Hamburg, Laeiszhalle, Internationales Mendelssohn Festival 2020, IOCO Kritik, 01.10.2020

Oktober 1, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Laeiszhalle Hamburg

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

Internationales Mendelssohn Festival  –  Hamburg

Fontenay Classics – Schubertiade – Mendelssohn Summer School : von Niklas Schmidt zusammen geführt

von Thomas Birkhahn

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy – Düsseldorf © IOCO

Wird die Kammermusik auch in Zukunft noch ein Publikum haben?   Wenn ein international renommiertes Ensemble wie das Auryn-Quartett in der Weltstadt Hamburg auftritt, dann muss die Frage erlaubt sein, warum so viele Plätze in der Hamburger Laeiszhalle unbesetzt bleiben, die trotz der Corona-Pandemie hätten verkauft werden können. Zumal mit Mendelssohns Streichquartett a-moll op.13 und Schuberts Streichquintett C-Dur, D 956, zwei äußerst populäre Werke aufgeführt werden. Zieht heutzutage nur noch das „Event“ mit üppig besetztem Orchester in einem schicken Ambiente wie der Elbphilharmonie ein großes Publikum an? Das wäre äußerst bedauerlich, denn was die Zuhörer an diesem Abend im Rahmen des Internationalen Mendelssohn Festivals geboten bekommen, ist Kammermusik auf höchstem Niveau.

Internationales Mendelssohn Festival – Hamburg – link 

Mendelssohns a-moll Quartett op.13 von 1827 ist sein erstes, im Alter von 18 Jahren komponiertes Streichquartett. Zwei Einflüsse werden in dem Werk deutlich: Die Beschäftigung mit dem über alles bewunderten Beethoven, der kurz zuvor verstorben war und Mendelssohns eigene Liedkomposition „Frage“, die der 18-jährige Komponist vermutlich für die von ihm damals verehrte Betty Pistor komponierte.
Mendelssohn zitiert in der langsamen Einleitung aus diesem Lied die Worte „Ist es wahr?“, und erst ganz am Schluss des Quartetts wird er musikalisch die Antwort auf diese Frage geben.

Laeiszhalle Hamburg / Hier das Auryn Quartett © Manfred Esser

Laeiszhalle Hamburg / Hier das Auryn Quartett © Manfred Esser

Das Auryn-Quartett vermittelt dem Zuhörer von Anfang an ein klares Bild der emotionalen Tiefe dieser Musik eines frühreifen Genies. Schon der warme, homogene Klang des Beginns macht deutlich, dass hier vier Musiker dieselbe Klangvorstellung haben und dieselbe Idee, wie sie diese Musik vermitteln wollen. Im furiosen Allegro vivace meinen wir die fiebrige Erregung des verliebten Komponisten zu hören. Die dramatischen Gefühlsausbrüche werden – wie vom Komponisten vorgeschrieben – teilweise im Piano vorgetragen. Das Auryn-Quartett hat genau verstanden, dass hier ein Mensch sein Gefühlsleben offen legt, der so aufgewühlt ist, dass er teilweise nur noch flüstern kann.
Im langsamen Satz verwandeln sich die vier Streichinstrumente dann in Singstimmen, die mit innigster Wärme das Liedhafte dieser Musik zu Gehör bringen. Hier spannt das Auryn-Quartett die melodischen Bögen mit einer zauberhaften Innigkeit, die ans Herz geht.

Das serenadenhafte Intermezzo ist dann sehr schlicht vorgetragen und die Musiker betonen auch hier mit einer wunderbaren Zartheit das Liedhafte dieser Musik.
Ein scharfer Kontrast dann im Presto des Schlusssatzes: Es beginnt – wieder nah an der Vokalmusik – mit einem Rezitativ. Der erste Geiger Matthias Lingenfelder spielt diese Passagen so eindringlich, dass man den feurigen Felix förmlich vor sich sieht, wie er der jungen Betty Pistor sein Herz ausschüttet. Das sich anschließende furiose Presto bleibt wunderbar zwiespältig. Ist es triumphal? Ist es flehend? Ist es schmerzhaft? Das Auryn-Quartett lässt den Hörer im Ungewissen. Jeder kann für sich selbst entscheiden, wie die Musik wirken soll. Am Schluss kehrt die „Frage“ wieder, doch diesmal zitiert Mendelssohn eine komplette Liedstrophe:

Ist es wahr?
Was ich fühle,
das begreift nur,
die es mitfühlt,
und die ewig treu mir bleibt.

Spätestens jetzt wird klar, dass das ganze Werk von Mendelssohns Liebe handelt, und der nachdenkliche Schluss lässt offen, ob diese Liebe Erfüllung findet.

Schuberts Streichquintett entstand 1828, zwei Monate vor seinem frühen Tod und nur gut ein Jahr später als Mendelssohns a-moll Quartett. Es gilt zu Recht als eines der größten Kunstwerke der abendländischen Musik. Die emotionalen Tiefen, durch die der erst 31-jährige Komponist seine Zuhörer gehen lässt, sind schlicht atemberaubend. Es erfordert enorme Anforderungen an die Musiker, diese Musik dem Publikum nahe zu bringen.

Niklas Schmidt, Organisator der International Mendelssohn Festival Hamburg © Niklas Schmidt

Niklas Schmidt, Organisator der International Mendelssohn Festival Hamburg © Niklas Schmidt

Der verhaltene C-Dur-Akkord, mit dem das gewaltige Werk beginnt, kommt beim Auryn-Quartett – verstärkt am 2. Cello von Festival-Organisator Niklas Schmidt – vibratolos wie aus dem Nichts. Für einen kurzen Moment scheint die Zeit stehen zu bleiben, bevor der Akkord sich eintrübt und eine emotionale Reise beginnt, die alle Facetten dieser einzigartigen Musik ausleuchtet.

Die fünf Musiker machen auf wunderbare Weise deutlich, dass hier kein Platz für Gefälliges oder Unterhaltendes ist. Wir hören auf engstem Raum wehmütiges Flehen und trotziges Aufbegehren. Wir hören, wie die Musik im zweiten Satz nicht mehr weiter weiß und fast zum Stillstand kommt und wir werden von den schwindelerregenden Dissonanzen des Scherzos durchgeschüttelt. Hier geht es um essentielle Dinge des Lebens, und die Tiefe und Ernsthaftigkeit, mit der dieses Ensemble musiziert, gehen zu Herzen.

Der emotionale Höhepunkkt des Abends sind die herzzerreissenden Schmerzen im Mittelteil des Adagios. Sie werden mit bestürzender Intensität dargeboten. Immer neue Dissonanzen türmen sich aufeinander, schauerliche Triller gehen durch Mark und Bein, bis man als Zuhörer schließlich fast erleichtert ist, als die Musik wieder in das ruhigere Fahrwasser des Beginns zurückkehrt. Auch hier zeigen die Musiker ihre ganze Klasse, in dem sie das Drama nicht nur durch Lautstärke darstellen, sondern durch die Intensität der Klangfarben.

Dass Schubert die Musik der Wiener Klassik hinter sich gelassen hat, wird besonders im Trio des Scherzos deutlich: Hier ist nichts mehr übrig von der Heiterkeit eines Trios von Haydn oder Mozart. Hier herrscht eine tiefe Ernsthaftigkeit, ein Nachdenken über das Leben selber. Und so, wie es das Ensemble an diesem Abend spielt, ist man für einen kurzen Moment im Zweifel, ob es nach dem Trio überhaupt noch weiter geht.

Auryn-Quartett – hier 2008 aus Salzburg mit Franz Schuberts Streichquartett a-Moll
youtube Trailer Aurin-Quartett
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Aber Schubert hat natürlich noch ein Finale geschrieben. Und was für eines! Ist das Hauptthema des Finales in Dur oder Moll? Ist diese Musik heiter oder wehmütig? Darauf gibt es wohl keine eindeutigen Antworten. Auch an diesem Abend nicht. Und das ist gut so. Das Auryn-Quartett und Niklas Schmidt lassen uns im wunderbar Ungewissen. Sie bringen Momente von schwebender Zartheit hervor, um dann wieder ins Tänzerische umzuschwenken. Und immer wieder gibt es Eintrübungen nach Moll, die so gar nicht zur Tonart C-Dur passen wollen. Bis wir schließlich beim Presto des Schlusses angekommen sind. Für die fünf Musiker ist dies kein triumphales Ende, es klingt eher wie eine panische Flucht Schuberts. Vor dem Leben? Vor sich selbst? Wir wissen es nicht, aber mit dem aggressiven Vorhalt vor dem abschließenden Schlusston machen die Musiker unmissverständlich klar, dass dies kein versöhnliches Ende ist. Hier ist jemand an einem Endpunkt angekommen, ob er nun geahnt haben mag, dass sein Leben zu Ende geht, oder nicht.

Es gibt nicht oft Standing Ovations am Ende eines Kammermusik-Konzerts. Aber in diesem Fall sind sie absolut gerechtfertigt. Und die Musiker sind klug genug, nach dieser Musik von Schubert keine Zugabe mehr zu spielen.

„Ist es wahr, dass man zwei Meisterwerke der Kammermusik auf diesem Niveau erleben darf?“, möchte man ehrfürchtig fragen. Nach diesem Abend lautet die frohe Antwort: „Ja, wir haben es erlebt!“

 —| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Bremen, Die Glocke, 7. Philharmonisches Konzert  –  „Durchbruch“, IOCO Kritik, 06.03.2020

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Die Glocke Bremen

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

7. Philharmonisches Konzert  –  „Durchbruch“
Bremer Philharmoniker, Leonard Elschenbroich, Violoncello, Marko Letonja, Dirigent

Mark Simpson: Konzert für Violoncello und Orchester
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

von Thomas Birkhahn

Es ist immer begrüßenswert, wenn zeitgenössische Musik aus dem Nischendasein der Neue-Musik-Festivals ausbricht und einen Platz im herkömmlichen Konzertbetrieb findet. Insofern kann man die Bremer Philharmoniker für ihren Mut loben, eine deutsche Erstaufführung auf das Programm zu setzen: Das Cellokonzert des Engländers Mark Simpson (*1988), welches eigens für den Solisten dieses mit „Durchbruch“ betitelten philharmonischen Konzerts, Leonard Elschenbroich, geschrieben und von diesem uraufgeführt 2018 wurde.

Cellist Leonard Elschenbroich © Felix Broede

Cellist Leonard Elschenbroich © Felix Broede

Schon die große Geste mit der das Orchester das Werk einleitet, macht deutlich, dass wir es hier mit hochemotionaler Musik zu tun haben. Die Intensität wird durch die ausladenden gesanglichen Linien des Cellos noch gesteigert. Elschenbroich identifiziert sich absolut mit dieser Musik und verleiht ihr eine Expressivität, die den Zuhörer bis zum Schluss nicht loslässt. Er stürzt sich mutig in die rasenden Läufe und höllisch schweren Doppelgriffe, die seine fabelhafte Technik bezeugen.

Solist und Orchester überbieten sich beinahe im Anheizen der Emotionen, so dass der langsame Mittelsatz eine willkommene Beruhigung auch für den Zuhörer darstellt. Simpson scheint vor allem das hohe Register des Cellos zu lieben. Wenn in diesem Werk ein Wunsch offenbleibt, dann der, dass der große Tonumfang des Cellos häufiger voll ausgereizt wird. Man hätte sich gelegentlich ein längeres Verweilen des Cellos in den tiefen Registern durchaus vorstellen können. Das Werk wurde nach der Uraufführung – so konnte man dem Programmheft entnehmen – von Teilen der Presse in die Nähe von Filmmusik à la Hollywood gerückt. Wenn dem so ist, dann ist dies Musik für einen Thriller, der fast ununterbrochen für Nervenkitzel sorgt.

Nach dem begeisterten Applaus – der zu einem nicht geringen Teil auch dem anwesenden Komponisten galt – bedankt sich der Solist mit der wunderbar innig vorgetragenen Sarabande aus der dritten Cellosuite von Johann Sebastian Bach.

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Nach der Pause erklingt dann Gustav Mahlers erste Symphonie. Um etwas vorzugreifen: Am Ende erheben sich die acht Hornisten von ihren Plätzen und spielen den Schluss im Stehen. Es ist die passende optische Geste für eine Musik, die alle Selbstzweifel hinter sich gelassen hat und in triumphaler Selbstbehauptung der Zukunft entgegen geht.

Dass es ein steiniger Weg ist, den der „Titan“, der in Wirklichkeit Mahler ist, in dieser Sinfonie zurücklegen muss, machen Dirigent Marco Letonja und seine Bremer Philharmoniker überzeugend deutlich.

Mahlers erste Sinfonie wurde 1889 in Budapest uraufgeführt, damals noch als fünfsätzige Sinfonische Dichtung mit dem Titel Der Titan – angelehnt an einen Roman von Jean Paul. Erst später konzipierte Mahler das Werk als Sinfonie und strich sowohl das sinfonische Programm als auch den zweiten Satz, der heutzutage noch gelegentlich unter dem Titel Blumine aufgeführt wird.

GMD Marko Letonja © Marcus Meyer

GMD Marko Letonja © Marcus Meyer

Letonja hat eine klare Vorstellung davon, wie der Weg des Helden verlaufen soll. Das Hauptthema des ersten Satzes – aus Mahlers eigenem Lied „Ging heut‘ morgen übers Feld“ – nimmt er nicht nur im von Mahler mit „Immer gemächlich“ vorgeschriebenen Tempo, sondern auch mit der nötigen Zartheit und Zurückhaltung. Letonja erzeugt eine idyllisch heitere Stimmung, in der die lyrische Melodik Mahlers genauso zur Geltung kommt wie die Zögerlichkeit, die Fragezeichen, die dieser Musik ebenfalls innewohnen. Erst nach einer gewaltigen Klangentladung am Ende des ersten Satzes – vermutlich der „Durchbruch“, der dem Konzert seinen Titel gab – wird der Weg frei für Optimismus und Lebensbejahung.

Diese herrschen auch zunächst im länderartigen zweiten Satz vor. Letonja und seine Musiker betonen mit hörbarer Spielfreude das Rustikale, Volkstümliche dieser Musik, ohne die bedrohlichen Klänge, die sich hier und da dazwischen mischen zu ignorieren. Diese dunklen Untertöne werden dann aber mit hitziger Energie beiseite gespielt. Wunderbar zart gelingt das Trio. Die Streicher der Bremer Philharmoniker zaubern einen zerbrechlichen Klangteppich, den die Bläser mit klangschönen Soli ergänzen.

Hiroyuki Yamazak  - Kontrabassist © Bremer Philharmoniker

Hiroyuki Yamazak – Kontrabassist © Bremer Philharmoniker

Der dritte Satz beginnt mit einem Kontrabasssolo (sehr einfühlsam gespielt von Hiroyuki Yamakazi), der das Volkslied Bruder Jakob in Moll anstimmt. Vielleicht war es dieser Einbruch des Profanen, der „niederen Kunst“ in die Sinfonie, die ja die Königsgattung der Orchestermusik ist, die den berühmten Wiener Kritiker Eduard Hanslick zu der Aussage verleitete, dass diese Sinfonie „zu jener Gattung Musik gehört, die für mich keine ist.“

Mahler macht hier aus einem Kinderlied einen Trauermarsch, der immer mehr zu einem wehmütigen Klagegesang anschwillt. Immer wiederkehrenden Unterbrechungen des Trauermarschs durch volkstümliche Klänge gelingen Letonja sehr organisch, und besonders Mahlers Zitat aus seinem Lied Die zwei blauen Augen wird vom Orchester mit berückender Schönheit gespielt.

Letonja hält sich genau an Mahlers Anweisung und macht keine Unterbrechung vor dem Finalsatz. In den verlöschenden Trauermarsch hinein lässt er mit schneidender Schärfe das Finale über die Zuhörer hereinbrechen. Die Extreme von Mahlers Emotionen werden uns noch einmal in ihrer ganzen Bandbreite dargelegt. Seine Zerissenheit, sein Weltschmerz, und am Ende sein Optimismus – sie lösen an diesem Abend einen Beifallssturm aus, den sich Dirigent und Orchester verdient haben.

—| IOCO Kritik Bremer Philharmoniker |—

Bremen, Die Glocke, 6. Philharmonisches Konzert – Mozart, Berg, Adès, Beethoven, IOCO Kritik, 12.02.2020

Februar 11, 2020 by  
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Die Glocke Bremen

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

 6. Philharmonisches Konzert – Mozart, Berg, Adès, Beethoven

Bremer Philharmoniker – Clemens Schuldt

von Thomas Birkhahn

Wenn ein unbekanntes Werk Mozarts in einem Konzert, in dem ebenfalls eine Beethoven-Symphonie und das bedeutendste Violinkonzert des 20. Jahrhunderts gespielt werden, den stärksten Eindruck hinterlässt, dann kann man mit einigem Recht von einem sehr besonderen Konzert sprechen.

Das 6. Philharmonische Konzert in der Bremer Glocke beginnt mit Mozarts Schauspielmusik zu Thamos in Ägypten, einem – wie nach dieser Aufführung deutlich wird – zu Unrecht selten aufgeführten Werk. Dirigent Clemens Schuldt verzichtet auf die beiden Chorsätze und führt das Werk als quasi viersätzige Sinfonie auf.

Schon die Tatsache, dass drei der vier Sätze in Molltonarten stehen, ist für Mozart bemerkenswert, besonders wenn man bedenkt, dass es im Jahr 1773 – also noch in seiner Salzburger Zeit – entstand.

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Clemens Schuldt betont von Beginn an die Ruhelosigkeit dieser Musik. Er dirigiert sehr zupackend, treibt die Musik voran und verleiht ihr oftmals einen grimmigen Charakter. Die Streicher der Bremer Philharmoniker spielen fast vibratolos, was dem Orchesterklang eine Klarheit, aber auch Härte verleiht, die gut zu dieser hochdramatischen Musik passen. Dadurch kommt auch in den lyrischen Passagen kein gefälliger Wohlklang auf. Die dramatischen Ausbrüche dieser Musik werden von Clemens Schuldt mit großer Eindringlichkeit inszeniert. Hier ist ein Dirigent am Werk, der eine klare Klangvorstellung hat und diese seinen Musikern und dadurch auch dem Publikum gut zu vermitteln vermag.

Dirigent Clemens Schuldt © Hart Sammy

Dirigent Clemens Schuldt © Hart Sammy

Ich muss zugeben, dass ich Thamos in Ägypten vorher nicht kannte, und mit solch expressiver Musik bei Mozart nicht gerechnet hatte, schon gar nicht bei einem Werk aus seiner mittleren Schaffensperiode. Sowohl der häufige Gebrauch der Chromatik als auch die großen Intervallsprünge lassen schon das Klavierkonzert in c-moll vorausahnen. Man kann nur hoffen, dass Thamos in Ägypten irgendwann zum Standard-Repertoire eines jeden Symphonieorchesters gehören wird. Ich kann es jedem Interessierten nur wärmstens empfehlen!

Alban Bergs Violinkonzert ist wohl das bedeutendste Solokonzert des 20. Jahrhunderts, und eine der wenigen Zwölftonkompositionen, die sich bei einem breiten Publikum großer Beliebtheit erfreuen. Das liegt zum Einen an der Zwölftonreihe selbst, aus der sich vier reine Dreiklänge ergeben, die sogar in Quintverwandtschaft zueinander stehen, wodurch das Werk also schon von der Anlage her nicht komplett atonal konzipiert ist.

Zum Anderen spielen außermusikalische Aspekte eine Rolle, die dem Hörer den Zugang zu dieser Musik erleichtern. Berg hat dem Konzert den Untertitel „Dem Andenken eines Engels“ gegeben. Dieser „Engel“ ist Manon Gropius, die Tochter Alma Mahlers, die im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung starb. Berg war so erschüttert von ihrem Tod, dass er das Violinkonzert als eine Art Requiem konzipierte, in dem er Manons Leben und Charakter musikalisch beschreibt.

Für Solist Frank-Peter Zimmermann ist das Berg-Konzert neben dem Beethoven-Konzert dasjenige, das „am meisten in meinem Blut ist“. Er bezeichnet es als „Teil meiner Selbst“.

Der Beginn des Konzerts könnte nicht „unspektakulärer“ sein: Der Solist spielt die vier leeren Geigensaiten rauf und wieder runter. Das kann jeder Geigenschüler nach der ersten Unterrichtsstunde. Zimmermann betont die Schlichtheit dieses Beginns, das vorsichtige Herantasten an Manons Persönlichkeit. Er scheut auch nicht vor Sentimentalität zurück, wenn er im Verlauf des ersten Satzes durch glissandierende Lagenwechsel die Sinnlichkeit dieser Musik hervorhebt. Jede musikalische Geste ist bei ihm genau durchdacht, man spürt seine innere Verbundenheit mit diesem Werk. Zimmermann hört genau ins Orchester hinein und nimmt auf, was es ihm zuspielt. Sein durchdringender, intensiver Ton geht unter die Haut und lässt den Hörer eine Ahnung von Manons Charakter bekommen.

Frank Peter Zimmermann © Harald Hoffmann

Frank Peter Zimmermann © Harald Hoffmann

Hat der erste Satz noch eher lyrischen, gelegentlich sogar heiteren Charakter, so handelt der zweite Satz von Manons Todeskampf. Zimmermann scheut sich nicht, die Schmerzen dieser Musik ungeschönt dem Hörer nahe zu bringen. Jetzt ist alle Sentimentalität verflogen, jetzt geht es um Qualen, die nicht vorbei sind, bis die Geige den Bach-Choral „Es ist genug“ anstimmt. Erst hier lässt Zimmermann wieder los, und der Tod kommt als Erlösung.

Es ist eine großartige Geste, wie Zimmermann sich kurz vor Ende des Werkes von seiner Position als Solist auf der Bühne entfernt und in die Geigen einreiht. Damit macht er auch optisch deutlich, dass die Solovioline dasselbe wie die Orchestergeigen spielt. Er geht quasi im Orchester auf, und als er wieder als Solist hervortritt, ist die Musik schon nicht mehr von dieser Welt und Manon nur noch eine schöne Erinnerung.

Dass es für Zimmermann ein Leben nach dem Tod gibt, beweist er mit einer Zugabe, dem ersten Satz, „Tempo di ciaconna“, aus Bela Bartoks Solosonate, dessen halsbrecherischen technischen Schwierigkeiten er mühelos meistert.

Der englische Komponist Thomas Ades intrumentierte 2006 drei Klavierstücke Francois Couperins für Orchester. Seine Arbeit erinnert entfernt an StrawinskysPulcinella-Suite“. Obwohl Ades weitaus weniger in die musikalische Substanz eingriff als Strawinsky bei der Musik Pergolesis, können seine Instrumenierungen die Anmut und Eleganz dieser Musik nicht adäquat wiedergeben. Man fragt sich, warum er für die Streicher durchgehend einen Dämpfer vorschreibt. Die Artikulation wirkt jedenfalls etwas einförmig, wie ein Sprechen hinter vorgehaltener Hand. Das Spiel der Bremer Philharmoniker mutet hier zum Teil gehemmt an, der Funke – so es ihn denn in diesen Bearbeitungen gibt – springt nicht recht über.

Es ist das Schicksal von Beethovens erster Sinfonie, dass dieses Werk im Allgemeinen aus der Rückschau betrachtet wird: nämlich als eine Sinfonie, die sich noch stark an Joseph Haydn orientiert und nicht den „wahren“ Beethoven verkörpert, der erst mit der Eroica auf den Plan tritt. Dass man damit dieser großartigen Musik Unrecht tut, beweist Clemens Schuldt in einer spannungsgeladenen Wiedergabe, in der seine Hingabe zu dieser Musik überzeugend zum Ausdruck kommt.

Ludwig van Beethoven - ganz anders © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven – ganz anders © Peter M. Peters

Beethoven widmete seinen sinfonischen Erstling zwar dem Haydn-Freund Gottfried van Swieten, doch ist durchaus vorstellbar, dass diesem schon zu Beginn des Werkes vor Schreck die Perücke vom Kopf gerutscht sein mag. Beethoven führt den Hörer an der Nase herum, indem er die Einleitung mit einem Septakkord beginnt, der nach F-Dur aufgelöst wird. Das Stück steht aber in der Tonart C-Dur, die erst im achten Takt bestätigt wird – eine halbe Ewigkeit für damalige Verhältnisse! Auch die Pizzicati der Streicher suggerieren Beethovens Willen, auf Schönklang zu verzichten und neue Wege zu gehen.

Wie schon im Mozart hat Schuldt auch hier ein klares Bild dieser Sinfonie, dass er mit großartiger Überzeugung vermitteln kann. Wieder lässt er das Orchester fast vibratolos spielen und erreicht dadurch eine große Klarheit und Durchhörbarkeit. Die dissonanten Akzente, das Unruhige, Drängende dieser Musik stehen für ihn im Vordergrund. Das „Andante“ hat für ihn mehr tänzerischen als lyrischen Charakter, und den mit „Menuett“ überschriebenen dritten Satz behandelt er richtigerweise als „Scherzo“, denn mit der Gemütlichkeit eines Haydnschen Menuetts hat dieser Satz nichts mehr gemein. Hier herrschen eine Unruhe und Getriebenheit, die schon ganz eigener Beethoven sind.

Doch bei aller Dramatik, die dieser Musik innewohnt, versucht Schuldt nicht, sie zu einer Art „Eroica“ hochzupushen. Es ist Beethoven, aber es ist früher Beethoven, und wüsste man nicht, in welche Richtung er sich weiter entwickelte, man könnte wohl kaum erahnen, welche ungeheuerlichen Klänge dieser Komponist nur vier Jahre später seinen Zuhörern in der Eroica um die Ohren schleudern wird!

Der begeisterte Applaus galt zu allererst Clemens Schuldt, der mit seinem sympathischen Auftreten und seiner großen Musikalität sowohl Orchester als auch Publikum in seinen Bann zog. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass dieser junge Dirigent – er ist erst 37 Jahre alt – eine große Karriere vor sich hat.

—| IOCO Kritik Die Glocke |—

Amsterdam, Het Concertgebouw, Rotterdamer Philharmoniker – Schostakowitsch, IOCO Kritik, 31.01.2020

Het Concertgebouw in Amsterdam © Hans Roggen

Het Concertgebouw in Amsterdam © Hans Roggen

Het Concertgebouw

Dmtri Schostakowitsch – Gioacchino Rossini

Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 1, Es-Dur, op.107, Sinfonie Nr. 15, A-Dur, op. 141 –   Gioacchino Rossini:  Wilhelm Tell

von  Thomas Birkhahn

Warum kombinieren Konzertveranstalter Gioaccinos Rossinis Wilhelm Tell Ouvertüre mit zwei Werken von Dmtri Schostakowitsch?

Die Frage ist relativ leicht zu beantworten: Schostakowitsch zitiert in seiner 15. Symphonie das berühmte Thema aus der Wilhelm Tell Ouvertüre. Viel schwieriger ist die Frage zu beantworten, warum er das macht. Mehr dazu später.

Rotterdamer Philharmoniker – Gautier Capucon – Violoncello

Das Konzert beginnt also mit Rossinis bekanntester Ouvertüre, dessen erwähntes Hauptthema wohl zu den populärsten Melodien der klassischen Musik überhaupt zählt. Weit weniger bekannt ist das wunderbare Celloquintett, mit dem die Ouvertüre beginnt. Die Cellisten der Rotterdamer Philharmoniker spielen diese getragene und ernste Musik mit vollem Ton und großer romantischer Geste. Auch die später einsetzenden Bläser zeigen in klangschön vorgetragenen Soli ihre Musikalität und technische Meisterschaft. Aber auch der Streicherapparat beweist im berühmten Hauptthema und den rasenden Läufen seine Klasse. Dirigent Valery Gergiev zeichnet die Dramatik dieses Klassik-Hits gut nach. Auch wenn die Ouvertüre keine besondere musikalische Tiefe vermittelt, macht es einfach Spaß, solche Musik zu hören!

Rotterdamer Philharmoniker und Valery Gergiev
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Im darauf folgenden ersten Cellokonzert von Schostakowitsch macht Solist Gautier Capucon von den ersten 4 Tönen des solistisch vorgetragenen Hauptthemas an klar, worum es ihm in diesem Werk geht bzw. nicht geht: Für Capucon ist dies kein launiges Bravourstück, durch das man in rasendem Tempo seine technische Meisterschaft zeigen kann. Die Tempovorgabe „Allegretto“ setzt er konsequent um. Sein Ton hat eine Härte, die eine grimmige Grundstimmung erzeugt. Dies ist kein Wohlfühlklang, der sich selbst im großen Klagegesang des zweiten Satzes nicht in einen romantisch singenden Ton verwandelt. Wie ein Blick in eine andere Welt ist die Passage, in der der Solist das Thema des zweiten Satzes mit künstlichen Flageoletts im Zusammenspiel mit der Celesta vorträgt. Die gläserne Leichtigkeit dieser Passage hat man selten mit solcher Zartheit gehört. Auch im introvertierten Beginn der Kadenz findet der Hörer bei Capucon keinen Trost. Er bleibt mit bewundernswerter Konsequenz bei seiner Linie, die Härte dieser Musik zu betonen, so dass es dann auch im Schlusssatz keine Überraschung mehr ist, dass die rasenden Läufe und schwierigen Doppelgriffe von Capucon nicht zum Zeigen seiner technischen Brillanz – die er zweifellos besitzt – genutzt werden.

Bei Gautier Capucon scheint die Musik nach der Rückkehr des viertönigen Hauptthemas des ersten Satzes beinahe vor sich selbst davon zu laufen. Der Hörer ist fast erleichtert, als das Konzert vorbei ist, und die Anspannung weichen kann. Capucons Interpretation ist wohl durchdacht, mit absoluter Konsequenz durchgehalten und ohne darauf aus zu sein, beim Zuhörer Wohlgefühl zu erzeugen. Wir meinen, auch in diesem Werk Schostakowitschs Leiden an den persönlichen und politischen Verhältnissen in der Sowjetunion zu hören. Beim Orchester ist zu allererst der Hornist hervorzuheben, der von Schostakowitsch gerade im ersten Satz beinahe wie ein zweiter Solist behandelt wird. Auch er vermeidet Schönklang, vielmehr schmettern seine Solopassagen mit aggressiver Geste heraus. Das Orchester insgesamt ist dagegen zu oft kein gleichwertiger Partner für den Solisten. Man vermisst gerade im zweiten Satz etwas mehr bohrende Intensität, etwas mehr Tiefgang. So großartig das erste Cellokonzert auch ist, in diesem Konzert hätte das weniger populäre weil deutlich introvertiertere zweite Cellokonzert besser gepasst, denn die nach der Pause gegebene 15. Sinfonie zitiert auch aus dem 2. Cellokonzert. Hier ist der Konzertveranstalter dem Publikumsgeschmack gefolgt, anstatt ein inhaltlich stimmiges Programm zu erstellen.

Het Concertgebouw / der Grosse Saal © Hans Roggen

Het Concertgebouw / der Grosse Saal © Hans Roggen

Die 15. Sinfonie von Schostakowitsch gibt dem Hörer Rätsel auf, die sich wahrscheinlich nie lösen lassen. Sie beginnt mit einem einzelnen Glockenspielschlag, gefolgt von einer kindlich-heiteren Flötenmelodie. Ist das ernst gemeint? Klingt so das symphonische Vermächtnis eines der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts? Es wird noch rätselhafter: wie schon erwähnt, intonieren die Blechbläser das berühmte Thema aus Rossinis „Wilhelm Tell“. Und es bleibt nicht dabei! Freunde des musikalischen Zitats kommen in dieser Sinfonie voll auf ihre Kosten. Schotakowitsch zitiert das Schicksalsmotiv aus Wagners Ring, der Beginn des Tristan zieht kurz vorüber, es gibt Zwölftonreihen, das B-A-C-H-Motiv erklingt und wir hören Anklänge an seine 4. und 7. Sinfonie sowie an das 2. Cellokonzert. Was soll das alles? Ein Scherz? Ist Schostakowitsch nach über 35 Jahren stalinistischer Tyrannei nach Scherzen zumute? Eine Spurensuche ist wenig ergiebig. Vom Komponisten ist nur die Aussage überliefert, dass er die Zitate „nicht nicht hätte einfügen können.“ Außerdem bezeichnete er den ersten Satz als „tanzende Puppen in einem Spielwarenladen.“ Also doch echte Heiterkeit?  Dirigent Kurt Sanderling, lange Jahre ein enger Freund Schostakowitschs, war vom Gegenteil überzeugt. Es seien leblose Puppen, Marionetten einer Diktatur, die hier einen Totentanz tanzen.

Das Rätsel der Zitate kann keine Aufführung beantworten, auch nicht, wenn der Dirigent Valery Gergiev heißt, der Schostakowitsch noch persönlich gekannt hat und seit Jahrzehnten dessen Musik regelmäßig aufführt. Aber wie geht Gergiev den „Spielzeugladen“ an? Auch für ihn ist dies keine heitere Musik, sondern sie hat etwas Bedrohliches. Die Leichtigkeit des Beginns ist trügerisch, die Musik hat bei Gergiev eine Schwere, die schon den Trauermarsch des zweiten Satzes vorwegnimmt. In diesem Trauermarsch gelingt es Gergiev dann aber nur bedingt, eine musikalische Tiefe zu erzeugen. Die Musik bleibt etwas vordergründig. Es fehlt ihr sowohl an Ruhe als auch an innerer Spannung. Auch sind manche Bläsereinsätze wie schon im ersten Satz nicht ganz präzise. Die detaillierten dynamischen Vorgaben des Komponisten werden nicht genau genug umgesetzt.

Die Musik dieser letzten Sinfonie Schostakowitschs besteht aus vielen kleinen Gesten, die oftmals auf engstem Raum nebeneinander stehen. Hier hätte man sich mehr Kontraste gewünscht, sie klangen zu einheitlich. Eine Klage ist etwas anderes als ein Seufzer, und ein Lachen etwas anderes als ein Meckern. Diese Verschiedenartigkeit, die den Reiz dieser Musik ausmacht, kam in dieser Aufführung zu kurz. Manche Passagen gelangen wiederum sehr überzeugend, wie das Tristan-Thema des letzten Satzes, in dem die Streicher eine wunderbare Ruhe vermittelten. Trotzdem bleibt als Gesamteindruck eine gewisse Oberflächlichkeit. Ob das an geringer Probenzeit lag, oder daran, dass Gergiev seine Sicht auf das Stück nicht vermitteln konnte, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls konnte das Orchester seine zweifellos vorhandene Qualität in dieser Aufführung nur bedingt zeigen. Es wurde eine Chance vergeben, die vielen Qualitäten dieser selten gespielten Sinfonie einem größeren Publikum – der Concertgebouw war fast ausverkauft – näher zu bringen.

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