Rostock, Volkstheater Rostock, FAME – Musical von David De Silva, IOCO Kritik, 17.03.2018

März 17, 2018 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

 FAME – Musical um junge Sänger und Tänzer

Von David De Silva, Jose Fernandez, Jacques Levy, Steve Margoshes

Von Thomas Kunzmann

Es ist ruhig geworden um das Volkstheater Rostock. Nach den bundesweit für Aufsehen sorgenden Eskapaden um Intendanten, Spartenabbau-Diskussionen und Finanznöten wird nun ernsthaft der Neubau eines Theaterhauses vorangetrieben. Dennoch hängt vorerst die Abwicklung des Tanztheaters als Damoklesschwert über dem Ensemble. Was tun, um die Lust an der Sparte, ja die Theaterlust überhaupt, zurück in die Stadt zu bringen?

FAME   –  Tänzer, Sänger erleben ihr erstes Kunst-Semester

Seit April 2016, damals noch unter der Intendanz von Sewan Latchinian, lockte Feuerherz, das Sequel zu den Leiden des Jungen Werther  mit der Rostocker Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ vorrangig junges Publikum in ca. 20 ausverkaufte Vorstellungen. Stadtintegration gelungen, auch wenn immer fraglich bleibt, ob dieses Publikum – derart motiviert – dann auch in eine Emilia Galotti geht, oder gar in eine Rossini-Oper. Seitdem, auch nach Intendantenwechsel, gab es einige weitere Produktionen in Zusammenarbeit. Überaus erfolgreich laufen Die vier Jahreszeiten als Tanztheater mit dem Tanzland Rostock und der Breakdance-ConneXion MV. Und nun also FAME.

Volkstheater Rostock / Musical FAME © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / Musical FAME © Thomas Häntzschel

Das Erfolgsmusical FAME, basierend auf dem Alan-Parker-Film mit Irene Cara und seinem gleichnamigen oscargekrönten Titel-Song, mit Dancin‘ On The Sidewalk und I Want To Make Magic begleitet Tänzer, Sänger und Schauspieler von der bestandenen Aufnahmeprüfung an der ‚Highschool for performing Arts’ durch das erste Semester mit all seinen Höhen und Tiefen, mit den unterschiedlichsten Liebes- und Lebensgeschichten.

Ob man alternativ mit den eigenen Leuten hätte inszenieren können? ‚Also Profis nehmen, die Laien darstellen sollen, die Profis werden wollen? Wenig realistisch’ denkt sich wohl Stephan Brauer, dem Rostocker Publikum bereits aus den Erfolgsproduktionen La Cage aux Folles sowie der Czardasfürstin bestens vertraut, und veranstaltet stilecht ein Casting, an dem jeder teilnehmen konnte. Dabei wurden individuelle Qualifikationen kurzerhand eingebunden und so gehen für die jungen Darsteller Realität und Stück nahtlos ineinander über.  In Videosequenzen vor Beginn und in der Pause stellen sich die Neulinge in kleinen Beiträgen vor: tolle Idee, denn bereits mit ihrem ersten Auftritt hat man eine Bindung zu ihnen aufgebaut. Da ist Alex Junge als Schlomo, der schon einige Erfahrung aus Gospelchor, zeitgenössischem Tanz und Theaterjugendclub mitbringt. Oder die 16-jährige Sarah Wockenfuß als Selena, die seit vielen Jahren Klavier- und Gesangsunterricht nimmt. Als Profis und Dozenten stehen auf der Bühne Sandra-Uma Schmitz (für Tanz) und Alexander Wulke (für Schauspiel) aus dem Schauspiel-Ensemble des Volkstheaters sowie Susi Koch (für den Gesangsunterricht), eine Rostocker Rock- und Popsängerin, die u.a. mit Keimzeit und Konstantin Wecker arbeitete und haben alle Hände voll zu tun, aus dem Pool der Individualisten ein Team zu formen.

Volkstheater Rostock / Musical FAME © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / Musical FAME © Thomas Häntzschel

– Das Publikum als Jury –

Das Publikum agiert dabei als Jury. Unterstützt durch die Regie, die die jungen Talente hauptsächlich nach vorn spielen lässt, nehmen die Premierengäste diese Aufgabe enthusiastisch an: wenn die Jungstudenten voller Impulsivität am Lehrplan vorbei zeigen dürfen, welche Begabungen in ihnen schlummern, brausen immer wieder Applaus-Salven durch die Reihen. Dass die Stimmen hier noch nicht vollständig ausgebildet sind, die Töne nicht immer getroffen werden, macht die Auftritte umso authentischer, denn  diese kleineren Mängel werden durch unbändige Spielfreude wettgemacht. Keine Spur von Lampenfieber, wenn die Jungs und Mädels die Bühne rocken. Die episodenhaften Szenen fügen sich in der Regie Brauers zu einem geschlossenen, eigenständigem Werk, das zwar aus dem Lebensgefühl des letzten Jahrhunderts stammt, aber nie in dieser Historie verhaftet bleibt. Das Streben nach Selbsterkenntnis, Unabhängigkeit und Anerkennung ist ein zeitloses Thema. Dafür, dass es keine reine Reminiszenz an die 80er wird, sorgen in Rostock in erster Linie die Musiker um John Carlson mit Klavier, Orgel, Synthi, E-Gitarre, Bass, Trompete und Schlagzeug.

Gewaltig gelingen sowohl die Chor- als auch Tanzszenen, letztere erneut unterstützt durch das Tanzland in der Choreografie von Katja Taranu. Das dürfte beim Publikum einmal mehr Lust auf modernen Tanz in all seinen Facetten machen – wenn schon nicht selbst, so doch als regelmäßiger Gast. Da hat dann auch die Rostocker Tanzcompagnie mit seiner wachsenden Fangemeinde noch eine Chance über die Saison 2018/19 hinaus verdient!

Musical FAME  am Volkstheater Rostock; weitere Vorstellungen 18.3.; 6.4.; 134.; 20.4.; 21.4.2018

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Neustrelitz, Theater Neubrandenburg, Don Pasquale von Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 29.01.2018

Januar 30, 2018 by  
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Landestheater Neustrelitz © Landestheater Neustrelitz

Landestheater Neustrelitz © Landestheater Neustrelitz

Theater und Orchester Neubrandenburg/Neustrelitz

Don Pasquale – In der Villa Verdi

Schöne Liebeserklärung ans Theater

Von Thomas Kunzmann

Fährt man im Winter lediglich zu einer Vorstellung nach Neustrelitz ins Theater, sieht man nicht viel von der Schönheit der mecklenburgischen Seenplatte. Nichts als Dunkelheit zwischen der Abfahrt von der A19 und der dann noch immer 50km entfernten Kleinstadt. Ein Navi sei dringend angeraten. Hat man jedoch die letzte Biegung genommen, befindet man sich – ohne richtig durch ein Zentrum gekommen zu sein – unmittelbar vor dem hell angestrahlten Gebäude. Bereits seit 1775 besteht hier eine Spielstätte. Erst Mecklenburg-Strelitzsches Hoftheater, nach einem Brand im Jahre 1945 dann als Friedrich-Wolf-Theater 1954 wiedereröffnet, seit 1991 Landestheater. Der Bau für 399 Gäste beeindruckt durch seine effiziente Platznutzung. Das Foyer ist so klein, dass man unweigerlich einen Schritt weiter geht und direkt an den Garderoben steht. Je rechts und links eine Treppe nach unten, wo sich eine gemütliche Bar befindet. Dieser gegenüber ist ein kleines Restaurant, bereits unter dem Zuschauersaal. Im Obergeschoss ein Spiegel-Foyer mit einigen Stühlen und Klavier auf einer kleinen Bühne für Werkeinführungen und Vorträge. Eine Hinterbühne fehlt komplett. Seitlich der Bühne befinden sich die Werkstätten. Wie nahezu alle Theater des einwohnerarmen Bundeslandes kämpft auch Neustrelitz um den Erhalt seiner Selbstständigkeit, gegen die Fusionsvorgaben der Landesregierung. Das Ensemble ist, eine Folge der Sparmaßnahmen, klein, der Chor besteht nur noch aus je 8 Sängerinnen und Sängern. Aufwändigere Werke lassen sich jedoch mit Extrachor und Gastsängern inszenieren.

Landestheater Neustrelitz / Don Pasquale - hier Ensemble © Jörg Metzner

Landestheater Neustrelitz / Don Pasquale – hier Ensemble © Jörg Metzner

Außerordentliche Erwähnung verdient das sehr aufschlussreiche, mit ausführlichen Berichten und originellen Bildern angereicherte Programmheft, das perfekt auf die Inszenierung einstimmt.

Wenn aber Intendant Joachim Kümmritz vor der Vorstellung auf die Bühne tritt, verheißt das nie Gutes: Sowohl Norina als auch Ernesto seien deutlich angeschlagen, möchten dennoch singen, bittet er bereits im Vorfeld um Verständnis. Das Publikum dankt es mit Beifall.

Mühsam nur, wie ein Rollstuhl, den man bergauf zwingen will, öffnet sich der Vorhang. Zu den federnden Takten der Ouvertüre deutet „Norina“ Laura Scherwitzl frühere Revue-Künste an und ermuntert damit die gebrechlichen Herren einzusteigen. Regisseurin Magdalena Fuchsberger verlegt die Handlung in die „Villa Verdi“, eine von dem Italienischen Komponisten gestiftete und noch immer existierende Altersresidenz für ehemalige Künstler in Mailand. Die alte Standuhr im Seniorenheim steht auf fünf vor zwölf. Die besten Jahre sind vorbei. Von einstiger Bedeutung zeugen lediglich die Trophäen und Bilder, unerreichbar weit oben auf einem Regal. Im Raum: Betten und eine Sitzecke. Selbst die Pflegekräfte haben mittlerweile mehr Glamour. Und schon wieder werden zwei Bewohner abgeholt – vom Bestattungsunternehmen. Ach, könnte man nur die Zeit zurückdrehen! Noch einmal auf der Bühne stehen! Noch einmal Singen und Tanzen! Noch einmal das Blut in Wallung bringen!

Landestheater Neustrelitz / Don Paquale - hier Ensemble © Jörg Metzner

Landestheater Neustrelitz / Don Paquale – hier Ensemble © Jörg Metzner

Ja, warum eigentlich nicht? Die alten Textbücher sind noch da und die Rollen nicht vergessen. So machen sich denn die wenigen Pensionäre um Don Pasquale daran, die ihnen verbleibende Zeit in neue Kreativität zu ve rwandeln und drehen die Uhr zurück. Vielleicht nicht auf Anfang, aber dennoch weit genug, um noch einmal der Tristesse des Alters zu entfliehen. Norina darf wieder verführen, galant balzt Don Paquale und der nahezu erblindete Ernesto eifersüchtelt pflichtgetreu. Dass noch Saft in der Riege steckt, beweisen besonders Ryszard Kalus als Don Pasquale mit profundem Bass und Robert Merwald als Malatesta. Der lyrische Tenor James Elliott als Ernesto lässt deutlich erkennen, zu welch schöner Klangfarbe er in der Lage ist, wenn er nicht gesundheitsbedingt etwas auf die Bremse treten müsste. Auch Norina nimmt sich, wenngleich nur stimmlich, deutlich zurück. Obwohl die Textverständlichkeit insgesamt passabel ist, würden Übertitel nicht schaden. Im Orchester unter dem 1. Kapellmeister Panagiotis Papadopoulos vermisst man, besonders im Zusammenspiel mit Ernesto, vereinzelt den zarten Schmelz, allerdings leben die Musiker förmlich auf, wenn Norina zur Furie wird und Don Pasquale theatralisch einheizt. Insgesamt eine solide Ensemble-Leistung.

Der lang anhaltende Schlussapplaus bestätigte: ein sehr schlüssiges Konzept, das die Künstler liebevoll portraitiert und nie der Lächerlichkeit preisgibt, eine Hommage an die fast vergessenen Sänger, ein Hoch auf die Torheiten des Alters und in jedem Fall eine schöne Liebeserklärung an das Theater.

Don Paquale am Theater Neustrelitz; weitere Vorstellungen 3.2.2018; 4.3.2018; 16.3.2018; 29.3.2018

—| IOCO Kritik Theater und Orchester Neubrandenburg / Neustrelitz |—

 

Rostock, Volkstheater, Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 20.12.2107

Dezember 20, 2017 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

„Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht …“

Von Thomas Kunzmann

… „Das ist die Liebe, die dumme Liebe“, „Machen wir’s den Schwalben nach“ – die Evergreens aus Emmerich Kálmáns erfolgreichster Operette  tönten 2017 in mehr als 10 deutschen Städten. Mehrmals wurde das Werk verfilmt, unter anderem mit Marika Rökk und Johannes Heesters, aber auch mit Anna Moffo und René Kollo. Jetzt kam die Neustrelitzer Inszenierung von Stephan Brauer aufgefrischt und neu besetzt nach Rostock ans Volkstheater. Lediglich den Diener Miksa (Christoph Deuter) brachte Brauer mit.

Dass in Rostock eher große Titel Publikumsmagneten sind, ist nicht neu. Nicht nur die Premiere und die ersten beiden Vorstellungen sind so gut wie ausverkauft, auch die anderen der insgesamt acht angesetzten Termine sind schon ungewöhnlich gut gebucht, noch ehe das erste Bild oder gar eine Kritik zu lesen war. Amüsement? Läuft!

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin - hier Claudia Sorokina als Sylva Varesku und Roman Martin als Graf Boni Káncsiánu © Thomas Hätzschel

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin – hier Claudia Sorokina als Sylva Varesku und Roman Martin als Graf Boni Káncsiánu © Thomas Hätzschel

Der Adelige Edwin will die Sensation des Varietés, die „Csárdásfürstin“ Sylva Varescu heiraten, was seine Eltern unbedingt zu verhindern gedenken. Schließlich wäre er bereits mit Comtesse Stasi verlobt.

Angestaubte Operette für ein überaltertes Publikum? Mitnichten! Brauer verpasst dem Stück eine wohltuende Frischzellenkur, indem er den Kitsch mit Bravour umschifft und durch feinsinnigen bis deftigen Humor ersetzt. Die Handlung, verlegt ins Savoy der 30er Jahre, baut dennoch auf den Wiener Charme, gespickt mit etwas Lokalkolorit, wenn Silva Varescu den Zug nach Triest besteigen will, um von dort mit AIDA nach Amerika zu reisen. Schon das übergroße Portrait der Hauptdarstellerin ziert ein knallroter Kussmund, der an das Logo der Rostocker Reederei erinnert. Oder der Zigeuner-Primas, der passend mit einem aus Bukarest stammenden Geiger der Norddeutschen Philharmonie besetzt wird. Die charmant-witzigen Dialoge verdichtet Brauer zu slapstickartiger Komik, bei der der die Handlung vorantreibende Graf einen exzellenten Michael „Boni“ Herbig abgibt. Gummibärchen inklusive.

Claudia Sorokina besticht bei ihrem Rostocker Debüt als Titelheldin mit glockenhellem Sopran und souveräner Sicherheit in den Höhen, wobei ihr die intimen Szenen mehr zu liegen scheinen denn die feurigen Auftritte. In den Duetten passt sich James J. Kee als Edwin ihr angenehm an, lediglich in seinen Soloarien schmettert er wie gewohnt – zur allgemeinen Freude des Publikums.

Schon mehr als 20 Jahre singt Roman Martin den Grafen Boni und glänzt als routinierter Entertainer. Wie er tanzt, steppt und schauspielert, wie er das gesamte Ensemble mit seiner Spielfreude mitreißt, das ist den Besuchern regelmäßig einen Extra-Applaus wert. Ebenbürtig agiert die mannstolle Komtesse Stasi (Katharina Kühn), die den Ränkespielen nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch ordentlich etwas entgegenzusetzen hat. Grzegorz Sobczak als Feri von Kerekes kann nach Peter Mihailow (Zar und Zimmermann) und Dandini (Aschenputtel) sein komödiantisches Talent voll ausleben und überzeugt mit geradlinigem Bariton erneut das Rostocker Publikum. Präzision ebenso beim kleinen Opernchor (Einstudierung Frank Flade), die Einsätze kommen punktgenau, harmonisch und rhythmisch sauber.

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin - hier Roman Martin und das Ensemble © Thomas Hätzschel

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin – hier Roman Martin und das Ensemble © Thomas Hätzschel

Auch nach über 100 Jahren ist die Oberflächigkeit der Spaßgesellschaft am Rande des Abgrunds, die vorgetäuschte heile Glitzerwelt der Kunst und die voyeuristische Skandal-Gier der Öffentlichkeit ohne echte Anteilnahme  hochaktuell. Das Verhältnis zwischen den Reichen und Schönen zu den aufstrebenden Sternchen betrachtet man indes dieser Tage zusätzlich etwas argwöhnisch. Dagegen bleiben tiefe Gefühle naturgemäß eher auf der Strecke. Die Bühne von Manfred Breitenfellner ist von einem Schachbrettmuster geprägt und deutet sowohl das spielerische, als auch die strategische Ausgefeiltheit der Intrigen an. Und wenn man nichts hineininterpretieren möchte, dann lässt man sich einfach prächtig unterhalten: Kopf aus! Es lebe die Show!

Volker M. Plangg am Pult ist ausgewiesener Experte für die leichte Muse und führt die Norddeutschen Philharmonie exzellent durch die an Tempiwechseln reiche Partitur. Die stücktypische, fast übertriebene Dynamik kann schon mal dazu führen, dass der Taktstock in der ersten Reihe landet.

Für die nötige Spritzigkeit in den revueartigen Szenen sorgt die Tanzcompagnie. Einmal mehr sollte dem Rostocker Publikum klar geworden sein, welch Verlust mit deren Abwicklung Ende der Saison 2018/19 einherginge.

Die  Csárdásfürstin am Volkstheater Rostock –  weitere Termine 03. Dezember 2017, 15:00 Uhr,  Donnerstag. 07. Dezember 2017, 15:00 Uhr,  Samstag, 16. Dezember 2017, 19:30 Uhr, Donnerstag, 23. Dezember 2017, 18:00 Uhr, Samstag, 25. Dezember 2017, 18:00 Uhr

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Turandot von Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 17.11.2017

November 17, 2017 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Turandot von Giacomo Puccini

Knallharter Polit-Thriller  –  Mord, Lug, Betrug

Von Thomas Kunzmann

Cottbus, das letzte verbliebene Vier-Sparten-Theater Brandenburgs mit seinem wunderbaren Jugendstil-Gebäude, wagt sich regelmäßig an Extreme. In einem unglaublichen Kraftakt wurde Wagners Ring über 10 Jahre hinweg geschmiedet und auch die vielgelobte Elektra 2015-17 kann man getrost zu den erfolgreichen Experimenten zählen. Intendant Martin Schüler, seit 1991 am Haus. Dessen Leitung übernahm er 2003 von Christoph Schroth. Mittlerweile ist er dienstältester Intendant in den neuen Bundesländern und plante Puccinis letztes Werk bereits für die Saison 15/16, musste sie jedoch auf die Folgesaison verschieben und schob  stattdessen Tosca ein. Nun also Turandot.

Staatstheater Cottbus / Turandot - hier vorne Martin Shalita als Calaf und Ensemble © Marlies Kroos

Staatstheater Cottbus / Turandot – hier vorne Martin Shalita als Calaf und Ensemble © Marlies Kroos

Das Foyer ist gut gefüllt an diesem Freitag. Nicht nur Cottbuser nutzen das hiesige Kulturangebot der Extraklasse gern, regelmäßig sind viele Berliner Besucher im Haus. Die konstante künstlerische Qualität auf hohem Niveau hat sich längst herumgesprochen und gilt nicht einmal mehr als Geheimtipp: als Gast jedenfalls geht man hier kein Wagnis ein. Die Verbindung in die Hauptstadt ist gut, die Kartenpreise moderat.

Martin Schüler inszeniert Turandot als knallharten Polit-Thriller, in dem den Protagonisten alle Mittel recht sind: Mord, Bestechung, Betrug und Vortäuschen der großen Liebe. Entsprechend gewaltig führt Evan Christ durch die Partitur. Mit unglaublicher Wucht setzt das Orchester ein und macht von den ersten Takten an klar, dass es hier nicht um ein liebliches asiatisches Märchen geht, sondern schlichtweg um Alles.

Und wenn der fulminante Chor hinzukommt spürt man bis in die letzte Reihe, dass sie keineswegs beabsichtigen, den Musikern das (Schlacht)Feld zu überlassen. Erbarmungslose Politik, in der jeder seine individuellen Ziele verfolgt, statt betörender Romantik. Ping, Pang und Pong haben die despotischen Machenschaften der Prinzessin satt und das Volk, anfänglich noch vorfreudig auf eine erneute Hinrichtung als Massenschauspiel, empfindet Mitleid für den persischen Prinzen, der Turandots Rätsel nicht lösen konnte. Ein neuer Herrscher muss her.

Staatstheater Cottbus / Turandot hier vorne Martin Shalita als Calaf, hinten Soojin Moon als Turandot © Marlies Kroos

Staatstheater Cottbus / Turandot hier vorne Martin Shalita als Calaf, hinten Soojin Moon als Turandot © Marlies Kroos

In den Hinterzimmern der Macht, in die man dank der Drehbühne Einblick bekommt, geht es mit Mädchen, Cognac und Zigarren dekadent zu. Die Minister weihen den Fremden in ihre Pläne ein, den weder Hinrichtung noch Warnungen, und schon gar nicht die zur Abschreckung aufgestellten Köpfe der früheren Bewerber abhalten können. Nicht von ungefähr kann Calaf letztlich die verzwickten Aufgaben lösen.  Selbstsicher gibt er sogar sein Geheimnis preis und bricht mit vorgetäuschter Liebe Turandots Restwiderstand, während er, einem Buchhalter der Macht gleich, die Immobilien und Wertgegenstände seines zukünftigen Reiches taxiert. Frisch an der Spitze des totalitären Staates rollen die Köpfe der Steigbügelhalter seines Aufstiegs. Ein überraschender, aber überzeugender Plot – kein Happy End.

Soojin Moon, vom Cottbuser Publikum bereits als Tosca umjubelt, gestaltet die Titelfigur der Turandot glaubhaft eiskalt in einer männerdominierten Welt. Mal scharf und spröde, dann wieder unglaublich weich kann sie sich jederzeit nicht nur gegen das Orchester durchsetzen, sondern treibt mit ihm zusammen zu unglaublicher Intensität.

Martin Shalita, bisher in Nordhausen und Koblenz zu hören, empfiehlt sich bestens mit seinem jederzeit sicheren und kraftvollen Calaf als neuer Tenor am Hause, wo er ab nächster Saison zum Ensemble gehören wird und den alternierend singenden, eher lyrischen Jens Klaus Wilde entlasten wird. Den Kraftakt der Rolle, die durch die Orchesterführung nicht gerade erleichtert wird, gestaltet er sowohl stimmlich als auch schauspielerisch überzeugend als kühl berechnender, zukünftiger Despot mit authentischer Bühnenpräsenz. Vom Publikum abgewandt zu singen dürfte wohl fast jedes Tenors stimmliche Kapazitäten übersteigen – was hier allerdings eindeutig am Orchester liegt. Dieses schickt aus dem Graben ein Feuerwerk an Impulsivität, die sich mit der leider bereits abgespielten Elektra vergleichen lässt. Mitunter geht das zu Lasten der Transparenz, die lediglich in den seltenen emotionalen Momenten zum Tragen kommt. Besonders eindrücklich mit der großartigen Debra Stanley als Liu sowie dem warmen Bass Ingo Witzkes (Timur) klingt Puccinis Thema aller Werke durch: die Liebe.

Staatstheater Cottbus / Turandot - hier Andreas Jäpel als Mandarin und Ensemble © Marlies Kroos

Staatstheater Cottbus / Turandot – hier Andreas Jäpel als Mandarin und Ensemble © Marlies Kroos

Die Minister Ping, Pang und Pong als Strippenzieher bestechen durch Homogenität in Handlung und ausgewogener Klangfülle. Hoch in der Gunst des Cottbuser Publikums stand der Einsatz einer ehemaligen Größe des Hauses: Max Ruda als Kaiser. Ruda war 1978 bis 2000 Tenor in Cottbus (u.a. in Zauberflöte, Zarewitsch, Tannhäuser, Pique Dame), gab allerdings auch schon in den 60ern den David in Bayreuth. Den gebrechlichen Monarchen, der weder Turandot in den Griff bekommt, noch Calaf von seinem Weg abbringen kann, verkörpert er herzerwärmend.

Diese typische Schüler-Inszenierung mit klarem Bühnenbild, fantasievollen, historisierenden Kostümen und einem schlüssigen Konzept, gestaltet mit eigenen Solisten und Gästen, die sich hervorragend in das Turandot – Team integrieren, lohnt jede noch so weite Anreise.

Tipp am Rande: Die Theaterkantine Tellheim an der Rückseite des Theaters eignet sich vortrefflich, den Abend ausklingen zu lassen.

Turandot am Staatstheater Cottbus, weitere Vorstellungen: 7.12.2017; 9.1.2018; 18.2.2018; 5.5.2018; 10.6.2018

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

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