Wuppertal, Oper Wuppertal, Nocke / Schneider: Auf zu neuen Ufern! IOCO Aktuell, 15.07.2016

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

  Oper Wuppertal: Mit eigenem Ensemble zu neuen Ufern

Kulturdezernent Nocke, Intendant Schneider im Gespräch mit IOCO

Visionen spiegeln sich im Spielplan 2016/17 der Oper Wuppertal  wieder: Bürgernähe, Modernität, Einbindung der Jugend und eigenes Ensemble sind einige der  Ziele von Stadt und Oper Wuppertal. Kulturdezernent Matthias Nocke äußerte sich gegenüber IOCO zu den Bestellungen von Berthold Schneider als Intendant der Oper Wuppertal und Julia Jones als neuer GMD: „Die Stadt Wuppertal“, so Nocke, „blickt wieder positiv in die Zukunft, mit steigenden Beschäftigten-, Einwohner-, Studentenzahlen. 150 verschiedene Nationen, 360.000 Einwohner wünschen sich Kultur, Musik- wie Sprechtheater, welches die Stadt durchdringt, der Stadt ein Gesicht gibt.“ Der Vorgänger Schneiders, Toshiyuki Kamioka, seine „Heimat“ war das Dirigentenpult, hatte auf ein eigenes Opern-Ensemble verzichtet und den Stagionebetrieb eingeführt. Ein Konzept, welches nun wieder aufgegeben wird. Matthias Nocke: „Der Ensemblebetrieb ist Wesenskern des deutschen Stadttheaters. Der Stagionebetrieb entsprach in Wuppertal nicht den Seh- und Hörerfahrungen des einheimischen Publikums. Die Besucherzahlen der Oper Wuppertal gingen zurück, die Identifikation der Bevölkerung mit Künstlern schwand, die Oper hatte in der Bevölkerung kein Gesicht mehr. Deshalb die Neuausrichtung.“

Wuppertal / Intendant Berthold Schneider im Gespraech mit IOCO © Jens Grossmann

Wuppertal / Intendant Berthold Schneider im Gespraech mit IOCO © Jens Grossmann

Neu-Intendant Berthold Schneider (1965) hat breite Theatererfahrung: Studium der Regie in den USA, Chefdramaturg an der Oper Dortmund, Referent an der English National Opera, Operndirektor am Staatstheater Darmstadt. Schneider möchte, so gegenüber IOCO, „der Oper Wuppertal mit eigenem Repertoire und Ensemble wieder lebendige Präsenz in der Stadt, neue Identität geben.“

Motiviert und mit klarem Konzept geht der bis 2019 bestellte Theaterpraktiker Schneider in seine erste Wuppertaler Spielzeit:  „Das Repertoiresystem ist in seiner Gesamtheit dem Stagione-Betrieb überlegen. Durch seine Vielfältigkeit wirkt ein Repertoire immer attraktiv in die Bevölkerung. Repertoire-Stücke entwickeln sich über die Zeit, während selbst gut Stagione-Stücke durch die kurze Aufführungsdauer vor Ort wenig Entwicklungspotential besitzen. Wiederum geben Repertoirestücke ohne eigenes Ensemble keinen Sinn, da Organisationsaufwand und Reisekosten solcher Produktionen alle Dimensionen sprengen würden. Daher unser Ja zum eigenen Ensemble an der Oper Wuppertal. Wir besitzen bereits ein künstlerisch gut eingespieltes Team. Das Ensemble wird in die Stadt wirken, soll zum Botschafter der Marke Wuppertal werden. Ein eigenes Repertoire wird sich entwickeln, Bindung zur Bevölkerung werden wir herstellen, in Schulen und Liederabenden werden wir Präsenz zeigen. Solche Bindung kann man mit Stagione nie erzeugen.“  

„Selbst wenn diese Sänger in einer Kirche ein Oratorium singen, so wird dies mit der Oper Wuppertal assoziiert, wirkt dies in die Stadt. All dies möchten wir in den kommenden Jahren in der Stadt Wuppertal aufbauen.“  „Die Sänger leben hier, kaufen ein, schaffen Bindung mit der Bevölkerung. So identifizieren sich viele  Zuschauer, -hörer mit `ihren´ Sängern. Sie glauben gar nicht, wie oft Sänger angesprochen, eingeladen werden, wie oft Sänger in Schulen Vorträge halten“, so Schneider mit spürbarem Gestaltungswillen.

„Wir machen Oper im Bewusstsein der Lebenswelt des 21. Jahrhunderts – das muss unser Anspruch sein. Sowohl in der kritischen Auseinandersetzung mit den klassischen Stoffen als auch im aufrichtigen Spaß, den wir mit den bunten und oftmals auch liebevoll-bösen Stücken des leichteren Repertoires haben wollen. Wichtig ist mir aber auch, die Oper strukturell zu öffnen – u.a. indem wir einen intensiven Austausch mit den anderen musikalischen Akteuren in der Stadt treten. Zudem müssen wir neue Formen der Teilhabe entwickeln, um das bestehende Publikum und neue Publikumsgruppen für die Kraft von Theater und Oper zu begeistern“, umreißt Berthold Schneider sein künstlerisches Konzept.

Wuppertal / Oper Wuppertal © IOCO

Wuppertal / Oper Wuppertal © IOCO

Die neue Saison 2016/17 eröffnet Schneider und die Oper Wuppertal am 17. und 18. September 2016 mit zwei Premieren auf der Bühne des Opernhauses an einem Wochenende: THREE TALES von Steve Reich am Samstag, gefolgt von HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN von Jacques Offenbach am Sonntag. THREE TALES wird dann erstmals jenseits der großen internationalen Festivals zu erleben sein und mit den Zuschauern gemeinsam auf der Bühne des Opernhauses aufgeführt. Jacques Offenbachs große fantastische Oper ist ein Sammelsurium unterschiedlichster Motive und Fragmente. In der Wuppertaler Neuproduktion wagen vier international erfahrene Regisseure – Christopher Alden, Charles Edwards, Inga Levant und Nigel Lowery – das Experiment und inszenieren je einen Akt der Oper. Die Rahmenhandlung wird auf Deutsch gesungen, die drei Frauenakte in französischer Sprache.

Darunter Repertoireklassiker wie Offenbachs HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN und Verdis RIGOLETTO. Liebhaber des Musicals kommen mit THE ROCKY HORROR SHOW auf ihre  Kosten. Die Produktion in der Regie von Sebastian Welker lief bereits sehr erfolgreich am  Saarländischen Staatstheater. Auch jenseits des klassischen Werkekanons setzt das Haus unter der neuen Intendanz Akzente: So bilden Titel wie THREE TALES, eine Video-Oper von Beryl Korot und Steve Reich, für die Schneider persönlich die szenische Einrichtung übernimmt, und die  Uraufführung der Originalversion von Helmut Oehrings  AscheMOND ODER THE FAIRY QUEEN  einen aktuellen Schwerpunkt im Spielplan, wie Sergej Prokofjews DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN  als Familienoper. PULCINELLA, ein großes partizipatorisches Educationprojekt an dem in Kooperation mit der Freien Scene Wuppertal 170 Kinder teilnehmen werden, mit Musik von Igor Strawinsky, soll vor allem das jüngere Publikum ansprechen und für Musiktheater begeistern. Peter Cornelius‘ selten gespielte komische Oper DER BARBIER VON BAGDAD sowie die Wiederaufnahme des DON GIOVANNI in der Regie von Thomas Schulte-Michels komplettieren den Spielplan.

Wuppertal / GMD Julia_Jones © M. KORBEL

Wuppertal / GMD Julia Jones © M. KORBEL

Das Sinfonieorchester Wuppertal  wird seine bis 2016 von Toshiyuki Kamioka  mitgeprägte Tradition unter der Britin Julia Jones (1961) fortsetzen. Sinfonie-, Chor- Kammerkonzerte, hervorragende Gastdirigent/innen, erlesene Künstler, einen abwechslungsreichen Querschnitt durch die sinfonische Literatur sieht der reiche Spielplan 2016/17 vor, welcher am 25. September 2016 beginnt: In der spektakulären Historischen Stadthalle von Wuppertal mit dem Tripelkonzert C-Dur op. 56 von Ludwig van Beethoven und der Sinfonie Nr. 1 D-Dur von Gustav Mahler, Dirigentin Joana Mallwitz.   IOCO / Viktor Jarosch / 15.07.2016

 

Wuppertal, Historische Stadthalle, Saisonauftakt mit Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 05.09.2015

September 7, 2015 by  
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Wuppertaler Bühnen

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Wuppertaler Sinfoniker, Chor und Kamioka in Höchstform

5. September 2015 20 Uhr: In einem der schönsten Konzerthäuser Deutschlands, der spektakulären Historischen Stadthalle Wuppertal. Kein Fremder würde hinter der so brav lautenden Baubeschreibung ein  Konzerthaus vermuten, dessen innere Architektur zu den schönsten Deutschlands zählt. Wegen seiner guten Akustik ist die Stadthalle unter Musikern international sehr beliebt. Zur Blütezeit Wuppertals in 1900 erbaut, bietet es 1500 Plätze und oft außergewöhnliche kulturelle Ereignisse. So auch am 5. September 2015. Allerdings erst nach der offiziellen Eröffnung der Spielzeit 2015/16 durch Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung (1955), in der dieser auch den kommenden Wechsel in der Leitung von Oper und Sinfonieorchesters ansprach. Die Entscheidung zur Nachfolge des scheidenden Toshiyuki Kamioka, so Jung, werde voraussichtlich bis März 2016 fallen.

Doch dann beherrschten Sinfonieorchester Wuppertal und sein Dirigent Toshiyuki Kamioka mit Ludwig van Beethoven das „Konzerthaus“ und seine sprachlosen Besucher. Die neun Sinfonien Beethovens, ewig gegenwärtiges Weltkulturerbe, fordert Musikwissenschaftler in aller Welt beständig zu analytischen Herausforderung und Gegenüberstellungen. Die von Intendant Kamioka gewählte Saisoneröffnung 2015/16 mit der 1800 entandenen 1. Sinfonie C-Dur und der 9. Sinfonie d-Moll (1825)  war ebenso aufwendig wie musikalisch anspruchsvoll und begeisternd. Ein gelungener Saisonbeginn, welcher auch Zugereisten wie uns von IOCO mehr Lust auf Wuppertaler Kultur macht.

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Der Uraufführung der Sinfonie Nr. 1 C-Dur am 2. April 1800  in der Wiener Hofburg  war nur ein mäßiger Erfolg. Doch Beethoven spricht das Wiener Publikum an, indem er die Komposition – noch – an populäre Komponisten wie Haydn und Mozart anlehnt; auch die Jupitersinfonie klingt ein wenig durch. Doch, obwohl nur in einem Jahr komponiert, vieles ist kühn darin, unterschied Beethoven schon damals von großen „Kollegen“; so entwickelt er in dieser Sinfonie die Haupttonart C-dur ungewohnt spät. Und so ist die Sinfonie Nr. 1 C-Dur  kompositorischer Beginn der  Sinfonien des Weltgeistes Ludwig van Beethoven; für Jahrzehnte bleibt sie beliebteste Sinfonie Beethovens. Dies änderte sich mit Beginn des 20. Jh.: Beethoven war in der öffentlichen Wertung zu einem überirdischen Musik-Titan avanciert. Seine 1. Sinfonie wollte einem Weltgeist nicht zu recht passen, sie verlor ihre Popularität.

 Wuppertal Stadthalle © Lars Langemeier

Wuppertal Stadthalle ©   Lars Langemeier

 Die Komposition der 9. Sinfonie dauerte dagegen zehn Jahre. Seit 1815 komponierte Beethoven an Themen, aus welchen letzlich die 9. Sinfonie entstand. Kompositions-anlass war letztendlich ein Auftrag der Londoner Philharmonic Society, welche ihn 1817 bat, zwei Sinfonien zu schreiben. Die Uraufführung der 9. Sinfonie fand nicht in London sondern in Wien statt, der Stadt in der er schon sehr gebrechlich lebte. Die Uraufführung   am 7. Mai 1824 im Kärntnertortheater bietet bis heute Raum für zahllose Anekdoten: . Neben der Neunten wurde noch die Ouvertüre zu Die Weihe des Hauses und Teile der Missa Solemnis aufgeführt. Die musikalische Leitung hatte der Kapellmeister Michael Umlauf. Der inzwischen taube Beethoven trotzdem darauf bestanden, die Neunte selbst zu dirigieren. Auf Programmheften wurde als eine Art Nebendirigent angekündigt mit den Worten. Die Musiker richteten sich allerdings nicht nach Beethoven, welcher neben Dirigent Umlauf wild fuchtelte: Hoch empor streckend, tief zur Erde kauernd… Beethoven war aufgeregt. Doch die Neunte wurde zum Erfolg, das Publikum feierte Beethoven.

Bis heute besitzt Beethovens 9. Sinfonie d-Moll ihren herausragenden Platz auch in der realen Welt: Wiedervereinigungsfeier 1989, Aufführung bei zahllosen Staatsakten, seit 1972 Europahymne,  UNESCO Weltkulturerbe: Mit ihrer Ode an die Freude im vierten Satz tönt sie aus zahllosen Handys, bekannt und populär. In dessen Interpretation setzt immer der Dirigent die entscheidenden, oft leider auch gewagte Akzente:

Oper Wuppertal_Intendant Toshiyuki Kamioka © IOCO

Oper Wuppertal_Intendant Toshiyuki Kamioka © IOCO

Toshiyuki Kamioka strukturierte Beethovens Musik transparent und in perfekten Tempi;  von den Wuppertaler Sinfonikern wie dem riesigen Chor bekam er was er forderte, wenn auch gelegentlich eindringlich eingefordert. Die klangliche Balance zwischen Bläsern und Streichern gelang wunderbar, die Gefahr eines Klangbreis mied Kamioka durch große Sensibilität. Die schwierigen Koloraturen der Primgeigen in der Neunten wirkten virtuos sanft, nicht wie exekutierte Fingerübungen. Wunderbar, wie sphrärenhaft sensibel  Kamioka den 3. Satz der Neunten ausklingen und den dramatischen 4. Satz begann. Auch bewahrte Kamioka durch strenge Beachtung der Tempo-Dramaturgie melodische Ausdruckskraft und klassische Interpretation. Die Solisten, Sopranistin Dorothea Brandt, Mezzo Judith Braun, Tenor Marcel Reijans und Bassbariton Olafur Sigurdarson überzeugten in ihren Soli. Großartig, präzise und warm der 150 Sänger unfassende Chor,  welcher stimmlich erstaunlich differenziert und mit prägnant artikulierten Passagen von hoher Eindringlichkeit den Besucher überraschte.

25 Minuten lauter, stehender Beifall war die Bestätigung  für den mitreißend gelungenen Saisonstart in Wuppertal. Vielversprechend besonders für Intendant Kamioka, welcher in seinem letzten Jahr in einer armen Stadt mit radikalen Kostenvorgaben und anderem  kämpfen muss. Wird alles gut, was gut beginnt?  IOCO / Viktor Jarosch / 06.09.2015

 

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Premiere Parsifal, IOCO kritik, 13.03.2015

März 16, 2015 by  
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Wuppertaler Bühnen

Premiere Richard Wagner “Parsifal“

13.03.2015

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Herrenchor, Statisterie, Peter Paul (Cover Amfortas), Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Herrenchor, Statisterie, Peter Paul (Cover Amfortas), Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Nach 22 Jahren der Abstinenz gab es mal wieder einen “Parsifal“ an der Wupper, von vielen lang erwartet. Wagners Werke haben hier Tradition. In den letzten  Jahrzehnten konnte man hier, außer “Parsifal“, auch “Holländer“, “Lohengrin“, “Tristan und Isolde“, sowie den ganzen “Ring des Nibelungen“ erleben.

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Damenchor, Blumenmädchen, Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Damenchor, Blumenmädchen, Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Der Regisseur Thilo Reinhardt ging in seiner Inszenierung der Geschichte des Grals, ihrer Hüter und der Heilsbringung sehr locker zu Werke. Er ließ immer Respekt vor dem Stück erkennen, hatte aber eine Abneigung vor allen Weihe-Zeremonien. Einfälle en masse gab es, geradezu eine Bilderflut stürzte auf den betrachtenden Zuhörer ein. Vieles war schlüssig, manches gewöhnungsbedürftig, anderes weniger. Zu seinen weniger guten Einfällen gehörte, die Blumenmädchen als Cheer-Leader zu verkleiden. Aber die Handlung wird nicht gegen den Strich gebürstet. Die Geschichte bleibt erkennbar.

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Statisterie, Thorsten Grümbel © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Statisterie, Thorsten Grümbel © Uwe Stratmann

Dazu schuf ihm sein Ausstatter Harald Thor das entsprechende Bühnenbild. Man sah die Turnhalle einer Elite-Schule (oder Internat) mit allen Accessoires. Weder Baskets, Ringe und Barren fehlten, noch Umkleideschränke gab es.

Gurnemanz fungierte als Sport- beziehungsweise als Fechtlehrer, der mit fast militärischem Drill den neuen

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Statistin, Tilmann Unger, Kathrin Göring, Andreas Daum © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Statistin, Tilmann Unger, Kathrin Göring, Andreas Daum © Uwe Stratmann

Mitgliedern des Gralsordens, dessen Geschichte einbläute. Das Bühnenbild ist in allen drei Akten gleich. Im zweiten Akt kommt noch ein weißer Kubus dazu, in dem Kundry Parsifal zu verführen versucht. Das war eine starke Szene.

Größtenteils ansprechend gerieten die Kostüme, die Katharina Gault kreiert hatte. Obwohl das Outfit der Blumenmädchen gewöhnungsbedürftig war. Orchestral und vokal gab es kaum etwas zu bemängeln. Die Wuppertaler Bühne, die bekanntermaßen über kein eigenes Ensemble mehr verfügt, hatte eine Sängerschar für diese Produktion verpflichtet, die sehenswert, aber besonders hörenswert war.

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Statisterie, Andreas Daum, Tilmann Unger, Thomas Gazheli, Kathrin Göring © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Statisterie, Andreas Daum, Tilmann Unger, Thomas Gazheli, Kathrin Göring © Uwe Stratmann

Thorsten Grümbel gab sein Rollendebüt als Gurnemanz. Sein balsamisch fließender, warmer Bass bewältigte die umfangreiche Partie ganz großartig. Auch ist er ein hervorragender Darsteller. Sehr eindringlich gestaltete er die große Erzählung im 1. Akt.

Thomas Gazheli sang den Amfortas schön und ausdrucksstark zugleich, so musikalisch wie charakteristisch. Er vermied jeglichen wehleidigen Unterton. Er muss körperlich viel leisten in dieser Inszenierung. Er steht es durch. Auch seine Klage hat noch Kraft und Fülle.

Beeindruckend war, und nicht nur durch seine körperliche Größe, der Titurel von Martin Blasius. Sehr intensiv gestaltete Andreas Daum den Klingsor, vokal wie auch darstellerisch.

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Eine große Überraschung war der junge Tenor Tilmann Unger in der Titelpartie. Er ist ein schlanker, gutaussehender Mann, kein “holder Knabe“ mehr, der mit einer unglaublichen Natürlichkeit den Naturburschen und späteren Heilsbringer Parsifal spielte.

Noch mehr beeindruckte seine Stimme. Sein baritonal gefärbter Tenor hatte Biss und war ansprechend in allen Registern.

Wuppertaler Bühnen / Parsifal - Kathrin Göring, Statistin, Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Parsifal – Kathrin Göring, Statistin, Tilmann Unger © Uwe Stratmann

Für eine weitere Überraschung sorgte die Besetzung der Kundry. Sie wurde von Kathrin Göring verkörpert, die derzeit an der Leipziger Oper engagiert ist.

Die Mezzosopranistin beherrschte faszinierend die unerhört delikate und komplizierte Psychologie dieser Rolle. Die Stimme klang in allen Lagen gut.

Im 1. Akt hatte sie Mut zu aufgerauhter Expressivität, um danach im Zaubergarten lockende Weichheit zu entfalten. Ganz außerordentlich schön geriet ihre Herzeleide-Erzählung “Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust“.

Die musikalische Leitung hatte Toshiyuki Kamioka. Er nahm die Tempi wesentlich schneller und straffer, als man inzwischen gewohnt ist, wenngleich man beim Vorspiel glaubte, selige “Kna-Zeiten“ brächen wieder an. Doch blieb die Dynamik immer kontrastreich. Kleine Unebenheiten bei den Blechbläsern des Wuppertaler Sinfonieorchesters wurden durch eine lyrische Tonfülle und schillernde Klangfarben wettgemacht. So wurde der 3. Akt zu einem besonders starken Erlebnis. Die Chöre klangen sehr sauber, auch die Soloblumen, die Artikulation war vorbildlich (Einstudierung: Jens Bingert).

Große Beifallsstürme gab es für alle Solisten, den Chor, das Orchester und seinen Dirigenten. Kräftige Buhs musste das Regie-Team einstecken.

IOCO / UGK / 13.03.2015

Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Und ewig begeistert Hänsel und Gretel, IOCO Kritik, 12.02.2014

Februar 14, 2015 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

 Das junge Publikum feiert auch die letzte Vorstellung !

Auslaufende, „ausgediente“ Produktionen an Theatern finden nur wenig Aufmerksamkeit in den Gazetten. IOCO besuchte Anfang Februar 2015 in Wuppertal die letzte Hänsel und Gretel  Aufführung der Spielzeit und sprach mit jungen wie alten Besuchern über deren Meinung zur Inszenierung und Vorstellung. Intendant Toshiyuki Kamioka saniert zurzeit die Oper bei dramatischen Sparvorgaben, kämpft mit höchst merkwürdigen operativen Hemmnissen. IOCO wollte zur letzten Hänsel und Gretel Vorstellung, einer wiederbelebten Produktion von ex-Intendant Johannes Weigand aus 2006, deren Zuspruch, Akzeptanz durch das Publikum kennen lernen.

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel © Uwe Stratmann

Hänsel und Gretel ist Deutschlands heimliche Nationaloper, eine der meist gespielten Opern in deutschen Sprachraum. Komponist Engelbert Humperdinck (1854 – 1921), ein großer seiner Zunft, lernte 1879 in Italien Richard Wagner kennen, welcher ihn sogleich als persönlichen Assistenten nach Bayreuth engagierte. So wirkte Humperdinck 1882 an der Uraufführung des Parsifal aktiv mit. Auch Cosima Wagner war von Humperdinck angetan. Lange nach Richard Wagner Tod bat sie ihn, ihrem Sohn Siegfried Musikstunden zu geben und in Kompositionslehre zu unterweisen. Die Komposition von Hänsel und Gretel ist mehr als leichte Kinderkost. Humperdincks spätromantischer Welterfolg atmet die kompositorischen Erfahrungen seiner extremen Jahre von Bayreuth. Der große Richard Strauss leitete 1893 die Uraufführung.

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel - Taumännchen und Engel © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel – Taumännchen und Engel © Uwe Stratmann

Hänsel und Gretel in Wuppertal ist eine märchenhaft, lebensnah wie bunte Produktion, welche das jüngere Publikum mitnehmen möchte. Die grausamen Teile der Grimmschen Sage werden deshalb sorgsam verpackt. Farbendralle Bühnenprospekte (Markus Pysall) verleihen dem Bühnengeschehen einen unschuldig, romantischen Hintergrund. Ein alter hölzerner Wohnwagen, eine Wäscheleine, und ein Sessel stimmen das junge Publikum in die meist bekannte Handlung ein: Hänsel und Gretel tollen ausgelassen, die Mutter Gertrud sorgt sich und schimpft, Vater  Besenbinder kommt ausgelassen von der Arbeit. Doch dann weicht das Klassische: Das Sandmännchen erscheint in Tretboot und Raumanzug, Taumännchen auf schrägem, propellergetriebenem Fahrrad. Das Lebkuchenhäuschen der Hexe ist  ein Haribo-Lakrizhäuschen, dem eine zunächst „brave Hexe“ in gepflegtem Kostüm entsteigt, Hänsel und Gretel lockend. Doch bald feiern die kleinen Besucher begeistert mit: Von Kostüm und Haaren entledigt, in Kleiderfetzen und mit bleichen Zottelhaaren vollführt die „böse Hexe“ einen  Hexentanz  und verschwindet letztendlich und leibhaftig im Bühnenhimmel.

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel - Hexe © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel – Hexe © Uwe Stratmann

Mikhail Asgrest führt das gut aufgelegte Sinfonieorchester Wuppertal schon mit der Ouvertüre sanft, romantisch durch Grimms Märchenwelt. Die Klänge schweben, die große Komposition Engelbert Humperndincks wird hörbare Belohnung der reifen, Hänsel und Gretel-erfahrenen Besucher. Klangsprachliches bleibt in den sphärischen und somnambulen Partien schön erhalten. Dorothea Brandt als Gretel stimmt mit ihrer lyrisch und gut verständlich gesungenen Arie „Brüderchen komm tanz mit mir“ das junge Publikum sofort ein. Ein 8-Jähriger berichtete uns begeistert in der Pause, „man versteht alles so gut“; nicht ohne, ganz alter Opernhase, über das manchmal laute Orchester zu klagen. Gemeinsam mit Michaela Mehring als Hänsel tanzen, singen, spielen die Hauptprotagonisten bestens abgestimmt. Thomas Laske zeichnet, obwohl noch jung wirkend, mit wohltimbriertem Bariton den gut gelaunten wie sorgenvollen Vater stimmlich wie spielerisch authentisch, von Stefanie Braun als Mutter bestens begleitet. Der junge Tenor Boris Leisenheimer verleiht als zunächst betulich „brave“, dann aber als fetzig „böse“ Hexe der Partie stimmlich wie darstellerisch markanten, mitreißenden Charakter; auch sein leibhaftiger Abflug (Michael Pachura) quer durch den Bühnenhimmel gelang: Von vielen Kindern laut bestätigt! Der vom Zauber befreite große Kinderchor, „Erlöst, befreit für alle Zeit“, besingt liebevoll das gute Ende von Handlung wie der letzten Hänsel- Aufführung der Spielzeit.

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel - Die böse Hexe © Uwe Stratmann

Wuppertaler Bühnen / Hänsel und Gretel – Die böse Hexe © Uwe Stratmann

Das junge Publikum tobte. Auch wir Großen konnten uns der Spielfreude des Ensembles wie der sanften Romantik des abschließenden Kinderchores nicht entziehen. Das klassische Märchen Hänsel und Gretel wird in Wuppertal zur bunten Wundertüte für das begeistert tuschelnde junge Publikum. Die letzte Vorstellung von Hänsel und Gretel zeigte hohe Akzeptanz.

Die Oper Wuppertal war  ausverkauft, das Publikum aufgeschlossen.  Die vielen fröhlichen ganz Kleinen merkten ihrem Jubel nur schüchtern an, das Orchester könne gelegentlich leiser spielen.

IOCO / Viktor Jarosch / 13.02.2015

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