Stralsund, Theater Vorpommern, Dido and Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 17.10.2020

Oktober 17, 2020 by  
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Theater Vorpommern

Theater Stralsund © Vincent Leifer

Theater Stralsund © Vincent Leifer

 DIDO AND AENEAS  –  Henry Purcell

Ein starkes,  geschlossenes Ensemble entlässt das begeisterte Publikum nach viel zu kurzen 59 Minuten

von Thomas Kunzmann

Die Saison 20/21 sorgt an allen Theatern für erzwungene Überraschungen: reduzierte Platzkapazitäten in den Sälen einerseits, Abstandsregeln auf der Bühne und im Orchestergraben andererseits erzwingen Kreativität. Wohl kaum kein Theater in diesem Land, das die Saison nicht wieder und wieder umgeplant und auch die Stückauswahl den Bedingungen angepasst hat. Kleine Besetzungen im Klangkörper, oftmals Verzicht auf große Choropern und Werke, die eine Pause benötigen. Nicht zuletzt sind dadurch aber auch Experimente möglich, mit weniger großen Namen die Häuser zu füllen, bereits mit 20-30% Platzbelegung ist man letztlich „ausverkauft“. Krise als Chance – und das Publikum ist nach 6 Monaten ausgehungert.

Das Theater Vorpommern, Stralsund eröffnet seine Opern-Saison mit Dido and Aeneasvon Henry Purcell. Die äußerst kompakte Barockoper mit einer Spielzeit von knapp unter einer Stunde birgt dennoch alles, was Musiktheater benötigt: Machtkampf und humorvolle Einlagen, tragische Liebe und Intrige – bis hin zum herzerweichenden Tod. Gesungen wird auf Englisch, Übertitel werden eingeblendet, sind allerdings aufgrund der großartigen Textverständlichkeit kaum von Nöten. Bis zum Platz gilt Maskenpflicht, was allerdings auch größere Abstände zwischen den belegten Plätzen erfordert – die verfügbaren Karten schienen verkauft – zu Recht, wie sich zeigen sollte.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Auf seiner Irrfahrt über das Mittelmeer trifft der trojanische Held Aeneas, Sohn der Venus, auf Dido, Gründerin von Karthago. Nicht nur, dass sich beide prompt ineinander verlieben – diese Verbindung käme ihren Reichen äußerst gelegen. Dido hat jedoch ihrem ermordeten Gatten ewige Treue über den Tod hinaus geschworen. Und auch die grundlos niederträchtigen Hexen Karthagos wünschen sich nichts sehnlicher, als das aufkeimende Glück zu zerstören und schicken Aeneas einen Geist in Gestalt des Merkur, der ihm von Jupiter die Nachricht überbringen soll, er möge auf die Liebe verzichten und umgehend abreisen. Als Aeneas von Dido Abschied nehmen will, vermutet Dido lediglich einen Vorwand. Um ihr das Gegenteil zu beweisen, riskiert Aeneas den Zorn der Götter und will bei ihr bleiben, doch es ist zu spät. Der Funke des Zweifels lässt sich in Dido nicht mehr löschen.

Den schlicht gehaltenen Bühnenraum überspannt eine Travers-Brücke mit beidseitig gewendelten Treppen. Die erhöhte Ebene vergrößert die Bühne abstandsgerecht, visualisiert aber auch den Einflusswunsch der Höflinge einerseits sowie den Machtwillen der Hexen andererseits. Während die erste Hexe von oben agierend die Fäden der Intrige zieht, bleiben Dido und Aeneas stets „bodenständig“ und auf Augenhöhe. Die fantasievollen Kostüme von Christopher Melching verführen rein optisch in eine märchenhafte Sagenwelt.

Zum ersten Highlight des Abends gerät Belindas optimistische Ermutigung „Shake the cloud from off your brow“, unterstützt vom kleinen, dennoch oratorienartig klingendem Chor. Dido behält ihre Schatten um die Augen. Ob es lediglich den Abstandsregeln geschuldet ist, die Annäherungen und Berührungen unmöglich machen, ob es Distanzwillen der Protagonisten ist – Nina-Maria Fischer als Dido bleibt nach außen kühl in Bewegung und klar im Klang, sodass erst ihr warm-weiches Lamento allen Gefühlen freien Lauf lässt. In ihrer Sterbearie „When I am laid in earth“, einer der berühmtesten Arien der Musikgeschichte, nimmt sie nicht nur Abschied von der Welt, ihr Klang umschließt sie wie ein unsichtbares Seidentuch, hüllt sich in den Raum ein und vermag, scheinbar mühelos, das Publikum auf ihren letzten Weg mitzunehmen. BelindasThanks to the lonesome Vales“ , Franziska Ringe, avanciert zum Ohrwurm des Abends.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Bassbariton Maciej Kozlowski als Aeneas ist nicht der Hüne, den man als Trojas Kämpfer erwartet, aber der tapfere und mutige, sinnlich-verführerische Held, der in diese Rolle passt. Mit seinem schlanken, geradlinigen Ton voller Anmut, aber auch stählerner Entschlossenheit strahlt er noble Herrscherqualität aus. Diabolisch hingegen das Hexenensemble – nicht nur optisch irritierend; das boshafte Gelächter ob der geplanten Intrige lässt den bis dahin harmonieverwöhnten Zuhörer gehörig erschauern. Die bärtigen Widersacherinnen mögen dabei darauf zielen, dass Machtkampf eher männerdominiert ist. Dafür wird nicht nur für den Geist, sondern auch für die erste Hexe ein Countertenor eingesetzt, beides Gäste, die sich hervorragend in das Ensemble integrieren. Die Maske setzt dezent auf Film- und Promizitate, neben Conchita Wurst meint man auch Batmans Joker zu erkennen.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Typisch für die Barockoper spielt das kleine Orchester auf der Bühne, geleitet von GMD Florian Csizmadia am Cemballo des lustvoll aufspielenden Continuo, dessen Schwung das Orchester allerdings nicht immer mitnimmt. Gerade in der leichtfüßig federnden Rhythmik der Ouvertüre wäre noch Platz nach oben gewesen.

Die Regie von Dirk Löschner verzichtet auf skurrile Neuinterpretationen ebenso wie auf schwulstige Übertreibungen, ohne dabei altbacken zu wirken. Opernliebhaber traditioneller Aufführungen werden hier voll auf ihre Kosten kommen.

Ein in sich geschlossenes Ensemble entlässt nach viel zu kurzen 59 Minuten ein beseeltes Publikum, das die Darbietung mit einem tosenden Applaus belohnt, der die geringe Zuschauerzahl vergessen lässt. Stralsund setzt zum Saisonauftakt ein Achtungszeichen und zeigt, wie man auch unter schwierigen Umständen Opern attraktiv und fesselnd umsetzt

Musikalische Leitung – Florian Csizmadia, Inszenierung – Dirk Löschner, Bühne und Kostüme – Christopher Melching

Dido – Nina-Maria Fischer, Aeneas – Maciej Kozlowski, Belinda – Franziska Ringe, Zweite Vertraute – Adelya Zabarova, Zauberin – Konstantin Derri, Geist – Nils Wanderer, Erste Hexe – Linda Hwa, Zweite Hexe – Kristina Herbst

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Stralsund, Theater Vorpommern, Dido and Aeneas; die weiteren Termine 1.11. Greifswald; 29.11. Stralsund, 13.12. Greifswald; 29.12. Stralsund

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Cottbus, Staatstheater Cottbus, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 14.11.2019

November 14, 2019 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

  Don Giovanni  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– verbunden mit Träumen über das Staatstheater Cottbus und seine Künstler –

von Thomas Kunzmann

Wenn ich über das Haus in „Cottbus“ nachdenke, schreibe, ist mir klar, dass das Staatstheater Cottbus nicht für jeden den Klang, die Wirkung entfalten kann, wie für mich. Ich bin 1969 in der Stadt als Sohn eines Hornisten geboren. Noch lange bevor ich mit der dortigen TheaterGemeinde in die umliegenden Kultur-Metropolen Dresden, Leipzig und Berlin reiste, um Opernvorstellungen zu besuchen, wurde der Grundstein meines bis heute anhaltenden Interesses in dieser 100.000-Einwohner-Stadt begründet. Cottbus ist groß genug, um (Hoch)Kultur in angemessenen Rahmen anzubieten zu können und zu klein, um für jeden auf dem Schirm zu sein.

Ist man aber in dieser Kulturszene unterwegs, lernt man quasi zwangsläufig Leute kennen, die auf, unter und hinter der Bühne arbeiten – das ist das Privileg der Einwohner kleiner Städte: Theater ist immer hautnah erlebbar. Nicht selten treffe ich Freunde, die ob meiner Leidenschaft entschuldigend sagen, sie würden ja nur selten ins Theater gehen – und erzählen im gleichen Atemzug, welche fünf Vorstellungen sie innerhalb der letzten 2 Jahre gesehen haben. Und würde man 10 willkürliche Passanten auswählen und sie fragen, was man in der Stadt gesehen haben muss, ich wette, bei allen käme „das Theater!“ auf einen der ersten drei Plätze, neben dem Pückler-Park.

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer des Staatstheater Cottbus
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Das 1908 eröffnete repräsentative Staatstheater Cottbus, konzipiert von Architekt Bernhard Sehring, auch das Theater des Westens in Berlin stammt von ihm, wurde im späten Jugendstil errichtet. Es konnte noch in den 80er Jahren (also zu DDR-Zeiten) aufwändig saniert werden. In dieser Zeit wurde das Haus der Bauarbeiter bespielt. Die Zauberflöte war dort meine erste Oper. Ein nicht untypischer Einstand. Nach der Wende waren es für mich zumeist Schauspiele. Als 1993 Christoph Schroth die Intendanz übernahm, war das Theater in aller Munde. Inszenierungen wie Die Räuber oder Hamlet dürften bis heute allen, die sie gesehen haben, unvergesslich in die Erinnerung gebrannt sein. Seine „Zonenrandermutigungen“,  in denen gleichzeitig die große Bühne bis hin zur Herrentoilette alles bespielt wurde, was Platz für Zuschauer bot, hatten nicht nur Event-Charakter, sondern boten auch tiefen Inhalt. 1991 holte Christoph Schroth Martin Schüler als Operndirektor. Nach Schroths Ausscheiden in 2003 übernahm Schüler die Intendanz des Hauses.

Der Neue schaffte es, das Musiktheater wieder mehr in den Fokus zu bringen, ohne das Schauspiel zu vernachlässigen. Dennoch war sein Hauptaugenmerk auf das Musiktheater gerichtet. Und so gelang es ihm, dass Cottbus als einziges Vier-Sparten-Theater den Kulturkahlschlag in Brandenburg überstand. Seit Jahren bespielt das Staatstheater Cottbus mit seinen Produktionen Potsdam, Frankfurt/O. und die Stadt Brandenburg. Schüler wäre fast der dienstälteste Intendant des Ostens geworden, wäre da nicht die Affäre um seinen GMD Evan Alexis Christ dazwischen gekommen.

Was war sein Erfolgskonzept? Es ist schwierig, circa 70 Inszenierungen, von denen ich nur etwa die Hälfte gesehen habe, da ich 2003 wegzog, auf einen einzigen Nenner herunterzubrechen. Es wäre vermessen und auch ungerecht. Dennoch ein Versuch: Schüler gelang es für mich, jeder Oper etwas Besonderes hinzuzufügen, was in Erinnerung bleibt. Sie modern zu machen, ohne sie zu verunglimpfen. Verblüffend logische Folgerungen zu ziehen ohne ihnen ein Korsett des „ich-muss-das-Thema-neu-erfinden“ aufzuzwingen. Er hauchte den Charakteren neues Leben ein, ohne ihren Sinn zu verunstalten, Oper erlebbar zu machen, indem er sie aus ihren mumifiziert-antiquierten Stereotypen löste, ohne das Publikum mit zwangsneurotischen Regievorstellungen zu brüskieren.

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Eine Schüler-Inszenierung funktionierte deshalb für „Neulinge“ wie „Eingeweihte“ gleichermaßen: für die einen gab es die nachvollziehbare Geschichte mit historisierenden Kostümen und Bühnenbildern, für die anderen eine stringente Interpretation. Das war allerdings nie ein Alleinwerk, sondern seit vielen, vielen Jahren eine Symbiose: „Regie: Martin Schüler, Ausstattung: Gundula Martin, Dramaturgie: Dr. Carola Böhnisch“ – der Cottbuser Dreiklang.  Derlei denkend und vorab reüssierend fuhr ich also nun zu Don Giovanni, der definitiv letzten Vorstellung einer Schüler-Inszenierung in Cottbus. Mein dritter Anlauf. Beim ersten Mal hab ich den Tag falsch notiert und musste nach Hause an dem Abend, als die Vorstellung stattfand, der zweite Versuch scheiterte am Vorstellungsausfall aufgrund von Erkrankungen im Ensemble – „kein gutes Omen“, dachte ich. Schüler beklagte selbst des Öfteren, keine konsequente Regiekonzeption für diese Oper zu haben.

Während er von Mozarts Da-Ponte-Opern Figaro schon 1997 in Cottbus inszenierte (sowie in Halle 1989 und in Rheinsberg 2000) als auch Cosi fan tutte 1992 (Halle 1984, Stendal 1989) ließ er sich in Cottbus bis 2018 Zeit.  Am Ende ersetzte er die fehlende „zündende Idee“ durch eine Vielzahl witziger, aber auch tiefgreifender Einfälle. Christian Henneberg alias Don Giovanni wird bereits im Duell mit dem Komtur schwer verletzt. Das Herz des Opernliebhabers mit Hang zur Ideenentwicklung aus dem Libretto heraus geht sofort auf: allein dieser Ansatz hätte konsequenter weitergedacht werden können. Zum Beispiel, indem die Folgegeschichte als Fiebertraum inszeniert wird. Kurz wird man auf diese Schiene gebracht: Don Giovanni ist gar nicht der übergroße Verführer, er wünscht es sich lediglich zu sein. Der Versuch geht gar mächtig daneben – Daddy (der Komtur) funkt in das Liebesspiel zwischen Giovanni und seiner Tochter, fordert ihn zum Duell, verliert, aber nestelt aus dem Gürtel eine Pistole und während er sein Leben aushaucht,  nietet er den Schwerenöter doch noch um. Natürlich stirbt der nicht sofort an dem Bauchschuss, sondern fiebert sich durch seine Wunschträume der Verführungen – mehr als 2000 Frauen, die ihm europaweit verfallen. Leporello sein Herold, berichtet von seinen amourösen Wagestücken, lässt ihn als unbeugsamen Frauenbeglücker zur sinnesfreudigen Heldenfigur aufsteigen und dennoch im Kampf gegen die Gesellschaft untergehen.

Früher oder später muss der in jeder Hinsicht Übertreibende für seine Taten büßen – nicht als Verlierer der Oper, denn als stilisierte Sex-Ikone. Mit einem Augenzwinkern wären einige Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das fragwürdige Frauenbild der Mozart-Oper, die an die „me-too“-Bewegung erinnernde Übergriffigkeit des Protagonisten und nicht zuletzt die Unglaubwürdigkeit der schier unendlichen Verführungserfolge wären in dieser Sichtweise relativiert. Schüler bleibt allerdings im Hier und Jetzt des Librettos, derartige „Abweichungen“ waren eher selten sein Stil. Gepasst hätte es mal. Giovanni durchlebt seine letzten Abenteuer also ungeachtet der ihm zugefügten Wunde, oder – trotz dieser. Ihm zur Seite steht der treue, wenn auch geldgierige Leporello Andreas Jäpel.

Dieses kongeniale Duo sprüht vor Spielwitz, jede Bewegung ist perfekt aufeinander abgestimmt, der Slapstick sitzt so selbstverständlich, dass man weiß: viele dieser Abläufe sind bereits hunderte Male so passiert und über die Jahre perfektioniert, ohne banale Routine zu werden. Von der schnellen Linie Koks zwischendurch über einen Schluck Champagner bis hin zum Aufpolieren der „Kronjuwelen“ des größten Verführers aller Zeiten. Nahezu beiläufig dokumentiert Leporello minutiös, fotografiert die Eroberungen und ist gegen die eine oder andere Dublone bereit, seinen Herrn aus jeder misslichen Lage zu befreien, kurz: Don Giovanni könnte nicht Don Giovanni ohne seinen jede Situation rettenden Leporello sein.

 Staatstheater Cottbus / Don Giovanni - hier : vl Christian Henneberg als Don Giovanni und Ulrich Schneider als Komtur; im Hintergrund: Andreas Jäpel als Leporello © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni – hier : vl Christian Henneberg als Don Giovanni und Ulrich Schneider als Komtur; im Hintergrund: Andreas Jäpel als Leporello © Marlies Kross

Freilich grätscht ihm Donna Elvira immer im unpassenden Moment in den Lauf. Mal weinerlich beschwörend, mal hysterisch kann sie die Vielschichtigkeit der Figur mit ihrer eigenen Dynamik ausgestalten.Schnell findet sich der nächste rote Faden: Die Pistole des Komturs hebt Don Ottavio (Dirk Kleinke mit einer überraschend guten Gesangsleistung) auf und führt sie als Rachewerkzeug mit sich. Sie taucht wieder auf, als es eng um Giovanni / Leporello wird, tötet „unbeteiligte“ Geiseln. Deren Särge dienen später als Tische des Nachtgelages mit dem Komtur und plakatieren nochmals die moralische Flexibilität oder eher unbekümmerte Pietätlosigkeit Giovannis. Schlussendlich wird Giovanni mit dieser Waffe getötet.

Der Komtur ist hier keine Einzelperson aus dem Jenseits mehr sondern ein Femegericht aller Geprellten. Ausführender ist Ottavio, der sich damit die Lorbeeren verdient, nächster Komtur zu werden. Am Ende jedoch ist die Gesellschaft der Männer um ihr Feindbild gebracht und die Frauen um ihre Träume. Es bleibt eine seltsame Leere.Bis zu diesem Moment gibt es noch – einem Wimmelbild für Erwachsene gleich – dutzendweise spannende, nachdenklich machende und auch einfach nur witzige Szenerien, ganz dem Sujet entsprechend. Nachdem Masetto von Giovanni ordentlich vermöbelt wurde, anschließend jammernd von seiner Zerlina verarztet wird, knickbeinig und bammelohrig die Szenerie verlässt und Zerlina ein absolut geräuschloses „Männer!“ ins Publikum wirft, bricht sich im Publikum einer jener kurzen Auflacher Bahn, die so typisch für Schülers zwanglosen Umgang mit historischen Stoffen sind. Eindrücklich auch die Ballszene, auf der jeder Gast ein Giovannis Garderobe schlüpfen darf und – Kleider machen Leute – einmal in ihrem Leben enthemmt ihren Wünschen und Bedürfnissen freien Lauf lassen. Durch die Eskalation der Gewalt aber finden sie ihr moralisches Regulativ wieder.

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Am Pult stand Christian Möbius, der bereits 28 Jahre am Haus als Chorleiter und Zweiter Kapellmeister tätig ist. Sein sängerfreundliches Dirigat ließ keine Wünsche offen. Christian Henneberg ist als Don Giovanni ein wahrer Hingucker. Seine geschmeidigen Bewegungen und sportlichen Einlagen lassen auch ohne explizite Blicke in die Schlafzimmer erahnen, dass dort ein Könner am Werk ist. Gesanglich bietet er eine hochkonzentrierte, klangschöne Stimme, aus der eine selbstsichere Ruhe strahlt. Sein Widerpart, Ulrich Schneider als Komtur, besticht mit fulminantem Bass, eine Stimme wie das Gesetz persönlich. Giovannis Diener Leporello steht seinem Herrn in Nichts an Spielfreude nach, seinen Zwiespalt zwischen ein-ruhiges-Leben-führen oder selbst-einmal-Herr-sein-wollen hat man lange nicht so bildhaft gesehen. Stimmlich ist Jäpel immer ein Erfolgsgarant, so auch diesmal.

Ähnlich Debra Stanley, die einmal mehr nachhaltigen Eindruck hinterließ. Mirjam Miesterfeldts Zerlina sprüht vor jugendlicher Unbekümmertheit und überzeugt sowohl darstellerisch als auch gesanglich. Nach ihrer Giovanni-Erfahrung stellt sie komplett neue Ansprüche an das Liebesleben mit ihrem Masetto (Ingo Witzke), dem das aber sichtlich gefiel. Der wandlungsfähige Bass, der alle anderen Sänger um gut 1½ Köpfe überragt, darf sich hier mal etwas einfältig austoben und man erinnert sich gern an seinen bezaubernden Osmin. Er ist jedoch ebenso glaubhaft in den ernstzunehmenden Rollen wie Fafner, Timur oder Daland. Der Applaus jedenfalls war umwerfend, aus dem Publikum flogen etliche Blumensträuße den SängerInnen zu, und einmal mehr sind viele Gäste aus der Umgebung, besonders aus Berlin angereist, die, ob der eigenen Kulturvielfalt in der Hauptstadt befragt, immer unisono antworten „aber so etwas wie in Cottbus bekommen wir in Berlin ja leider nicht geboten“.

 Eine Ära geht zu Ende. Mit der Saison 20/21 wird Stephan Märki die Geschicke des Hauses vom Interimsintendanten Dr. Serge Mund übernehmen. Märki hatte Mund mal nach Potsdam geholt, diesmal ist die Folge umgekehrt. Leider wird in diesem Zuge das Ensemble etwas gestrafft. Und noch mehr „leider“ ausgerechnet um einige wichtige Leistungsträger. Vier davon haben in dieser Produktion nochmals ihre Bereitschaft und Fähigkeiten unter Beweis gestellt: Mirjam Miesterfeldt, Christian Henneberg, der in über 20 Produktionen von Dr. Falke (Die Fledermaus) bis zu Don Giovanni so ziemlich alles gesungen hat, was sein Fach am Haus hergab, Debra Stanley, die von Liu (Turandot) bis zur Jenny (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny) Großartiges geleistet hat. Auch Ingo Witzke ist nach 10 Jahren Zugehörigkeit und vielfältigsten großartigen Rollen zukünftig nicht mehr in Cottbus zu hören. Bedauerlicherweise gehört auch Martin Shalita, die große Überraschung als Calaf in Turandot, aktuell endlich auch als Erik im Holländer zu hören, zu den Scheidenden.

Man kann nur erahnen, dass es sich hierbei nicht um künstlerische Entscheidungen handelt, sondern weil es durch die üblichen Nichtverlängerungen schlichtweg einfacher ist, als sich von einigen Mitarbeitern zu trennen, die ihren Leistungszenit deutlich überschritten haben.

Aber noch gibt es einige Möglichkeiten, die Sänger in Cottbus zu erleben: Csárdásfürstin, Holländer, Liebestrank, Frau Luna, Satyagraha (Glass). IOCO, so wie ich als Korrespondent,  wird für seine große lokale wie überregionale Community im Netz gerne auch zukünftig immer wieder aus dem Staatstheater Cottbus berichten.

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

Rostock, Volkstheater Rostock, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 26.10.2019

Oktober 25, 2019 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

La Traviata – Giuseppe Verdi

…  den Tod vor Augen inszeniert Violetta ihr Ableben …

von Thomas Kunzmann

La Traviata geht immer. Für einige Orchestermusiker und Chormitglieder ist es bereits die vierte Traviata am Volkstheater Rostock – alle 10 Jahre kann man mit einer Neuinszenierung rechnen. Das klingt nicht ungewöhnlich, zumal die Verdi-Oper mit Mozarts Zauberflöte, Puccinis La Bohéme und Bizets Carmen zu den meistgespielten Werken der Opernliteratur weltweit gehört. Dennoch: an einem Haus, an dem durchschnittlich nur zwei bis drei bis Opern-Neuproduktionen pro Saison herausgebracht werden, gäbe es sicher einige Alternativen, die deutlich länger nicht gespielt wurden. Die Saison 2019/20 eröffnet das Musiktheater in Rostock mit umwerfender Interpretation, beachtlichen Gesangsleistungen, mit einer stimmigen Orchesterleistung.

 Volkstheater Rostock / La Traviata - hier :  Julia Novikova als Violetta und Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Julia Novikova als Violetta und Ensemble © Dorit Gätjen

Vor 10 Jahren verblüffte eine kleine Szene, ein Regiegedanke: Als Giorgio Germont Violetta besucht, um sie zur Trennung von Alfredo zu bewegen, damit seine Tochter standesgemäß verheiratet werden kann, erscheint ebendiese Tochter im Hintergrund und verschwindet mit dem erstbesten Bauernlümmel im Gebüsch. Und plötzlich beschlich einen die nie gestellte ketzerische Frage, ob denn diese Tochter es überhaupt wert ist, die Liebe zwischen Violetta und Alfredo zu zerstören.

Regisseurin Magdalena Fuchsberger (IOCO berichtete 2018 über ihren Don Pasquale im Theater Neubrandenburg, Neustrelitz, link hier, der in der Casa di Riposo, dem von Giuseppe Verdi gegründeten Altersheim für Musiker und Sänger spielt) lotet im Volkstheater Rostock die Randbereiche des Textes und der Musik aus, interpretiert die Traviata auf eine eigene, moderne und trotzdem durch und durch glaubhafte Weise, ohne  darstellerische Übertreibungen. In den Augen von Fuchsberger ist Violetta Valéry nicht nur Opfer der Umstände und Projektion männlicher Begierden, sie nimmt ihr Schicksal bewusst in die Hand.

 Alphonsine Plessis, Paris, Violetta und Kameliendame des realen Lebens © IOCO

Alphonsine Plessis, Paris, Violetta und Kameliendame des realen Lebens © IOCO

Den unabwendbaren Tod vor Augen beginnt Violetta, ihr Ableben zu inszenieren. Bereits im ersten Aufzug sind die Möbel abgedeckt, alles deutet auf ihr Ende. Das Fest der illustren, aber auch völlig verkommenen, dekadenten Gesellschaft, die sich wie nach einem Drogenrausch blutig gekratzt hat, bringt ihr erstmals Alfredo nahe, der ihr in seiner Ergebenheit geeignet scheint, den großen Abgang zu begleiten. Dass er ihr nicht ebenbürtig ist, die Liebe nicht vollkommen und ehrlich, zeigt im zweiten Bild seine um Selbstbestätigung ringende Arie, die mit Anninas Information, Violetta wäre abgereist, um ihre Habseligkeiten zu verkaufen, konterkariert wird.

Volkstheater Rostock / La Traviata - hier :  Ensemble © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Ensemble © Dorit Gätjen

Überhaupt wird im Volkstheater Rostock viel nach vorn gesungen, wenig miteinander. Nicht nur, weil es der Akustik des Hauses entgegenkommt, sondern als stilistisches Mittel, als Appell an das Publikum, und besonders als Selbstdarstellung und -beweihräucherung. Emotional eindringlich gerät die Szene zwischen Giorgio Germont und Violetta, in der sich per Alter Ego die drogensüchtige Kurtisane im Hintergrund räkelt – nie wird Violetta ihre Vergangenheit völlig abstreifen können, während seine Tochter demütig, den Vater in seiner Argumentation stützend, durch den Raum schreitet. Doch Violetta weiß, dass genau diese Differenzen zwischen Vater und dem ihr verfallenen Sohn den Zündstoff für einen Konflikt bei ihrer Rückkehr birgt. Und sie treibt es auf die Spitze, indem sie mit ihrem früheren Gönner Baron Duphol auf Floras Fest erscheint. Und wenn sich zwei Männer einer Kurtisane wegen duellieren, dann ist ihre gesellschaftliche Stellung bereits weit höher, als es ihrem Rang gebühren dürfte. Violetta singt im vierten Bild: „so sterb‘ ich, umgeben von allen meinen Lieben“ bleibt dabei aber allein am rechten Bühnenrand. Sie versucht sich mehr des schlechten Gewissens der Zurückgelassenen denn der Liebe zu versichern, während Alfredo, Germont und Annina lediglich in Lippenbekenntnissen links wie in einer Reihe Kirchenstühle sitzen. Ob inszeniert oder nicht, das Publikum wird sich immer auf ihre Seite schlagen – und damit hat sie jedenfalls ihr Ziel erreicht: die Unsterblichkeit in Literatur und Musik.

 Volkstheater Rostock / La Traviata - hier : Ensemble und Violetta © Dorit Gätjen

Volkstheater Rostock / La Traviata – hier : Ensemble und Violetta © Dorit Gätjen

Das Volkstheater und Rostock bekommen mit dieser Traviata eine Oper aus einem Guss. Das zeitlose, aber einfühlsame Bühnenbild wird durch atmosphärische Hintergrundprojektionen (Aron Kitzig) ergänzt, eine überdimensionale Kamelie am Beginn über düsteres Schneegestöber auf dem Landsitz. Es rundet die Produktion unaufdringlich ab, da sie weder in das Geschehen eingreift noch fehlende Requisiten ersetzt, sondern lediglich Stimmungen verstärkt. Musikalisch orientiert sich Marcus Bosch in seinem ersten Rostocker Opern-Dirigat an der Regiekonzeption, verzichtet auf hochdramatisches Vibrato in den Streichern zugunsten einer detailreichen Durchsichtigkeit.

Der um die Singakademie verstärkte Chor bildet eine fragwürdige Gesellschaft ab, ein Pool an Individualisten, die in ihrer Selbstsucht die andernorts oftmals propagierte schicke High Society hinterfragen lassen. Sobczaks Baron Duphol ist darstellerisch das Sinnbild der Lebemänner ohne moralische Grenzen und gesanglich voll überzeugend. Takako Onodera als treue Seele Annina, nicht nur der Violetta, sondern auch des Volkstheaters als Dauergast, betört mit warmem Mezzo und großer Spielfreude, Katarzyna Wlodarczyk als Flora strahlt leuchtend, ohne sich als „ewige Zweite“ profilieren zu müssen. Auch Woongyi Lee als Alfredo passt sich hervorragend in das Ensemble ein, alle zusammen bilden eine stimmliche Einheit, die man selten an Bühnen dieser Größe hören kann.

Julia Novikovas Violetta könnte mitunter etwas mehr Bühnenpräsenz und Ausstrahlung haben, gerade bei dieser Sichtweise auf die Geschichte. Gesanglich war es ein Genuss, von kleineren nervösen Patzern abgesehen. Über allem steht und tönt allerdings der übermächtige Vater Giorgio Germont, Gihoon Kim, der mit traumhafter Leichtigkeit und unglaublicher Intensität die Rolle des schärfsten Gegenspielers verkörpert. Das Publikum sehnte regelrecht seine nächste Szene herbei und entsprechend fiel sein Applaus noch etwas kräftiger aus.

Ein überaus gelungener Abend, der mit einem lang anhaltenden, wirklich verdient tosendem Applaus und stehenden Ovationen abgerundet wurde. Die Folgevorstellungen sind ausverkauft – eine Traviata geht immer

La Traviata am Volkstheater Rostock; die weiteren Vorstellungen 26.10.; 3.11.; 22.11.; 25.12.2019

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Rostock, Volkstheater Rostock, Tristan XS – mit Live Video, IOCO Kritik, 25.09.2019

September 25, 2019 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

TRISTAN XS –  konzertante Szenen aus Tristan und Isolde

Spielzeiteröffnung mit TRISTAN XS und Live Video Performance

von Thomas Kunzmann

Am 8. September 2019 eröffnete das Volkstheater Rostock die Saison 2019/20 mit einem Theaterfest zwischen Doberaner Straße und Patriotischem Weg. Es gibt Einblicke in die Kostümschneiderei, der Opernchor tritt auf, für Kinder eine Bastelstraße und die Malerwerkstatt, neue Ensemble-Mitglieder werden vorgestellt und natürlich gibt’s Würstchen vom Grill. Auch das Wetter spielt mit. Und so schaut man allseits in gut gelaunte Gesichter. Die Saison geht sich gut an.

Ralph Reichel, Nachfolger des scheidenden Intendanten Joachim Kümmritz, kann optimistisch in die Zukunft sehen: der neue Bürgermeister der Hansestadt, Claus Ruhe Madsen, hatte zumindest im Wahlkampf verkündet, dass er die Norddeutsche Philharmonie zukünftig mit 99 Musikern sieht. Und auch nach Amtsantritt verkündete er, dass am Theaterneubau nicht gerüttelt werden soll. Am 16.09. sollen drei Modelle des zukünftigen Hauses im Rathaus aus- und zur Diskussion gestellt werden. Dennoch ist bis zur Eröffnung, die aktuell mit 2026 angesetzt wird, noch ein weiter Weg. Das Programm im Volkstheater jedenfalls, so Reichel, soll mutiger werden.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : vl Marcus Bosch, Manuela Uhl, Hans-Gerg Wimmer © Martin Goffing

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : vl Marcus Bosch, Manuela Uhl, Hans-Gerg Wimmer © Martin Goffing

Die Saison-Eröffnung fällt zusammen mit dem „Tag des offenen Denkmals“, auch die Werfthalle 207, die erst einmal für fünf Jahre zur Sommerbespielung für das Volkstheater Rostock angemietet wurde, nimmt an dem Event mit einer Führung teil, die der Technische Leiter und der Musiktheaterdramaturg kenntnisreich und unterhaltsam gestalten. Das online gestellte Programm zu diesem Tag liefert allerdings nicht einmal den Hinweis darauf, was für einen ausgefallenen musikalischen Leckerbissen kaum zwei Stunden später Kulturinteressierte erwarten würde. Dennoch können aus den Besuchern noch einige Abend-Gäste geworben werden. Die Vorstellung ist insgesamt gut besucht, wenn auch nicht komplett ausverkauft.

Tristan XS  – Richard Wagner in 90 Minuten

TRISTAN XS zur Spielzeiteröffnung 2019/20 war ein Wagnis. Mehr als 10 Jahre ist es her, dass in Rostock ein szenischer Wagner lief. Damals war es der Holländer, etwa zeitgleich mit dem Freischütz. Letzterer kam bereits 18/19 wieder auf den Spielplan. Wagner jedoch bleibt rar. Zwar gab es den Tristan konzertant, aufgeteilt auf mehrere Philharmonische Konzerte noch unter Peter Leonard (Intendant in Rostock bis 2014) und auch das Tristan-Vorspiel fand einmal Einzug in der Reihe „Classic light“, dennoch ist Bosch als Conductor in Residence, der auch maßgeblich für das Programm verantwortlich zeichnet und ein erfahrener Wagner-Dirigent ist, nicht nur in dieser Hinsicht ein Glücksfall für Rostock.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Tenor Hans-Georg Wimmer, der das Projekt Tristan XS gemeinsam mit Armin Terzer konzipiert und realisiert hat, übernimmt die Partie des Tristan. Als ausgebildeter Bass-Bariton und Experte für alte Musik wechselte Wimmer vor drei Jahren in das Heldentenor-Fach und übernahm bereits die vollständige Titelpartie in Triest und am Landestheater Niederbayern. Aktuell ist er als Loge in der Ring-Adaption in Aachen zu sehen. Dennoch ist er unter den Wagnerianern eher ein Unbekannter. Anders Isolde: Manuela Uhl ist seit vielen Jahren Weltstar. Senta, Elisabeth, Sieglinde, Elsa, Venus, Irene, aber auch Salome, Feldmarschallin, Chrysothemis führten sie an die bedeutendsten Opernhäuser weltweit. Nun endlich Isolde. Auch in Rostock ist sie schon einige Male aufgetreten. Da war die legendäre Benefiz-Gala mit Klaus Florian Vogt und Roman Brogli-Sacher in der Moderation von Hans-Jürgen Mende mitten im Kampf um den Erhalt der vier Sparten oder die IX. von Beethoven.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : Hans-Georg Wimmer © W Hüttemann

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : Hans-Georg Wimmer © W Hüttemann

Am Volkstheater wird also nun Richard Wagners Oper Tristan und Isolde auf die Soli und Duette der beiden Protagonisten eingedampft und mit einer Live-Video-Performance des australischen Videokünstlers Stephen Hamacek begleitet.

Marcus Bosch eröffnet den Abend mit einer kleinen Inhaltsangabe.  Äußerst getragen, dennoch frei von allzu romantischem Schmelz, setzt die Norddeutsche Philharmonie das Vorspiel an, bis nach wenigen Takten bereits das zweite Handy im Publikum dermaßen stört, sodass Bosch unterbrechen muss. Wer auch immer über die enervierenden Hinweise aller Theater lächelt – hier fehlte die Aufforderung zum Abschalten, und schon passiert es.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, beginnt das Vorspiel erneut und nun kommt die Akustik der alten Halle hervorragend zum Tragen. Das Orchester auf der Bühne und die schuhkartonartige, geradlinige Konstruktion ist eine Kombination, die bereits in den Philharmonischen Konzerten positiv auffiel. Wenn die Motive durch die Instrumente wandern, folgen die Augen unwillkürlich dem Klang. Die Farben bleiben zart und durchsichtig, ohne Kraft und Spannung vermissen zu lassen. Ein Erlebnis, das oftmals ein Orchestergraben verhindert.

Der Verzicht auf Steuermann, Brangäne und Kurwenal führt nach der Ouvertüre direkt zur Liebestrankszene. Der Übergang ist ungewohnt, hinterlässt aber zu keinem störenden musikalischen Bruch. Manuela Uhl intoniert sauber, genießt regelrecht das Hinaufschwingen in die Höhen, zischt und spielt ihre Wut und Verletztheit glaubwürdig, wenn sie Genugtuung für Morolds Tod fordert. Tristan nimmt die Herausforderung an und überzeugt bereits mit den ersten Noten. Der dunkle Tenor strotzt regelrecht vor kraftvoller Entschlossenheit, setzt sich sicher auf den Klang des Orchesters und glänzt mit ausgezeichneter Textverständlichkeit. Unwillkürlich denkt man an Andreas Schagers unbändige Kraft. Die bis zu diesem Moment spürbare Anspannung weicht dem Zurücklehnen und purem Genuss. Der Konflikt der Beiden mündet im Trinken des vermeintlichen Todestranks, den Brangäne allerdings ausgetauscht hat. Und tatsächlich greifen die Sänger nach einem Glas unter dem Notenpult. Im Orchester beginnen zarte Harmonien zu leuchten und die Szene wechselt in gefühlvoller Überblendung direkt hinein in den zweiten Akt der Oper, das Liebesduett „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“. Naturgemäß fehlt die Zuspitzung des Konflikts durch das Auftreten Markes und Melots oder auch Brangänes Sorge, dennoch funktioniert die Abfolge. Wimmer legt eine Schaufel Gefühl auf, könnte allerdings in der Szene etwas lyrischer sein. Da letztlich nur wenige Sequenzen aus der Oper nur mit den beiden Titelfiguren möglich sind, hätte man eventuell auf den Tag/Nacht-Strich verzichten können. Vermisst hat hier aber wahrscheinlich niemand etwas. In der Musik deutet sich mit den entfernten Hörnern noch das Auftreten Markes an, die Spannung steigt. Pause.

Die war ursprünglich nicht geplant, ca. 90 Minuten veranschlagte man, dennoch kommt sie dem Bruch zum dritten Aufzug sehr entgegen. Wieder gibt Marcus Bosch einen Überblick über die Entwicklung der Handlung, bevor die Musik einsetzt.

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS - hier : Manuela Uhl © Beate Kazimirowicz

Volkstheater Rostock / TRISTAN XS – hier : Manuela Uhl © Beate Kazimirowicz

Wie aus dem Nichts erklingt das Englischhorn aus der Höhe der letzten Zuschauerreihe in einer blitzsauberen Zartheit, die die gesamte Tragik der Tristan-Figur an einem einzigen Instrument kondensieren lässt. Luis Blanco Ferrer-Vidal als Gast, ersetzte den erkrankten Solo-Oboisten und gerät zur weiteren Überraschung des Abends. Wimmer gibt dem Tristan die notwendige Verzweiflung und Todessehnsucht bis zur letzten Sekunde. Isoldes Auftritt jedoch gerät zur Sternstunde des Abends. Auch in der Kurzfassung wird überdeutlich, wie die ganze Oper – von der Vorgeschichte, über die möglichen Tode Tristans während des ersten und zweiten Aufzugs – sowohl szenisch als auch musikalisch konsequent auf diesen Moment hinarbeitet. In der ihr eigenen Zartheit und ätherischen Weltfremdheit brilliert Manuela Uhl mit der traumhaft verklärten Schlussarie „Mild und leise, wie er lächelt“, während Tristan – sei es ob des nun erkennbaren gelungenen Experiments, sei es als Spiegel des Textes, versunken zwischen den Notenpulten glücklich strahlt.

Ach ja, eine Live-Video-Performance fand auch statt. Die wenigen, mitunter kaum spürbar bewegten Bilder, die hin und wieder ineinanderflossen, untermalten musikalische Stimmungen, nahmen Irlands Grün und das Blau des Meeres auf. Kann man machen, ohne sie hätte allerdings auch nichts gefehlt. Der Systemabsturz und Neustart hingegen wirkten denn doch etwas störend.

Marcus Bosch lotet, soweit die gekürzte Fassung dazu Raum bietet, die klanglichen Möglichkeiten der Halle vom leisesten Flirren bis zur höchsten Expressivität aus. Auch wenn das Orchester für diesen Abend nur drei Proben hatte, so entfaltet es doch die volle Vielfalt der Partitur und bringt das Publikum einmal mehr auf den Geschmack. Der lang anhaltende Applaus inklusive stehender Ovationen beweist: Das Publikum wünscht, dass Wagner doch bald in voller Länge an das Volkstheater zurückkehrt.

Apropos Neubau des Volkstheater. Am 16. September 2019 wurden die Siegerentwürfe für den Neubau des Volkstheaters präsentiert. Den europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb konnte das Berliner Büro Hascher Jehle Assoziierte für sich entscheiden. Der moderne Bau, der sich im Gegensatz zu den Folgeplatzierten in harmonisch fließenden Formen der Umgebung anpasst, soll nach aktueller Planung 2026 fertig gestellt werden und ca. 110 Mio. Euro kosten, wovon das Land 51 Mio. zugesagt hat.

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