Augsburg, Theater Augsburg, Programm der kommenden Spielzeit 2020/21

Mai 22, 2020 by  
Filed under Pressemeldung, Spielpläne, Theater Augsburg

augsburg.jpg

Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

»Eigensein«

Staatstheater Augsburg präsentiert Programm der kommenden Spielzeit 2020/21

Am 16.05.2020 hat das Staatstheater Augsburg im Livestream der »ananas@home«-Sondersendung »Wetten, dass … wir spielen!« das Programm der kommenden Spielzeit bekannt gegeben. In Talkrunden gaben Staatsintendant André Bücker und Leitungsmitglieder der vier Sparten Schauspiel, Musiktheater, Konzert und Ballett Einblicke in die geplante Saison, mit ihren Premieren und Konzerten, dem Spielzeitmotto sowie den derzeitigen Rahmenbedingungen für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs.

Das übergreifende Spielzeitmotto »Eigensein« lädt dabei zu Reflektionen gegenwärtiger Lebenssituationen und gesellschaftlicher Themen ein und wird auf verschiedene Weise in den Produktionen der kommenden Spielzeit widergespiegelt. So geht es etwa um Wohn- und Lebensbedingungen, wie in der Operette »Moskau, Tscherjomuschki« von Dmitri Schostakowitsch. Aber auch die Selbstreflektion und die Rolle der Wissenschaft in unserer Gesellschaft sind Thema: Beides ist in Zeiten der Corona-Krise von ganz neuer Aktualität und wird z.B. in der Komödie Die Physiker« von Friedrich Dürrenmatt, beleuchtet. Im Musiktheater und Ballett finden sich einige Titel, die eigentlich bereits in der aktuellen Spielzeit Premiere gehabt hätten. Diese werden nun vorgeprobt und im Herbst zur Aufführung gebracht.

Theater Augsburg / Wetten dass, ... wir spielen! © Staatstheater Augsburg

Theater Augsburg / Wetten dass, … wir spielen! © Staatstheater Augsburg

Möchten Sie die Spielzeit-Show »Wetten dass, … wir spielen!« (Samstag, 16.5.) noch einmal sehen? Mit diesem Klick geht’s los:

https://staatstheater-augsburg.de/spielzeitpraesentation_20

Im Schauspiel können die bereits vor der Corona-Krise geplanten Inszenierungen rund um die Themen Vereinzelung und Rückzug ins »Eigensein« weitestgehend wie vorgesehen gespielt werden, so auch die beiden deutschsprachigen Erstaufführungen, Neil LaButes »Die Antwort auf alles« und »Wittgensteins Mätresse« nach dem Roman von David Markson. Neu hinzugekommen ist eine Bühnenbearbeitung von Thomas Manns »Zauberberg«. Das Schauspiel steuert zudem einen Liederabend, das Weihnachtsmärchen und – ganz neu in dieser Saison – ein Sommertheater bei.

Mit Christoph Willibald Glucks Oper »Orfeo ed Euridice«, als Kombination aus Live-Inszenierung und VR-Erlebnis, wird die Musiktheatersaison im martini-Park eröffnet. Insgesamt vier Produktionen dieser Sparte sind geplant. Dabei können, wie auch in den anderen Sparten, durch die auferlegten Abstands- und Hygiene-Regeln wesentlich weniger Zuschauer als bisher die Vorstellungen besuchen. Um dennoch möglichst vielen Interessierten Gelegenheit zu geben, daran teilzunehmen, wird es von jeder Produktion mehr Vorstellungen geben als bisher. Als größte Produktion im Musiktheater ist für Mai 2021 die Uraufführung des spartenübergreifenden Oratoriums »Das Ende der Schöpfung« geplant, mit dem der zeitgenössische Komponist Bernhard Lang sich auf Haydns berühmte »Schöpfung« bezieht.

Das Augsburger Ballett startet mit Franz Schuberts Liederzyklus »Die Winterreise« in die neue Spielzeit. In seiner Choreographie hat Ballettdirektor Ricardo Fernando 24 einzelne Bilder zu einer großen Erzählung zusammengefügt, inspiriert von der starken szenischen Kraft der melancholischen Lieder Franz Schuberts. Geplant sind weitere einzigartige Ballettabende, wie etwa »Creations«, die »Internationale Ballett-und Tanzgala« oder auch die nachgeholte Premiere von »Dimensions of Dance. Part 3«.

Die Augsburger Philharmoniker arbeiten in der kommenden Spielzeit wieder mit einem sehr erfolgreichen, in Augsburg ansässigen Künstler zusammen: Dem Pianisten Jewgeny Konnov, der als Artist in Residence mehrere Konzerte mitgestalten wird.  Für weitere Sinfoniekonzerte konnten Solisten mit ganz ungewöhnlichen Soloinstrumenten gewonnen werden, wie etwa der Bandoneon-Spieler Christian Gerber oder Saxophonist Christian Segmehl. Bekannt für seine Dynamik und positive Energie, gestaltet Klezmer-Klarinettist Giora Feidman gemeinsam mit dem Orchester das Abschlusskonzert der Saison. Mit Markus Bosch und der Estin Anu Tali sind in dieser Saison zwei renommierte Gastdirigenten am Pult zu erleben.

Noch in der aktuell laufenden Spielzeit wird das Staatstheater Augsburg zu einem Freiluft-Sommertheater auf die große Wiese im martini-Park einladen, ein neues Format, das in der Spielzeit 2020/21 mit »Cyrano de Bergerac« fortgeführt wird.

Gegen Ende der kommenden Spielzeit bringt das Staatstheater mit »Chicago« eines der begehrtesten Broadway-Musicals aller Zeiten auf die Freilichtbühne am Roten Tor. Außerdem wird, zu Ehren des 500-jährigen Jubiläums der Fuggerschen Stiftungen, auch das Fugger-Musical »Herz aus Gold« wiederaufgenommen.

Auch in der neu geschaffenen fünften Sparte »#Digitaltheater« werden in der Spielzeit 2020/21 gleich eine ganze Reihe von Inszenierungen angeboten, mit denen sich per VR-Brille ein spannender Theaterabend zuhause verbringen lässt.

Da wegen der notwendigen Abstandsregeln weniger Plätze im Zuschauerraum zur Verfügung stehen werden, wird das gewohnte Festplatz-Abo in der kommenden Spielzeit vorübergehend durch Scheckabos ersetzt. »Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass unsere treuen Abonnent*innen nicht von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen und ihre bestehenden Abonnements auch unter den Corona angepassten Bedingungen weiterlaufen lassen.«, meint Intendant André Bücker. Der Besucherservice nimmt schon bald Kontakt zu den betreffenden Theaterfans auf.

Gemäß ihrem Motto »Wetten dass, … wir spielen!«  endete die Spielzeit-Show am Samstagabend mit einer Wette: André Bücker kündigte an, dass es dem Staatstheater Augsburg mit Hilfe seines Publikums gelingen werde, den größten Online-Chor Bayerns zu mobilisieren. Zum Mitsingen sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Proben und Aufführungen finden per Zoom statt. Informationen dazu sind in Kürze auf der Homepage des Staatstheaters nachzulesen.

—| Pressemeldung Theater Augsburg |—

München, Bayerische Staatsoper, THE SNOW QUEEN – Hans Abrahamsen, IOCO Kritik, 02.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

THE SNOW QUEEN  –   Hans Abrahamsen

– Blühende Eisblumen –

von Hans-Günter Melchior

Wie war es?  fragte sie, und ich sagte: na ja, und sie: was heißt das: na ja?

Es hat mir gefallen, sagte ich, sehr sogar, eine Faszination ging von der Aufführung, vor allem der Musik, aus und nahm mich gefangen. Und sie wiederum: aber? Aber, sagte ich, ich habe, ohne jetzt überheblich sein zu wollen, gewissermaßen unter dem Niveau, das ich mir selbst abverlange, Gefallen an der Oper gefunden.

Wie das?     Ich habe die Musik nicht durchschaut. Sie ist nur scheinbar einfach, tarnt sich mit Einfachheit, hinter der ein hochdifferenziertes, für den Hörer schwer durchschaubares System steckt.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Es ging mir durchaus anders als einst Fritz Kortner, der in den Münchner Kammerspielen ein Shakespeare-Stück inszenierte und an dem Spiel des Narren etwas auszusetzen hatte. Sie haben aber gelacht, wandte der Schauspieler ein, und  Kortner:   Ja, gewiss, aber unter meinem Niveau.

Snow Queen – Hans Abrahamsen
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Hier aber war ich es, der dem Niveau des Komponisten nicht gewachsen war. Im Programmheft wird er wie folgt zitiert: „Ich brauche so viel Flexibilität wie nur möglich. Deshalb baue ich Systeme in Systeme und weitere Systeme und versuche diese dann zu verbinden und zu synchronisieren.“

Aber lieber Herr Abrahamsen, komplexer geht es kaum –, da soll einer als Hörer dahinterkommen. Das geht ja tief hinein ins Problem der „freien (bzw. unfreien) Note“, wie Anselm Cybinski in seinem Aufsatz vermerkt. Womit wir mitten im Doktor Faustus von Thomas Mann und dem berühmten XXII. Kapitel wären, in dem Adrian Leverkühn seine Unabhängigkeit vom Strukturelement der Tonarten verteidigt.

Vielleicht lag es an diesem hohen intellektuellen Anspruch, dass einige Buhs zu hören waren und nach der Pause die Reihen sich ein wenig gelichtet hatten.

Wie auch immer: ich habe nicht die Partitur studiert (was mir, das nur nebenbei, kaum geholfen hätte), sondern  mich zurückgelehnt und die höchst differenzierte, sich wie Schnee und Eis zersplitternde, fast ausschließlich diatonische Musik genossen. Ja –, genossen, denn diese Musik hat vor allem sinnliches Potential, es wird einem kalt und mitten im Winter sogar warm ums Herz, wenn man sich nur darauf einlässt.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Peter Rose als Snow Queen, Rachael Wilson als Kay © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Peter Rose als Snow Queen, Rachael Wilson als Kay © Wilfried Hoesl

Das lag nicht zuletzt am Dirigat Cornelius Meister und seinem hochkonzentrierten Orchester, das die schwierige Partitur souverän beherrschte (passagenweise bedurfte es im 1. Akt  sogar eines zweiten Dirigenten für eine bestimmte Instrumentengruppe). Nicht zu vergessen der herrliche Chor, für den Stellario Fagone verantwortlich war.

Und natürlich lag es auch an der grandiosen Gerda Barbara Hannigans und dem stimmgewaltigen Kay von Rachael Wilson (die von Thomas Gräßle gedoubelt wurde; Kay als Kind einerseits, als Erwachsener andererseits). Die Schneekönigin ist seltsamerweise ein Bass, er wurde von Peter Rose gesungen.

Doch von vorne: dem Libretto liegt das in sieben Geschichten gegliederte Märchen Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen zugrunde. Ein böser Troll (der „Deibel“) hatte einen Spiegel hergestellt, in dem alles hässlich und böse und verzerrt erschien. Die Schüler seiner „Trollschule“ stiegen begeistert mit diesem Spiegel immer höher im Himmel, bis in die Nähe Gottes. Dort entglitt ihnen der Spiegel und fiel zur Erde, wo er in Millionen größerer und kleinster Teile zersplitterte.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Thomas Graessle als Kay Double © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Thomas Graessle als Kay Double © Wilfried Hoesl

In der Stadt wohnen die Kinder Gerda und Kay nebeneinander. Sie sind eng befreundet. Kay sticht plötzlich etwas ins Auge und ins Herz: Teile des Spiegels. Er erstarrt gleichsam psychisch, sieht in allem nur etwas Hässliches und erkaltet seelisch bis zur Unansprechbarkeit. Die Schneekönigin nimmt ihn auf ihrem prächtigen Schlitten mit, entführt ihn also, verschwindet mit dem Jungen, verbringt ihn in ihren Eispalast in Lappland; Kay ist zunächst unauffindbar.

Gerda sucht den Freund. Es beginnt eine wahre Odyssee. Das Mädchen kommt zunächst zu einer alten Frau, dann, von einer Schlosskrähe geführt, in den Palast der Prinzessin und des Prinzen. Von dort begibt sie sich auf die weitere Suche, da Kay nicht, wie sie vermutete, der Prinz ist. Sie wird von Räubern überfallen, überlebt aber und wird von einem treuen Rentier bis nach Lappland gebracht. Über die Zwischenstation bei einer Finnenfrau gelangt sie schließlich in den Eispalast der Schneekönigin (makellos der Bass von Peter Rose).

Dort endlich findet sie Kay, der die Außenwelt nicht wahrnimmt und tief in sein Inneres vergraben ist. Gerda kommt nicht an ihn heran. Die Eiskönigin stellt Kay die Freiheit in Aussicht, wenn er „das vollkommene Wort“ findet. Die Kinder fangen in ihrer Verzweiflung zu weinen an. Die Tränen schmelzen das Eis im Auge und im Herzen Kays. Dieser findet das vollkommene Wort: Ewigkeit. Er ist frei.

Kay und Gerda kehren, inzwischen erwachsen geworden, in die Heimat zurück. Die Großmutter sitzt immer noch da und liest im Bilderbuch. Im Sommer blühen die Rosen. Alles ist wieder gut.

The Snow Queen – Hans Abrahamsen
youtube Video Bayerische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Andreas Kriegenburg und der die Bühne gestaltende Harald B. Thor finden Bilder von geradezu berückender Kraft. Hell, überhell leuchtet die Bühne, über die Ballettfrauen wie elfengleiche Vögel mit flügelähnlichen Kopfbedeckungen und Schleiern schweben. In verzerrtem und vielgefiedertem Schwarz die Raben (Forest Crow: Kevin Conners; Castle Crow: Owen Willets); bizarr Princess (Caroline Wettergreen) und Prince (Dean Power).

Freilich begegnet Kriegenburgs Konzept bei aller Bildergewalt Einwänden. Er transponiert Kays Erstarrung ins Psychopathologische. Ihm kommt eine posttraumatische Belastungsstörung mit der Symptomatik eines Rückzugs in sich selbst und interpersoneller Absperrung in den Sinn. Vielleicht auch eine katatone Schizophrenie (im Unterschied zur paranoiden und zur hebephrenen) mit ähnlichen Symptomen. Ärzte in weißen Kitteln umkreisen ein Bett, auf dem sich Kay krümmt.

Das leuchtet nicht ein, gräbt nicht tief genug (so wenig es freilich auch dem Gesamteindruck der Aufführung letztlich schadet).  Andere Deutungen sind schlüssiger: der Einzug der Vernunft zum Beispiel in die Kinderpsychologie, das Erwachsenwerden, das vom Misstrauen und Rückzug in sich selbst begleitet wird.

Andersen bietet selbst eine Erklärung an. Das Schloss der Eiskönigin ist eine einzige Architektur eiskalten Verstandes. Die Eiskönigin sagt von sich selbst, „sie sitze im Spiegel des Verstandes und dies sei das einzige und beste auf der ganzen Welt.“ Und der im Palast gefangen gehaltene Kay legt Figuren zu einem „Verstandes-Eisspiel“ zusammen.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Peter Rose als Snow Queen und Kinderstatisterie © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Peter Rose als Snow Queen und Kinderstatisterie © Wilfried Hoesl

So deutet sich in Andersens Werk, einem Erwachsenenmärchen, eine erstaunlich frühe Vernunftkritik an, die die heutige Philosophie in der Nachfolge von Adorno, Heidegger u.v.A. beherrscht (s. insbesondere auch Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns). Die Vernunft als das den Menschen verdinglichende und seiner Personalität beraubende Gewalt. Der Mensch als gleichsam tote Ware.

Hier wäre der richtige Ansatz zu einer Interpretation gewesen. Der Verweis auf einen psychopathologischen Krankheitszustand greift zu kurz, er ist allzu vordergründig banal. Krankheiten gibt es schon immer. Die Krankheit der vernunftdominierten Zeit, die wohl Andersen meinte, ist nicht mit medizinisch-psychiatrischen Therapien und Medikamenten zu bekämpfen. Freilich auch nicht wie im Märchen mit Substanzen, die das Eis der Vernunft zum Schmelzen bringen. Sondern mit tiefgreifenden Einsichten.

Gleichwohl: die bis zum Schluss bleibenden Zuschauer, die sich in der überwältigenden Mehrheit befanden, nahmen die Aufführung mit langanhaltendem Beifall auf. Eine Sitznachbarin zu ihrem Partner: „Die Buhs sind eine Unverschämtheit.“

The Snow Queen an der Bayerischen Staatsoper; die weiteren Termine 4.1.; 6.1.; 31.7.2020

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Hans Pfitzner – Complete Lieder, IOCO CD-Rezension, 29.09.2019

September 29, 2019 by  
Filed under Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Personalie

 

Hans Pfitzner - Complete Lieder - Naxos CD © NAXOS

Hans Pfitzner – Complete Lieder – Naxos CD © NAXOS

Hans Pfitzner – Complete Lieder – Naxos 8572603

Ist der Himmel darum im Lenz so blau, Zweifelnde Liebe, Lockung, Die Nachtigallen.

von Julian Führer

Hans Pfitzner (1869-1949) hatte zu Lebzeiten erheblichen Erfolg. Bekannt ist vor allem seine Oper Palestrina, die über viele Jahre hinweg einen Stammplatz im Repertoire hatte, heute jedoch nur noch selten zu erleben ist. Zu seinem 125. Geburtstag im Jahr 1994 erschien noch eine Briefmarke der Deutschen Bundespost. Zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 2019 gab es nur wenige Veröffentlichungen, die vor allem die politische Haltung des Komponisten thematisierten; in Trier wurde bei einem für Ende September geplanten Konzert sogar das Programm geändert, weil Pfitzner inzwischen in Teilen der Öffentlichkeit als untragbar gilt.

Hans Pfitzner, Wien © IOCO

Hans Pfitzner, Wien © IOCO

Pfitzner komponierte in spätromantischer Tradition, entwickelte diese jedoch deutlich weiter. Seine Melodien sind oft grüblerisch, seine musikalischen Gedanken manchmal verstiegen, es fehlt ihm die Süffigkeit eines Richard Strauss – und doch gilt er vielen auch musikalisch als rückwärtsgewandt, weil er die neuen Strömungen wie etwa die Musik Arnold Schönbergs und ihre Verteidiger wie Paul Bekker publizistisch bekämpfte. Dennoch haben seine Kompositionen viel Neues. Sein Komponistenkollege Gustav Mahler, der Schriftsteller Thomas Mann und der Dirigent Bruno Walter hielten seine Werke gleichermaßen für bedeutend. Über ein halbes Jahrhundert hinweg komponierte Pfitzner über hundert Lieder, von denen es eine 2001 auf 5 CDs erschienene Gesamteinspielung bei CPO gibt. Bei Naxos ist nun die zweite CD einer neuen Gesamtaufnahme erschienen. Anders als beim Vorgängerunternehmen von 2001 werden die Lieder hier nicht in rein chronologischer Reihenfolge geboten. Von den Sieben Liedern Opus 2 finden sich hier beispielsweise nur vier; die Gruppierung der Stücke ist eher künstlerisch motiviert als dem Gedanken eines systematischen Werkkatalogs verpflichtet.

Der CD ist leider (anders als bei CPO) im Booklet kein Text beigegeben, doch sind die gesungenen Texte (auch mit englischer Übersetzung) auf https://www.naxos.com/sungtext/pdf/8.572603_sungtext.pdf  zu finden. Bei CPO wechseln die Sängerinnen und Sänger, die Pianisten ebenfalls. Auf der vorliegenden CD sind der Tenor Colin Balzer und am Klavier Klaus Simon zu hören. Der Klavierpart ist hier oft deutlich überzeugender präsentiert und besser aufgenommen als bei der etwas älteren Gesamteinspielung. Aufgenommen wurden die Lieder bereits im Jahr 2010, nun sind sie im Jahr des 150. Geburtstages und des 70. Todestages Pfitzners erschienen.

Die 26 Stücke der CD umfassen Lieder der Jahre 1884 bis 1916; es ist deutlich hörbar, dass sich Pfitzners Stil im Laufe dieser drei Jahrzehnte massiv gewandelt hat. Nicht ganz nachvollziehbar ist, dass die Jugendwerke (WoO 9, 6, 5 und 12) am Ende und nicht bei den frühen Liedern Opus 2/6/7 stehen.

Die ersten vier Stücke der Sieben Lieder Opus 2 von 1888/1889 eröffnen den Zyklus. „In der Früh, wenn die Sonne kommen will“ nach einem Text von Richard Leander thematisiert recht kurz die Erwartung des Liebenden. Das Lied beginnt wie bei Schubert, mündet dann aber in eine fragende Linie nach oben, die schmerzhaft dissonant endet. Opus 2,2 „Ist der Himmel darum im Lenz so blau“ ist eines der bekanntesten Lieder Pfitzners. Die ersten Takte lassen bereits das Kyrie eleison im ersten Akt der Oper Palestrina vorausahnen. Melodisch ist das Stück sehr schwelgerisch und reichhaltig, obwohl es zweistrophig angelegt ist und nur eine reichliche Minute umfasst. Am Ende wird die Tonika vermieden. Opus 2,3 („Kalt und schneidend weht der Wind“ nach Hermann Lingg) hingegen hat bei unregelmäßiger Länge der musikalischen Phrasen eine düstere, fahle Atmosphäre, dissonante Haltetöne, und die Singstimme geht weit nach unten, um dann auf einem schwer zu fassenden hohen Ton zu enden: „Was sind Rosen ohne dich?“ Opus 2,4 („Im tiefen Wald verborgen“) ist eine Naturschilderung mit Sextenketten als Begleitung und einem Tonfall, den man auch bei Flotow und Brahms findet. Die Männer auf der Jagd treffen das Wild im Herzen, die Frauen treffen dort die Männer.

Im ersten Stück der Sechs Lieder Opus 6 (1888/1889) komponiert Pfitzner eine Barcarole, die bei den Worten „Feucht und kühl der Wasserfluten licht Geflimmer“ den dritten Akt von Wagners Tristan aufscheinen lässt und diesen Anklang bei der Frage „Liebst du mich?“ auf einem nicht aufgelösten Akkord mit folgender Generalpause noch einmal aufnimmt. Auch in Opus 6,3 (nach dem Text „Zugvogel“ von James Grun) ist Wagner gegenwärtig, als die Perspektive eines Zugvogels über dem endlosen Meer geschildert wird. Düstere Momente wie der tote Schwan im ersten Akt des Parsifal und Brünnhildes Grübeln im zweiten Akt der Walküre sind zu erahnen. Colin Balzer gestaltet dieses Stück mustergültig, die Stimme ist nie zu eng geführt und verfügt über die nötigen Höhen und Tiefen, um den Kompositionen gerecht zu werden. Sehr anspruchsvoll ist die Kontrolle der Stimme bei der Fermate auf „und das Land, die Rast noch so weit, so weit“. Deutlich üppiger ist die „Wasserfahrt“ (Opus 6,6) nach einem Text von Heinrich Heine, die auch von Mendelssohn vertont wurde.

„Hast du von den Fischerkindern das alte Märchen vernommen?“ von Wolfgang Müller von Königswinter lieferte den Text für Opus 7,1. Aus einer düsteren Grundstimmung entwickelt sich am Schluss ein mächtiger Ausbruch. Hier wie fast durchgehend schreibt Pfitzner gemächliche, oft langsame, mitunter stockende Tempi vor. Ganz anders ist der rasend schnell vorgetragene „Nachtwanderer“ nach Joseph von Eichendorff, der hörbar Schuberts Erlkönig-Komposition nachempfunden ist. Ein im Bass atemlos vorwärtstreibendes Klavier, das Motiv des Unheimlichen und des bedrohten Kindes sind deutlich. Das buchstäbliche Hämmern auf der Basslinie gibt es auch bei Ludwig van Beethoven (Sonate Nr. 1 Opus 2 sowie die „Appassionata“ Opus 57, beide in f-Moll). Dieses Gedicht wurde auch von Erich Wolfgang Korngold vertont. Zu Opus 7,4 („Lockung“, ebenfalls nach Eichendorff) gibt es ebenfalls eine weitere Vertonung, diesmal von Fanny Hensel. Pfitzner lässt vier Takte mit Gesang und fast nur Stützakkorden im Klavier mit zwei Takten Piano solo mit Verzierungen alternieren. Es folgen im Bass des Klaviers Arpeggien und im oberen Register spannende Harmoniewechsel, die den Gesang begleiten. Hier und auch in Opus 7,5 begleitet Klaus Simon am Klavier sehr orchestral, passend zur Stimmung des Liedes fast opernhaft.

Aus den Fünf Liedern für eine Singstimme und Klavier Opus 11 von 1901 ist auf dieser CD nur Eichendorffs recht bekannte „Studentenfahrt“ Opus 11,3 vertreten. Die musikalischen Stimmungen wechseln sehr stark, Pfitzner löst sich hier hörbar von seinen Vorläufern. Das „Herbstbild“ nach Friedrich Hebbel Opus 21,1 von 1907 markiert einen deutlichen Wandel in den kompositorischen Mitteln. Der Beginn („Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah“) ist sehr dissonant, erst gegen Ende beruhigt sich die harmonische Situation. In Opus 21,2 gibt es einen dissonanten und recht hohen Schlusston, der wieder einen sicheren Sänger erfordert. Petrarcas Sonett 92 liefert den Text für Opus 24,3. Die unterschiedlich langen Phrasen und die polyphone Struktur, vor allem das Zwischenspiel weisen auf den 1915 vollendeten Palestrina voraus.

Aus den Fünf Liedern Opus 26 von 1916 findet sich Opus 26,3 („Neue Liebe“ von Joseph von Eichendorff) mit vielen Wechseln in den Klangfarben. In der zweiten und vierten Strophe hämmert das Pedal etwas (ebenfalls im „Kuckuckslied“ WoO 6) – dies ist aber die einzige Kritik, die am sonst prachtvoll ausgeleuchteten Klavierpart zu äußern ist. Im „Mailied“ (nach Goethe) Opus 26,5 klingt Walther von Stolzings Preislied aus den Meistersingern von Nürnberg an.

Heinrich Heine Paris © IOCO

Heinrich Heine Paris © IOCO

Die abschließenden Stücke aus dem Frühwerk zeigen abermals die große Bandbreite der kompositorischen Mittel, über die Pfitzner bereits als junger Mann verfügte. „Naturfreiheit“ WoO 9,3 nach Ludwig Uhland baut sehr langsame, düstere Stützakkorde auf bei zunächst langsamem Gesang, der sich bei der dritten (von sechs) Strophen dann deutlich belebt. Die „Kuriose Geschichte“ von Robert Reinick WoO 9,6 hingegen ist volksliedhaft gehalten. Dreimal zwei kurze Strophen bilden eine Struktur, der leicht zu folgen ist, wobei musikalisch immer wieder variiert wird. Das „Kuckuckslied“ WoO 6 von 1885 wurde erst ein Jahrhundert später erstmalig vollständig herausgegeben und fehlt im 1998 durch Richard Mercier publizierten Katalog der Lieder. Die fallende Kuckucksterz steht für einen fröhlichen Beginn. Als es im Lied um Menschenkinder geht, düstert sich die Stimmung auf einmal drastisch ein. In diesem Lied ist ausnahmsweise ein hoher Ton der Gesangsstimme nicht optimal aufgenommen (er reißt etwas ab). Die CD endet mit „Ein Fichtenbaum steht einsam“ WoO 12 nach Heinrich Heine. Einmal mehr ist das Klavier sehr düster gehalten, die Stimme bewegt sich in einer recht hohen Lage und steuert auf Dissonanzen mit der Begleitung zu – ein Vorgehen, wie es in dieser Zusammenstellung mehrmals zu erleben ist.

Im Jahr 2019 Werke von Hans Pfitzner publizieren – kein ganz einfaches Unterfangen, wie man an der Absage eines Konzertes in diesem doppelten Jubiläumsjahr sehen kann. Seltene, aus politischen Gründen oft umstrittene Aufführungen, aus dem Repertoire inzwischen fast verschwundene Werke – und doch lohnt sich die Auseinandersetzung auf jeden Fall. Pfitzner hat eine ganz eigene Klangsprache, die ihn manchmal moderner sein lässt als sein Zeitgenosse Strauss. Das Unterfangen, das Gesamtcorpus der Lieder in einer aktuellen Aufnahme zu präsentieren, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Bei der vorliegenden CD kommt hinzu, dass Colin Balzer und Klaus Simon der anspruchsvollen Aufgabe voll und ganz gerecht werden und somit Werbung für die (Wieder-)Entdeckung eines bereits zu Lebzeiten oft angegriffenen und manchmal auch diffamierten Komponisten machen. Der ausgesprochen preiswerten Aufnahme ist eine breite Rezeption, dem Gesamtunternehmen weiter gutes Gelingen zu wünschen. Pfitzners Musik ist anspruchsvoll, sie verknüpft viele Fäden der Tradition und spinnt sie auf ganz eigene Art weiter. Möge sie häufiger zu hören sein!

—| IOCO CD-Rezension |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 20.08.2019

August 20, 2019 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner

„Lass den Tag dem Tode weichen!“

von  Julian Führer

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die Handlung ist schnell erzählt: Isolde und Tristan lieben sich, ihre Liebe wird entdeckt, sie widerspricht den Konventionen der Gesellschaft, beide sterben. Um Richard Wagners „Handlung in drei Aufzügen“ ranken sich Geschichten und Legenden. Aus Wagners Biographie heraus wurde das Liebespaar Tristan und Isolde mit Wagner selbst und Mathilde Wesendonck in Bezug gesetzt. Die Inszenierung von Claus Guth in Zürich (2008) und Düsseldorf (2010) war ganz diesem biographischen Ansatz verpflichtet. Andere wiederum betonen den musikgeschichtlichen Quantensprung, den die Partitur des Tristan darstelle; das Ausbrechen aus der bis dahin auch bei Wagner vorherrschenden harmonischen Struktur und die stark von Chromatik geprägte ganz neue Klangsprache. Ein dritter wesentlicher Aspekt der Tristan-Rezeption ist der ‚mörderische‘ Charakter der Partitur. Die Uraufführung des 1859 vollendeten Werkes war für 1862/1863 in Wien geplant, wurde jedoch nach über 70 Proben abgesagt; der Tristan der schließlich 1865 in München erfolgten Uraufführung, Ludwig Schnorr von Carolsfeld, starb wenige Wochen nach der Uraufführung mit nur 29 Jahren. Die Dirigenten Felix Mottl und Joseph Keilberth brachen während Tristan-Vorstellungen am Pult zusammen und starben.

 Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : Stephen Gould als Tristan und Petra Lang als Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde – hier : Stephen Gould als Tristan und Petra Lang als Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Tristan und Isolde – 2015 von Katharina Wagner inszeniert

Die Bayreuther Inszenierung von Katharina Wagner, die 2015 Premiere hatte und 2019 zum letzten Mal gezeigt wird, spitzt die Vorlage ihres Urgroßvaters noch einmal zu. Im ersten Aufzug ist ein Treppenlabyrinth zu sehen (Bühne: Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert). Als der Vorhang sich öffnet, drängen Tristan (Stephen Gould) und Isolde (Petra Lang) bereits einander entgegen, mühsam von ihren jeweiligen Vertrauten Kurwenal (Greer Grimsley, am besuchten Abend mit einigen Intonationsproblemen) und Brangäne (souverän und ebenso stimmlich wie darstellerisch überzeugend: Christa Mayer) gehindert. Die Liebe der beiden Protagonisten zueinander wird bei Richard Wagner an die Einnahme eines Liebestranks gebunden, doch wusste bereits Thomas Mann, dass dieser Liebestrank nur der Sichtbarmachung einer längst bestehenden Beziehung gilt. Wer den Text genau liest – und das hat Katharina Wagner zweifellos getan –, kann nicht über Isoldes mehrfache Bekenntnisse ihrer Liebe zu Tristan hinweggehen, bevor der Liebestrank ins Spiel kommt. Tristan seinerseits ist im ersten Akt deutlich weniger von einem Willen getrieben als die nach Liebe und Rache dürstende Isolde. Tristan ist auch in der Vorlage merkwürdig passiv und in jedem Akt bereit, sein Leben von Isolde oder König Markes Gefolgsmann Melot beenden zu lassen.

Isolde fordert Rache für einen von ihr so empfundenen Verrat Tristans. Sie war mit dem Iren Morold verlobt gewesen, der im Kampf gegen Kornwall umgekommen ist. Aus Mitleid pflegt sie einen Krieger, von dem sie erst später bemerkt, dass er es war, der ihren Verlobten erschlug. Um Rache zu nehmen, erhebt sie die Waffe gegen den Verwundeten, ihre Blicke treffen sich, und sie ist unfähig, ihn zu töten. Der wieder gesund gepflegte Tristan erscheint nun einige Zeit später in Irland und will Isolde seinem Herrn König Marke als Braut zuführen. Isolde ist sprachlos ob des Verrats Tristans; gleichzeitig weiß sie, dass sie Marke wird heiraten müssen, wenn sie ihr Leben nicht beendet. Die Konsequenz ist für die im ersten Akt immer wieder vor Wut und Leidenschaft schäumende Isolde die Einnahme eines Todestranks und ein gemeinsames Gehen in den Tod mit dem geliebt-gehassten Tristan.

 Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : Stephen Gould als Tristan, Isolde, Melot, Brangäne, König Marke © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde – hier : Stephen Gould als Tristan, Isolde, Melot, Brangäne, König Marke © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Das Vorspiel zum ersten Aufzug wird vom Orchester unter Christian Thielemann erst sehr leise (im Auftakt zu leise), dann zunehmend dramatisch genommen. Das Orchester drängt chromatisch vorwärts, doch wird der berühmte Tristan-Akkord keiner Auflösung zugeführt – dies geschieht erst am Ende des dritten Aktes.

Während langer Zeit (im Zwiegespräch zwischen Isolde und Brangäne wird hier die Vorgeschichte erzählt) versuchen Brangäne und Kurwenal in dieser Inszenierung eine direkte Begegnung der beiden Hauptfiguren zu verhindern; Kurwenal blockiert hierfür auch Wege im Treppenlabyrinth, während Isolde durch das Zerreißen ihres Brautschleiers keinen Zweifel daran lässt, dass sie die Eheschließung mit König Marke nicht geschehen lassen wird. Hochfahrend in ihrer Art, ironisiert sie in Petra Langs Interpretation stimmlich die Aussagen Brangänes und Tristans. In einem entscheidenden Moment macht sich Isolde ein fahrbares Element des Bühnenbildes zunutze, um sich von den Vertrauten zu lösen und auf Tristans Ebene zu fahren. Im Text passt das zu Brangänes erschrockener Frage „Was sinnst du? Wolltest du fliehn?“ Isolde tritt Tristan mit dem Todestrank (nicht dem Liebestrank!) gegenüber und fordert ihn auf, sich ihr zu stellen. Zum langen Orchesterzwischenspiel, das die erste direkte Begegnung der beiden Personen in diesem Stück illustriert, küsst Isolde Tristan – exakt zur Regieanweisung „Isolde ist mit furchtbarer Aufregung in seinen Anblick versunken“. Tristans erste Worte „Begehrt, Herrin, was ihr wünscht“ werden von Isolde mit „Wüsstest du nicht, was ich begehre, da doch die Furcht, mir’s zu erfüllen, fern meinem Blick dich hielt?“ erwidert – im Kontext von Bühnenbild und Inszenierung schlüssig. In kaum verklausulierten Worten gesteht sie Tristan ihre Liebe und äußert ihre Forderung, gemeinsam Sühne zu trinken: „Was hast du mir zu sagen?“ Tristan weicht Isolde aus, willigt aber in die gemeinsame Einnahme des Tranks ein. Bei Wagner vertauscht Brangäne den Todestrank gegen den Liebestrank und löst damit die weitere dramatische Entwicklung aus; in der aktuellen Bayreuther Deutung hält Isolde tatsächlich den Todestrank in Händen, da die Verbindung zu den auf dem Bühnenboden verbleibenden Vertrauten unterbrochen ist.

Die folgende Szene ist optisch bezwingend gelöst: Die lange Orchesterpassage, die die Einnahme und das Wirken des Liebestranks illustriert, wird hier dahingehend zugespitzt, dass sich Tristan und Isolde jeweils den tödlichen Trank reichen, aber niemand zuerst trinken will. Parallel zum Kulminationspunkt des Orchesters verschütten beide Hand in Hand den Todestrank: Sie wollen sterben, gemeinsam, aber nicht in diesem Augenblick. Gemeinsam zerfetzen sie die Reste von Isoldes Brautschleier und reagieren nicht mehr auf die Warnungen der Vertrauten. Stephen Gould verkörpert einen zumindest stimmlich sehr kraftvollen Tristan, der mühelos die tosenden Wogen des Orchesters übertrifft, während diese Figur in ihren Bewegungen unsicher wirkt und der vorantreibenden Isolde nicht gewachsen ist.

 Riccardo Wagner _ hier eine Gedenktafel in Venedig © IOCO

Riccardo Wagner _ eine Gedenktafel in Venedig © IOCO

Das Vorspiel zum zweiten Aufzug ist sehr dramatisch bewegt; in Kornwall bei König Marke angekommen, wird eine nächtliche Jagdgesellschaft veranstaltet, die Tristan heimlich verlassen will, um Isolde zu treffen. Bei Katharina Wagner spielt die Lichtregie von Reinhard Traub eine bedeutende Rolle. Isolde und Brangäne befinden sich in einer Art Gefängnishof, der mit Folterinstrumenten zugestellt ist und von Suchscheinwerfern ausgeleuchtet wird. Hinter den Suchscheinwerfern erkennt man König Marke und seine Leute. In der Partitur Richard Wagners ist von dem Licht die Rede, das Isolde löschen soll, um Tristan das Zeichen zu geben, dass er ungefährdet kommen kann; in der aktuellen Bayreuther Deutung wird das Licht von den Suchscheinwerfern verkörpert. Isolde ist sich vollkommen klar darüber, dass sie beobachtet wird. Wie im ersten Akt sind die Vertrauten im gleichen Raum anwesend; bei Tristans Auftritt, zu dem sich das Orchester und die Gesangstimmen buchstäblich überschlagen, bemühen sich Kurwenal und Brangäne, angesichts von Markes Scheinwerfern das Liebespaar zu trennen, doch vergeblich. Ein langer Dialog thematisiert immer wieder das Licht, das als feindlich wahrgenommen wird, und zelebriert die Nacht als Gegenwelt. Licht und Tag werden Marke zugeordnet, Dunkelheit und Nacht hingegen dem Liebespaar, das sich unter einer Plane Markes Blicken mehr schlecht als recht entzieht und mit Plastikleuchtsternen die Illusion einer ungestörten Liebesnacht herbeiphantasiert. Dass diese eine Liebesnacht nur im Tod münden kann, ist beiden klar, nur sieht man dies selten so deutlich wie in dieser Umsetzung.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : vl Isolde, Brangäne (Christa Mayer), Kurwenal (Greer Grimsley) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde – hier : vl Isolde, Brangäne (Christa Mayer), Kurwenal (Greer Grimsley) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Das Orchester beruhigt sich zunehmend. Tristan und Isolde singen jetzt gemeinsam „O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib Vergessen, dass ich lebe, nimm mich auf in deinen Schoß, löse von der Welt mich los“ – ihre Liebe ist ausweglos, der einzige Ausweg ist der gemeinsame Tod, es kann nur noch um den Weg dorthin gehen. Tristan und Isolde stehen nun mit dem Rücken zum Publikum; in einer raffinierten Projektion scheinen sie als Figuren in eine andere Welt hinüberzugleiten wie Cocteaus Orphée, der durch Spiegel in die Welt des Todes hinübergehen konnte. Die Phrase „Nie-wieder-Erwachens wahnlos hold bewusster Wunsch“ markiert dieses endgültige Hinübergleiten in eine Welt ohne äußerliche Bedrohung. Obwohl die Stimmen nach hinten singen, kommen sie im Publikum perfekt dosiert an – sicherlich ein großer Probenaufwand.

Was das Orchester unter Christian Thielemann hier leistet, ist kaum in Worte zu fassen: Bratschen und Celli zart, fast pointillistisch wie in einem Werk des Impressionismus, leise, doch stets präsent, dabei in einem nie unterbrochenen Legato und immer fließend. Brangänes Ruf ist allein schon ein Meisterwerk der Instrumentationskunst: zwei erste Violinen spielen eine Stimme, zwei weitere erste Violinen eine zweite Stimme, je zwei zweite Violinen haben ebenfalls eine Stimme, dazu begleitet die Hälfte der ersten und zweiten Violinen, während die Bratschen geteilt sind und deren erste Hälfte eine Art Waldweben spielt – dies alles in einem Dreivierteltakt, der kaum wahrnehmbar ist. Das eigentliche Klangwunder des Bayreuther Festspielhauses besteht darin, dass von den Orchesterstimmen jede einzelne Note genau hörbar ist, während der begleitende ‚Teppich‘ die Stimmen umspielt. Dies gelingt aber nur mit dem richtigen Dirigenten.

Wenn Isolde alleine singt, betont sie die Liebe; wenn Tristan alleine singt, betont er den Tod. Von ihm geht auch die Phrase aus „So starben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End‘, ohn‘ Erwachen, ohn‘ Erbangen, namenlos in Lieb‘ umfangen, ganz uns selbst gegeben, der Liebe zur zu leben“. Auf der Bühne herrscht zunehmende Todessehnsucht, durch Brangänes Warnung aus der Ferne, die Nacht neige sich dem Ende zu, noch verstärkt. Isolde singt „Lass den Tag dem Tode weichen! … Ewig währ‘ uns die Nacht!“: Das Paar versucht sich die Pulsadern aufzuschlitzen, während das Orchester zunehmend unruhig wird, von Christian Thielemann immer weiter angetrieben. Tristan und Isolde knüpfen sich zwei Schlingen, und zu den Worten „ewig, endlos höchste Liebeslust!“ lassen sie sich in die Schlingen fallen, als zu einem ungemein dissonanten Akkord des gesamten Orchesters König Marke und seine Mannen auftreten und den gemeinsamen Tod des Paares unmöglich machen.

Tristan kommentiert das Auftreten seines Herrn einzig mit „Der öde Tag zum letzten Mal!“. Der folgende Monolog König Markes (vom Orchester sparsam, aber mit sehr weicher Bassklarinette begleitet) ist eine Anklage an Tristans Adresse, aber auch Ausdruck von Verzweiflung und Selbstanklage. Georg Zeppenfeld ist ein jugendlicher Marke mit balsamischer Stimme, die in allen Lagen perfekt zur Rolle passt. Marke, der auf Melots Betreiben Tristan ausspioniert hat, verliert in Tristan seinen treuesten Gefolgsmann, in Isolde, die ihn sichtlich nicht will, die Braut, und durch sein Verhalten die Ehre. Christian Thielemann lässt die Bratschen und Celli gemäß der Partitur in einem das Festspielhaus vibrieren lassenden Fortissimo tremolieren, als Marke sich seiner Situation bewusst wird: „Die kein Himmel erlöst, warum mir diese Hölle?“ Er erhält keine Antwort, Tristan spricht nur mit Isolde, die ihrerseits im gesamten Stück nie ein Wort zu Marke spricht. Die Liebenden haben mit der Welt des Tages nichts mehr zu tun. Tristan, von Melot mit einer Augenbinde versehen, erwartet in jedem Augenblick den Tod. Marke packt Isolde und zerrt sie mit sich fort, dabei drückt er Melot, Tristans Freund, das Messer für den tödlichen Streich in die Hand. Tristan, der nichts sehen kann, spricht noch zu Isolde, die längst nicht mehr auf der Bühne ist, und wird dann von Melot niedergestreckt. Ein starkes Bild.

Im dritten Aufzug ist die Bühne zunächst praktisch leer. Rechts am Rand liegt der bewusstlose Tristan, umgeben von Kurwenal und einigen Getreuen mit Grablichtern. Das Vorspiel nimmt Christian Thielemann gemäß der Partituranweisung im Forte (und nicht im Fortissimo wie manche andere) Scheinbar endlos in die Höhe steigende Terzen und traurige Figuren in Streichern und Holz münden in ein mehrminütiges Englischhornsolo, das perfekt ausgeführt war und nur durch die Huster des Publikums gestört wurde. Es folgt ein fast 45-minütiger Monolog Tristans, nur selten durch einen Einwurf Kurwenals unterbrochen. Tristan hat erhebliche Mühe zu begreifen, wo er sich eigentlich befindet, fragt dann nach Isolde – als Kurwenal ihm eröffnet, dass Isolde unterwegs zu ihm ist, brechen bei ihm alle Dämme.

Tristan und Isolde – Christian Thielemann – hier 2016 im Interview – Gedanken zu Bayreuth, Tristan und mehr
youtube Trailer von BR Classic
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Orchester peitscht hoch, Stephen Gould wächst über sich selbst hinaus. Sicher ist diese Partie ‚mörderisch‘, allerdings hatte Wagner selbst im zweiten und dritten Aufzug Striche von insgesamt fast 170 Takten gesetzt, die allerdings bis heute meist gespielt werden, weil der Uraufführungs-Tristan Schnorr von Carolsfeld darauf bestand, die gesamte Partie ohne Striche zu singen. Stephen Gould scheint über unbegrenzte Kräfte zu verfügen. Dieser Ausnahmesänger, der in dieser Festspielsaison auch noch alle Vorstellungen des Tannhäuser singt, hat aber nicht nur Kraft, sondern auch die Möglichkeit, seine Stimme zu verändern; nur selten stemmt er die Töne, meist phrasiert er in nachvollziehbarer Weise. Dass im dritten Akt des Tristan kein Belcanto gefragt ist, versteht sich von selbst. Hier fiebert ein tödlich Verwundeter im Todesrausch, und so hört es sich auch an, während Christian Thielemann im Graben jedes Kammerflimmern und jeden Fieberschub hör- und erfahrbar macht. Auf der Bühne sieht man immer wieder Isolde in einer Art dreieckigem Zelt, doch sind diese Isolden mal kopflos, mal brechen sie auseinander, mal fallen sie von weit oben auf die Bühne und verschwinden ebenso abrupt im Dunkel, wie sie aufgetreten sind. Dieser Kniff der Regie ist eigentlich eher simpel, aber auch sehr wirkungsvoll. Als Isolde endgültig zu kommen scheint, sieht Tristan im Wahn (und mit ihm das Publikum) mehrere Isolden gleichzeitig.

Die nächste Szene wird von Katharina Wagner eher klassisch inszeniert: Tristan stirbt tatsächlich bei Isoldes Ankunft. Bald treten König Marke und Melot in Begleitung Brangänes auf, Melot und Kurwenal sterben gewaltsam. Isolde nimmt Marke nicht wahr und hört auch Brangäne nicht zu. Die Regie geht hier über die Worte Markes hinweg, der eigentlich von Brangäne über den Liebestrank in Kenntnis gesetzt worden ist und sein verzeihendes Bedauern äußert. Es bleibt der berühmte „Liebestod“. Isolde steigert sich in eine weltvergessene Verfassung hinein und „sinkt, wie verklärt, in Brangänes Armen sanft auf Tristans Leiche“, so jedenfalls die Regieanweisung. Petra Lang singt diese Passage eher zurückhaltend, aber nicht aus stimmlicher Erschöpfung heraus. Sie hält ihren toten Tristan im Arm und singt, vom fast durchgehend sehr leise und zart spielenden Orchester begleitet, bis zu ihrem letzten Ton. Als das Sehnsuchtsmotiv zum letzten Mal ertönt, packt Marke seine Braut Isolde und zerrt sie mit sich fort – wie schon zum Schluss des zweiten Aktes. Das Ende der Nacht bedeutet für beide den Tod: für Tristan als Ende der physischen Existenz, für Isolde das Ende der Liebe und ein Leben an der Seite eines ungeliebten und durchaus herrisch-brutalen Mannes, gleichsam ein emotionaler Tod. Fassungslos blickt Brangäne ihrer Herrin nach und schaut dann auf Tristans Leiche, während Christian Thielemann im Orchester den Schlussakkord formt, lange ausgehalten und im zweiten H-Dur-Akkord mit starker Grundierung in den tiefen Streichern.

Allein dieser Schlussakkord hätte den Besuch gelohnt. Die Inszenierung, die oft als düster kritisiert wurde, hat ein Konzept und eine bis zum Ende durchgehaltene Charakterisierung der Personen, sie stellt eine teilweise Neudeutung zur Diskussion und liefert damit mehr als manch andere Bayreuther Inszenierung des letzten Jahrzehnts. Für Christa Mayer, Georg Zeppenfeld, Petra Lang und Stephen Gould gab es viele Ovationen und Bravos, für Christian Thielemann kannte der Jubel des Publikums keine Grenzen.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung