Wien, Volksoper, Powder Her Face – Oper von Thomas Adès, IOCO Kritik, 23.04.2019

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Volksoper Wien

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Powder Her Face – Oper von Thomas Adès

– to blow or not to blow? –

von Elisabeth König

Thomas Adès (*1971) erste Oper aus dem Jahr 1995 entstand in Kooperation mit dem Autor und Librettisten Philipp Hensher im Auftrag des Londoner Almeida Theatre. Die Uraufführung war ebenso skandalumwittert wie das Sujet der Oper. Das Werk hält sich jedoch aufgrund seiner musikalischen Qualität und aufrührenden Story seither sehr erfolgreich auf den Spielplänen.

Powder Her Face  –  Thomas Adès
youtube Trailer der Volksoper Wien
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Die Oper ist inspiriert von der Lebensgeschichte und dem skandalösen Scheidungsprozess der Herzogin von Argyll in den 1960er-Jahren, doch nimmt das Libretto nicht wirklich realbiographisch darauf Bezug und nutzt lieber die biographischen Zwischenräume. Es nimmt die tragische Lebensgeschichte zum Anlass, in sieben Szenen die Geschichte vom Fall einer Frau, die sich über die Grenzen sozialer und sexueller Konvention hinwegsetzt, zu erzählen.

Und erzählt wird in der dichten und gelungenen Regie von Martin G. Berger sehr viel. Er zeichnet starke Bilder, die nicht vor der Perversion und dem Elend der Charaktere zurückschrecken. Er fügt den vier handelnden Personen der Oper vier Statisten in variablen genderfluiden Kostümen hinzu, die der Duchess als soziale Hintergrund-„Familie“ beigestellt werden.

Thomas Adès und Philipp Hensher verwenden in der Oper wiederholt das Wort „queer“, das im Englischen einen Bedeutungswandel vollzog von „seltsam, verrückt, eigentümlich“ zu einem derogativen Begriff für Menschen nichtheteronormativer Sexualität und schließlich von der LGBTQ-Community als selbstgewählter Begriff eine positive Konnotation erhielt. Dies gab dem Regisseur den Anlass, die Duchess zur „queeren“ Ikone zu stilisieren. Die queere Szene zur Ersatzfamilie der einsamen, unerfüllten und sexuell über ihre von der Gesellschaft gesteckten Grenzen gehenden Frau erschien als interessante Idee und funktionierte im Rahmen der Inszenierung. Dass die verzweifelte Perversion und Sexsucht, wie die Duchess sie in dem Werk auslebt, nicht als umfassendes Bild der heutigen Bedeutung von „Queerness“ aufgefasst werden darf, stellt jedoch die Frage, ob es schlussendlich die Repräsentation ist, der es bedarf.

Volksoper Wien / Powder Her Face - hier : David Sitka (Electrician), Ursula Pfitzner (Duchess), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Powder Her Face – hier : David Sitka (Electrician), Ursula Pfitzner (Duchess), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Generell setzte die Regie auf Sex, um die inneren Beweggründe der Charaktere zu erzählen und auch immer wieder zu verschleiern. So beginnt die Ouvertüre mit einer orgiastischen Laokoon-Gruppe, in der jeder mit jedem in geradezu ritualisierter Automation so viele Positionen wie möglich durchlebt. Die Wiederkehr der Szene am Ende der Oper gibt dem Werk einen weiteren dramaturgischen Handlungsrahmen, als Stück im Stück sozusagen, trug jedoch nur bedingt zum Verständnis des Werks bei und machte eine Steigerung der sexuellen Komponente in späteren Szenen schwieriger. Anspielungen auf die aktuelle Diskussion rund um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Schokoladenbäder in der Badewanne, BDSM-Masken und pornographisches Stöhnen und Wetzen taten jedoch ihr Bestes, keine Zweifel an den pervertierten Ausschweifungen der Duchess aufkommen zu lassen.

Das so oft als „Blowjob-Oper“ betitelte Werk kam in dieser Inszenierung tatsächlich ohne selbigen aus, und wählte für den auskomponierten Orgasmus am Ende des ersten Aktes ein anderes, ebenso starkes Bild. Die Fellatioszene, die die Duchess im wahrsten Sinne des Wortes mundtot macht und ihr nur noch brünftiges Stöhnen entlockt, wird zum allesverschlingenden Sexualakt. Der Tenor als genötigter Hotelpage entschwindet durch eine Bodenklappe und die Duchess bleibt in ihrem Orgasmus doch nur mit leeren Armen und allein zurück.

Volksoper Wien / Powder Her Face - hier :  David Sitka (Electrician), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid), Ursula Pfitzner (Duchess) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Powder Her Face – hier : David Sitka (Electrician), Bart Driessen (Hotel Manager), Morgane Heyse (Maid), Ursula Pfitzner (Duchess) © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Inszenierung läuft im zweiten Teil des Abends und gerade in der letzten Szene zu Höchstform auf. Der Richter, der sich nach seiner langen Verurteilung der Duchess als abartig und verwerflich schließlich selbst kastriert bildet den Anfang einer nahezu Hamlet’schen Sinnfrage. Ohne Geld, Jugend und Schönheit gibt es für die Duchess keine körperliche Nähe mehr und dieser Verlust bedeutet für sie nicht nur den Verlust ihres Lebenssinns, sondern vor allem die soziale Isolation, die in der Inszenierung geradezu rührend durch das Kostüm bestätigt wird. Die Duchess trägt ein Cape, über und über mit Stofftieren benäht, an die sie sich klammern kann, wenn die Menschen sie verachten und ihres letzten Lebensraumes verweisen. Sie versucht, die Sinnleere ihres Lebens durch extensives Shoppen zu füllen, reminesziert über ihre bewegte Vergangenheit und schlittert damit hasserfüllt und unbeugsam ihrem unaufhaltsamen Ende entgegen.

Das Versiegen ihres Geldflusses bedeutet ihr Ende. Sie wohnt seit Jahren nur noch im Hotel – an sich ein flüchtiger Durchgangsort und keine Heimat. Als sie auch dessen verwiesen wird, ist ihr Tod besiegelt und sie bricht zusammen.

Die Werkseinführung durch die Dramaturgin fand leider nicht immer den richtigen Ton, wirkte sie doch gleichzeitig entschuldigend für die Eindeutigkeiten des Werks, und bezeichnete die Oper doch fortwährend als „Blowjob-Oper“. Die Erklärungen zur Regie halfen einem Zugang zur Inszenierung, doch die Entscheidung des Regisseurs, die erste Szene abzuwandeln und zu verfremden, blieb dabei leider unerklärt.

Absolut bewundernswert die vier SängerInnen des Abends. Die Oper hat durchaus halsbrecherische Momente, die die vier SängerInnen in allen Positionen und Posen mit höchster stimmlicher und darstellerischer Verve meistern.

Ursula Pfitzner glänzte in der Rolle der Duchess. Mit warmer, verführerischer Stimmfarbe, glanzvoller Höhe und enormem körperlichem Einsatz erweckte sie die Rolle zum Leben und weckte Mitgefühl für die einsame, verbitterte und verzweifelte Frau. Sie trägt jede Szene mit brennender Energie und vermag es, auch in objektiviert und automatisiert gezeigter Sexualität stets die emotionale Ausgebranntheit der Duchess zu vermenschlichen.

Morgane Heyse zeigt in vielfältigen Rollen, zumeist als Maid, nicht nur große spielerische Wandlungsfähigkeit und emotionale Breite, sondern vor allem ihren perlenden Koloratursopran, der in jeder Lage mit heller Strahlkraft und Brillanz begeistert.

David Sitka spielte sich, meist als Electrician, mit weichem angenehmem Tenor und lässiger Provokation und Verachtung durch seine zahlreichen Rollen und glänzte vor allem als Gaffer in Affenmaske.

Bart Driessen in den verschiedenen Bassrollen des Werkes zeigte sich vor allem als Duke, Richter oder Hotel Manager moralisch korrumpiert und meisterte die halsbrecherischen Aufstiege ins Falsett mit Eleganz.

Das Volksopern-Orchester unter dem sicheren Dirigat von Wolfram-Maria Märtig genoss hörbar den Ausflug in die zeitgenössische Musik. Alles in allem ein Must-See der Opern-Saison mit schillernden DarstellerInnen und packender Inszenierung.


 Die Volksoper Wien – im Kasino am Schwarzenbergplatz

Die Volksoper Wien spielt ihre Produktionen meist im Stammhaus an der Währinger Strasse. Eine weitere Spielstätte ist das mit 250 Sitzplätzen kleinere Kasino am Schwarzenbergplatz, welches Gegenwartsstücke und moderne Theaterprojekte der Volksoper aufführt. Die Oper Powder her Face zeigte die Volksoper im Kasino.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Volksoper Wien, Marilyn Forever – Gavin Bryars, IOCO Kritik, 02.05.2018

Mai 2, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musical, Volksoper Wien

 

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Volksoper Wien

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Kasino am Schwarzenbergplatz © Mag. Konstanze Schäfer | Mag. (FH) Angelika Loidolt

Marilyn Forever – Oper von Gavin Bryars

Von Marcus Haimerl

Seit 2017 bespielt die Volksoper Wien neben ihrem Stammhaus an der Währinger Strasse auch das Kasino am Schwarzenbergplatz mit zeitgenössischer Oper. Im Vorjahr war es Limonen aus Sizilien von Manfred Trojahn, heuer erlebte das Wiener Publikum die europäische Erstaufführung der einaktigen Kammeroper Marilyn Forever des britischen Komponisten Gavin Bryars (Uraufführung am 13. September 2013 im MacPherson Playhouse Theatre, Victoria, British Columbia, Kanada). Bereits mit 20 Jahren war der Komponist kurze Zeit von Marilyn Monroe besessen. 1963 sah er als Student The Misfits („Nicht gesellschaftsfähig“). Es war der letzte fertiggestellte Film der Monroe, sie spielte an der Seite Clark Gables, das Drehbuch schrieb Noch-Ehemann Arthur Miller. Die Ehe der beiden zerbrach während der Dreharbeiten. Für Gavin Bryars war der Film voll dunkler Melancholie, das Ende einer Filmära und das Hauptthema: der Abschied vom Leben selbst.

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever - hier : Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever – hier : Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Verändert wurde sein Leben durch den Komponisten John Cage, dessen Assistent er wurde. Beeinflusst wurde er auch stark durch die Minimal Music im Stile von Philipp Glass. 1998 lernte Bryars bei Kompositionen zu dem kanadischen TV-Film Last Summer die in Kanada lebende Regisseurin Anna Tchernakova kennen, die seine Frau wurde. In seiner nunmehr zweiten Heimat Kanada lernte er das Aventa Ensemble kennen, welches ihm den Kompositionsauftrag für Marilyn Forever erteilte. In seiner Nachbarin, der Schriftstellerin Marilyn Bowering, fand er die ideale Librettistin. Bereits 1987 veröffentlichte sie unter dem Titel „Anyone can see I love you“ poetische Monologe, die sie Marilyn Monroe in den Mund gelegt hatte. Bryars entschied sich für eine Kammeroper: zwei Gesangssolisten, Männerchor, ein Jazztrio (Klavier, Tenorsaxophon und Bass) sowie ein Orchester bestehend aus acht Instrumentalisten.

Das Kasino am Schwarzenbergplatz ist somit bestens geeignet für dieses kleine aber feine Werk, welches mit einer Spielzeit mit knapp 75 Minuten ziemlich knapp ist. Das Bühnenbild von Jörg Brombacher beschränkt sich auf ein Sofa, eine Bar und ein großes rundes Bett. Eine Figur die Marilyn in der klassischen Pose aus dem Film Das verflixte 7. Jahr zeigt und ein großes Porträtfoto der Protagonistin als Marilyn. Der Kern der Oper ist nach den Worten des Regisseur Christoph Zauner der Zwiespalt der Schauspielerin, zwischen Selbstaufgabe als öffentliche Person und privaten Schicksalsschlägen hin- und hergerissen. Diese Umsetzung ist ihm weitestgehend auch gelungen.

Die Oper beginnt in der Nacht vom 5. auf den 6. August 1962. Marilyn stirbt und in Flashbacks zieht das Leben der Ikone nochmals am Publikum vorüber. Ein Probenregisseur wartet auf die notorisch Zuspätkommende. Als sie erscheint, verliert sie sich in Erinnerungen an einen von der Sonne beleuchteten Stein und beschreibt wie sie sich aus dem Waisenkind Norma Jean selbst geschaffen hat. In der zweiten Szene sucht sie Jobs als Schauspielerin und ein Produzent lädt sie zu sich nach Hause ein. Ihre Arbeit hat Auswirkung auf ihr Leben, Marilyn und ihr Mann entfremden sich zunehmend. Sie fühlt sich als Mensch und Künstlerin nicht respektiert, ihr Mann kommt mit dem Begehren der vielen Männer nicht zurecht. Arthur Miller schließlich, scheint ihr ein echter Partner zu sein. Marilyn wird zwei Mal schwanger, verliert die Babies. Die Ehe zerbricht, sie hat Affären, nimmt Tabletten. Ihre Mutter Gladys geistert immer wieder durch ihr Leben. Marilyn verfällt, kann sie ihre Rolle weiterhin spielen? Kann sie in das Scheinwerferlicht treten und dem Präsidenten ein Geburtstagständchen singen? Der Probenregisseur beschreibt ihre Faszination: Sie ist das Licht, die Männer sind wie Motten. Auch ihr neues Leben gelingt nicht. Fremde Männer dringen in ihr Haus ein. In der letzten Szene versucht der Probenregisseur wieder das Set vorzubereiten. Doch es ist zu spät. Die Oper endet wie sie begonnen hat: mit Marilyns Tod.

Gavin Bryars schuf eine zeitgenössische, jedoch sehr melodiöse Oper zwischen Jazzelementen und traurigen Streicherklängen. Als Marilyn erlebt man Rebecca Nelsen. Die texanische Sopranistin ist ein Juwel der Wiener Volksoper. Sie reüssiert in Operette und Musical ebenso erfolgreich wie auch in der klassischen und zeitgenössischen Oper und verfügt über einen sehr schönen Sopran mit absolutem Wiedererkennungswert. Wie sie selbst sagt, freut sie sich, nicht die Ikone, sondern vielmehr die fehlerhafte, gebrochene Frau darstellen zu können. Glaubhaft zeigt sie hier eine depressive Frau, die in Dunkelheit fällt. Besser kann man eben jenes Gefühl des Komponisten beim Sehen des Films The Misfits nicht umsetzen. Und dies gelingt ihr nicht nur darstellerisch, sondern auch musikalisch. Sie wechselt ohne hörbaren Übergang von Brust- in Kopfstimme und fühlt sich auch in der vielschichtigen Musik von Gavin Bryars sichtlich wohl. Völlig zurecht wurde sie vom Publikum stürmisch bejubelt.

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever - hier : Morton Frank Larsen als Arthur Miller und Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz / Marilyn Forever – hier : Morton Frank Larsen als Arthur Miller und Rebecca Nelsen als Marilyn © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Alle Männerrollen werden von Morten Frank Larsen verkörpert. Mit Inbrunst singt er vom Probenregisseur über einen Produzenten bis hin zu Arthur Miller die Männer in Marilyns Leben mit schönem, kräftigen Bariton. Bemerkenswert auch die sechs Herren des Jugendchors der Volksoper Wien (Philip Fichtner, Stefan Himsl, Lukas Karzel, Max Montocchio, Martin Schlatte, Michael Thauer, Christian Tomsits), die hier all ihr Können beweisen durften, wurde doch der Chor, welcher eigentlich für den Orchestergraben vorgesehen ist, von Regisseur Christoph Zauner mitinszeniert und in das Geschehen eingebunden. Ebenso beeindruckend die Leistung des Jazztrios und des Orchesters der Volksoper Wien unter der Leitung von Wolfram-Maria Märtig. Der Jubel am Ende dieser Kammeroper bewies, dass die Volksoper mit zeitgenössischen Werken eine weitere Sparte des Musiktheaters erfolgreich für sich gewonnen hat. Somit kann man sich auf die nächste Saison freuen, wenn Thomas Adès Kammeroper Powder her face auf dem Spielplan steht.

Detmold, Landestheater Detmold, Powder her Face – Thomas Adès, IOCO Kritik, 24.02.2018

Februar 25, 2018 by  
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Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Powder Her Face –  Kammeroper von Thomas Adès

„The Dirty Duchess oder: was ist eine Blowjob-Arie?“

Von Karin Hasenstein

„Thomas… wer? Powder… was?“ So oder so ähnlich reagieren Viele, wenn man diese zeitgenössische Oper von Thomas Adès erwähnt.

Zugegeben, bis vor kurzem ging es der Rezensentin nicht viel anders. Bis sie im Rahmen einer Live in HD Übertragung aus der Metropolitan Opera New York The Exterminating Angel von Thomas Adès kennenlernte und in ihren Bann gezogen wurde. So kam überhaupt der Gedanke auf, die zweite Vorstellung von Powder Her Face im Landestheater Detmold zu besuchen.

Thomas Adès, geboren 1971 in London, ist ein junger Komponist, mit dessen Werk sich näher zu befassen durchaus lohnend sein kann – wenn man sich denn öffnen will für seine ungewöhnliche, wild überschäumende Klangwelt. Die deutsche Erstaufführung von Powder Her Face fand 1996 am Theater Magdeburg statt, Inszenierungen seiner zweiten Oper „The Tempest“ 2010 in Frankfurt und Lübeck. The Exterminating Angel hatte seine Uraufführung 2016 bei den Salzburger Festspielen und wurde im selben Jahr an die MET übernommen. Neben diesen drei Opern komponierte Adès zahlreiche Werke für Soli, Chor, Kammerorchester oder Streichquartett, die aber in Deutschland fast unbekannt sind, bis auf sein Werk Totentanz, das unter Jeffrey Tate am 18. September 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erklang.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Aufführungen seiner drei Opern in Deutschland sind selten, weshalb es umso erwähnenswerter ist, dass sich ein kleines Haus in der ostwestfälisch-lippischen Provinz an diese Herausforderung gewagt hat – mit großem Erfolg! Intendant Kay Metzger gebührt große Anerkennung für seinen Mut. Denn ein Publikumsmagnet wird diese Produktion vermutlich nicht werden. Warum? Da ist zunächst das Thema. Warum komponiert ein 24-Jähriger eine Oper über das Leben einer schottischen Herzogin? Wer war Margaret Whigham, spätere Campbell, Duchess of Argyll? In der Inszenierung von Christian Poewe erzählt diese Oper in 8 Szenen und einem Epilog Momente aus dem Leben der schottischen Herzogin, die vor allem durch ihr ausschweifendes skandalöses Sexleben bekannt wurde, das durch zahlreiche eindeutige Fotos mit unzähligen Liebhabern dokumentiert ist.

1990
Der Vorhang ist zu Beginn oben und gibt den Blick frei auf ein halbrundes in weiß gehaltenes Schlafzimmer, dessen einziges Möbel ein großzügiges rundes Bett ist (Ausstattung: Tanja Hofmann). Ein Elektriker und ein Zimmermädchen vergnügen sich dort und reden abschätzig über die Kleidung der Herzogin, die bankrott ist und sich nicht eingesteht, dass sie eigentlich am Ende ist. Kleine Fenster in den Wänden öffnen sich und geben wie in einer Peep-Show den Blick auf die dahinter befindlichen Zuschauer frei, welche die auf dem Bett tanzende Frau im schwarzen Unterkleid gierig betrachten und fotografieren.
Durch die Demütigungen des Personals erinnert sie sich an ihre glanzvolle Vergangenheit.
In Rückblenden erzählt die Oper Stationen ihres ausschweifenden Lebens. Dass sich ihr alter Teekocher nicht mehr reparieren lässt, deutet auf ein wenig ruhmreiches Ende hin.

1934
Nach erfolgreicher Scheidung von ihrem ersten, langweiligen Ehemann Baron Freeling, wartet die junge Margaret mit einer Vertrauten auf den Herzog. Dieser soll ein Frauenheld sein, ist aber vor allem eins, nämlich reich, und eine Heirat bringt den ersehnten Titel und die gesellschaftliche Position. Der Herzog erscheint nur als Schattenriss in der geöffneten Tür.

1936
In einer grotesken Szene wird die Hochzeit von Margaret und dem Herzog beschrieben, indem in wechselnden Konstellationen Braut, Bräutigam und Pfarrer in eindeutigen sexuellen Posen als Standbilder hinter einer schwarzen Gaze dargestellt werden. Vor dem Vorhang wundert sich eine Angestellte über das zügellose Verhalten der Reichen, die schon tagsüber Champagner trinken.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1953
Die Herzogin ist allein im Hotel in London. Verzweifelt versucht sie, den Zimmerservice zu erreichen, um „Sandwiches, Beef, Wine“ zu bestellen. Immer wieder ist sie falsch verbunden, niemand scheint ihren flehentlichen Wunsch nach Fleisch zu vernehmen. Dabei ist ihr Schrei nach „Fleisch“ eindeutig nicht ernährungsorientiert, weshalb auch ihre Worte „Stopfe mich voll, bis ich nicht mehr kann“ nur in einer Hinsicht verstanden werden können. Schließlich erscheint ein zurückhaltender Zimmerkellner aus dem Schrank, die Aufforderung, sich zur ihr zu setzen, wird zunächst ignoriert, bis die Herzogin ihm schließlich Geld für gewisse Dienste anbietet. Die nun folgende Blowjob-Arie zeigt, wie weit Margaret schon gesunken ist, bekommt die einstige Schönheit doch nur noch „Liebe“ gegen Geld. Oder sollte man sagen „Opfer?“

In dieser Arie, die keinerlei Text enthält, sondern nur auf Vokalise gesungen wird, drückt sich die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur aus. Die beiden Personen agieren versetzt voreinander, ohne sich zu berühren, die Darstellerin der Margaret, Eva Bernard, leistet hier stimmlich wie darstellerisch Großartiges, während das Publikum die sehr präsentable Rückansicht des Kellners (Daniel Arnaldos) unverhüllt genießen darf. Leider dreht sich in dieser Szene das Bett nicht mehr, aber auch so läuft hier noch genug Kopfkino ab. Während er seine Hose hochzieht, fragt sie ihn „You know who I am?“ und erhält die erschütternde Antwort „All the boys know“. Schließlich erinnert er sie im Gehen daran, dass man sich nicht zum ersten Mal begegnet. „Last April, the same story“. Die Herzogin bleibt verzweifelt zurück und der Zuschauer fragt sich, wer hier gerade wen benutzt hat.

1953
Der Herzog vergnügt sich mit einer Geliebten, die ihm von den Liebesabenteuern der Herzogin erzählt. Sie verrät ihm, wo seine Frau Beweise ihrer Untreue versteckt.

1955
Es kommt zum Scheidungsprozess, in welchem der Richter seine Fassungslosigkeit über das unmoralische Verhalten der Herzogin zum Ausdruck bringt und erklärt, sie sei moralisch nicht geeignet für die Ehe und des Titels nicht würdig. Diejenigen, die sie zuvor verraten haben, sitzen nun eingehüllt in die überdimensionalen Rockschöße der Richterrobe, die schwarzglänzend beinahe den gesamten Bühnenraum bedeckt. Regungslos nimmt Margaret das Urteil entgegen.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1970
Die Herzogin gibt ein letztes Interview, sei es, weil sie Geld braucht, oder weil sie einfach immer noch nicht akzeptieren will, dass ihr Stern im Sinken begriffen ist. Ernsthaft erzählt sie den Reportern, wie sie sich jung und schön hält und präsentiert ihre Mode, bis sie schließlich, auf ihren Lebenswandel angesprochen, ihre Verachtung zum Ausdruck bringt. Sie erhält hohe Rechnungen vom Hotelmanager, die sie nicht zahlen kann.

1990
Die Oper endet, wie sie begonnen hat. Die Herzogen ist allein in ihrem Hotelzimmer, statt einer schwarzen Perücke mit weißer Strähne trägt sie nun eine weiße mit schwarzer Strähne, ist wieder mit einem schwarzen Unterrock bekleidet und nur noch ein Schatten ihrer einstigen Schönheit. Der Hotelmanager erscheint und fordert sie wegen unbezahlter Rechnungen auf, das Hotel zu verlassen. Sie versucht, womit sie ihr Leben lang erfolgreich war, sie bietet ihm im Gegenzug Sex an, doch er geht nicht darauf ein.

Verzweifelt versucht sie noch etwas Zeit herauszuschinden, einen Monat, eine Woche, einen Tag… aber der Hotelmanager ist eindeutig: in einer Stunde ist ihr Wagen bestellt.
Mit ihrem letzten Freund, dem schwarzen Pudel im Arm, denkt sie an die schöne Zeit mit ihrem Kindermädchen und in ihr reift die bittere Erkenntnis: die einzigen Menschen, die jemals gut zu ihr waren, wurden dafür bezahlt. Der Manager kommt zurück. Sie versucht, sein Mitgefühl zu erregen, er soll sie halten, es habe sie schon so lange niemand mehr gehalten… Aber seine Aussage „Your car is here. That is all“, nimmt auch die letzte Illusion.

Das Bett auf dem Podest beginnt sich zu drehen, zu den Geräuschen der Windmaschine tickt das Uhrwerk im Pizzicato der Streicher und bleibt schließlich stehen. Die einstige Duchess of Argyll tritt ab, gebrochen, allein. Das Licht blendet ab. Die Klammer zum Anfang wird geschlossen durch Elektriker und Zimmermädchen, die mit den Worten vor den Vorhang treten: „Enough? Or too much…“

Was ist es nun, das so manchen Besucher veranlasst hat, in der Pause das Theater zu verlassen? Die eindeutig inszenierte Fellatio-Darstellung auf der Bühne? Die mit liebgewordenen Hörgewohnheiten brechende Musik von Thomas Adès? Die aggressive Erotik? Die sperrigen Texte? Die enttäuschten Erwartungen an einen „netten“ Opernabend? Die Tatsache, dass die nur vier Solisten in verschiedene Rollen schlüpfen? Insgesamt zuviel nackte Haut auf der Bühne?

Wer die Oper im Abo hatte, mag vielleicht überrascht worden sein, aber wer sich bewusst für dieses Stück entscheidet, sollte auf all das vorbereitet sein. Wer es dennoch nicht war und sich entschieden hat, vorzeitig zu gehen, hat sich damit viel genommen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung ihren tragischen Verlauf, steigern sich Musik, Spiel und Gesang immer mehr bis zum hoffnungslosen Ende.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Partien verlangen den Sängerdarstellern einiges ab. Allen voran sei die Rolle der Herzogin zu nennen, die von Eva Bernard in allen Facetten großartig gemeistert wurde. Sie als „lyrischen Sopran“ zu besetzen, wie Adès es vorsieht, würde den Anforderungen fast nicht gerecht. Die Partie ist recht umfangreich und stellt die Stimme vor hohe Anforderungen an Beweglichkeit, Tessitura und Wechsel zwischen lyrischen und dramatischeren Passagen. All dieses meisterte Eva Bernard mit Bravour. Dass sie sich zu Beginn als erkältet ansagen ließ, schien eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen zu sein, davon war der Stimme nichts anzumerken. Auch ihr Spiel war immer in der Rolle, hochkonzentriert und professionell.
Der niederländische Bass Bart Driessen sang die Rolle des Hotelmanagers, schlüpfte aber auch in die des Herzogs. Auch ihm gelang eine souveräne Darstellung des betrogenen Ehemannes, der außerehelichen Aktivitäten ebenso wenig abgeneigt ist, wie die Herzogin, ebenso wie die des Hotelmanagers. Sein seriöser Bass verfügt über alle Fähigkeiten, um diese Rolle überzeugend auszufüllen.
Das Zimmermädchen wurde von Jeanne Seguin charmant-kokett dargestellt. Die nahezu akrobatischen stimmlichen Anforderungen, welche der Komponist dieser Figur gegeben hat, bewältigte der Koloratur-Sopran mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Anklänge an die Arie der Königin der Nacht drängen sich dem Hörer auf.
Der spanische Tenor Daniel Arnaldos fügte sich stimmlich wie optisch perfekt in das Solisten-Quartett ein. Er überzeugte in der Rolle des Elektrikers ebenso wie in der des gefügigen Kellners mit schlankem, leicht dunkel timbriertem Tenor. An vielen Stellen schimmern bekannte musikalische Zitate durch Adès‘ Partitur, er macht Anleihen bei Mozart, Strauss, am Ende gar bei Wagner, aber wahrt dennoch stets seine eigene unverwechselbare Handschrift.

Das kleine Orchester (15 Stimmen) unter der Leitung von Lutz Rademacher besteht aus einer kleinen Streichergruppe (zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) und im Verhältnis dazu zahlreichen tiefen Blasinstrumenten wie der Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bass-Saxophon, im oberen Tonbereich ergänzt durch eine Kolbenflöte, wodurch – wie schon bei den Sängern – ein großer Tonumfang abgedeckt wird. Das Blech ist durch Horn, Trompete und Posaune vertreten und wird durch umfangreiches Schlagwerk ergänzt. Exotische Rhythmusinstrumente und eine große Angelrolle, Trommelbremsen und ein Rototom für die Glissando-Effekte runden den geheimnisvollen Klang ab. Hier werden die Ohren herausgefordert, Adès bricht mit fast sämtlichen liebgewordenen Hörgewohnheiten, indem er verstärkt verminderte und übermäßige Akkorde einsetzt und auch den Sängern große Intervalle zumutet. So entsteht zwar kein Ohrwurm, aber beim Hörer vielleicht die Lust, sich mit einigen anderen Stücken dieses jungen zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen.

Das Publikum belohnte die außergewöhnliche Leistung des Landestheater Detmold Ensembles in Powder Her Face mit lang anhaltendem Applaus und einzelnen Bravi.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

 

Kassel, Staatstheater Kassel, 3. Sinfoniekonzert, 13.01.2014

Januar 8, 2014 by  
Filed under Pressemeldung, Staatstheater Kassel

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Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel

3. Sinfoniekonzert

Thomas Adès: Tevot
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107
 
Dirigent: Patrik Ringborg
 
Montag, 13.Januar, 20 Uhr, Stadthalle
 
Mit Thomas Adès‘Tevot“ und Anton Bruckners Sinfonie Nr. 7 E-Dur stehen zwei Orchesterwerke auf dem Programm, die im Abstand von weit über hundert Jahren komponiert wurden, aber beide in unverwechselbarer Weise einen großen, romantischen Orchesterapparat nutzen.
 
Thomas Adès, 1971 ihn London geboren, gehört zu den profiliertesten Komponisten seiner Generation. „Tevot“ entstand als gemeinsames Auftragswerk der New Yorker Carnegie Hall und der Berliner Philharmoniker, die das Werk 2007 unter der Leitung von Simon Rattle zur Uraufführung brachten. Der Begriff Tevot stammt aus dem Hebräischen und kann sowohl die Takte der Musik (tey-VOT) als auch die rettende Arche Noahs (tey-VA) und ebenso die Bundeslade bezeichnen.
 
Adès nutzt den Fundus der Musikgeschichte von Wagner über Mahler bis hin zu Strawinskys prononcierter Rhythmik und Ligetis Klangflächen. Das Werk ist getragen von einem gewaltigen spätromantischen Orchesterapparat und von einer enormen emotionalen Spannweite. Adès setzt starke Kontraste, sowohl in der Dynamik als auch zwischen den höchsten und tiefsten Lagen der Instrumentengruppen.
 
Anton Bruckners E-Dur-Sinfonie gilt wegen ihrer überwiegend hellen Tonart(en) als sein glänzendstes Werk, zugleich aber auch als sein melodischstes und elegischstes. Ihr Herzstück ist das unter dem Eindruck von Richard Wagners Tod entstandene Adagio, eine der aufwühlendsten und schönsten Trauermusiken des 19. Jahrhunderts.
 
Die Uraufführung 1884 unter Arthur Nikisch in Leipzig gestaltete sich zum riesigen Erfolg. Für Bruckner muss der lange Beifall eine ungeheure Genugtuung gewesen sein: Schon seit zwei Jahrzehnten lebte er in Wien, doch die Musikwelt der Donaumetropole hatte ihn bis dahin nicht gerade freundlich behandelt und kaum zur Kenntnis genommen. Erst mit der Siebten Sinfonie nahm die späte, schnell wachsende Anerkennung von Bruckners Werk ihren Anfang.
 
Das Staatsorchester Kassel spielt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Patrik Ringborg. Konzertbeginn ist um 20 Uhr in der Stadthalle Kassel, um 19.15 Uhr gibt Orchesterdirektorin Insa Pijanka eine Werkeinführung.
 
—| Pressemeldung Staatstheater Kassel |—

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