Ankunft. Isolde sinkt neben seiner Leiche zusammen.

Nachdem sie hier bereits 2016/17 Flotows Martha gemeinsam herausgebracht haben, finden Frankfurts GMD Sebastian Weigle und die Regisseurin Katharina Thoma, ehemals Regieassistentin am Haus, für die Neuproduktion von Tristan und Isolde erneut zusammen. Während er auf den renommierten Opernbühnen vor allem als ausgewiesener Spezialist für die Werke Strauss’ und Wagners gilt, führten sie ihre Arbeiten neben Barbers Vanessa in Stockholm und Frankfurt u.a. nach Glyndebourne. Die Engländerin Rachel Nicholls (Isolde) gibt ihr Frankfurt-Debüt, nachdem sie die Partie zuletzt in Rom und Turin mit großem Erfolg verkörpert hat. Vincent Wolfsteiner (Tristan) zählt seit 2014/15 zum Frankfurter Ensemble, wo er u.a. als Lohengrin sowie als Siegfried im Ring des Nibelungen und Erik in Der fliegende Holländer erfolgreich war. Andreas Bauer Kanabas (König Marke) stieß 2013/14 zum Sängerstamm Frankfurts, wo er u.a. als Daland (Fliegender Holländer) und Heinrich der Vogler (Lohengrin), aber auch als Philipp II. in Verdis Don Carlo zu erleben war. Die zuletzt genannte Partie verkörpert er gerade in der aktuellen Wiederaufnahme des Werks erneut. Claudia Mahnke (Brangäne), seit 2006/07 fest in Frankfurt engagiert, sang hier u.a. Fricka und Waltraute im Ring. Regelmäßig gastiert sie in Bayreuth. Seit 2005 ist Christoph Pohl (Kurwenal) Ensemblemitglied an der Dresdner Semperoper. Dort sang er neben Wolfram im Tannhäuser u.a. auch Danilo in Lehárs Die lustige Witwe, als der er 2018/19 auch erstmals in Frankfurt gastierte. Alle weiteren Partien – auch die Alternativbesetzungen – übernehmen Angehörige des Frankfurter Ensembles und Opernstudios sowie wenige Gäste.

Premiere: Sonntag, 19. Januar 2020, um 17.00 Uhr im Opernhaus

Weitere Vorstellungen: 25. Januar, 1., 9. (15.30 Uhr), 14., 23. (15.30 Uhr), 29. Februar,
12., 20., 28. (15.30 Uhr) Juni, 2. Juli 2020

Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 17.00 Uhr
Preise: € 15 bis 165 (12,5% Vorverkaufsgebühr nur im externen Vorverkauf)
Karten sind bei unseren üblichen Vorverkaufsstellen, online unter www.oper-frankfurt.de oder im telefonischen Vorverkauf 069 – 212 49 49 4 erhältlich.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 27.08.2018

August 28, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner

–  Die Ohn-Macht der Liebe –

Von Hans-Günter Melchior

In Katharina Wagners ereignisreicher, höchst eindrucksvoller, ja streckenweise grandioser Inszenierung von Tristan und Isolde hat die Liebe keine Chance. Sie muss sich in einem technisch durchorganisierten Raum gegen eine Welt von Machthabern und Technokraten behaupten. Der unglückliche Ausgang ist von vornherein absehbar.

Schon der erste Aufzug: Tristans Schiff, auf dem dieser Isolde zu deren ausersehenen Ehemann König Marke (René Pape) führen soll: ein in vieldeutiger Dreiecksform gestaltetes Konstrukt aus von irritierenden Verstrebungen zusammengehaltenen Treppen, die entweder steil nach unten stürzen oder aufwärts strebend im Nichts enden.

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde - hier : Tristans Schiff mit Brangäne, Tristan, Isolde, Kurwenal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde – hier : Tristans Schiff mit Brangäne, Tristan, Isolde, Kurwenal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Allsehender Gott  ins rücksichtslos Weltliche transponiert

Auch im zweiten Aufzug zeigt das symbolträchtig aufgezeichnete Dreieck die Richtung an: die Assoziation zum allsehenden Gott wird ins rücksichtslos Weltliche transponiert. Nicht etwa ein Gott waltet über der Liebe. Vielmehr die Staatsmacht, die das Liebesversteck zum Gefängnis denaturiert und von einer hoch im Bühnenraum rundlaufenden Galerie die Liebenden fest im Kamera-Blick behält, sich keine Bewegung entgehen lässt. Und dann brutal zugreift.

Auch hier wird das Technisch-Konstruktive als das Unentrinnbare zitiert, die politische Herrschaft hat es sich dienstbar gemacht: ringförmig verlaufende Röhren legen sich um Isolde (Petra Lang), sie ist eine Gefangene, Tristan (Stephen Gould) muss die Röhren auseinanderbiegen, um die Geliebte zu befreien. Kurwenal und Brangäne irren durch den weiten, nachtdunklen Raum, Gefahr aus allen Richtungen befürchtend. Allseitige Bedrohung von Anfang an – und kein Ausweg. Intimität und Alleinsein sind nichts als eine Illusion im technisch durchorganisierten Überwachungsstaat.
Und Dreiecke auch, ja insbesondere im dritten Aufzug. In ihnen vollziehen sich wie Zwangsvorstellungen die Schreckensvisionen und Fieberträume des tödlich verletzten Helden. In die Szenerie, die Tristan mit seinen Getreuen in die äußerste linke Ecke rückt und aus einem unendlichen Nachtschwarz wie eine pars-pro-toto-Darstellung (die zuweilen immer kleiner im riesigen Bühnenkosmos wird) herausgeschnitten ist, werden Dreiecke aus dem Schwarz herausdringend gleichsam eingezeichnet. In diesen projizieren Untergangsszenen die Verlustängste Tristans ins Bewusstsein der Zuschauer. Isolde ist in den geometrischen Konstruktionen gewissermaßen eingesperrt: bald sinkt sie wie geköpft in sich zusammen, bald löst sie sich geradezu auf und verschwindet.

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

So ergreifend verdeutlicht und eindrucksvoll hat man den pathologischen Zustand des dem Tod geweihten Tristans noch nicht gesehen. Flirrender Wahnsinn, irrlichternde Phantasien, ausweglose Trostlosigkeit. Die Dreiecke, das Delta, die Dreieinigkeit –, ein magisches Zeichen, das alle Aufzüge beherrscht. Ein ins Allegorische transponierter Verweis vom Besonderen ins Allgemeine – und umgekehrt wiederum zurück vom Allgemeinen auf das Besondere, Menschliche, das Einzelschicksal, das für das Ganze steht.
Ein Verweis nur, aber keine Zauberformel der Befreiung. Den letzten Schutz versagend. Vergeblich das „Habet-Acht“ Brangänes (begeisternd Christa Mayer) im zweiten Aufzug. Vergeblich auch Tristans (Stephen Gould, im ersten Aufzug kraftvoll, kerniger Tenor) Aufbegehren gegen den Tod. Hier verlässt die Inszenierung bewusst und zur ihrem Vorteil die zuweilen allzu künstlich-kunstvoll ins Literarische und Mythische gesteigerte Textvorlage und schlägt sich auf die Seite des Menschlichen-Allzumenschlichen. Und sie zeigt die Abgründe auf, das kreatürliche Elend zweier Menschen, nicht zweier Götter.

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

An Gründen zum Mitleiden mit zwei Menschen besteht kein Mangel:

Katharina Wagner macht aus dem Paar, das bei Wagner alllzu zauberisch Opfer einer Art von Gift, dem Liebestrank, also eines synthetisch vermittelten Rauschzustands ist, wahre, echt Liebende, die zum Mitfühlen und Mitgefühl auffordern. Demonstrativ gießen sie den sogenannten Liebestrank auf den Boden. Ein Bekenntnis zu einer Liebe, die keines Zaubertranks bedarf. Haben sie doch hierzu allen Anlass: Isolde hat Tristan von einer lebensgefährlichen Verwundung geheilt, die der von ihm getötete Morold, einst Isoldes Verlobter, ihm im Kampf zugefügt hatte. Ohne echte Liebe hätte es für diese Heilung an einem glaubwürdigen Motiv gefehlt.
– Im zweiten Aufzug schneiden sich die Liebenden aus Verzweiflung und der Ausweglosigkeit ihrer Situation bewusst die Pulsadern auf. Sie sind im Grunde bereits faktisch tot. Als gleichsam „Untote“ (eine mögliche Deutung?) und über ihre irdische Zeit hinaus untrennbar miteinander Verbundene agieren sie weiter und treiben ihrem Schicksal entgegen, indem sie ihre Geschichte einfach weitererzählen. Oder die Geschichte verselbständigt sich, erzählt sich von selbst zuende.

Das Aufregendste am Schluss: die Regie verweigert dem Paar die Vereinigung im Tod. Isolde darf nicht „entseelt“ über dem toten Geliebten zusammensinken. König Marke reißt vielmehr seine Gemahlin wie eine Sklavin, die er in seinen rechtmäßigen Besitz nimmt, von der Leiche des Geliebten weg und zieht sie brutal auf seine Seite, verlässt mit ihr die Bühne. Einem Teil des Publikums missfällt das offenbar. Dennoch ist es die logische Konsequenz einer höchst durchdachten, zuende gedachten Idee. Letztlich siegt die politische Macht über das Pathos, mit beherztem Zugriff macht Marke allen Gefühlen ein Ende und richtet die ins Wanken geratene alte Ordnung wieder ein.

Die glänzend führende Regie verlangt darstellerisch viel von den Protagonisten. Hingabe und Verzicht zugleich, Resignation und Begeisterung. Die sängerischen Anforderungen sind ohnehin enorm hoch.
Die Protagonisten sind den Anforderungen ausnahmslos gewachsen. Stephen Goulds kerniger Tenor überzeugt (im ersten Aufzug) ebenso wie der – dunkle und interessant etwas verschattete – Sopran der Petra Lang. Leider litt Stephen Gould zunehmend an einer Entzündung der Luftwege, die ihn im zweiten Aufzug bereits behinderte, im dritten Aufzug musste er sich stimmlich eines Ersatzes, Vincent Wolfsteiner, bedienen (der eine tadellose Leistung vollbrachte). Großartig René Pape als König Marke, ebenso wie Lain Paterson als Kurwenal. Faszinierend und berückend vor allen anderen die Brangäne der Christa Mayer, eine gesangliche Ausnahmeerscheinung.

Ein Ensemble, das höchste Ansprüche und Erwartungen erfüllte

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Tristan und Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Thielemann mit stilbildendem Wagner-Verständnis

Die Krone gebührt freilich dem Dirigenten Christian Thielemann, der das wunderbare Orchester zu höchsten Leistungen inspirierte. Wagners Partitur verlangt vom Dirigenten ein Äußerstes an Verständnis, Einfühlung und klanglicher Ausgewogenheit. Über weite Strecken beherrscht das Chromatische bis hin zum an die Moderne heranreichende, es vorbereitende Dissonanten das musikalische Geschehen (s. hierzu ausführlich: Theodor W. Adorno: Versuch über Wagner, Suhrkamp Taschenbuch, S. 62 ff). Thielemann gelingt es, alles Spröde und Akademisch-Hinweisende zu vermeiden. Hinreißend gelingen die lyrischen Passagen des zweiten Aufzugs. Wahre Farb- und Klangwunder, die geradezu ans Impressionistische gemahnen, das Wagner angeblich so zuwiderlief. Und erst die Steigerungen, wahre Aufgipfelungen der Expression, der Verzweiflung, im dritten Aufzug! Man muss an sich halten, nicht einzustimmen oder zu vergessen, dass man ein „Mensch unter Menschen ist“, also in der Menge sitzt und nicht einfach loslassen darf. Thielemanns Wagner-Verständnis setzt Maßstäbe. Es ist längst stilbildend. Und das Orchester versteht ihn, folgt ihm in jeder Nuance.

Am Ende die bekannten Beifallsstürme. Christian Thielemann hätten das Publikum freilich am liebsten auf den Schultern durchs Festspielhaus getragen. Der Rezensent wäre dabei gewesen.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

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