Hamburg, Elbphilharmonie, La Traviata – musicAeterna of Perm Opera, IOCO Kritik, 22.10.2018

Oktober 23, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte - Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

 La Traviata  konzertant  – Giuseppe Verdi

 Teodor Currentzis  –  musicAeterna of Perm Opera

Von Patrik Klein

Um kaum einen Dirigenten herrscht dieser Tage so ein Hype wie um Teodor Currentzis. Von den einen wird er als Heilsbringer der Klassik verehrt, der in seinen hochenergetischen Interpretationen immer bis an – oder noch besser über die Grenze hinaus geht nach dem Motto: „Wir spielen Musik, als wäre es der letzte Tag unseres Lebens!“ Die anderen stören sich an seinem exzentrischen Äußeren, seiner musikalischen Effekthascherei, schwarzen Klamotten und klobigen Stiefeln.

Teodor Currentzis  –  Botschafter der Musik

Der Grieche hat es geschafft, im russischen Perm eine treue Schar von Musikern zu versammeln, die ihm bedingungslos folgen und notfalls auch bis nachts um drei proben. „Ich verlange von meinen Musikern, dass sie noch dreimal verrückter sind als ich„.

Lange Probenzeit, intensive Erarbeitung der Musik mit den Musikern und Sängern, das Werk im Fokus statt Ruhm und Geld, dem Geist der Musik auf der Spur und das Aufbrechen von Routinestrukturen beim Spielen und Hören von klassischer Musik sind nur einige der von ihm selbst für sich in Anspruch genommenen Charakterzüge.

Die Elbphilharmonie Hamburg hat ihn nun in der Saison 2018/19 für eine siebenteilige Residenz in die Hansestadt geholt – vier Mal mit seinem Orchester musicAeterna of Perm Opera, zwei Mal mit dem neu formierten SWR Symphonieorchester, dessen erster Chefdirigent er seit Neuestem ist, dazu mit dem Mahler Chamber Orchestra. Auf den Programmen steht natürlich nur Musik der Extreme: Das Requiem von Verdi und Brahms, SchostakowitschsLeningrader“ und die Chor Oper Tristia von Philippe Hersant, die Gedichte von Kriegsgefangenen vertont. Als besonderer Leckerbissen und meistgespielte Oper aller Zeiten nimmt er sich an diesem Abend Verdis  La Traviata vor.

Teodor Currentzis wurde am 24. Februar 1972 in Athen geboren. Er besuchte ab dem Alter von zwölf Jahren Kurse für Violine am Nationalen Konservatorium in Athen. 1987 begann er ein Dirigierstudium in Athen, bevor er von 1994 bis 1999 das Fach am Sankt Petersburger Konservatorium bei Ilja Musin weiter studierte.

In den Jahren von 2004 bis 2010 war Currentzis Chefdirigent am Nowosibirsker Staatlichen Akademischen Opern- und Ballettheater in Nowosibirsk, dem größten Opernhaus in Sibirien. Dort gründete er das musicAeterna Ensemble und den „Neuen Sibirischen Sänger-Kammerchor“ und wurde für seine Arbeit dort mehrfach ausgezeichnet.

Currentzis ist seit Februar 2011 Musikdirektor des Opern- und Ballettheaters in Perm. Dazu war er seit 2011 Erster Ständiger Gastdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. 2017 hat Currentzis erstmals bei den Salzburger Festspielen dirigiert. Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 wurde er Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters.

 Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

 Mit großer Spannung und hohen Erwartungen lauschen die Zuhörer im prall gefüllte Saal der Elbphilharmonie Hamburg den rund Einhundertfünfzig Musikern auf dem Podium. Auf dem Podium? Nein, dem Dirigenten aus Perm reicht das nicht. Teile des Orchesters für die Ballszenen sind in den oberen Rängen des Hauses platziert. Zudem erklingen im ersten Akt Harfe und Tenor aus der Ferne wie aus einer anderen Welt. Die Orchestermusiker stehen bis auf die Schlagwerker, die Cellisten und einige Bläser vor ihren Notenständern und folgen ihrem Maestro bereitwillig und mit prägnanter hör- und sichtbaren Leidenschaft. Die instrumentenabsuchenden Augen des Zuhörers verwundern sich über den Anblick eines Cimbassos, welches als Kontrabass-Ventilposaune mit guter Mischung zu den übrigen Posaunen zum Einsatz kommt.

Teodor Currentzis dirigiert mit aufgeschlagener Partitur taktstocklos in seinem an einen ordentlich gekleideten Punk erinnernden Outfit. Man gewinnt bereits nach den ersten gespielten Noten den Eindruck, dass er die unzähligen Facetten von Verdis Meisterwerk wie durch einen Psychologen offenlegen und transparente, auch neue ungewohnte Klänge erzeugen möchte.

Der Beginn des Vorspiels ist in noch mäßigem Tempo gehalten und klingt fein luftig. Beim ersten Bläsereinsatz und dem Einmarsch der Solisten an die Rampe dreht es erstmals mit rhythmisch besonders akzentuierten trockenen Paukenschlägen voll auf. Durch das kleine Zusatzorchester im oberen Rang gelingt Currentzis, der fast immer lippensynchron lautlos mitsingt und scheinbar mitleidet, eine greifbare Party- und Ballatmosphäre in den Raum zu zaubern. Nicht nur hier, sondern im Laufe des langen Abends klingt das musicAeterna orchestra of Perm Opera  extrem präzise, ungeheuer dynamisch, gelegentlich aufbrausend bis zur Ekstase, oft galoppierend mit halsbrecherischem Tempo, aber nie die Linie verlierend. Im zweiten Akt beispielsweise, wenn Alfredo sein „Ogui sua aver tal femmina“ („Alles was diese Frau besaß“) gesungen hat, erklingen Crescendos wie Vulkanausbrüche, die Cellobögen kratzen über die Saiten, die Paukenschläge knallen trocken und wie Blitze zucken die Bläsersalven. Zum Ende des zweiten Aktes nimmt Currentzis das Tempo extrem langsam und lässt das Orchester fast unhörbar leise erscheinen. Das klingt alles etwas ungewohnt, erzeugt aber eine enorme Spannung und genussvolle Aufmerksamkeit.

Mit dem musicAeterna chorus of Perm Opera, den Currentzis selbst und sein erster Chorleiter Vitaly Polonsky leitet, steht zudem ein 60 köpfiger Chor der Spitzenklasse auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg. Präzise, dynamisch, textverständlich, wohlklingend, auswendig und mitreißend gestalten sie ihre Rolle, wobei sie ihrem Dirigenten blind folgen. Besonders plastisch erklingt im dritten Akt die Karnevalsszene aus dem Backstagebereich des großen Saales bei offenen Türen.

Bei den solistischen Höhepunkten der meistgespielten Oper der Welt steigt Currentzis von seinem kleinen Podium herab und kommt mit zitternden Händen direkt zu den singenden Protagonisten, um mit ihnen Blickkontakt aus allernächster Nähe einzunehmen, die gewünschten Farben in der Musik erstrahlen zu lassen und sie zu noch größeren Höchstleistungen einzupeitschen; begleitend, fordernd, führend. Ist das nur Show oder hilft es auch? Das Publikum hat es am Ende mit unglaublichen Jubelsalven klar entschieden.

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant hier Nadazhda Pavlova als Violetta Valery © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant hier Nadazhda Pavlova als Violetta Valery © Claudia Höhne

 Kommen wir zum Höhepunkt des Abends. Viele Violettas, bekannte, berühmte und weniger berührende durfte man bereits hören,  hat oft genossen, mit gelitten oder auch manchmal geweint. Mit Nadezhda Pavlova, die als Solistin an der Oper in Perm wirkt, hat man geradezu eine Idealbesetzung erleben können. Bereits im Duett mit Alfredo und spätestens in ihrer ersten Arie „E strano! E strano! In core“ („es ist seltsam im Herzen“)  und dem „Sempre libera…“ lässt sie ihren fein abgedunkelt timbrierten Sopran leuchten. Mit enormer Flexibilität, kristallklarer Strahlkraft, traumwandlerisch sicheren Koloraturen und mit den feinsten, zartesten und beinahe unhörbaren Pianissimi, die ich je zu hören bekam, singt sie sich in die Herzen der Zuhörer, die ihr am Ende zu Füßen liegen. Ganz vorsichtig und feinfühlend beginnt sie mit sicher sitzender Stimme mal wie ein zwitschernder Vogel, dann aber auch ganz wild mit glühender Eruption. Im zweiten Akt in der Szene mit Giorgio Germont haucht sie ihr „Ah no! Giammai! No! No!“ zunächst kaum hörbar und tupft dann die Spitzentöne wie Blumen auf einer Sommerwiese in das Rund des großen Saales der Elbphilharmonie Hamburg, bevor sie sich ins hochdramatische steigert ohne auch nur den Hauch einer Unsicherheit. Zu Beginn des dritten Aktes sitzt sie zunächst ganz rechts auf dem Boden des Orchesterpodiums bevor sie mit „Teneste la promessa- la disfida ebbe luogo“ („das Versprechen habt ihr gehalten; das Duell fand statt“) als mittlerweile dem Tod geweihte Kameliendame noch berührender, glaubhaft leidender in berührenden Sprechgesang übergeht. Die Zuhörerschaft erstarrt förmlich vor Ergriffenheit und dankt es der Sängerin am Ende mit nicht enden wollenden Ovationen.

Ihr zur Seite stehen zwei weitere bestens disponierte Solisten, die den Abend insgesamt zu einem musikalischen Erlebnis machen. Airam Harnández gibt den feurigen Liebhaber Alfredo Germont und Dimitris Tiliakos den die Etikette wahren wollenden Vater Giorgio Germont.

Der aus Teneriffa stammende Tenor Airam Harnández singt sich nach wenigen Momenten frei beim „Libiamo, ne´ lieti calici“ („Auf, schlürfet in durstigen Zügen„) mit baritonalem Klang, sicherer Stimmführung, einem sehr nuancierten Legato, präziser Höhe und fein dosierter Abstimmung mit seiner Partnerin Violetta. Man nimmt ihm gerne den verliebten, um Violetta kämpfenden Draufgänger ab.  Im zweiten Akt gerät sein „Lunge da lei per me“ („Entfernt von mir ist kein Glück für mich“) besonders gefühlvoll, mit fein dosierter sauberer Stimmführung, Strahlkraft und Glanz in den Höhen und beschenkt das Publikum mit dem nicht immer von allen Alfredos gesungenen sauberen „Hohen C“.

Sein Vater Giorgio Germont alias Dimitris Tiliakos, der auf der Insel Rhodos geborenen Grieche, gibt den mahnenden Entscheider über moralische Grundsätze beim „Si! Pura siccome un angelo“ (“ Rein wie ein Engel…„) mit schlankem Bariton, sauberer Stimmführung,  kerniger Höhe und bestechender Ausdruckskraft. Er leidet glaubhaft wie ein Hund bei der Verkündung seiner Entscheidung an seinen Sohn.

Mit Natalia Liaskova (Flora Bervoix), Elena Lurchenko (Annina), Nikolai Fedorov (Gastone, Vicomte de Letorières), Viktor Shapovalov (Barone Douphol), Aleksei Svetov (Marchese d’Obigny), Vladimir Taisaev (Dottore Grenvil), Konstantin Pogrebovskii (Giuseppe), Timofei Suchkov (Ein Diener Floras) und Arsenii Atlantov (Ein Dienstmann) steht ein solides, geschlossenes Ensemble eines bislang in unseren Breiten weniger bekannten Opernhauses aus Perm auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg.

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg / La Traviata konzertant mit musicAeterna of Perm © Claudia Höhne

Das Publikum feiert alle Musiker mit frenetischem Beifall, Bravostürmen und Standing Ovations. Man darf gespannt sein auf die weiteren Auftritte an diesem magischen Ort der Freien und Hansestadt Hamburg.

musicAeterna of Perm Opera spielt erneut am 26.10.2018 in der Elbphilharmonie Hamburg: Tristia, eine Choroper von Philippe Hersant  –  AUSVERKAUFT

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Mahler Chamber Orchestra – Neue Musik, IOCO Kritik, 13.06.2017

Juni 14, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Mahler Chamber Orchestra und Teodor Currentzis 

Spektakulärer Tanz in ferne Welten und meditative Stille

Von Sebastian Koik

Das Mahler Chamber Orchestra ist nach ihrem Besuch im Februar am 7. Juni 2017 zum zweiten Mal in der Elbphilharmonie zu Gast, diesmal ausschließlich mit Neuer Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diesmal unter der Leitung von Teodor Currentzis, der als einer der aufregendsten und gehyptesten Dirigenten der Gegenwart gilt und vom Magazin Opernwelt  zum aktuellen Dirigenten des Jahres gekürt wurde. Als Enfant terrible und Rebell wird er oft bezeichnet, er gilt als radikal und kompromisslos in seinen musikalischen Vorstellungen und ging für ungestörtes Arbeiten nach Perm in die russische Provinz, von der aus er die Bühnen der Welt erobert und gefeierte Aufnahmen einstudiert. Er hat den Ruf eines Musikbesessenen, der auch von seinen Mitstreitern größte Leidenschaft und Nachtschichten fordert.

Teodor Currentzis kommt in Hamburg in extravagantem Gothic-Look mit hautengen Hosen und Stiefeln auf die Bühne – und mit großer Ausstrahlung und Charme. Und alleine seine Performance am Pult ist das Eintrittsgeld wert. Besonders im zweiten Teil des Abends ist es ein spektakulärer und schöner „Tanz“ den er auf der Bühne aufführt. Er tänzelt zur Seite, nach hinten und stößt auch mal wie im Fechtkampf nach vorne. Ohne Taktstock arbeitend, erinnert er beim expressiven Gestikulieren mit seinen Armen an einen Magier beim Rezitieren von Zaubersprüchen. Und der Zauber wirkt. Er bildet eine enge Einheit mit den Musikern, führt mit großer Spannung durch das anspruchsvolle Programm. Currentzis atmet mit dem Chor und dem Orchester. So aktiv und körperlich der Dirigent auch agiert, die Musik, die erklingt, ist über weite Strecken wie eine lange Meditation, ruhig und asketisch, fremd und fern. Ätherisch, verträumt, vergeistigt.

Das Konzert beginnt mit einem knapp vierminütigen Wachmacher von Luciano Berio für ein Blechbläserquintett. Danach ist die Aufmerksamkeit im Saal ganz oben und das Publikum gespannt auf das Kommende.

Es folgt Lux aeterna von Györgi Ligeti, der Chor klingt körperlos, gespenstisch, unheimlich, wie aus einer anderen Welt oder einem Totenreich herübergesungen, auch könnte man sich vorstellen, dass es auf irgendwelchen seltsamen Planeten in den fernsten und dunkelsten Ecken des Weltraums so klingen könnte. Ähnlich dachte auch der Filmemacher Stanley Kubrick und nutze diese Musik neben zwei weiteren Ligeti-Werken für seinen legendären Film 2001: A Space Odyssey. Manchen Musikexperten gefiel das nicht, weil wieder einmal avantgardistische Musik dafür herhalten musste, um Gefahr, Bedrohung oder auch nur Unerklärliches zu signalisieren. Ligeti sah das unkritischer und entspannter, und das obwohl er von Kubrick weder um Erlaubnis für die Verwendung seiner Musik gefragt wurde, noch dafür bezahlt wurde. Obwohl er beim Komponieren nie an kosmische Dinge gedacht habe, fand Ligeti seine Stücke hervorragend platziert und ideal zu Kubricks Weltraumfantasien passend. Den Musikklau bei Ligeti wiederholte Kubrick übrigens bei zwei weiteren seiner filmischen Meisterwerke: bei The Shining und Eyes Wide Shut.

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Sophia Burgos und Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Sophia Burgos und Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Ligetis in 2001: A Space Odyssey eingegangenes Werk gehört dem Typus an, den der Komponist als zugleich „statisch“ und „kontinuierlich fließend“ bezeichnete. Einerseits wirkt die Musik wie Vorgänge, die stark gedehnt und wie in Zeitlupe ablaufen, andererseits verbirgt sich hinter der konstanten atmosphärischen Stimmung und dem unveränderlichen Charakter der Musik eine mikroskopische Welt kleingliedriger Bewegungen. Der Eindruck ist der einer Musik ohne Anfang und Ende, wie einem Ausschnitt aus einem unendlichen Kontinuum. Damit hat Ligeti seine kompositorische Intention hervorragend umgesetzt: „die Schaffung eines illusorischen musikalischen Raumes, indem das, was ursprünglich Bewegung und Zeit war, sich als Unbewegliches und Zeitloses darstellt“. Seine schwebenden Klangfelder und die scheinbare Ereignislosigkeit dieser Musik waren eine kleine Revolution für die Chormusik. Auch heute, 51 Jahre nach ihrer Entstehung hat diese Musik nichts von ihrer fremdartigen Wirkung verloren. Doch auch wenn das anfangs interessant und faszinierend klingt, außer den Fans dieser speziellen Musik, können viele im Publikum offenbar nicht viel damit anfangen, die Unruhe im Publikum ist groß und obwohl vor dem Konzert alle noch gesund schienen, bricht plötzlich das große Husten aus – was bei dieser fragilen Musik den noch nicht ausgestiegenen Zuhörern das Dranbleiben stark erschwert.

Als drittes Stück des Abends steht Lonely Child vom Franco-Kanadier Claude Vivier auf dem Programm, der in Darmstadt und Köln bei Karlheinz Stockhausen studierte. Ursprünglich sollte Barbara Hannigan den Sopran singen, doch leider musste sie nur fünf Tage vor dem Konzert absagen. Die meisten Besucher werden die Besetzungsänderung erst mit Blick ins Programmheft festgestellt haben und zunächst enttäuscht gewesen sein, so wie meine Sitznachbarn, die explizit wegen Barbara Hannigan aus Süddeutschland angereist waren. Stattdessen singt die puertoricanisch-amerikanische Sopranistin Sophia Burgos, die in ihrer Ausbildung wesentliche Impulse von ihrer Mentorin Barbara Hannigan erhielt, sicher auch zum heutigen Programm.

Denn als junge Studentin war die ursprünglich eingeplante Barbara Hannigan fasziniert und beeindruckt von Viviers Musik, aber auch etwas verwirrt. Als sie sich erstmals auf die Aufführung von Lonely Child vorbereitete, suchte sie Marie-Danielle Parent auf, die Sängerin, für die Vivier 30 Jahre zuvor das Stück geschrieben hatte. Im Gespräch erfuhr sie viel über das Lied und den Komponisten. Marie-Danielle Parent charakterisierte Claude Vivier als einen Menschen, der als Komponist die Reinheit eines Kindes hatte und der als Mann mit dem Feuer spielte. Sie betonte, wie wichtig es sei, in diesem Stück mit dem Gesang zwei Seiten zu verkörpern: Die Kinderwelt und die leidenschaftliche und auch verzweifelte Welt der Erwachsenen. Der Text von Lonely Child ist sehr persönlich, stark von Viviers Biografie geprägt: Es ist teils das Wiegenlied einer idealisierten Mutter, teils ein Gebet an die Jungfrau Maria, teils ein Liebeslied, das an den Tadzio, den schönen Knaben aus Thomas Manns Der Tod in Venedig gerichtet ist.

Der Text ist sehr beruhigend und tröstend, soll sicher in den Schlaf führen. Es versichert dem Kind, dass er nicht alleine sein wird, in der Nacht „werden sanfte Feen kommen, um zu tanzen mit dir“, „Schwalben werden deine Schritte führen“. Das Lied entführt in eine Märchenwelt, erzählt von Merlin, Zauberern, Trapezkünstlern, den Sternen, der Fee Carabosse und ihrem Jadepalais sowie der Königin der blauen Morgenstunde. Am Ende heißt es: „Zärtlich werden deine grünen Augen aus den Fetzen alter Geschichten schöpfen, um eine zu schaffen, die wahrhaft die deinige ist …“.  Der Text ist Französisch, unterbrochen von zwei Passagen in einer Fantasiesprache, die Vivier erfand, und sich aus Sprachen ableitet, die er auf seinen Reisen durch Südostasien hörte, wohl vor allem Malaysisch.

Sofort mit den ersten von Sophia Burgos gesungenen Tönen dürfte jegliche Skepsis im Publikum verschwunden sein. Die junge Sopranistin begeistert sofort mit wunderschönem Gesang, der erdenfern klingt und in ein Reich der Träume entführt. Sie berührt mit verzauberter, feenartigen Stimme, glockenhell, klar, intensiv, substanzreich. Souverän, sehr expressiv und dramatisch artikuliert sie die Worte und Laute in der exotischen Fantasiesprache. Auch in tieferen Lagen singt sie gut, allerdings nicht ganz so magisch und berührend wie in mittleren und höheren Registern. Es ist ein Erlebnis, Sophia Burgos zuzuhören, die in den letzten zwei Jahren viele hochgelobte und ausgezeichnete Auftritte hatte und in Hamburg ihren exzellenten Ruf bestätigt. Sie ist am Anfang ihrer Karriere, nach ihrem Master- Abschluss am renommierten Bard College bildet sie sich aktuell weiter fort und macht in Basel einen Master in Zeitgenössischer Musik. Von dieser begnadeten und leidenschaftlichen Sopranistin dürfte in Zukunft noch viel zu hören sein!

Das Orchester spielt die langsam dahinfließende Musik makellos, immer wieder erklingen ungemein effektvolle Glockenschläge, einmal urgewaltige Paukenschläge. Es ist große Spannung in der Komposition und in der Umsetzung.

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Teodor Currentzis © Daniel Dittus

In der zweiten Hälfte ertönt das etwa einstündige Werk Coro von Luciano Berio, über das der Komponist sagt, dass er darin „sehr unterschiedliche volkstümliche Techniken und Klanggesten aus verschiedenen Kulturkreisen präsentiert und gelegentlich kombiniert, ohne Bezug auf bestimmte einzelne Lieder“ zu nehmen. Textliche Grundlage sind Texte und Dichtungen aus indianischen Sprachen, aus Polynesien, Afrika, Lateinamerika, Persien, dem Balkan, Piemont und Venedig. Es sind schöne Zeilen darunter:

Aus Gabun:
Es ist so schwer Ein Lied zu machen
Wünsche erfüllt zu bekommen
Ich gehe oft zu diesem Lied zurück
Ich will es oft wiederholen

Aus Persien:
Komm in meine Nähe
Auch wenn du ein Messer hast
Um mich zu verwunden
Die Nacht ist lang
Zu lang

Von den Sioux-Indianern:
„Gewähre du mir diesen Tag
Jetzt – hier …

Aus Kroatien:
Ich gehe wohin meine Gedanken gehen
Ach, gegen die Liebe kommt nichts an

Innerhalb der Texte aus aller Welt wird in unterschiedlicher Länge immer wieder eine Zeile aus einem Klagetext vom chilenischen Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda über die Schrecken der Welt wiederholt und sich auf den Militärputsch gegen Salvador Allende in Chile im Jahre 1973 bezieht: „Kommt und seht das Blut auf den Straßen.“

In der Musik ist große Spannung, sie klingt mal unheimlich, mal bedrohlich und manchmal ertönen sehr vielschichtig unterschiedliche Stile gleichzeitig. Es gibt eine sehr schöne Stelle, in der Sänger und Instrumente nur je einen Ton erzeugen und im Zusammenspiel daraus eine Melodie im Stile kraftvoller Minimal Music entsteht. Ungewöhnlich ist die Anordnung der Musiker, die Sänger und Instrumentalisten sitzen durchmischt nebeneinander, Berio wollte Stimme und Instrument verstärken. Zusammen klingen die Stimmen des Musicaeterna Chores enorm stark und schön. Jeder im Chor hat in diesem Stück auch solistische Aufgaben, immer wieder erheben sich einzelne Sänger und singen allein. Einige von ihnen klingen als Solisten ein wenig dünn, doch viele von ihnen haben eine sehr kraftvolle, klare, substanzreiche Stimme und überzeugen oder begeistern als Solisten. Besonders die griechische Sopranistin Eleni Lydia Stamellou beeindruckt mit einer zauberhaften Performance auf allerhöchstem Niveau und in vollkommener Schönheit. Bei den Herren sticht besonders der Bass Viktor Shapovalov mit einem intensiven und berührenden Solo hervor.

Die Umsetzung von Coro ist bis auf winzige Abstriche bei einigen Gesangs-Solisten auf allerhöchsten Niveau. Das Stück selbst ist für den durchschnittlichen Konzertbesucher aber schon sehr schwere Kost und begeistert nur Liebhaber dieser speziellen Neuen Musik. Auch viele für Neues offene Hörer steigen im Verlauf der sechzig Minuten aus. Die meisten Gesichter sehen gelangweilt aus. Es gibt Besucher, die einschlafen, und nicht wenige aus dem Publikum verlassen während des Stückes den Saal, einige sogar fluchtartig und klettern dafür sogar über Sitze – eine unrühmliche Premiere in der Elbphilharmonie.

Die verbleibenden Zuschauer spenden den wunderbaren Musikern großen Beifall. Fans der Musik jubeln. Und sie erleben als Zugabe Immortal Bach, eine Bearbeitung des Bachchorals Komm, süßer Tod von  Knut Nystedt. Das singt der Musicaeterna Chor absolut grandios, packend und gefühlvoll. Vielleicht wurde das Stück nie schöner gesungen als von diesem Chor in diesem Moment. Danach ist der Applaus so richtig begeistert und es gibt Standing Ovations.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—