Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Mefistofele – Arrigo Boito, IOCO Kritik, 23.06.2019

Juni 23, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Mefistofele – Arrigo Boito

– nach Labor und Disco – die Erlösung im Himmel  –

von Peter Schlang

Als achte und letzte Premiere in der ersten Spielzeit ihres neuen Intendanten Viktor Schoner kam der Stuttgarter Staatsoper am 16. Juni  Mefistofele auf die Bühne. Es ist die einzig vollendete Oper von Arrigo Boito, 1842 – 1918; Opernfreunden vor allem als Librettist des Spätwerks Giuseppe Verdis bekannt. Mit diesem Werk  wollte man in Stuttgart nicht nur die Auseinandersetzung mit verschiedenen Fassungen des Fauststoffes fortsetzen, sondern (vielleicht) auch den Beweis antreten, dass die sich hartnäckig haltende Meinung, Boitos Begabung läge mehr im literarischen als im musikalischen Bereich, ein Vorurteil ist. Um es vorweg zu nehmen: Dieses Ziel wurde nicht (ganz) erreicht, was auf gar keinen Fall den musikalisch Beteiligten angelastet werden darf, die allesamt am Premierenabend eine respektable bis vorzügliche Leistung boten.

Arrigo Boito, begeisterterer  Anhänger Richard Wagners, was in seiner Oper an vielen Stellen heraushört, versucht in Mefistofele, das Bewährte der Italienischen Belcanto-Oper mit dem (deutschen) Musikdrama zu einer neuen Form zu verschmelzen. Dazu verknüpft er klangmächtige Vor- und Zwischenspiele, zum Dahinschmelzen schöne Arioso, die den transparenten Parlando-Stil Puccinis genauso vorwegnehmen wie sie das Kraftvoll-Italienische seines großen Kollegen Verdi nachahmen, mit wirkmächtigen, groß besetzten Chorszenen. Außerdem zeigt Boito, dass er als Komponist um die musikalischen Wurzeln und Ursprünge weiß, denn sein Mefistofele offenbart zahlreiche Anleihen aus früheren musikalischen Epochen.

Mefistofele – Arrigo Boito
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

All dies ist handwerklich gut gemacht, anfangs recht unterhaltsam und leicht und angenehm zu hören, auf Dauer aber häufig schnell durchschaubar und lässt die musikalisch-dramatische Zuspitzung und Abwechslung vermissen.

Daniele Callegari, für diese Neu- Produktion aus Mailand nach Stuttgart geholter Spezialist für das italienische Ouevre, versucht alles, um aus Boitos Musik einen fesselnden, Opernabend zu machen und animiert das Staatsorchester Stuttgart zum veritablen Klangsurfen auf Boitos Klangwellen, wobei er deren Wucht bei den eher seltenen Stellen intimen Innehaltens nicht immer entschieden  zu drosseln vermag. Für den ebenfalls kraftvoll auftrumpfenden Staatsopernchor sind Callegari und sein Orchester ein sicherer, kongenialer Begleiter, die mit dazu beitragen, das von Manuel Pujol wieder hervorragend präparierte (erwachsene) Gesangskollektiv wie so häufig in Stuttgart zu einem Star des Abends werden zu lassen. Dass einem in Stuttgart auch um den Chornachwuchs nicht Angst werden muss, bewies der Kinderchor, den Bernhard Moncado  stimmlich wie darstellerisch bestens auf seine frischen, nicht selten wirbelnden Einsätze vorbereitet hatte.

Staatsoper Stuttgart / Mefistofele - hier :  Mika Kares als Mefistofele © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Mefistofele – hier : Mika Kares als Mefistofele © Thomas Aurin

Als weiterer stimmlicher Leuchtturm des Abends entpuppte sich der finnische Bass Mika Kares, welcher für die Titelfigur nicht nur stimmlich das Dämonisch-Abgründige mitbringt und seinen tief grundierten Bass wunderbar durch die zweieinhalbstündige Aufführung gleiten lässt, sondern auch darstellerisch alles an Dämonischem und Teuflischem bereithält, das man von seiner Rolle nun einmal erwarten darf. Dennoch sind dem Mefistofele Kares‘ auch menschliche Züge nicht fremd, etwa wenn er mit Verzweiflung  und Abscheu und Stöhnen und Jammern auf die sphärischen Klänge der himmlischen Heerscharen reagiert und sich ostentativ die Ohren zuhält.

Gegen diese Vollblut-Theaterfigur hat es der Faust Antonello Palombis, der mitten in den Proben für den erkrankten, ursprünglich vorgesehenen Gianluca Terranova einsprang, naturgemäß schwer. Der Sänger gibt jedoch sein Bestes und überwindet im Verlauf des Abends anfängliche leichte Unsicherheiten und Schärfen in den Höhen. Ansonsten wird er im Gegensatz zu seinem teuflischen Widerpart von der Regie ziemlich allein gelassen, worüber noch zu schreiben sein wird.

In der Doppelrolle Margheritas und Elenas liefert die junge, zu Beginn der Spielzeit ans Haus gekommene Sopranistin Olga Busuioc (Foto) ein begeisterndes, zu größten Belcanto-Hoffnungen  berechtigendes Rollendebüt und meistert klangschön und scheinbar federleicht alle stimmlichen Herausforderungen, auch ihre teilweise gewagten Koloraturen.

Staatsoper Stuttgart / Mefistofele - hier :  Olga Busuioc als Margherita © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Mefistofele – hier : Olga Busuioc als Margherita © Thomas Aurin

Ebenfalls ohne Einschränkung überzeugten die beiden übrigen, (noch)  zum Internationalen Opernstudio der Stuttgarter Oper gehörenden Protagonisten, die aus Kolumbien stammende Mezzo-Sopranistin Fiorella Hincapié in der Doppelrolle der Marta und der Pantalis sowie der junge amerikanische Tenor Christopher Sokolowski als Wagner bzw. Nerèo. Dieses Solisten-Quintett beweist auch, solistisch wie in den zahlreichen, unterschiedlich besetzten Ensemble-Szenen, die Richtigkeit des nach wie vor in Stuttgart praktizierten Ansatzes, so häufig wie möglich auf hauseigene Kräfte statt auf große Namen zu setzen und dabei auch dem Sängernachwuchs so früh wie möglich seine Chancen zu geben.

Bleibt zum nicht ganz so guten Schluss dieser letzten Stuttgarter IOCO – Premieren-Besprechung dieser Spielzeit ein Blick auf die Arbeit des Regieteams. Als dieses hatte man den Regisseur Àlex Ollé vom so hoch gepriesenen katalanischen Theater-Kollektiv La Fura dels Baus, den  Bühnenbildner Alfons Flores und den Kostümbildner Lluc Castells verpflichtet. Das war sicherlich nicht nur ein bemerkenswerter Marketing-Coup, sondern sorgt in der Aufführung – vor allem anfänglich – für manches Staunen und einige äußerst spektakuläre und  theaterwirksame Momente.

Diese waren aber in erster Linie das Verdienst der beiden Ausstatter, bei denen Lluc Castells mit seinen aufwändigen, äußerst abwechslungsreichen und sehr auffallenden  Kostümen zumindest optisch die Nase vorne hatte. Dafür, dass sich diese und ihre Träger wirkmächtig in Szene setzen konnten, sorgte – technisch und theater-architektonisch eine Meisterleistung –  Alfons Flores mit einer in allen Richtungen verschiebbaren Gerüst-Konstruktion. Mit ihren unterschiedlich zu bespielenden drei Ebenen verkörperte sie, völlig naturfern und etwas zu zeitgeistig, die Unterwelt wie den Himmel und bot auch den von diesen umschlossenen verschiedenen irdischen Spielstätten eine regie-freundliche, äußerst theaterwirksame Basis, die durch zwei seitliche Treppen ein weiteres dramaturgisch äußerst wirkungsvolles Element erhielt, das für imposante Auf- und Abtritte genutzt wird. Anfänglich ist sie ein steriler Laborraum, an dem in einer Art  Versuchsanordnung 36 in aseptisches Weiß gekleidete und mit Forschungs-, genauer Sezier-, vielleicht auch Manipulationsarbeiten beschäftige Wissenschaftler (siehe youtube Trailer) zu sehen sind. Deren Arbeit wird durch Mefistofeles beendet, der anschließend alle Laborplätze, auch Fausts erst sehr spät geräumten, desinfiziert. Später ist die Bühnenkonstruktion abwechselnd mal Diskothek, mal Schauplatz der Walpurgisnacht, dann Kerker und Hinrichtungsort Margaretes und schließlich wieder der Himmel, in den der hilflose, sich verladen vor-kommende Mefisto seine sicher geglaubte Beute Faust entschwinden lassen muss.

Staatsoper Stuttgart / Mefistofele - hier :  Olga Busuioc als Margherita, Mika Kares als Mefistofele, Antonello Palombi als Faust © Thomas Aurin

Staatsoper Stuttgart / Mefistofele – hier : Olga Busuioc als Margherita, Mika Kares als Mefistofele, Antonello Palombi als Faust © Thomas Aurin

Die meisten dieser Szenen entfachen – zumindest zunächst – einiges an   theatralischem Aufsehen und besitzen durchaus dramaturgische Sogkraft, reichen aber nicht aus, um daraus einen dramaturgisch dichten und ideenhaft nachhaltig wirkenden Theaterabend zu machen und eine über optische Reize hinausgehende Wirkung zu erzielen.

Zum offensichtlichen Manko dieser Neuinszenierung, die als Ko-Produktion  mit der Opéra de Lyon dort schon am 11. Oktober des vergangenen Jahres Premiere gefeiert hatte,  trägt nicht nur bei, dass die Möglichkeiten der geschilderten Theaterlandschaft begrenzt und nach nicht allzu vielen Bildern ausgereizt sind. Als Hauptverantwortlichen dafür, dass die eigentliche Botschaft des Stücks eher diffus bleibt und nur in Ansätzen wahrnehmbar wird, muss der kritische Betrachter den  Regisseur Àlex Ollé und seine in Stuttgart mit der szenischen Einstudierung betrauten Kolleginnen bzw. Assistentinnen Susana Gómez und Tine Buyse ansehen und benennen. Sie schaffen es nicht, eine schlüssige, den Kern treffende Personen-führung und –zeichnung einzubringen; belassen es bei allgemeingültigen, sich häufig wiederholenden, schnell abnützenden Bewegungsabläufen und Anordnungen – gerade auch in den großen Ensembleszenen. So stellt sich vor dem Auge des Betrachters und in dessen Denk- und Fühlzentrum spätestens nach dem zweiten Akt eine gewisse dramaturgisch-optische Langeweile ein, die vor allem wegen der ausführlich gelobten musikalischen Ebene nicht dazu führt, dass man ein baldiges, vorgezogenes Ende dieses Opernabends herbeisehnt.

Da hat man in Stuttgart schon häufig – und das auch und gerade in dieser ersten Saison unter der neuen Leitung – besseres, aufregenderes und unterhaltsameres Opern-Regie-Theater erlebt. So gesehen wurden die so hochgesteckten und  durch entsprechend medienwirksamen Einsatz geweckten Erwartungen, die mit dem Namen  La Fura dels Baus verbunden sind, doch erheblich enttäuscht. Ein gewichtiger Grund, sich diese Opernausgrabung nicht anzusehen und anzuhören, ist dies allerdings dann doch nicht.

Ob der Verfasser dieser Zeilen mit seinen Beobachtungen allein war oder ob andere Premierengäste es ähnlich empfanden, ließ sich am Ende des Abends nicht eindeutig feststellen. Das  Regieteam befand sich nämlich am Premierentag, wie es im Besetzungszettel entschuldigend zu lesen war, bereits zur Vorbereitung einer Neu-Inszenierung in Tokio und fehlte daher beim Schluss-Applaus. So gab es einmütigen, lang anhaltenden Beifall für die musikalische Seite dieses Stuttgarter Mefistofele, der berechtigterweise gleichermaßen den Solistinnen und Solisten wie den drei Kollektiven  galt.

Medistofele an der Staatsoper Stuttgart; die weiteren Vorstellungen 22., 24., 29. Juni sowie 04., 07., 12. Juli  2019

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck, IOCO Kritik, 03.05.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Iphigénie en Tauride – Christoph W. Gluck

– Flash-back in der Seniorenresidenz –

von Peter Schlang

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Angeregt durch das in Richard Wagners Lohengrin,  der ersten Premiere Viktor Schoners als Stuttgarter Operndirektor, ausgesprochene Frageverbot, überschrieben der neue Intendant und sein Dramaturgen-Team alle Neuproduktionen ihrer ersten Stuttgarter Saison  mit einer jeweils passenden und sinnstiftenden Leitfrage. Nach dem „Wem glaubst Du?“, mit dem die letzte Premiere Nixon in China versehen worden war, feierte am 28. April Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride unter dem ebenfalls recht existenziellen Interrogativ  „Wem vergibst Du?“ in der Inszenierung des  polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski im „Haus am Eckensee“ Premiere. Angesichts der Kette von Verrat, Intrige, Mord und darauf folgendem Rachemord, von denen Glucks 1779 in Paris uraufgeführte Reformoper erzählt, ist dieses Motto treffend wie anspruchsvoll gewählt und verheißt notwendigerweise eine Antwort mit zahlreichen Namen.

Iphigénie en Tauride – Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Deren Trägerinnen und Träger kommen in dieser packenden Stuttgarter Neu-Inszenierung, welche auf einer 2006 für die Opéra national de Paris geschaffenen Produktion basiert, auch alle tatsächlich vor. Der Regisseur wählt nämlich als Rahmen für die Opernhandlung die Methode des Spiels im Spiel, hier als Traum-Bilder der Titelheldin.

Iphigénie en Tauride  in Stuttgart – Subtiles Traumgebilde

In Stuttgart träumt Iphigenie die Träume wichtiger Stationen ihres Lebens – und damit der Opernhandlung – in einem offenbar ausschließlich Frauen vorbehaltenen Altersheim. Dort sieht man sie in der Eingangsszene nach dem mitreißend vorgetragenen orchestralen Gewittersturm, aber auch in späteren Szenen, wie sie in einer Schachtel mit alten Familienfotos wühlt und sich dabei an ihr Leben prägende Ereignisse erinnert.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck - hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph W. Gluck – hier :  Amanda Majeski als Iphigénie © Martin Sigmund

Diese Erinnerungshandlung wird von einem stummen Chor älterer Damen vorbereitet und begleitet, den Warlikowski der Titelheldin anstelle der griechischen Priesterinnen an die Seite stellt. Sie sind wie Iphigenie Bewohnerinnen dieser heruntergekommenen, verblichenen Glanz verbreitenden und die Atmosphäre eines „Nicht-Zuhauses“ ausstrahlenden Seniorinnen-Residenz. (Bühne und Kostüme: Margorzata Szczesniak).Als zusätzliches, tiefenpsychologisch wirkendes Element schaltet die Bühnenbildnerin dem Bühnenraum an ausgewählten Stellen eine verschiebbare Spiegelwand vor, die nicht nur den dann an den Brüstungen der Ränge angestrahlten Zuschauerraum und die am Proszenium agierenden Protagonisten spiegelt, sondern durch eine raffinierte  Technik auch Durchblicke auf die Hinterbühne und die sich dort abspielenden Rückblenden ermöglicht.

Für diese Rückblenden und Kommentare setzt der Regisseur vorwiegend die erwähnten neun alten Damen ein, die von teilweise schon seit Jahrzehnten an der Stuttgarter Oper wirkenden Statistinnen verkörpert werden. Im Verlauf der gut zweistündigen Opernhandlung übernimmt dieses Nonett  nicht nur die Rolle des Chores der antiken Tragödie, sondern spiegelt auch den gleichförmigen Alltag eines Altenheims, was nicht zuletzt durch eine tageszeiten-typische und anlass-gemäße Kleidung der Damen unterstrichen wird.

Neben dem eindrucksvollen Äußeren dieser Seniorinnen-Equipe, das auf satt gelebte Leben wie auf diese prägende harte Schicksale schließen lässt, gibt das sehr gut gestaltete Programmheft Aufschluss über Bedeutung und Hintergründe  dieses packenden Inszenierungsdetails: Dort schildern die neun Statistinnen – die älteste  Darstellerin ist 95 (!) Jahre alt – Episoden  ihres Lebens und ziehen dabei Parallelen zur Situation und zum Schicksal Iphigenies und deren Familie.

Und wie Iphigenie wurden auch ihre hier agierenden Geschlechts- und Schicksalsgenossinnen unübersehbar durch familiäre Strukturen, die entsprechenden Rollenbilder, den Umgang mit Verlusten und Abschieden und  das Verhältnis von Erinnern und Vergessen oder auch Verschweigen  gezeichnet. Nicht zuletzt machen diese Frauen aber auch deutlich, wie stark Krieg  und Vertreibung und ihre Folgen für Familienzusammenhänge sich ganz besonders auf weibliche Biographien auswirken und diese nachhaltig prägen.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck;- hier: Renate Jett als Iphigénie, und Ensemble der Staatsoper Stuttgart © Martin Sigmund

Dieses behutsame Aufzeigen von Parallelen ist ein ausgesprochen kluger Zug der Regie, der nicht nur  eine Brücke in unsere Gegenwart schlägt, sondern auch relativ spielerisch Assoziationen zu Formen heutiger Schuld und Vergangenheits-bewältigung ermöglicht. Nicht zuletzt  öffnet dies den Blick auf tagesaktuelle Themen, wie etwa die Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht gesucht und gefunden haben. Wenn man in diesem Zusammenhang etwas Kritisches anmerken möchte, wäre es der kleine Makel, dass man sich an anderen Stellen vom Regisseur etwas mehr Mut zu aktuellen Bezügen oder ein stärkeres Bekenntnis zu Christoph Willibald Glucks immer wieder hervorgehobener Rolle als Opernreformer gewünscht hätte. Andererseits zeichnet sich Warlikowskis Regie immer wieder durch kluge, sinnvolle Akzente und Einfälle aus. So setzt er als weiteres Stilmittel und Element zur Vergangenheitsbewältigung Iphigenies und zur traumhaften wie traumatischen Illustration ihrer Rückblicke einen weiteren stummen Chor ein, der sich aus den Mitgliedern von Iphigenies Kernfamilie zusammensetzt.  Diese letzte Generation der Atriden,  ergänzt um Iphigenies Fast-Ehemann Achill, bespielt mehrmals den Hintergrund oder eine Seite der Bühne, dabei stets ordentlich aufgereiht wie auf einem Familienfoto. Wenn sich dann je nach Szene die junge Iphigenie, von der erstmals in Stuttgart auftretenden Amanda Majeski stimmlich wie darstellerisch unnachahmlich wiedergegeben, unter ihre Nächsten mischt, stellt sich wirklich ein Gefühl von Traum und Déjà-Vu ein, welches alle Grenzen verschmelzen lässt und der Opernbühne und –handlung zu deren einzigartiger Wirkung verhilft.

Dass dieses so möglich wird, verdanken die neue Stuttgarter  Iphigenie und das diese atemlos verfolgende Publikum neben der erwähnten fabelhaften Sängerin der Iphigenie der ungeheuer plastisch und detailgenau agierenden Schauspielerin Renate Jett, welche die alte Iphigenie zu einer bemitleidenswerten wie faszinierenden, vom Leben gezeichneten Erscheinung formt.

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck - hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Iphigénie en Tauride von Christoph Willibald Gluck – hier : v.l.n.r.: Jarrett Ott als Oreste, Elmar Gilbertsson als Pylade, Gezim Myshketa als Thoas © Martin Sigmund

Neben diesem Iphigenien-Duo, bei dem nochmals die ungeheure stimmliche Präsenz Amanda Majeskis herausgestellt sei, die mit ihrem nur anfangs etwas spröde und in den Höhen leicht scharf klingenden, dann aber wundervoll biegsamen  und expressivem Sopran eine dichte musikalisch-psychologische Wirkung erzielt, überzeugen auch die Darsteller der drei männlichen Rollen. In der Folge ihres Auftretens sei hier zunächst Gezim Myshketa genannt, der mit seinem dunklen, tiefgründig-rauen Bass dem Taurenkönig Thoas genau die angsteinflößende, dämonische Note verleiht, die man von einem als Despoten und Barbaren verschrienen Mannsbild erwartet. (Auch Ausstatter und Maskenbildner leisten hier fast mehr als eigentlich nötig, um dieses Bild herauszustreichen.) Stimmlich wie darstellerisch vom Feinsten präsentiert sich auch das griechische Freundesduo Oreste und Pylade, das nicht nur in seinem Duett am Ende des zweiten Aktes sehr berührt.  Dabei hat Jarett Ott als Iphigenies Mutter-mordender Bruder mit seinem weichen, unangestrengten und sehr beweglich geführten Bariton wegen der Anlage seiner Rolle ganz leichte Vorteile. Aber auch  Elmar Gilbertsson füllt mit seinem ungemein geschmeidigen und klangreinen Tenor die Rolle des Pylade ohne Abstriche stimmig und glaubhaft aus.

Gleiches gilt für die aus dem Bühnen-Off singenden Carina Schmieger als sehr empathisch-ausdrucksstarke Göttin Diana, Ida Ränzlöv als jeweils stimmsichere wie rollen-genaue Griechin und Priesterin und  Elliott Carlton Hines, der die beiden Rollen des Skyten und von Thoas‘ Aufseher mit schönem Timbre artikuliert.

Eine  herausragende Arbeit muss erneut dem stellvertretenden Chordirektor Bernhard Moncado bescheinigt werden, der den Staatsopernchor punktgenau und hervorragend auf seine besondere Rolle in dieser Produktion eingestellt hat. Der Chor agiert unsichtbar aus den Bühnenhintergrund bzw. vom hinteren Orchestergraben, und nicht nur seine schwarze Konzertkleidung, die er beim Schlussapplaus auf der Bühne präsentiert, verleiht seinem gesamten Auftreten etwas Oratorienhaftes, ja Sakrales. Dazu trägt auch die bekanntermaßen höchste Gesangskultur dieses Stimmen-Kollektivs bei, das seine Partien an vielen Stellen wie in eine andere Sphäre entrückt gestaltet.

Wunderbar (Wenn man die anderen Produktionen dieser Spielzeit nicht gesehen hätte, müsste man das Adjektiv erstaunlich oder überraschend verwenden.) und als höchst verlässliches musikalisches Zentrum dieser sich auf allerhöchstem Niveau bewegenden Aufführung agiert erneut das Staatsorchester Stuttgart. Der in der Pressemitteilung zur Premiere zu Recht als Barock-Experte eingeführte Stefano Montanari lässt es  in schillernden Farben, äußerst beweglich, höchst dynamisch, und mit überbordendem Klangsinn und dennoch großer Sängerfreundlichkeit musizieren. Und es spricht für die Qualität dieses früher oft als „Beamtenorchester“ verspotteten Klangkörpers, dass es mit Glucks Musik dem berühmten Stuttgart-Sound des untergegangenen Radiosinfonie-Orchesters des Südwestrundfunks sehr nahe kommt – und dies gerade drei Wochen, nachdem es mit der Minimal-Music von John Adams‘  Nixon in China auf einem ganz anderen musikalischen Terrain seine großen Qualitäten unter Beweis gestellt hat.

So gilt der einhellige, sich bis zum Jubel steigernde Beifall des Premierenpublikums gerechterweise allen Akteuren, den musikalischen wie den die Aufführung vorbereitenden und leitenden. Und auch der kritischste und anspruchsvollste Beobachter muss Viktor Schoner in seiner ja noch jungen Stuttgarter Intendanz eine bisher nahezu makellose Bilanz zugestehen.

 Iphigénie en Tauride an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 02., 05., 10., 12., 14., 19. und 30. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 22.03.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze

– Träume und Visionen – Wirkmächtiger als reales Handeln ? –

von Peter Schlang

Am 17. März 2019 hob sich in der Stuttgarter Staatsoper der Vorhang für die fünfte Neuproduktion der ersten Spielzeit des neuen Leitungs-Duos Viktor Schoner und Cornelius Meister. Zu sehen war – und ist in weiteren Vorstellungen noch bis 4. Mai – als Stuttgarter Erstaufführung Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg, in dessen revidierter Fassung von 1991. Gleichzeitig wurde damit das erste Frühjahrsfestival der Stuttgarter Staatsoper eröffnet, das noch bis zum 15. April 2019 dauert und unter dem Motto „wirklich wirklich“ steht. Das Haus am Eckensee widmet sich dabei den Phänomenen von Wirklichkeitskonstruktionen und Realitätsverschiebungen sowie dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Wie im Weiteren zu zeigen sein wird, war Henzes Prinz von Homburg mit seinem verschiedenen (Traum-)Welten verhafteten Protagonisten der perfekte Auftakt für diese musikalische Versuchsanordnung, die am 13. April von einem „Wirklichkeitskongress“  theoretisch unterfüttert werden wird.

Der Prinz von Homburg  –  Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Cornelius Meister und Probeneinblicke II
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Libretto zu Henzes Musik wurde 1958/59 von Ingeborg Bachmann geschrieben, die sich dazu zwar des gleichnamigen Schauspiels Heinrich von Kleists bediente, die berühmte Vorlage aber einer behutsamen bis deutlichen Bearbeitung unterzog. Diese umfasste nicht nur Kürzungen, eine Zusammenfassung von Details und die Hinzufügung weiteren, vor allem weiblichen Personals, sondern zeichnet sich auch durch die für Ingeborg Bachmann typische, sehr poetische Sprache aus. Diese bildet nicht nur eine ideale Ausgangsbasis für Henzes Musik, sondern ist dieser eine kongeniale wie hilfreiche Partnerin und Begleiterin.

Der aus Stuttgart stammende und durch mehrere Inszenierungen am hiesigen Schauspielhaus bestens eingeführte Regisseur Stephan Kimmig arbeitete mit dieser Henze-Oper erstmals für die Stuttgarter Staatsoper. Er legt von Anfang an Wert auf eine möglichst enge Heranführung des Traums an die Wirklichkeit, ja vermischt, wo es nötig und angebracht ist, sogar die beiden Sphären. Andererseits macht er aber durch zahlreiche Details und eine klare Personenzeichnung auch  deutlich, wo sich Traum und Realität ausschließen und entsprechende Handlungen ihre Grenzen haben. Dazu bedient er sich klarer, zum Teil sehr drastischer theatralischer Elemente und gibt seiner Personenführung etwas betont Statuarisches, ja manchmal zu Artifizielles, das den Betrachter immer wieder an die Personenregie in Inszenierungen Robert Wilsons denken lässt.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Katja Haß hat ihm dafür einen weißen Einheitsraum gebaut, der Anklänge an einen Laborraum aufweist, aber auch an eine in die Jahre gekommene Turnhalle erinnert und etwas Hermetisches verkörpert. Darin und an den an den Wänden angebrachten Ballett- oder Turnstangen absolvieren nicht wenige der Protagonisten ihre sie auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereitenden Fitness-Übungen. Seine Schäbigkeit – die Farbe blättert ab, Rostspuren „zieren“ die Wände – mag auf die Zustände des historischen Fürstentums Brandenburg wie auf jene aktueller Systeme und Strukturen schließen lassen, ohne klar Position für die eine oder andere Wirklichkeit zu beziehen.

Dazu passen die von Anja Rabes geschaffenen Alltagskostüme, die irgendwo zwischen früher Nachkriegszeit und zeitgeistigem Retro- wie Freizeitlook anzusiedeln sind. Sie zeugen von überraschendem Wechsel, von einer Haltung des Noch-nicht- Bereitseins und auch davon, dass ihre Träger noch ganz andere Schlachten schlagen müssen als die auf dem Feld. Darauf mag auch der übermäßig häufige Einsatz von Unterwäsche bei Obrigkeit und Soldaten hinweisen. Er ist stellenweise sinnenhaft und wohl auch ironisch gemeint, ermüdet aber im Lauf der Zeit genauso wie die immer wieder über die Wände zuckenden Lichtreflexe oder die auf den Zwischenvorhang projizierten Video-Doppelungen. (Videos: Rebecca Riedel, Lichtregie: Reinhard Traub) Beides soll wohl die Traumseite unterstreichen, doch sind die in Handlung und Musik vorhandenen Hinweise darauf so klar und deutlich, dass diese optischen Verstärker eher eine mentale Unterforderung der Zuschauer bewirken. Dies alles sind aber eher Luxus- oder Randprobleme, die Kimmigs Regie nichts von ihrer großen Dichte und dramaturgischen Stringenz rauben.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Auch musikalisch bewegt sich die Stuttgarter Erstaufführung von Henzes wichtigem Werk der klassischen Moderne auf allerhöchstem Niveau. Dafür sorgt an erster Stelle Cornelius Meister, der nach Wagners Lohengrin zum Spielzeitbeginn mit dem Prinz von Homburg seine zweite Stuttgarter Premiere dirigierte und auch schon bei mehreren Repertoirevorstellungen und Sinfoniekonzerten seine überaus großen Kompetenzen als Musikgestalter und Leiter musikalischer Kollektive unter Beweis stellte. An diesem Abend ist er auch  der komplex-polyphonen Musik Henzes mit ihren so vielschichtigen epochalen, stilistischen und musik-ästhetischen Anspielungen ein leidenschaftlicher wie verlässlicher Sachwalter und steuert das unter seiner Leitung immer souveräner und mitreißender agierende Staatsorchester so hochkonzentriert wie gefühlsbetont durch die verflixt anspruchsvolle Partitur. Henzes höchst klangsinnliche Musik hat den nötigen Raum zu wirken und aufzublühen, gerade auch an den Vor- und Zwischenspielen, die bei geschlossenem Bühnenbild wie filmische Schnitte wirken und eine ganz eigene erzählende wie kommentierende Funktion besitzen.

Bei aller Hingabe an sein Orchester mangelt es Meister nicht an jenem sorgfältigen Blick auf und für die Sängerinnen und Sänger – dazu dirigiert er aus leicht erhöhter Position – die diesen eine sichere und  rollengerechte Bewältigung ihrer ja ebenfalls  höchst diffizilen Partien ermöglichen. Und so ist das Staatsorchester bis auf ganz wenige Stellen, an denen es vielleicht ein bisschen zu engagiert und damit zu laut tönt, ein wunderbarer und verlässlicher Begleiter und Unter- und Hintergrund-Geber.

Aus der vokalen Solistenriege jemanden hervorzuheben, ist nur wegen der Größe und des Schwierigkeitsgrads der Hauptrollen gerechtfertigt. Die fünf Sängerinnen und neun Sänger bilden nämlich ein Protagonistenteam, das den Abend ohne jegliche Trübung und Einschränkung bereichert und um welches die Stuttgarter Oper von nicht wenigen Opernhäusern und deren Publikum beneidet werden dürfte. Diese Leistung wirkt umso eindrucksvoller, wenn man berücksichtigt, dass die Sänger häufig musikalisch „nahezu nackt“ auftreten, also nur von wenigen Instrumenten „begleitet“ werden, die zudem wie spätestens seit Wagner üblich eine völlig andere, eigene Melodie zu spielen haben.

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Stephan Kimmig und Probeneinblicke I
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Von höchster stimmlicher wie darstellerischer Präsenz und Leidenschaft gestalten Vera-Lotte Böcker die Rolle der Prinzessin Natalie von Oranien und Robin Adams jene des Prinzen von Homburg, dabei wunderbar zwischen den verschiedenen Stimmungen wie Stimmlagen changierend und sehr glaubhaft ihren Emotionen Ausdruck verleihend. Diese inneren Zustände nach außen zu transportieren gelingt aber auch allen anderen Darstellerinnen und Darstellern, vor allem der wundervoll sich zurücknehmenden und fast devot wirkenden Helene Schneiderman als Kurfürstin. Stefan Margita singt deren Gemahl, den Kurfürsten von Brandenburg, mit tief gründendem, Respekt einflößendem und Distanz ausdrückendem Tenor, der aber auch Zerbrechlichkeit und eine gewisse Überforderung im Amt erkennen lässt.

Ein fabelhaftes Rollendebüt gelingt Moritz Kallenberg als Graf Hohenzollern, der nicht nur in der Interaktion mit seinem Freund und Vertrauten Friedrich Artur von Homburg seine große Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Mit geschmeidiger, flexibel geführter und in allen dynamischen Abstufungen bewegend eingesetzter Stimme macht er zu jeder Zeit vergessen, dass  er erst bzw. noch Mitglied des Opernstudios der Stuttgarter Oper ist und erst zur kommenden Spielzeit in das „große“ Opernensemble übernommen wird.

Weiteren großen Anteil an der überragenden  gesanglichen Ausstrahlung dieses Opernabends haben die Sängerinnen der drei Hofdamen Catriona Smith, Anna Wehrle und Stine Marie Fischer, die aber ebenso darstellerisch Großes leisten – auch wenn sie nicht stimmlich im Einsatz sind – wie ihre Kollegen Michael Ebbecke als Feldmarschall Dörfling, Friedemann Röhlig als Obrist Kottwitz und Johannes Kammler als Wachtmeister. Gleiches gilt ohne jede Einschränkung für Mingjie Lei, Pawel Konik und Michael Nagl als die drei Offiziere.

Im Schlussbild präsentieren sich alle auf der Bühne Mitwirkenden mit einer Mischung aus Fan-Schal und Demo-Transparent, auf denen für die Gesellschaft und deren Zukunft  wichtige Werte und Einstellungen zu lesen sind. Dies mag etwas plakativ wirken, erscheint aber angesichts der populistischen, ja  rechtsextremen Tendenzen in vielen Ländern Europas als ein zulässiges, ja notwendiges Instrument, um Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit und die dortige Willensbildung zu nehmen. Und auch Träume müssen ja befeuert und  ins Bewusstsein gerufen werden….

Am Ende gab es vom ausverkauften Haus begeisterten, ja für eine zeitgenössische Oper frenetischen Beifall, der alle Beteiligten einschloss und an keiner Stelle durch eine noch so kleine Missfallenskundgebung getrübt wurde.

Der Prinz von Homburg an der Staatsoper Stuttgart, weitere  Vorstellungen am 20., 22. 29. März, 6. April, 4. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 10, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew

Lachen als Heilmittel – nicht nur für kranke Prinzen, sondern auch für Opernbesucher aller Altersklassen: Axel Ranisch verpixelt an der Staatsoper Stuttgart Prokofjews Die Liebe zu (den) drei Orangen zu einem veritablen und mitreißenden Computerspiel und spielt so mit dem Möglichen und dem Unmöglichen, den Grenzen und dem Grenzenlosen der Oper, des Theaters – ja des Lebens

Von Peter Schlang

Der menschliche Alltag und die daraus entstehende Lebenserfahrung lehren, dass es verschiedene Ursachen für die Freude und erst recht das daraus resultierende Lachen gibt. Die Schadenfreude wird dabei gemeinhin als die moralisch verwerflichste Form angesehen; bezüglich ihrer befreienden, positiven Wirkung auf die von ihr befallenen Menschen dürfte sie aber auf einer entsprechenden Skala wohl weit oben rangieren.

Die Liebe zu den drei Orangen  – Sergej Prokofjew
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Dies lässt sich nicht nur im menschlichen Alltag immer wieder unter Beweis stellen, sondern seit 1921 auch in Sergej Prokofjews skurriler Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen beobachten. In ihrem, vom Komponisten nach einer Vorlage des italienischen Komödiendichters Carlo Gozzi selbst erstellten Libretto findet ein an „Lachhemmung“ und in der Folge davon auch an vielerlei psychosomatischen Störungen leidender Prinz sein Lachen nicht durch allerlei gut geplante Späße des aus Carlo Goldonis Diener zweier Herren bekannten Spaßmachers Truffaldino wieder, sondern durch ein blödes Missgeschick, bei welchem die ihm und seinem königlichen Vater feindlich gesinnte Zauberin Fata Morgana stürzt. Darüber tief erzürnt, übt die Zauberin eine für ihren Berufsstand typische Form der Rache und „verurteilt“ den Prinzen dazu, sich in drei Orangen zu verlieben, was dem an seinen Vater gefesselten Sohn in Wahrheit aber dazu verhilft, sich von diesem zu befreien und (zu) sich selbst zu finden.

Nach allerlei Erschwernissen und Abenteuern, die nicht nur in der Natur der Sache liegen, sondern durch Fata Morgana verursacht und verschärft und durch deren Gegenspieler, den dem König und dem Prinzen nahestehenden Zauberer Celio, wiederum abgeschwächt werden, kann es endlich zur Hochzeit des glücklichen Prinzen mit Ninetta kommen. Diese war wie zwei andere Damen je einer der drei Orangen entschlüpft, blieb aber im Gegensatz zu ihren beiden Kolleginnen am Leben.

Unterlegt werden diese zwei Handlungsebenen – die Liebes- und Emanzipations-geschichte des ursprünglich depressiven Prinzen wird ja stark durch die genannten beiden Magier gesteuert – durch eine dritte, nämlich den Streit der Anhänger verschiedener Literaturformen. Sie befeuern die eh schon skurrile, verwirrende Handlung durch wahre Salven an literatur-, und insgesamt kunstkritischen Sottisen, welche den seinerzeitigen Richtungsstreit der italienischen Komödienfürsten Carlo Gozzi und Carlo Goldoni – beide hatten ihre große Zeit in den 60er Jahren des18. Jahrhunderts – und ihre sich dahinter verbergende Vorliebe für bestimmte literarische Formen und Mittel aufs Korn nehmen.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Die sich daraus ergebende und in der modernen Textfassung Werner Hintzes (Auf ihn bzw. sie geht auch der neue, leicht verkürzte Titel Die Liebe zu drei Orangen zurück.) noch zugespitzte, rasant-verwirrende Tragikomödie, die sich ohne Abstriche zu einem Musterbeispiel für das Spiel auf dem und mit dem Theater entpuppt, erlebte am 2. Dezember, also rechtzeitig zum Beginn der Adventszeit, in der Stuttgarter Staatsoper als dritte Neu-Inszenierung in der noch jungen Intendanz Viktor Schoners ihre Premiere.

Und Viktor Schoner und sein Dramaturgie-Team waren weitsichtig und mutig genug, zur opernreifen Umsetzung dieses alle Grenzen der Oper überschreitenden, phantasieschwangeren Stoffes ein ebenso mutiges, wildes, ja geradezu verrücktes Quintett zu engagieren. An dessen Spitze sorgt der junge, durch allerlei außergewöhnliche Arbeiten für Film und Fernsehen bestens für diese Aufgabe empfohlene Berliner Regisseur Axel Ranisch für eine wahre Flut an Bildern, Gags und Einfällen. Deren verrücktester, gleichzeitig aber auch genialster war sicher die Idee, die Oper im Jahr 2018 als Computerspiel der frühen neunziger Jahre, es trägt den reißerischen Titel „Orange Desert III“, auf die Bühne und auch an deren als riesige Projektionsfläche dienende Rückwand zu bringen. Dafür ist der Computer-Experte Till Nowak der geeignete Partner, denn ihm gelingt es nicht nur, die immerhin zweistündige Opernhandlung komplett computergerecht und widerspruchsfrei zu visualisieren und ohne jeden Bruch in die Form einer (ehemals) zeitgenössischen Computeradaption zu bringen, sondern dabei auch die erwähnten drei Handlungsebenen wie mit Geisterhand miteinander zu verweben. So durchkreuzen und vermischen sich Sphären des Phantastischen und des Realen, des Theaters und der alltäglichen Welt in einem Fort und sorgen für eine regelrechte Orgie an Aktionen und Reaktionen, welche die Möglichkeiten des Theaters und des Spiels an sich bis zum Letzten ausreizt, gleichzeitig aber auch alle Grenzen verwischt und die Sinne herrlich verwirrt.

Axel Ranisch nutzt diese Konfusionen und die weiteren, sich daraus ergebenen Möglichkeiten – oder befeuert er sie umgekehrt durch seine Ideen noch? – für seine Lust am Erzählen, am Spiel mit Überraschungen und an der Betonung des Märchenhaft-Illusionären und entzündet einen regelrechten Vulkan an grotesken Szenen, Komik und Illusionen, wie man ihn in dieser Dichte und Form auf der Bühne äußerst selten zu sehen bekommt. Denn um so etwas erleben zu können, muss man normalerweise ins (sehr gute) Kino gehen – oder eben am Computer spielen!

Wunderbare, kongeniale Erfüllungsgehilfinnen bei der Erschaffung seiner Phantasiewelt findet Axel Ranisch in seiner Bühnenbildnerin Saskia Wunsch, die nicht nur ein Bühnenbild aus drei Ebenen schafft, die sich ähnlich der Handlung ständig verschieben und vermischen, sondern dabei auch die Grenzen zwischen dem Bildschirm-Hintergrund und der Bühne verwischt, indem sie dieser und den darauf zu sehenden Aufbauten das gleiche verpixelte Ansehen verpasst wie dem auf dem übergroßen Computerbildschirm zu verfolgendem Geschehen und dessen dabei zu sehenden Figuren.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Eine ähnlich phantastische Anmutung geben Bettina Werner und Claudia Irro ihren phantasievollen, unsagbar bunten und auf ganz verschiedene Kunstepochen und
-richtungen anspielenden Kostümen, mit denen sie nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten, sondern auch den Chor der Staatsoper Stuttgart zu charaktervollen wie schrägen Mitspielern des auf der Bühne sich entfaltenden Panoptikums machen.

Auch musikalisch bewegt sich diese Stuttgarter Produktion auf allerhöchstem Niveau, auch wenn die Musik gegen Ende der Aufführung, wenn die dramatischen, technischen und schauspielerischen Effekte kulminieren, etwas unter die Räder zu geraten droht und nicht mehr mit dem Feuerwerk an Farben, Tricks, Gags und dem dadurch entstehenden Lärm mithalten kann. Das tut aber weder dem Gesamteindruck der Aufführung noch der musikalischen Leistung der einzelnen Sängerinnen und Sänger oder der beiden großen Kollektive des Abends einen Abbruch.

Von Letztgenannten liefert das unter der besonnenen wie wagemutigen Leitung des argentinischen Dirigenten Alejo Pérez stehende Staatsorchester die sichere Grundlage für eine absolut geschlossene musikalische Darbietung. Der Dirigent und seine Musikerinnen und Musiker arbeiten dabei die zahlreichen, in der Partitur Prokofjews verborgenen komischen Elemente genauso wirkungsvoll heraus wie die vielen musikalischen Anspielungen auf Komponisten und Stile unterschiedlichster Epochen. Dabei reizt Pérez die Skala an Klangfarben und Dynamik gekonnt und mit größtmöglichem Bezug zur Bühne aus, was die Sängerinnen und Sänger, auch dank der einfühlsamen Choreografie Katharina Erlenmaiers, wunderbar ausnutzen und die von ihnen geforderten ausgeprägten Bewegungen gekonnt auf die aus dem Graben kommende Musik abstimmen, ja geradezu aus ihr heraus entwickeln.

Dies gilt nicht nur für den wie immer famosen Staatsopernchor, innerhalb dessen dem an diesem Abend am vorderen rechten Bühnenrand agierenden Männerchor der Sonderlinge, eine Mischung aus Kunstrichtern und Regie-Assistenten, der größte Anteil an Handlung wie an stimmlicher Anforderung zukommt.

Libretto und Partitur dieser sich für alle Gruppen von Zuschauern und Zuhörern bestens eignenden Oper wollen es, dass neben dem Chor auf der Bühne ein zweites Gesangskollektiv zu erleben ist, das der Solistinnen und Solisten, die allesamt an diesem Abend ihr jeweiliges Rollendebüt feiern. Sie bilden, bis auf eine Gast-Ausnahme fest zum teilweise neu formierten Haus-Ensemble gehörend, bei dieser Premiere ein Protagonisten-Ensemble der absoluten Sonderklasse.

So überzeugt Goran Juric als König mit seinem geschmeidigen, profunden Bass und seiner stimmlichen wie darstellerischen Präsenz genauso wie der alle Gefühlsschwankungen von niedergeschlagen bis manisch gekonnt ausreizende Elmar Gilbertsson als sein Sohn, also der die Handlung verursachende Prinz. Dass beide Sänger durch die neue Intendanz an das Haus am Eckensee gekommen sind, darf als ähnlicher Glücksfall bezeichnet werden wie das Engagement der an vielen Opernhäuser der Welt auftretenden Mezzosopranistin Carole Wilson als Fata Morgana. Sie gibt dieser Rolle der Zauberin genau die Mischung aus Verschlagenheit, Dämonie und Verführungskraft, die man von einer solchen Figur gemeinhin erwarten darf und überzeugt mit ihrer großen stimmlicher Verwandlungsfähigkeit genauso wie durch ihre darstellerische Wucht.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Als ihr Gegenüber Celio besticht der in seinem Äußeren an einen Star-Wars-Krieger erinnernde Michael Ebbecke mit baritonalem Glanz und einem für einen Zauberer fast zu würdigen Auftreten, während der famose, sich von Rolle zu Rolle zu einem Charakterdarsteller höchster Güte entwickelnde Daniel Kluge (ein ehemaliger Aurelius Sängerknabe aus Calw) als Prinzenkumpel Truffaldino ohne Abstriche zu begeistern vermag.

Die weiteren Sängerinnen Stine Marie Fischer als Prinzessin Clarice, Aytaj Shikhalizade als Linetta, Fiorella Hincapié als Smeraldina resp. Nicoletta, Esther Dierkes als Ninetta und Sänger Shigeo Ishino als Premierminister Leander, Johannes Kammler als Pantalone, Matthew Anchel als Farfarello und Köchin, Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister und das Kinderchor-Mitglied Ben Knotz als Serjoscha nur zu erwähnen, heißt nicht, ihre Leistung und ihren Beitrag zu diesem Opernerlebnis der Extraklasse kleinzureden.

Und so zollte das begeisterte Premierenpublikum auch ihnen wie allen ausführlicher gewürdigten Mitwirkenden begeisterten Beifall, ja, das ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus erlebte einen Jubelsturm, wie man ihn auch beim so begeisterungs-fähigen Stuttgarter Publikum äußerst selten erlebt.

Und wenn man seinen Blick kurz von den auf der Bühne feiernden und gefeierten Künstlerinnen und Künstlern abwandte und zur Intendanten-Loge im ersten Rang schweifen ließ, konnte man dort einen zufrieden lächelnden Victor Schoner sehen, der mit dieser Produktion einen weiteren herausragenden Erfolg seiner noch jungen Intendanz verbuchen darf.

Die Liebe zu den drei Orangen an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen 14., 17. und 19. Dezember 2018, 04. und 11. Januar sowie am 09., 14. und 22. April 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Nächste Seite »