Mannheim, Nationaltheater, Simplicius Simplicissimus – Karl A. Hartmann, IOCO Kritik, 29.06.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Simplicius Simplicissimus  –  Oper – Karl Amadeus Hartmann

 Drei Szenen aus seiner Jugend – über den Weg in die innere Emigration

von Uschi Reifenberg

Es fühlt sich gut an, nach eine halben Ewigkeit wieder in einem Opernhaus zu sitzen, zusammen mit anderen Zuschauern in sicherer Distanz die Atmosphäre und den Raumklang zu erleben, die Wechselbeziehung zwischen Bühne und Publikum zu spüren und im real erfahrbaren Theatererlebnis selbst Teil der Aufführung zu sein.

Hineingezogen wird man coronatauglich in die Kammeroper Simplicius Simplicissimus von Karl Amadeus Hartmann (1905-1963); nach dem barocken Schelmenroman von Jakob Christoffel von Grimmelshausens (1621-1676) „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ aus dem Jahre 1669, der erste Roman in Prosa, der Weltgeltung erlangte. In seinem Werk wird der Dreißigjährigen Krieg aus vielfältigen Perspektiven und aus eigenen Erfahrungen geschildert. Die Darstellungen zeigen die Grausamkeiten des Krieges teils mit voller Härte, teils auch satirisch überspitzt, was Grimmelshausen vor der damaligen Zensur schützte.

Gezeigt werden in Hartmanns Oper drei Szenen aus der Jugend des Simplicissimus, der als unwissender reiner Mensch in einer von Unterdrückung, Gewalt und Hass geprägten Umgebung aufwächst und lernen muss, sich in ihr zurechtzufinden.

In dieser Welt führen die Herrschenden Krieg, legen sie in Schutt und Asche, erniedrigen und unterdrücken die Armen und leben selbst in Saus und Braus: Jeder ist des anderen Feind.

Simplicius Simplicissimus – Einführung von Intendant Albrecht Puhlmann
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Angesichts der derzeitigen Weltlage könnte  die als Mahnmal zu verstehende Oper Simplicius Simplicissimus aktueller nicht sein und schlägt den Bogen zu unserer Lebenswirklichkeit in der Pandemie. Auch unsere Welt ist im Umbruch, vertraute Sicherheiten zerbrechen schlagartig, gewachsene Strukturen verlieren ihre jahrzehntelange Gültigkeit. Spaltungen in der Gesellschaft vertiefen sich, nicht selten resultieren daraus Misstrauen und Argwohn.

Gezeigt wird auch die ewige Wiederkehr des Gleichen. Geschichte, die sich wiederholt, eine zeitlose Parabel über Ungerechtigkeit und Ausbeutung.

Der bekennende Antifaschist  Karl Amadeus Hartmann ahnte 1934 die kommende Katastrophe des 2. Weltkrieges voraus und erkannte in der Nazi-Schreckensherrschaft eine Fortschreibung des ersten großen europäischen Krieges von 1669. Hartmann sah für sich in der Zeit der NS Diktatur keine andere Möglichkeit, als in die innere Emigration zu gehen, wenn er nicht als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt werden wollte.

Als Komponist, der sich der Avantgarde verpflichtet fühlte und stilistisch unter anderem Strawinsky, Schönberg und vor allem Hindemith nahestand, verweigerte er sich komplett dem Regime, komponierte für die Schublade oder für Aufführungen im Ausland.

Die Oper Simplicissimus ist ein Werk des Widerstands mit musikalischen Mitteln, eine Anti-Kriegsoper und gleichzeitig ein uneingeschränktes Bekenntnis zu Empathie und Humanität.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Die szenische Uraufführung fand 1949 in Köln statt, 1956 überarbeitete Hartmann sein Werk, indem er die Sprech-Passagen reduzierte und fast durchweg vertonte. Diese zweite Fassung wurde 1957 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt.

Die erste der drei Szenen spielt auf dem Hof des Simplicissimus, wo er von einem Bauern vor dem Wolf gewarnt wird. Im Traum erscheint ihm ein rätselhafter Baum, der schwer unter der Last der Personen leidet, die er tragen muss. Als die Landsknechte den Hof zerstören, flieht Simplicissimus.

In der zweiten Szene begegnet er auf seiner Flucht einem Einsiedel, der ihn aufnimmt und ihm wegen seiner Einfalt den Namen Simplicius Simplicissimus gibt. Er beschützt ihn, lehrt ihn beten sowie den Unterschied zwischen Gut und Böse. Als der Einsiedel stirbt, wird Simplicius von Landsknechten verschleppt.

Im dritten Teil befindet er sich in der Gesellschaft des Gouverneurs, wo er Ausschweifungen und lasterhaftes Treiben kennenlernt. Da Simplicius immer unverblümt die Wahrheit sagt, wird er zum Hofnarren ernannt. Seine Waffe ist die Naivität, die ihm erlaubt, in der Rolle des Narren der Welt den Spiegel vorzuhalten. Er wird – anders als Wagners Parsifal – nicht „durch Mitleid wissend“, sondern durch seine Naivität und Wahrhaftigkeit, die seine Umwelt verstört und zur Reflexion zwingt.

Nun versteht er auch die Traumsymbolik des schwer tragenden Baumes, der ein Abbild der Ständegesellschaft ist, auf dessen unterster Stufe die Ärmsten und Entrechteten stehen. Er erkennt die Zusammenhänge und ruft zur Revolution auf. Marodierende Bauern erschiessen die Herrschenden, Simplicius bleibt allein zurück.

Das 80-minütige Werk wird ohne Pause durchgespielt und berührt von der ersten Minute an mit suggestiven Bildern und einer ergreifenden Personenführung. Regisseur Markus Dietz, der am NTM zuletzt Brittens Peter Grimes inszenierte, breitet ein stilistisches Panoptikum auf der Bühne aus, das mit seiner bestürzenden Aktualität mitten hineinführt in den Zustand einer Welt nach der Katastrophe. Vorangestellt an die erste Szene werden Videoeinspielungen (Mayke Hegger, Markus Dietz),  die Elend, Gewalt und Verrohung zeigen. Schonungslos. Erschütternd.

Die Menschen tragen Gasmasken, ein kleiner Junge sucht sich in seinem Überlebenskampf den Weg durch die Trümmerlandschaft, in einem Einkaufswagen führt er seine Habseligkeiten mit sich.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier :  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier : Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Mayke Hegger (Bühne/Kostüme) hat eine dunkle Einheitsbühne geschaffen, in welcher Berge von Zivilisationsmüll unseren grenzenlosen Konsum anprangern und die drei symbolstarken Szenen omnipräsent bebildern.

In der ersten Szene steht der verzweigte Ständebaum im Zentrum, in der zweiten, der Höhle des Einsiedel, ein hell erleuchtetes Kreuz mit Corpus, (Licht: Florian Arnholdt), in der dritten Szene, beim Festbankett des Gouverneurs, ein clubartiges Etablissement im Discostil, mit beweglicher Unterbühne, in Rotlicht getaucht.

Eine Klammer setzt die eindrucksvolle Sprecherin Katharina Rehn (Gast), die am Anfang und am Ende des Stückes die verheerenden Menschenverluste von „anno Domini 1648“ verkündet, sich im Stile Brechts an das Publikum wendet und die Geschehnisse um Simplicius kommentiert.

Hartmann lehnt sich dicht an die Sprache von Grimmelshausen an, die so holzschnittartig wie die Figuren ist. Ein eingefügtes Sonett von Andreas Gryphius,Tränen des Vaterlandes“, gesprochen auf die Musik, stellt eine der zentralen Anklagen des Werkes dar:   „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen“.

Die schlimmste aller möglichen Katastrophen ist der Verlust der Humanität

Markus Dietz zeigt beklemmende Bilder von menschlichem Elend. Leichen senken sich immer wieder von der Decke herab, religiöse Symbole werden pervertiert, Simplicius wird mit Dornenkrone verhöhnt, der Gekreuzigte selbst steigt vom Kreuz herab, Gefangene hinter Glasscheiben wehren sich mit blutigen Händen.

Massaker werden verübt, Demütigung und Vergewaltigung prägen die Beziehungen der Menschen. Kein Trost, nirgends. Der Einsiedel, mit freiem Oberkörper, singt zu Beginn des 2. Bildes „Komm Trost der Welt“, eine Lichtgestalt, die freiwillig aus dem Leben scheidet.  Die Sopranistin Astrid Kessler verkörpert den kindlich-naiven Simplicius Simplicissimus idealtypisch mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung und ihrem facettenreichen Spiel.

Sie singt die schwierige Partie des reinen Toren in jeder Phrase schön, zeigt in den Höhen die Leuchtkraft ihres lyrisch-dramatischen Soprans, die Stimme trägt auch in den tiefen und mittleren Lagen. Mit vorbildlicher Diktion gestaltet sie die Textpassagen sowie den Sprechpassagen.  Anrührend wirkt Astrid Kessler in ihrem ungläubigen Staunen und ihrer Hilflosigkeit aus Angst vor der Einsamkeit: “Herzliebster Vater, nicht in den Himmel gehen! Nicht Simplicius allein in der Welt lassen!“ Eindrucksvoll durchlebt sie die Entwicklung vom „verwahrlosten, unmündigen Kind“ das durch „mühsames Lernen selbstverständlicher Dinge zum Wissen von sich selbst und von der Welt gelangt.“; Karl A. Hartmann.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

Jonathan Stoughton als frommer Einsiedel verfügt über eine biegsame und leicht ansprechende Tenorstimme, ausgeglichen und tragfähig, strahlend in den Höhen, heldisch, mit schönem, hellem Timbre. Bestechend plastisch auch die deklamatorischen Stellen. Der Einsiedel reibt sich auf zwischen Gottesfurcht, Bußfertigkeit und Simplicius’ Erziehung. Zu schwer trägt er an der Sündenlast der Welt, er opfert sich und geht freiwillig in den Tod.

Thomas Jesatko gab in der ersten Szene dem Bauern mit seinem markantem und wohlklingenden Bass das nötige Profil und überzeugte mit klarer Diktion als verwegener Landsknecht. Thomas Berau brachte mit mächtig auftrumpfenden Bariton seine heldische Stimme bestens zur Geltung und gab der Verrohung und Zerstörungslust seines Standes glaubhaft Ausdruck.

In der dritten Szene, in welcher sich das Halbweltmilieu ein feucht fröhliches Stelldichein gibt mit Nachtclubtänzerinnen (Choreografie: Teresa Rotemberg), Ausschweifungen, viel Alkohol und Perversionen aller Art, lassen die Herrschenden ihren Exzessen ungehemmt freien Lauf. Marcel Brunner als Hauptmann im Frack singt sein frauenverachtendes Couplet „ja, lüderlich sind alle Weiber“ mit durchschlagendem Bass und aggressiver Attitüde. Den satirisch überspitzt gezeichneten Gouverneur gibt Uwe Eikötter mit gut fokussiertem, klarem, absolut höhensicheren Tenor und viel Ironie.

Am Ende verüben die Tänzerinnen das Massaker, nehmen Rache an den Figuren der Unterdrückung, und fordern die Aufhebung der Ständegesellschaft. Keiner bleibt am Leben außer Simplicius. Er preist den Richter der Wahrheit.

Die Musik des Simplicius ist vielfältig, zitatenreich und assoziativ, ein Geflecht verschiedener Genres und Stile sowie symbolischer Verweise, mit eingängiger, fast romantischer Melodik, trotz direkter Nähe zu Neutönern wie Berg oder Krenek.

Der Dirigent Johannes Kalitzke hatte sich in Mannheim für die reduzierte kammermusikalische Fassung entschieden, mit erweiterter Streicherbesetzung, einfach besetzten Holz- und Blechbläsern und ausgedehntem Schlagwerk. Es gibt Instrumentalsoli, Chöre, Tänze, melodramatische Passagen, oratorienartige Stellen, eine jüdische Trauermelodie, einen Bach Choral „Nun ruhen alle Wälder“ und ein Zitat aus Strawinskys Sacre du printemps. Songs im Kurt Weill Stil tauchen ebenso auf wie ein Foxtrott am Ende. Eine aufregende Komposition von besonderem ästhetischen Reiz. Der Dirigent Herrmann Scherchen, der Hartmann zur Komposition seiner Kammeroper anregte, charakterisierte die Vielfalt „zwischen Bänkelsang, Choral und psalmodierendem Rezitando“.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

Die Ouvertüre ist Sergej Prokofieff gewidmet, die mit einem Trommelwirbel und rhythmisch markanten Bläserakkorden in motorisch-vorwärtsdrängendem Gestus beginnt. Johannes Kalitzke liefert ein fein durchgehörtes und transparentes Klangbild, sensibel klingen die depressiv anmutenden Streicherkantilenen, die mit den spannungsvollen und energiegeladenen Schlagzeugpassagen kontrastieren. Jeder einzelne Musiker gestaltete seinen anspruchsvollen Part mit einem Höchstmaß an Präzision und Intensität. Kalitzke legte die kontrapunktische Struktur der komplexen Partitur frei, dirigierte in den Gewaltdarstellungen mit kompromissloser Härte, oder fand in den Trinkliedern und dem Schlussmarsch zu unbeschwerter Leichtigkeit. Besonders innig gelangen die poetischen Momente wie der Bachchoral im Zwischenspiel zum 2. Bild, oder der jüdischen Klagegesang  in der Sterbeszene des Einsiedel.

Der Chor, (Leitung: Danis Juris), teilweise in den ersten Seitenlogen positioniert, stellte nicht nur als expressiver Sprechchor sondern auch an den zart gesummten Stellen seine herausragende Qualität unter Beweis.

Das Publikum spendete diesem außergewöhnlichen Werk und seiner bewegenden Deutung lange begeisterten Beifall.

Simplicius Simplicissimus – Nationaltheater Mannhein; der nächste Termin: So, 04.07.2021, 19.30 – 21.00 Uhr

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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Mannheim, Musikalische Akademie, 7. Akademiekonzert – Berg, Haydn, Mahler, Schreker, IOCO Kritik, 08.06.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

7. AKADEMIE-KONZERT  –  Musikalische  Akademie
des Nationaltheater Orchester Mannheim  –
31.5. – 2.6.2021 – livestream aus dem Mannheimer Rosengarten

von Uschi Reifenberg

Allmählich entspannt sich die Corona Situation im Land, erste Öffnungen von Theatern und kulturellen Einrichtungen mit Live Publikum zeigen endlich Licht am Ende des Tunnels.

Werke von  –  Alban Berg (1878-1935), Joseph Haydn (1732-1809)
Gustav Mahler (1860-1911), Franz Schreker (1878-1934)

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim konnte auch in ihrem 7. Akademiekonzert wieder mit einem spannenden und klug zusammengestellten Konzertprogramm im Livestream-Format überzeugen, das rundum Freude bereitete.

Auf große Orchesterbesetzungen und entsprechende Literatur muss zur Zeit noch verzichtet werden, einzelne Orchestermusiker und Solisten aus den eigenen Reihen können wieder in Kammerbesetzungen ihre herausragende Qualität unter Beweis stellen.

Darüberhinaus kommt das Publikum in den Genuss, eher selten gespieltes Repertoire in besonderen Konstellationen kennenzulernen.

Gustav Mahler Gedenken vor der Hamburger Staatsoper © IOCO

Gustav Mahler Gedenken vor der Hamburger Staatsoper © IOCO

GMD Alexander Soddy hatte mit Joseph Haydn,  Gustav Mahler, Franz Schreker und Alban Berg Komponisten ausgewählt, die eine Klammer setzen von Haydn als Repräsentanten der ersten Wiener Schule bis zu Alban Berg, zur zweiten Wiener Schule im 20. Jahrhundert. Die Werke sind -bis auf Haydns Trompetenkonzert – alle in einem engen Zeitraum, von 1916 bis 1928 entstanden. Diese Komponisten verbindet nicht nur eine gemeinsame Tradition, sie standen auch in engem Kontakt zueinander, inspirierten sich gegenseitig und entwickelten ihre ästhetischen Konzepte weiter. Gleichzeitig verbindet sie Wien als Wirkungsstätte, das in dieser Zeit der Aufbruchsstimmung kulturelles Zentrum und einzigartiger künstlerischer Kristallisationspunkt von Musikern, Malern und Literaten war.

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Als „kleines Denkmal einer großen Liebe“ bezeichnete Alban Bergs seine „Lyrische Suite“ für Streichquartett, von dem er 1928 drei Sätze für Streichorchester bearbeitete. Dieses Stück wurde  zu einem seiner Meisterwerke, voller geheimer Programmatik und opernhafter Bezüge, aufgrund der autobiografischen Verflechtungen, die Berg in dieses Stück hineinwebte. Berg thematisiert seine Liebe zur verheirateten Hannah Fuchs-Robettin, einer Schwester des Dichters Franz Werfels. Das Werk spiegelt die Zerrissenheit von Bergs Seelenzuständen und die Aussichtslosigkeit dieser Beziehung, das Tristan Zitat im letzten Satz des Streichquartetts verweist in tragischer Weise auf die Liebe-Tod Thematik.

Alban Berg verwendet hier die Zwölftontechnik Schönbergs zum ersten Mal und erzielte damit ein Maximum an Dichte und Expressivität. Es entstehen starke Spannungsmomente und  verblüffende, sinnliche Streicher- Klangfarben.

Soddy arbeitete die komplizierten Strukturen dieses atonalen Machwerks sorgfältig heraus,  verblieb jedoch nie im Abstrakten, sondern setzte den hochemotionalen Gehalt dieser Musik frei und erzeugte ein Höchstmaß an Ausdruck. Die rondohaft wiederkehrenden Themen im „Andante amoroso“ erklangen verhalten, mit äußerster Zartheit, die Soddy mit Hingabe zelebrierte.

Das „Allegro misterioso“ geht unter die Haut mit seinen aufregenden Streicher-Spieltechniken, flirrenden, rastlosen  Sechzehntelbewegungen, die eine unterschwellige brodelnde Unruhe transportieren, fast durchweg im piano gehalten. Tragik vermittelt Soddy im „Adagio appassionato“, das als tönendes Abbild eines leidenschaftlichen Liebesdialogs gedacht ist. Schwermütiges Melos in den tiefen Streicherlagen, jähe Aufschwünge, dazwischen einsame Zitate der Solobratsche und -violine. Der Schluss verhaucht ins Leere…

Mit Joseph Haydns Trompetenkonzert in Es-Dur setzte Lukas Zeilinger, Solotrompeter im Nationaltheater Orchester, einen ersten strahlenden Höhepunkt.

Dieses Instrumentalkonzert, das als eines der Standardwerke für Trompete gilt, schrieb Haydn 1786 für die von Anton Weidinger neu erfundene Klappentrompete, welche die frühere Naturtrompete ablöste, mit der man nur die Naturtöne, nicht aber chromatische Töne blasen konnte.

Musikalische Akademie / Solotrompeter Lukas Zeilinger © Zeilinger

Musikalische Akademie / Solotrompeter Lukas Zeilinger © Zeilinger

Lukas Zeilinger brillierte mit einem schwebenden und warmen Trompetenklang, idealer Technik und viel stilsicherem Feingefühl. Unprätentiös und mit innerer Freude gestaltete er das Thema des ersten Satzes mit seinen Verzierungen und feinen dynamische Abstufungen. Stets spürte er sensibel und mit elastischer Tongebung dem Haydn‘schen Melos nach, in der Kadenz erfreute er mit seinem glasklaren, leichten Ansatz, mühelosen Koloraturen, und strahlenden Spitzentönen. Das NTO und Lukas Zeilinger befanden sich in bestem Dialog, Alexander Soddy sorgte jederzeit für die perfekte klangliche Balance.

Dem  wiegenden Charakter des Andante Themas gab er weichen Schmelz, ließ die Kantilenen schön aufblühen und beeindruckte mit seiner ausgereiften Phrasierungskunst.

Den Rondo- Satz ging er leichtfüßig und tänzerisch an, schwungvolle Läufe, Intervallsprünge und schmetternde Fanfaren setzten im Finalsatz einen virtuosen Schlusspunkt.

In der längeren Umbaupause interviewte die Harfenistin des NTO, Nora von Marschall, den Solisten Lukas Zeilinger und GMD Alexander Soddy, was sich im Online- Format als eine hervorragende Gelegenheit erweist, die Künstler hautnah im Anschluss an ihre Auftritte zu erleben. Das Publikum lernt auf diese Weise „seine“ Musiker näher kennen und erfährt beispielsweise manch interessantes Detail über deren Werdegang oder zukünftige Pläne.      Eine wunderbare Bereicherung der Programmgestaltung.

Gustav MahlersLieder eines fahrenden Gesellen“ in der reduzierten Bearbeitung von Arnold Schönberg von 1920 für Streichquartett, Flöte, Klarinette, Klavier, Harmonium und Schlagwerk, fügt sich perfekt in die Dramaturgie des Konzertabends ein.

Mahler verarbeitet in diesen vier Liedern eine eigene unerfüllte Liebe und schrieb selbst den Text, der an die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ angelehnt ist. In diesen autobiografisch aufgeladenen Liedern sublimiert Mahler nicht nur seine unbewältigten Erfahrungen, sie sind auch eine Huldigung an die Natur, die hier als Gegenwelt und Sehnsuchtsort erscheint. Das Thema des 2. Liedes „Ging heut morgen übers Feld“ verwendete Mahler in seiner 1. Sinfonie, die wenig später entstand. Er überschrieb sie mit „Wie ein Naturlaut“. Die intime Instrumentierung intensiviert die Innenschau des zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit, Realität und Traum getriebenen Gesellen und wirft ein eher indirektes Licht auf die einzelnen Stationen.

Musikalische Akademie / Bariton Thomas Berau © Desirèe Schmitt

Musikalische Akademie / Bariton Thomas Berau © Desirèe Schmitt

Der Bariton Thomas Berau, ebenfalls ein renommierter hauseigener Solist, nahm sich den Liedern des unglücklich liebenden Wanderers an und wurde dessen wechselvollen Seelenzuständen mit seiner suggestiven Gestaltungskraft in höchstem Maße gerecht. Mit klarer Diktion und vorbildlicher  Textausdeutung füllte er jede Phrase mit Leben, sein Bariton überzeugt sowohl in den lyrischen Naturbetrachtungen als auch in den heldischen, opernhaften Aufschwüngen.

Beklemmend gerieten im 3. Lied „Ich hab ein glühend Messer in meiner Brust“ die „Oh weh!“ Rufe, hochexpressiv und mit ausladender Gebärde. Stärker könnte der Kontrast nicht sein beim Wechsel von der ersten zur zweiten Strophe „Wenn ich in den Himmel seh“. Hier verleiht Thomas Berau  seiner Stimme zarten Schmelz und Innigkeit, wird die Phrase in matten Klang getaucht, schmerzerfüllt und anrührend.

Die  selten aufgeführte Kammersinfonie von Franz Schreker ist eine wahre Entdeckung. Der österreichische Komponist war vor allem bekannt geworden durch seine Oper „Der ferne Klang“, von 1912. Seine Kammersinfonie für 23 Musiker schrieb er mitten im Ersten Weltkrieg 1916, ein spätromantisch anmutendes Werk voller Farbenreichtum und Klangsinnlichkeit. Schreker war neben Richard Strauss wohl einer der wichtigsten und außergewöhnlichsten Opernkomponisten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der die Linie von Gustav Mahler fortführte und zwischen Moderne und Tradition vermittelte. Die Nazis verhinderten 1934 seinen weiteren beruflichen Aufstieg, woran er kurze Zeit später zerbrach. Noch 1938 wurde er auf die Liste der verfemten Komponisten gesetzt.

Franz Schreker ist ohne Zweifel ein Meister der Instrumentierung. Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester tauchten in die erotisch aufgeladene Musik Schrekers ein, die mit ihrem umarmenden Klang betörende Stimmungen evozierte.

Soddy kontrollierte mit idealer Balance die verführerischen Klangbilder und ließ magische Momente entstehen. Die Orchestermusiker setzten solistische Glanzpunkte, wunderbare Flöten- und Oboensoli kontrastierten mit süffigen Streicherwogen, die fast hypnotische Wirkung entfalteten. Hinreißend die Farbwerte von Klavier, Harfe, Celesta und Harmonium.

Ein hochemotionales Hörerlebnis aus dem Rosengarten von Mannheim!

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Mannheim |—


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Hagen, Theater Hagen, Letzte Vorstellung Cardillac, 09.02.2020

Februar 6, 2020 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Theater Hagen

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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

„Cardillac“– Oper von Paul Hindemith
am Sonntag, 9. Februar 2020, 18.00 Uhr, Theater Hagen (Großes Haus)
Letzte Vorstellung

Eine letzte Gelegenheit gibt es, die beeindruckende und selten zu erlebende Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith (in deutscher Sprache mit Übertexten) im Theater Hagen zu besuchen: am 9. Februar 2020 mit Beginn um 18.00 Uhr (Großes Haus).

Schmuck verkaufen und den Käufer dann hinterrücks ermorden, um auf diese Weise Schmuck und Geld behalten zu können, klingt nach einem rein materialistisch motivierten Geschäftsmodell. Nicht so beim Goldschmied Cardillac, der doch genau das tut. Aber er mordet eben nicht aus Geldgier, sondern schlicht, weil er nicht ertragen kann, dass ‚sein’ Schmuck nicht mehr bei ihm ist – der Künstler wird zum Psycho-Serientäter, und eine Stadt sucht einen Mörder …

Theater Hagen / Cardillac - Thomas Berau (Cardillac), Thomas Paul (Kavalier). - © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Cardillac – Thomas Berau (Cardillac), Thomas Paul (Kavalier). – © Klaus Lefebvre

E.T.A. Hoffmann hat mit seiner Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ den Stoff für diesen Krimi geliefert, den Paul Hindemith in den 1920er Jahren, zur Zeit von ‚Bauhaus‘ und ‚neuer Sachlichkeit‘, vertont hat.

Für die Umsetzung dieses Künstler-Psycho-Dramas zeichnen Jochen Biganzoli (Inszenierung), Wolf Gutjahr (Bühne), Katharina Weissenborn (Kostüme), Hans-Joachim Köster (Licht), Wolfgang Müller-Salow (Choreinstudierung) und Francis Hüsers (Dramaturgie) verantwortlich. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Generalmusikdirektor Joseph Trafton.

Diese klangreiche, dramatische, fesselnde Oper wird präsentiert von: Thomas Berau (Cardillac), Angela Davis (Cardillacs Tochter), Milen Bozhkov (Offizier), Thomas Paul (Kavalier), Veronika Haller (Eine Dame), Ivo Stánchev (Goldhändler), Kenneth Mattice (Der Führer der Prévôté); Chor und Extrachor des Theaters Hagen, Statisterie des Theaters Hagen, Philharmonisches Orchester Hagen.

Diese Produktion wurde freundlicherweise von der Bürgerstiftung der Theaterfreunde Hagen unterstützt.

—| Pressemeldung Theater Hagen |—


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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Peter Grimes – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 08.11.2019

November 7, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

PETER GRIMES  – Benjamin Britten

–  Scheitert aus Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen –

 
von Uschi Reifenberg

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Riesige Gedenkmuschel an Benjamin Britten am Strand von  Aldebrough © IOCO

Das Meer ist allgegenwärtig in dem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Englands, es beherrscht in seiner Vielgestaltigkeit die Existenz der Dorfbewohner und durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Es ist die zentrale Elementargewalt, der sich die Menschen in dem rauen Küstengebiet nicht entziehen können. Es schafft Begrenzung, ist Tor zur Freiheit oder  letzter Zufluchtsort.
In Benjamin Brittens Oper Peter Grimes fungiert das Meer als eigentlicher Hauptträger der Handlung und wird zur Projektionsfläche der Protagonisten, zum Symbol für die Abgründe und Stürme der menschlichen Seele. In seiner Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit spiegelt es aber vor allem das aufbrausende Naturell des unglücklichen Titelhelden Peter Grimes.

„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. (…) Als ich Peter Grimes schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen.“   (B. Britten 1945).

Peter Grimes – Benjamin Britten
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Britten wurde 1913 am Meer, in Lowestoft, Suffolk, geboren, und verbrachte bis zu seinem Tod 1976 fast sein ganzes Leben an der Ostküste Englands. Mit acht Jahren begann er bereits zu komponieren, 1933 beendete er sein Studium und mit 24 Jahren konnte er eine beachtliche Zahl an Kompositionen, vor allem im Bereich der Sinfonik, aufweisen. Auch als Dirigent Pianist und vor allem als Liedbegleiter erlangte er Weltruhm. 1937 begegnete Britten dem Tenor Peter Pears, mit dem ihn eine lebenslange Partnerschaft und eine ebenso lange fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit verband. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges verließ der erklärte Pazifist zusammen mit Pears die Insel und übersiedelte in die USA, wo er auch die Versdichtung The Borough (Die Gemeinde, 1810) von George Crabbe kennenlernte.

Dessen Erzählungen über ein kleines Fischerdorf in Suffolk weckten Brittens Sehnsucht nach der Heimat und so kehrte er 1942, mitten im Krieg, zurück nach England, wo er 1944 mit der Komposition seiner Oper begann. 1945 in London uraufgeführt, wurde Peter Grimes zu einem Welterfolg und hob Britten quasi über Nacht in den Rang eines englischen Nationalkomponisten, fast 300 Jahre nach Henry Purcell.

In Crabbes Erzählung Peter Grimes, ist dieser ein gewalttätiger Sonderling, der sich nicht in die Gesellschaft integrieren kann und will. Er ist für den Tod von drei Lehrjungen verantwortlich und wird deshalb von der Dorfgemeinschaft verfolgt und ausgegrenzt.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Britten und sein Librettist, Montagu Slater, erklärten 130 Jahre später den Konflikt der Titelfigur allerdings nicht aus dessen zweifelhaftem Charakter, sondern aus der Konfrontation des Einzelnen mit dem Kollektiv, ein Thema, das in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg eine besondere Aktualität erhielt. Slater und Britten machten aus Peter Grimes eine ambivalente Figur, dessen tragisches Scheitern aus dem Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen und unterdrückter Triebhaftigkeit resultiert. Der Titelheld weist damit in einem Aspekt Parallelen zu Benjamin Brittens eigener Biografie auf, der als homosexueller Künstler in England Mitte des letzten Jahrhunderts selbst auch ein Außenseiter blieb. Eindeutig thematisiert wird diese Problematik in Brittens Werk allerdings nicht.

Als Erneuerer der englischen Oper im 20. Jahrhundert wurde Britten zwar hochgeschätzt,
spürte aber, da seine Lebensführung nicht dem gängigen Gesellschaftsbild entsprach, die latenten Ressentiments und reagierte mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungsdruck. Diese Problematik verarbeitete er in seinen späteren Opern Billy Budd oder Tod in Venedig.

Bei Britten ist der Fischer Peter Grimes ein Einsamer, ein Zerrissener, der nach seinen eigenen Maßstäben lebt und sich durch sein cholerisches und unangepasstes Wesen immer mehr ins soziale Abseits manövriert. Er ist von fanatischem Arbeitseifer besessen und hofft auf Wohlstand und Ansehen. Er beschäftigt einen Lehrjungen aus dem Waisenhaus, der beim gemeinsamen Fischen auf hoher See stirbt. In einem Gerichtsverfahren muss sich Peter Grimes für dessen Tod verantworten, aber da ihm keine Schuld nachgewiesen werden kann, wird er freigesprochen. Die Dorfbewohner halten ihn jedoch für schuldig und verfolgen ihn mit Argwohn. Der alte Kapitän Balstrode und die Lehrerin Ellen Orford, die ihn für unschuldig hält und von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt, stehen ihm bei. Als Ellen aber bei einem zweiten Lehrjungen Verletzungen findet, stößt Peter Grimes sie von sich. Der aufgestaute Hass der Gemeinde richtet sich immer offensiver gegen ihn und Grimes verfällt in einen psychischen Ausnahmezustand mit Wahnvorstellungen. Als er vor der aufgebrachten Meute flieht, kommt auch sein zweiter Lehrjunge zu Tode. In seiner Ausweglosigkeit nimmt er den Rat von Balstrode an und versenkt sich selbst mit seinem Boot im Meer. Die Dorfgemeinschaft geht ungerührt ihren eintönigen Alltagsgeschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

Bei Peter Grimes handelt es sich um eine zeitlose Parabel im Spannungsfeld von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Britten stellt das Schicksal des Außenseiters zur Diskussion, ist Peter Grimes ein schlechter Mensch oder wird er durch die Gesellschaft dazu gemacht. Eindeutige Aussagen werden nicht getroffen, Vieles bleibt im Dunkeln.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Brittens Musikstil ist geprägt von Komponisten wie Henry Purcell, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und Dimitri Schostakowitsch. Der Verismo findet seinen Niederschlag in Brittens großem Erstlingswerk genauso wie traditionelle Elemente aus der englischen Volksmusik. Er hielt an einer erweiterten tonalen Tonsprache fest, auch wenn er von Avantgardisten seiner Zeit dafür kritisiert wurde. Peter Grimes ist zwar „durchkomponiert“, hat aber formal geschlossene Abschnitte wie Ensembles, ariose Teile und dramaturgisch bedeutende Orchesterzwischenspiele,die „Interludes“. Die zweite große Hauptrolle übernimmt der Chor.

Regisseur Markus Dietz und Bühnenbildnerin Ines Nadler haben ein beklemmendes abstraktes Einheitsbühnenbild geschaffen, das in seiner Reduktion die Trostlosigkeit und Düsternis der Handlung und der Naturgewalten widerspiegelt. Grautöne in verschiedenen Abstufungen bis hin zur totalen Finsternis sind vorherrschend. Eine bewegliche Zwischendecke mit variablen weißen Neonlichtern, die scharfe Kontraste setzen (Lichtregie: Florian Arnholdt), beherrscht den Bühnenraum, weitet oder verengt die Szene und passt sich den Seelenzuständen der Personen an. Karge, vereinzelte Requisiten wie Fangkörbe, Tische und Stühle oder ein hell strahlendes Kreuz, verdeutlichen Küste, Kneipe oder sakralen Raum. Wenn die Gemeinde sich zum Trinken trifft, sorgt eine einsame bunte Lichterkette vor dunklem Hintergrund für Feierstimmung.

Ab dem 2. Akt bedeckt Wasser den Bühnenboden knöcheltief, so dass sich alle Personen mit Gummistiefeln fortbewegen. Eine perfekte Metapher für die immer weiter zunehmende klaustrophobische Ausweglosigkeit der Situation. Die Dorfbewohner tragen unscheinbare Alltagskleidung (Kostüme: Henrike Bromber), lediglich die Kneipenwirtin Auntie und ihre beiden Nichten stechen aus der Masse hervor mit modischen bunten und aufreizenden Outfits.

Markus Dietz‘ differenzierte Personenführung zeigt das Kollektiv der Gemeinde in seiner bigotten, moralinsauren Kleinbürgerlichkeit als homogene Masse, aus der einzelne scharf gezeichnete Individualisten hervorstechen, die Funktionsträger der Gemeinschaft. Überwältigend, wenn der Chor eine geschlossene Phalanx an der Rampe bildet und seine Wut in den Zuschauerraum schleudert. Mit großer Sensibilität gelingt dem Regisseur die psychologische Feinzeichnung der Beziehung zwischen Balstrode, Ellen und Peter Grimes, die eine Insel der Mitmenschlichkeit in einer feindseligen Welt darstellt.

Die Gerichtsverhandlung zu Beginn wird vor dem „eisernen Vorhang“ abgehalten auf einem schmalen Raum vor dem Orchestergraben unter Einbeziehung der Seitenlogen. Die Gemeinde, das sind die Fischer und ihre Frauen, unterhalten sich laut. Plötzlich sieht man eine Videoeinspielung, die ein Kind zeigt, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. Das Bild kommt näher, das Kind wird gedreht, es ist tot. Die Verhandlung beginnt, Peter Grimes steht auf einem Stuhl und verteidigt sich, die Menge urteilt gegen ihn, der Richter plädiert aber auf Freispruch. Ellen Orford, die verwitwete Lehrerin des Dorfes, einzige Lichtgestalt im strahlend weißen Kleid, erscheint selbst wie die personifizierte Unschuld. Für einen kurzen Moment, in einem ergreifenden a capella Duett zwischen Ellen und Peter Grimes, scheint das Glück für beide greifbar, aber wieder schiebt sich das Bild des toten Kindes dazwischen. Es entfernt sich, und im Wasser treiben nun mehrere tote Kinder. Die Traumatisierung des psychischen Borderliners Peter Grimes wird evident, man ahnt, dass die schrecklichen Bilder ihn nicht mehr Ioslassen werden. Das harte Leben der Fischer, die ihre Fangkörben stapeln um sich vor der Sturmflut zu schützen, wird durch das Agieren auf schmalem Raum beklemmend dargestellt, ebenso die drückende Enge im Dorfpub, in dem die Bewohner dicht an dicht gedrängt sind und Tanz, Gesang und Alkohol die traurige Realität verdrängen sollen. Auch hier kann sich Peter Grimes nicht integrieren, und wird verspottet. Ein weiterer Junge aus dem Waisenhaus wird für ihn gebracht, aber Ellen kann ihn nicht mehr beschützen.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Zu Beginn des 2. Akt sieht man wieder eine riesige Videoeinspielung, diesmal mit fröhlich lachenden Jungen und Mädchen. Im Hintergrund betet die Gemeinde in der Kirche, von der Decke hängt ein großes Kreuz in leuchtendem weiß. Als die Gemeinde auseinandergeht, fallen Vorhänge herab und geben den Blick frei auf ein mit roter Farbe geschriebenes Wort: Murderer! Eine suggestive Szene mit thrillerartiger Schockwirkung. Nun beginnt die Hetzjagd auf den Ausgegrenzten, Fackeln werden an die Meute verteilt, die in der Nacht eine gespenstische Wirkung entfalten.

Nach dem unglücklichen Tod des zweiten Jungen verfällt Peter Grimes dem Wahnsinn, auf einem harten Tisch liegend, fährt er auf der Zwischenebene nach oben, nicht mehr erreichbar für Ellen, die zusammenbricht. Man wird Zeuge einer fast unerträglichen Steigerung menschlichen Elends. Eine Tragödie von antikem Ausmaß. Balstrodes Rat, sich auf dem Meer zu versenken, ist für Peter Grimes die logische Konsequenz. Das Dorf nimmt den Selbstmord ungerührt zur Kenntnis.

Roy Cornelius Smith ist die Inkarnation des Fischers Peter Grimes. Stimme, Darstellung und Gestaltung verschmelzen bei ihm zu einer perfekten Einheit. Mit seiner bis an die Grenzen gehenden Expressivität gelingt ihm ein faszinierendes Psychogramm der gequälten Seele, die er aufs Sensibelste auslotet. Heldentenorale Durchschlagskraft, lyrische Innigkeit und und eine variable dynamische Bandbreite stehen ihm ebenso zur Verfügung wie eine feinsinnig aus dem Wort entwickelte Tongebung.

Astrid Kessler gestaltet die empathische und aufrichtige Ellen Orford mit luzider Ausstrahlung und seelenvoller Hingabe. Mit großer Leuchtkraft und perfekt austarierter Piano Kultur erzeugt sie Spannungen von besonderer Qualität und findet Schattierungen von anrührender Zartheit und sehnsüchtiger Melancholie.

Das moralische Gewissen der Gemeinde, Captain Balstrode, der klug zwischen den Fronten vermittelt, wird von Thomas Berau mit großer Intensität und Charisma verkörpert. Seinen kraftvollen, tragfähigen Bariton setzt er mit Wärme in allen Lagen ein und beeindruckt auch mit vorbildlicher Diktion.

Sung Ha singt den Swallow souverän mit balsamischen Basstiefen, Raphael Wittmer als Bob Boles setzt mit kräftigem Tenor komödiantische Akzente. Ilya Lapich gestaltet den Ned Keene mit baritonalem Wohllaut und Rita Kapfhammer als Auntie strahlt mit leuchtenden Sopranhöhen. Reverend Adams singt Uwe Eikötter mit charaktertenoralem Glanz, Marie-Belle Sandis verleiht der umtriebigen Mrs Sedley schöne Mezzofarben und Lebendigkeit. Hervorzuheben ist Lavinia Dames von der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, die als „first Niece“ äußerst kurzfristig eingesprungen war und sich mit Ji Yoon, second Niece, blendend ins Ensemble einfügte. In weiteren stummen Rollen überzeugten Philipp Riehle als Boy John und Intendant Albrecht Puhlmann als Dr. Crabbe.

Der phänomenale Chor des NTM unter der Leitung von Danis Juris bewältigte die immensen Herausforderungen als wuchtigem Gegenspieler von Peter Grimes mühelos. Mit unter die Haut gehender Klanggewalt, rhythmischer Präzision und Textverständlichkeit beeindruckte der Chor auch darstellerisch als heterogenes Kollektiv, das seine Macht genussvoll ausspielt. Eine fantastische Leistung !

Der Engländer Alexander Soddy hat wohl eine besondere Affinität zu Brittens Musik, was an diesem Abend unschwer zu überhören war. Er steuert das Nationaltheater Orchester sicher durch die Klangfluten, mächtig brechen die Tutti-Wogen über den Solisten zusammen, grimmig brausen die Bläser-Stürme. Glitzernde Arpeggien von Harfe, Bratschen und Klarinetten und sehnsüchtige Violinen- Kantilenen lassen die „Dämmerung“, das 1. der „Interludes“, bei Soddy plastisch aufscheinen. Impressionistisch inspirierte Klangflächen, aus dem sich hohe und tiefe Glocken herauslösen, verdichten sich atmosphärisch zur Sonntagstimmung des 2. Interlude. Auch die melodisch und rhythmische Unbewegtheit des Nachtstücks gestaltet Soddy mit feinem Gespür für die kontrastierenden Spannungsabläufe von Brittens Musik.

Viel Beifall und Jubel im ausverkauften Opernhaus nach dieser herausragenden Produktion, die man auf keinen Fall verpassen sollte!

Besuchte Vorstellung: Premiere am 3. November 2019

Peter Grimes am Nationaltheater Mannheim, die weiteren Vorstellungen:  7.11.; 22.11.; 29.11.; 18.12.2019; 5.01.2020 …

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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