Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, IOCO Kritik, 26.05.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg –  Richard Wagner

– Gefangen im Spannungsfeld der Extreme –

Von Uschi Reifenberg

Die Tannhäuser Aufführung am Nationaltheater Mannheim (NTM) machte wieder einmal deutlich, welch außerordentlichen Rang das Haus am Goetheplatz in der Wagner-Rezeption einnimmt.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner, Bayreuth und Mannheim stehen seit etwa 150 Jahren in enger Verbindung, erfolgte doch bekanntlich die Gründung des ersten Wagner Verbandes 1871 durch den Mannheimer Musikalienhändler und glühenden Wagner Anhänger Emil Heckel (1831-1908). Bis  heute ist der Wagner Verband Mannheim-Kurpfalz einer der größten weltweit.

Aber auch als Wagner Talentschmiede ist das NTM an vorderster Stelle zu nennen, denn regelmäßig wirken Dirigenten, Sänger oder Orchestermusiker bei den Bayreuther Festspielen als unverzichtbarer Bestandteil der dortigen Besetzung mit und starten oftmals internationale Karrieren.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg ist Richard Wagners fünftes Werk und sollte  – bedingt durch vielfache  Umarbeitungen – sein Sorgenkind bleiben, denn wenige Wochen vor seinem Tod 1883 bekannte Wagner, dass er „der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ sei.

Uraufgeführt in Dresden 1845, beschreitet Wagner mit dem Tannhäuser konsequent den Weg zum Musikdrama, auch wenn Arien und Ensembles als geschlossene Form noch erkennbar sind, aber  die dramaturgische und musikalische Verbindung der einzelnen Teile bereits auf die durchkomponierte Form hinweisen. Neben der Urfassung und der späteren Wiener- sind die Dresdner – und die Pariser Fassung von 1861 die am häufigsten gespielten Fassungen.

Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Chris Alexander aus dem Jahre 1996 zeigt die Pariser Fassung mit der nachkomponierten Bacchanal- Musik und der Venusberg Szene von 1861. Das Walther Lied im 2. Akt der Dresdner Fassung wurde beibehalten.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Die Figur des Tannhäuser stellt sicher eine der komplexesten Charaktere im Wagnerschen Figuren Kompendium dar und ist in seiner Ambivalenz und psychologischen Vieldeutigkeit von äußerster Aktualität. Tannhäuser, der Künstler, der wie ein Getriebener sich nirgends zugehörig fühlt, der Rebell, der das eine will, aber das andere nicht lassen kann. Der die Gesellschaft der Wartburg und ihre Regeln verachtet und sich hemmungsloser Selbstverwirklichung im Venusberg hingibt, auf der Suche nach der eigenen Identität, der künstlerischen Wahrheit, der allumfassenden konkreten Liebesutopie. Der, zwischen den extremen Polen der körperlichen und vergeistigten Liebe zerrieben, als Außenseiter zum Scheitern verurteilt wird, aber am Ende durch die wahre Liebe einer opferbereiten Frau Erlösung im Tod findet.

So betrachtet steckt viel Autobiografisches in Tannhäuser – Wagner, dem Revolutionär von 1848, dem in Paris gescheiterten Musiker Wagner, dessen Hauptthema der Erlösung durch die Liebe sich durch sein Leben wie durch das gesamte Schaffen vom Holländer bis zum Parsifal zieht.

Die Inszenierung von Chris Alexander hat auch nach mehr als zwanzig Jahren nichts von ihrer Lebendigkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt und besticht durch ihre überzeugende Personenführung sowie der räumlichen Fokussierung auf das Wesentliche.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Der 1. Akt im Venusberg ist ein weiter, klar strukturierter, dunkel gehaltener Raum (Bühnenbild: Maren Christensen), in dessen hinterem Bereich sich die Venusberg Gesellschaft in historisch vielgestaltigen Kostümen (Susanne Hubrich) in reizvollen choreografischen Formationen (Jaqueline Davenport)  erotischem Treiben hingibt. Schemenhaft ist im hinteren Raum eine Statue erkennbar, Venus – Maria? Im vorderen Teil der Bühne ist ein Bett aufgestellt, von welchem aus der Künstler Tannhäuser das dionysische Treiben unbeteiligt beobachtet. Die femme Fatale Venus gesellt sich zu ihm, wo sich vor schwarzem Vorhang ein typischer Wagnerscher Geschlechter Diskurs über Tannhäusers Freiheitsbestrebungen entspinnt. Auch unter Aufbietung ihrer sämtlichen Reize gelingt es Venus nicht, Tannhäuser zu halten. Sie verliert, er entscheidet sich gegen sie und ihre Welt. Nach seiner Flucht aus dem künstlichen Paradies des Venusbergs, findet er sich in einem frühlingshaften Tal wieder, die Statue wird nun als Marienstatue sichtbar und der Bühnenraum ist in hellem grün ausgeleuchtet (Licht: Eduard Roth).

Tannhäuser ist in der Realität angekommen. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn der junge Hirt als Mutter mit Baby dargestellt wird und im Kreis ihrer Familie von Erneuerung und Glück singt.

Die Jagdgesellschaft um den Landgraf Hermann ist eine honorige Gruppe von Künstlern mit der  charismatischen Figur des Wolfram von Eschenbach an der Spitze. Mit der Erinnerung an Elisabeth überredet er freudig Tannhäuser zum Bleiben und die ehemaligen Sangeskollegen nehmen ihn gern wieder in die Reihen der Wartburggesellschaft auf.

Die Sängerhalle auf der Wartburg des 2. Aktes ist ganz in leuchtendem rot gehalten, seitlich sind zwei Tribünen mit ansteigenden Sitzreihen zu sehen, auf welchem die Gäste im Lauf ihres Einzugs Platz nehmen und von dort aus den Sängerwettstreit um das Thema „Liebe“ kommentieren. Diese Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, amüsierfreudig,  und in feine Abendrobe gewandet. Chris Alexander spiegelt das Theaterpublikum, indem er die noble Abendgesellschaft den Theaterbesuchern gegenüber positioniert. Wenn Tannhäuser seinen Skandal provoziert, bewerfen sie ihn dann empört mit Programmheften.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Die hingebungsvolle und aufrichtige Elisabeth – Gegenpol zur Venus -, ist eine kompromisslos liebende junge Frau, die Inkarnation des christlichen Ideals der Nächstenliebe, unverrückbar eingegliedert in das Regelwerk der Wartburgwelt. Die Demütigung, die Elisabeth durch Tannhäusers Geständnis seiner Venusbergerfahrung und der hemmungslosen Hinwendung zu Eros und Sexus erfährt, verwandelt sie gegen jeden Widerstand der Wartburggesellschaft in  Opferbereitschaft für Tannhäuser. Fortan weiht sie ihr Leben diesem selbstgewählten Erlösungsauftrag und hofft mit Tannhäuser auf Vergebung seiner Schuld durch den Papst in Rom.

Im 3. Akt sieht man Elisabeth betend an die Marienstatue angeschmiegt, „dahingestreckt in brünst‘gen Schmerzen“ wie Wolfram von Eschenbach aus schützender Distanz und wissendem Mitleid kommentiert.

Als Elisabeth klar wird, dass Tannhäuser nicht unter den heimkehrenden und erlösten Pilgern ist und sie sich für den Opfergang bereit macht, legt sich Wolfram zu ihr auf die Erde – ein schönes Bild der Entsagung und der Liebesutopie. Im Lied an den Abendstern hüllt er sich zärtlich in den Schleier  Elisabeths ein. Zum ergreifenden Höhepunkt wird die Romerzählung Tannhäusers, in welcher er das Trauma seiner Pilgerfahrt nach Rom noch einmal durchlebt. Bei der Anrufung der Venus steigen aus „milden Lüften“ rote Nebel auf und Venus erscheint in der Marienstatue aus deren Sockel sich eine Tür zum Venusberg öffnet. Wolfram kann Tannhäusers erneutes Eintauchen in die  Sinnenwelt  gerade noch verhindern, Elisabeth wird als Heiligenfigur über die Bühne getragen, Tannhäuser ist erlöst und die Pilger mit ergrüntem Bischofsstab und leuchtenden  Kerzen künden von Gnade und Erlösung in einem beeindruckenden Schlusstableau.

Frank van Aken bewältigte die extrem anspruchsvolle Partie des Tannhäuser mehr als beachtlich. Sein baritonal gefärbter Tenor ist zu groß angelegten heldischen Aufschwüngen wie zu lyrischer Verhaltenheit fähig. Er zeichnet die psychologische Zerrissenheit der Figur mit schonungsloser Emphase, geht bis an die Grenzen des Ausdrucks und findet – trotz leichter Ermüdungserscheinungen in den „Erbarm dich mein“– Rufen im 2. Akt, in der Romerzählung zu glaubhafter plastischer Darstellung und großer Intensität.

Astrid Kessler beschreitet mit der Partie der Elisabeth konsequent den Weg ins jugendlich-dramatische Sopranfach und ist in dieser Rolle eine Offenbarung. Ihr heller Sopran strahlt in der Hallenarie mühelos in jubilierende Höhen, überzeugt am Ende des 2. Aktes mit unforcierter Dramatik und besticht im Gebet mit beseelten piani und zu Herzen gehender Innerlichkeit. Ihre Rollengestaltung ist darüberhinaus durch jugendliche Natürlichkeit geprägt.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Wolfram von Eschenbachs Haltung zu Tannhäuser ist die eines verstehenden und mitfühlenden Freundes. Thomas Berau gibt dieser Figur genau jenes „mitleidvoll entsagende Wissen“, was Wolfram als reifen intellektuellen Künstler ausmacht. Sein weicher, voluminöser Bariton besticht im Minnelied des 2. Aktes durch unprätentiöse und anrührende Darstellung. Das „Lied an den Abendstern“ ist frei von Manierismen und beeindruckt durch gelungene Balance zwischen liedhafter Einfachheit und arioser Entfaltung.

Die edle Liebesgöttin von  Heike Wessels weiß mit erotisch aufgeladenen Mezzo- Tiefen und strahlenden Spitzentönen zu verführen.  Berührend ist, wenn sie im Duett mit Tannhäuser als Verzweifelte vergeblich versucht, den Geliebten an sich zu binden.

Patrik Zielke mit  wohlklingender Bass wirkt als Landgraf Hermann allerdings etwas zu distanziert. Joshua Whitener ist ein hell auftrumpfender Walther von der Vogelweide, Joachim Goltz gestaltet den Biterolf mit viel  Ausstrahlung und Kampfgeist. Ebenso glänzend besetzt sind Raphael Wittmer als Heinrich der Schreiber und Philiop Alexander Mehr als Reinmar von Zweter. Auffallend schön singt Amelia Scicolone den jungen Hirt. Gerda Maria Knauer, Angelika Krieger, Regina Kruszynski und Rica Westenberger gefallen in den Rollen der Edeldamen.

Mit seiner Interpretation des Tannhäuser hat sich Generalmusikdirektor Alexander Soddy als hervorragender Wagner Dirigent unter Beweis gestellt. Er versteht es, das Potenzial des Nationaltheater – Orchesters zu entfalten und Spielfreude und Begeisterung der Musiker zu entfesseln. In der Ouvertüre erklingt das Pilgerthema feinsinnig und introvertiert, Holzbläser und Hörner phrasieren wunderbar homogen, strukturell klar und ideal balanciert. Die Gegenwelt der Venus – Sphäre mit ihrem Klangfarbenreichtum, der Chromatik und der vorwärtsdrängenden thematischen Verdichtung, entlädt sich im hymnischen Loblied auf Venus, von  Soddy in eindrucksvoller Weise umgesetzt, ebenso das Duett Venus – Tannhäuser, welches in der Pariser Fassung deutlich Züge der Tristan Komposition trägt. Hervorzuheben sind die bestens disponierten Hörner und die elegisch zart gestaltenden Oboen.

Chor, Extrachor und Bewegungschor waren in Hochform zu erleben, lediglich der Chor der  Sirenen im 1. Akt war nicht ganz auf diesem Level.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus spendete nach jedem Akt heftigen Beifall und entließ am Schluss Sänger und Dirigent erst nach langen Ovationen.

Nationaltheater Mannheim – Tannhäuser: letzte Vorstellung der Spielzeit  14.6.2018

 

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Der Rosenkavalier von Richard Strauss, IOCO Kritik, 21.02.2018

Februar 21, 2018 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Der Rosenkavalier von Richard Strauss

„Im Reich der Klangfarben“

Von Uschi Reifenberg

Zu einem Opernabend der Superlative geriet der Rosenkavalier am Nationaltheater Mannheim in der Wiederaufnahme von Olivier Tambosi aus dem Jahre 1997. Nicht nur das herausragende Dirigat von Alexander Soddy, das beglückend aufspielende Orchester, sondern auch das in nahezu allen Rollen exzellent gestaltende hauseigene Ensemble ließ die “Komödie für Musik“ zu einem „ festlichen Opernabend“ werden.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier vl Maria Markina als Octavian und Astrid Kessler als Marschallin © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier vl Maria Markina als Octavian und Astrid Kessler als Marschallin © Hans Jörg Michel

Der Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ist eines der meist gespielten Werke der Opernliteratur und eine der genialsten musikalischen Komödien überhaupt. Nach den eher düsteren antiken Stoffen von Salome und Elektra drängte es Strauss zu einem heiteren, leichten Stoff nach mozartschem Vorbild. Die von Hofmannsthal 1909 erfundene Komödienhandlung vermittelt ein lebendiges Wiener Sittenbild aus der Zeit Maria Theresias um 1740. Stilmittel der opera buffa wie Verkleidung, Verwechslung und Intrigen fehlen ebenso wenig wie die Typencharaktere von Zofe, Notar oder Medicus. Auch die Hosenrolle des Octavian verweist auf Mozarts berühmtes Vorbild, den Cherubino in Figaros Hochzeit.
Beschritt Strauss in den Opern Salome und Elektra den Weg in die musikalische Avantgarde mit hochexpressiven Dissonanzverbindungen, die bis an die Grenzen der Tonalität führten, so wandte er sich im Rosenkavalier wieder der traditionellen Kompositionsästhetik des 19. Jahrhunderts zu. 1909 komponierte Arnold Schönberg die Klavierstücke op. 11, die in ihrer Atonalität als ein Fundament der modernen Musik gelten. In diesem Kontext fungiert der Rosenkavalier – 1911 in Dresden uraufgeführt – mit seiner Rokoko- Verspieltheit, Walzerseligkeit und Maskerade auch als Gegenentwurf einer kunstvoll verklärten Epoche zu den konsequenten Entwicklungen der Moderne.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier vl Thomas Berau, Estelle Kruger, Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und Nikola Hillebrand als Sophie © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier vl Thomas Berau, Estelle Kruger, Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und Nikola Hillebrand als Sophie © Hans Jörg Michel

Die Vergänglichkeit, das unausweichliche Verrinnen der Zeit, das von der Marschallin in ihrem Monolog melancholisch reflektiert wird, durchzieht wie ein Leitfaden das gesamte Werk: „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“ Die Resignation angesichts ihres nahenden Alters verwandelt die Marschallin am Ende der Oper in weisen Verzicht und Altersmilde, ähnlich dem Hans Sachs in Wagners Meistersingern. Wahre Größe beweist sie, wenn Sie ihren jungen Liebhaber Octavian seiner gleichaltrigen geliebten Sophie zuführt.

  Inszenierung von Olivier Tambosi – 1997

Die Inszenierung von Olivier Tambosi von 1997 verzichtet konsequent auf historisierendes Ambiente und lässt durch Reduktion der Bühnenbilder und ausladende farbige Räume viel Platz für eine differenzierte Personenführung. Frank Philipp Schlössmann zeichnet verantwortlich für die Bühne und die farbenprächtigen Kostüme. Den 1. Akt prägt ein blauer Innenraum mit großem Wandspiegel, dessen Boden mit Silberpapier ausgekleidet, Wasser und Wellen symbolisiert. In der Mitte steht ein Boot, das dem Liebespaar Marschallin – Octavian als Bett dient. Faninals Palast erstrahlt in gleißendem Weiß, an dessen Wänden zahlreiche kleine Kanonen angebracht sind, was der Szene einen surrealen Charakter verleiht. Das Bühnenbild des 3. Aktes ist in leuchtendem rot gehalten, bestückt mit einem geneigten Holzgehäuse als „Beisel“, welches am Ende entrümpelt wird und auseinander driftet. Zurück bleibt ein einsames Bett vor blauem Hintergrund, anknüpfend an das erste Bild, in welchem nun die jungen Liebenden ihr Schlussduett singen.

Astrid Kessler gestaltet eine fragile, jugendliche Marschallin mit höhensicherem, in allen Lagen ausgeglichenem lyrischen Sopran und findet in ihrem Zeitmonolog zu sensiblen Zwischentönen, beseelten piani und anrührender Melancholie im Bewusstsein des Alterns, der Verwandlung und des Abschieds. Beeindruckende Leuchtkraft entwickelt ihr Sopran im ausdrucksstarken Schlussterzett. Patrik Zielke stattet den bäurisch-dionysischen Baron Ochs auf Lerchenau mit machohaftem Dünkel aus, vor dessen handgreiflichen Avancen kein weibliches Wesen sicher ist. Mit seinem höhensicherem Bass und viel Sinn für den hintergründigem Humor der Hofmannsthalschen Dichtung lässt er auch in puncto Textverständlichkeit keine Wünsche offen.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier Ensemble © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier Ensemble © Hans Jörg Michel

Maria Markina als Octavian schlüpft virtuos in die verschiedenen Verkleidungen und überzeugt sowohl als feinsinniger Aristokrat und Überbringer der silbernen Rose wie als unbedarftes Mariandl vom Land. Ihr voluminöser Mezzo weist deutlich ins dramatische Fach und besticht mit schöner Phrasierung der weit geschwungenen Strauss‘schen Bögen.  Nikola Hillebrand ist als Sophie das perfekte Wiener Madl. Glaubhaft gestaltet sie die Entwicklung vom Aufkeimen ihrer ersten Liebe zur selbstbewussten jungen Frau.
Ihr heller Sopran schwingt sich in silberne Höhen und scheint nach oben keine Grenzen zu kennen. Im magischen Moment des gegenseitigen Sich- Erkennens scheint die Zeit still zu stehen und man möchte „zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön.“

Thomas Berau als neureicher Waffenhändler Faninal, der seine Tochter Sophie an Ochs verschachern möchte, beeindruckt mit großer Stimme und heldischem Aplomb. Als Valzacchi überzeugt Christoph Diffey mit klarem hellen Tenor und Marie-Belle Sandis gibt seiner Mitstreiterin Annina mit volltönendem und tragfähigem Mezzo Charakterschärfe. Als vorzügliche Leitmetzerin gefällt Estelle Kruger mit strahlenden Spitzentönen. Andreas Hermann verströmt als Sänger üppigen Belcanto -Wohlklang und als Wirt erfreut Uwe Eikötter mit markantem Charaktertenor. Tibor Brouwer gestaltet sowohl den Notar als auch den Polizeikommissar mit schön timbriertem Bariton. Des Weiteren runden Jung-Woo Hong, Markus Grassmann, Lara Brust, Leah Weisbrodt und Aglaia Ast das hervorragende Ensemble ab.
Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester liefern ein wahres Feuerwerk an Klangfarben und ziehen alle Register ihres Könnens. In den kammermusikalisch intimen Momenten mit Detailausformung, feiner Präzisierung, wunderbar austariertem Holzbläsersoli, perfekt balanciertem Blech, expressiv wogenden Klangschichtungen mit dramatischen Zugriff bis zum orgiastischen Walzertaumel leuchtet Soddy alle Facetten der Strauss‘schen Tonsprache aus. Tadellos auch Chor und Kinderchor des Nationaltheaters.

Das begeisterte Publikum im ausverkauften Opernhaus entließ alle Mitwirkenden erst nach langem Beifall.

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Hänsel und Gretel – Phantasievoll – Poetisch, IOCO Kritik, 29.12.2017

Dezember 30, 2017 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

Phantasie und Poesie in NTM – Weihnachtsklassiker

Von Uschi Reifenberg

In der Weihnachtszeit und der Zeit zwischen den Jahren, wenn Märchenhaftes, Magisches und Mystisches einen größeren Raum einnehmen, darf an den Opernhäusern landauf- und landab Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel nicht fehlen. So auch am Nationaltheater Mannheim, wo sich die Inszenierung nach Wolfgang Blum aus dem Jahr 1970 auch nach über 300 Aufführungen ungebrochener Beliebtheit bei kleinen und großen Zuhörern erfreut. Auch in Zeiten von Computerspielen und iPod dürfte den meisten Kindern die Geschichte von Hänsel und Gretel geläufig sein. Das Märchen, basierend auf den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, erzählt vom mutigen Geschwisterpaar aus armen Verhältnissen, das aus Hunger und Not in den Wald flieht, die böse Hexe besiegt und die verzauberten Lebkuchenkinder vom Fluch der Hexe erlöst.

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel - hier ausgelassen tanzend © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel – hier ausgelassen tanzend © Hans Jörg Michel

Humperdincksopus magnum“, nach der textlichen Vorlage seiner Schwester Adelheid Wette, zählt sicher zu den bedeutendsten Werken des Musiktheaters. Seine musikalischen Mittel folgen den Prinzipien des durchkomponierten Musikdramas Richard Wagners und verweisen mit Leitmotivik, Textbehandlung und großer Orchesterbesetzung auf das Vorbild des Bayreuther Meisters. Humperdinck, der als Wagners Assistent in Bayreuth mitwirkte, sprach über seine Oper in Anlehnung an den Parsifal auch scherzhaft vom „ Kinderstuben- Weihfestspiel“.

Kompositorisch fand er in seinem Hauptwerk zu seinem eigenen Stil, der unter anderem in der Hinzunahme von Volksliedhaftem und einfachen melodischen Themen zum Ausdruck kommt. Die überaus beliebte Mannheimer Inszenierung verzichtet ganz auf vordergründige Aktualisierung oder intellektuelle Überformung und führt die Zuschauer mit den phantasievoll- poetischen Bühnenbildern von Herbert Stahl in eine ärmliche Wohnstube, einen magischen Zauberwald und zeigt im 3. Bild in einen veritablen Riesen- Backofen mit verführerischem Lebkuchenhaus.

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel - hier der unendlich romantische Abendsegen © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel – hier der unendlich romantische Abendsegen © Hans Jörg Michel

In der ausgefeilten Personenführung von Claudia Plaßwich agieren die Sängerdarsteller punktgenau und mit überbordender Spielfreude. Zu einem besonderen Höhepunkt gerät der Hexenritt auf dem Besen der prächtig kostümierten Rosina Leckermaul, der vor allem von den jüngeren Zuschauern mit lautstarkem Szenenapplaus belohnt wird.

Musiziert wird am Mannheimer Nationaltheater auf hohem Niveau. Thomas Berau als Vater überzeugt in seiner Auftrittsarie mit seinem heldischen Bariton und charakterisiert liebevoll den trinkfreudigen, aber dennoch verantwortungsbewussten Familienvater. Heike Wessels wartet mit hochdramatischen Spitzentönen auf und verleiht der Mutter sowohl gramvoll- leidende Züge als auch ausgelassene Unbeschwertheit im Duett mit ihrem Ehemann. Dass die Textverständlichkeit ein wenig leidet, mag man verzeihen.

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel - hier die erlösten Kinder © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel – hier die erlösten Kinder © Hans Jörg Michel

Maria Markina ist als Hänsel eine Idealbesetzung. Ihr Mezzo klingt warm und voll und ist zu beeindruckenden dramatischen Aufschwüngen fähig. Ebenso keine Wünsche offen lässt Astrid Kessler als Gretel, die ihren wunderschönen lyrischen Sopran in allen Lagen leuchten lässt und im Abendsegen mit hauchzartem piano verzaubert. Auch gestalterisch besticht sie durch Charme und Mädchenhaftigkeit. Iris Marie Sojer, aus dem internationalen Opernstudio, gastierte als Sandmännchen der Extraklasse. Ji Yoon als Taumännchen fügte sich ebenfalls glänzend ins Ensemble ein. Als Hexe zieht Uwe Eikötter wie gewohnt alle stimmlichen und darstellerischen Register und erntet zu Recht am Schluss begeisterten Beifall.

Am Pult führt Wolfgang Wengenroth das ausdrucksstark aufspielende Nationaltheater Orchester zu Bestform. Straffe Tempi im 1. Akt sorgen für volksliedhaft- unbeschwerte Leichtigkeit, was den fortlaufenden Fluss der Dialoge unterstützt. Im 2. Bild findet Wengenroth dann genügend Raum für die stillen, poetischen Momente und lässt die Holzbläser in den schönsten Klangfarben schimmern. Lediglich in der Traumpantomime hätte man sich vom Wagner- erfahrenen Orchester mehr Spannungsaufbau und Opulenz gewünscht.  Gewohnt zuverlässig sang und agierte der Kinderchor.

Das Publikum im restlos ausverkauften Opernhaus entließ alle Mitwirkenden erst nach langem Applaus

Hänsel und Gretel im Nationaltheater Mannheim:  Weitere Vorstellungen am 6.1.2108; 19.1.2018; 28.1.2018 (zum letzten Mal in dieser Spielzeit)

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—