Baden-Baden, Osterfestspiele, Prof. Thomas Leyendecker im Interview, IOCO Interview, 26.04.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Professor Thomas Leyendecker, Posaunist – Berliner Philharmoniker

Im Gespräch mit IOCO – Korrespondentin Uschi Reifenberg

Thomas Leyendecker wurde 1980 in Adenau geboren. Während seiner Schulzeit in Trier, erhielt er seinen ersten Posaunenunterricht bei Hartmut Karmeier, dem Bassposaunisten des Trierer Stadttheaters. Während seiner Schulzeit sammelte Thomas Leyendecker erste Erfahrung in zahlreichen Jugendorchestern wie dem Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz, dem Landesjazzorchester RLP, dem Bundesjugendorchester und dem Bundesjazzorchester unter Peter Herbolzheimer, war aber auch schon frühzeitig mit Kammermusik und instrumentaler Jugendausbildung befasst.

Prof. Thomas Leyendecker © Prof. Thomas Leyendecker

Prof. Thomas Leyendecker © Prof. Thomas Leyendecker

1998 wurde Leyendecker Jungstudent bei Prof. Henning Wiegräbe an der Musikhochschule des Saarlandes; hier begann er 2000 nach dem Abitur auch sein Hauptstudium, welches er 2006 bei Prof. Wiegräbe an der Hochschule für Musik und Theater Stuttgart mit Auszeichnung abschloss. Im Folgenden studierte er noch Alte Musik bei Prof. Charles Toet an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen.

Auf sein erstes befristetes Engagement bei den Duisburger Philharmonikern/ Deutsche Oper am Rhein folgte ein Stipendium von der Orchesterakademie des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in München. Nach seiner vertiefenden Ausbildung dort, trat er eine Stelle im Hessischen Staatstheater Darmstadt an und wurde kurz darauf, im Oktober 2005 bei den Berliner Philharmonikern verpflichtet.  Thomas Leyendecker war zunächst Dozent an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin und erhielt 2012 einen Ruf als Professor an die Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ Leipzig.

Neben seinen Verpflichtungen bei den Berliner Philharmoniker und als Professor ist Leyendecker weiterhin in der Jugendarbeit der Berliner Philharmoniker engagiert und spielt in verschieden Kammermusikformationen, wie dem Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker, dem Philharmonia Consort Berlin und dem Blechbläserquintett Costum Tomaculum.

IOCO: Herr Professor Leyendecker, Sie sind nun schon das siebte Jahr hier in Baden-Baden bei den Osterfestspielen, also sozusagen „von Anfang an“ mit dabei, wie fühlt sich das an?

Professor Thomas Leyendecker © Uschi Reifenberg

Professor Thomas Leyendecker © Uschi Reifenberg

T.L.: Wir haben uns hier nun schon ausgiebig eingelebt, alles ist sehr vertraut, man kennt mittlerweile auch die wichtigsten „Locations“ für die Kammermusikbesetzungen oder die Meisterkonzerte. Man kann präzise planen, beispielsweise welche Spielstätten sich für unsere unterschiedlichen Formationen und Konzertprogramme am besten eignen. Alles in allem läuft es hier mittlerweile sehr routiniert ab. Deshalb freuen wir uns auch sehr auf nächstes Jahr, wenn wir uns zum ersten Mal mit unserem neuen Chefdirigenten, Kirill Petrenko, hier in Baden-Baden präsentieren dürfen, bisher ist er hier ja nur als Gast mit uns aufgetreten. Herr Petrenko wird nächstes Jahr bei den Osterfestspielen auch erstmals eine Oper mit uns leiten.

IOCO Das wird – wie schon bekannt ist – passend zum Beethoven Jahr 2020 die Oper Fidelio sein.

T.L.: Ja, und auch das thematische Rahmenprogramm rund um Fidelio wird Kirill Petrenko leiten, ebenso die Kammeroper, die wir dann auch in Berlin spielen. Natürlich wird es nächstes Jahr wieder eine Kinderoper geben, die hier immer sehr gefragt ist.

Das ist das Besondere an Baden-Baden, dass es jedes Jahr ein bestimmtes Motto gibt, ausgehend von der jeweiligen Neuinszenierung der Oper, auf welche unsere Meisterkonzerte und daneben auch die Kinderoper Bezug nimmt. Das ist auch für die Festspielgäste, die sich einige Tage hier aufhalten sehr spannend, nämlich neben Oper und Kammeroper auch die vielfältigen Veranstaltungen besuchen zu können, um das jeweilige Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und es zu vertiefen.

IOCO: Gab es eigentlich auch schon zu früheren Zeiten bei den Salzburger Festspielen diese Vielfalt an flankierenden Veranstaltungen wie die Meisterkonzerte, oder hat sich das erst hier in Baden-Baden entwickelt?

T.L.: Das ist natürlich schon lange her, aber Kammerkonzerte gab es in ähnlicher Form auch schon in Salzburg, aber so ein aufwendiges Education Programm wie hier bei den Osterfestspielen gab es nicht. In Salzburg haben wir z.B. „ Kofferkonzerte“ gespielt, in diesem Zusammenhang kann ich mich an ein sehr schönes Projekt in einem Flüchtlingsheim erinnern.


„Der Sängerkrieg der Heidehasen“ – Mitglieder der Berliner Philharmoniker
youtube Trailer der Berliner Philharmoniker
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IOCO: Herr Leyendecker, worauf freuen Sie sich bei der zukünftigen Zusammenarbeit mit ihrem neuen Chefdirigenten am meisten?

T.L.: Natürlich ist nach der langen Zeit mit Sir Simon Rattle, ich glaube, es waren insgesamt 16 Jahre, ein Neuanfang sehr aufregend. Sir Simon ist ein wunderbarer Mensch und wir hatten eine interessante und unglaublich produktive Zeit. Wir haben viel gelernt und hochinteressante Projekte realisieren können, aber wie gesagt, ein Neuanfang ist selbstverständlich auch immer ein Einschnitt und wir sind sehr gespannt, wie sich die kontinuierliche Arbeit mit Kirill Petrenko dann weiter gestalten wird.

Zum Beispiel war die Saison-Eröffnungsreise im letzten Jahr mit Herrn Petrenko eine tolle Erfahrung und es hat viel Lust gemacht, nicht nur mit ihm unterwegs zu sein, sondern auch, mit  ihm neue Gebiete in programmatischer Hinsicht zu erschließen. Die Schwerpunkte werden jedenfalls in einem anderen Bereich liegen.

Sehr viel Freude gemacht hat auch die Sinfonie von Franz Schmidt, ein eher unbekannter Komponist, die aber ganz hervorragend aufgenommen wurde, vor allem bei den „Proms“ in London. Außerdem haben wir verschiedene Tschaikowskys Sinfonien mit Herrn Petrenko erarbeitet, heuer hier in Baden-Baden die 5. Sinfonie, die ein herausragender Erfolg wurde, ich kann seine Tschaikowsky Interpretationen wirklich wärmstens empfehlen! Wir freuen uns sehr, diese neuen “Produkte“ bald präsentieren zu können.

IOCO: Sie erwähnten eine verändere Schwerpunktsetzung. Können Sie diese präzisieren?

T.L.: Herr Petrenko möchte sich unter anderem mehr der historischen Aufführungspraxis zuwenden, aber auch weniger bekannte „Romantiker“ werden auf dem Programm stehen wie der oben schon erwähnte Franz Schmidt, aber auch Josef Suk oder Hans Rott, die ebenfalls eher unbekannt sind.

Im Focus stehen wird auf jeden Fall weiterhin der Musikvermittlungsbereich, der Herrn Petrenko sehr am Herzen liegt, aber welche Formate angedacht sind, ist noch nicht ganz geklärt, er möchte sich wohl auch persönlich stark einbringen. Beispielsweise in Form von Matineen, die er selbst gestaltet und moderiert, auch hautnah im Dialog mit dem Publikum, ähnlich wie Leonard Bernstein ab Ende der 50-er Jahre seine „Young People‘s Concerts“ konzipiert hatte.   Ich denke, das Publikum darf sich auf diese neue Ära freuen!

IOCO: Das glaube ich auch ! Herr Leyendecker, wir danken Ihnen für dieses informative Gespräch.

Das Gespräch wurde am 19.4.2019 in Baden-Baden geführt.

—| IOCO Interview |—

Mannheim, Johanniskirche, Wünschewagen – Sinfonisches Blasorchester, IOCO Kritik, 18.04.2018

Johanniskirche Mannheim © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim

Der Wünschewagen  – Sinfonisches Blasorchester Mannhein

Musik im Spannungsfeld von Leben und Leid

Von Uschi Reifenberg

Zu einem Benefizkonzert zugunsten des neu gegründeten Mannheimer „Wünschewagens“ des Arbeiter und Samariterbundes, hatte das Sinfonische Blasorchester Mannheim zu einem Konzert in die Mannheimer Johanniskirche geladen.

Der Wünschewagen soll – wie der Name schon sagt- Sterbenden letzte Wünsche  erfüllen. Einmal noch das Meer sehen, weiter entfernte liebe Menschen ein letztes Mal in die Arme schließen oder noch einmal ein Konzert erleben. Für sterbenskranke Menschen sind diese einfachen und bescheidenen Dinge oft letzte Herzensangelegenheiten, die unerfüllt bleiben.  Genau hier möchte der Wünschewagen ansetzen und kostenfrei diese Wünsche erfüllen

Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim © Uschi Reifenberg

Das Sinfonische Blasorchester Mannheim, eines der beiden Grossen Ensembles und Aushängeschild der Mannheimer Musikschule, zählt ca 60 Mitglieder und setzt sich zusammen aus Schülern, Studenten, Amateuren und Profimusikern. Das Orchester und sein Leiter haben sich zum Ziel gesetzt, hochwertige Originalliteratur für Blasorchester sämtlicher Epochen und Kulturkreise zur Aufführung zu bringen. Konzertreisen führten das SBO durch ganz Deutschland, Rom, Luxemburg, Prag, Sneek (Holland). Weitere Höhepunkte waren die europäische Erstaufführung des 2. Klavierkonzerts von David Maslanka, sowie die Uraufführung mit anschließender CD Produktion des Concertino für Bassposaune und Blasorchester von Fabian Schmidt mit dem Posaunisten Prof. Thomas Leyendecker, Berliner Philharmoniker. Gründer und Leiter des Klangkörpers ist seit 2005 Tobias Mahl, einer der versiertesten Dirigenten in seinem Fach. Konzerte und Gastspiele führten ihn u.a. durch ganz Europa sowie mehrfach in die USA, zuletzt mit der United States Air Force Band.

Das Motto des Abends in der Johanniskirche lautete: Ost-West-Musik im Spannungsfeld – Gegensätze und Gemeinsamkeiten. Die erste Programmhälfte war Komponisten aus Russland und Japan gewidmet, die zweite Hälfte enthielt ausschließlich Werke aus den USA. Interessant ist auch die Tatsache, dass alle Kompositionen – mit Ausnahme von Schostakowitsch- während des Kalten Krieges entstanden sind. Tobias Mahl führte in charmanter und humorvoller Weise durch das Programm und würzte- zur Freude des Publikums- seine Moderation mit einigen amüsanten Anekdoten aus seinen reichen Konzerterfahrungen.

Mit Dmitri Schostakowitschs Volkstänzen – Satz einer Suite aus Das Vaterland,  startete das Orchester schwungvoll in die erste Programmhälfte und präsentierte sogleich die ganze Bandbreite seiner excellenten Klangkultur. Mit überbordender Spielfreude und tänzerischer Leichtigkeit setzte Tobias Mahl ganz auf Transparenz und Klarheit.

Die 3. Sinfonie des Komponisten Boris Kozhevnikov, die Slawische führt mit vier Sätzen durch Höhen und Tiefen der russischen Seele und kann als eine der anspruchsvollsten Werke für Sinfonisches Blasorchester bezeichnet werden. Die melancholische Grundstimmung manifestierte sich in jedem der Sätze. Weiche Holzbläser-Schattierungen wurden flirrenden Piccoloflötensoli entgegengesetzt, homogene Register- und Tempowechsel unterstrichen die Lebendigkeit und Vielseitigkeit der Komposition. Kleine Unsauberkeiten im tiefen Blech (Tuba, Euphonien) taten der überzeugenden Interpretation keinen nennenswerten Abbruch.

 Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim und Tobias Mahl © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim und Tobias Mahl © Uschi Reifenberg

Der japanische Komponist Bin Kaneda verarbeitete in seiner 3-sätzigen Suite in jedem Satz ein japanisches Kinderlied. Im ersten Satz begleitete das Schlagwerk die melodische Linienführung des Blechs, den 2. Satz eröffnete ein wunderschönes Flötensolo, das vom gesamten Holzregister weitergeführt wurde, im 3. Satz stand -typisch japanisch-  pentatonische Melodik im Vordergrund. Nach der Pause wurde man in die Welt der US-amerikanischen Klangsprache des 20. Jahrhunderts entführt. Dafür eignete sich Robert Jagers  Sinfonia nobilissima, in bester Weise. Ganz besondere Affinität zeigte Tobias Mahl für diese spezielle Idiomatik der amerikanischen Tonsprache. Effektvoll witzige Passagen und weit geschwungene, typisch pathetische Melodik gipfelten in einer effektvollen Steigerung.

Claude Thomas SmithsSymphony Nr. 1 for Band atmete in jedem der 4 Sätze Optimismus und Lebensfreude. Orientiert an der klassisch sinfonischen Form, stand hier der Kontrapunkt im Fokus. Technisch brillant ordneten sich die einzelnen Register der strengen Form unter, ohne den übergeordneten Gedanken zu vernachlässigen. Die Soli in den einzelnen Instrumenten waren wunderbar aufeinander abgestimmt, auch wenn kleine „Wackler“ dem vertrackten Rhythmus geschuldet waren. Der letzte Satz, mit jazzigen Elementen angereichert, verströmte dennoch jede Menge „barocken  Swing“ und gipfelte in einer mitreißenden  Schlussapotheose.

Als  letztes Werk des Abend erlebte man eine kompositorische Kostbarkeit, A Musical Toast des Ausnahmemusikers Leonard Bernstein, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Flash-artig, wie eine flüchtige Erscheinung leuchtete dieses stark zwei minütige  Streiflicht kurz Höhen und Tiefen des Daseins aus und gipfelte in den vom Orchester inbrünstig gesungenen Silben Happy Birthday Bernstein !

Das  zahlreiche Publikum spendete enthusiastischen Beifall und forderte 2 Zugaben, eine davon war Sergej Prokofievs mit Schwierigkeiten gespickter Marsch op 99, in dem das Orchester noch  einmal alle Parameter seines Könnens präsentierte. Nach langem Beifall entließen Dirigent und Orchester das beglückte Publikum in den lauen Mannheimer Frühlingsabend.

—| IOCO Kritik Johanniskirche Mannheim |—

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