Wien, Volksoper Wien, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 15.06.2018

Juni 16, 2018 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN  –  Jacques Offenbach

 Offenbach und Teufel – In ewigem Kampf

Von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach © IOCO

Jacques Offenbach in Paris © IOCO

Hoffmanns Erzählungen ist seit 2016 und ab April 2018 wieder auf dem Spielplan der Volksoper Wien. Regisseur und Choreograph Renaud Doucet integriert in Wien in das ohnehin komplexe Handlungsgefüge von Hoffmanns Erzählungen zusätzliche Facetten: Ein vermeintlicher Kampf von Jacques Offenbach mit dem Teufel, der Ausdruck des Bösen und Ursache  damaliger Katastrophen und Theaterbrände ist. Offenbach, so Regisseur Doucet, möchte in dieser Inszenierung den Teufel durch Vollendung seiner Oper Hoffmanns Erzählungen überwinden. So sind in dieser Inszenierung Jacques Offenbach und ein Teufel auf der Bühne stets präsent.

Gioacchino Rossini nannte Jacques Offenbach (1819 – 1880) den „Mozart der Champs-Elysées“; Giacomo Meyerbeer besuchte regelmäßig Offenbachs Theatre des Bouffes Parisiennes. Zahlreiche satirische, modern frivole Operetten französischer Prägung persiflierten meist in Bezügen zur griechischen Antike die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Orpheus in der Unterwelt (1855) oder Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva, Hortense Schneider, machten Jacques Offenbach im damaligen französischen Kaiserreich zu einem Star. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten die Popularität von Jacques Offenbach in Paris; er war nur noch berühmt. Doch schlimmer: In Paris gab es nach 1871 keinen Raum mehr für seine prallen Operetten.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So begann Offenbach 1877 aus dem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama Les Contes D´Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen) eine Oper zu komponieren. Mühsam gestaltete sich die Komposition der Oper. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück heraus-zubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“

Die Autoren von Les Contes D´Hoffmann, die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Hoffmanns Erzählungen integrieren sie die Person E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen, u.a. Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper  erscheint der lebendige Teufel bereits zur kurzen Ouvertüre; leibhaftig unterbricht er nach wenigen Takten die Musik: „Nein, nicht schon wieder… seit 137 Jahren …. Ich als der Teufel…  nehmen Sie Orpheus in der Unterwelt…. der Offenbach raubt mir den Verstand…“. Der Teufel zündelt hier mit der Partitur von Hoffmanns Erzählungen, dessen Blätter vom Bühnenhimmel regnen. Auch in den folgenden Bildern ist der Teufel sichtbar, so als Doktor Mirakel im Antonia-Akt. Das aufwendige erste Bühnenbild bildet die Ruine eines abgebrannten Theaters, eine Skulptur zeigt Offenbachs Kopf, eine Höllenbar verweist allegorisch auf diesen Kampf des Teufels mit Offenbachs Geist. Offenbach ist als Abbild präsent; der Teufel bleibt in Lindorfs Person beständiger Widersacher Hoffmanns; oder doch Offenbachs?

So ist in dieser Inszenierung der gegen den Teufel/Lindorf kämpfende Hoffmann kein leidend, unglücklicher Liebender, kein von Alkohol geschwächter, sinnender Mensch ist. In ungewohnt modernem Anzug, mit kräftiger Stimme ist Hoffmann, Offenbach ein gestaltender, gelegentlich dirigierender, aufrecht wie selbstbewusst mitten im Leben stehender, kämpfender Mensch. Doch die sprachliche Linie der Inszenierung ist gebrochen: Es wird viel Deutsch gesungen, die vier Bösewichter Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel, Dapertutto – als Teufel; doch – man dankt – die großen Partien der Olympia, Guilietta, Antonia erklingen Französisch und unterstreichen das fantastische der Komposition. So steht Hoffmanns Erzählungen an der Volksoper für eine aufwendige, bilderreiche, komplexe Inszenierung, dessen Handlungsstränge, die Bezüge von Teufel und Offenbach sich nur schwer erschließen. Man folgt der Handlung insoweit etwas verloren, genießt jedoch wunderbare Stimmen im Charme der französischen Sprache, eine reiche Choreographie, herrliche Kostüme. Stete Fragen zu Offenbachs unvollendeter Oper, ist es ein romantisches Nachtstück, ein Künstlerdrama, ist es Offenbachs eigenes Lebenstrauma, bietet diese Inszenierung keine Antwort; sie ist nur eine weitere Interpretation.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Weinkeller  Luther  wird in Wien zur Höllenbar, in welcher Vincent Schirrmacher als Hoffmann nicht betrunken sondern selbstsicher in modernem Einreiher die Unberechenbarkeit seiner ehemaligen Geliebten beklagt; kraftvoll, höhensicher auf Deutsch: „Es war einmal am Hofe von Eisenack“.  Rührung, die im Text liegende, tiefe Melancholie ist nicht spürbar. Josef Wagner beherrscht seine Partien als Teufel respektive der vier Bösewichter ebenfalls stimmlich überzeugend ohne jedoch dämonisch zu wirken; seine Diamantarie verliert auf Deutsch das Beschwörende. Wunderbar und mitreißend dagegen Hoffmanns ehemalige Geliebten, wie Sophia Theodorides als Olympia. Brillierende Koloraturen und wohltimbrierter Mittellage färben  ihre große Arie „Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel im Laubengesang); „Zusatzbeine“ auf ihrem großen Reifrock, freier Kunstoffbusen sind dabei beständig skurrile wie faszinierendes Spielzeug. Anja-Nina Bahrmann ist eine stimmlich mitnehmende und königlich wirkende Antonia. Ein in Schneemassen gehüllter Wohnraum, Eiszapfen hängen von der Decke. Nach deutsch rauem „Wo ist Antonia?“ erklingt ihr französisches „Lied von der Taube“ in zartem, lyrischem Timbre. Wellenspiegelungen und Tänzerinnen mit Federbüschen und Totenkopfmasken begleiten Kristiane Kaiser als Giulietta zu ihrer sensibel gespielten und hochromantisch gesungenen Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour„. Gerrit Prießnitz lässt Offenbachs fantastische Oper leuchten, phrasiert dessen tiefe Melancholie, dirigiert sängerfreundlich.

Das Publikum der voll besetzten Volksoper feierte Ensemble und Orchester zur letzten Aufführung von Hoffmanns Erzählungen dieser Spielzeit. Wenn auch der unerwartete  Kampf Jacques OffenbachsTeufel und Sprachwechsel eher verwirrten, die Komposition Offenbachs, das aufwendige Bühnenbild, großartige Choreographie und wunderbare Stimmen  machen den Besuch dieser Produktion  empfehlenswert.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Volksoper, Die Räuber von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 24.10.2017

Oktober 24, 2017 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

 Die Räuber von Giuseppe Verdi

Schillers Familiendrama um Franz und Karl Moor an der Volksoper 

Von Marcus Haimerl

Giuseppe Verdis Frühwerk I masnadieri (Die Räuber), nach Friedrich Schillers gleichnamigem Drama, stand als zweite Premiere der Saison auf dem Programm der Wiener Volksoper. Das Auftragswerk für das königliche Opernhaus am Haymarket in London wurde 1847 ebendort uraufgeführt und erlebte 1863 die deutschsprachige Erstaufführung auch an der Wiener Volksoper.

Die Regie der neuen Produktion lag in den Händen des deutschen Theaterregisseurs Alexander Schulin. Dafür schuf Bettina Meyer (Bühnenbild) einen Kubus, vom Regisseur auch „Vaterkiste“ genannt, welcher sich zentral auf einer Drehbühne befindet.

Die Ouvertüre wird in dieser Produktion wieder szenisch dargestellt. Vater Maximilian sitzt in der Mitte dieses Würfels musizierend (hervorragendes Cello Solo: Roland Lindenthal), um ihn, spielend, zwei Knaben und ein Mädchen, die Brüder Karl und Franz Moor und deren Cousine Amalia. Ein Rückblick in jene Zeit als das Familienleben vermeintlich noch in Ordnung war.

Volksoper Wien / Die Räuber - hier Vincent Schirrmacher als Karl Moor, Kurt Rydl als Vater Maximilian, Boaz Daniel als Franz Moor © Johannes Ifkovits

Volksoper Wien / Die Räuber – hier Vincent Schirrmacher als Karl Moor, Kurt Rydl als Vater Maximilian, Boaz Daniel als Franz Moor © Johannes Ifkovits

Diese „Vaterkiste“ repräsentiert hier also den inneren Kreis, Vater Maximilian im Zentrum. Die restliche Bühne, in grelles Licht getaucht, ist die Zone der Ausgestoßenen, also jene in der Karl Moor und seine Räuberbande ihren Platz haben. Auf die Partie des Pfarrers Moser wurde in dieser Produktion verzichtet, der Priester erscheint Franz Moor hier in der Gestalt seines Vaters. Ein durchaus spannendes Regiekonzept, welches mangels entsprechender Personenführung letztlich nicht vollständig aufging. So wird in und um den Kubus gestanden, gegangen und gesungen, interagiert wird jedoch selten.

Anders jedoch musikalisch. Unter dem Dirigat von Jac van Steen lief das Orchester der Volksoper Wien zu wahren Höchstleistungen auf. Kraftvoll kernig, dann wieder lyrisch, gleichzeitig immer rücksichtsvoller Partner der Sänger.

Karl, der verstoßene Bruder singt Vincent Schirrmacher mit kräftiger, metallischer Tenorstimme, mit schöner Höhe und großer Wortdeutlichkeit. Seinen jüngeren, intriganten Bruder Franz singt der Bariton Boaz Daniel mit der dafür notwendigen Schwärze auf sehr hohem Niveau. Ebenso beeindruckend Kurt Rydl als beider Vater Maximilian. Kurt Rydl weiß die komplexe Partie des Vaters, dem eigentlichen Auslöser dieser Familientragödie, nicht nur stimmlich glaubhaft darzustellen. Die Gebrochenheit dieser Figur ist hier stets präsent und spürbar.

Volksoper Wien / Die Räuber - hier Sofia Soloviy als Amalia, Boaz Daniel als Franz Moor © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Räuber – hier Sofia Soloviy als Amalia, Boaz Daniel als Franz Moor © barbara pálffy / volksoper

Seine Nichte Amalia singt die ukrainische Sopranistin Sofia Soloviy mit dramatischem Sopran. Sie verfügt aber auch über die notwendige stählerne Schärfe, die man sich von dieser Partie auch erwartet. Hervorragende Leistungen auch von David Sitka als Hermann und Christian Drescher als Roller.

Ein kleines Manko bleibt hier noch der deutsche Text (Übersetzung von Hans Hartleb). Gerade durch die hohe Wortdeutlichkeit aller Protagonisten ist die Banalität des Textes unüberhörbar und fügt sich nicht sehr harmonisch in die Musik.

Am Ende gab es, auch in der Vorstellung nach der Premiere, verdienten Jubel für Sänger und Dirigent und Dankbarkeit darüber, dass sich die Wiener Volksoper auch gerne selten gespielten Werken annimmt.

Die Räuber an der Volksoper Wien; weitere Vorstellungen

Wien, Volksoper, Die Räuber von Giuseppe Verdi, 14.10.2017

Oktober 13, 2017 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

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 Die Räuber von Giuseppe Verdi

Libretto Andrea Maffei, Deutsche Fassung Hans Hartleb
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am Samstag, 14. Oktober 2017

Volksoper Wien / Die Räüber - Vincent Schirrmacher (Karl), Chor © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Räüber – Vincent Schirrmacher (Karl), Chor © barbara pálffy / volksoper

Mit Giuseppe Verdis Oper Die Räuber (I masnadieri) setzt die Volksoper ihre Tradition fort, das Repertoire um selten gespielte Werke zu erweitern. Genau 116 Jahre sollte es nach der Uraufführung dauern, ehe Die Räuber 1963 an der Volksoper aufgeführt wurde. Die Produktion wurde bis 1970 neunundzwanzig Mal gespielt. Am 14. Oktober 2017 feiert die zweite Inszenierung von Verdis Räuber Premiere an unserem Haus.

„Viva Verdi!“

Verdi komponierte das Stück 1847 nach Friedrich Schillers gleichnamigen Sturm-und-Drang-Drama für das Haymarket Theatre in London. Bei einem Kuraufenthalt im Sommer 1846 im Veneto fasste er den Entschluss, sich zwei Stoffe von Shakespeare und Schiller vorzunehmen: Macbeth und Die Räuber. Die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit seinem Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Shakespeare und Schiller ins Italienische übersetzt hatte. Verdi, der eine Vorliebe für explosive Vater-Kind-Beziehungen hatte, fand seinerseits Gefallen an der Geschichte rund um den Konflikt des ungleichen Brüderpaars Karl und Franz Moor.

Bei der Uraufführung am 22. Juli 1847 stand der Komponist selbst am Dirigentenpult, und Verdis Faktotum Emanuele Muzio vermeldete einen großen Erfolg: „Der Maestro wurde gefeiert, auf die Bühne gerufen, allein und mit den Darstellern, es wurden ihm Blumen zugeworfen, und man hörte nichts als: Viva Verdi!

„Und nun zum Schafott!“

Andrea Maffei, der Schillers Drama als Opernlibretto einrichtete, setzte den Schwerpunkt auf die Familientragödie. Der zentrale Konflikt der Oper ist die Beziehung des übermächtigen, dabei ungerechten Vaters zu seinen Söhnen: Karl, der ältere und bevorzugte, ist durch eine Intrige seines Bruders Franz beim Vater Maximilian in Ungnade gefallen und hat sich einer Räuberbande angeschlossen. Franz vereitelt auch Karls Versuch, sich mit dem Vater zu versöhnen. Karls Verlobte Amalia, die wie eine Tochter im Haus Maximilians aufgewachsen ist, fällt den Rivalitäten und Konflikten der Männer zum Opfer. Als Franz’ Machenschaften endlich aufgedeckt werden, ist ein glückliches Ende unmöglich geworden. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias Tod von Karls Hand und mit dessen Ausruf: „Und nun zum Schafott!“

Der Regisseur Alexander Schulin hat mit der Bühnenbildnerin Bettina Meyer und der Kostümbildnerin Bettina Walter ein Konzept entworfen, in dem der Familienkonflikt mit bestechender Klarheit zugespitzt wird. So bildet Maximilians Haus das Zentrum des Geschehens, auf das sich die „Kinder“ beziehen und wo über Zugehörigkeit und Fremdheit entschieden wird. In der Rolle des Grafen Moor ist Kurt Rydl zu erleben; alternativ ist Andreas Mitschke besetzt. Als Franz wird der Bariton Boaz Daniel zu hören sein. Er hat bereits im Jahr 2000 als Don Giovanni an der Volksoper debütiert. Mit ihm alterniert Alik Abdukayumov als Bösewicht. Die Rolle des Karl übernimmt Vincent Schirrmacher, abwechselnd mit Mehrzad Montazeri, die ukrainische Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy verkörpert die Amalia, alternierend mit Anja-Nina Bahrmann. Die musikalische Leitung der Neuproduktion übernimmt Jac van Steen, der in der vergangenen Saison mit großem Erfolg die konzertanten Aufführungen von Korngolds Das Wunder der Heliane dirigiert hat.

Dirigent: Jac van Steen/Lorenz C. Aichner, Regie: Alexander Schulin, Bühnenbild: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Walter, Choreinstudierung: Holger Kristen, Dramaturgie: Helene Sommer

Besetzung:  Maximilian/Moser: Kurt Rydl/Andreas Mitschke, Karl, sein erstgeborener Sohn: Vincent Schirrmacher/Mehrzad Montazeri, Franz, sein jüngerer Sohn: Boaz Daniel/Alik Abdukayumov, Amalia, seine Nichte: Sofia Soloviy/Anja-Nina Bahrmann
Herrmann, Kammerdiener: David Sitka/Alexander Pinderak, Roller: Christian Drescher/Thomas Sigwald;  PMVOW

 Die Räuber von Giuseppe Verdi an der Volksoper Wien: Premiere am Samstag, 14. Oktober 2017,  Weitere Vorstellungen am 18., 22., 27., 30. Oktober, 1., 8., 15., 23., 29. November, 7., 11. Dezember 2017

 

Wien, Volksoper, La Wally von Alfredo Catalani, IOCO Kritik, 28.03.2017

März 28, 2017 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

„Selbstbestimmung in patriarchalischer Welt“

La Wally von Alfredo Catalani

 Nach dem Roman „Die Geier-Wally“ von Wilhelmine von Hillern

Von Marcus Haimerl

Die Uraufführung von Catalanis lyrischer Oper fand 1892 an der Mailänder Scala statt. Namhafte Dirigenten wie Arturo Toscanini und Gustav Mahler, welcher die deutsche Erstaufführung in Hamburg in einer Übersetzung der Romanautorin leitete, schätzten dieses Werk über alle Maßen. Dennoch fand das Werk kaum Eingang in das Repertoire großer Opernhäuser.

Das Stück um die stolze und selbstbewusste Tochter des Großbauern Stromminger, die sich, um einer arrangierten Ehe mit Gellner, dem Verwalter des Vaters zu entgehen, in die Berge zurückzieht, nur um am Ende doch aus Liebe zu Giuseppe Hagenbach zugrunde gehen zu müssen, spielt im Tiroler Ötztal. Überraschenderweise fand die österreichische Erstaufführung aber erst 1990 bei den Bregenzer Festspielen statt. Mara Zampieri sang die Wally und als Hagenbach war Michael Sylvester zu erleben. 2012 entdeckte das Tiroler Landestheater die Oper und mit der Premiere am 25. März 2017 an der Wiener Volksoper konnte man das Werk nun erstmals in Wien erleben.

Regisseur Aron Stihl, Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann und Kostümbildnerin Franziska Jacobsen entschlossen sich auf Seelenlandschaften zu konzentrieren und verzichteten auf Alpenkitsch und Lokalkolorit. Die psychologische Deutung des Werks entwickelt sich in einem Bühnenbild aus abstrakten, schwarz-weißen Einzelteilen, unterschiedlich dicht schraffiert, welche mittels zweier Drehbühnen rasch verschoben werden können. Die Kostüme orientieren sich an dem Film Das weiße Band und die Kulisse wurde durch die gewaltigen Naturdarstellungen Kaspar David Friedrichs inspiriert und soll letztlich wie ein einziges Schneetreiben aussehen. Die vorherrschenden Farben sind weiß, schwarz und grau.

In dieser düsten und bedrückend engen Atmosphäre hat Aron Stihl die kleine Rolle des Infanteristen zum Spielmacher, zum personifizierten Schicksal erhoben. Daniel Ohlenschläger als Infanterist lenkt hier nicht nur den Vorhang, Saallicht und Dirigent, er greift auch vom Bühnenrand aus in die Handlung ein und zeichnet sich verantwortlich für manch düstere Wendung der Handlung. Und auch auf die, Hagenbach in den Tod reißende Lawine wurde verzichtet. Die Volksoper bediente sich dem knappen Ende der Uraufführungsversion. Szenisch springt Wally also nicht ihrem Geliebten in den Abgrund nach, sie vereinigen sich vor einer leuchtenden Wand auf der Hinterbühne und werden so eins mit der Natur. Liebestod statt Unfall, Erlösung in wagnerschem C-Dur.

Volksoper Wien / La Wally - Bernd Valentin (Vincenzo Gellner), Elisabeth Schwarz (Walter), Kari Postma (Wally) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / La Wally – Bernd Valentin (Vincenzo Gellner), Elisabeth Schwarz (Walter), Kari Postma (Wally) © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine exzellente Leistung lieferte die norwegische Sopranistin Kari Postma als Wally bei ihrem Volksoperndebüt, überzeugte mit enormer Wortdeutlichkeit, ging stimmlich bis an ihre Grenzen. Bernd Valentin als Gutsverwalter Gellner ist ihr hier ebenbürtig, ein hintergründiger, vokaler Bösewicht. Der Einspringer Vincent Schirrmacher bewältigte die Partie des Hagenbachs ordentlich, trotz schöner Artikulation und manch schöner Phrase stieß er vereinzelt an seine Grenzen. Kurt Rydl als Stromminger poltert bedrohlich mit tönendem Bass, ein leichtes Vibrato in der Stimme lässt sich aber nicht mehr überhören. Annely Peebo überzeugte als Afra und Elisabeth Schwarz singt die Partie des Walter entzückend, aber mit recht kleinem Sopran.

Volksoper Wien / La Wally - Kari Postma als Wally, Vincent Schirrmacher als Hagenbach , Chor - © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / La Wally – Kari Postma als Wally, Vincent Schirrmacher als Hagenbach , Chor – © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Marc Piollet machte mit dem motivierten Volksopernorchester die romantischen, nahezu impressionistischen Klänge hör- und fühlbar. Die Vorspiele zum dritten und vierten Akt gerieten, von Kari Postma hinreißend vorgetragener Arie („Ebben ne andrò lontana“) abgesehen, zum absoluten Highlight des Abends. Einzig an der Lautstärke sollte im Hinblick auf die eine oder andere kleine Stimme noch gefeilt werden. Die deutsche Übersetzung von Claus H. Henneberg fügt sich leider nicht immer ganz in die Melodien, klingt manchmal recht hart, stört aber insgesamt nicht.

Am Ende Jubel für eine repertoiretaugliche Wiederentdeckung einer zu Unrecht geschmähten Oper, zumal sich in der Regie zeigt, dass man das Werk auch ohne Heimatfilm-Romantik überzeugend auf die Bühne bringen kann.

La Wally an der Volksoper Wien: Weitere Vorstellungen 29.3.2017, 2.4.2017, 5.4.2017, 12.4.2017, 20.4.2017, 23.4.2017, 4.5.2017, 5.5.2017, 17.15.2017.

 

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