Rudolstadt, Theater Rudolstadt, Hänsel und Gretel – E. Humperdinck, 12.10.2019

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Rudolstadt / Thüringisches Landestheater © Friederike Lüdde

Rudolstadt / Thüringisches Landestheater © Friederike Lüdde

Theater Rudolstadt

Hänsel und Gretel –  Engelbert Humperdinck
Libretto Adelheid Wette

Premiere 12. Oktober 2019, Meininger Hof Saalfeld

Halbszenische Aufführung – in Kooperation mit dem Theater Nordhausen und dem Tiroler Landestheater Innsbruck

Theater Rudolstadt / Hänsel und Gretel © András Dobi

Theater Rudolstadt / Hänsel und Gretel © András Dobi

Knusper, Knusper, Knäuschen

 Märchenoper   Hänsel und Gretel   feiert in Saalfeld Premiere

Die abenteuerliche Geschichte der beiden Geschwister Hänsel und Gretel gehört zu den beliebtesten Märchen der Brüder Grimm. Geschwister sind auch der Komponist Engelbert Humperdinck und die Librettistin Adelheid Wette. Unter ihren Händen ist 1893 eine zauberhafte Märchenoper entstanden, die vor allem zur Vorweihnachtszeit seit Generationen Jung und Alt in die Opernhäuser lockt – und das obwohl sie ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht war. Am 12. Oktober, um 19.30 Uhr feiert Hänsel und Gretel als halbszenische Aufführung im Meininger Hof Saalfeld Premiere. Es kooperieren dafür die Theater Rudolstadt und Nordhausen sowie das Tiroler Landestheater Innsbruck.

Theater Rudolstadt / Hänsel und Gretel © András Dobi

Theater Rudolstadt / Hänsel und Gretel © András Dobi

„Brüderchen, komm tanz mit mir!“ ? Hänsel und Gretel haben gerade ihre knurrenden Mägen vergessen, als der Milchtopf mit der kargen Abendmahlzeit zu Bruch geht. Die Mutter tobt und schickt sie zur Strafe in den Wald, um Beeren zu sammeln. Was sie nicht weiß: Dort haust die böse Knusperhexe! Die beiden Kinder verirren sich. Anders als beim Grimm’schen Märchen wird ihr einsamer Weg durch Dickicht und Dunkelheit in der Oper von traumhaften Gestalten mit wunderschönen Melodien begleitet: dem Sandmann, vierzehn Engeln und dem Taumännchen. Aber auch sie können nicht verhindern, dass die Geschwister der Versuchung erliegen, als am nächsten Morgen das verführerische Lebkuchenhaus auftaucht. Zum Glück ist die List auf der Seite von Hänsel und Gretel. Und so gelingt es ihnen, nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen Lebkuchenkinder vor dem sicheren Tod zu befreien. Happy End garantiert!

Das Märchen von Hänsel und Gretel ist der Weihnachtsklassiker unter den Opern – kein Wunder, denn die Uraufführung fand 1893 einen Tag vor Heiligabend statt. Engelbert Humperdinck wagte damit den Versuch, Musik im komplexen und aufwändigen Wagner’schen Stil mit der naiven Welt der Märchen zu vereinen. Wie selbstverständlich erklingen sogar Volkslieder in der großen romantischen Oper.

Im Meininger Hof Saalfeld ist Hänsel und Gretel nun als halbszenische Aufführung mit Kostümen und Bühnenbildelementen, eingerichtet von der Nordhäuser Operndirektorin Anette Leistenschneider, zu erleben. Unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent Oliver Weder spielen die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt und das Sängerensemble des Theaters Nordhausen. Die beiden Titelrollen singen Carolin Schumann (Hänsel) und Amelie Petrich (Gretel), Mutter und Vater sind Katrin Kapplusch und Philipp Franke, Anja Daniela Wagner singt die Knusperhexe sowie Hayoung Ra (Thüringer Opernstudio) das Sand- und Taumännchen. Für den Part des Kinderchores am Ende der Oper hat sich an der Grundschule Schwarza ein Projektchor gebildet, angeleitet von Katja Bettenhausen und Kerstin Dyroff.

Theater Rudolstadt / Hänsel und Gretel © András Dobi

Theater Rudolstadt / Hänsel und Gretel © András Dobi

Musikalische Leitung: Oliver Weder, Szenische Einrichtung: Anette Leistenschneider
Bühne: Bernd Damovsky, Technische Umsetzung: Wolfgang Kurima Rauschning, Jonny Wilken, Kostüme: Michael D. Zimmermann

Mit:  Peter, Vater, Besenbinder: Philipp Franke, Gertrud, Mutter: Katrin Kapplusch/Zinzi Frohwein (ab 8.11.2019), Hänsel: Carolin Schumann, Gretel: Amelie Petrich, Knusperhexe: Anja Daniela Wagner  Sand- und Taumännchen: Hayoung Ra (Thüringer Opernstudio)

Ein Engel: Uta Haase,  Kinderchor: Projektchor der Grundschule Schwarza

Karten für die Aufführungen am 12. Oktober, 19.30 Uhr, am 20. Oktober, um 18 Uhr, am 22. Oktober und 17. November, um 15 Uhr sowie am 8. und 23. November, um 19.30 Uhr sind an den üblichen Vorverkaufsstellen und telefonisch unter 03672/422766 erhältlich. Es wird zudem ein kostenfreier Busshuttle aus Rudolstadt nach Saalfeld und zurück angeboten. Informationen dafür sind auf der Website des Theaters Rudolstadt zu finden.

—| Pressemeldung Theater Rudolstadt |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, RIENZI – Frühoper von Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.5.2018

Tiroler Landestheater und Symphonieorcheter Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

RIENZI  –  Richard Wagner

– Tödliche Unentschiedenheit –

Von Hanns Butterhof

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

An Gefahr und höchster Not ist in Richard Wagners früher Oper Rienzi wahrhaft kein Mangel. Die mörderische Anarchie fürstlicher Geschlechter im Rom des 14. Jahrhunderts bringt als Retter den populistischen Tribunen Rienzi hervor. Ihm bringt in der Aufführung des Tiroler Landestheaters Innsbruck seine Unentschiedenheit zwischen persönlichen und politischen Motiven, zwischen republikanischen Idealismus und narzisstischer Machtgier den Tod. Tödlich ist die Unentschiedenheit auch für den adeligen Adriano, der zwischen der Liebe zu Rienzis Schwester Irene und der Loyalität seiner Familie gegenüber schwankt. Er ist die anrührendste Figur der Oper.

In Innsbruck spielt der sinnvoll auf dreieinviertel Stunden eingekürzte Rienzi in einer unbestimmten Gegenwart. Thomas Döfler hat dafür eine sehr bewegliche, rasche Umbauten erlaubende Bühne gebaut. Mit der Anlehnung an sich gegenüberstehende Burgen der Adelsfamilien drückt sie ebenso die Zerfallenheit Roms in Adel und Plebejer aus, wie sie mit Prunktreppe den Aufstieg zum römischen Kapitol und die Machtarchitektur des faschistischen Italien zitiert. In die Gegenwart weisen auch die abwechslungsreichen Kostüme Antje Adamsons, die das Volk mal in grauer Arbeitskluft, mal im Feststaat, die Adelsfamilien als Mafia-Clans im Maßanzug und Rienzi zunehmend prächtiger gekleidet zeichnet.

 Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi im Machtwahn, Marc Heller, vor dem Abbild Napoleons © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi im Machtwahn, Marc Heller, vor dem Abbild Napoleons © Tiroler Landestheater Innsbruck

Regisseur Johannes Reitmeier hat nicht nur das Museale, sondern auch die Aktualisierung mit Warlords oder Populisten vermieden, zu naheliegend ist Rienzi eine politische Figur von heute. Er ist der starke Mann, der wieder Ordnung im Staat schafft und dem Gesetz wieder zu Geltung verhilft.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Dass ein solcher Mann notwendig ist, steht nach den ersten Szenen der Oper außer Frage. Die beiden herrschenden Adelsgeschlechter Roms, die Colonna und Orsini, machen, was sie wollen. Sie streiten darum, wer von ihnen Irene (Josefine Weber), die Schwester Rienzis, entführen und vergewaltigen darf. Erst der schon im Habit eines Revolutionärs mit umgehängten Patronengurten vom Volk erhobene Rienzi (Marc Heller) vermag sie von ihrem schändlichen Tun abzubringen. Dass die beiden Clans die Stadt verlassen, um ihre Streitigkeiten vor den Toren auszutragen, nützt Rienzi, gestützt auch vom päpstlichen Legaten (Unnsteinn Árnason), zum Aufstand.

Seinen Untergang bereitet er selber mit einem politischen Fehler vor. Er schließt Frieden mit den Adeligen, die aber nicht im Traum daran denken, sich der Republik zu ergeben. Vielmehr versuchen sie, Rienzi bei der Friedensfeier zu ermorden, und greifen, nachdem er sie gegen den Volkswillen begnadigt hat, Rom an. Für die großen Verluste der Verteidiger gibt das Volk Rienzi die Schuld. Die zusätzlich durch Verleumdung aufgewiegelten Massen, die verletzt und unzufrieden vor dem Kapitol lagern, setzen den Regierungssitz in Brand und steinigen den auch von der Kirche verlassenen Tribun. Im Sterben verflucht Rienzi nicht sein undankbares, wankelmütiges Volk, sondern kündigt prophetisch seine Wiederkehr an – wie hat er recht.

Doch Reitmeier will Rienzi deutlich nicht als Helden darstellen, dessen politische Wiedergänger gar erhofft wären. So zieht er schon zur Ouvertüre eine zweite, psychologische Ebene ein, die zum Einverständnis mit Rienzis Sturz führen soll. Eine stumme, von Wagner nicht vorgesehene Szene wirft ein trübes Licht auf seine Antriebe. Erstrebte er einmal die Macht, um seinen Bruder rächen zu können, der von einem Mitglied der Colonna-Sippe ermordet wurde, so hat dieser Mord nur die Schleusen seiner manifesten Machtgier geöffnet. Riesengroß wirft eine Projektion Napoleons im purpurnen Herrscher-Ornat mit dem goldenen Cäsaren-Lorbeer auf dem Haupt ihren Schatten auf Rienzi, und noch im Untergang rafft er Lorbeerkranz und Purpurmantel an sich. Die Inszenierung nimmt so die Perspektive der Verleumdung ein, die schließlich zu Rienzis Sturz führt.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi und Irene, immer Seite an Seite, Marc Heller und Josefine Weber © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi und Irene, immer Seite an Seite, Marc Heller und Josefine Weber © Tiroler Landestheater Innsbruck

Es braucht den ersten, überhaupt etwas sperrig die Situation eröffnenden Akt, bis der amerikanische Tenor Marc Heller mit festem, männlichen Heldentenor trotz seiner Anfechtungen durch die Machtgier von seinem republikanischen Idealismus überzeugt. Die anstrengende Partie gipfelt in seinem hymnischen, zu Herzen gehenden Gebet „Allmächt’ger Vater“  im letzten Akt.

Josefine Weber als Rienzis Schwester Irene steht mit jugendlich strahlendem Sopran allzeit fest an der Seite ihres Bruders und wird auch durch ihre Liebe zu dem jungen Colonna-Sprössling Adriano in ihrer Treue nicht schwankend. Am Ende teilt sie Rienzis schauriges Schicksal.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner_ hier Jennifer Maines als Adriano im Zwiespalt © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner_ hier Jennifer Maines als Adriano im Zwiespalt © Tiroler Landestheater Innsbruck

Adriano, den Jennifer Maines darstellerisch und gesanglich mit beweglichem Mezzo begeisternd gibt, ist die interessanteste Figur der Oper, der die Regie auch besondere Aufmerksamkeit widmet. Anfangs stellt sich Adriano nur als Liebender, wenn auch mit wenig Wirkung, schützend vor Irene, als sie von seinem Clan und den Orsinis entführt werden soll. Dann lässt er sich von Rienzi als Anhänger der Republik gewinnen, wodurch er in schroffen Gegensatz zu seiner Familie, besonders zu seinem Vater Steffano Colonna (Johannes Maria Wimmer), gerät. Diesen Loyalitätskonflikt hält er nicht aus und beklagt ihn in der ergreifendsten Arie der Oper „Gerechter Gott“. Seine ständigen Versuche, zwischen allen Parteien zu vermitteln, scheitern an der starren Arroganz des Adels, vor allem seines unversöhnlichen Vaters. Als dieser bei dem gescheiterten Angriff auf die Republik getötet wird, wechselt Adriano wieder die Seite. Er wiegelt das Volk mit der Verleumdung auf, Rienzi habe die Republik zur Sicherung der eigenen Macht an den Adel verraten. Als er am Ende doch aus Liebe wieder zu Irene zurückkehrt, stirbt er in den Flammen des Kapitols, das die empörten Massen in Brand gesetzt haben – ihm bringt seine Unentschiedenheit den Tod.

Zunehmend zieht die von der Regie differenziert gestaltete Geschichte um den letzten römischen Tribun und seinen Fall in ihren Bann, ihre dreieinviertel Stunden vergehen wie im Flug. Doch es ist, als wolle die Regie mit den Motiven Rienzis, die ihn zwar menschlicher, aber nicht sympathischer erscheinen lassen, auch sein politisches Anliegen diskreditieren. Das aber wird von Text und Musik der Oper nicht wirklich gestützt, die das verführbare, wankelmütige Volk, nicht ihren Tribunen kritisiert.

Im Rienzi zeigt sich Wagner schon weit auf dem Weg zur späteren Meisterschaft. Allenthalben sind Anklänge an den Holländer, an Lohengrin und Tannhäuser zu vernehmen. Seine musikalischen Techniken sind bereits hoch entwickelt, Chor, Extra- und Kinderchor des Landestheaters (Einstudierung: Michel Roberge) demonstrieren seine Fähigkeiten beim Umgang mit den Chören beeindruckend.

Lukas Beikircher dirigiert souverän das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, das allen melodischen Glanz Wagners entfaltet, die irisierenden Streicherpartien und die merkwürdig prä-wilhelminisch anmutenden Märsche, und nicht zuletzt mit dem donnernden Katastrophenfinale zu brennendem Kapitol überwältigt.

Stimmlich ist die Oper bis in die Nebenrollen ausgewogen gut besetzt, von Johannes Mario Wimmer als stolzem Steffano Colonna und Joachim Seipp als seinem aufbrausenden Standes- Pendant Paolo Orsini über Unnsteinn Árnason als päpstlichem Legat Raimondo bis zu Florian Stern und Alec Avedissian als den verführbaren römischen Bürgern Baroncelli und Cecco del Vecchio.

Der begeisterte Schlussapplaus des Premierenpublikums galt neben Marc Heller, Josefine Weber, Michel Roberge mit seinen Chören und Lukas Beikircher mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck vor allem Jennifer Maines für ihren bewegt bewegenden Adriano.

Rienzi am Tiroler Landestheater: Die nächsten Termine: 27.5., 3., 10. und 17.6. 2018, jeweils um 18.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, Martha oder Der Markt zu Richmond, IOCO Kritik, 29.03.2018

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater

Martha oder Der Markt zu Richmond  – Friedrich von Flotow

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“

Von Julian Führer

Den Loriot-Sketch „Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“ werden viele schon einmal gesehen haben; aber wer hat Martha gesehen? Diese Spieloper des 19. Jahrhunderts war von Anfang an ein Kassenschlager, ist in Aufführungsstatistiken bis in die 1960er, 1970er Jahre recht weit oben zu finden, heute ist Martha hingegen fast als Rarität anzusprechen. In Arienalben für Sopran findet man jedoch die „Letzte Rose“, und die Tenorarie „Ach so fromm, ach so traut“ (in der italienischen Fassung „M’appari“) ist immer noch ein Bravourstück. Doch was ist aus der Oper als solcher geworden?

Im Tiroler Landestheater Innsbruck, einem schönen Haus mit etwa 800 Plätzen, beweist man Mut bei der Spielplangestaltung – und dieser Mut zahlt sich aus! Tatsächlich eignet sich die Geschichte von einer gelangweilten Adligen Martha, die sich als Magd verkleidet und sich mit ihrer Vertraute auf einem Markt verdingt, eine Geschichte, in der man sich verkleidet und am Ende heiratet, vielleicht nicht zum Verhandeln großer Menschheitsprobleme – oder vielleicht doch? Die Regie von Anette Leistenschneider lässt immer wieder einen doppelten Boden erahnen, so sehr sie ansonsten am amüsanten Libretto und der brillant instrumentierten Partitur bleibt.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet und Joshua Whitener als Lyonel @ Rupert Larl

Zur Ouvertüre, die Seokwon Hong mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zunächst ruhig angehen lässt, sehen wir einen den ganzen Vorhang einnehmenden Union Jack: Wir sind in England. Wie so vieles dort ist auch die Fahne allerdings etwas in die Jahre gekommen, man sonnt sich in früherem Glanz, wenn sonst schon nicht immer die Sonne scheint… Vorhang auf: Lady Harriet Durham, Ehrenfräulein der Königin, langweilt sich, umgeben von Dienstmägden, mit ihrer Vertrauten Nancy. Da hilft auch kein überdimensionierter begehbarer Schrank mit natürlich viel zu vielen Kleidern! Nancy, etwas lebenspraktischer als ihre Herrin veranlagt, zeigt es mit einer kleinen geflügelten Puppe, die sie Harriet auf die Schultern setzt: Verlieben müsste sie sich, doch in wen? Da klopft bzw. hupt es: Lord Tristan Mickleford, der verliebte Vetter, im Schottenrock.

Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Aus dem englischen Regen kommt er ins Zimmer, spritzt noch aus Versehen die Damen mit dem Regenschirm nass (den er, wie eigentlich alles andere auch, nicht im Griff hat). Vorbeiziehende Mägde bringen Harriet auf eine Idee: als Mägde verkleiden und beim Markt mittun. Tristan bekommt eine Haube und protestiert, und Nancy und Harriet ziehen sich so an, wie sie sich wohl Mägde auf dem Markt vorstellen. Die dort tatsächlich auftretenden Mägde sehen zwar anders aus und die edlen Damen eher wie beim Karneval, aber hier wie auch sonst hat das Regieteam genau hingeschaut, heißt es nicht „Nancy, her die Bauernmieder von der letzten Maskerade!“?

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt..... - Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt….. – Susanne Langbein als Lady Harriet @ Rupert Larl

Es würde (leider) zu weit führen, alle liebevollen Details aufzulisten, die Regie, Bühnenbild (Andreas Becker) und Kostüme (Michael D. Zimmermann) zu bieten haben. Die Inszenierung lehnt sich immer wieder ans England der fünfziger und sechziger Jahre an, ohne aufdringlich zu werden. Der reiche Pächter Plumkett und sein Stiefbruder Lyonel tragen Tracht, der Richter eine Perücke. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf, als Harriet und Nancy sich bei Plumkett und Lyonel verdingen und, ohne es zu ahnen, einen rechtsgültigen Vertrag über ein ganzes Jahr abgeschlossen haben.

Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss, und auch hier sind es die vielen Details, die den Erfolg so vollkommen machen. Ein paar Beispiele: Plumkett wirbt um die Mägde mit den Worten „Und seid fleißig ihr und flink, soll euch sonntags Porter lohnen und zu Neujahr Plumpudding.“ Auf der ersten Silbe des Puddings wird ein langer Triller eingeflochten – brillant! Aus dem Orchester sticht im ersten Akt die Oboe ganz besonders hervor. Die Umbaupausen zwischen erstem und zweitem sowie drittem und viertem Akt füllt das Orchester mit Musik, die eigentlich nicht zur Partitur gehört; zumindest im ersten Teil handelt es sich um Teile der Ballettmusik, die Flotow ursprünglich komponiert hatte, bevor er aus dem Stoff eine ganze Oper machte. Eine Wiederentdeckung! Und in Innsbruck stehen Solisten zur Verfügung, die auch den Bravourstücken Glanz verleihen. Susanne Langbein verkörpert auch optisch perfekt die gelangweilte Adlige, und bei der „Letzten Rose“ haben weder sie noch die Regie Angst vor Kitsch: eine Gartenbank mit Rosenranken, die Sterne funkeln am Bühnenhimmel, leichter Bühnennebel, Harfen aus dem Graben – kein Wunder, dass Lyonel gar nicht anders kann, als sich zu verlieben. Als er sein „Ach so fromm“ singt, läuft Joshua Whitener zu Höchstform auf. In dieser Perfektion und Intonationssicherheit auch in den Höhen können da nur wenige Aufnahmen mithalten. Andreas Mattersbergers sonorer Bass verleiht dem Plumkett viel Körper, doch ist er gleichzeitig agil und durchaus charmant, so dass dieser Plumkett mit seiner leichten Neigung zu Bierflaschen am Ende völlig zu Recht seine Nancy bekommt, die von der mit Lust und vollem Körpereinsatz spielenden Camilla Lehmeier dargestellt wird.

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt ... - hier das Ensemble @ Rupert Larl

Tiroler Landestheater / Martha oder der Markt … – hier das Ensemble @ Rupert Larl

Die Partitur Flotows ist ein Lehrstück, was Melodik, Instrumentierung und geschickten Aufbau angeht. Es wechseln Arien, Duette, Quartette, Ensembles, und jedes Mal ist etwas neu. Man hört die italienischen und französischen Einflüsse (Bellini, aber vor allem Boieldieu und Adolphe Adam), aus dem deutschen Bereich auch Weber und Lortzing. Als es kurz vor Schluss doch noch dramatisch wird, obwohl schon alles klar scheint, und Lyonel seine Harriet brüsk zurückweist, wird es kurz düster wie im Fliegenden Holländer.

Am Ende wird natürlich geheiratet; wie es dazu kommt, wird durch Puppen sehr rührend gezeigt. Der kurze Schlusschor hat etwas von einer Apotheose, und kurz vor dem Schlussakkord in G-Dur (Flotow hält sich meist an einfache Tonarten) platzt Tristan Mickleford herein, den wir schon fast vergessen hatten. – Auch er heiratet, nämlich eine Statistin, die zu Elgars „Pomp and Circumstance“-Marsch Nr. 1 (auch als „Land of Hope and Glory“ bekannt) huldvoll in die Menge winkt. Dieser Eingriff in die Partitur ist natürlich erheblich, szenisch bringt er einen enormen Effekt, musikalisch hingegen bleibt er problematisch. Das Orchester unter Seokwon Hong lässt mehrfach aufhorchen, so dass man nur bedauert, dass es immer wieder kleine Striche in den Ensembles gegeben hat. Auch im Libretto wurden Kleinigkeiten geändert. Warum muss man „Sie ist nicht klug“ statt „Sie ist so dumm“ singen, zumal es um Nachbars Polly geht, die nicht einmal anwesend ist?

„Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“:  Man kann nur hoffen, dass bald wieder Donnerstag ist. Diese Produktion, die bei der Premiere lange und einhellig gefeiert wurde, muss man gesehen haben!

Martha oder der Markt zu Richmond am Tiroler Landestheater; weitere Vorstellungen am 4.4.; 6.4.; 8.4.; 19.4.; 20.4.; 22.4.;26.4.;  29.4.; 11.5.; 30.5.; 2.6.2018

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Premiere: LA GIOCONDA von Amilcare Ponchielli, 16.04.2016

März 11, 2016 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Premiere: LA GIOCONDA von  AMILCARE PONCHIELLI

TEXT TOBIA GORRIO NACH VICTOR HUGOS, SCHAUERDRAMA  ANGELO, TYRAN DE PADOUE, UA 1876.  IN ITALIENISCHER SPRACHE,  DEUTSCHE ÜBERTITEL

 KOPRODUKTION MIT DEM TIROLER LANDESTHEATER INNSBRUCK

PREMIERE 16. APR. 2016 19.30 UHR, weitere Vorstellungen: 24. APR. 2016, 18.00  28. APR. 2016, 19.30 UHR, 05. MAI. 2016, 18.00 UHR, 13. MAI. 2016, 19.30 UHR
16. MAI. 2016, 15.00 UHR, 22. MAI. 2016, 18.00 UHR, 27. MAI. 2016, 19.30 UHR, 29. MAI. 2016, 18.00 UHR

Gelsenkirchen / MiR LA GIOCONDA © Pedro Malinowski

Gelsenkirchen / MiR LA GIOCONDA © Pedro Malinowski

Es ist ein hochdramatisches Liebeskarussell, das sich im Venedig des 17. Jahrhunderts dreht: Der Spitzel der Inquisition, Barnaba, liebt die schöne Straßensängerin Gioconda. Sie wiederum liebt den aus Venedig verbannten Fürsten Enzo Grimaldo. Dieser hat sich verkleidet in die Stadt zurückgeschlichen, um Kontakt zu seiner Geliebten Laura aufzunehmen, die jedoch mittlerweile in die Ehe mit dem Inquisitor Alvise gezwungen wurde. Um sich Giocondas zu bemächtigen, lässt Barnaba nichts unversucht: Er verleumdet ihre Mutter und will Enzo der Inquisition ausliefern. Doch auch Lauras Leben ist in Gefahr. Ihre Beziehung zu Enzo provoziert den rachsüchtigen Inquisitor Alvise. Und auch Gioconda befindet sich in einem Widerstreit mit ihren Gefühlen, könnte sie doch die Nebenbuhlerin auf diesem Wege schnell loswerden. Doch schließlich siegt das Gewissen über die Eifersucht und durch einen Trick gelingt es Gioconda, Laura und Enzo dem Inquisitor zu entziehen und ihnen die Flucht zu ermöglichen. Sie zahlt dafür einen hohen Preis: Für Enzos Freilassung verspricht sie sich an Barnaba. Doch sie entgeht ihrem Schicksal und ersticht sich vor seinen Augen.

Diese Oper ist ein Fest der Liebe, Intrige, Verleumdung und Rache, die Musik dazu von ungeheurer Wucht. Ponchiellis mitreißende, hochdramatische Szenen treiben die Handlung voran und erzeugen einen packenden Klangstrudel von sprühender Italianità für die höchsten Gefühle und den tiefsten Abgrund der menschlichen Seele. Neben gewaltigem musikalischen Pathos effektvoller Massenszenen und leidenschaftlichen Soloauftritten stehen die fein instrumentierten Gesänge und Tänze venezianischer Chöre. Geprägt von den Kompositionen der Grand Opéra und als Lehrer so großer Komponisten wie Giacomo Puccini und Pietro Mascagni ist Ponchielli ein wichtiger Meilenstein neben Giuseppe Verdi mit ersten Anklängen des Verismo. La Gioconda ist die Sängeroper par excellence – sechs große Partien, die den Sängern alles abverlangen, machen diese Oper zu einem Fest der Stimmen. Maria Callas liebte die Rolle der Gioconda sehr und sang sie bei ihrem italienischen Debüt 1947 in der Arena di Verona.

MUSIKALISCHE LEITUNG: RASMUS BAUMANN, NACHDIRIGAT VALTTERI RAUHALAMMIINSZENIERUNG, BÜHNE UND KOSTÜME,  ALEXANDRA SZEMERÉDY, MAGDOLNA PARDITKA, CHOR CHRISTIAN JEUB, DRAMATURGIE JULIANE SCHUNKE

BESETZUNG:
LA GIOCONDA: PETRA SCHMIDT, DIE BLINDE: ALMUTH HERBST
ENZO: DEREK TAYLOR, ALVISE: DONG-WON SEO
LAURA: NADINE WEISSMANN, BARNABA: PIOTR PROCHERA
ZUANE: MICHAEL DAHMEN, ISEPO: WILLIAM SAETRE

—| Pressemeldung Musiktheater im Revier |—