München, Cuvilliés-Theater, Die drei Musketiere – auch etwas Alexandre Dumas, IOCO Kritik,

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Die Drei Musketiere – ziemlich frei nach Alexandre Dumas

 –   nicht „Alle für Einen“ und „Einer für Alle“, sondern „Eine für Alle“…-

von Hans Günter Melchior

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Da stehen sie also da auf der völlig leeren Bühne, die ihr Skelett zeigt, Heizung, Schalter, Vier stehen da statt Drei, Nicola Mastroberardino (D´ Artagnan), Michael Wächter (Athos, Grimaud). Max Rothbart (Porthos, Mousqueton) und Vincent Glander (Aramis, Bazin) und labern was das Zeug hält. Hin und her geht die Rede, Fetzen aus Dumas Roman, manchmal kaum verständlich, so schnell wird geredet, die ganze krude Geschichte in irgendwie danebengeredeter Kurzform –, und es sind halt nunmal Vier statt Drei, weil sie sich im Prügeln / Duellieren zusammengerauft haben wie die randalierenden Fußballfans zuweilen in den Stadien, wenn es gegen die Polizei geht, Solidarität der Unterdrückten gegen die Staatsmacht – oder so, die Assoziationen haben freien Lauf und sie laufen so schnell wie das ganze Stücke, hoppladihopp, was für ein Tempo.

Stepptanz perfekt. Die Burschen können das.

Die drei Musketiere – ein wenig nach Alexandre Dumas
youtube Trailer Residenz -, Cuvilliestheater
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Das Genaue, überhaupt der hohe Ton, spielt keine Rolle, geboten wird Slapstick, Performance, Commedia dell arte, Witz und Unterhaltung – und dazwischen auch mal furchtbarer Tiefsinn, der aus dem Grundsätzlichen schöpft.

Die Zuschauer gehen mit, die Mäuler sind offen und kaum noch zuzukriegen vor Lachen und Begeisterung, vor allem die jungen Leute im Publikum – sie sind in der Mehrzahl – ergötzen sich an diesem leicht dahingeworfenen Sprach- und Bewegungsspiel, das durchaus gekonnt ist und nach anfänglichem halbliterarischem Dünnschiss langsam auf Touren kommt und sich zu einer Komik steigert, die auf ihre Art Format hat.

Kein Bühnenbild also, ein quasi-leerer Raum, gefüllt mit Gelaber bis unter die Rokoko-Decke…, ach ja, sowas halt auch: zwei Zuschauer kommen zu spät, einer der Vier unterbricht seine Rede, aha, ihr kommt zu spät, nehmt nur Platz, braucht nicht zu stehen, sollen wir nochmal anfangen? –, so geht es dahin, dass einem die Wörter nur so um die Ohren fliegen und man höllisch aufpassen muss, alle Anspielungen mitzukriegen. Du hast ja da und dort mitgespielt, sagt der eine zum anderen, im Amphitryon (Insider wissen das), und der andere: ach so, und dann kommt wieder ein Stückchen Dumas, diese Geschichte von der Königin Anna von Österreich, die sich mit einem gewissen Engländer namens Buckingham auf eine Nacht einlässt und dem Geliebten zwölf Diamanten zum Andenken schenkt.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und hinter allem steht der gewiefte Kardinal Richelieu, ein gelernter Intrigant und religiöser Spitzenpolitiker – Sie erinnern sich?, nein?, dann lesen Sie schleunigst in dem Schinken von Duma nach –, und dann, wollte ich sagen, droht die ganze Chose aufzufliegen, als Richelieu nämlich dem König ein Fest einredet und ihm dringend empfiehlt, von seiner Gattin zu verlangen, sie möge mit ihren Diamanten erscheinen. Die sich, die Diamanten natürlich, in Händen von Buckingham befinden. Was die vier Musketiere oder Muske-Tiere, drei in Clownsblau, der Hinzugekommene D´Ártagnan in einem Clownsgelb in ein Beratungsdilemma stürzt, wer fährt oder: wer bleibt da?, da alle fahren wollen. Wahrscheinlich wegen der Dame. Egal, einer fährt, Buckingham lässt zwei Diamantenspangen nachmachen, die Sache hat ihre manipulierte Ordnung, man kennt ja von ungefähr die Geschichte, die Königin ist gerettet. Musketiere braucht die Welt, Raufbolde ohne eigentliche Weltanschauung…

Und weiter geht es im Galopp, Radetzky-Marsch, die Vier spielen Pferd, reiten auf der Bühne auf imaginären Lippizanern, ein urkomischer Höhepunkt, commedia dell arte comme il faut, man hält sich den Bauch vor Lachen, wie die Vier taktgerecht über die Bühne traben und sich gestisch in Pferde verwandeln, vorgereckte Hälse, stilgerechter Trab –, als ob das mit echten Pferden nicht schon komisch genug wäre.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier :  vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und dann wieder eine Runde Tiefsinn, die schwerwiegende Frage, wer von Euch –, so dem Publikum wie Lebenssinn in die lachbereiten Köpfe so ganz von Ungefähr eingeträufelt –,  also: wer von Euch würde um einer Idee oder einer Liebe willen sein Leben opfern? Worauf natürlich Schweigen antwortet, wer zu schwierig fragt, bekommt keine Antwort, zu sowas braucht man doch Zeit, oder?…, kommt drauf an, könnte man zur Bühne hinaufrufen, aber das ist ja gerade die Frage, ob es sowas gibt, wo man sagen könnte: kommt drauf an. Der Schiller wusste da eine Antwort „das Leben ist der Güter höchstes nicht“, aber die Vier Musketiere doch nicht und schon gar nicht die Pferde. Und erst die Zuschauer –, also bitte, gerade hat man sich doch zurückgelehnt und muss jetzt den Lachreiz zähmen.

Und dann noch die allfällige existentielle Verdoppelung, schizophren, die schwierigste aller Situationen, „ich besteige das Pferd, das ich bin“, alles so nebenbei und dahingesagt im Stehgreif-Theater, dass man mit dem Nachdenken nicht nachkommt. Und dann entdecken zwei der drei Muske-Tiere auch noch, dass sie mit derselben Frau zusammen waren. Da kehrt sich der Wahlspruch flugs um: nicht Alle für Einen und Einer für Alle, sondern Eine für Alle…

So ein Abend muss ja auch mal sein, also ehrlich, man sollte zuvor ein und zwei Gläser Sekt trinken, um so richtig reinzukommen. Auch wenn man schon älter ist und nicht versteht, wer mit Pacman, dem Früchtefresser, gemeint ist –, aber da hilft einem der Enkel aus, der einem ins Ohr flüstert, weiß du denn das nicht, was bist du nur für ein Mensch. Cool.

Der Schluss verzögert sich leicht, die Vier schleppen in den Beifall hinein alles, was halbwegs nach Requisiten aussehen könnte, auf die Bühne, eine Absperrung, ein Gitter, Körbe oder so, und sie springen mit leichtathletischer Behendigkeit (überhaupt: das sind echte Sportler!) in der Schlussphase herum „wollt ihr nochmal das Pferd sehen“, und die Zuschauer: jaaa, und wieder der Radetzky-Marsch und die Pferdenummer.

Ach ja, und gefochten wird ja auch noch, recht meisterhaft, wie das aussieht, richtig gefährlich, als flögen die Fetzen, man hat richtig Angst, dass sie sich die Augen ausstechen, die vier Teufelskerle da auf der Bühne, die ihren Spaß haben, man sieht es ihnen an –, und wer weiß, ob sie überhaupt über einen Text verfügen, vermutlich nicht im strengen Sinn, und wenn ja, fragt es sich, ob sie sich daran halten, commedia dell arte eben.

Und anschließend ist noch ein Glas Sekt fällig, ist doch klar, um die Pointen herunterzuspülen, während der Enkel eine Cola bekommt und die Anleihen aus den Computerspielen erklärt. Prost!

Die drei Musketiere des Residenztheaters; aufgeführt im Cuvilliéstheater; die weiteren Vorstellungen 5.2.; 6.2.; 24.2.; 1.3.2020

Bearbeitung  Antonio Latella und Federico Bellini, Inszenierung, Raum und Musik Antonio Latella, Kostüme Simona D´Amico, Choreografie und Kampftraining Francesco Manetti

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Basel, Theater Basel, Blume von Hawaii – Paul Abraham, IOCO Kritik, 17.01.2018

Januar 17, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Operette, Theater Basel

Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Die Blume von Hawaii von Paul Abraham

„Rasante Revue mit doppeltem Boden“

Von Julian Führer

Sollte man Operetten spielen? Seichte Stücke mit oft etwas albernen Dialogen, von Sängern mehr oder weniger talentiert gesprochen – oder von Schauspielern dargeboten, die dann Mühe haben, die einzelnen Musiknummern hinter sich zu bringen? Sollte man ein Stück spielen, dessen Libretto Perlen bereithält wie „Hier auf den schönen Südseeinseln / muss man nicht die Lippen pinseln“?

Man sollte, und zwar unbedingt! Gerade die Stücke, die aus den unterschiedlichsten Gründen irgendwann aus dem Repertoire gefallen sind und irgendwann einmal großen Erfolg hatten, halten oft wahre Schätze bereit. Einen dieser Schätze hat das Theater Basel gehoben und Frank Hilbrich damit betraut, Paul Abrahams Die Blume von Hawaii zu inszenieren. Das Stück selbst wurde Anfang der 1930er Jahre in Deutschland aufgeführt, wurde dann aber alsbald wegen Abrahams jüdischer Herkunft nicht mehr gespielt.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier das Glander Vokal Ensemble © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier das Glander Vokal Ensemble © Sandra Then

Frank Hilbrich und sein Team (Bühne: Volker Thiele; Kostüme: Gabriele Rupprecht) haben sich für einen einheitlichen Bühnenraum entschieden. Der sehr starke Freiburger Ring des Nibelungen, der 2006-2010 entstand, hatte ebenfalls auf dieser Zusammenarbeit beruht. Die drei Akte der Operette, die eigentlich „vor einer Villa in Honolulu“, im „Saal im Königspalast in Honolulu“ und „in einer chinesischen Bar in Monte Carlo“ spielen, werden im großem Salon einer Villa gezeigt; vielleicht ein Palast in alt-amerikanischem Stil. In diesem großen Salon stehen links und rechts veritable Showtreppen zur Verfügung. Exotische Pflanzen hängen darin herab, jedoch sind diese welk und vielleicht schon etwas faulig.

In der Basler Inszenierung entschied man sich gegen professionelle Sänger, sondern für Schauspieler, welche sich über die Choreographie, die Darstellungskraft des Ensembles profilieren, weniger über die Stimme. Zudem werden die Stimmen verstärkt. Das Resultat ist nicht immer befriedigend, zumal sich die Verstärkung an verschiedenen Plätzen im Haus unterschiedlich auswirkt. Bei schnellen Liedern nehmen die Schauspieler den Besucher mit deutlich artikuliertem Sprechgesang für sich ein, problematisch sind die lyrisch sanften Kantilenen bei hohen Tönen. Abrahams Partitur hat genaue Anweisungen zur Dynamik, die vom Orchester auch exakt beachtet werden, bei den Stimmen führt die elektronische Verstärkung leider zu einem Dauerforte.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier Pia Händler als Prinzessin Laya und Elias Eilinghoff als Kapitän © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier Pia Händler als Prinzessin Laya und Elias Eilinghoff als Kapitän © Sandra Then

Die Handlung der Operette ist nahezu unerheblich, auch wenn sie tatsächlich einen realen Bezug zur Machtpolitik der damaligen USA in 1895 hat: Die Amerikaner haben den Aufstand der hawaiianischen Königin Liliuokalani gebrochen, die Prinzessin Laya von Hawaii lebt nun weit weg, in Paris. Um die Eroberung von Hawaii abzusichern, will der amerikanische Gouverneur seine Nichte mit einem hawaiianischen Prinzen verheiraten. Mit einem Schiff landen Kapitän Stone, ein Jazzsänger und die als Sängerin Susanne Provence inkognito reisende Prinzessin Laya in Honolulu. Heiratspläne werden geschmiedet und wieder fallengelassen, die Amerikaner als hinterhältig gezeichnet. Am Ende trifft man sich in Monte Carlo, und es werden diverse Ehen geschlossen, allerdings anders als anfangs geplant.

Die gesprochenen Dialoge zeigen in  manchmal etwas platten Klischees die Amerikaner als wenig sympathisch (ein bißchen wie Puccinis Madama Butterfly) und skrupellos. Die Texte „beißen sich“ so mit unverändert gebliebenen Gesangsstücken. Ein Bezug auf König Amanullah (bis 1929 König von Afghanistan) lässt wohl die meisten Zuhörer ratlos. Eine Nummer kurz vor Schluss (in dieser Inszenierung von Mario Fuchs nur in verstümmelter Form dargeboten) steckt voller scharfer Gesellschaftskritik auf dem Stand von 1930 unter unmittelbarem Eindruck der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise und der Krise der Weimarer Republik: „Ist man insolvent, nur lachen! / Quatscht das Parlament, nur lachen! / Völkerbund, auch ein Grund, daß die Welt lacht! Wir wollen lustig sein, lustig sein, denn das kostet kein Geld!“ Hier verweist die Operette auf ihre Zeit und darüber hinaus. An dieser Stelle bleibt das ungenutzt. Auch das nachdenklich-anklagende „Niggerlied“ zu Beginn des dritten Aktes wurde fallengelassen.

Bei vielem anderem wird mit Lust chargiert und das überdrehte Moment des Stückes mit Lust vorgeführt. Die Showelemente werden mit Lichtkegeln unterstützt, zu den großen Schlagern fährt die Discokugel herab, und der Damenchor (manchmal auch die Herren) wedelt mit dem Baströckchen. Die große Sinnsuche ist hier fehl am Platze. Der Kapitän (Elias Eilinghoff) schmettert (häufig leicht bis schwer angetrunken, doch immer in C-Dur) „Wo es Mädels gibt, Kameraden, fühlt der Seemann sich überall zu Haus“, und die strammen Jungs vom Vokalensemble salutieren dazu in Tarnfleckhemden und strahlendweißen Unterhosen.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier Katja Jung als Bessi © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier Katja Jung als Bessi © Sandra Then

Frank Hilbrich und sein Team haben einmal mehr Zugang zu einem Stück gefunden und bringen ihre Sicht auf das Werk konsequent auf die Bühne. Einzig der dritte Akt, der auch in der Vorlage etwas abfällt, bleibt in der gekürzten Version bruchstückhaft. Die Protagonisten werden wie Exponate einer völkerkundlichen Schau in Vitrinen auf die Bühne gefahren und bleiben auf sich gestellt. Statt in einer Massenhochzeit endet das Stück in dieser Lesart eher plötzlich. Endlich einen Mann gefunden hat jedenfalls Bessi (Katja Jung), die tanzfreudig wie Marika Rökk in einem UFA-Film und mit Mut zum Trash wie Trude Herr die Bühne ausfüllt. Jim Boy (Vincent Glander), um seine letzte Shownummer gebracht, vermisst man am Ende: kostümiert wie Freddie Mercury und geschminkt wie ein Stummfilmstar, agiert er mimisch, gestisch und sprachlich auf einem Niveau, das Opernsänger kaum je erreichen. Sein Foxtrot „Ich muss Mädeln seh’n“ ist mitreißend. Laya (Pia Händler) muss sich entscheiden und zieht den Kapitän schließlich dem Prinzen Lilo-Taro vor: „Er liebt mich tiefer, denn er liebt mich unglücklich.“ Was sie selber will, ist ihr wohl weit weniger klar.

Das auf 16 Musiker reduzierte Orchester unter Oliver Rudin liefert abwechselnd süffige und rasante Begleitung dazu. Natürlich darf ein Banjo bei einer Hawaii-Operette nicht fehlen, ebenso nicht Pentatonik als Exotik verheißender kompositorischer Trick. Das Orchester ist Teil des Bühnengeschehens, zum Teil spielt es hinter der Bühne, dann wird es hineingedreht und spielt im Salon der Villa zwischen den beiden Showtreppen.

Braucht man Aufführungen von „In meiner kleinen, netten Garçonniere, / Da gibt es Sekt, Bonbons und auch Liköre?“ Unbedingt! Die Blume von Hawaii bediente 1931 den Geschmack und die Stimmung der Zeit, in ihrer Exotik. Die hinreißende Musik von Paul Abraham mit ihren lebendigen Rhytmen, die packenden Showelemente der Inszenierung am Theater Basel waren stimmungsgeladen und reizvoll. So dankte das Publikum mit herzlichem Beifall.