Amsterdam, De Nationale Opera & Ballet, Rodelinda – Regina di‘ Longobardi, IOCO Kritik, 28.01.2020

 

Nationale Opera & Ballet Amsterdam © Luuk Kramer

Nationale Opera & Ballet Amsterdam © Luuk Kramer

De Nationale Opera & Ballet Amsterdam

Rodelinda – Regina di‘ Longobardi – Georg Friedrich Händel

– Eine Königin im Schatten der Geschichte ist erwacht –

von Peter M. Peters

Mitten in der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und man erkennt ein schneeweißes Herrenhaus in einer tiefschwarzen Landschaft. Unser erster Eindruck erinnert an Psycho von Alfred Hitchcock (1899-1980) und bestätigt sich sinngemäß bald, denn im Inneren des Gebäudes erkennt man die Hauptdarsteller der Geschichte. In einer stummen Pantomime stellen sie uns die blutige Vergangenheit ihres Familiendrama vor. Bei Claus Guth, dem deutschen Regisseur, ist die Person des Flavio (Sohn von Rodelinda und Bertarido) die sogenannte Leitfigur, ein psychisch verletztes Kind das unter Alpträumen und schrecklichen Visionen leidet. Flavios Traumvisionen überdecken die Zimmerwände mit kindlich-klugen Zeichnungen, die uns in Form von Projektionen über das ganze Haus, ja über die ganze Landschaft begleiten bis zum Ende.

Rodelinda – Georg Friedrich Händel
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In seinem Wahn sieht dieses schwer gestörte Kind, dass seine eigenen Bilder lebendig werden und die Familienmitglieder ihm böses anhaben wollen. Man ahnt das ganze Trauma eines kleinen Menschenwesen, dass in einer zerrütteten Familie ohne Vater umgeben von Hass und Gewalt aufwächst. Die gesamte Aktion spielt sich in „vier Wänden“ ab, sodass Klaustrophobie spürbar und eine Verfolgungswahn-Atmosphäre allgegenwärtig ist. Der Regisseur pendelt zwischen Psycho-Thriller, Phantasmagorie und Psychoanalyse und mit beeindruckenden Szenen-und Bildstillstand. Man hat unweigerlich den Eindruck, das in diesem Haus des Schreckens, Dr. Sigmund Freud (1856-1939) und Edgar Allan Poe (1809-1849) des öfteren die gleiche Türklinke benutzen und sich zuweilen die Hände schütteln. Die gesamte Aktion wurde in unsere Zeit transponiert, sodass es für uns fast ein alltägliches Ehedrama wird, indem wir zuweilen in übergroßen billigen BILD-Headlines lesen können: „Frau hat in einem Wutausbruch ihren Mann getötet!“.

Georg Friedrich Händel - Grabplatte © IOCO

Georg Friedrich Händel – Grabplatte © IOCO

Auch von der musikalischen Seite war es eine äußerst beeindruckende Leistung. Der italienische Dirigent Riccardo Minasi führte mit viel Eleganz und Fachwissen das schon mythische Concerto Köln durch die händelsche Partitur. Die in der Form schon sehr moderne Musik passte sich hinreißend mit der psychologischen Dramatik der Inszenierung an, sodass man sich mitunter fragt: Ist das Georg Friedrich Händel oder Bernard Herrmann…?

Rodelinda, die trauernde Witwe des vermeintlichen toten Bertarido, saß untröstlich weinend in ihrem Schlafzimmer, interpretiert von der englischen Sopranistin Lucy Crowe. Das Timbre der Sängerin hat einen etwas kühlen und rauhen Grund, blüht jedoch in jeder ihrer Arien auf zu nie geahnten kristallenen Höhen. Die richtige Stimme, um je nach Anlass, Trauer, Sehnsucht, Liebe, Wut, Hass, Brutalität zu versinnbildlichen. Und Mr. Haendel war sehr großzügig in der Arienverteilung für die Königin, mehr als acht an der Zahl. Hier nur drei Beispiele: In der Arie: „Ho perduto il caro sposo“ (1.Akt) wird die Sängerin von zwei weinenden Violinen begleitet und sie muss sich den Instrumenten anpassen, um die gleiche stets nach unten verkrampften Intonationen zu finden. In „Spietati, io vi giurai“ (2.Akt) zeigt sie Handlungsbereitschaft und große Wut, sodass sie in ihrer Arie mit den Oboen wetteifern muss und ihre Vokalisen müssen die nötige Stärke haben um die Auswirkung der Synkopen zu wiederstehen. In der Arie „Ritorna, o caro e dolce mio tesoro“ (2.Akt), ein absoluter Höhepunkt einer reinen und leidenschaftlichen Liebeserklärung an ihren Mann. Unser caro Saxone komponiert einen Vokalsatz, der Mozart (1756-1791) erblassen lässt, der in einer glücklichen Melodienlinie seine totale Homogenität hält und alle Noten und Beugungen sind von absoluten Wert. Die Stimme der Sopranistin erklimmt und umgeht alle diese gefährlichen Fallen souverän.

De Nationale Opera & Ballett Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

De Nationale Opera & Ballet Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

Der amerikanische Countertenor Bejun Mehta ist ideal besetzt für die Rolle des Bertarido, einfach wie geschaffen für ihn. Sein elegantes und sensibles Timbre klingt natürlich in allen Höhen und zeigt keinerlei Effekthascherei. Wie geschaffen für den zärtlich liebenden Vater und Gatten, der auf Thron und Macht verzichtet für seine Familie. „Dove sei, amato bene?“ (1.Akt), in einem Klima der Liebesnostalgie und entrückter Sehnsucht schwelgt die hautnahe Arie dahin. Das ist der große Händel in seiner ganzen Einfachheit und Schönheit und man denkt an die zukünftige „Ombra mai fu“ aus Serse. Für uns war der Sänger einfach sensationell, indem er mit derartigen Impulsen glaubwürdig das ganze Leiden seiner Situation in große Kunst umwandelte. Und wir schämen uns nicht, dabei einige Tränen verloren zu haben. Die Arie „Vivi tiranno!“ im 3.Akt zeigt noch einmal das großzügige Wesen Bertaridos gegenüber seinem Feind, sein eigener Bruder Grimoaldo. Psychologisch und musikalisch zeigt es die Seelengröße eines Siegers, der nicht an Rache denkt und seine moralische Überlegenheit zeigt. Zwei Oboen wetteifern mit dem Sänger, der ein beeindruckendes musikalischen Feuerwerk in Tempo und Virtuosität vollführt, aber weit ab von der akademischen Schnörkelkoloratur.

Der schweizer Tenor Bernard Richter schlüpft in die Rolle des Tyrannen Grimoaldo und sein stahlkühles höhensicheres Timbre, dazu mit einer ausgezeichneten Technik versehen, beweist sich als äußerst geeignet für diese Rolle. Grimoaldo in seinem Größenwahn verliebt sich aus nichts als Eitelkeit plötzlich in seine Schwägerin. Wie ein aufgeplusterter Pfau im Frack und seidengefütterten Umhang erscheint er mit roten Rosen und Champagner vor ihr mit einem Heiratsantrag. Er erinnert an einen Filmstar aus einem vergangenen Hollywoodtraum oder aus der Babelsberger UFA-Filmfabrik. Die selbstsicheren großen hohlen Phrasen und Bewegungen sind die typischen Zeichen eines feigen Möchtegerns. Seine Arie: „Io già t’amai, ritrosa“ (1.Akt) singt er mit kalter Virtuosität, indem in einer Folge von Sprüngen die Intervalle sich jedes Mal erhöhen. Eine geniale musikalische Charakterstudie des Komponisten. „Tuo drudo è moi rivale“ (2.Akt) ist eine furchtbare Rachearie, in der der reine Zorn entspringt und in einem Wutschwall sich zu schwindelerregenden Koloraturen aufschwingt. Vom sängerischen sowie vom schauspielerischen hat der Sänger eine überragende Leistung vollbracht.

Die liebenswerte freundschaftliche mit einem Hang zur Naivität erscheinende Person des Unulfo wird mit viel Sensibilität und Feingefühl von dem amerikanischen Countertenor Lawrence Zazzo interpretiert. In der Vergangenheit gewöhnt die großen Hauptrollen seines Faches auf den Weltbühnen zu singen, gehört er nun schon ein wenig zu den Veteranen der jüngeren Generation. Doch sein Timbre ist nach wie vor von reiner Schönheit, nur naturgebunden etwas reifer und die Tonprojektion ist leiser. Er ist Diener, Freund und Ratgeber von Bertarido und seiner Frau Rodelinda, aber gleichzeitig auch Erzieher des Knaben Flavio in dieser Inszenierung. „Fra tempeste funeste a quest’alma“ (2.Akt) ist einer der Momente, wo Händel uns an Bach (1685-1750) erinnert, indem er Folgen von melodischer Serenität in einer vertrauensvollen Atmosphäre von Licht und Frieden herstellt. Wunderschön interpretiert mit feinen edlen Legatos.

De Nationale Opera & Ballett Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

De Nationale Opera & Ballet Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

Eduige, die Schwester Bertaridos, ist ein wenig das schwarze Schaf der Sippe, sie hat den Hang zur Intrige und Manipulation und das kann für eine Familie Fatal sein. Die serbische Mezzosopranistin Katarina Bradic singt ihre Rolle mit einem Timbre, indem das Medium äußerst tief liegt, sodass sie gesanglich ideal die dunklen Schattenseiten ihrer Bühnenfigur darstellen kann. „De miei scherni per far le vendette“ (2.Akt) könnte man eine Seelenexplosion nennen, wenn ein stolzes Wesen durch vermeintliche Liebe verwundet wurde. Hass und Rache wird aus den tiefsten Tiefen geschleudert um sich in grausame Rache zu verwandeln. Auch hier hat Händel feinfühlig die Subtilität eines gespaltenen Charakters in Musik umgesetzt. Die Violinen begleiten die Arie subtil mit einer Ambiguität zwischen melodischem und harmonischen Moll.

Garibaldo, zweifelhafter Freund, Berater und Konkurrent von Grimoaldo, ist der Bösewicht vom Dienst mit tiefschwarzer Seele und teuflischen Ideen. Der italienische Bass Luca Tittoto ist die perfekte Inkarnation dieser Rolle. Seine Stimme hat die rabenschwarzen Tiefen im Register und sein Timbre ist voll von dämonischen Akzenten. „Tirannia gli diede il regno“ (2.Akt) zeigt das Ergebnis einer brutalen Kraft als Faktor für Macht und Tyrannei. Iago und Pizarro erbten die gleichen Charakterzüge.

Die stumme Rolle des Thronfolgers Flavio ist wie schon erwähnt die Leitfigur in diesem Drama. Der kleinwüchsige kolumbianische Schauspieler und Mime Fabiàn Augusto Gomez spielt seine Rolle mit kindlichem Eifer und Natürlichkeit. Dieser Halbwüchsige ist durch psychologische Misshandlung ein geistig geschwächtes Kind geworden, dass ohne Unterlass durch das große unheimliche Geisterhaus poltert um seinen vermeintlichen Quälegeistern zu entkommen. Aber gleichzeitig zeigt er eine ausgeprägte kindliche und natürliche Neugierigkeit und geht auf Spurensuche seiner eigenen Phantome, indem er an allen Türen und Wänden horcht und seine Zimmerfenster im ersten Stock als Aussichtsturm benutzt. Von seiner Warte beobachtet er alle menschlichen Bewegungen, Ein-und Ausgänge um sie in seinem Tagebuch zu zeichnen. Diese Berichterstattung in Form von Zeichnungen übersähen alle Wände des Hauses und sind eine ungeahnte Selbsttherapie für den Urheber, aber auch Warnung an die Erwachsenwelt: Halt! Hier leidet ein unschuldiges Kind!

Eine sehr große bewegende Interpretation, die versucht, innere Einsamkeit und Zerrissenheit einer psychisch geschwächten Kinderseele wieder zu spiegeln.

De Nationale Opera & Ballet, Amsterdam:  Besuchte Vorstellung:  Rodelinda, 16.01.2020


De Nationale Opera & Ballett Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

De Nationale Opera & Ballet Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

Geschichtliche Betrachtungen zu Rodelinda und den Langobarden

Das Leben von Rodelinda, der in Scherben gefallenen mythischen Gestalt des hohen Mittelalters zu erwecken ist keine leichte Aufgabe, denn man muss in mühevoller Kleinarbeit Geschichtssplitter wie ein Archäologe sammeln und zusammen kitten. Das Schicksal einer Langobardenkönigin nach zu zeichnen, ein germanisches Volk aus dem Norden das sich um 569 in Italien ansiedelte, ist mehr als wage. Denn die Geschichtsschreibung dieser Zeit sagt nicht viel aus über eine Herrscherin und somit hinterließ Rodelinda im Gegensatz zu ihren männlichen Herrscherkollegen eben nur einige Bruchstücke ihrer Geschichte.

Bei Paulo Diacono handelt es sich um den Benediktiner Paulus Diaconus, wichtigster Geschichtsschreiber der Langobarden. Paul der Diakon lebte etwa von 720/30-796 und war schon zu Lebzeiten ein berühmter Dichter, der mehrere Jahre am Hofe Karls des Großen (742-814) weilte. Um 790 zeichnete er seine in zahlreichen Handschriften verbreitete Historia Langobardorum auf. Ihr Inhalt ist aus älteren Quellen wie Grégoire de Tours (538-594) Historia Francorum (572), aus überlieferten Sagen, Legenden, Romanzen und Anekdoten mündlicher Überlieferungen zusammen getragen.

Aber wie kommt es dass eine geschichtliche Randfigur plötzlich aus dem Schattenreich aufsteigt und zum Idealbild der Eheliebe und Gattentreue ihrem Mann Perctarits (oder Bertarido) Thron und Leben rettet? Nicht Paulus Diaconus‘Chronik, sondern Pierre Corneilles (1606-1684) dramatisches Talent, „Heldensseelen zu bilden“ – Goethe (1749-1832), ist dafür verantwortlich. Bei der Suche nach historischen Tragödienstoffen war Corneille in Flavius Blondus (1392-1463) Historiarum ab inclinatione Romanorum (1483), Antoine du Verdiers (1544-1600) Diverses leçons (1610) und Erycus Puteanus (1574-1646) Historiae barbaricae (1614) auf Perctarits (?-688) Schicksal gestoßen, und somit auch dass der treuen Gattin Rodelinda. Um die Jahreswende 1651/52 hatte Pertharite, Roi des Lombards Premiere und wurde nach zwei Aufführungen wegen Misserfolgs zurückgezogen. Das Publikum wollte keinen König vorgeführt bekommen, der Frau und Kind zuliebe auf sein Reich verzichtet und letztlich der Gemahlin seine Krone verdankt.

Erst als Oper hatte das Drama Erfolg, denn Stoff und Thema der Tragödie waren geradezu ideal für eine Opera seria. Corneilles Tragödie, deren überarbeitete Version 1663 im Druck erschienen war, diente zwei unterschiedlichen Rezeptionsträgern als Opernvorlage; eine behielt die corneillesche Titelfigur bei, der andere machte das historische Mauerblümchen Rodelinda zur Titelheldin und Protagonistin.

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Die erste Grundversion stammt von Stefano Ghigi (um 1680). Er lieferte das Libretto für Carlo Francesco Pollarolos (1653-1723) Flavio Bertarido, Re dei Langobardi (1706). Christian Gottlieb Wend (?-1745) übersetzte dieses Libretto für Georg Friedrich Telemann (1681-1767), dessen Flavius Bertaridus, König der Langobarden (1729) erfolgreich in Hamburg uraufgeführt wurde. Die andere Ausgangsfassung stammt von Antonio Salvi (1664-1724), Arzt in Diensten der Medici und eifriger Librettist für Opernaufführungen für die Prinzenvilla in Pratolino. Der versierte Theaterautor schrieb gestützt auf die Übersetzung der Historia Langobardorum in Emmanuele Tesauros (1592-1675) Del Regno d’Italia sotto i Barbari (1663) ein höchst erfolgreiches Libretto: Rodelinda, Regina de‘ Langobardi. Im Ergebnis ist Rodelinda nicht länger nur „Frau des Perthrite“, sondern die nunmehr im Personenverzeichnis an erster Stelle und im Mittelpunkt der Handlung stehende „Regina de‘ Longobardi“. Hier agiert eine wahrhaft königliche Frau, mutig, entschlossen, tugendhaft, charakterfest, überlegt und willensstark. Auch in größter Bedrängnis behält sie unerschrocken als treu liebende Gattin Haltung und das Heft in der Hand.

So wurde unsere Schattenkönigin eine Titelheldin und zugleich eine der eindrucksvollsten Frauenfiguren des 16.Jahrhundert, vielleicht eine der Vorkämpferinnen für Frauenrechte. Besonders machte sie Karriere auf dem barocken Musiktheater: Salvis Rodelinda hatte in der Vertonung des Florentiner Komponisten Giacomo Antonio Perti (1661-1756) am 21.September 1710 Uraufführung. Danach wurde Salvis Libretto noch mehrfach vertont: 1724 durch Giovanni Antonio Canuti (1680-1739), 1725 anonym unter dem Titel L’amor costante. 1741 war die Uraufführung des Singespiels Rodelinde von Carl Heinrich Graun (1704-1759), für das Johann Christoph Rost (1717-1765) die Salvi-Bearbeitung von Giovanni Gualdberto Bottarellis (1741-1783) übersetzt.

Der Librettist der Royal Academy of Music am King’s Theatre, Nicolà Francesco Haym (1678-1729), war es, der Salvis Textbuch für Georg Friedrich Händel (1685-1759) bearbeitete. Am 13.Februar 1725 wurde einer von dessen größten Opernerfolgen uraufgeführt: Rodelinda, Regina de‘ Longobardi. Hayms Libretto schärfte das dramatische Profil und steigerte die psychologische Glaubwürdigkeit zumal der Hauptperson, die dadurch als Opernkönigin nicht nur Gestalt, sondern auch Format gewonnen hat. Rodelinda, enstanden auf einem künstlerischen Höhepunkt in Händels Schaffen, galt seit jeher als eine der bedeutendsten Opern des Komponisten. Nicht weniger mag dazu der Umstand beigetragen haben, dass das Werk in Deutschland lange Zeit als ein Hymnus an die treue Gattenliebe angesehen wurde und so gewissermaßen an der Popularität des Fidelio teilhatte. Aber wenn auch Rodelinda, wie später Leonore, eine tapfere, gegen alle Zumutungen und Erpressungsversuche eines Tyrannen unerschrocken sich wehrende Frau ist, wenn auch die Kerkerszene zu Beginn des 3.Aktes unwillkürlich an Beethoven denken lässt, so schrieb Händel doch keine „Befreiungsoper“. Freilich hat Händel solcher Interpretation unfreiwillig dadurch Vorschub geleistet, dass er und sein Librettist Haym die Oper ganz auf das Dreieck Rodelinda/Bertarido/Grimoaldo hin zentrierten und den Protagonisten ein Höchstmaß an Überzeugungskraft und Dramatik verleihen.

Nach der Premiere in London machte Rodelinda als Frauenfigur Furore in der Gestalt der Primadonna Francesca Cuzzoni (1696-1778), eine der größten Sängerinnen jener Zeit mit einem „süß-ergreifenden Timbre“, die indem sie mit nachhaltigem Eindruck der Titelfigur wahres Leben einhauchte. Ein Augenzeuge, der berühmte Musikwissenschaftler und Komponist Charles Burney (1726-1814), verrät es: „In einem braunen Seidenkleid, das mit Silber besetzt und frech bis an die Grenze des Schicklichen ausgeschnitten war, kam sie heraus, von einer Indezenz, dass alle alten Damen Anstoß nahmen, und die jungen brachten es allgemein in Mode, dass es eine nationale Uniform für Jugend und Schönheit geworden zu sein schien.“ Die historische Langobardenkönigin ist endgültig gerächt und steigt aus ihrem Schattenreich triumphierend auf um als Popstar und Mode-Queen, eben als eine junge selbstbewusste Frau zu erscheinen. Viva la libertà! Viva la donna!

De Nationale Opera & Ballett Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

De Nationale Opera & Ballet Amsterdam / Rodelinda © Monika Rittershaus

Zeugnisse über Georg Friedrich Händel

Charles Burney, Komponist (1726 – 1824): „Händels Figur war groß, und er war etwas untersetzig, stämmig und unbehülflich in seinem Anstande; sein Gesicht aber, dessen ich mich noch so lebhaft erinnere, als ob ich ihn gestern gesehen hätte, war voller Feuer und Würde und verriet Geistesgröße und Genie. Er war zufahrend, rauh und entscheidend in seinem Umgange und Betragen, aber ohne alle Bösartigkeit und Tücke.“ (1784)

Joseph Haydn (1732-1809):  „Er ist unser aller Meister.“ (1791)

Ludwig van Beethoven (1770-1827):  „Ich würde mein Haupt entblößen und auf seinem Grabe niederknien.“ (1823)

Robert Schumann (1810-1856):  „Mit Händel, an dem die Engländer nichts verdrießt als sein deutscher Name, soll keine Nation so vertraut sein als die englische. Man hört ihn mit Andacht in der Kirche, singt ihn mit Begeisterung bei den Gastmahlen; ja, Lipinski erzählt, er habe einen Postillon händelsche Arien blasen hören.“ (1823)

Paul Henry Lang (1901-1991):  „In der Musikgeschichte gibt es keinen Komponisten, der gründlicher missverstanden und missdeutet worden ist als Händel.“ (1979)

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Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven-Zyklus -„Schicksals-Symphonie ?“, IOCO Kritik, 15.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Beethoven-Zyklus  _ „Schicksals-Symphonie ?“

Beethoven-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle – 6.Symphonie-Konzert der Saison 2019/20

von Thomas Thielemann

Beethovens 4. Symphonie war über lange Zeit seltsamer Weise vergessen Dabei gehörte sie zu Lebzeiten zu seinem erfolgreichsten symphonischen Werk. Als er die Symphonie komponierte, galt er als heiter, zu jedem Scherz aufgelegt, frohsinnig, munter, lebenslustig und nicht selten satirisch. Verursacht wurde diese Stimmung durch seine Verliebtheit in die Gräfin  Josephine Brunsvik (1779-1821), mit der er von 1804 bis 1809 glühende Liebesbriefe austauschte. Einer von Beethoven angestrebte Ehe widersetzte sich die Familie der bereits aus erster Ehe verwitweten Josephine. Diese akzeptierte die Familienentscheidung, weil sie ansonsten das Sorgerecht der vier Kinder aus dieser ersten Ehe und den Hauptteil ihres Vermögens verloren hätte. Die Verbindung mit Beethoven blieb aber offenbar bestehen, denn Josephine gilt als wahrscheinliche Adressatin der „Briefe an meine unsterbliche Geliebte“. Auch bei der unehelichen Tochter Josephines, Minona von Stackelberg (1813-1897), wird Beethovens Vaterschaft vermutet.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven komponierte seine B-Dur-Symphonie op. 60 vermutlich ziemlich zügig von 1805 bis zum Herbst 1806, parallel der Arbeit zur 5. Symphonie, der  Schicksals-Symphonie. Mit dem Schwung frischer Verliebtheit entstanden, scheint die gelöst-romantische Komposition nicht so recht in das sonstige Wesen des eher faustischen Beethoven zu passen.

Christian Thielemann interpretierte die im Zusammenspiel heikle B-Dur-Symphonie wie aus einem Guss. Mit der langsamen Einführung brillierten die Musiker der Staatskapelle mit Präzision und einer Vielzahl der Klangfarben, bis sich die Szene mit dem Allegro vivace endlich auflichtete. Die beiden Mittelsätze ließ Thielemann einfach schön und energisch spielen. Der zweite Satz wurde mit äußerster Sorgfalt für Phrasierung und Klangnuancen dargeboten, während der dritte mit mustergültigen Übergängen, berückenden Schattierungen und makellosen Soli zu hören war. Der Finalsatz, von Beethoven als Huldigung Haydns angelegt, wurde als musikalischer Gegensatz einer klaren Linie der Streicher mit der Virtuosität insbesondere der Holzbläser dargeboten.

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus - hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus – hier : Christian Thielemann und die Sächsische Staatspallle © Matthias Creutziger

Im Gegensatz zur vierten Symphonie arbeitete Beethoven an seiner C-Moll-Symphonie fast acht Jahre, wenn man die aus dem Jahre 1800 stammenden Notizen einbezieht. Konkrete Aufzeichnungen des Komponisten zur Auseinandersetzung mit der „Idee vom Schicksal“ enthält sein Skizzenbuch vom Februar und März 1804. Es folgten vier Jahre des Ringens um die gültige Formung des entworfenen, wieder verworfenen und neu geformten Materials. Es waren vier Jahre der immer wieder unterbrochenen und wieder aufgenommenen Arbeit, die aber auch angefüllt vom schöpferischen Wirken in anderen Formen gewesen sind, so der vierten B-Dur- und der sechsten F-Dur-Symphonien.

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Beethoven Haus in Wien © IOCO

Konsequent strebte Beethoven nach Neuem in seinem, neben der Neunten Sinfonie, populärstem Werk. Ob der Begriff Schicksalssinfonie tatsächlich von Beethoven geprägt worden ist, wird inzwischen bezweifelt. Möglicherweise hat der etwas zwielichtige Geiger Anton Schindler (1795-1864), der ab 1822 Sekretärs-Dienste bei Beethoven übernommen hatte, seine Finger im Spiel gehabt, um eine besondere Vertrautheit zu mit herauszustellen.

Christian Thielemann dirigierte im zweiten Konzert seines Dresdner Beethovenzyklus eine moderne, bisher in dieser Form noch nie gehörte c-Moll-Sinfonie. Da waren wenige Anklänge an das „Schicksal“ zu hören, denn der Schicksalsbegriff schließt Passivität ein. Auch die Dresdner Interpretation kann die Irrungen und Wirrungen der langen Entstehungszeit der Komposition nicht ignorieren. Aber die Entwicklung der Klangräume führte letztlich zu einem hellen Finale, bei dem alles Vergangene, Düstere, Zweifelnde, Grüblerische vertrieben ist.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Mit den phantastischen Möglichkeiten der Sächsischen Staatskapelle entwickelt Thielemann den ersten Satz (Allegro con brio) vom Dämonischen zum Enthusiastischen. Die klagenden Stimmen der Holzbläser erinnerten am Satzschluss, dass die Auseinandersetzung noch nicht beendet ist. Fast beschwichtigend war, auf den Marschcharakter weitgehend verzichtend, der zweite Satz zunächst ruhig und bewegt gestaltet. Danach sind neben den hervorragenden Streichern mit beeindruckenden Tempowechseln mal Blech- und mal Holzbläser eingesetzt, bevor mit dem Allegro-Satz eine düstere, scheinbare Restauration der Kräfte der Finsternis angedeutet wurde. Beeindruckend antworteten im Wechsel die Streichermit den Holzbläsern, der Pauke von Manuel Westermann sowie den Blechbläsern um Zoltán Mácsai, Helmut Fuchs und Jonathan Nuss. Ein prachtvolles Flötensolo von Andreas Kißling führte zur Gewissheit des Sieges der Kraft des Neuen und Humanen.

Wie ein elementares Ereignis lässt Christian Thielemann mit der Entwicklung einer Fülle von stürmisch vorwärtsdrängenden Motiven im Finale eine klare, fast tagespolitisch notwendige „Siegessinfonie“ auferstehen.

Mit heftigen, stehenden Ovationen danken die Zuhörer den Musikern der Staatskapelle und vor allem ihrem Chefdirigenten bis der Konzertmeister Nathan Giem seine erschöpften Kollegen vom Podium entlässt.

Unter dem Aspekt Schicksals-Symphonie hatte ich mir zwischen Generalprobe und Konzert meine persönlichen „Beethoven-Referenz-Aufnahmen“ des Gewandhaus-orchesters Leipzig herausgesucht. Mit dem Wissen von heute beschlich mich der Verdacht beim Nachhören der ETERNA-Mono-Einspielungen von 1960, dass damals Franz Konwitschny schon seine Zweifel an der Bedeutung des Schicksals in der Beethoven-Komposition hatte.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Münster, Theater Münster, Friedrich Hölderlin – 2020 – Theatergespräche, IOCO Aktuell, 21.12.2019

Dezember 21, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Friedrich Hölderlin – Der Dichter im Turm

Theatergespräche 2020  –  Beginn 6. Januar 2020

Acht Monate bevor Ludwig van Beethoven, der große Jubilar des kommenden Jahres, das Licht der Welt erblickte, wurde am 20. März 1770 im Herzogtum Württemberg der Dichter und Philosoph Friedrich Hölderlin geboren, eine der wirkungsmächtigsten Größen der deutschen und europäischen Geistesgeschichte. Aus Anlass seines 250. Geburtstags widmet sich das Theater Münster in einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm im Jubiläumsjahr zwischen Januar und Mai 2020 dem Werk Hölderlins und seiner vielgestaltigen Rezeptionsgeschichte. Vertreter der internationalen Hölderlin-Forschung aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien werden sein dichterisches Oeuvre beleuchten, Schauspieler des Theaters Münster in Lesungen seine sprachgewaltige Poesie zum Vortrag bringen.

Der schwäbische Schriftsteller Friedrich Hölderlin (1770–1843), namhafter Vertreter des deutschen Idealismus, Freund und Diskussionspartner Georg W. F. Hegels und Friedrich W. J. Schellings, gilt als ein Vordenker der klassischen deutschen Philosophie. Seine extreme Sensibilität befähigte ihn darüber hinaus zu einzigartigen, vieldeutigen lyrischen und dramatischen Schöpfungen, deren Ausstrahlung bis ins 21. Jahrhundert reichen.

19. April 2020 – Hölderlin Festakt im Rathausfestsaal 

 Franz Karl Hiemer, Friedrich Hölderlin, um 1792, © Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar

Franz Karl Hiemer, Friedrich Hölderlin, um 1792, © Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar

Zu Lebzeiten galt Hölderlin als Außenseiter, er selbst sah sich als »Dichter in dürftiger Zeit«, als ein ewig Heimatloser und Revolutionär, der an der Enge des Alltags zu ersticken glaubte und mit seinen kühnen Zukunftsträumen von Freiheit und Gleichheit an den politischen Realitäten seiner Epoche scheitern musste. Von der Mitwelt als geisteskrank erklärt, sollte er die zweite Hälfte seines Lebens wegen schwerer psychischer Krisen in einem Tübinger Turm oberhalb des Neckars verbringen

Nach seinem Tod fast vergessen, entdeckte ihn das 20. Jahrhundert neu und stilisierte ihn zur umschwärmten Kultfigur der deutschen Dichtung. Als »großer Seher, der für sein Volk ins Licht tritt«, bejubelte ihn Stefan George, der Kommunist Johannes R. Becher bezeichnet ihn als »Sänger der nationalrevolutionären Befreiung«. Martin Heidegger adelte ihn schließlich zum Dichter-Messias und Künder einer »Ursprache«. Komponisten wie Paul Hindemith, Carl Orff und Hans Werner Henze vertonten seine Werke, bildende Künstler wie Erich Heckel und Max Ernst erfuhren die inspirierende Kraft des dichterische Erbes.

Die Theatergespräche werden am Montag, 6. Januar 2020 um 20.00 Uhr mit einem Einführungsvortrag des Präsidenten der Hölderlin-Gesellschaft Prof. Johann Kreuzer (Oldenburg) im Theatertreff eröffnet. Ein mehrseitiges Faltblatt, das an der Theaterkasse erhältlich ist, informiert über die weiteren Termine, Referenten und Vortragsthemen. Eine begleitende Reihe im Schloßtheater wird sich ab Sonntag, 19. April den biographischen und experimentellen Annäherungen an Hölderlins Leben und Werk im Film widmen. Am Geburtstag, am 20. März 2020 wird ein Festakt mit Vortrag, Musik und Rezitation im Rathausfestsaal das Ausnahmetalent Hölderlin würdigen.

Karten zum Preis von je 10,- €/ Vortrag sind an der Theaterkasse (Tel. 0251/ 5909-100) erhältlich. Das Gesamtprogramm mit 22 Veranstaltungen (ohne Filme) kostet 154,- €.

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Hagen, Theater Hagen, Viertes Kammerkonzert im Kunstquartier Hagen, 08.12.2019

Dezember 5, 2019 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Viertes Kammerkonzert
am Sonntag, 8. Dezember 2019 um 11.30 Uhr

im Auditorium im Kunstquartier Hagen
Programm: Ludwig van Beethoven: Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur op. 69
Violinromanze F-Dur op. 50
Klaviertrio c-Moll op. 1 Nr. 3

Interpreten: Evgeny Selitsky (Violine), Rolf Petrich (Violoncello) und
Amy Tarantino-Trafton (Klavier)

Das vierte Kammerkonzert findet am 8. Dezember 2019 mit Beginn um 11.30 Uhr im Auditorium im Kunstquartier Hagen statt und bietet eine Einstimmung auf das Beethoven-Jahr 2020 (250. Geburtstag). Auf dem Programm stehen folgende Werke dieses Komponisten: die 1808 vollendete dreisätzige Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur op. 69, die 1798 geschriebene Violinromanze F-Dur op. 50 und das 1795 veröffentlichte viersätzige Klaviertrio c-Moll op. 1 Nr. 3. Für die Präsentation dieser Kompositionen haben sich Evgeny Selitsky (Violine), Rolf Petrich (Violoncello) und Amy Tarantino-Trafton (Klavier) zusammengefunden.

Eintritt 12 / 8 Euro

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

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