Luxor – Ägypten, Hatschepsut Tempel, AIDA : Interview mit Regisseur Sturm, IOCO Interview, 19.11.2019

November 18, 2019 by  
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Hatschepsut Tempel in Luxor bei Nacht © Oleksandr Shamov

Hatschepsut Tempel in Luxor bei Nacht © Oleksandr Shamov

AIDA – Hatschepsut Tempel von Luxor – 2019

Adelina Yefimenko spricht mit  Regisseur Michael Sturm  über dessen AIDA Inszenierung in Luxor

Adelina Yefimenko, (AY),: Michael, bekanntlich wurde AIDA zuerst nach einem Szenarium des Ägyptologen Auguste Mariette verfasst und inszeniert. Die Uraufführung der Oper von Giuseppe Verdi fand am 24. Dezember 1871 im Khedivial-Opernhaus in Kairo statt. Das ist eine sehr spannende und merkwürdige Geschichte einer italienischen Oper als Spätwerk des Reformators der Operngattung, die bis zur Gegenwart zum einen großen Teil der ägyptischen Identität anwuchs. Was ist für Sie in der Geschichte dieser Oper italienisch, bzw. europäisch und was ägyptisch? Wie verbinden sich diese zwei verschiedenen Mentalitäten in dieser Oper nach Ihrer Vorstellung?

Michael Sturm,  (MS): Es sind europäische Träume eines alten Ägypten, das es so nie gegeben hat und was Verdi auch nicht sonderlich interessierte. Er erfand sehr schöne neue Klangfarben, die sich gut im Wasser des Nils spiegeln. Das ist es dann auch schon. Die Welt, die Verdi erschuf, ist geprägt von religiösem Fanatismus, von nationalistischem Wahn und von der Liebe als solche, die in einer derartigen Welt nur absterben kann und im schwachen Hauch des Wortes „Frieden“ zu überleben hofft. Verdi dachte an seine Zeit, an den aufkommenden Kolonialismus, das morsche aber noch gefährliche Papsttum des Kirchenstaates. Und ich denke als Regisseur an Gewaltherrschaften, Regime und Gottesstaaten: ich denke, ich interpretiere, ob falsch, ob richtig, ich gehe in der Freiheit interpretierend spazieren. Und da begannen die Missverständnisse mit der Aida im heutigen Ägypten. Ich bekam sehr spät mit, dass Verdis AIDA als eine nationale Angelegenheit angesehen wird und die ägyptische Identität sich in der Oper widerzuspiegeln habe. Das schuf Missverständnisse und Konflikte. In die Öffentlichkeit wurde lanciert, dass ich diese Identität verletzen würde.

Regisseur Michael Sturm in Luxor © Mustafa Karim

Regisseur Michael Sturm in Luxor © Mustafa Karim

AY:  Wenn wir an die Entstehungsgeschichte des Werkes zurückdenken, erinnert man sich sofort, dass Verdi vom regierenden Khediven Ismail Pascha den Auftrag erhielt, eine ägyptische Hymne zu schreiben. Diese Idee lehnte der Komponist aber mehrfach ab. Die Behauptung, dass AIDA zur Eröffnung des Suezkanals komponiert worden, ist obsolet und nicht ganz korrekt. Aber der Konflikt zwischen der künstlerische Freiheit, nach der Verdi selbst strebte, und der Vorstellungen des ägyptischen Herrschers ist nicht neu und wiederholt sich immer wieder. Eine konträre Parallele zur dieser historische Situation sehe ich jetzt, als die ägyptische Regierung Ihre erste Regie für AIDA abgelehnte. Damals plante Khedive die Verdis Komposition einer Oper „in ausschließlich ägyptischem Stil“ für das neue Theater. Die neue ägyptische Regierung wollte von Ihnen ein neues Regiekonzept doch auch „im ausschließlich ägyptischem Stil“? Ist es ein Kompromiss für Sie die erste Regie für  AIDA in einer „Schublade“ zu schließen und ein neuer Weg, bzw. einen neuer Blickwinkel auf die Oper AIDA (Staatsforderung und Zensur angemessen) zu schaffen?

MS:  Man muss nun wissen, dass es einen privaten Geschäftsmann als Produzenten gab, der eine neue AIDA am Hatschepsut Tempel zeigen wollte, die erste AIDA nach dem Attentat von 1997. Er, der als Fremdenführer selbst Opfer dieses Attentates war, gab uns den Auftrag, Neues zu schaffen. Die Oper Cairo, die bisher immer für eine AIDA in Ägypten herhalten musste, wurde nicht angefragt. Im Nachhinein ergaben sich daraus zusätzliche Schwierigkeiten.

AY: Um Ihr Regie-Konzept zu entwickeln, sind Sie mehrmals nach Luxor gereist. Übrigens, Verdi war nie in Ägypten. Wie wichtig war für Sie von Ort zu erkunden, wie die menschliche Tragödie über die Liebe, Eifersucht, Heimat und Tod in die spektakuläre Kulisse des Hatschepsut-Tempels des altägyptischen Pharaonenreiches integriert wird? Welche Inspirationsquelle öffnete Ihnen den Nil – endlos wie der Tod?

MS:  Die Inspirationen haben wir uns alle vor Ort geholt, wir sind durch das Land gereist, sind in Pyramiden gestiegen, durch Tempel aller Zeitepochen gewandelt, haben Museen besichtigt, viele Menschen kennengelernt und gesprochen. Der Nil hat seinen Zauber und der Tempel der Pharaonin Hatshepsut eine leuchtende Kraft, irgendwie wärmend und mit offenen Armen, sehr speziell, besonders und sehr weiblich. Ein weiblicher Ort. Oberhalb ihres Tempels im Felsen hinter ihr wollten wir den Nil als visueller Effekt entspringen lassen, fettFilm mit Torge Möller sollte da ran. Das Wasser sollte über den Tempel, seine beiden Rampen und den langen Weg in Richtung Publikum fließen. Links vom Fluss sollte eine grüne Welt voller Palmen entstehen, rechts davon die lebensfeindliche Wüste sein. Die Äthiopier als assoziierbare rotschattierte Schmetterlinge hatten ihr Areal in der Oase, die Ägypter als tiefdunkle blaue Krähen in der Wüste. In unserer Tierfabel hätten sich im Triumphmarsch die Krähen aufgemacht die Oase zu überfallen, die Schmetterlinge gefangen zu nehmen und ihnen die Flügel zu stutzen. Der Tempel hätte in seinen ursprünglichen Farben geleuchtet, ein Sandsturm die ganze Geschichte unter sich begraben. Mit Howard Carter als Forscher und Tutanchamun-Ausgräber, der sich in die Rolle des Radames hinein träumt.

Hatschepsut Tempel Luxor / AIDA hier Radames © Oleksandr Shamov

Hatschepsut Tempel Luxor / AIDA hier Radames © Oleksandr Shamov

AY:  Fühlten Sie sich bei der Vorbereitungen ein wenig wie ein Ägyptologe? Oder verlegen Sie die Handlung in andere Zeiten und Räume, um neue Schichten von Bedeutungen freizulegen?

MS:  Man wird selbst zu Howard Carter, es ist unglaublich faszinierend in diese alte Zivilisation einzutauchen und sie mitzunehmen in die eigenen Gedanken. 3000 Jahre als eine Nation, allein diese Zahl macht Staunen und Schweigen. Es ist schon ein Unterschied ägyptische Sammlungen in unseren Museen zu sehen oder es vor Ort zu erleben. Und allein Hatshepsut, welch eine emanzipierte Frau, wie modern – vor 5000 Jahren.

AY: Und dieses Konzept wurde verneint? Warum? Welche radikale, vielleicht auch provokative Idee Ihrer ersten Inszenierung scheiterte durch die ägyptische Staats-Zensur?

MS: Als es um die Kostüme ging wollte man eine Altägyptischen Variante haben und alle Inszenierungsdetails wissen. Eine unerquickliche Diskussion, die dazu führte, dass ich anschließend erst einmal draußen war. Es sollte und wollte nicht provozieren, es war nur anders als gewohnt und erwartet. Man hat einen Begriff wie „Interpretation“ und bewertet ihn grundverschieden. Vor dem Brückenbau zwischen den Kulturen sollte man zuerst die Fundamente, auf denen die Brückenpfeiler stehen sollen, auf ihre Festigkeit prüfen und dann kann man bauen. Dann klappt es auch mit der Brücke des Verstehens, des Miteinanders. Nur so hat das letzte gesungene Wort der Oper eine Chance überhaupt gesungen zu werden, um nachklingen zu können in den Herzen der Menschen. PACE ist das Zauberwort, Frieden!

AY:  Inwiefern korrespondieren Ihre Ideen, bzw. hier die so genannte zweite „traditionelle“ Regie für Luxor, mit den Ideen Ihrer ersten Regie? (Ob die wirklich traditionell ist oder vortäuschend traditionell? Klischeehaft? Pseudoägyptisch?) Oder Sie stellen ganz neues Konzept dar?

MS:  Die nunmehrige AIDA ist kein Kompromiss, sie ist etwas ganz anderes. Mit den ursprünglichen Ideen hat das nichts mehr zu tun.

AY: In AIDA zeigt Verdi deutlich seine antiklerikale Haltung. Die Wissenschaftler, die behaupten, dass Verdi „musikalisch wie dramatisch deutlich ausgedrückt, ist, dass hinter dem Unglück der Liebenden und hinter dem Thron als treibende Kräfte die Priester stehen. Nicht der König ist der wahre Machtträger, sondern der Oberpriester. An allen wichtigen Wendepunkten trifft der Oberpriester Ramphis die Entscheidungen“. (Erhart Graefe). Kommt in Ihrer Inszenierung diesen Schwerpunkt zum Ausdruck?

MS: Ramphis ist das eigentliche Machtzentrum, er steht in seinem Fanatismus für nichts weniger als einen Gottesstaat, der König hat da wenig zu bieten. Und der Gegenspiel von Ramphis ist Amonasro, ebenfalls ein gewissenloser Fanatiker und Nationalist ist, der versucht seine Tochter zu manipulieren. Männliche Linien, die in Hass und Untergang münden. Die Frauen sind es, die Akzente setzen, insbesondere Amneris mit ihrer Erkenntnis, dass es über den Tod der Liebe hinaus den Hoffnung auf Frieden geben muss.

AIDA – 2019 im Hatschepsut Tempel von Luxor
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AY:  In einer Zeitschrift habe ich eine Anzeige entdeckt, die lautet: „Erleben Sie Giuseppe Verdis AIDA vor der Kulisse des Hatschepsut-Tempels in Luxor! … Ihr Studiosus-Reiseleiter öffnet für Sie die Tore ins alte Ägypten!“ Für mich klingt dies ein bisschen kurios, absonderlich und stellt die Frage: was ist letztendlich die Oper AIDA für zeitgenössische Ägypter? Dient die Oper um eine Menge von Touristen nach Luxor zu locken oder ist die Oper AIDA wirklich ein kulturelles und musikalisches Ereignis für Ägypter? Welches Ereignis musikalischer oder touristischer Art ist auch AIDA in Luxor für Europäer, die nach Luxor kommen?

MS: Mit der AIDA soll ein Tor nach Ägypten geöffnet werden, und ja, es ist ein Lockmittel. Klingt doch auch gut, was die Macher einer bekannten Reederei mit ihren rotlippigen Traumschiffen bestimmt bestätigen würden.

AY: Welche ägyptischen Komponisten könnten Verdi folgend am Hatschepsut-Tempel, einen anderen Tempel in Luxor oder im Khedivial-Opernhaus in Kairo seine Oper zum authentischen Ereignis für das Ägyptische Volkes machen? Oder macht solche besonderen Ereignisse nur Verdis AIDA in Ägypten möglich?

MS: Was der Nachbar sagt, der Mitarbeiter denkt, die Journalisten schreiben, das ist in Ägypten sehr wichtig. Es sind viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Vielleicht noch eine Geschichte zum Schluss. Als in Suez vor einigen Jahren eine AIDA im Beisein der Präsidenten Ägyptens und Äthiopiens stattfand, kam es nach der Aufführung zu erheblichen Missstimmungen, so wurde mir erzählt. Der Grund: im Triumphmarsch sollen die äthiopischen Gefangenen zu hart angegangen worden sein.

AY:: Im Finale des ersten Regie-Vorhabens wollten Sie eine Gestalt der Mumie zeigen, die sich von ihrem Gewande befreit. Sollte diese auferstehende Mumie das Befreiungs-Symbol für Ägypten andeuten?

MS: Das kann man so sehen. Sie hätte flüchten sollen, wäre aber wieder eingefangen worden. Wenn man in einer tragischen Oper auch mal lachen kann, warum nicht.

AY:  In AIDA 2019 in Luxor haben 150 Musiker aus der Ukraine teilgenommen. Das Dirigat übernahm die ukrainische Star-Dirigentin Oksana Lyniv, die das ukrainische Orchester INSO-LVIV leitete, und die ägyptischen und äthiopischen Völker wurden vom berühmten ukrainischen Chor DUMKA gesungen. Ihre Zusammenarbeit mit der ukrainischen Künstler führte schon die Produktion von Lohengrin am Nationalen Opernhaus in Lemberg zur explosiven Resonanz in den ukrainischen und deutschen Medien.

Was bedeutet für Sie solche Kooperationen, die eine sehr breite Perspektive für alle Sinne – künstlerische, kulturell-geographische, religiöse und sozialpolitische – verspricht? Welche künftigen Pläne dieser Kooperation können Sie verraten?

MS: Meine Rückkehr zum Projekt AIDA war Mitte Oktober. Ich musste von heute auf morgen ein völlig neues szenisches Konzept auf die Beine stellen und traf mich in Luxor vor den Proben mit meinen beiden Mitarbeitern Karla Staubertova und Andrey Maslakov. Am Tisch entwarfen wir den szenischen Plan, beide agierten danach wie von mir erwartet als Team in flacher Hierarchie. Licht, Technik, Ablauf, Organisation, szenische Proben und schließlich auch die Kostüme teilten wir untereinander auf. Seltsam, dass in der ukrainischen Medien meine Name als Regisseur dieser Produktion AIDA nicht erwähnt wurde.

Von der künstlerischen Leistungsstärke konnte ich mir schon einen Überblick verschaffen, er ist wirklich sehr gut. In Luxor waren es insbesondere Orchester, Chor und die beiden musikalischen Leiterinnen Oksana Lyniv und Margarita Grynyvetska, die mich künstlerisch sehr überzeugten. Großartige Sänger und Instrumentalisten und wunderbare Dirigentinnen, die visionär arbeiten und diesem Weg alles unterordnen. Dabei der DUMKA-Chor wirklich herausstach, der auch durch seine Bescheidenheit und Demut ein besonderes Plus erwarb. In Zukunft plane ich mit Chor DUMKA einen szenischen Elias von Mendelssohn. Das wäre doch was!

AY:  Wie sieht Ihr Gesamtfazit aus?

MS: Rückblickend muss ich bei diesem verrückten Projekt sagen, dass die letztlich zur Aufführung gebrachte Lesart die Richtige für Anlass, Ort und Umstände war. So sehr Schmetterlinge und Krähen, Ausgräber und Mumien richtig gewesen wären, umso falscher wären sie zu diesem Zeitpunkt dort gewesen. In den kommenden Jahren werde ich diese Aida mit Inhalt füllen und sie verbessern. Schritt für Schritt im Dialog mit meinen ägyptischen Freunden und Gesprächspartnern. Man mag irritiert sein über die gesamten Umstände, doch bewirken kann man nur mit langem Atem, mit viel Geduld und Muße, im Miteinander und im Wir.

Biografie Michael Sturm

Michael Sturm, *1963, wuchs in Hamburg auf. Er studierte Musiktheater-Regie bei Götz Friedrich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hamburg. Seine Ausbildung erweiterte er durch die Zusammenarbeit u.a. mit Harry Kupfer, Ruth Berghaus und Achim Freyer, den er als Teilnehmer an der Bühnenklasse am Bauhaus Dessau kennenlernte. Seither wirkt er als Regisseur, Dramaturg und Autor.

Als Regisseur wirkte Michael Sturm u.a. an den Staatstheatern in Kassel und Saarbrücken, der Staatsoper in Hamburg, an den Bühnen in Linz, Bremen und Dessau. Gastspiele führten ihn an das Nationaltheater Prag, nach Albanien an die Opera Tirana, an die ungarischen Opernhäuser in Debrecen und Szeged, sowie das Mazedonische Nationaltheater Skopje.

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt Michael Sturm Die verkaufte Braut, 1995 im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt, Brundibár an der Wiener Kammeroper 1999, Fidelio in Tirana/Albanien 2007 und im Jahr 2008 die Uraufführung der Oper Gegen die Wand am Theater Bremen. Diese Produktion erhielt 2009 den „Europäischen Toleranzpreis“.

„Lohengrin“ inszenierte er in Saarbrücken/Luxemburg mit Constantin Trinks, für MEZZO-TV erfolgte 2008 Cileas „Adriana Lecouvreur“. Gemeinsam mit Ji?i B?lohlávek erarbeitete er am Nationaltheater Prag Mozarts „Cosi fan tutte“. 2017 wurde er zum „International Opera Festival“ ins irische Wexford mit Jacopo Foroni´s Margherita eingeladen. Hervorzuheben ist die polnische Erstaufführung von Richard Wagner´s „Die Meistersinger von Nürnberg“ am Teatr Wielki Poznan und „Aida“ im Herbst 2019 vor dem Hatshepsut Tempel von Luxor.

—| IOCO Interview |—

 

Lemberg, Lviv National Opera, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv

Lohengrin – Richard Wagner

– Das Publikum wird zum Teilnehmer –

von Adelina Yefimenko

Die Nationaloper Lviv, Ukraine begeisterte sein Publikum mit einer Neuproduktion des Lohengrin. Erstaunlich, wie eine enthusiastische Zusammenarbeit des internationalen Teams, initiiert von Intendant Vasyl Vovkun, die Oper ins Zentrum des Kulturlebens stellte, während des Krieges, der die Ukraine seit 2014 belastet. 2018 kamen auf die Lviver Bühne neue Opern- und Ballett-Inszenierungen Mozarts, Strawinskys und Stankovychs. Das Kultusministerium der Urkaine unterstützt keine Opernprojekte. Und mehr als zwei Neuproduktionen je Saison stemmt kein ukrainisches Opernhaus. Die Lviv Nationaloper geht mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ voran und verdient das Geld teilweise mit innovativen Projekten im prächtigen Spiegelsaal – ein stolzer Bestandteil der goldglänzenden Innerarchitektur aus der Habsburger Monarchie.

Die Rückkehr Richard Wagners in die Urkraine wurde trotz des sowjetischen Hausverbots in der Nachkriegszeit in Angriff genommen. In den 70-er feierte die Nationaloper die Wiederkehr von Tannhäuser nach der ersten Premiere 1867. Die Neuproduktion Lohengrin nun, entwickelte sich aus der Idee des Dirigenten Myron Yusypovych, der die Partitur-Ausgabe 1902 von Lohengrin entdeckte und die Arbeit mit dem deutschen Regisseur Michael Sturm begann. Die Bühne und Kostüme kreierte der Österreicher Matthias Engelmann.

Lohengrin  –  Richard Wagner
youtube Trailer National Opera Lviv
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Die Kooperation ukrainischer Opernhäuser mit deutschen Regisseuren war immer erfolgreich. Bei der Neuinszenierung des Fliegenden Holländer 2013 zum 200-jh. Jubiläum Wagners an der Donbass Oper führte Mara Kurotschka Regie. Die Produktion war ein riesiger Erfolg, bis 2014 mit der Verwüstung Donezk auch die gesamten Bühnenbilder, Kostüme zerstört wurden.

Lohengrin hatte mehr Glück. Seit seiner ersten Premiere 1877 in Lviv avancierte Lohengrin zu einem der beliebtesten Werke des Publikums und wurde auf Deutsch und Polnisch inszeniert. Zum Repertoire ukrainischer Opernhäuser zählten zudem auch Rienzi, Der Fliegende Holländer und Der Ring des Nibelungen.

Die aktuelle Version vereinnahmt das Publikum als Teilnehmer. Wieder eine neue originelle Lesart des Theaters im Theater! Comedia-dell’arte spielt an der Oberfläche. Der Schwan kommt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne wie ein Riesen Weichtier. Die Akteure Heinrich als Märchenkönig, Lohengrin als Pagliaccio, Telramund als Samuraj besuchen verträumte, (sic!) traumatische Frauen, die zwei Gruppen bilden: die blau-haarigen Träumerinnen (wie Elsa) und rot-haarigen Kämpferinnen (wie Ortrud). Elsa erscheint ihr Traummann als Weißclown, der ihr sagt: „Elsa, ich liebe Dich“ und später: „Nie sollst Du mich befragen“. Damit scheitern alle Hoffnungen auf die bedingungslose Liebe.

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

Dank der schrillen Schönheit der Lichtgestaltung erkennt man nicht sofort, dass dieses „Theater im Theater“ in einer psychiatrischen Klinik spielt. Die Kleider mit überlangen Ärmeln gleichen Zwangsjacken. An einem Ort, an dem der ewige Alltag ins Irreale abdriftet und lang verborgene Erinnerungen in die Realität einbrechen, verlieren sich junge Mädchen in ihre Träume. Im zweiten Akt verbleiben auf der Bühne von achtundzwanzig Krankenbetten nur zwei. Dadurch wirken die Paare Elsa/Lohengrin und Ortrud/Telramund optisch klein und puppenhaft. Die Assoziationen zu Alice im Wunderland liegen auf der Hand. Für seine Männer-Gestalten benötigte Regisseur keine Helden-Tenöre. Allerdings zeigten sie sich in beider Besetzungen auch vokal als schwach (Nutthaporn Thammathi, Roman Corentsvit). Während die Frauen in beiden Besetzungen hervorragend agierten, besonders die Mezzosopranistinnen mit guten Wagner-Stimmen (Olesia Bubela, Alla Rodina als Elsa und Mariia Berezowska, Liudmyla Savchuk als Ortrud).

In Brabant waltet der Heerrufer des Königs als Conférencier (schauspielerisch präsentabel Mykola Kotnutiak). Am Ende ruft er in den Zuschauerraum: „Seht da, den Herzog von Brabant!“. Im ukrainischen Opernhaus „am Vorabend“ der Präsidenten-Wahl mit der Rekordzahl an Bewerbern (39) spannt dieses absurde Theater einen Bogen in die Politik-Groteske. „Wenn wir mit der alten Welt gebrochen haben und die neue noch nicht formen können, tritt die Satire, die Groteske, die Karikatur, der Clown und die Puppe auf“ – diese Zeilen des Dadaisten Raoul Hausman könnte als Schlüssel für diese Inszenierung gelten, die ohne Aktualisierung eine Synthese von Mythos, Comedia-dell’Arte, Psychonalyse, Farce schafft. Die monotone Drehung eines Riesenventilators an der Bühnenwand bildet ein in sich bewegliches Symbol der Zeitlosigkeit.

Das Frageverbot in Lohengrin wird in der Lviv National Opera unter diesem Blickwinkel zum Freiheitsverbot. Das Theater, so  Michael Sturm, soll Fragen stellen, das Publikum zur Selbstreflexion anzuregen.

National Opera Lviv - Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv – Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

Lviv National Opera – Nationaloper  Lemberg

Die Lviv National Opera,  Opern- und Ballettheater in Lviv, Lemberg, (Lemberger National Oper) ist das älteste Opern- und Ballettheater der Ukraine. Die Amtsbezeichnung des Theaters bei der Gründung war „Stadttheater“. Architekt Zygmund Gorgolewski (Absolvent der Berliner Bauakademie) baute dies „Stadttheater“ als Theater der Hauptstadt Lemberg (heute Lwiw oder Lviv), welche damals die Hauptstadt des Kronlandes Galizien in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie war. Am 4. Oktober 1900 wurde das Stadttheater feierlich eröffnet. Das historische Gebäude war in den klassischen Traditionen mit den Elementen der Renaissance und des Frühbarock gehalten. An der Ausstattung des Theaters arbeiten die besten Meister von Lemberg und der ganzen Alten Welt. Das Gebäude überrascht mit der Üppigkeit des Dekors.

Um dieses in den 70-80 Jahren des 20 Jh. zu erneuern wurde 5 kg Blattgold benutzt. Der Zuschauerraum Auditorium ist in Lyraform gehalten und ist von guter Akustik gezeichnet. Er fasst 1070 Besucher und ist in der traditionellen Form eines Logentheaters gestaltet.
Das Repertoire ist dabei sehr vielfaltig und reicht von den Werken des 18 Jahrhunderts. bis zu Kompositionen der Gegenwart: Gluck, Mozart, Donizetti, Verdi, Bizet, Puccini, Mascagni. Alle Werke werden in der Originalsprache aufgeführt.

—| IOCO Kritik National Opera Lviv – Lemberg |—