Künstler, Opern, Konzerte im Corona-Jahr 2020 – über Ländergrenzen, IOCO-Essay, 07.02.2021

Opera House Lviv / Lemberg, Ukraine © Opera House Lviv

Opera House Lviv / Lemberg, Ukraine © Opera House Lviv

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  Künstler, Opern, Konzerte im Corona-Jahr 2020

Über Ländergrenzen hinweg – eine Bewertung

von Adelina Yefimenko

Das vergangene Jahr 2020 war für die Opernwelt weitgehend digital. Die Unterbrechung der Festivals in Bayreuth, Lyon, München u.a. wurde teilweise durch die Salzburger Festspiele ausgeglichen, die im Sommer trotz der Gefahr des Virus anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens stattfanden. Online-Premieren, das Eintauchen in die Bühnen- und Klangillusion von Opernsendungen, digitale Konferenzen und Videokonzerte ersetzten oft die physische Präsenz und  interessante Gespräche mit Künstlern. 2020 wird man an die Jahrestage von A. Caldara, L. v. Beethoven, M. Beresowski (M. Berezovsky), M. Ravel, I. Pizzetti, B. Lyatoshynsky, E. Varèse und vielen anderen Komponisten erinnert. Es gab viele Veranstaltungen, und so erwuchs die Motivation, diejenigen Musiker zu ehren, die mit ihrer Kunst dieses Jahr für das Publikum doch interessant und faszinierend gemacht haben, trotz beschwerlicher Arbeitsbedingungen, Quarantänebeschränkungen, halb leerer Hallen, Gebührenverlusten und fast täglichen Covid-Tests.

  • Adelina Yefimenko, Autorin dieses Berichts, Professorin, lehrt als Musikwissenschaftlerin an der Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie Lviv (Lemberg) und der Ukrainischen Freie Universität München (UFU)

Jeder Künstler*in kultiviert „menschlich, allzu menschliche“ Hoffnungen auf Anerkennung und Bewunderung durch das Publikum, hofft auf Applaus, Applaus, Applaus! Ach, wie Applaus dies Jahr vermisst wurde! Aber neue Namen, Ereignisse und Artefakte bleiben nicht im Schatten, sie werden nicht zu einer Durchlaufseite des Pandemiejahres. Die Bewertung der Musikwissenschaftlerin Adelina Yefimenko, auch IOCO – Autorin, würdigt die herausragenden Phänomene des Jahres 2020, erhebt jedoch wie jede Bewertung keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist nur eine subjektive Erfahrung des Erlebten und Gehörten sowie ein wichtiges Ergebnis des vergangenen Jahres und ein Dank an die Künstler*innen für ihre Arbeit. 

The Claguers © The Claguers

The Claquers © The Claquers

MEDIA Aufbruch des Jahres 2020   

Ukraine – The Claquers. Die Internetplattform https://theclaquers.com/ junger ukrainischer Musikkritiker*innen (Stas Nevmerzhytsky, Lisa Sirenko, Dzvenislava Safyan, Oleksandr Ostrovskyi) informiert umgehend und provoziert, wie sie es ausdrückten, eine kritische Sicht auf klassische Musik in der Ukraine und darüber hinaus. Die jungen Musikkritiker drangen schnell in den Informationsraum der Ukraine ein „und nicht nur das“ (die Texte werden zweisprachig veröffentlicht – Ukrainisch, Englisch). Sie zeichneten sich in der Zone der aufregenden Kommunikation mit prominentenMusiker*innen, Musikwissenschaftler*innen, und Komponisten*innen aus – Valentin Silvestrov, Leonid Hrabovsky, Nina Gerasymova-Persydska, Alexander Shchetynsky, Alla Zagaykevych, Mykola Kovalinas, Zoltan Almashi, Andrey Merkhel, Roman Grygoriv, Illia Razumeiko. Musikwissenschaftler beleuchten und diskutieren künstlerische Themen, die alle Musiker*innen interessieren und betreffen „und nicht nur das“: https://theclaquers.com/

Deutschland  –  www.ioco.de, ist ein überregionales, deutschsprachiges Internet-Portal, welches mit über 30 Korrespondenten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, von Hamburg bis Graz, von Aachen bis Berlin und durch seine IOCO Kultur community bei Facebook (über 2.700 Mitglieder) die vielseitig, breite Kultur unserer Region, unseres Lebens abbilden möchte. Schwerpunkt von IOCO sind die Theaterproduktionen, Sprech- und Musiktheater und Festspiele, so die Bayreuther Festspiele, die Salzburger Festspiele, die Festspiele der Arena di Verona. Doch IOCO sucht nicht allein die „ernste“ Kultur; auch Shows oder Varieté-Theater, so die großartigen Shows im Berliner Friedrichstadtpalast, aber auch der emotionsreiche Pariser Park-Friedhof Père Lachaise, wo den Besucher das Grab von Gioacchino Rossini  kurz hinter dem Eingang „begrüßt“, werden gerne besprochen. Die IOCO-Serien über Kunst und Künstler bilden einen interessanten Rahmen: Gerade endete eine spannende 4-teilige Serie über Geschichte und Hintergründe der Kunstfigur La Barbe-Bleue, Blaubart. Eine 6-teilige IOCO-Serie über Salome folgt in Kürze. CD-, DVD-, Buchbesprechungen sind auch Teil des IOCO Alltags. IOCO (Latein „ich spiele“ – geschützter Name) möchte durch sein Internet Portal www.ioco.de und in seiner Facebook IOCO Kultur community die Vielfalt unseres Lebens abbilden, vom düsteren Alltag bis zur inspirierend belebenden Bühnenkultur; doch – dem tieferen Wortsinn von IOCO folgend – schwebt über IOCO immer ein positiver, frohsinniger Ton.  https://www.ioco.de/

IOCO - Kultur im Netz © IOCO

IOCO – Kultur im Netz © IOCO

 MUSIKALISCHE RARITÄTEN des Jahres 2020

Ukraine – Musica sacra Ukraina: die Partes Dimension besteht in der Erinnerung an eine der ersten Forscherinnen der alten orthodoxen kirchlichen Tradition des Partes-Gesangs Prof. Dr. Nina Gerasimova-Persidskaya. Das Team der Open Opera Ukraine hat die ukrainische Barockmusik konsequent erforscht. Im Jahr 2020 wurde ein Partes-Labor eingerichtet, zehn Partes-Konzerte von Mykola Diletsky und drei Konzerte anonymer Autoren des 18. Jahrhunderts wurden aufgeführt und aufgezeichnet. Eine Website und eine Audio-CD wurden erstellt. Die Projektleiter sind die Programmdirektorin Anna Gadetska, die wissenschaftliche Beraterin, ukrainische Partesforscherin Yevgeniya Ignatenko und die künstlerische Leiterin Nataliia Khmilevska. So das Team von Musica sacra Ukraina: Partes Dimension habe eine Plattform entwickelt, für die Interaktion von Wissenschaftlern, Musikern, Kulturmanagern und Kuratoren, deren gemeinsame Aktivitäten bei der Präsentation von Partes Singing das Interesse und die gebührende Aufmerksamkeit für diese Musik fördern. Die wissenschaftliche Arbeit solle in das umgewandelt werden, was die Zuhörer hören werden – fasst Yevgeniya Ignatenko zusammen, die seit mehr als zwanzig Jahren über Partes forscht. Beispiele des Partes-Gesangs sind auf der Web-Sites Musica sacra Ukraine siehe Link: http://lab.openopera.com.ua/

Musica sacra Ukraina © Open Opera Ukraine

Musica sacra Ukraina © Open Opera Ukraine

  Carlo il Calvo –  Nicola Antonio Porpora

Deutschland –  Carlo il Calvo, eine selten gespielte Opernproduktion im Jahr 2020 beim Bayreuth Baroque Opera Festival: mit Franco Fagioli, Julia Lezhneva und dem künstlerischen Leiter des Festivals Max Emanuel Cencic (Countertenor) in der Hauptrolle des Lottario. Die Oper wurde zum ersten Mal seit 300 Jahren im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth (Foto oben) aufgeführt, das kürzlich nach der Restaurierung eröffnet worden ist. (Regie: Max Emanuel Cencic, Musikalische Leitung: George Petrou). Cencic faszinierte in seiner neuen Interpretation der verwirrenden Geschichte Karls des Kahlen, des Enkels Karls des Großen. Die Geschichte ist absolut verrückt, eine Art Telenovela, in der die Familie um das Erbe kämpft. Der Haupterbe ist ein kleiner Junge, der von seinem Halbbruder entführt wird, um ihn zu töten. Die Mutter ist verzweifelt. Mit einem Wort, eine verrückte Geschichte.

Carlo il Calvo – Nicola Antonio Porpora  – im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth
youtube Trailer Niels U. Kristiansen
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 III. WELTPREMIEREN DES JAHRES 2020 – Ukraine

Zum ersten Mal wurden in Lviv (Lemberg) Werke von Stefania Turkevych (offiziell als erste ukrainische Komponistin anerkannt) im Zusammenhang mit der Rückgabe des verlorenen Erbes an die Ukraine aufgeführt. Die Aufführung einer Reihe unbekannter Werke von Stefania Turkevych wurde durch das Studium der Manuskripte des Künstlers möglich, das der ukrainischen Musikwissenschaftlerin Prof. Stefania Pavlyshyn zu verdanken ist. Und, wie die moderne ukrainische Komponistin Bohdana Frolyak, Autorin der neue Redaktion der Kinderoper Zar Oh oder Oksanas Herz, feststellte, haben Pavlo und Larysa Hunka großartige Arbeit geleistet, um das Werk der Komponistin in die Ukraine zurückzubringen. Der ukrainisch-britische Bariton und seine Gattin Larysa digitalisierten das gesamte Archiv von Stefania Turkevych und präsentierten es in Lemberg. Die Reihe der Weltpremieren im Jahr 2020 umfasste u.a.: Die erste Symphonie von Stefania Turkevych (1937) wurde im Rahmen des Kulturprojekts Ukrainian Live Classic (Präsentation der klassischen Musik der Ukraine / erste ukrainische mobile Anwendung, Förderung ukrainischer Klassiker im globalen Aspekt) aufgeführt.

Stefania Turkevychs © Orgelsaal von Lviv

Stefania Turkevychs © Orgelsaal von Lviv

Die ukrainische Live-Strategie wurde in fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen dem Orgelsaal von Lviv, dem Collegium Management und dem Galizischen Musik Verein (Galician Music Socety (Leitung: Taras Demko) mit Unterstützung der Ukrainian Cultural Foundation (UKS) entwickelt. Die erste Symphonie Stefania Turkevychs, aufgeführt vom Ukrainian Festival Orchestra, Dirigent Ivan Ostapovych.

Die Kinderoper Zar Oh, oder Oksanas Herz (1960) fand auf der Bühne des Stanislav-Lyudkevych-Konzertsaals statt (Lviv National MyroslavSkorykPhilharmonic). Die Oper wartete 60 Jahre auf ihre Aufführung. Mitwirkende: Instrumentalensemble des Lviv National Philharmonic Symphony Orchestra, 8 Solisten, Kinder- und Jugendkammerchor Zhayvir und Ballettschultheater L.Stage, Dirigent: Serhiy Khorovets, Regisseur: Oleh Oneshchak. Das Projekt wurde mit Unterstützung des Wettbewerbs Lviv 2020 – Fokus auf Kultur durchgeführt.  Aufzeichnung der Oper Zar Oh, oder Oksanas Herz – siehe den folgenden Film

Kinderoper – Zar Oh, oder Oksanas Herz – im Lemberg aufgeführt
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Das Ballett Hands or The Girl with the Withered Hands (Das Mädchen mit den verdorrten Händen, 1957, Bristol) wurde im Rahmen des Projekts Symphonie-Premieren des Orgelsaals von Lviv mit Unterstützung der öffentlichen Organisation Collegium Management und mit Unterstützung der Ukrainian Cultural Foundation (UKF) Der Regisseur der Aktion ist Taras Demko. Art Director und Dirigent – Ivan Ostapovich.

Ballett _ Hands or The Girl with the Withered Hands © Lviv Opera _ Orgelsaal LViv

Ballett _ Hands or The Girl with the Withered Hands © Lviv Opera _ Orgelsaal LViv

Zum ersten Mal wurden in Kyjiw drei Sinfonien des bedeutenden ukrainischen Komponisten Maksym Berezovsky (1745-1777) im Zusammenhang mit der Rückgabe des verlorenen Erbes an die Ukraine aufgeführt. Das Konzert leitete der ukrainische weltweit bekannte Dirigent Kirill Karabitz anlässlich Berezovskys 275.-Jubiläum. Vor einigen Jahren stellte die Musikwissenschaftlerin Larisa Ivchenko die Hypothese auf, dass die Manuskripte der Sinfonien Nr. 11 und Nr. 13 aus den Archiven des Fürsten Rasumowsky in der Wernadskyj-Nationalbibliothek der Ukraine von Maksym Berezovsky sind (signiert als Beresciollo). Kirill Karabitz fand die vollständigen Originalpartituren dieser Sinfonien im Nationalarchiv Paris, brachte sie nach Kyjiw und studierte sie mit Musikern des Nationalen Kammerensembles Kyiv Soloists ein. Das Konzert mit Berezovskys Sinfonien fand am 31.12.2020 in einer der schönsten Kirchen des ukrainischen Barock-Stils statt, der St.-Andreas-Kirche, die zu den Meisterwerken der ukrainischen Baukunst des 18. Jahrhunderts und in der sogenannten Tentativliste der UNESCO als nominierte Welterbestätte eingetragen ist. Das Konzert #Berezovsky275 wurde in der Ukraine zum historischen Ereignis des Jahres 2020.

#Berezovsky275  – Konzert
youtube Trailer Kirill Karabitz
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IV. FESTIVAL & KONZERT 2020    –  Deutschland

Bayreuth Baroque – das erste Bayreuth Baroque Opera Festival im 1748 erbauten Markgräflichen Opernhaus Bayreuth. Das Opernhaus gehört seit 2012 zum UNESCO-Weltkulturerbe und wurde 2018 komplett renoviert. Der künstlerische Leiter des Festivals Max Emanuel Cencic ist ein herausragender Opernsänger und Countertenor. Neben Solokonzerten der Stars Joyce DiDonato, Vivica Genaux, des Gambisten und Historikers Jordi Savall, der Accademia Bizantina und der Bratschistin Delphine Galou gipfelt das Festival in den Opern Antonio Porporas Carlo il Calvo und Leonardo Vincis Gismondo, Rè die Polonia. In der Oper Gismondo, Rè die Polonia, basierend auf der historischen Geschichte von Sigismund II. – König und Großfürst von Polen-Litauen, der Unterzeichnung der Lubliner Union zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen, wurde Otton von dem ukrainischen Kontertenor Yuri Minenko In beiden Opernproduktionen des Festivals sang Max Emanuel Cencic in der Titelrolle. Das {oh!} Orkiestra Historyczna! leitete die polnische Dirigentin Martyna Pastuszka. Das Festivalprogramm.

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth / Der Zuschauerraum nach der Restaurierung, Blick zur Bühne mit neu rekonstruiertem Bühnenbild © Bayerische Schlösserverwaltung

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth / Der Zuschauerraum nach der Restaurierung, Blick zur Bühne mit neu rekonstruiertem Bühnenbild © Bayerische Schlösserverwaltung

IV. FESTIVAL & KONZERT 2020    –   Ukraine

Pro et Contra. Die Bühne für neue Musik ist eine Konzertreihe, die das zehntägige Festival Contrasts mit regelmäßigen Projekten das ganze Jahr über fortsetzt. Pro et Contra, die Bühne der neuen Musik wird ausgezeichnet für ihre Aufführung des Melodramas für Gesang und Instrumentalensemble Pierrot Lunaire von Arnold Schönberg 21 (1912). Die Übersetzung ins Ukrainische des französischen Gedichtzyklus von Albert Giraud (1884), in der freien deutschen Übertragung von Otto Erich Hartleben, (1892) – Maxim Rymar (2020). Mitwirkende: Liliya Nikitchuk (Mezzo-Sopran) – Gesang, Maksym Rymar – Cello, Natalya Kozhushko-Maksymiv – Flöte & Piccoloflöte, Taras Hamar – Klarinette & Bassklarinette, Iryna Kirchanova – Klavier, Olena Kravets – Geige, Serhiy Havryliuk – Bratsche, Roman Kreslenko – Dirigent, Kurator der Konzertreihe Pro et Contra Bohdan Sehin; Philharmonie-Direktor – Volodymyr Syvokhip. Siehe link HIER!:

V. JUBILÄUM 2020 – Fest trotzt Covid

Das Jahr 2020 wird als Pandemie-Krise tragisch in die Geschichte der Menschheit eingehen. Es lohnt nicht, darüber nachzudenken, warum Covid-19 zu einem für wichtige Jahrestage so ungünstigen Zeitpunkt ausbrach. Die beiden Festivalstädte Lviv (Lemberg) und Salzburg hatten jedoch keine Angst vor dem Virus und feierten ihr Jubiläum auf brillante Weise. Wahrscheinlich haben die Seelen von Wolfgang Amadeus Mozart – der Vater und Franz Xaver Mozart – der Sohn die Jubiläumsfeiern, die Künstler und die Öffentlichkeit unter ihre Schirmherrschaft genommen. Die Feierlichkeiten waren bezaubernd, alle blieben gesund.

Ukraine – Der 120. Jahrestag der Nationalen Akademischen Oper und des Balletttheaters Solomiya Krushelnytska

Das Informationsportal der Oper von Lemberg berichtete: „Der Höhepunkt der Feierlichkeiten war ein festliches Grand-Konzert. Die Produzenten der Aktion – Regisseur Vasyl Vovkun, Dirigent Ivan Cherednichenko, Chorleiter Vadym Yatsenko haben das Programm so zusammengestellt, dass sie die wichtigsten historischen Premieren in der 120-jährigen Geschichte der Lemberger Oper widerspiegeln. Von der Grundsteinlegung für den Bau des Theaters, während der Pilgerchor aus Richard Wagners Oper Tannhäuser erklang, bis zur jüngsten Premiere der Volk-Oper des zeitgenössischen ukrainischen Komponisten Yevhen Stankovychs Wenn der Farn blüht – ein zweistündiger musikalischer Ausflug überwand die Zeit malte die wichtigsten Ereignisse auf die Bühne. Das Musikprogramm wurde durch interessante Fakten aus der Geschichte der Lemberger Oper ergänzt, die von den Gastgebern – dem Regisseur der Aktion Vasyl Vovkun und den Solisten der Lemberger Bühne – Liudmyla Ostash und Daryna Lytovchenko geteilt wurden. Schöne visuelle Projektionen, Bild- und Lichtdesign dekorierten pathetisch die Bühne (Dmitry Tsyperdyuk). Es erklangen die berühmtesten Fragmente aus Faust von Charles Gounod, Manon von Jules Massenet, Manru von Jan Paderewski, Madame Butterfly und La Boheme von Giacomo Puccini, Il trovatore von Giuseppe Verdi, Lohengrin von Richard Wagner. Zu den Programm-Perlen zählten die Arien und Ouvertüren aus den ukrainischen Opern Bogdan Khmelnytsky von Kostiantin Dankevych, Das gestohlene Glück von Julij Mejtus, Moses von Myroslav Skoryk, Die Goldene Krone von Boris Lyatoshynsky, Wenn der Farn blüht von Yevhen Stankovych. Neben den ukrainischen Kammersängern der LvivOpera (Olesia Bubela, Daryna Lytovchenko, Liubov Kachala, Liudmyla Ostash, Liudmyla Savchyk, (Sopran), Tetiana Vakhnovska (Mezzosopran), Oleh Lanovyi, Roman Trokhymuk (Tenöre), Roman Strakhov, Orest Sydir (Baritone), Yurii Trytsetskyi (Bass) –nahmen im (am) Konzert viele Gastsänger aus Europa teil: die Solisten der Nationaloper der Ukraine Valentyn Dytiuk (Tenor) und Serhii Magera (Bass), ukrainische Koloratursopranistin, Gastsolistin der Metropolitan Oper, Pariser Oper, Züricher Oper u.a. Olga Kulchynska.

 Österreich –  100 Jahre Salzburger Festspiele 

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, und Intendant Markus Hinterhäuser haben ihr Bestes getan, um diese „rein österreichische“ musikalisch-theatralische, luxuriös modische Kreation Salzburgs, einer Weltbühne, zum wichtigsten Datum ihres Lebens zu machen. Zwei Opernpremieren – Elektra von Richard Strauss und Cosi fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart – waren die einzigen Aufführungen, die stattfanden. Das Programm wurde gekürzt. Von den für 2020 geplanten Produktionen fanden Mozarts Zauberflöte, Puccinis Tosca, Mussorgskys Boris Godunov und Don Giovanni in der Version von Romeo Castellucci nicht statt. Unter den Raritäten wurden aus dem Programm Intolleranza von Luigi Nono, Neither von Morton Feldman Die verbleibenden Aufführungen im Programm reichten jedoch für die Salzburger Festspiele aus, um ihr 100-jähriges gebührend zu feiern

Cosi fan tutte Wolfgang Amadeus Mozart. 100 Jahre Salzburger Festspiele – Mozart als Erfolgsgarantie: Eine Besprechung zu Cosi hier  von Adelina Yefimenko / IOCO !

Cosi fan Tutte – Salzburger Festspiele 2020
youtube Trailer Salzburger Festspiele
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VI. SÄNGERIN DES JAHRES 2020

Ukraine –  Sofia Soloviy, Sopran – für die Hauptrolle Rusalka in Antonin Dvoraks Oper Rusalka im Theater St.Gallen (Regie: Vera Nemirova, Musikalische Leitung: Modestas Pitrenas / Stéphane Fromageot); für ihr Debüt als Rusalka an der Wiener Staatsoper (Regie: SvenEric Bechtolf, Dirigent: Tomáš Hanus); für die Hauptrolle Jane Seymour in Donizettis Anna Bolena (Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, Regie: Giampaolo Bisanti) in der Opéra Royal de Wallonie (Lüttich, Belgien), in der Royal Opera House Muscat (Maskat, Oman), sowie für die Aufführung der Werke ukrainischer Komponisten bei der Konzertpräsentation Your Taras Schewtschenko in der Lviv National Philharmonic unter Beteiligung des Lviv State Academic Male Choir Dudaryk (Chorleiter: Dmytro Katsal) und des Academic Symphony Orchestra vor Lviv National Philharmonic (Direktor und Dirigent: Volodymyr Syvokhip). Im Konzert Your Taras Schewtschenko sang Sofia Soloviy Werke von Mikola Lysenko und Yakiv Stepovy. Aufzeichnung der Konzertpräsentation – siehe Link HIER!:

Sofia Soloviy © Bruno Severini

Sofia Soloviy © Bruno Severini

Außerhalb des italienischen Repertoires trat Sofia Soloviy in Europa erfolgreich in den Rollen von Vitellia und Elettra (La Clemenza di Tito und Idomeneo von W. A. Mozart), in den Sopranstimmen Elias von F. Mendelssohn u.a. auf. Zum Repertoire gehört auch Elsa (Wagners Lohengrin). Das moderne Konzert- und Kammergesangsrepertoire der Sängerin umfasst Werke von Krzysztof Penderecki bis Yuri Laniuk sowie eine Vielzahl ukrainischer Sololieder. Sofia Soloviy ist davon überzeugt, dass cantilena belcanto in jedem Repertoire eine endlose Melodie ist, die mit dem Herzen gesungen werden soll.

Italien, Frankreich  –  Lea Desandre (MezzoSopran) – für die Rolle von Page Urban in Giacomo Meyerbeers Les Huguenots an der Grand Théâtre de Genève (Regie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Musikalische Leitung: Marc Minkowski); für die Rolle von Despina in Mozarts Così fan tutte (Regie: Christoph Loy, Musikalische Leitung: Joana Mallwitz, Salzburger Festspiele), für die Rolle der Priesterin Diana, Schäferin, Jägerin in der Oper Hippolyte et Aricie Jean-Philippe Rameaus (Inszenierung von François Roussillon et Associés der Pariser Opéra Comique am11. 2020, Regie: Jeanne Candel, Musikalische Leitung: Raphael Pishon); für die Kammerkonzerte mit Les Arts Florissants unter der Leitung von William Christie.

Presseberichte: Eine junge schlanke Schönheit in einem roten Faltenrock verursachte einen Blitzschlag mit ihrer charmanten Stimme wie eine Bergquelle. Die Luftkoloratur der jungen Französin Lea Desandre wurde zu einem unvergesslichen Auftakt des Opernabends.

Die junge Sängerin arbeitet mit dem Ensemble Les Arts Florissants von William Christie, den Festivals für Alte Musik von Innsbruck und Aix-en-Provence zusammen. In der Victoires de la Musique Classique-Bewertung wurde sie als Vokalfund von 2017 ausgezeichnet. Im Jahr 2020 spielte sie neben Produktionen von Così fan tutte und Les Huguenots die Rollen von Rosina (Rossinis Il barbiere di Siviglia), Annio (Mozarts La clemenza di Tito), Sesto (Händels Giulio Cesare in Egitto) u.a. Sie gab die Konzerte mit dem berühmten Lautenspieler Thomas Dunford und seinem Ensemble Jupiter.

ArtsFloWinter  #1: Lambert, Couperin, d’Ambruys, Matteis, Eccles @ La Grange
youtube Trailer Les Arts Florissants
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VII. SÄNGER DES JAHRES 2020

Ukraine  –  Bohdan Volkov (Tenor) – für die Rolle von Ferrando in Mozarts Così fan tutte (Regie: Christoph Loy, Musikalische Leitung: Joana Mallwitz (100 Jahre der Salzburger Festspiele) und Lensky in der Tschajkowskijs Oper Eugene Onegin (Regie: Dmitri Tschernjakov, Dirigent: Tomáš Hanus). Absolvent des R.Glier Kyiv Institute of Music (Ukraine). Er arbeitet regelmäßig mit Dmitri Tschernjakov zusammen: Die Verlobung im Kloster (Antonio) von Sergei Prokofjew an der Berliner Staatsoper, The Tale of Tsar Saltan von N. RimskyKorsakov (Tsarevich Gvidon) am Théâtre Royal de la Monnaie, Brüssel. Im Jahr 2021 soll Bohdan Volkov sein Debüt als Fenton in der Neuproduktion Falstaff an der Bayerischen Staatsoper.

Eugen Onegin – Bohdan Volkov als Lensky
youtube Trailer nexie aden
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Die Oper Eugene Onegin mit Bohdan Volkov als Lensky (Regie: Dmitri Tschernjakov, Regie: Tomáš Hanus)

Deutschland   –  Vincent Wolfsteiner (Tenor) – für die Aufführung von Tristan in Richard Wagners Oper Tristan und Isolde (Frankfurter Oper ( link HIER) unter der Regie von Katharina Thoma unter der Direktion von Sebastian Weigle) und von Herodes in der Oper Salome von Richard Strauss in der Berliner Staatsoper Unter den Linden unter der Regie von Hans Neuenfels und der Direktion von Thomas Guggeis). Einer der führenden Tenöre des Wagner-Strauss-Repertoires: er sang in Bayreuth, Berlin, Frankfurt, Massachusetts, New York, Florida, Nürnberg, Hannover, Freiburg und der National Taichung Theater (Taiwan). Darüber hinaus umfasst das Repertoire des Sängers alle führenden Tenorstimmen: Andrea Chénier, Othello, Kalaf, Siegmund und Siegfried, Eric in Fliegender Holländer, Lohengrin, Peter Grimes, Bacchus in Ariadne auf Naxos. Das Interview der Autorin mit  Vincent Wolfsteiner  – siehe IOCO  Link HIER!:

Vincent Wolfsteiner © Ludwig Olah

Vincent Wolfsteiner © Ludwig Olah

Frankfurt, Oper Frankfurt, Vincent Wolfsteiner, Tenor – im Gespräch, IOCO Aktuell, 11.02.2020

VIII. DIRIGENTIN DES JAHRES 2020

Deutschland  –  Joana Mallwitz – für die Musikalische Leitung und hervorragende Interpretation von Mozart Oper Così fan tutte zum 100. Jahre der Salzburger Festspiele. Die neue Mozart-Interpretation von Joana Mallwitz wird als brillantes Beispiel für die Mitautorschaft von Mozart-Mallwitz-Loy in die Geschichte eingehen. Kritiker lobten die Interpretation von Joanna Mallwitz als „Höhepunkt des modernen Verständnisses von Mozarts Stil, ein herausragender Moment der Salzburger Festspiele, als Herzstück dieser Produktion, als raffinierte Eleganz und unendliche Energie des Pulses der Musik“. Ihr Dirigat wurde als „Sternstunde in Sachen Mozart-Interpretation“ (von Friedemann Leipold, BR-Klassik) wahrgenommen. Sie war wirklich phänomenal in ihrer Selbstverständlichkeit, mit der sie Mozarts musikalischen Kosmos interpretiert. Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung der brillanten Dirigentin des 21. Jahrhunderts sind nicht nur das Hauptereignis, sondern ein einzigartiges Ereignis von Salzburg 2020. Die Tatsache, dass das 100-jährige Jubiläum von einer der besten Interpretationen von Mozart der letzten Jahre geprägt war, ist ein gutes Zeichen, das Hoffnung und Vertrauen in den erfolgreichen Abschluss und die weitere Entfaltung des außergewöhnlichen Festivals gibt, das seine Geschichte mit großen Künstlern schreibt.

Joanna Mallwitz wurde auch zur Dirigentin des Jahres 2020 für ihre Interpretation von Beethoven und Schubert gekürt. In diesem Jahr startete sie mit dem Staatstheater Nürnberg eine Reihe von selbstgeschaffenen Videotouren zur 6. Symphonie in F-Dur, Pastorale und zur 7. Symphonie in A-Dur von Ludwig van Beethoven (zum 250. Jahrestag) auf BR-KLASSIK. Die bildeten zusammen mit der Interpretation von Franz Schuberts letzter Großer Symphonie in C-Dur mit dem Berliner Konzerthausorchester den speziellen Inhalt der Sendung „Reingehört!“, die live auf den Websites rbbKultur und dem Konzerthaus Berlin sowie im rbb Fernsehen übertragen wurde.

Joanna Mallwitz © Lutz Edelhoff

Joanna Mallwitz © Lutz Edelhoff

Joanna Mallwitz war die jüngste Dirigentin und Musikdirektorin des Theater Erfurt und Nürnberg. Die Fachzeitschrift Opernwelt zeichnete sie als Dirigentin des Jahres 2019 aus. Im Jahr 2020 wurde Joanna Mallwitz mit dem Bayerischen Kulturpreis ausgezeichnet. Videotouren und Interpretationen der Beethovens und Schuberts Symphonien – siehe den Links:

 

Joanna Mallwitz mit „Ihrem“ Rundgang durch die „Pastorale“
youtube Trailer BR – Klassik
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IX. DIRIGENT DES JAHRES 2020

Ukraine –  Kirill Karabits (Kyrylo Karabyz) – für die Suche nach Partituren und die Rückgabe des verlorenen musikalischen Erbes an die Ukraine, insbesondere für die Suche nach Partituren von Maksym Berezovsky Symphonien (ein Konzert zum 275. Jahrestag der Geburt des ukrainischen Genies – Autor der ersten ukrainischen Symphonie, erster ukrainischen Oper (Demofonte), Chorkonzerte, Sonaten für Violine und Cembalo usw.). Auszug aus dem Interview Yefimenko – Karabits: „Es gibt eine interessante Hypothese von Larisa Ivchenko über einen Fund von Manuskripten von Symphonien Nr. 11 und Nr. 13, unterzeichnet von einem Beresciollo (Berezovsky). Die Musikwissenschaftlerin verweist auf den Ort der Aufbewahrung einzelner Seiten dieser Symphonien in der Wernadskyj-Nationalbibliothek der Ukraine mit Anweisungen zum Ort der Veröffentlichung – Paris und Lyon (Simphonie Periodique? ?iu Stromenti Composte del Signor Beresciolo ? XI. – A Paris: chez Mr De La Chevardiere, aux Adresses Ordinaires; A Lyon: Les Freres Le Goux). Die russische Forscherin Aljoschina bestätigt diese Hypothese und analysiert diese Beispiele als frühe russische Symphonien. Wenn diese Symphonien tatsächlich aus der Feder von Berezovsky stammen, wo wirst Du diese Werke zuerst aufführen?“

Kyryll Karabyts © Kyryll Karabyts

Kyryll Karabyts © Kyryll Karabyts

Der Titel des Dirigent des Jahres 2020 wird dem Kirill Karabits (Kyrylo Karabyz) auch für die Musikalische Leitung einer pandemie-adaptierten Produktion Mussorgskys Oper Boris Godunov an der Zürcher Oper (Regie: Barrie Kosky) verliehen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Opernproduktion hat Zürich ein hochmodernes Soundsystem wie digitale Kinogeräte erfolgreich getestet. Die technische Unterstützung der Aufführung – 60 Mikrofone im Proberaum, 100 Monitore im Auditorium des Theaters, synchronisierter Ton, der mit Lichtgeschwindigkeit virtuell über Glasfaserkabel an das Opernhaus geliefert wurde – all dies garantierte eine perfekte Verbindung und eine koordinierte Klangqualität. Der Dirigent leitet das Orchester und den Chor nicht aus dem Orchestergraben, sondern aus dem Proberaum in der Nähe des Opernhauses. Nur die Solisten traten auf der Bühne auf. Die Produktion wurde von Kritikern hochgelobt und vom Publikum feierlich bejubelt.

Kirill Karabits dirigiert Boris Godunow
youtube Trailer Opernhaus Zürich
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X. REGISSEURIN DES JAHRES 2020

Deutschland  –  Vera Nemirova – für die Inszenierung der Oper Fidelio. Im Jahr 2020 war die Produktion dem 250-jährigen Jubiläum von Ludwig van Beethoven und der Eröffnung des Gebäudes der Prager Staatsoper nach dreijähriger Restaurierung am 5. Januar 2020 gewidmet. Auf derselben Bühne wurde am 21. November 1814 unter der Leitung von Carl Maria von Weber die erste Prager Inszenierung von Fidelio aufgeführt, die den europäischen Triumph von Beethovens Opus Magnum ankurbelte (Berlin und Weimar 1815, Pesth – heute Budapest – und Kassel 1816, St. Petersburg 1818 und 1819, Wien 1822, Dresden 1823). Die Regisseurin arbeitet seit 2018 mit dem Musikdirektor der Prager Staatsoper Andreas Sebastian Weiser Vera Nemirova erhielt auch den Titel der Regisseurin des Jahres 2020 für eine scharf psychologische Inszenierung der Oper Rusalka von Antonín Dvo?ák in St. Gallen, die das aktuelle Thema „Inklusion und Künstler“ aufwirft. Das Stück wurde im Oktober 2019 uraufgeführt und im Jahr 2020 bis zur Ankündigung der globalen Sperrung fortgesetzt. Die Titelrolle Rusalka (die Meerjungfrau) in dieser Produktion sang Sofia Soloviy.

Vera Nemirova © Lutz Edelhoff

Vera Nemirova © Lutz Edelhoff

Die gebürtige Bulgarin Vera Nemirova lebt in Berlin und ist ein gern gesehener Gast in vielen europäischen Opernhäusern: in den Wiener, Berliner, Hamburger Staatsopern, der Bonner Oper, im Magdeburger und Weimarer Theater, in der Bukarester Nationaloper, der Grazer Oper, der Luzerner Oper. Die Regisseurin gilt als eine der besten Interpretinnen von Wagners Werken, darunter Der Ring des Nibelungen (Frankfurter Oper, 2010-2012) und Die Meistersinger von Nürnberg (Erfurt, Weimar, Regie in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Dirigenten Kirill Karabits, 2016).

XI. REGISSEUR DES JAHRES 2020

Tobias Kratzer © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer © Tobias Kratzer

Deutschland  –  Tobias Kratzer – für die Inszenierung der Oper Fidelio am Royal Opera House in London. Die Oper wurde einige Tage vor der Ankündigung der weltweiten Sperrung Covid19 (1. März 2020) uraufgeführt. Fidelio sollte am 17. März live übertragen werden. Führende Kinos auf der ganzen Welt bereiteten sich auf diese Veranstaltung vor. Gleichzeitig sollten die Produktionen auf DVD aufgenommen werden. Leider sind diese Pläne nicht verwirklicht worden, aber die Aufzeichnung der Generalprobe, die am 26. Juli 2020 auf der BBC ausgestrahlt wurde, ist erhalten geblieben. In Großbritannien kann die Aufzeichnung 9 Monate lang kostenlos angesehen werden. Hier ist ein Auszug aus der Presse: „Die Freude, den 250. Jahrestag der Geburt eines Genies zu feiern, wird durch einen einzigen göttlichen Funken (Freude, schöner Götterfunken) entzündet“.  Tobias Kratzers Fidelio flammte wieder auf – nach seiner genialen (kein Kompliment, sondern eine objektive Einschätzung) und unübertroffenen Regie von Wagners Tannhäuser bei den Bayreuther Festspielen 2019. Meine Auszeichnung für Tobias Kratzer als Regisseur des Jahres ist weder neu noch originell. Der Regisseur hat laut einer Umfrage unter 50 verschiedenen unabhängigen Journalisten und Musikkritikern bereits zweimal den Titel Der beste Regisseur 2020 des beliebten Hochglanzmagazins Oper! und den Titel Regisseur des Jahres 2020 des professionellen deutschen Opernmagazins Opernwelt gewonnen.

Ich vermeide grundsätzlich Superlative wie „höchste“ oder „beste“ bei der Nominierung und Aufzeichnungen. Während des Pandemiejahres scheiterten viele Produktionen, darunter Opernpremieren vieler sehr guter Regisseure wie David Bösch, Dmitri Tcherniakov, Martin Kušej, Claus Guth, Axel Ranisch, Tatjana Gürbaca und Katie Mitchell.

Krzysztof Warlikowski und Barrie Kosky haben es in diesem Jahr geschafft, auf dem Höhepunkt der modernen Opernregie zu bleiben. Höhepunkte des Jahres 2020 waren Warlikowskis Inszenierung von Elektra von Richard Strauss zu 100. Jahre der Salzburger Festspiele unter der musikalischen Leitung von Franz WelserMöst und Barrie Koskys Inszenierung von Boris Godunov von Modest Mussorgski an der Zürcher Oper unter der Leitung von Kirill Karabits. Die Inszenierung von Katie Mitchell im Jahr 2020 war leider zum ersten Mal enttäuschend. Trotz ihrer großartigen und unumstrittenen Regiebegabung war ihre JudithKonzert für Orchester / Herzog Blaubarts Burg auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper eine alarmierende Botschaft des radikalen Feminismus der Polizistin Judith, welche die von Herzog Blaubart ermordeten Frauen rettet, aber den Blaubart selbst, ohne Gerichtsverfahren, ermodet. Das symbolische Mysterien-Drama von Béla Bartók hat Katie Mitchell in ihrem Opern-Thriller wie zu dem Filmspiel Kill the Maniac heruntergestuft. Ich werde die Arbeit dieser außergewöhnlichen Künstlerin weiterhin mit Interesse verfolgen, denn die Inszenierungen der Opern Written on Skin, Lessons in Love and Violance von George Benjamin u.a. sind ihre großen Regie-Leistungen.

Fidelio – Tobias Kratzer: Der Regisseur des Jahres über die Inszenierung des Fidelio in London am 30.10.2020.

Kirill Fidelio am Royal Opera House, Regie Tobias Kratzer; hier „Mir ist so wunderbar“ mit  Forsythe, Davidsen, Zeppenfeld, Tritschler

youtube Trailer Royal Opera House
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Und Misserfolge sowie Erfolge auf dem Weg zu einer langfristigen kreativen Bildung sind flüchtig, wenn sich der Künstler der sozialen Auswirkungen von Kunst auf Menschen bewusst ist.

Tobias Kratzer hat meine Aufmerksamkeit mit der Produktion von Fidelio erschüttert, nicht nur, weil 2020 ein Jubiläumsjahr war, das beethovensche. Der Regisseur gab zu: „Es geht um das Prinzip Leonore. Es geht mir um das Grundmuster, wie funktioniert eine Gesellschaft, wie kriegt man eine Gesellschaft zum Handeln. Also es ist ja immer einer, der startet, das kann ‚Fridays For Future‘ sein oder der Arabische Frühling. Das braucht sozusagen einen Funken, und daraus kann eine Bewegung entstehen, die plötzlich größer wird als die Figur, die es gestartet hat.“  Deshalb ist es so wichtig, dass sich sein „Bild des Publikums“ weiterentwickelt: Die passive Masse der Zuschauer des sakralen Dramas erhält so etwas wie einen „Durchbruch des Bewusstseins“.

—| IOCO Essay |—

München, Gasteig Carl-Orff-Saal, Voice of the Violin – Ukrainische Wochen, IOCO Kritik, 17.10.2020

Oktober 17, 2020 by  
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Voice of the Violin - Ukrainische Wochen in München © Natalia Spiech / Generalkonsulat der Ukraine München

Voice of the Violin – Ukrainische Wochen in München © Natalia Spiech / Generalkonsulat der Ukraine München

Voice of the Violin im Gasteig

Voice of the Violin  –  Ukrainische Wochen in Bayern

 von Dr. Adelina Yefimenko

Dr. Adelina Yefimenko ist Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Ukrainischen Freien Universität München und der M. Lysenko-Nationale-Musikakademie – Lviv, Ukraine

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Die Ukrainischen Wochen in Bayern wurden am 9 Oktober 2020 unter dem Patronat des Generalkonsulats der Ukraine in München mit dem Konzert Voice of the Violin eröffnet. Dieses Konzert begeisterte 120 Gäste im Carl-Orff-Saal des Gasteig, München. Die Anzahl der Teilnehmer war coronabedingt reduziert.

Der Klang dreier Geigen entwickelte sich zu einer spannenden musikalischen Reise durch verschiedene Länder wie Deutschland, Frankreich, England und die Ukraine. Beflügelt durch diese musikalische Spannung zwischen West-und Osteuropa öffnete sich die Seele und entfaltete sich die Virtuosität der drei Geiger aus drei verschiedenen Ländern. Als Ergebnis vereinte sich deutsche Musikphilosophie, eleganter französischer Charme, moderne englische Musik und eine ukrainische Musik, die sowohl mit ihrer historischen als auch zeitgenössischen multikulturell-ethnischen Neuartigkeit immer noch in Westeuropa als Terra Incognita wahrgenommen wird.

Warum haben sich die drei Musiker – Natalia Raithel aus der Ukraine und Deutschland, Wahlheimat München, Ivan Dukhnych aus der Ukraine und der Schweiz und George Hlawiczka aus England – für den Klang der Geige entschieden?

Voice of the Violin - Die Musiker auf der Bühne © Natalia Spiech / Generalkonsulat Ukraine in München

Voice of the Violin – Die Musiker auf der Bühne © Natalia Spiech / Generalkonsulat Ukraine in München

In Voice of the Violin vereinten sich die Musiker in erhabener und transparenter Dreistimmigkeit, die die Wertschätzung jedes Komponisten in diesem Konzertprogramm unterstrich – unabhängig davon, ob der Künstler berühmt, weniger bekannt oder sein Name gar in Vergessenheit geraten ist. Der Mensch, seine Name und seine Taten leben solange, wie die Erinnerung daran bestehen bleibt. Der Komponist lebt solange, wie seine Werke von den Musikern zum Klang erweckt werden.

Es ist hinlänglich bekannt, dass die Streichinstrumente eine besondere Fähigkeit haben, den Klang der menschlichen Stimmen zu imitieren. In ihrem gesamten Wesen kommt die Violine dem Klang der Gesangstimme am nächsten. Neue Forschungsergebnisse stützen sogar die Hypothese, dass die ersten Geigenbauer den menschlichen Gesang zum Vorbild nahmen. Historisch also wurde die Violine zur Nachahmung des menschlichen Gesangs geschaffen und bis jetzt deckt sie nachweislich das größte Spektrum der menschlichen Gefühle ab, die nicht nur die Stimme der Menschen, sondern auch die Stimmung der ganzen Menschlichkeit ausstrahlen.

Dazu muss man zusätzlich erwähnen: die exakte vokale Dreistimmigkeit gilt als eine der wichtigsten Quellen der professionellen ukrainischen Musik. Seit dem 17. Jahrhundert schöpfen das ukrainische geistliche Liedgut sowie die Gesangs-Lyrik aus dem Ursprung der Kompositionslehre der dreistimmigen Gattung Kant. Im 20.Jahrhundert wurde durch die herausragenden Konzertauftritte der drei ukrainischen Sängerinnen –Geschwister Bajko – diese wichtige musikalischen Tradition der Ukraine – nämlich, die Dreistimmigkeit – weltweit bekannt.Im Konzertprogramm Voice of the Violin präsentierten die Musiker die große Vielfalt und den Variantenreichtum dieser Dreistimmigkeit über das Spiel mit den drei Geigen. Eine breite Palette der Stilrichtungen vom Barock über Romantik, Biedermeier, Neofolklorismus bis zur Minimal Musik wurde in einem Klangzauber der verschiedenen Epochen und Länder inszeniert.

 Voice of the Violin - hier vl. George Hlawiczka Natalia Raithel, Adelina Yefimenko, Ivan Dukhnych © Natalia Spiech / Generalkonsulat Ukraine in München

Voice of the Violin – hier vl George Hlawiczka Natalia Raithel, Adelina Yefimenko, Ivan Dukhnych © Natalia Spiech / Generalkonsulat Ukraine in München

Einige der Werke, sowohl des Genius Johann Sebastian Bach (meditative Adagio aus Sonate für Violine Solo C-Dur) oder Franz Schubert-Ernst (dramatische Grand Caprice „Der Erlkönig“) als auch des ukrainischen Komponisten Oleksander Znosko-Borowski (herrliche „Improvisation und Melodie“ für 2 Violinen und Viola), wurden in der Bearbeitung der bekannten Geigerin Natalia Raithel für 3 Violinen neu arrangiert.

Die Romanze „Wohin ich auch ginge“ des ukrainischen Komponisten Stephan Spiech, der in München lebte und der ein Anhänger des Biedermeier-Stils sowie der ukrainischen Kirchenchormusik war, wurde für 3. Violinen in der Bearbeitung des zeitgenössischen ukrainischen Komponisten aus Lemberg Myroslaw Wolynskyj zum ersten Mal in diesem Konzert „Voice of the Violin“ präsentiert.

Auch der orchestrale „Tanz der Huzulen“ des berühmten ukrainischen Komponisten Myroslaw Skoryk, konzipiert für drei Violinen von dem Cellisten Sergej Drapkin, beeindruckte mit einem bemerkenswerten Klang, der die archaischen Quellen aus der huzulischen Folklore im Lichte eines originalen persönlichen Stils des Komponisten zeigte. Diesen Tanz vervollständigte Myroslaw Skoryk zu einem selbstständigen Werk nach dem großen Erfolg seiner Filmmusik zur Filmproduktion „Feuerpferde – Schatten vergessener Ahnen“ des Regisseurs Sergei Paradschanow.

Nur Wenige wissen, dass die Genialität von Skoryk und Paradschanow von weltbekannten Regisseuren wie Federico Fellini, Akira Kurosawa, Michelangelo Antonioni, Andrzej Wajda geschätzt wurde und dass dieser Film auf der Liste für die Bewerbung zu den Medien-Wissenschaften der Harvard Universität steht.
Andere Werke wie die des deutschen Komponisten Friedrich Hermann („Capriccio für 3 Violinen“ Op.2), des französischen Komponisten Charles Auguste de Beriot („Duo Concertante“ N3 für 2 Violinen) und des britischen Komponisten Paul Trapcus waren in der originalen Fassung zu hören.

Alle diese Kompositionen wurden nicht zufällig in einem Programm präsentiert. Jeder Komponist hat mit seinem Werk die Stimme seines Volkes und die vielfältige stilistische Innovationen seines Landes individuell reflektiert. Auch die Künstler, die zum Anlass dieses Konzert-Programms, trotz der Schwierigkeiten in der Zeit der Pandemie, endlich zusammen und live musizieren konnten, sind alle freie, bekannte Künstler ihres Landes. Jeder machte eine großartige Kariere, gewann internationale Wettbewerbe, gründete eigene Orchester, Ensembles sowie forschende und musikpädagogische Institutionen.

Die Entstehungsgeschichte der musikalischen Freundschaft dieser drei Musiker ist sehr spannend. Natalia Raithel, Ivan Dukhnych und George Hlawiczka kamen nach Indien als Solisten und Mitwirkende der Mumbai-Philharmonie (NCPA-Philharmonie Orchester). Dabei entstand die Idee, in Europa ein eigenes Konzept für 3. Violinen zu gestalten. Und so entstand als erstes der Leitgedanke dieses Programms – Voice of the Violin. Der erste Auftritt fand vor einem Jahr in Lemberg auf dem Podium des Mirror-Saals der Nationalen Lviv-Oper statt. Und dies Jahr erklang Voice of the Violin in der Schweiz (Basel) und in Deutschland (München).

Unbedingt muss erwähnt werden, dass das Konzert Voice of the Violin ein originales und einzigartiges Genre im Repertoire der Streichinstrumente zum Ausdruck bringt, da es sich von den üblichen Streicher-Besetzungen eindrucksvoll unterscheidet. Es gibt zahlreiche bekannte Duette, Quartette oder Quintette, doch diese aufgespürten Stücke für drei Violinen sind eine wunderbare Entdeckung in diesem Konzert.

Bestimmt gibt es noch viele weitere wunderbare und immer noch nicht bekannte Perlen im Violine-Repertoire zu entdecken, die uns auf eine neue spannende Reise zusammen mit Voice of the Violin führen wird. Das Konzertprogramm Voice of the Violin auf der Bühne des Carl-Orff-Saal des Gasteig wurde zum großen Erfolg und zu einer erfreulichen Erkenntnis: die Musik; es lebt in aller Zeit, ist ewig und bleibt für neue Herausforderungen offen und kreativ. Lassen wir uns von neuen Entdeckungsreisen der Musiker in der Post-Pandemie-Welt überraschen! Das Violintrio bereitet das Projekt Voice of the Violin aktuell für eine CD Aufnahme vor.

Informationen über die Musiker:

Natalija Raithel ist Gewinnerin internationalen Wettbewerben, eine weltweit erfolgreiche Kammermusikerin und Spielpartnerin von Giora Feidman, die auch sehr erfolgreich als Pädagogin tätig ist. Natalija Raithel spielt die Violine von Johannes Baptista Zanoli (alte italienische Schule).
George Glawiczka tritt weltweit als Sologeiger und Dirigent auf. Er war Konzertmeister an der Philharmonie Orchester Mumbai und leitet sein eigenes Orchester I Maestri mit Hauptsitz in London. George Hlawiczka spielt die Violine von Antonio Vinaccia (Gagliano school).
Ivan Dukhnych studierte in der Schweiz und Deutschland als Geiger und Organist. Er ist seit 2015 Leiter der Haliciana Schola (Institut für historische Aufführungspraxis) in Lemberg. Seit 2017 unterrichtet Ivan Dukhnych an der Nationalen Musik-Akademie in Lemberg/ Lviv Violine und Orgel. Ivan Dukhnych spielt die neue, vor einem Monat gebaute Violine von Orest Putsentela (der zeitgenössische ukrainische Geigenbauer).
Das Konzert organisierte die ukrainische Familie Spiech aus München.

—| IOCO Kritik Philharmonie im Gasteig |—

Wolfsburg, Scharoun-Theater Wolfsburg, SCHWANENSEE – Ukrainische Staatsoper „Taras Schetschenko“, IOCO Kritik, 25.02.2020

Februar 25, 2020 by  
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Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Schwanensee  – Ukrainische Staatsoper „Taras Schetschenko“

Kein sterbender Schwan – aber Happy End für Alle

von Christian Biskup

Jedes Jahr touren zahlreiche Ensembles mit dem Stück durch Deutschland – Schwanensee! Ob mit oder ohne Orchester, die Ballettgruppen kommen meist aus Osteuropa, denn dort wird der Spitzentanz, anders als an den meisten deutschen Häusern, traditionell noch an den verschiedensten Theatern der Länder auf die Bühne gebracht. Das Ballett und Orchester der Ukrainischen Staatsoper „Taras Schetschenko“ Kiew folgte der Einladung ins Scharoun-Theater Wolfsburg und führte dem Publikum die ganze Kunst des Spitzentanzes vor.

Schwanensee von Pjotr Ijitsch Tschaikowsky  ist ein Klassiker der Ballettliteratur. 1877, bei der Uraufführung im Bolschoi-Theater von Moskau war das Stück kein Erfolg. Damals was das Bolschoi-Theater noch nicht das Bolschoi von heute. Mangelnde Vorbereitung, zu schwierige Musik und eine schlechte Ausstattung ließen das Stück schnell vom Spielplan verschwinden. Erst 1895 wurde mit der Choreografie von Marius Petipa (1818-1910) und Lew Iwanow (1824-1901) ein Siegeszug eingeleitet, der bis heute anhält. Und auf jene Choreografie, sowie auf die Wiederaufführungen von Alexander Gorsky (1871-1924), Fjedor Lopuchow (1886-1973) und Vladimir Burmeister (1904-1971) beruft sich die Choreografie von Valerie Kovtun (1944-2005), die bereits 1986 Premiere hatte und bis zum 23.02 auf Deutschland-Tournee war. Wer auf den sterbenden Schwan wartete, wartete jedoch vergeblich. In Tschaikowskys Schwanensee gibt es kein Sterbesolo, dieses wurde 1905 erst zu Camille Saint-Saens Schwanenmusik aus dem Carneval der Tiere für Primaballerina Anna Pawlowa choreografiert. Tatsächlich gibt es jedoch für Tschaikowskys Schwanensee verschiedene Finalversionen, die ein Sterbesolo erlauben würden. Doch die Inszenierung der Ukrainischen Staatsoper „Taras Schetschenko“ spielt die Version mit „Happy End“ für die Hauptprotagonisten:

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE © Staatsoper Kiew

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE © Staatsoper Kiew

Prinz Siegfried feiert mit Freunden seinen 21. Geburtstag. Von seiner Mutter erhält er eine wertvolle Armbrust versehen mit der Erinnerung, dass er beim Hofball am nächsten Tag aus vier potenziellen Bräuten eine auszuwählen habe. Als der Abend anbricht und der Prinz weiße Schwäne vorüberziehen sieht, entschließt er sich auf die Jagd zu gehen. Am See angekommen, sieht er, dass sich die Schwäne in schöne Schwanenmädchen verwandeln. Odette, die Prinzessin, berichtet, dass der böse Zauberer Rothbart sie in Schwäne verwandelt hat und er nur zur Mitternachtszeit keine Macht mehr über sie hat, weshalb sie in ihrer menschlichen Gestalt erscheinen. Erlösung vom Fluch gibt es nur, wenn ihnen jemand ewige Treue schwört. Wird der Schwur gebrochen, bleiben sie für immer Schwäne. Bezaubert von ihrer Schönheit schwört Siegfried Treue und bittet sie zum Ball zu kommen. Doch sie kann nicht. Rothbart, der den Schwur beobachtet hat, schmiedet derweil schon Pläne, wie er sie in seiner Macht behalten kann.

Beim Hofball im Festsaal des Schlosses am nächsten Tag lehnt Siegfried alle potenziellen Bräute ab – seine Gedanken gelten nur Odette. Erst als Rothbart mit seiner Tochter Odile erscheint, die vom Vater die Gesichtszüge Odettes erhalten hat, ist Siegfried entflammt, glaubt er doch Odette zu sehen. Seiner Mutter berichtet er, dass sie seine Braut sein soll. Rothbart und Odile verlassen daraufhin triumphierend den Saal. Als an einem Palastfenster die traurige Odette erscheint, erkennt er den Betrug und eilt schnell zum See der Schwäne. Er erklärt Odette den Betrug und beteuert, dass sein Treueschwur nur ihr gegolten habe. Doch Rothbart gibt so schnell nicht auf – er entfesselt die Elemente und beginnt mit Siegfried zu kämpfen. Dieser verletzt ihn so schwer, dass Rothbart seine Zauberkraft verliert – die Schwanenmädchen sind erlöst!

Die Ausstattung von Maria Lewitskaja ist konventionell-konservativ aber sehr poetisch. Gemalte Bühnenprospekte, von denen der Schwanensee in seinen blau-schimmernden Tönen besonders hervorsticht, sowie die prachtvolle Ausstattung des Festsaales mit Thronsessel sind mit den prächtigen Kostümen ein Genuss für die Augen. Eine kluge Lichtregie verstärkt die jeweilige Stimmung. Hier wird nur erzählt, nichts gedeutet, was den Gegnern von jeglicher Art von Regietheater sicher entgegen kommt. Trotzdem oder deshalb ist der Abend nicht langweilig, was an den starken Leistungen der Tänzer liegt. Den größten Erfolg konnte Daniil Silkin und das Corps de Ballet im neapolischen Tanz der Tanzfolge im dritten Akt erringen. Sein zahlreichen schwindelerregenden Fouettés en tournant sowie das perfekte Timing zur Musik machten ihn – trotz der Kürze des Auftritts – zum Publikumsliebling des Abends.

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE hier die Primaballerina Anastasia Schewtschenko als weißer Schwan © Staatsoper Kiew

Scharoun Theater Wolfsburg / SCHWANENSEE hier die Primaballerina Anastasia Schewtschenko  © Staatsoper Kiew

Doch auch die 1993 geborene Primaballerina Anastasia Schewtschenko konnte in der Doppelrolle der Odette / Odile überzeugen. Grazil und elegant, sowie zu Beginn ihres Auftritts wunderbar scharwenzelnd, gab sie mit fließenden Armbewegungen die begehrenswerte Schwanenprinzessin. Ihre Wandlung zur dunklen Odile gelang spielerisch. Ihr Bühnenpartner Oleksi Tiutiunnyk in der Rolle des Prinzen begeisterte besonders durch seine Grand jetés, die großen Sprünge, die ihn scheinbar schwerelos über die Bühne schweben ließen, wobei sich offenbarte, dass die Wolfsburger Bühne für sein Können eigentlich zu klein ist. Sehr beeindruckend gelang der Kampf zwischen Siegfried und dem Zauberer Rothbart (kraftvoll und energiestrotzend Volodymyr Kutuzov), der temporeich und sehr dynamisch choreografiert wurde. Für viel Beifall sorgte auch der Tanz der kleinen Schwäne (Inna Chorna, Ievgeniia Korshunova, Jateryna Chupina, Kateryna Dehtiarova), welcher in Reihe en croix getanzt wurde und sicher eine der beliebtesten Nummern des Ballettes ist. Das Pas de Trois begleitete viele Nummern – mit wenigen synchronen Unsicherheiten – poetisch und originell choreografiert.

Das Orchester der Staatsoper „Taras Schewtschenko“ unter der Leitung von Mykola Djadjura spielte die Ballettmusik hörbar mit Freude, wobei es schon erstaunlich ist, wie unterschiedlich die Musik mit einem östeuropäischen Orchester klingt. Das ukrainische Orchester spielt die Musik gemäß der russischen Tradition weitaus schroffer und weniger stark romantisierend. Dramatische Elemente werden deutlich hervorgehoben, lyrische Momente entkitscht wo es geht, man spielt in recht flotten Tempi. Dies funktioniert in Verbindung mit der Choreografie ausgesprochen gut, die so stets dynamisch bleibt. Viel Applaus vom Publikum für Dirigent und Orchester!

Nach gut drei Stunden und zwei Pausen, in denen ausschließlich lobende Worte für Ensemble und Inszenierung zu hören waren, endet der Abend mit Standing Ovations für alle Beteildigten. Das ukrainische Ensemble kann auf der ersten Station ihrer Tournee einen großen Erfolg verbuchen.

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Luxor – Ägypten, Hatschepsut Tempel, AIDA : Interview mit Regisseur Sturm, IOCO Interview, 19.11.2019

November 18, 2019 by  
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Hatschepsut Tempel in Luxor bei Nacht © Oleksandr Shamov

Hatschepsut Tempel in Luxor bei Nacht © Oleksandr Shamov

AIDA – Hatschepsut Tempel von Luxor – 2019

Adelina Yefimenko spricht mit  Regisseur Michael Sturm  über dessen AIDA Inszenierung in Luxor

Adelina Yefimenko, (AY),: Michael, bekanntlich wurde AIDA zuerst nach einem Szenarium des Ägyptologen Auguste Mariette verfasst und inszeniert. Die Uraufführung der Oper von Giuseppe Verdi fand am 24. Dezember 1871 im Khedivial-Opernhaus in Kairo statt. Das ist eine sehr spannende und merkwürdige Geschichte einer italienischen Oper als Spätwerk des Reformators der Operngattung, die bis zur Gegenwart zum einen großen Teil der ägyptischen Identität anwuchs. Was ist für Sie in der Geschichte dieser Oper italienisch, bzw. europäisch und was ägyptisch? Wie verbinden sich diese zwei verschiedenen Mentalitäten in dieser Oper nach Ihrer Vorstellung?

Michael Sturm,  (MS): Es sind europäische Träume eines alten Ägypten, das es so nie gegeben hat und was Verdi auch nicht sonderlich interessierte. Er erfand sehr schöne neue Klangfarben, die sich gut im Wasser des Nils spiegeln. Das ist es dann auch schon. Die Welt, die Verdi erschuf, ist geprägt von religiösem Fanatismus, von nationalistischem Wahn und von der Liebe als solche, die in einer derartigen Welt nur absterben kann und im schwachen Hauch des Wortes „Frieden“ zu überleben hofft. Verdi dachte an seine Zeit, an den aufkommenden Kolonialismus, das morsche aber noch gefährliche Papsttum des Kirchenstaates. Und ich denke als Regisseur an Gewaltherrschaften, Regime und Gottesstaaten: ich denke, ich interpretiere, ob falsch, ob richtig, ich gehe in der Freiheit interpretierend spazieren. Und da begannen die Missverständnisse mit der Aida im heutigen Ägypten. Ich bekam sehr spät mit, dass Verdis AIDA als eine nationale Angelegenheit angesehen wird und die ägyptische Identität sich in der Oper widerzuspiegeln habe. Das schuf Missverständnisse und Konflikte. In die Öffentlichkeit wurde lanciert, dass ich diese Identität verletzen würde.

Regisseur Michael Sturm in Luxor © Mustafa Karim

Regisseur Michael Sturm in Luxor © Mustafa Karim

AY:  Wenn wir an die Entstehungsgeschichte des Werkes zurückdenken, erinnert man sich sofort, dass Verdi vom regierenden Khediven Ismail Pascha den Auftrag erhielt, eine ägyptische Hymne zu schreiben. Diese Idee lehnte der Komponist aber mehrfach ab. Die Behauptung, dass AIDA zur Eröffnung des Suezkanals komponiert worden, ist obsolet und nicht ganz korrekt. Aber der Konflikt zwischen der künstlerische Freiheit, nach der Verdi selbst strebte, und der Vorstellungen des ägyptischen Herrschers ist nicht neu und wiederholt sich immer wieder. Eine konträre Parallele zur dieser historische Situation sehe ich jetzt, als die ägyptische Regierung Ihre erste Regie für AIDA abgelehnte. Damals plante Khedive die Verdis Komposition einer Oper „in ausschließlich ägyptischem Stil“ für das neue Theater. Die neue ägyptische Regierung wollte von Ihnen ein neues Regiekonzept doch auch „im ausschließlich ägyptischem Stil“? Ist es ein Kompromiss für Sie die erste Regie für  AIDA in einer „Schublade“ zu schließen und ein neuer Weg, bzw. einen neuer Blickwinkel auf die Oper AIDA (Staatsforderung und Zensur angemessen) zu schaffen?

MS:  Man muss nun wissen, dass es einen privaten Geschäftsmann als Produzenten gab, der eine neue AIDA am Hatschepsut Tempel zeigen wollte, die erste AIDA nach dem Attentat von 1997. Er, der als Fremdenführer selbst Opfer dieses Attentates war, gab uns den Auftrag, Neues zu schaffen. Die Oper Cairo, die bisher immer für eine AIDA in Ägypten herhalten musste, wurde nicht angefragt. Im Nachhinein ergaben sich daraus zusätzliche Schwierigkeiten.

AY: Um Ihr Regie-Konzept zu entwickeln, sind Sie mehrmals nach Luxor gereist. Übrigens, Verdi war nie in Ägypten. Wie wichtig war für Sie von Ort zu erkunden, wie die menschliche Tragödie über die Liebe, Eifersucht, Heimat und Tod in die spektakuläre Kulisse des Hatschepsut-Tempels des altägyptischen Pharaonenreiches integriert wird? Welche Inspirationsquelle öffnete Ihnen den Nil – endlos wie der Tod?

MS:  Die Inspirationen haben wir uns alle vor Ort geholt, wir sind durch das Land gereist, sind in Pyramiden gestiegen, durch Tempel aller Zeitepochen gewandelt, haben Museen besichtigt, viele Menschen kennengelernt und gesprochen. Der Nil hat seinen Zauber und der Tempel der Pharaonin Hatshepsut eine leuchtende Kraft, irgendwie wärmend und mit offenen Armen, sehr speziell, besonders und sehr weiblich. Ein weiblicher Ort. Oberhalb ihres Tempels im Felsen hinter ihr wollten wir den Nil als visueller Effekt entspringen lassen, fettFilm mit Torge Möller sollte da ran. Das Wasser sollte über den Tempel, seine beiden Rampen und den langen Weg in Richtung Publikum fließen. Links vom Fluss sollte eine grüne Welt voller Palmen entstehen, rechts davon die lebensfeindliche Wüste sein. Die Äthiopier als assoziierbare rotschattierte Schmetterlinge hatten ihr Areal in der Oase, die Ägypter als tiefdunkle blaue Krähen in der Wüste. In unserer Tierfabel hätten sich im Triumphmarsch die Krähen aufgemacht die Oase zu überfallen, die Schmetterlinge gefangen zu nehmen und ihnen die Flügel zu stutzen. Der Tempel hätte in seinen ursprünglichen Farben geleuchtet, ein Sandsturm die ganze Geschichte unter sich begraben. Mit Howard Carter als Forscher und Tutanchamun-Ausgräber, der sich in die Rolle des Radames hinein träumt.

Hatschepsut Tempel Luxor / AIDA hier Radames © Oleksandr Shamov

Hatschepsut Tempel Luxor / AIDA hier Radames © Oleksandr Shamov

AY:  Fühlten Sie sich bei der Vorbereitungen ein wenig wie ein Ägyptologe? Oder verlegen Sie die Handlung in andere Zeiten und Räume, um neue Schichten von Bedeutungen freizulegen?

MS:  Man wird selbst zu Howard Carter, es ist unglaublich faszinierend in diese alte Zivilisation einzutauchen und sie mitzunehmen in die eigenen Gedanken. 3000 Jahre als eine Nation, allein diese Zahl macht Staunen und Schweigen. Es ist schon ein Unterschied ägyptische Sammlungen in unseren Museen zu sehen oder es vor Ort zu erleben. Und allein Hatshepsut, welch eine emanzipierte Frau, wie modern – vor 5000 Jahren.

AY: Und dieses Konzept wurde verneint? Warum? Welche radikale, vielleicht auch provokative Idee Ihrer ersten Inszenierung scheiterte durch die ägyptische Staats-Zensur?

MS: Als es um die Kostüme ging wollte man eine Altägyptischen Variante haben und alle Inszenierungsdetails wissen. Eine unerquickliche Diskussion, die dazu führte, dass ich anschließend erst einmal draußen war. Es sollte und wollte nicht provozieren, es war nur anders als gewohnt und erwartet. Man hat einen Begriff wie „Interpretation“ und bewertet ihn grundverschieden. Vor dem Brückenbau zwischen den Kulturen sollte man zuerst die Fundamente, auf denen die Brückenpfeiler stehen sollen, auf ihre Festigkeit prüfen und dann kann man bauen. Dann klappt es auch mit der Brücke des Verstehens, des Miteinanders. Nur so hat das letzte gesungene Wort der Oper eine Chance überhaupt gesungen zu werden, um nachklingen zu können in den Herzen der Menschen. PACE ist das Zauberwort, Frieden!

AY:  Inwiefern korrespondieren Ihre Ideen, bzw. hier die so genannte zweite „traditionelle“ Regie für Luxor, mit den Ideen Ihrer ersten Regie? (Ob die wirklich traditionell ist oder vortäuschend traditionell? Klischeehaft? Pseudoägyptisch?) Oder Sie stellen ganz neues Konzept dar?

MS:  Die nunmehrige AIDA ist kein Kompromiss, sie ist etwas ganz anderes. Mit den ursprünglichen Ideen hat das nichts mehr zu tun.

AY: In AIDA zeigt Verdi deutlich seine antiklerikale Haltung. Die Wissenschaftler, die behaupten, dass Verdi „musikalisch wie dramatisch deutlich ausgedrückt, ist, dass hinter dem Unglück der Liebenden und hinter dem Thron als treibende Kräfte die Priester stehen. Nicht der König ist der wahre Machtträger, sondern der Oberpriester. An allen wichtigen Wendepunkten trifft der Oberpriester Ramphis die Entscheidungen“. (Erhart Graefe). Kommt in Ihrer Inszenierung diesen Schwerpunkt zum Ausdruck?

MS: Ramphis ist das eigentliche Machtzentrum, er steht in seinem Fanatismus für nichts weniger als einen Gottesstaat, der König hat da wenig zu bieten. Und der Gegenspiel von Ramphis ist Amonasro, ebenfalls ein gewissenloser Fanatiker und Nationalist ist, der versucht seine Tochter zu manipulieren. Männliche Linien, die in Hass und Untergang münden. Die Frauen sind es, die Akzente setzen, insbesondere Amneris mit ihrer Erkenntnis, dass es über den Tod der Liebe hinaus den Hoffnung auf Frieden geben muss.

AIDA – 2019 im Hatschepsut Tempel von Luxor
youtube Trailer von Yasser Mustafa
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AY:  In einer Zeitschrift habe ich eine Anzeige entdeckt, die lautet: „Erleben Sie Giuseppe Verdis AIDA vor der Kulisse des Hatschepsut-Tempels in Luxor! … Ihr Studiosus-Reiseleiter öffnet für Sie die Tore ins alte Ägypten!“ Für mich klingt dies ein bisschen kurios, absonderlich und stellt die Frage: was ist letztendlich die Oper AIDA für zeitgenössische Ägypter? Dient die Oper um eine Menge von Touristen nach Luxor zu locken oder ist die Oper AIDA wirklich ein kulturelles und musikalisches Ereignis für Ägypter? Welches Ereignis musikalischer oder touristischer Art ist auch AIDA in Luxor für Europäer, die nach Luxor kommen?

MS: Mit der AIDA soll ein Tor nach Ägypten geöffnet werden, und ja, es ist ein Lockmittel. Klingt doch auch gut, was die Macher einer bekannten Reederei mit ihren rotlippigen Traumschiffen bestimmt bestätigen würden.

AY: Welche ägyptischen Komponisten könnten Verdi folgend am Hatschepsut-Tempel, einen anderen Tempel in Luxor oder im Khedivial-Opernhaus in Kairo seine Oper zum authentischen Ereignis für das Ägyptische Volkes machen? Oder macht solche besonderen Ereignisse nur Verdis AIDA in Ägypten möglich?

MS: Was der Nachbar sagt, der Mitarbeiter denkt, die Journalisten schreiben, das ist in Ägypten sehr wichtig. Es sind viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Vielleicht noch eine Geschichte zum Schluss. Als in Suez vor einigen Jahren eine AIDA im Beisein der Präsidenten Ägyptens und Äthiopiens stattfand, kam es nach der Aufführung zu erheblichen Missstimmungen, so wurde mir erzählt. Der Grund: im Triumphmarsch sollen die äthiopischen Gefangenen zu hart angegangen worden sein.

AY:: Im Finale des ersten Regie-Vorhabens wollten Sie eine Gestalt der Mumie zeigen, die sich von ihrem Gewande befreit. Sollte diese auferstehende Mumie das Befreiungs-Symbol für Ägypten andeuten?

MS: Das kann man so sehen. Sie hätte flüchten sollen, wäre aber wieder eingefangen worden. Wenn man in einer tragischen Oper auch mal lachen kann, warum nicht.

AY:  In AIDA 2019 in Luxor haben 150 Musiker aus der Ukraine teilgenommen. Das Dirigat übernahm die ukrainische Star-Dirigentin Oksana Lyniv, die das ukrainische Orchester INSO-LVIV leitete, und die ägyptischen und äthiopischen Völker wurden vom berühmten ukrainischen Chor DUMKA gesungen. Ihre Zusammenarbeit mit der ukrainischen Künstler führte schon die Produktion von Lohengrin am Nationalen Opernhaus in Lemberg zur explosiven Resonanz in den ukrainischen und deutschen Medien.

Was bedeutet für Sie solche Kooperationen, die eine sehr breite Perspektive für alle Sinne – künstlerische, kulturell-geographische, religiöse und sozialpolitische – verspricht? Welche künftigen Pläne dieser Kooperation können Sie verraten?

MS: Meine Rückkehr zum Projekt AIDA war Mitte Oktober. Ich musste von heute auf morgen ein völlig neues szenisches Konzept auf die Beine stellen und traf mich in Luxor vor den Proben mit meinen beiden Mitarbeitern Karla Staubertova und Andrey Maslakov. Am Tisch entwarfen wir den szenischen Plan, beide agierten danach wie von mir erwartet als Team in flacher Hierarchie. Licht, Technik, Ablauf, Organisation, szenische Proben und schließlich auch die Kostüme teilten wir untereinander auf. Seltsam, dass in der ukrainischen Medien meine Name als Regisseur dieser Produktion AIDA nicht erwähnt wurde.

Von der künstlerischen Leistungsstärke konnte ich mir schon einen Überblick verschaffen, er ist wirklich sehr gut. In Luxor waren es insbesondere Orchester, Chor und die beiden musikalischen Leiterinnen Oksana Lyniv und Margarita Grynyvetska, die mich künstlerisch sehr überzeugten. Großartige Sänger und Instrumentalisten und wunderbare Dirigentinnen, die visionär arbeiten und diesem Weg alles unterordnen. Dabei der DUMKA-Chor wirklich herausstach, der auch durch seine Bescheidenheit und Demut ein besonderes Plus erwarb. In Zukunft plane ich mit Chor DUMKA einen szenischen Elias von Mendelssohn. Das wäre doch was!

AY:  Wie sieht Ihr Gesamtfazit aus?

MS: Rückblickend muss ich bei diesem verrückten Projekt sagen, dass die letztlich zur Aufführung gebrachte Lesart die Richtige für Anlass, Ort und Umstände war. So sehr Schmetterlinge und Krähen, Ausgräber und Mumien richtig gewesen wären, umso falscher wären sie zu diesem Zeitpunkt dort gewesen. In den kommenden Jahren werde ich diese Aida mit Inhalt füllen und sie verbessern. Schritt für Schritt im Dialog mit meinen ägyptischen Freunden und Gesprächspartnern. Man mag irritiert sein über die gesamten Umstände, doch bewirken kann man nur mit langem Atem, mit viel Geduld und Muße, im Miteinander und im Wir.

Biografie Michael Sturm

Michael Sturm, *1963, wuchs in Hamburg auf. Er studierte Musiktheater-Regie bei Götz Friedrich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hamburg. Seine Ausbildung erweiterte er durch die Zusammenarbeit u.a. mit Harry Kupfer, Ruth Berghaus und Achim Freyer, den er als Teilnehmer an der Bühnenklasse am Bauhaus Dessau kennenlernte. Seither wirkt er als Regisseur, Dramaturg und Autor.

Als Regisseur wirkte Michael Sturm u.a. an den Staatstheatern in Kassel und Saarbrücken, der Staatsoper in Hamburg, an den Bühnen in Linz, Bremen und Dessau. Gastspiele führten ihn an das Nationaltheater Prag, nach Albanien an die Opera Tirana, an die ungarischen Opernhäuser in Debrecen und Szeged, sowie das Mazedonische Nationaltheater Skopje.

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt Michael Sturm Die verkaufte Braut, 1995 im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt, Brundibár an der Wiener Kammeroper 1999, Fidelio in Tirana/Albanien 2007 und im Jahr 2008 die Uraufführung der Oper Gegen die Wand am Theater Bremen. Diese Produktion erhielt 2009 den „Europäischen Toleranzpreis“.

„Lohengrin“ inszenierte er in Saarbrücken/Luxemburg mit Constantin Trinks, für MEZZO-TV erfolgte 2008 Cileas „Adriana Lecouvreur“. Gemeinsam mit Ji?i B?lohlávek erarbeitete er am Nationaltheater Prag Mozarts „Cosi fan tutte“. 2017 wurde er zum „International Opera Festival“ ins irische Wexford mit Jacopo Foroni´s Margherita eingeladen. Hervorzuheben ist die polnische Erstaufführung von Richard Wagner´s „Die Meistersinger von Nürnberg“ am Teatr Wielki Poznan und „Aida“ im Herbst 2019 vor dem Hatshepsut Tempel von Luxor.

—| IOCO Interview |—

 

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