Lyon, Opéra de Lyon, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 26.1.2020

Januar 25, 2020 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

  Tosca – Giacomo Puccini

  – Über das Leben einer gealterten Opern-Heroine –

von Ingrid Freiberg

 Opéra de Lyon – Eine herausfordernde Architektur

In der Opéra de Lyon bekommen die Besucher hautnah zu spüren, was das konkret bedeutet. Die Farbe Schwarz dominiert das 1993 von Jean Nouvel komplett entkernte und im Innern neu gestaltete Theater. Die Decken im Eingangsbereich und in den oberen Ebenen sind niedrig, Wände und Fußböden bestehen vorzugsweise aus schwarzem Metall, was zu verwirrenden Spiegelungen führt. Der Besucher läuft über Lochbleche, die beim Betreten bedrohlich schwanken. Es folgt ein Orientieren über Rolltreppen im Halbdunkel, relingartige Geländer bieten eine gewisse Sicherheit. Oben angekommen erwarten den Gast Vorräume in knalligem Rot, einer Farbe, die waghalsige Interpretationen zulässt. Komplett in Schwarz gehalten ist wieder der Zuschauerraum mit seinen sechs Rängen. Auch hier wurde viel Metall verbaut. Die Bestuhlung, getrennt durch Metallgeländer, die mit kleinen Lichtspots ausgestattet sind, ist stylisch, hart und kantig. In der Opéra de Lyon wird das Sehen und Gesehenwerden radikal unterbunden. Das kleine Foyer, das in seiner prächtigen Ornamentik erhalten blieb, wirkt fast wie ein Fremdkörper. Jean Nouvel ist es hier gelungen, die Aufmerksamkeit ganz auf das Bühnengeschehen zu lenken – ein Geniestreich, bei dem die Frage aufkommt, warum niemand zuvor mit einer derartigen Architektur der darstellenden Kunst Form gab…

Opéra de Lyon / Tosca hier Catherine Malfitano als alternde Opern-Heroine  © Jean Louis Fernandez

Opéra de Lyon / Tosca hier Catherine Malfitano als alternde Opern-Heroine  © Jean Louis Fernandez

Vielbeachtete Regiekonzeption

Serge Dorny, Intendant seit 2003, nun auf dem Weg an die Bayerische Staatsoper nach München, hat die Lokalpolitik hinter sich. 20 Prozent ihres jährlichen Budgets gibt Lyon für den Kulturbereich aus, für Musik, Museen, Bühnen und Bibliotheken. Das erlaubt, ja geradezu erfordert, die ungewöhnliche Regiekonzeption von Christophe Honoré: Tosca von Giacomo Puccini wird seit 1903 – nach der Pariser Premiere in der Opéra-Comique – als heftige und zutiefst erschütternde Geschichte, als Musikthriller, aufgeführt, mit weltberühmten Arien wie ,,Vissi d’arte“ (Tosca), „E lucevan le stelle“ (Cavaradossi) und „Ha più forte sapore“ (Scarpia). So oft, dass das Geschehen über Folter, Tod, Lüge und Heuchelei Opernbesuchern hinlänglich bekannt ist, und hier auf eine genaue Wiedergabe verzichtet werden kann. Honoré inszeniert seine Tosca rund um die Figur einer gealterten Opern-Heroin, die Catherine Malfitano verkörpert. Die Sängerin feierte eine lange und schillernde Karriere als Tosca. Als Sängerin, die sich von der Opernbühne zurückgezogen hat, lädt sie im 1. Akt junge Sänger zu sich in ihren privaten Salon ein, um mit ihnen zu proben. Zumeist unterstützend versucht sie einzugreifen, manchmal aber auch dominant und störend.

Nach Probenphase und Durchlaufprobe verselbständigen sich im 2. Akt die Prozesse auf bedrohliche Weise. Die Welt der Künstler versinkt in einer skandalumwitterten Tragödie, die von sexueller Gewalt, Macht und Tod geprägt ist. Tosca muss mit anhören, wie im Nebenzimmer ihr Mario gefoltert wird. Immer wieder dringen seine Schmerzensschreie zu ihr, bis sie zusammenbricht und Scarpia gesteht: Angelotti hält sich im Brunnen von Cavaradossis Villa versteckt… In tiefer Verzweiflung singt sie ihren berühmten Monolog „Vissi d’arte“: Ich lebte für die Kunst, lebte für die Liebe, tat keinem Lebewesen was zuleide! Mit diskreter Hand habe ich, wo ich Elend sah, geholfen. Warum, warum, o Herr dankst du mir das so?“ Im 3. Akt führen die Nachwuchskünstler zu Ehren von La  Prima Donna eine Gala auf: Die Oper Tosca als konzertante Aufführung. Unerwartet sitzt das Orchester auf der Bühne, Cavaradossi trägt einen Frack und singt „E lucevan le stelle…: Und es leuchteten die Sterne, und es duftete die Erde … es knarrte die Gartentür und Schritte streiften über den Sand. Sie trat ein, duftend, sank mir in die Arme. Oh! Süsse Küsse… Für immer ist mein Liebestraum verflogen … Die Stunde ist vorbei und ich sterbe verzweifelt!“ Die beiden Toscas zeigen sich in atemberaubenden Konzertroben. Ein Modell des Château Saint-Ange Rome wird an die Wand projiziert… Ein Blumenmeer, von Musikern hereingetragen, das an die Trauer über den Tod von Prinzessin Diana erinnert, kündigt die Erschießung Cavaradossis an. In einem letzten Aufbäumen schreit Tosca: „Sarpia – wir sehen uns vor Gott!“ Danach sinken beide Interpretinnen entleibt nieder…

Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez

Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez

Eifersucht, Misstrauen und Begierde

Das alles zusammen schafft Konflikte in den menschlichen Beziehungen: Eifersucht, Misstrauen, Begierde – die Themen des Librettos. Das Unveränderliche des Werks vermischt sich mit der Wirklichkeit der jungen Künstler. Die Beziehungen, die sie zueinander entwickeln, verwachsen mit den Beziehungen zwischen den Figuren. Dem Regisseur geht es darum, das Klischee einer Diva zu erschüttern, um sie subtiler und menschlicher zeichnen zu können.  Seine „beiden Toscas“ bringt er auf unterschiedliche Weise zur Geltung. Für die eine ist es ein Rollendebüt, für die andere war Tosca einer der Glanzpunkte ihrer Karriere. Die Ausleuchtung der beiden Figuren ist für Honoré essentiell.

Bewegte Bilder erinnern an unvergessene Tosca-Aufführungen

Der Regisseur setzt immer wieder Videos ein. Dank umfangreichem Archivmaterial lässt er und Baptiste Klein die Vergangenheit sprechen: Bewegte Bilder erinnern an Stimmen, ohne sie hören zu müssen. Unterstützt wird die Wirkung durch zwei Handkameras, die mit Großaufnahmen gekonnt das umwerfende Charisma von Catherine Malfitano einfangen, Proben und Ablauf filmen. Erstaunlicherweise gelingt es Christophe Honoré trotz szenischer Wiederholungen im 1. Akt und Videoüberfrachtung im 2. Akt ein überzeugendes Kammerspiel, eine minutiöse Verzahnung von Text und illustrierter Musik auf die Bühne zu bringen. Alban Ho Van (Bühnenbild) gestaltet die verschiedenen Räume des Wohnsitzes von La Prima Donna liebevoll plüschig, mit zahlreichen Erinnerungen wie Bühnenkleider und -kostüme, Accessoires, Porträts, Fotoalben. Es ist eine Verehrungsstätte ihrer großen Karriere, in der sich die nachfolgende Sängergeneration ungefragt bewegen muss. Spielstätten wie die Kirche, der Palazzo Farnese und die Engelsburg entfallen. Es bleibt nur der von ihr zur Verfügung gestellte begrenzte Probenraum. Die Kostüme von Olivier Bériot decken das gesamte Spektrum des Spiels im Spiel ab und unterstützen das Verstehen des Tathergangs. Im 1. Akt treten die ausgewählten Talente in üblicher Probenkleidung auf. Erst im 2. Akt darf die junge Tosca das nachempfundene rote Kleid der Callas tragen und erst im 3. Akt in einer festlichen Robe glänzen. Nur La Prima Donna ist stets außergewöhnlich und dem Anlass entsprechend gekleidet. Die auf der Bühne geführten Handkameras, als optisches Hilfsmittel für die Reflexion eingesetzt, agieren sensibel und wirkungsvoll. Die Lichtregie von Dominique Bruguière zeigt besonders im 2. Akt, dass die Probensituation mit der inneren Struktur des Dramas vereinbart werden kann.

Elena Guseva verkörpert die junge Floria Tosca. Trotz des Regiekonzepts gelingt es ihr, sich voll und ganz auf die exquisite Schönheit ihrer Stimme zu konzentrieren. Sie ist wunderbar strömend, den Sog dieser Musik aufs Schönste evozierend. Beeindruckend sind auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Guseva wird sich in die Reihe der berühmten Tosca-Interpretinnen“ einreihen. Ein wahrer Glücksfall und eine Bereicherung ist Catherine Malfitano als La Prima Donna. Ohne sie hätte Christophe Honoré seinen Geistesfunken „der beiden Diven“ nicht realisieren können. La Malfitano verfügt über eine fesselnde Bühnenpräsenz. Auch, wenn ihr Gesang teilweise durch eigene Einspielungen unterstützt wird, zu denen sie ihre Lippen bewegt, versteht sie ihrer Nachfolgerin glaubhaft zu demonstrieren, wie sie aus ihrer Rolle mehr Sinnlichkeit und Stimme schöpfen kann. Einer der Höhepunkte des Abends: Zu Beginn des 3. Aktes erscheint sie aus dem prunkvollen Foyer, stellt die dramatische Erschießungsszene an einem hölzernen Modell nach, stimmt die schlichte Hirtenweise „Io de‘ sospiri“  an und betritt, weiterhin von Kamera-Großaufnahmen theatralisch begleitet, die Bühne.

Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez

Opéra de Lyon / Tosca © Jean Louis Fernandez

Massimo Giordano ist als Cavaradossi sowohl Partner der alternden Diva als auch der jungen „Gesangsschülerin“ und benötigt Anlauf, um seine Linie zu finden. Seine jugendliche Tenorstimme beginnt „E lucevan le stelle“ fast tonlos… ist aber gefühlsbetont, beinahe liedhaft zart mit fein gesetzten Piani. Mehr und mehr gewinnt er an Kontur und überzeugt mit tenoreskem Schmelz und strahlendem Klang. Alexey Markov ist ein animalischer, sadistischer Baron Scarpia von erschreckender Kälte, kompromisslos und manipulativ. Er beeindruckt mit seiner sonoren, mephistophelisch bedrohlich klingenden Bariton-Stimme, die Ausschweifungen und Gewalt drastisch beschreibt. Leider verliert der Kampf zwischen Tosca und Scarpia ein wenig an Dramatik: Fächer, Passierschein und Dolch werden zwar ausgespielt, reichen aber trotz stimmlicher Höchstleistung nicht aus, um Wolllust und Ekel vollumfänglich wiederzugeben. Die „Probenkonzeption“ Honorés lässt auch Simon Shibambu (Cesare Angelotti), Leonardo Galeazzi (Mesner), Jean-Gabriel Saint-Martin (Sciarrone), Michael Smallwood (Spoletta) sowie Scarpias Schargen Virgile Ancely (Gefängniswärter) und Jean-Frédéric Lemoues (Bediensteter) nicht voll brillieren. Sie sitzen, wenn sie nicht agieren, sichtbar an Tischen in den Nebenzimmern der Villa, unterhalten sich, essen und trinken. Kommen sie zum Einsatz, nehmen sie ihre Notenständer und singen unter den wachsamen Augen von La Prima Donna ihre Rollen. Ergreifende Darstellungen, eine verzweifelt gespielte Flucht, Schlitzohrigkeit und Spielfreude müssen unterbleiben.

Gotteslob als Anbetung einer Diva

Das fantastische Te Deum ist eines der Beispiele, wie sich Puccini in die Arbeit an seiner Oper vertiefte: Er studierte die Melodie des gregorianischen Te Deum nach römischem Ritual, um möglichst viel Authentizität in seine römische Oper zu bekommen. Beim Lyoner Opernchor unter der Leitung von Chordirektor Hugo Peraldo ist das Gotteslob die Anbetung einer Diva. Der Chor trägt ein Plakat, das Catherine Malfitano als Tosca zeigt, und bittet sein Idol um Autogramme. Er beeindruckt mit tragischer Dichte und klanglicher Schönheit.

Das  Orchestre de L’Opéra de Lyon unter der Musikalischen Leitung des jungen Daniele Rustioni, seit September Chefdirigent, spielt eine der Hauptrollen an diesem Abend. Bisweilen mit großem Tempo, aber auf jede Nuance achtend, entfaltet es Ausdruckskraft und Genauigkeit. Die Musiker zeigen sich in Bestform: Einem schön grundierenden satten Streicherklang stehen das Blech und die Hörner gegenüber, die geschmeidig wirken. Die feineren Zwischentöne bei den Arien „Vissi d’arte“ und „E lucevan le stelle“ werden wohltuend moduliert. Der Horn-Choral zu Beginn des 3. Aktes, das berüchtigte Cello-Quartett vor Cavaradossis Sternenarie und die Soloklarinette leuchten auf.

Die Aufführung bewegt und ist nach einigem Nachdenken ein gelungener Kommentar zur ursprünglichen Opernform. Es gab viel Jubel vom Premierenpublikum und Standing Ovations.

Für Künstler und geladene Gäste fand im Souterrain  des Theaters, im multifunktionalen Amphitheater, genannt Auditorium, eine Premierenfeier statt. Dabei gab es – neben einem köstlichen Buffet und Getränken – ausreichend Gelegenheit, sich mit den Künstlern zu unterhalten. Von Catherine Malfitano erfreute mich mit einen persönlichen Autogramm…

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tosca – Giacomo Puccini; IOCO Kritik, 08.12.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Tosca – Giacomo Puccini – Wiederaufnahme

„Quäle die Heldin!“

von Ingrid Freiberg

Von Folter und Tod, Glocken und Kanonen handelt Giacomo Puccinis fünfte Oper Tosca. Es ist ein naturalistischer Thriller von ungeheurer Spannung. „Mit La Bohème wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollten wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Puccini fasste es in einer Formel zusammen: „Quäle die Heldin!“, So direkt bekennt  sich Puccini über sein 1900 in Rom uraufgeführtes Werk und erwies sich damit als veritabler Erbe Verdis.

Das Läuten von Kirchenglocken und der Gesang des Hirtenknaben sind die Klangkontraste zu Toscas innigem Gebet und Cavaradossis blühenden Lyrismen in bekannter Puccini-Süße. Als Puccini die berühmte Sarah Bernhardt in der Titelrolle des für sie geschriebenen Dramas von Victorien Sardou, der späteren Quelle für den Librettisten Giuseppe Giacosa, auf der Bühne sah, trug er sich mit dem Gedanken einer gleichnamigen Oper. Mehrere andere Komponisten, auch Verdi, interessierten sich für die skandalumwitterte Tragödie, die Verleger Ricordi letztlich doch für Puccini reservieren konnte. Nach der Uraufführung in Rom sicherte vor allem die nachfolgende Aufführung an der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini der Oper den Status als Welterfolg.

Tosca – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
youtube Trailer Hessisches Staatstheater zur Premiere 2015
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Starke menschliche Interaktionen

Folter, Tod, Lüge und Heuchelei stellt auch Sandra Leupold bei ihrer traditionellen Inszenierung in den Mittelpunkt. Sie lässt nichts zu wünschen übrig, was die Personenregie betrifft. Das Zusammenspiel zwischen den Charakteren ist im kleinsten Detail durchdacht und zeigt sehr starke menschliche Interaktionen. Es ist ein überzeugendes Kammerspiel, eine minutiöse Verzahnung von Text und illustrierender Musik. Zu keiner Zeit wird man von großer Sangeskunst und der spannenden Handlung abgelenkt. Leupolds Tosca ist nicht nur Diva, sondern zugleich eine Frau von Mitleid erregender Naivität, die noch im letzten Akt ihrem Geliebten mit weit ausholenden Gesten von ihrem gerade begangenen Mord erzählt.

Beeindruckendes Bühnenbild

Die Oper Tosca braucht eine glaubwürdig erzählte Geschichte und ein beeindruckendes Bühnenbild: Das ist sowohl Sandra Leupold (Inszenierung) als auch Tom Musch (Bühne) gelungen. Sein Einheitsbühnenbild, im 1. Akt ein großer kahler fünfeckiger Kirchenraum mit Nischen, in denen Madonnen – eingerahmt mit roten Lichtlein und in der Mitte ein an das Kreuz genagelter Christus – stehen, ist ein passender szenischer Rahmen. Weihrauch weht von der Bühne her in den Zuschauerraum… Im 2. Akt wandelt sich der Altar zur Tafel, an der Scarpia speist, die Madonnen sind mit Tüchern verhängt; nur in der hinteren Mitte ist der Gekreuzigte noch zu sehen. Der Raum wandelt sich im 3. Akt in ein fahl beleuchtetes Gefängnis, in dem am Ende Cavaradossi von Spoletta, auf den das Los fiel, durch einen Genickschuss getötet wird. Als bekannt wird, dass Tosca Scarpia erstochen hat, kommen die Schargen in das Gefängnis zurück, um auch Tosca zu erschießen. Doch es kommt anders: Sie entwendet Spoletta den Revolver, erschießt sich und sinkt neben ihrem Liebsten nieder. Ausgeleuchtet werden alle Szenen von einem Octagon aus Neonröhren, die handlungsbegleitend flimmern.

Die Kostüme von Marie-Luise Strandt betonen glaubwürdig das klassische Regiekonzept. Tosca trägt zunächst, ganz Diva, ein goldgelbfarbenes Komplet, danach eine sehr elegante weiße Satinrobe mit schwarzer Spitzenapplikation. Cavaradossi, der Künstler, ist leger gekleidet, während im 1. Akt ein Ledermantel für Scarpia sein diabolisches Wesen als Polizeidirektor von Rom, der das alte Regime mit Gewalt verteidigt, unterstreicht. Sein zweireihiger Gehrock mit Stehkragen und Weste im 2. Akt unterstreicht, dass Scarpia ein Baron ist.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria?

Tosca ist eine Rolle, die von allen, wirklich allen großen Sopranistinnen in den letzten 100 Jahren gesungen wurde. Adina Aaron bietet mit Wärme, Leidenschaft, Ausdruckskraft und ungemein dichten Höhen ein strahlendes Erlebnis. Sie ist nicht nur gesanglich großartig, sondern überzeugt auch schauspielerisch mit ihrem Einfühlungsvermögen. Dabei strahlt sie Leidenschaft und Feuer aus. Aus der eifersüchtigen Diva wird eine liebende kämpfende Frau. Die zahlreichen Schlüsselstellen (Giuro!, Quanto…il prezzo...) gelingen ihr mit staunenswerter Sicherheit! Die hohen „C‘s“ erklingen strahlend; berührend das Vissi d’arte in Form eines schlichten Gebets. Wenn Adina Aaron am Ende erzählt, wie sie dem Peiniger Scarpia das Messer ins Herz stach, sind das nicht nur Worte! Ihre Stimme wiederholt das Geschehen…

Die Darstellung von Adina Aaron und Rodrigo Porras Garulo ist von Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit geprägt. Ihre Stimmen fließen ineinander und umschmeicheln sich gegenseitig. Da bleibt nur eine Frage offen: Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria? Rodrigo Porras Garulo als Mario Cavaradossi geht sicht- und hörbar in dem sympathischen Rollencharakter seiner Figur auf. Seine Interpretation von „E lucevan le stelle“ beginnt fast tonlos, um sich anschließend in strahlende Höhen zu steigern. Garulos Stimme ist reich an Gefühl, sein Vibrato klingt herrlich elegant und schön. Die feinen, lyrischen Passagen gestaltet er wunderbar. Sein Bühnenspiel ist faszinierend lebendig. Mit dieser Leistung lässt Rodrigo Porras Garulo vergessen, dass es nicht zum Rollendebüt von Andreas Schager kam…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Rollendebüt von Thomas de Vries als Scarpia – Ein großer Erfolg!

Sein Te deum im 1. Akt lässt aufhorschen, überzeugend wie er den Plan zur Ermordung Cavaradossis und zur Vergewaltigung Toscas fasst, sich dann in scheinbarer Frömmigkeit vor den Priestern zum Gebet niederkniet. Das ist böse und raumgreifend – von großer Intensität, es macht glaubhaft, dass Rom vor ihm zittert. Gerade dieses Wechselspiel aus formvollendeter Konvention und animalischer, sadistischer Bosheit machen seine Interpretation so faszinierend. Thomas de Vries beeindruckt mit seinem voluminösen facettenreichen Bariton, seiner sonoren herrlichen Stimme. Er ist dramatisch kompromisslos und manipulativ…

Auch in den übrigen Partien gibt es erfreuliche Leistungen: Young Doo Park  wertet die Rolle des Cesare Angelotti mit seiner Riesenstimme, seinem dunklen Bass, und seiner ergreifenden Darstellung auf. Verzweifelt spielt er den geschundenen auf der Flucht befindlichen Voltairianer. Eine Charakterstudie der besonderen Art ist der Mesner von Benjamin Russell. Wie er sich am Opferstock bedient, den Picknickkorb für sich zur Seite stellt und danach niederkniet, um zu beten, hat etwas von der commedia dell arte. Sein Spiel wird gekrönt von seinem eleganten, artikulationsgenauen Bariton. Ein wenig fällt Erik Biegel als schmieriger Spoletta ab. (Er ist besser besetzt, wenn seine Spielfreude aufleuchten darf.) Als Scarpias Schargen gewinnen Daniel Carison als Sciarrone, Leonid Firstov als Gefängniswärter, der Cavaradossi seinem letzten Wunsch entsprechend Papier und Bleistift bringt. Das ist ein bewegender Augenblick… Anrührend der zarte Knabensopran von Stella An. Ihr Gesang geht zu Herzen.

Gut eingebunden sind die Chöre: Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne und die Kinderkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter Leitung von Jud Perry tragen in der Schlussszene des 1. Aktes maßgeblich zum opulenten musikalischen Höhepunkt bei. Die Chöre beeindrucken mit tragischer Dichte und klanglicher Schönheit.

Das Orchester spielt in Bestform

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter Leitung von Christoph Stiller bereitet Freude. Plastisch gelingen die motivischen Passagen, schon beim Scarpia-Leitmotiv im 1. Akt präsentieren sich die Musiker in Bestform, zeigen enorme Spielfreude, die Spannung in der Partitur gelingt vortrefflich. Einem schön grundierenden satten Streicherklang stehen das Blech und die Hörner gegenüber, die geschmeidig wirken. Die feineren Zwischentöne bei den Arien Vissi d’arte und E lucevan le stelle werden wohltuend moduliert. Der Horn-Choral zu Beginn des 3. Aktes, das berüchtigte Cello-Quartett vor Cavaradossis Sternenarie und die Soloklarinette leuchten auf. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und SängerInnen auf der Bühne ist eindrucksvoll.

 Das beglückte, beseelte Publikum bedankt sich mit Standing Ovations!

Tosca am Hessischen Staatstheater Wiesbadeb; weitere Vorstellugnen 5.1.; 11.1.; 29.2.; 12.4.; 28.5.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Premiere erstmalig Tosca, 14.11.2019

November 8, 2019 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Staatstheater am Gärtnerplatz


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz spielt erstmalig die Oper TOSCA

Um des entflohenen politischen Häftlings Cesare Angelotti wieder habhaft zu werden, bringt Polizeichef Baron Scarpia den an der Flucht beteiligten Maler Mario Cavaradossi und dessen Geliebte, die Operndiva Floria Tosca, die gleichzeitig auch von Scarpia heiß begehrt wird, in seine Gewalt und verstrickt sich mit den beiden in einen grausamen Totentanz um Liebe, Eifersucht, Folter, Zynismus, Gier, Erpressung bis hin zu Mord und Selbstmord.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Tosca © Staatstheater am Gärtnerplatz

Staatstheater am Gärtnerplatz / Tosca © Staatstheater am Gärtnerplatz

Giacomo Puccinis »Tosca«, 1900 in Rom uraufgeführt, ist ein brutales Kabinett der Grausamkeiten, veristisch-filmschnittartig und grandios farbenreich in emotionalste Musik gesetzt und zählt heute – ausgestattet mit unsterblichen Hits wie »Vissi d?arte« und »E lucevan le stelle«, zu den ganz großen Titeln des Opernrepertoires.
Für die Gärtnerplatz-Erstaufführung erarbeitet Regisseur und Bühnenbildner Stefano Poda seine Deutung des Polit-Thrillers bildgewaltig neu. Die musikalische Leitung übernimmt Anthony Bramall, der »Tosca« bereits 2012 mit großem Erfolg an der Oper Leipzig dirigierte.

Oper
Musik von Giacomo Puccini
Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica
Nach dem Drama »La Tosca« von Victorien Sardou
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Musikalische Leitung: Anthony Bramall / Howard Arman I Regie: Stefano Poda I Bühne und Kostüme: Stefano Poda I Licht: Stefano Poda I Mitarbeit Regie: Paolo Giani Cei I Choreinstudierung: Pietro Numico I Dramaturgie: Michael Alexander Rinz

Besetzung:
Floria Tosca: Oksana Sekerina
Mario Cavaradossi: Artem Golubev / Alin Stoica
Baron Scarpia: Noel Bouley / Alexander Krasnov
Cesare Angelotti: Timos Sirlantzis
Der Mesner: Levente Páll / Christoph Seidl
Spoletta: Juan Carlos Falcón / Stefan Thomas
Sciarrone: Holger Ohlmann / Christoph Seidl
Ein Gefängniswärter: Martin Hausberg
Hirtenknabe: Demian Erofeev / Nestor ErofeevAnna-Katharina Tonauer
Chor und Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Premiere: 14. November 2019
Premierenmatinee: 10. November 2019

Weitere Vorstellungen:
16./21./23./25. November
20./24./29. Februar
11./14./20. März
Altersempfehlung ab 12 Jahren
Preise: 4 Euro bis 98 Euro
Tickets unter Tel 089 2185 1960 oder www.gaertnerplatztheater.de

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2019

Oktober 30, 2019 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

TOSCA –  Giacomo Puccini
…   zwischen Glocken, Missbrauch und Kanonen …

von Karin Hasenstein

„Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Mit diesen Worten kündigt der Komponist Giacomo Puccini an, worum es in Tosca geht. Es ist nicht mehr die lyrisch-romantische Stimmung einer La Bohème, nicht die liebenswürdigen weichherzigen Helden wie Mimí und Rodolfo, es wird leidenschaftlich, düster und qualvoll. Brutale, grausame Charaktere, Scarpia und Spoletta, tauchen auf und verlangen von Cavaradossi und Tosca Mut und Entschlossenheit.

Tosca – Giacomo Puccini
youtube Trailer Staatsoper Hannover
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Das spiegelt sich natürlich auch in der Musik wieder. Bei Tosca sind es nicht so sehr die lyrischen Phrasen und anrührenden Melodien, mit denen Puccini in La Bohème oder Madama Butterfly den Zuhörer begeistert. In Tosca sind es vor allem dramatische, beinahe brutalen Orchesterklänge, mit welchen der Komponist die dramatischen Vorgänge der zugrundeliegenden Geschichte in musikalische Effekte umsetzt.

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov (geb. 1983 in Moskau) scheint sich Puccinis Satz „Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“ als Motto genommen zu haben. Er verändert einige grundlegende Elemente der Handlung und macht aus einem Klassiker der Opernliteratur einen Thriller für die Opernbühne, gespickt mit einer Portion Gegenwartsbezug. Leider bleiben dabei einige Ansätze dem Zuschauer unverständlich.

Schon bevor in der Staatsoper Hannover die Musik erklingt, wird der Zuschauer in eine Art Rahmenhandlung eingeführt. Mittels eingeblendetem Text erfahren wir, dass wir uns in einem System befinden, in dem sowohl der Staat als auch die Kirche totalitäre Macht haben. Macht und Missbrauch verschiedener Art sind an der Tagesordnung.

Wir blicken zunächst in zwei Räume, deren Fenster allesamt mit Jalousien verdunkelt sind. Im größeren der beiden Räume beobachtet Scarpia die Hochrechnungen politischer Wahlen auf dem Fernseh-Monitor, führt am Schreibtisch Verhöre durch. Im kleineren Raum, einer Art Hinterzimmer, befindet sich eine große Truhe mit Kleidern und Bildern der Sängerin Floria Tosca, die Scarpia obsessiv verehrt, seine Fetisch-Sammlung.

Den stärksten Eingriff in das Grundgerüst der Oper nimmt Barkhatov vor, indem er die Person des Scarpia umdeutet. Er ist hier nicht mehr der Polizeichef, sondern ein hoher katholischer Würdenträger, ein Kardinal, was an der schwarzen Soutane und der roten Schärpe erkennbar ist. Die Zeit der Handlung, von Puccini konkret mit „Mittwoch, 17. Juni 1800, und im Morgengrauen des folgenden Tages“ angegeben, verlegt Barkhatov in eine nicht näher bestimmte Gegenwart, jedenfalls legt das die moderne „heutige“ Kleidung der Personen nahe. (Kostüme: Olga Shaishmelashvili)

Staatsoper Hannover / Tosca, - hier : Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Die Ebene der Rahmenhandlung um Scarpia wird hochgefahren und gibt den Blick frei auf eine kalten grauen Innenraum, der als Gefängnis oder Kloster durchgehen könnte. An eine Kirche erinnert hier erstmal nichts. (Bühne: Zinovy Margolin) Auf zwei Etagen befinden sich zahlreiche Türen, im Innenhof ist eine Tribüne aufgebaut, den Vordergrund dominiert eine übergroße Krippenszene in einem braun furnierten Holzkasten mit dunkelblauem Sternenhimmel und über der Tribüne verkündet ein Leuchtschriftzug „Merry Christmas“.

Der junge Maler Mario Cavaradossi (hier vielleicht eher ein Bildhauer) verziert eine Madonnenfigur, als sein Freund, der flüchtige Gefangene Angelotti, bei ihm in der Kirche Schutz und Hilfe vor den Häschern Scarpias sucht.

Die Auftrittsarie des Cavaradossi,Recondita armonia“ („Sie gleichen sich an Schönheit“), gestaltet der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo überzeugend leidenschaftlich mit guten fließenden Tempi und angenehm warmem Timbre. Das anschließende Liebesduett mit der eifersüchtigen Tosca, die zunächst glaubt, ihr Geliebter verstecke eine Frau in der Kapelle, gerät musikalisch sehr überzeugend, Garulo und die lettische Sopranistin Liene Kinca als Tosca harmonieren sehr gut und gestalten hier einen der musikalischen Höhepunkte des Abends. Dass die Regie das Liebespaar dazu jedoch in der Krippenszene platziert und der arme Tenor nicht nur singen und die Partnerin im Arm halten sondern auch noch möglichst unauffällig das (Sternen-) Licht anknipsen muss, verursachte der Rezensentin ein wenig Stirnrunzeln und Rätseln nach dem Warum. Cavaradossi und Tosca als Maria und Josef? Hier eine Analogie herstellen zu wollen wäre doch arg konstruiert. Das Krippenmotiv wird zum Ende der Oper noch einmal aufgenommen, jedoch ohne dass die Motivation dahinter deutlich wird.

Ohnehin liegt der Schwerpunkt der Inszenierung auf der Figur des Scarpia. Die zweite Handlungsebene wird hier buchstäblich übersetzt, indem die Diensträume Scarpias je nach Bedarf herabgesenkt oder hochgezogen werden und so die Kapelle oder den Palast Farnese ganz oder teilweise freigeben oder verdecken. So kann der Zuschauer gleichzeitig und quasi aus Scarpias Perspektive beobachten, wie Toscas Auftritt auf Scarpias Fernsehbildschirm übertragen wird, während unten auf der Tribüne der Chor Aufstellung zum Te Deum nimmt.

Sein „Va, Tosca“ gerät beeindruckend düster und bedrohlich. Der amerikanische Bariton Seth Carico (seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) verfügt als Scarpia über die nötige Schwärze in der Stimme. Dass in Barkhatovs Inszenierung Scarpia nicht Polizeichef ist, sondern ein hoher Würdenträger der Kirche, gibt dem Satz „Tosca, Du machst, dass ich Gott vergesse!“ eine besondere Brisanz. Carico kann in dieser Szene nicht nur seinen dunkel timbrierten Bariton optimal zur Geltung bringen, sondern auch seine starke schauspielerische Leistung. Vor diesem Scarpia zittert buchstäblich ganz Rom.

Staatsoper Hannover / Tosca, - hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Dieser Eindruck vermittelt sich auch im weiteren Verlauf der Oper. Die zweite räumliche Ebene wird wieder herabgesenkt und während auf der rechten Seite Cavaradossi in Scarpias Diensträumen gefoltert wird und dieser seinen Gästen verkündet „Was ich begehre, nehme ich mir“, sehen wir kurz darauf Tosca in Scarpias „Hinterzimmer“, wo er sie quält und bedrängt, ihm zu verraten, wo sich der geflohene Angelotti aufhält. Schließlich kann Tosca ihrem Peiniger nicht länger standhalten und verrät das Versteck.
Scarpia bekennt „Schon lange glühe ich für die Diva Tosca, ich will dich besitzen!“, worauf Tosca erwidert „Lieber stürze ich mich aus dem Fenster!“. Scarpia entgegnet, dass er sie nicht mit Gewalt nehmen wird, aber dann… die Schläge der Trommel verdeutlichen, dass die Zeit verrinnt.

Im nun folgenden Bekenntnis Toscas, „Vissi d’arte, vissi d’amore…“ zeichnet Liene Kinca mit großer Ausdruckskraft die Verzweiflung dieser Figur, einer Künstlerin, die nur für ihre Kunst und die Liebe gelebt hat und nun in die Fänge des Machmenschen geraten ist und gezwungen ist, ihren Geliebten zu verraten. Ihr leicht metallischer Sopran klingt strahlend und leicht in der Höhe und warm in der Tiefe und sie berührt auch mit ihrer Bühnenpräsenz die Zuschauer, die spontan Szenenapplaus spenden.

Nach einem Kuss verkündet Scarpia, er werde seine Anweisungen ändern. Beide beginnen sich zu entkleiden, Scarpia legt Tosca seine Soutane um; bevor er sie jedoch zum Liebesakt zwingen kann, ergreift sie ein Messer vom Tisch und ersticht ihn. Mit den Worten „Er ist tot, nun vergebe ich ihm.“ lässt sie Scarpia zu Boden sinken. Zwischen den Pässen und dem Passierschein, der ihr und Cavaradossi freies Geleit sichern soll, findet sie einen Umschlag mit der Aufschrift „Für Tosca. Er enthält eine DVD. Sie schaltet den Player ein und auf dem Bildschirm erscheint Scarpia. Was nun folgt, ist eine Videobotschaft, die Lebensbeichte Scarpias. Jetzt endlich erfährt Tosca – und mit ihr der Zuschauer-, dass Scarpia als Kind von einem Priester missbraucht wurde. Dieser Film läuft wieder auf der oberen Ebene ab, während unten im Kircheninnenraum ein Chorknabe (Ben Waltz, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) glockenhell sein „Io de‘ sospiri“ („Ach, ihr meine Seufzer„) anstimmt. Die von Puccini vorgesehene Glocke wird auf der Bühne vom jungen Scarpia angeschlagen, ein weiterer Missbrauch vollzieht sich in den Nebenräumen.

Das also ist Scarpias Motivation? Das Opfer wird zum Täter? Wir erinnern uns wieder daran, dass Scarpia hier nicht Polizeichef sondern ein Mann der Kirche ist. Alle ihn begleitenden Personen wie Spoletta und Sciarrone werden jedoch als polizeizugehörig belassen und nicht in das Kirchenmilieu „übersetzt“. Auch das gehört zu den ungelösten Rästeln dieser Inszenierung. Tosca findet in dem Hinterzimmer die Truhe mit Scarpias Andenken, seine Fetischsammlung, und beginnt zu begreifen, was sie für ihn war.

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Im anderen Raum sehen wir in einer Art Rückblende Scarpia mit Angelotti, dessen Schwester und Cavaradossi und Scarpia macht ihnen deutlich Toscas Ehre gegen eure drei Leben!“ Resigniert bittet Cavaradossi um Papier und Tinte, um seiner geliebten Tosca einen Abschiedsbrief zu schreiben. Das nun folgende berühmte „E lucevan le stelle“ wird zu einem der Höhepunkte des Abends. Rodrigo Porras Garulo gibt den gebrochenen Mann so authentisch, gestaltet die gut drei Minuten lange Arie so intensiv, mit warmem lyrischen Tenor und sehr differenziert in der Dynamik, schreit seine Verzweiflung so leidenschaftlich heraus, dass er dafür Szenenapplaus und Bravi erntet.

Tosca weiht ihren Geliebten in den Plan ein, erzählt ihm von der Scheinhinrichtung. Hier tauchen nun wieder die Krippenfiguren aus dem ersten Akt auf, jetzt allerdings auf Lebensgröße angewachsen. Während die beiden von einem gemeinsamen Leben träumen („Wir entschweben in den Himmel“), holt Cavaradossi immer mehr der Krippenfiguren nach vorne.

Die Erschießung des Cavaradossi findet schließlich statt, akustisch glasklar und eindruckvoll von den Posaunen untermalt. Irritiert sehen wir, wie Tosca den toten Scarpia im Arm hält, immer noch in seine Soutane gehüllt, ein Bild gleich einer Pietà. Ihre letzten Worte „O Scarpia, avanti a Dio!“ („Oh Scarpia, gehen wir zu Gott!“) erhalten so eine ganz andere Bedeutung. Die Bühne fährt hoch, im unteren Teil sitzt Cavaradossi einsam in der Krippe. Der Vorhang fällt.

Tosca wird zu den Verismo-Opern gezählt, also zu jenen Opern, deren Handlung realistisch sein soll, sich tatsächlich so abspielen könnte im Gegensatz zur Opera seria.
Vasily Barkhatov versucht hier einen aktuellen Bezug herzustellen zu den Missbrauchsfällen in der Kirche. Es erscheint aber nicht logisch, dass ein Opfer in die Institution zurückkehrt, in der es selbst so viel Leid erfahren hat. Nicht alle Opfer werden zu Tätern! Aber es ist nicht Rache, die Scarpia antreibt und ihn selbst zum Täter werden lässt: es ist Machtgier. Letztendlich benutzt er Tosca als Werkzeug, als Mittel in seinem Spiel, um sein Leben nicht mit eigener Hand zu beenden und dadurch, als Priester, eine große Sünde zu begehen. Das Perfide an Scarpias Spiel ist, dass er Tosca über seinen eigenen Tod hinaus bestraft, indem er sie zu seiner Mörderin macht.

Musikalisch ließ dieser Premierenabend kaum Wünsche offen. Die drei Hauptdarsteller beeindruckten durch sehr gute sängerische und darstellerische Leistung. Mit dem Te Deum im ersten Akt hat Puccini eine der monumentalen Nummern für Chor geschrieben. Chor, Extrachor und ein stimmlich bestens aufgestellter Kinderchor mit 30 Kindern haben diese große Chorszene eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Besonders herzlichen Applaus erhielt der Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund (Ben Walz). Aber auch alle Nebenrollen waren durchweg gut besetzt und vermochten stimmlich wie darstellerisch zu überzeugen.

Da die Stelle des GMD an der Staatsoper Hannover neu zu besetzen ist, sind aktuell verschiedene Dirigenten an der Staatsoper zu Gast. An diesem Abend leitete Kevin John Edusei das Niedersächsische Staatsorchester Hannover. Edusei, der Rezensentin aus seiner Bielefelder Zeit gut bekannt, führte die Musiker sicher durch den Abend und war dabei sensibler Begleiter für die Solisten. Die „Hits“ der Oper, wie Vissi d’arte, Va, Tosca, aber auch die erwähnte Chorszene mit dem großen Te Deum gestaltete er mit sicherem Gefühl für die Tempi und akzentuierter Dynamik. Große Freude machte an diesem Abend vor allem das Blech, namentlich in der Angelotti-Szene im 1. Akt. So geriet die Premiere zumindest musikalisch zu einem großen Erfolg.

In den lang anhaltenden Applaus für Solisten, Dirigent und Orchester mischten sich jedoch zahlreiche wiederholte Buhs für das Regieteam. Das hat die Rezensentin in Hannover und anderswo in dieser heftigen Form selten erlebt, zeigt aber, dass Vasily Barkhatov mit seiner Sichtweise auf Tosca, eine der weltweit beliebtesten Opern nicht in Gänze überzeugen konnte.

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Tosca:  hier Die vollständige Besetzung: Floria Tosca –  Liene Kinca, Mario Cavaradossi – Rodrigo Porras Garulo, Baron Scarpia – Seth Carico, Cesare Angelotti – Yannick Spanier, Mesner – Daniel Eggert,  Spoletta – Uwe Gottswinter, Sciarrone – Gagik Vardanyan, 

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Tosca an der Staatsoper Hannover; die nächsten Vorstellungen 30.10.; 3.11.; 7.11.; 9.11.; 17.11.; 29.11.; 3.12.; 18.12.2019; 27.03.2020.

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