Münster, GOP Varieté – Theater, Appartment – Zimmer frei / Show, IOCO Kritik, 01.04.2019

April 1, 2019 by  
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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

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Appartment – Kein Zimmer frei im Varieté

Turbulente GOP-Show – Vergnügliche Unterhaltung für Jung und Alt

von Hanns Butterhof

Appartement – Zimmer frei ist die neue Show im GOP Münster. Wer sich allerdings auf Wohnungssuche befindet und sich Hoffnungen auf ein ruhiges WG-Zimmer machen sollte, würde  enttäuscht werden; schon während der laufenden Vorstellung ist das Zimmer vergeben, und ruhig wäre es schon gar nicht.

Regisseurin Sabine Rieck stellt mehr als das Appartement seine schrulligen Besitzer, die Mieter, deren Beziehungen untereinander und alle ihre erstaunlichen Fähigkeiten ins Zentrum der turbulenten Schau.

Appartment   –  GOP – Varieté-Show
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Reinhard Bichsel und Monika Danielsson-Bichsel haben auf die GOP-Bühne ein etwas angestaubtes Appartement gebaut, mit hoher Bücherwand und integriertem Röhrenradio vor einer schwer gemusterten Tapete. Besitzer sind das Comedien-Duo Les Deux de Pique, Philippe Trépanier und Tamara Bousquet. Man könnte sie beim ersten Auftritt für ein etwas schräges altertümliches Ehepaar halten, aber im Verhältnis zu ihren Mietern zeigen sie sich bald von einer anderen Seite. Zuerst verblüfft Madame mit ihrem erstaunlich innigen Verhältnis zu ihrem Personal Trainer James Holt. Der nimmt sie sogar zu einem waghalsigen Ausflug auf den hohen Chinesischen Mast mit, an dem er ihr so schwungvoll wie begeisternd vorturnt. Auch verfügt sie wie auch ihr Gatte über eine wahnsinnige Treffsicherheit darin, sich über die halbe Bühnendistanz hinweg gegenseitig Obststückchen in den Mund spucken oder mit dem Blasrohren Pfeile aufeinander zu schießen. Als Höhepunkt durchbohrt Tamara als weiblicher Wilhelm Tell den Apfel auf dem Kopf des Gatten – Riesenapplaus.

Auch Monsieur Philippe ist nicht ohne. Als die rothaarige Vita Radionova mit Aplomb in das letzte Zimmer einzieht, schwänzelt er ihr wie magnetisiert nach. Fast könnte man meinen, dass er versucht, die  Neue, die ihren schönen Körper im Glitzerkostüm durch staunenswertes Hula Hoop und elegante Verbiegungskünste schlank und ansehnlich hält, mit seinen fesselnden Diabolo-Nummern an sich zu binden.

GOP Münster / Appartment hier Ensemble © GOP/Alexander Dacos

GOP Münster / Appartment hier Ensemble © GOP/Alexander Dacos

Ein ganz anderer Typ als Vita ist die verbummelte Studentin Anne-Marie Poirier, die im obersten Fach des Bücherregals wohnt. Sie zeigt sich erst romantisch verträumt am Solo-Tuch und geht dann eine zarte Zweier-Beziehung zu  Jason Fergusson ein, dem sichtlich kräftigeren von zwei ungleichen Zwillingen. Der andere ist Coen Clarke, ein zarterer Brillenträger, der sich hoffnungslos in die Neue verguckt hat. Trotzdem landet er nach doppeltem Salto punktgenau auf dem schmalen Russischen Barren, mit dem ihn Jason und James Holt in die Höhe schleudern. Als Coen auch noch auf dem Barren balancierend eine Leiter erklettert, hält das Publikum den Atem an – danach kennt die Begeisterung im Saal keine Grenzen mehr.

Aus dem Keller taucht ab und zu der Austausstudent Thibault Theyssens auf, meistens im Bademantel, immer in Boxershorts, und lässt manchen neidischen Blick auf seinen absolut fettfreien Körper zu. Er hat eine etwas stoische Art, mit seinem Cyr umzugehen, wenn er kunstvoll seine makellose Herrschaft über das große Rad zeigt und mit einer Flanke über die Brüstung wieder in seinem Keller verschwindet.

In einer der komischsten der an komischen Nummern reichen Schau erheitert David Louch mit einer besondere Jonglage.  In irrem Kontrast zu und in genauem Rhythmus mit Mozarts Kleiner Nachtmusik schleudert er Pömpel, auch „Klempners Freund“ genannt, präzise durch die Luft oder ploppt sie sich zur allgemeinen Erheiterung auf Bauch oder Brust.

Doch das vielleicht nicht spektakulärste, aber sicher schönste Bild bietet das Appartement, als sich fast das ganze Ensemble an einer Jonglage beteiligt, die den ganzen Bühnenraum einnimmt und so genau choreographiert ist, dass der Austauschstudent durchlaufen kann, ohne von einer der herumwirbelnden Keulen getroffen zu werden.

In seiner Mischung aus nicht immer hundertprozentig geschmacksicheren Clownerien und toller Artistik ist das 2-stündige Appartement eine vergnügliche Schau für Jung und Alt.

Showtime für Appartement im GOP Varieté-Theater Münster ist bis zum 5. Mai 2019 immer Mittwoch bis Sonntag.

—| IOCO Kritik GOP Variete Theater Münster |—

Münster, GOP Varieté – Theater, Das Programm 2019 – Artistik zum Schmunzeln, IOCO Aktuell, 12.12.2018

Dezember 13, 2018 by  
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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP.-Varieté stellt vor – Humor und Artistik – 2019

– Keine halben Sachen –

Von Hanns Butterhof

Keine halben Sachen – das ist nicht nur der Titel einer GOP.-Show im kommenden Jahr. Das ist auch das Motto, unter das Werner Buss, der künstlerische Direktor des GOP., seinen Ausblick auf die Spielzeit 2019 stellt, die kunstvoll, artistisch, humorvoll und spektakulär werden soll.

Auf der Jahrespressekonferenz im intimen Rahmen des GOP.- Restaurants in Münster verweisen Werner Buss und Sandra Wawer, Leiterin der hauseigenen Künstleragentur, stolz auf 24 Produktionen, die in 7 GOP.- Häusern gezeigt werden. Jede Show residiert etwa zwei Monate in einer Spielstätte.

impulse  –  Show des GOP Varieté-Theaters
Youtube Trailer des GOP Varieté-Theater
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Werner Buss erläutert die GOP-Philosophie, dass Qualität sowieso und grundsätzlich höchstes Gut für jede Show sei. Aber nicht höher, schneller, weiter, sondern überraschend anders soll jede Produktion sein. So werde in jeder Show eine eigene Geschichte erzählt, eine Mischung von verbalen und rein artistischen Elementen hergestellt und unbedingt darauf geachtet, dass die Persönlichkeit der Moderatoren und der Artisten zusammenpassen.

Gewöhnlich geht die Konzeption einer Show vom GOP. aus. Eine Ausnahme macht „Bang Bang“, mit der das neue Jahr in Münster am 17. Januar eingeläutet wird. Für „Bang Bang“ hat sich die kanadische Cyr-Artistin Anna Ward den Regisseur und Comedian Anthony Venisse ausgesucht und ihre liebsten Kollegen aus den Artistenschulen von Québec und Montreal um sich versammelt. Sie verspricht einen artistischen Urknall mit viel Humor.

Auf ganz neues Gebiet begibt sich das GOP. mit „Sông Träng“, womit am 18. Januar die neue Spielzeit in Essen startet. Zum ersten Mal hat das GOP. mit der Vietnam Circus Federation zusammengearbeitet und kündigt mit dreizehn Künstlern einen Blick in die vietnamesische Seele an.

GOP Varieté Theater in Muenster / Werner Buss - Sandra Wawer und die GOP 2019 © Hanns Butterhof

GOP Varieté Theater in Muenster / Werner Buss – Sandra Wawer und die GOP 2019 © Hanns Butterhof

Auch in Essen wird eine Uraufführung zu sehen sein. „Sombra“ spielt ab 8. März mit Gegensätzen wie Licht und Schatten, Mann und Frau, laut und leise, und verspricht mit Bildern, Körperkunst und Live-Musik eine poetische, fast schon lyrische Show.

Eine Uraufführung wird es auch in Münster geben, wenn „Der Kleine Prinz auf Station 7“ landet. Erzählt wird die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Krankenhausclown und dem kleinen Moritz, der im Krankenhaus auf Station 7 liegt. Regisseur Markus Pabst hat sich von Antoine de Saint-Exupérys Klassiker zu einer lebensbejahenden Reise in die Welt der Poesie und Artistik inspirieren lassen, die sich vom 30. August an im GOP. Münster dreht.

Zudem verweist Buss auf die Show „Appartement“, in der eine derart lustige und skurrile Wohngemeinschaft zusamengekommen ist, dass man selber gerne einziehen möchte, und das artistische „Elektro“-Konzert.

Zum Jahresende gibt es in jeder Spielstätte eine Moderations-Show; gerade in der dunklen Jahreszeit legt das GOP. Wert darauf, sein Publikum direkt anzusprechen. In Hannover wird vom 7.November bis 12.Januar erstmals „Thielke“ zur Schau bitten, in Bad Oenhausen wird es vom 24. Oktober bis 12. Januar zum ersten Mal „Zauberhaft“. In Essen wird vom 7. November bis 5. Januar „Grand Hotel“ gegeben, eine Geschichte mit klassischen Hotelfiguren um Betrug und große Gefühle. München schaltet vom 7. November bis 12. Januar auf „Slow“, während Bremen vom 31. Oktober bis 12. Januar mit „Trust Me“ zuversichtlich Vertrauen einfordert. Bonn geht mit „Sông Tr?ng“ vom 7. November bis 12.Januar ins neue Jahr, wie es Essen begonnen hat. In Münster steht Marcel Köstling mit seiner Mischung aus Zauberei, Comedy und Kabarett ab dem 6. November bis 5. Januar auf der Bühne. Mit handverlesenen Akrobaten hat er das Motto des GOP. „Keine Halben Sachen“ zum Programm gemacht.

—| IOCO Aktuell GOP Variete Theater Münster |—

Münster, GOP Varieté, FASHION – Mode, aber nicht von der Stange, IOCO Kritik, 13.09.2018

September 13, 2018 by  
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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

FASHION – Eine Mode-Show nicht von der Stange

Von Hanns Butterhof

Wenn sich der Vorhang für Fashion, die neue Show am GOP.-Varieté-Theater Münster, hebt, zieht eine Geigerin im roten Kleid die Blicke des Publikums auf sich. Sie tritt aus einem goldenen Spiegel-Rahmen heraus wie eine lebendig gewordene Schaufensterpuppe. Es ist die wunderbare Diana Daiub, die mit ihrem fetzigen Geigenspiel zusammen mit dem lustvoll in die Saiten seiner Gitarre greifenden Roman Kachkin dem außerordentlich dynamischen Fashion-Programm ihren Stempel aufdrückt.

GOP Variete - Theater Münster / FASHION - hier : Anton und Viktor Franke © GOP Münster

GOP Variete – Theater Münster / FASHION – hier : Anton und Viktor Franke © GOP Münster

Die Show, die im Circus-Theater Bingo in Kiew konzipiert wurde, ist locker um die Geschichte gestrickt, dass ein kleiner Schneider ein Kleid für eine große Modenschau entwerfen soll – der Countdown für die Fertigstellung läuft im Bühnenhintergrund. Anton Franke, der mit Vater Viktor mit hinreißend nonverbaler Komik für die Entschleunigung im rasenden Show-Betrieb zuständig ist, ist dieser Schneider. Nicht nur dass er das Kleid rechtzeitig fertigstellt, auch seine Jonglagen grenzen an Zauberei.

Die Artistinnen, die als Models oder Stylistinnen auftreten, sind nicht nur ausgesprochen schöne, sondern auch durchwegs starke Frauen. Die unglaubliche Yelizaveta Krutikova wirbelt, genau zur Musik choreographiert, über die Bühne, und hält sich nur mit dem Nacken oder gar den Fersen an ihrem achteckigen Luftring. Tetiana Bitkine, die im Glimmertrikot an den Strapaten mit ihrer Luftakrobatik glänzt, haut zum Ende ihres Auftritts sogar einen starken Mann um. Mit ihrer anspruchsvollen, sehr weiblichen Kombination von Hula Hoop und Akrobatik fesselt Irina Bielkina den ganzen Saal.

Auch die Artisten können sich sehen lassen wie der tarzanesk seine Löwenmähne schüttelnde Sergey Ivanov, der sich scheinbar ohne Anstrengung, auf einer Hand stehend, im Spagat drehen kann. Wenn Anton Shcherbyna auf seinen rollenden Rohren balanciert, hält das Publikum den Atem an wie bei Alexey Bitkines Kunststücken am Chinesischen Mast.

GOP Variete - Theater Münster / FASHION - hier : Alexander Shpyn und Yelyzaveta Vasylyha © GOP Münster

GOP Variete – Theater Münster / FASHION – hier : Alexander Shpyn und Yelyzaveta Vasylyha © GOP Münster

Auch die Paar-Akrobatik steht auf der Höhe der übrigen Show. Getragen von deren außerordentlichen Musikalität zeigen Yelyzaveta Vasylyha und Alexander Shpyn in ästhetisch beeindruckenden Figuren eine Liebesgeschichte. Eher auseinander streben dagegen Katerina Gurina und Daniil Zhydkov. Während sie am Vertikaltuch in höhere Sphären entschwebt, brilliert ihr Partner mit irrem Breakdance am Boden.

Als am Ende das Sondermodell rechtzeitig fertig und die großartige Geigerin darin eingekleidet war, gab es viel Beifall für das spritzige, in seiner Dynamik ausgesprochen einnehmende Fashion Ensemble und eine Show, die im Gegensatz zu ihrem Untertitel Ein artistisches Prêt-à- Porter nicht von der Stange ist.

Fashion im GOP-Varieté-Theater Münster: Bis zum 4.November 2018 immer Mittwoch bis Sonntag. Karten unter 0251- 4909090

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Münster, Theater Münster, Don Carlo. Ein Requiem – Verdi, IOCO Kritik, 07.11.2017

November 7, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Don Carlo. Ein Requiem – Verdi / Schnittke

 Kuschender König Philipp – Im Zentrum von Münsters Don Carlo

Von Hanns Butterhof

In einem bunkerartigen Gelass sitzt ein ratloser König mit dem Rücken zum Publikum auf einem laubbedeckten Grabhügel. Daneben ein Sarg. Suchend schaut er sich um, nimmt dann die Krone ab und entzieht sich den Blicken. So rückt schon der Anfang von Don Carlo. Ein Requiem von Giuseppe Verdis Oper „Don Carlo“ (1867) unter Verwendung des “Requiems” von Alfred Schnittke (1977) am Großen Haus des Theaters Münster den König ins Zentrum und deutet auf sein Versagen voraus.

Theater Münster / Don Carlo - hier Stephan Klemm als ratloser König Philipp II. © Oliver Berg

Theater Münster / Don Carlo – hier Stephan Klemm als ratloser König Philipp II. © Oliver Berg

Verdis Oper fragt nach dem Verhältnis von menschlichem Leben und abstrakten Ideen, von Neigung und Pflicht, und so ist es nicht ganz willkürlich von Münsters regieführendem Generalintendant Peters und Generalmusikdirektor Berg, König Philipp II. von Spanien (Stephan Klemm) ins Zentrum ihres „Don Carlo. Ein Requiem“ zu stellen. Denn er trägt diesen Konflikt durchgängig und in seinem zentralen Monolog „Ella giammai m’amo!“ ergreifend aus, ohne ihn allerdings angemessen zu bewältigen.

Zwischen Pflicht und Neigung  zu stehen, seine Leidenschaften regieren zu können und eine auf Einsicht gegründete Balance mit den Anforderungen der Realität zu finden ist ein unbedingt menschlicher Grundkonflikt. Es gehört zum Erwachsenwerden, ihn immer riskant und oft auch schmerzhaft zu lösen

Theater Münster / Don Carlo - hier Filippo Bettoschi als Posa weist Carlo (Garrie Davislim) auf seine Pflichten hin. © Oliver Berg

Theater Münster / Don Carlo – hier Filippo Bettoschi als Posa weist Carlo (Garrie Davislim) auf seine Pflichten hin. © Oliver Berg

Alle Figuren um Philipp unterwerfen sich ihrer je eigenen Pflicht. So hat ihn seine Frau Elisabeth (Kristi-Anna Isene) des hohen Zieles Frieden zwischen Spanien und Frankreich wegen geheiratet und entsagt ihrer Liebe zu seinem Sohn Carlos, mit dem sie verlobt war. Rodrigo von Posa (Filippo Bettoschi) opfert sein Leben für das Ziel, die Freiheit für Flandern zu erreichen, und der Großinquisitor (Christoph Stegemann) lebt nur noch für die Herrschaft der Kirche. Selbst Carlos (Garrie Davislim), der fast bis zum Ende seiner Liebe zu Elisabeth unterworfen ist, ringt sich schließlich dazu durch, sein Leben der Pflicht zu widmen, die ihm Posa auferlegt hatte, die Freiheit erst Flanderns und später Spaniens zu erkämpfen. Nur vom Standpunkt einer hedonistischen Spaßgesellschaft aus kann der Übergang von der Neigung zur Pflicht als Schritt hin zum Tode begriffen werden.

Wie das Programmheft, das alle Gestalten im „Don Carlo“ als unter der Macht des Todes stehend beschreibt, legt das jedoch die düstere Einheitsbühne Rifail Ajdarpasics nahe. Sie ist ein bunkerartig düsterer Raum mit astlosen, in Kamine eingemauerten Baumstämmen, deren herbstliches Blattwerk wie aus einer anderen Welt durch Öffnungen in der Decke heruntersegelt. Ein Grabhügel unter Laub, ein wie ein Kreuz  hineingerammtes Schwert und ein Sarg sprechen überdeutlich von Tod.

Modrige Todeskühle überzieht auch die Inszenierung, legt sich auf das Spiel und den Gesang. Garrie Davislim als Carlo überzeugt in seinen lyrischen Partien, lässt aber alle Leidenschaft eines verzweifelt Liebenden vermissen. Auch Filippo Bettoschi als Posa lässt erst im Tod seinem warmen Bariton freien Lauf. Und Stephan Klemm als Philipp ist nur stimmlich mit seinem fest gegründeten Bass ein König. Er verkörpert statuarisch eher einen saturierten Bürger, der sich Sorge um die Treue seiner Frau macht. Er sieht die politische Lage, das Verhältnis zu seiner Frau und seinem Sohn völlig richtig. Darauf weisen die Schnittke-Partien musikalisch eindringlich, wenn auch szenisch kaum überzeugend hin. Aber Philipp versagt auf der ganzen Linie: Die Treuepflicht seiner Gattin gegenüber erfüllt er so wenig wie seine Vater- und Herrscherpflicht. Er hat vor allem Probleme mit der eigenen Gedankenfreiheit, bedient sich zwar seines eigenen Verstandes, wagt es aber nicht, seinen Einsichten die angemessenen Handlungen folgen zu lassen. Das Schwert, das er gegen den Großinquisitor erhebt, lässt er verzagt wieder sinken. Am Ende kuscht er vor der Macht des Großinquisitors, den Christoph Stegemann so gibt, wie man sich einen König vorstellen könnte, elegante Statur, kräftiger Bass.

Theater Münster / Don Carlo - hier Vor dem Großinquisitor (Christoph Stegemann) kuscht der König (Stephan Klemm) © Oliver Berg

Theater Münster / Don Carlo – hier Vor dem Großinquisitor (Christoph Stegemann) kuscht der König (Stephan Klemm) © Oliver Berg

Auch Kristi-Anna Isene, in unschuldiges Weiß gekleidet (Kostüme: Ariane Isabell Unfried), spielt Elisabeth wie in ihrer Entsagung erstarrt und ergreift erst am Ende bei ihrer Arie „Tu che la vanità“ mit klarem, in den Höhen etwas spitzem Sopran. Nur die Prinzessin Eboli (Monika Walerowicz) entzieht sich der allgemeinen Kühle und liefert mit ausdrucksstarkem Mezzo, vor allem auch in ihrer Arie „O don fatale!“ das Bild einer leidenschaftlichen, ihren Gefühlen folgenden Frau; dafür erntete sie den stärksten Beifall des Abends.

Verlagert die Regie Ulrich Peters’ die Konflikte mehr in die Psyche des Königs und entzieht der Handlung so die Lebenswärme, so kühlt  Golo Berg am Pult des Sinfonieorchesters Münster die Musik entsprechend herab. Was an Italianita aufscheint, wird durch die Einschübe des „Requiems“ von Alfred Schnittke (1934 – 1998) nicht nur beim großen Autodafé ausgebremst. Bei aller Nähe von Schnittkes „Requiem“ zu Schillers „Don Carlos“ liegt der ganzen Aufführung ein unerklärlicher Mangel an Zutrauen in Verdis ausgewogene Komposition zu Grunde, der durch keine szenisch-psychologische Verdeutlichung gerechtfertigt wird. Vielmehr wird so diesem „Don Carlo. Ein Requiem“ das Leben ausgetrieben.

Die in der gekürzten Mailänder Fassung gespielte, italienisch und lateinisch gesungene, deutsch übertitelte Oper dauert dreieinviertel Stunden.

 Don Carlo am Theater Münster; weitere Vorstellungen 11.11.2017; 17.11.2017; 12.12.2017; 22.12.2017; 25.12.2017; 05.01.2018; 02.02.2018

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