Stuttgart, Oper Stuttgart, Don Pasquale – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 07.04.2018

April 8, 2018 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Don Pasquale von Gaetano Donizetti

Norina ist Macherin – Als wahre Gangsterbraut

Von Peter Schlang

Gaetano Donizettis letzte Oper Don Pasquale: In der aktuellen Version der Stuttgarter Staatsoper beginnt die Handlung nicht wie üblich nach der Ouvertüre, sondern parallel zu dieser. Mit dem ersten Ton aus dem Graben lässt sich nämlich auf einer großen Leinwand im Bühnenvordergrund eine Episode aus der späten Jugend des Titelhelden verfolgen, die vom jungen Stuttgarter Trickfilm-Studio Seufz für die Neu-Inszenierung des sich im Sommer aus Stuttgart verabschiedenden Regieduos Jossi Wieler und Sergio Morabito entwickelt wurde.

 Machen alles hip: Trickfilm-Studio Seufz, Kiana Naghsdineh, Teresa Vergho

Kiana Naghsdineh, Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie, und die Kostümbildnerin Teresa Vergho erzählen darin in bestechenden wie hippen Szenen, musikalisch hervorragend auf Donizettis orchestrale Einstimmung abgestimmt, die frühe und vielleicht einzige, auf jeden Fall aber letzte Liebesgeschichte des zwanzigjährigen Pasqualino. Auf Drängen seines autoritären Vaters, einem reichen und ambitionierten Unternehmer,  gibt der potentielle Firmenerbe die Beziehung zu „seiner Nina“ auf und begibt sich auf den Entwicklungsweg zu dem einsamen, nur seinen Reichtum zusammenhaltenden, misstrauischen und am Ende nur noch bedauernswerten Kauz, den das interessierte Publikum seit über 170 Jahren für 150 Minuten auf den Opernbühnen der Welt zu Gesicht und Gehör bekommt.

Oper Stuttgart / Don Pasquale  - hier :  Enzo Capuano als Don Pasquale und Ana Durlovski als Norina © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Don Pasquale – hier : Enzo Capuano als Don Pasquale und Ana Durlovski als Norina © Martin Sigmund

Mit dieser schrill witzigen sowie hintergründigen und intelligent gemachten, gespannt aber auch nachdenklich machenden Vorgeschichte ebnen die Regiefüchse Wieler und Morabito in ihrer vorletzten Stuttgarter Inszenierung den Weg zu einer ebenso schlüssigen und erhellenden wie erschütternden Deutung respektive Erweiterung des uralten Theater- und Opernsujets, in dem der sitzengebliebene, einsame Liebhaber sich einer jungen, attraktiven Partnerin zuwendet, die den alten Galan nach Kräften ausnutzt und an der Nase herumführt.

In der am 25. März über die Stuttgarter Staatsopern-Bühne gegangenen Neu-Inszenierung wird die von Doktor Malatesta  für Don Pasquale  ausgesuchte Eroberung Norina zu einer wahren Gangsterbraut, die ihren frisch Angetrauten gemeinsam mit  dessen angeblichem Arzt vorführt und – zusammen mit ihrer im neuen Heim mit einziehenden Verwandtschaft – regelrecht aus(einander)nimmt. Nicht zuletzt auch Dank der von den beiden Regisseuren dazu erfundenen Vorgeschichte (Wieler/Morabito denken auch bei dieser Arbeit wieder um die Ecke bzw. in mehreren Dimensionen und spielen mit der Geschichte  des von ihnen zu interpretierenden Stoffs.) wirkt der alternde Möchtegern-Verführer recht sympathisch und fast wie ein Opfer, so dass man ihm als Zuschauer nicht wirklich böse sein kann, sondern ihn vielmehr ein wenig bemitleidet.

Großen Anteil an dieser differenzierten und nahegehenden Wirkung der Titelfigur hat deren Darsteller, der italienische Bass Enzo Capuano,  der an der Stuttgarter Oper schon in einigen anderen Rollen des italienischen Fachs überzeugte. Im Don Pasquale besticht er nicht nur durch seine jederzeit sonore, schön timbrierte und sicher wie weich geführte Stimme, die sehr glaubhaft die verschiedenen Gemütszustände des suchenden wie des gehörnten Liebhabers widerspiegelt, sondern auch durch eine sehr rollengenaue, feinnervige Charakteri-sierung der Titelpartie, die er je nach Szene mal soigniert und würdig, an anderer Stelle leicht verwirrt und dann eben enttäuscht-hintergangen gibt.

Oper Stuttgart / Don Pasquale - hier: André Morsch als Doktor Malatesta, Ioan Hotea als Ernesto, Ana Durlovski als Norina © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Don Pasquale – hier: André Morsch als Doktor Malatesta, Ioan Hotea als Ernesto, Ana Durlovski als Norina © Martin Sigmund

Als fiese noch weniger als deren männliches Opfer reinherzige Braut Norina besticht die seit 2011 zum Ensemble der Stuttgarter Oper gehörende, aus Mazedonien stammende Ana Durlovski, die mit dieser Leistung erneut überzeugend unter Beweis stellt, warum sie einer der Lieblinge des Stuttgarter Opern-Publikums ist. Jederzeit sicher und stimmlich leichtgängig meistert sie ihre wunderbaren, von Donizetti ihr wie auf die Stimme geschriebenen Koloraturen und besticht ebenfalls durch ihre unglaubliche schauspielerische Präsenz, ohne die nun mal keine Sängerin und kein Sänger in einer Wieler-Morabito-Produktion auch nur halbwegs eine Chance hat, darstellerisch zu überleben, geschweige denn zu überzeugen. Wie dem Darsteller ihres kurzzeitigen Ehemanns gelingt ihr dies zur großen Begeisterung des Publikums im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus zu einhundert Prozent, wofür ihr und ihren drei Sänger-Kollegen aber auch die sinnigen Einfälle  und bemerkenswerten Tricks der Regie eine erfolgversprechende Basis liefern. Ja, Personenführung und Charakterisierung bietet in dieser Neu-Inszenierung eine wahre Fundgrube an Schrullen, Ticks und Charakterstückchen und animiert nicht nur zum begeisterten Zuhören, sondern auch zum konzentrierten Hinschauen. Oder wann hat man je solche fast schon artistischen Kabinettstückchen mit einem Schalenkoffer oder einem Paar Schuhen gesehen? Dabei wirken diese Einschübe nie aufgesetzt und schon gar nicht klamaukhaft, sondern sind Seh- und Verstehhilfen für das jeweils gezeigte Verhalten bzw. die Charakterisierung der entsprechenden Personen in ihrer jeweiligen Situation und Verfassung.

Oper Stuttgart / Don Pasquale - hier :  Enzo Capuano als Don Pasquale © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Don Pasquale – hier : Enzo Capuano als Don Pasquale © Martin Sigmund

Das genaue Zuhören und Hinschauen lohnt sich durchaus auch bei den beiden anderen Hauptrollen und ihren Darstellern: Der junge rumänische Tenor Ioan Hotea liefert als zeitweise verpeilter, spät-pubertierender Ernesto  ein sehr realistisches Beispiel eines der Generation Instagram angehörenden, verwöhnten, noch recht unselbstständigen jungen Mannes, dem das Leben ganz sicher noch seine Lektionen  erteilen wird. Er besitzt (noch) keine ganz  große Stimme, die zudem in den Höhen stellenweise etwas scharf klingt, berührt aber durch eine sehr natürliche Singweise, die zudem manchen Schmelz zeigt und von echter Italianità geprägt ist.

Der männliche Teil des Ganovenduos, der zudem das Quartett der vom Leben oder dem Charakter Versauten oder mindestens Angeschlagenen komplettiert, findet in André Morsch, ebenfalls fest am Haus engagiert und wie Ana Durlovsky in dieser Neuinszenierung sein Rollendebüt feiernd, einen überzeugenden und aktiv hinterlistig wirkenden Darsteller. Er gibt einen äußerst zwielichtigen, fiesen Dottore Malatesta, der seiner skrupellosen Komplizin in Sachen Verschlagenheit in nichts nachsteht.

Mit diesen Eindrücken ist Jossi Wieler zuzustimmen, wenn er den Don Pasquale als eine der abgründigsten Komödien des Opernrepertoires bezeichnet, die allenfalls an der Oberfläche vergnüglich sei. „In Wahrheit“, so der Stuttgarter Regisseur und Operndirektor, „offenbaren die Figuren mehr und mehr ihre monströsen Seiten und ihre sinistre Lust an einem bitterbösen Gesellschaftsspiel.“

Daran, dass dieses auf der Bühne nahezu makellos vermittelt wird, hat auch der Bühnenbildner Jens Kilian einen hohen Anteil, der schon häufiger Bühnenräume für das Regie-Duo Wieler/Morabito gebaut hat. Seine aus hohen Wänden und Gittern gebildeten konzentrischen Kreise sind nicht nur äußerst gut zu bespielen und lassen sich leicht zu unterschiedlichen Räumen umfunktionieren, sondern sind auch sängerfreundlich und optisch recht attraktiv. Zudem bieten sie auch noch ausreichend Assoziations-möglichkeiten zur in ihnen ablaufenden Handlung, egal, ob man in ihnen nun Labyrinth, Gefängnis, Irrgarten oder eine postmoderne Villa sehen mag.

Bleibt zum Schluss noch, die beiden musikalischen Kollektive des Hauses am Eckensee zu würdigen. Da ist zunächst der von Christoph Heil auf den Punkt exakt einstudierte Chor, der seine Auftritte im dritten Akt darstellerisch wie sängerisch in der gewohnten Klasse und Flexibilität meistert.

Oper Stuttgart / Don Pasquale -  hier :  Ioan Hotea als Ernesto, Ana Durlovski als Norina, André Morsch als Doktor Malatesta © Martin Sigmund

Oper Stuttgart / Don Pasquale – hier : Ioan Hotea als Ernesto, Ana Durlovski als Norina, André Morsch als Doktor Malatesta © Martin Sigmund

Der instrumentale Part dieses tiefgründigen Opernabends liegt in den Händen des Staatsorchesters Stuttgart, an dessen Pult wieder einmal Giuliano Carella zu erleben ist, der den Herren Wieler und Morabito seit vielen Jahren als musikalisch Verantwortlicher zur Seite steht. Er feierte in Stuttgart bereits große Erfolge mit Verdis Rigoletto, Bellinis Die Puritaner und Händels Ariodante und vermag auch an diesem Abend über weite Strecken zu überzeugen. So leitet er seine Orchestermusiker zu einem sehr transparenten, luftigen Klang an, der selten dominant wirkt und glücklicherweise auf die bei italienischen Opern und deren Dirigenten nicht selten zu erlebenden Knalleffekte verzichtet.

Unbeantwortet blieb in diesem Fall die sich möglicherweise stellende Frage, ob sich die musikalische Leistung, insbesondere die des Orchesters, bei dieser zweiten Aufführung im Vergleich zur Premiere verändert haben mag, weil – neben anderen Faktoren – die Dienst- und Besetzungspläne der Kollektive nun einmal dafür sorgen, dass Ensembles an großen, fast täglich bespielten Opernhäusern eher selten in ihrer Premieren- oder grundsätzlich in einer festen, homogenen Besetzung zu erleben sind. Für die an diesem Abend und bei dieser Produktion erlebte  musikalische, darstellerische und dramaturgische Perfektion und dadurch erfahrene höchste Zufriedenheit ist ein solches Detail allerdings  zweitrangig, wenn nicht gar belanglos.

Don Pasquale an der Oper Stuttgart:  Weitere Vorstellungen am 04. und 29. Mai sowie am 02. Juni 2018