Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Winterreise – Liederzyklus – Franz Schubert, IOCO Kritik, 08.03.2020

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet

WINTERREISE – ein Liederzyklus – Franz Schubert

– Eine mythische Wanderung durch die Nacht –

von Peter M. Peters

Im Oktober 1816 komponierte Schubert das Lied Der Wanderer nach dem Gedicht von Georg Philipp Schmidt von Lübeck (1766-1849), dessen Schlussvers «Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück» zum romantischen Motto schlechthin wurde. Fünf Jahre später, im Jahre 1821, veröffentliche der Komponist dieses Lied zusammen mit dem Morgenlied von Zacharias Werner (1768-1823) und Wanderers Nachtlied von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) im Verlag Cappi und Diabelli als sein viertes Opus. In der Zusammenstellung der Lieder zu einer kleinen Werkgruppe hat der Komponist zum ersten Mal einen Gedanken musikalisch-literarisch artikuliert, der ihn bis ans Ende seines Lebens beschäftigte und bewegte, nämlich das Wandern als Metapher menschlicher Existenz; man könnte versucht sein, das von Schubert veröffentliche Liederheft mit Der Wanderer oder Das Wandern zu überschreiben. Schuberts Wanderer-Kompositionen kulminieren, sieht man von den Instrumentalwerken ab, schließlich in den beiden Zyklen nach Gedichten von Wilhelm Müller Die schöne Müllerin (1823) und  Winterreise  (1827). Während die Lieder der Schönen Müllerin insgesamt noch eher durch einen traditionellen Tonfall gekennzeichnet sind, lassen sich die 24 Lieder der Winterreise sowohl in ihrer unverwechselbaren Einmaligkeit als auch in ihrem übergeordneten zyklischen Zusammenhang nicht mehr mit einem überkommenen Liedbegriff in Einklang bringen.

Franz Schubert wusste, dass er mit den Liedern der Winterreise eine Grenze überschritten hatte, hinter die er nicht mehr zurückgehen konnte, auch wenn ihm niemand mehr folgen wollte. Über den verstörenden Eindruck, den Schuberts Lieder auf seine Freunde machte, als er sie ihnen zum ersten Mal singend und spielend vorführte, berichtet sein Freund und Förderer Joseph von Spaun (1788-1865): „Schubert wurde durch einige Zeit düsterer gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, sagte er nur „nun, ihr werdet es bald hören und begreifen.“

Franz Schubert Wien © IOCO

Franz Schubert Wien © IOCO

Die Winterreise zeichnet die inneren Qualen eines Mannes nach, der von der verlassen wurde, die er liebt. Während er dem Wahnsinn nahe durch eine Winterlandschaft wandert, der ihn unweigerlich zum Tode führt, den er erstrebt. Es ist das Drama eines vor-freudschen Charakters. Die raffinierte musikalische Konstruktion umfasst nuancenreiche Artikulationen und die Wiederholungen kleiner Keime thematischer Materialien, die ein breites Spektrum von Emotionen abdecken.

Vitalität und Hoffnungslosigkeit koexistieren im Zyklus Winterreise, das liegt vielleicht an dem gemeinsamen Schicksal der Autoren. Zwei junge Männer sterben ein Jahr später nach der jeweiligen Beendigung  ihres Werkes. Der Dichter Wilhelm Müller an einem Herzschlag mit 33 Jahren und Franz Schubert an der Syphilis mit 31 Jahren. Gefühl? Vorahnung des eigenen Lebensende? Wir wissen es nicht! Uns bleiben nur wenige intime Zeugnisse einer Wanderung zwischen Leben und Tod in einem Gebiet ohne Wiederkehr. Man könnte fast sagen die Winterreise markiert mit Recht den Frühlingsanfang und ist mehr als eine Wandergeschichte, es ist eine Reise ohne Bestimmungsort. Im Vorbeigehen könnte das als ein Depressionsniederschlag verstanden werden: Was auch immer passiert, wir werden sicher nicht dorthin gelangen.

Winterreise – Noëmi Waysfeld – Guillaume de Chassy
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„…ich bin ein Fremdling überall “

Der berühmte Lieder-Zyklus Winterreise  D 911 von Franz Schubert (1797-1828) nach den Gedichten von Wilhelm Müller (1794-1827) sahen wir in den letzten Jahren oftmals in veränderter Form, teilweise in faszinierenden Neuschöpfungen, Ergänzungen und Visionen, jedoch auch in völlig uninteressanten Versuchen, die man besser vergessen sollte. Hier einige nach unserer Meinung gelungene Beispiele:1. Winterreise : Eine komponierte Interpretation für kleines Orchester von Hans Zender (1936-2019), Komponist und Dirigent mit Hans Peter Blochwitz, Tenor (1995). 2. Eine inszenierte Winterreise von Robert Wilson mit Jessye Norman, Sopran und Mark Markham, Klavier und den Kostümen von Yves Saint-Laurent / Théâtre du Châtelet Paris (2001). 3. Eine getanzte Winterreise in der Choreographie von Trisha Brown mit ihrer Dance Company, Simon Keenlyside, Bariton und Pedja Muzijevic, Klavier / John Jay College Theater New York (2002). 4. Mit der Produktion „… und sind  wir selber Götter – Die Winterreise“ des Theater Rambazamba – Ensemble Gisela Höhne / Berlin sah man eine besonders bewegende Versionen. Die Akteure, Menschen mit geistiger Behinderung bewegen sich in der musikalischen Weltliteratur, als wäre das Ganze von ihnen selber erfunden. Mit Pauken und Posaunen, Streichinstrumenten und Schlagwerk, unterstützt von Bratsche, Gitarre, Percussion und Klavier, vor allem aber mit berührenden Gesang und wildem Geschrei kämpfen die Winterreisenden an gegen pillengesättigte Traurigkeit, gegen eine Welt, die sie kaltzustellen versucht. Opfer? Die Personen leiden, ertragen, langweilen sich, freuen sich vor allem und lassen sich nicht unterkriegen, nehmen den Kampf immer und immer wieder auf. Grand Théâtre Luxembourg (2009). 5. Eine Winterreise für drei Sänger und Schauspieler von Takénori Némoto und Yoshi Oïda und dem Ensemble Musica Nigella / Athénée Théâtre Louis-Jouvet Paris (2012).

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

29. Februar 2020   –  Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris

Un Voyage d’hiver : Étranger je suis venu, étranger je repars. Diese Sätze könnte man als Motto dieser Winterreise-Version verwenden. Eines Tages die Winterreise als eine Reihe populärer Lieder mit scheinbarer Einfachheit zu interpretieren war das Ziel des Regisseurs Christian Gangneron und mit der Mithilfe der Vortragskünstlerin Noëmi Waysfeld und des Pianisten Guillaume de Chassy haben sie 13 Lieder des Zyklus ausgewählt und für ihre Winterreise neu entdeckt. Obwohl gewagt ist es jedoch kein Sakrileg, denn geschrieben von einem verzweifelten jungen Dichter und vertont von einem jungen Komponisten voller Depressionen erstarrt, jedoch überquellend von  Melodien. Die Winterreise von Müller und Schubert berührt weit über Zeiten und Klimazonen hinaus jeden, der die Qualen des Emigranten in einem fremden Land gespürt oder nur erahnt hat. Aber auch die emotionellen Reisen durch unsere Seelenlandschaften sind oft gesperrt durch eiskalte Gefühlsabschnitte in unserem eigenen Leben.

Franz Schubert wohnte hier © IOCO

Franz Schubert wohnte hier © IOCO

Eine Neuaneignung der Schubert-Lieder und eine poetische und musikalische Transposition ihrer Vorstellungskräfte, indem sie eine Art liebevolle Wiederaneignung des Meisterwerkes hervor bringen. Dass war wohl ohne Zweifel das Ziel der drei Künstler und ganz voran die Sängerin Noëmi Waysfeld, die wir als Interpretin von Weltmusik, Chanson und Jazz vorstellen würden und die äußerst talentiert in mehreren Sprachen, darunter auch Jiddisch, diese Musik interpretiert. Ihre sicherlich geschulte Stimme hat eine gewaltige Tonpalette, die sich natürlich und  nuancenreich von tiefster Tiefe bis in höchste Höhen begibt. Wir waren besonders beeindruckt und berührt von der Tonfarbe, dem Timbre ihrer Stimme, der geheimnisvoll unseren Hörgenuss streichelte. Eine typische nicht zu erlernende mystische Tonfarbe, die wohl nur durch viele Generationen und Epochen vererbt werden kann, es ist die traurige Farbe und die schmerzliche Erinnerung an den von   Jahrtausenden von Jahren begonnenen ewigen Exodus.

Guillaume de Chassy, Trailer oben, pendelt zwischen klassischer Musik, Jazz und musikalischer Improvisation und wagt mit Natürlichkeit und pianistischem Können musikalische Abweichungen von der Partition zu spielen. Er erfindet ein neues harmonisches und rhythmisches Dekor und öffnet da und dort ein Fenster für eine neue improvisierte Markierung. Aus diesem langen Prozess der Befragung und Wiederaneignung erscheint die Winterreise in einem unerwarteten Licht, manchmal magisch, manchmal faszinierend oder auch in einem kreativen Ansatz von radikalen Vorurteilen, die sich aber zugleich in liebevollen Respekt für das Werk verwandeln.

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / der wundere Besucherraum © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / der wundere Besucherraum © Mirco Magliocca

Der Regisseur Christian Gangneron zeigt uns auf einer völlig nackten Bühne mit weißen Plastiktüchern die Illusion von Kälte,  Frost und Einsamkeit, auf der die Sängerin und ihr Pianist eine Art von dramatischen Theater vollführen und das mit Textauszügen aus der Winterreise der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek. So hören wir zwischen den Liedern das ewige Spiel von Frage und Antwort, das spröde raue ironische Spiel der Nobelpreisträgerin. Der Regisseur nennt das Schauspielkunst oder was auch immer? Für uns ist es nichts anderes als eine banale Gestaltung von steifer Gestik und ungereimter Bewegung! Jedoch die Sängerin mit ihrer natürlichen sensiblen Zerbrechlichkeit befreit sich von selbst aus diesen steifen Fesseln. Als junge moderne weibliche Wanderin durchstreift sie die europäische Kultur mit ihrer Duplizität Mann-Weib-Weib-Mann und das alles in leichten tänzerischen Bewegungen und man denkt unweigerlich an Der Tod und das Mädchen, an das ewige Spiel von Liebe und Tod, der ewige Kampf zwischen Eros und Thanatos.

Hinweis auf die Erscheinung der CD Un Voyage d’HiverNoëmi Waysfeld, Guillaume de Chassy (Klarthe Records – Verteilung PIAS).

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Eine Winterreise © Antoine Cirou

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet  –  von Gestern bis Heute

Nach vielen Standortwechsel und Namensänderungen wird das neue Athénée im 9. Bezirk von Paris im Jahre 1893 eröffnet. Das im italienischen Stil erbaute Gebäude von Paul Fouquiau ist ein architektonisches Schmuckstück und wird offiziell als «Monument Historique» ernannt. Das Theater wird sehr schnell ein besonderer Treffpunkt für Theater- und Musikereignisse in der Pariser Kulturlandschaft. Die erste große künstlerische Phase wird mit dem berühmten populären Schauspieler Louis Jouvet eingeleitet, indem er als Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner und Theaterdirektor das Haus von 1934 bis 1951 leitet. In diesen fruchtbaren Jahren hat er praktisch die gesamte moderne Theaterliteratur der Zeit auf seiner Bühne gezeigt. In den Jahren 1977 bis 1981 stand das Theater unter einem besonders glücklichen Stern und zwar mit der Direktion von Pierre Bergé. Dieser ließ direkt unter dem Dach ein kleines 90 Personen umfassendes Experimental-Studio zusätzlich errichten für besondere Ereignisse. Außerdem war er der Initiator der berühmten « Lundis musicaux », indem er die großen Interpreten von Melodie und Lied für ein Recital einlud: u.a. Grace Bumbry, Elisabeth Schwarzkopf, Ruggero Raimondi, Felicity Lott, Simon Keenlyside, Alfredo Kraus… Der Saal hat eine außergewöhnliche gute Resonanz und eine einmalige Akustik, einfach ideal für musikalische Interpretationen. Aber auch große Namen aus der Theaterwelt haben sich hier regelmäßig ein Stelldichein gegeben: u.a. Peter Brook, Jean Vilar, Matthias Langhoff, Maria Casarès, Jeanne Moreau…

Seit 1982 wird der Musentempel von Patrice Martinet geleitet und auch er folgt und erweitert diese besondere wagnisreiche Kulturpolitik, indem er auf alle seine Produktionen den Stempel des Besonderen auflegt, einen innovativen und mitunter auch frechen Stempel.

—| IOCO Kritik Athénée – Théâtre Louis-Jouvet |—

Linz, Musiktheater Linz, Ein Amerikaner in Paris – George Gershwin, IOCO Kritik, 15.12.2018

Dezember 16, 2018 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 Ein Amerikaner in Paris – George Gershwin

Der Charme von Gene Kelly und Leslie Caron scheint im Landestheater

Von Marcus Haimerl

Wieder einmal fand die deutschsprachige Erstaufführung eines Musicals in Linz statt. Diesmal handelte es sich um George Gershwins Ein Amerikaner in Paris nach dem gleichnamigen Film von Vincente Minelli, inspiriert durch die 1928 uraufgeführte, knapp 20-minütige Komposition für Orchester des erst 30-jährigen Komponisten. Neben seiner Rhapsody in Blue zählt Ein Amerikaner in Paris zu den bedeutendsten Werken Gershwins. Die Komposition beschreibt den Spaziergang eines Amerikaners über die Champs-Élysées und berichtet über die Eindrücke des Touristen und den von ihm wahrgenommen Geräuschen der Großstadt (vier Original-Pariser-Taxihupen sind Teil des Orchesters), es ist aber auch ein Stück über Heimweh.

Ein Amerikaner in Paris – George Gershwin
Youtube Trailer Musiktheater Linz
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Aus dieser Komposition entstand schließlich der Musical-Film Ein Amerikaner in Paris des amerikanischen Regisseurs Vincente Minelli, der sich vor allem durch die Choreografie Gene Kellys auszeichnete.

Anders als bei der Komposition findet die Handlung des Films und des Musicals im Paris zu Kriegsende, nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, statt. Der ehemalige US-Soldat Jerry Mulligan begegnet einer jungen Frau, die er auch gleich wieder aus den Augen verliert, und lässt sich in Paris als Maler nieder. Auf seiner Herbergssuche begegnet er ihm Café Dutois dem amerikanischen Komponisten Adam Hochfeld, der gerade für den Unternehmersohn Henri Baurel an einer Gesangsnummer („I Got Rythm“) arbeitet, da dieser gegen den Willen seiner Mutter Sänger werden will.

They Can’t Take That Away From Me“

Adam spielt auch in einer Ballettkompanie Piano. Dort lernt Jerry die reiche Amerikanerin Milo Davenport kennen und trifft beim Vortanzen das Mädchen wieder, die Parfümverkäuferin Lise Dassin. Lise wird die neue Primaballerina. Auf einem Fest im Hause Baurel bei dem Lise als die neue Primaballerina vorgestellt wird, verkündet Madame Baurel auch gleich die Verlobung ihres Sohnes Henri mit der Tänzerin. Aus Rache empfiehlt Jerry Madame Baurel jenen Jazz-Club, in welchem ihr Sohn seinen ersten Auftritt haben wird.

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris - hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris – hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Vor seinem Auftritt verrät Henri dem Komponisten Adam seine Bindung zu Lise: Während des Krieges versteckte die Familie Baurel die junge Jüdin in ihrem Haus. Nach Henris Auftritt ist die Überraschung perfekt, als Madame Baurel die künstlerischen Ambitionen ihres Sprosses unterstützt. Lise ist jedoch darüber empört, dass Jerry seinen Freund hinterging und lässt ihn stehen. Jerry erfährt von Adam, warum sich Lise den Baurels verpflichtet fühlt.Die drei Freunde rufen sich nochmal die speziellen Momente mit Lise ins Gedächtnis und sagen sich, dass ihnen diese nicht mehr genommen werden können („They Can’t Take That Away From Me“). Aber nur einer wird schließlich mit ihr glücklich sein: Jerry.

Nick Winston bemüht sich als Regisseur und Choreograf intensiv darum, den Charme der filmischen Vorlage mit Gene Kelly und Leslie Caron beizubehalten. Das Bühnenbild (Bühne: Charles Quiggin) besticht durch einzelne Elemente, die auf der Drehbühne schnell umgebaut werden können. Ob ein Ufer im Freien an der Seine, vom Café bis zum Salon schwebt über allem ein Hauch von Nostalgie, der nahe an die Verfilmung heranreicht. Die Handlungsorte werden durch den Bogen des Eifelturms als Rahmen für den Bühnenraum originell symbolisiert.

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris - hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Landestheater Linz / Ein Amerikaner in Paris – hier : Gernot Romic als Jerry Mulligan und Ensemble © Barbara Palffy

Auch in Linz wird die Bühne von großen Tanzensembles dominiert und lange Tanzsequenzen verlangen auch den Protagonisten viel ab. In der Rolle des Jerry Mulligan brilliert Gernot Romic, der nicht nur als Tänzer beeindruckt, sondern ebenso gesanglich zu begeistern weiß. Diese unglaubliche Gesamtleistung bleibt nachhaltig im Gedächtnis des Publikums. Die gebürtige Brasilianerin Myrthes Monteiro wusste bei ihrem Linz-Debüt als Lise Dassin das Publikum mit ihren Tanzeinlagen zu überzeugen. Christian Fröhlich steigert sich in der Rolle des Henri Baurel zunehmend und liefert bei seiner Jazz-Club-Nummer „Stairway To Paradise“ eine grandiose Leistung ab. Sehr verständlich, dass die gestrenge Madame Baurel (großartig Lynsey Thurgar) ihrem Sohn Unterstützung für seine künstlerische Karriere zusichert. Christof Messner als Adam Hochberg (dem Gershwin Alter Ego) und Daniela Dett als Milo Davenport komplettieren die hervorragenden Protagonisten auf ebenso hohem Niveau.

Auch das Linzer Bruckner Orchester sorgte unter der temperamentvollen Leitung des deutschen Musicalexperten Tom Bitterlich für heiter melancholische, manchmal fast schwerelose Klänge, zeigte sich aber auch sehr steppfreudig und manchmal sehr jazzig.
Nach der Uraufführung 2014 im Théâtre du Châtelet in Paris hieß das Publikum den „Amerikaner“ auch mit entsprechendem Jubel in Linz willkommen. Von den Publikumsreaktion ausgehend, wird sich das Musiktheater Linz bis Mai 2019 noch über viele ausverkaufte Vorstellungen freuen können.

Ein Amerikanischer in Paris am Landestheater Linz; die weiteren Termine:  18.12.; 19.12.; 26.12.; 28.12.; 30.12.2018;  1.1.; 9.1.; 10.1.; 17.1.; 20.1.; 15.2.2019 und mehr..

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung, IOCO Kritik, 04.09.2018

September 4, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte   © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte   © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

 NDR Elbphilharmonie Orchester – Saisoneröffnung

Bolero –  Präzise wie ein Uhrwerk – Bis zur Ekstase

Von Patrik Klein

Krzysztof Urbanski dirigiert Maurice Ravel und Guillaume Connesson

Vor dem letzten Stück des Abends, Maurice Ravels Bolero, betritt der erste Gastdirigent des Orchesters unter dem Applaus des Publikums das Podium; schreitet an seinen Musikern vorbei, springt mit einem Satz und einem Lächeln im Gesicht in den Gang im vorderen Parkett und sucht sich in Seelenruhe einen freien Platz in Reihe 10. Die Beine überkreuzt blickt er zum Konzertmeister und die kleine Trommel beginnt ohne ihn mit der 169 Mal wiederholten Rhythmusfigur. Die wie Mathematik anmutende Musik, die tatsächlich keinen Dirigenten, sondern einen perfekten Trommler braucht, ist auf einem Ostinato-Rhythmus im 3/4 -Takt aufgebaut, der von einer, später von zwei Kleinen Trommeln gespielt und während des ganzen Stückes durchgehalten wird. (die beiden Schlagzeuger erhalten am Schluss des Konzertes auch einen entsprechend verdienten, riesigen Applaus). Darüber werden zwei 16-taktige Melodien in insgesamt 18 Variationen gespielt, die dann zu einem grandiosen, beinahe orgiastischen Finale führen.

Die neue Saison 2018/19 in der Elbphilharmonie Hamburg bietet erneut ein breites Spektrum an klassischer Musik. Alle Konzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters Hamburg sind bereits jetzt praktisch ausverkauft. Der „Run“ auf Tickets ist nach wie vor ungebrochen.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung © Patrik Klein

Für Kontinuität sorgt dabei vor allem der charismatische Erste Gastdirigent Krzysztof Urbanski, der die ehrenvolle Aufgabe der Saisoneröffnung und darüber hinaus fünf weitere Programme im Abonnement übernimmt. Ihm zur Seite stehen mit Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach und Christoph von Dohnányi unsere ehemaligen Chefdirigenten sowie mit Marek Janowski, Semyon Bychkov und Paavo Järvi weitere Gäste von internationalem Rang. Akzente in Sachen Moderne setzen u. a. Ingo Metzmacher, George Benjamin und François-Xavier Roth. Zum ersten Mal am Pult des Orchesters begrüßt das NDR Elbphilharmonie Orchester Mirga Gražinytc-Tyla und Omer Meir Wellber, zwei spannende Shootingstars der Dirigentenszene. Die Opening Night stand ganz im Zeichen französischer Musik und wurde Live im Internet und auch auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie übertragen.

Das Programm der Saisoneröffnung 2018/19:

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
1. Daphnis et Chloe  –  Fragments symphoniques, deuxieme serie
I. Lever du jour (Tagesanbruch) –
II. Pantomime (Die Liebe zwischen Pan und Syrinx) –
III. Danse generale (Schlusstanz, Bacchanal)
2. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur (Pianist Jean-Yves Thibaudet musste sein Kommen leider absagen. An seiner Stelle spielte Bertrand Chamayou, ein weiterer französischer Pianist der Extraklasse)
I. Allegramente
II. Adagio assai
III. Presto

Guillaume Connession ( *1970 )
3. Les Trois cites de Lovecraft (Entstehung: 2017 | Uraufführung: Utrecht, 13. Oktober 2017)
I. Celephais
II. Kadath
III. La Cite du soleil couchant

Maurice Ravel ( 1875 – 1937)
4. Bolero

Daphnis et Chloé ist ein Ballett in einem Akt mit drei Partien (Szenen) von Maurice Ravel, beschrieben als „Symphonie chorégraphique“ (choreografische Symphonie). Das Szenario wurde von Michel Fokine nach einer Romanze des griechischen Schriftstellers Longus adaptiert, die vermutlich um das 2. Jahrhundert nach Christus entstand. Die Geschichte handelt von der Liebe zwischen dem Ziegenhirten Daphnis und der Hirtin Chloé.
Ravel begann die Arbeit an der Partitur im Jahr 1909 nach einem Auftrag von Sergei Diaghilev. Es wurde am 8. Juni 1912 im Pariser Théâtre du Châtelet von seinen Ballets Russes uraufgeführt. Das Orchester wurde von Pierre Monteux geleitet, die Choreographie von Michel Fokine.

Fast eine Stunde lang ist Daphnis et Chloé Ravels längste Arbeit. Trotz der Dauer des Balletts geben vier unterscheidbare Leitmotive der Partitur musikalische Einheit. Die Musik, die zu den leidenschaftlichsten des Komponisten zählt, wird allgemein als eine der besten von Ravel angesehen, mit außerordentlich üppigen Harmonien, die typisch für die impressionistische Bewegung in der Musik sind. Bereits zu Lebzeiten des Komponisten beschrieben zeitgenössische Kommentatoren dieses Ballett als sein Meisterwerk für Orchester. Ravel extrahierte Musik aus dem Ballett, um daraus zwei Orchestersuiten zu komponieren, die mit oder ohne Chorus gespielt werden können. Besonders beliebt ist die zweite Suite, die einen Großteil des letzten Teils des Balletts umfasst und mit der „Danse générale“ endet. .

Das Wesentliche dieses dritten Teils: Am Morgen in der Grotte der Nymphen. Es gibt keinen Laut als das Rauschen von Bächen, die durch den Tau erzeugt werden, der aus den Felsen rieselt. Daphnis liegt bewusstlos am Eingang der Grotte. Allmählich bricht der Tag. Die Lieder der Vögel sind zu hören. In der Ferne geht ein Hirte mit seiner Herde. Ein anderer Hirte kreuzt im Hintergrund. Eine Gruppe von Hirten entdecken Daphnis und Chloé. Sie werfen sich in die Arme. Daphnis bemerkt Chloés Kranz. Sein Traum war eine prophetische Vision. Die Intervention von Pan ist offensichtlich. Daphnis und Chloé spielen die Geschichte von Pan und Syrinx in pantomimischer Art. Chloé spielt die junge Nymphe, die auf der Wiese wandert. Daphnis als Pan erscheint und erklärt seine Liebe. Die Nymphe weist ihn zurück. Der Gott wird eindringlicher. Sie verschwindet im Schilf. Verzweifelt pflückt er mehrere Stängel zu einer Flöte und spielt melancholisch. Chloé taucht wieder auf und interpretiert in ihrem Tanz die Akzente der Flöte. Der Tanz wird immer lebhafter und in einem wahnsinnigen Wirbeln fällt Chloé in Daphnis‘ Arme. Vor dem Altar der Nymphen verpfändet er seine Liebe und opfert zwei Schafe. Eine Gruppe von Mädchen tritt verkleidet als Bacchantinnen auf und schüttelt Tamburine. Daphnis und Chloé umarmen sich zärtlich. Eine Gruppe von Jugendlichen eilt auf die Bühne und das Ballett endet mit einem Bacchanale.

Der erste Ton der Opening Night entsteigt bei völliger Dunkelheit. Noch nie gab es so etwas; man hatte einen kurzen Moment den Eindruck, einer technischen Panne beizuwohnen. Flirrende Flötenklänge machen sich wohlig breit und aus der Dunkelheit entwickelt sich ganz allmählich eine rot illuminierte Rückwand hinter dem Podium des Orchesters, die zu einer ersten harmonischen Zusammenkunft der Töne überleitet. Einzelne Flöten klingen aus den oberen Rängen des riesigen, ausverkauften Saales, der in musikalischen und optischen Farben erstrahlt. Ein Wechsel von rot nach gelb wird von samtigen, zärtlichen Streicherklängen begleitet. Beim musikalischen Sonnenaufgang wird nun auch der Konzertsaal wie gewohnt erleuchtet. Orchester und Saal erscheinen in vollem Licht. Das NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg erzeugt unglaublich dichte atmosphärische Klänge aus Maurice Ravels Musik, die einem die ersten „Gänsehautschauer“ bescheren. Ein riesig besetzter Apparat mit acht Kontrabässen, zwei Harfen, einem Harmonium, jeder Menge Schlagwerk und querflötendominierenden Musikern bringen das Ballett Daphnis und Chloé in intensivster Weise zum Ausdruck. Besonders typisch für die Musik Ravels und die Musik in dieser Zeit; die Querflöten sind dauerbeschäftigt und sorgen für imposante Momente. Krzysztof Urba?ski dirigiert leidenschaftlich, mal behutsam, mal ekstatisch. Er scheint ganz in die Musik vertieft zu sein, tänzelt leicht auf dem Podium mit oft großen Handbewegungen das Orchester auswendig führend. Die Musiker folgen seinem Dirigat bereitwillig. Rhythmische Wechsel im finalen Tanz, die an trabenden Pferde erinnern, steigern sich bis zu einer musikalische Ekstase immer wieder eingefangen und erneut aufbrausend bis schließlich Chloé in Daphnis‘ Arme fällt.

Maurice Ravel komponierte das Klavierkonzert in G-Dur zwischen 1929 und 1931. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Allegramente, Adagio assai, und Presto. Nach seiner erfolgreichen Konzerttournee durch Amerika wollte Ravel das Werk ursprünglich selber uraufführen. Gesundheitsbeschwerden hinderten ihn jedoch daran. Stattdessen wurde das Konzert am 14. Januar 1932 durch Ravel am Dirigentenpult des Orchestre Lamoureux und Marguerite Long am Flügel uraufgeführt. Long war eine für ihre Interpretationen der Werke Gabriel Faurés und Claude Debussys bekannte Pianistin und hatte Ravel bereits vorher um ein neu aufzuführendes Werk gebeten. Ravel wurde während seiner Amerikatournee mit dem zu dieser Zeit in Paris und den Vereinigten Staaten hochmodernen Jazz vertraut und zeigte sich in höchstem Maße beeindruckt. Dieser Einfluss zeigte sich auch in dem Konzert, das durch Jazzharmonien und -eigenheiten geprägt ist.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung im Vordergrund links Bertrand Chamayou, Klavier; mittig Krzysztof Urbanski Dirigent © Patrik Klein

1. Satz Allegramente
Der erste Satz wird von einem einzelnen Peitschenschlag eröffnet. Ihm folgt eine Mischung der bekannten Baskischen und Spanischen Klänge aus Ravels Jugend mit dem neu entdeckten Jazz-Klang.
Bertrand Chamayou spielt mit viel Einfühlungsvermögen und Präzision die zum Teil extrem schwierigen und virtuosen Phrasen. Mit einer hohen Dynamik, zarten bis kräftigen Anschlägen und intensiver Abstimmung mit dem Orchester gelingt ein intensiver, funkenübertragender Klang ins Publikum. Krzysztof Urbanski dirigiert diesmal mit Partitur und treibt die Musik mit zügigen Tempi voran. Besonders prägnant gelingt das Wechselspiel des Klaviers mit der Harfe und weiteren Instrumentengruppen. Am Ende des ersten Satzes kann sich auch das Publikums der eigentlich gegebenen Etikette nicht anschließen und applaudiert ungebremst vor Begeisterung.
2. Satz Adagio assai
Im krassen Gegensatz zum vorigen Satz ist der zweite, in Brückenform geschriebene Satz sehr ruhig, fast von Mozart’scher Klarheit. Obwohl sie scheinbar mühelos zu spielen ist, sagte Ravel selbst über die eröffnende Melodie: »Dieser fließende Ausdruck! Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!«
Sanft, aber bestimmt beginnt Bertrand Chamayou. Die melancholische Stimmung überträgt sich fließend in den Saal. Klavier und Orchester zaubern eine sphärische Stimmung, die sich leicht aufbrausend entwickelt, aber immer noch getragen wird von melancholischer Tristesse. Der lang angehaltene Schlusston, in den leider ein Klingelton eines Besucherhandys platzt, löst die Anspannung.
3. Satz Presto
Der dritte Satz in verkürzter Sonatenform nimmt die Intensität des ersten mit seinen schnellen Melodien und schwierigen Passagen auf. Das Klavier führt das erste Thema ein, eine schnelle Akkordfolge, bevor es durch dissonante Zwischenrufe der Holz- und Blechbläser gestört wird. Es wird dennoch weitergeführt, auch wenn sich die Zwischenrufe auf das gesamte Orchester ausweiten.
Furios beginnt der Satz wieder mit einem integrierten Peitschenknall. Hörner und Posaunen übernehmen den Rhythmus und umrahmen den virtuosen Pianisten Bertrand Chamayou, der häufig die Hände überkreuzt und sein ganzes Können aufblitzen lässt. Jazzige Harmonien prägen wieder den schnell im Tempo sich entwickelnden Satz, der mit einem gewaltigen Paukenschlag beendet wird.

Großer Jubel für Bertrand Chamayou, der sich mit Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“ beim Hamburger Publikum bedankt.

Guillaume Connession
Les Trois cites de Lovecraft
Guillaume Connesson ließ sich von Howard Phillips Lovecrafts ((1890 – 1937) der Schriftsteller gilt als Pionier der fantastischen Horrorliteratur) fantastischer Welt anregen. Inspirationsgrundlage seines im Oktober 2017 uraufgeführten Orchesterwerks Les Trois cites de Lovecraft ist die genannte Novelle, vor allem „Die Visionen der Städte, mal wunderbar, mal erschreckend, die der Held des Textes durchläuft“. Seine Komposition beschreibt er als „Sinfonische Reise in drei Sätzen in das traumhafte Universum von H. P. Lovecraft.“ Die „Lovecraft-Geografie“ sei dabei „so präzise und voller Vorstellungskraft“, dass Connesson sie nur „mit einer üppigen Orchesterpalette“ malen konnte. „Ich habe in den drei Sätzen sehr differenzierte Schreibtechniken angewandt, um den für Lovecraft so typischen barocken Aberwitz mit der Vielfalt der Farben meines Orchesters wiederzugeben.“

In brillanten Farben hat Connession daher den 1. Satz seines Werks gehalten. Blechbläserfanfaren beschreiben zunächst ein Bronzetor, bevor sich eine Melodie der Violinen in das Treiben einer geschäftigen Traum-Metropole stürzt. Ungewöhnliche Klänge breiten sich für den neugierigen Zuhörer aus. Kastagnetten und Knallgeräusche, gestopfte Tuben, und ein sich rhythmisch bewegender Dirigent Krzysztof Urbanski vor seinem großen Musikinstrument. Irgendwie klingt das Orchester unter seiner Leitung maximal motiviert, konzentriert, auf den Stuhlkanten hockend meist mit lächelnden Zügen in den meisten Gesichtern. Ganz unverhohlen mag man denken, warum er nicht mehr als nur der ständige Gastdirigent des immer besser werdenden Hamburger Klangkörpers ist.

Im 2. Satz verleihen Trompeten einer bunten, heidnischen Feier Ausdruck, woraufhin ein Aufgriff des 1. Themas in Form eines ruhigen Chorals den „Rosenkristallpalast der Siebzig Köstlichkeiten“ zeichnet. Die „Sieben Prozessionen der Orchideen-gekrönten Priester“ sind sodann als großes Crescendo über ein 7-taktiges Ostinato gestaltet. Im großen Gegensatz zum strahlenden ersten Satz schildert die Musik die düstere Stadt der alten Götter. Sie liegt inmitten einer eisigen Wüstenregion („Le plateau de Leng“), die Connesson mit Klageliedern der Bratschen über dem Rauschen der Windmaschine das inneres Auge des Zuhörers ruft. Ein Thema der Violinen wird bald von zwölftönigen Passagen kontrastiert, die in dissonanten Akkorden gipfeln. „Das Schloss der Großen Alten“ prägt ein vom Violinen-Thema abgeleiteter, weicher Blechbläserchoral, bevor „Der Thronsaal und die Fackelträger“ einen Tanz über ebendieses Thema anstößt. Mit ihm nähert sich der unheimliche Gesandte der alten Götter in Gestalt eines Pharaos, der darüber aufklärt, dass die Stadt, die er in seinen Träumen gesehen hat, nichts anderes als die Summe seiner verklärten Kindheitserinnerungen an seine Heimat ist. „Um ihm eine Stimme zu geben„, so Connession,wählte ich eine Solo-Bratsche, die in Halb- und Vierteltönen singt.“ Ohne Unterbrechung schließt sich der 3. Satz an: ein musikalisches Abbild ebenjener wunderbaren Traumstadt aus Gold in Form eines berauschenden, an Bernsteins West Side Story und Strawinskys Frühlingsopfer erinnernde zum Schluss orgiastisch gesteigerten Tanzes. Frenetischer Applaus im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg.

Boléro, ein Orchesterstück des französischen Komponisten Maurice Ravel, gilt heute als eines der meistgespielten Werke der Orchesterliteratur.

 Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero © Patrik Klein

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester zur Saisoneröffnung hier nach Ravels Bolero  © Patrik Klein

Die Komposition entstand in der Zeit von Juli bis Oktober 1928 und ist Ida Rubinstein gewidmet. Die Tänzerin hatte 1927 Maurice Ravel gebeten, für sie ein Musikstück in der Form eines spanischen Balletts zu entwerfen. Ravel entschloss sich zu einer ganz einzigartigen Komposition: „Ein ein-sätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters.“

Die schnelle Popularität seines Werkes blieb dem Komponisten jedoch zeitlebens fremd. Zu seinem Kollegen Arthur Honegger sagte Maurice Ravel: „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Bolero; leider enthält er keine Musik.“
Krzysztof Urbanski bleibt beinahe zwanzig Minuten auf seinem Parkettplatz sitzen und lauscht genüsslich seinen Musikern. Das Publikum indes, gespickt mit allerlei Prominenz aus Hamburgs kulturellem Leben, ist hingerissen von der präzisen und am Ende orgiastischen Steigerung der Musik Maurice Ravels. Krzysztof Urbanski vermeidet es nun, das Podium zu betreten, denn er will den frenetischen Applaus des Publikums nur für seine Musiker. Als Zugabe wird das Finale „Da capo“ wiederholt, diesmal mit dem Meister ohne Partitur und Taktstock, dafür noch etwas waghalsiger im Tempo und mit einigen zusätzlichen Akzenten bei verschiedenen Instrumentengruppen.
Man darf gespannt sein auf die weiteren Konzertereignisse mit dem Elbphilharmonie Orchester Hamburg.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Trier, Theater Trier, 8. SINFONIEKONZERT, 03.07.2014

Juli 1, 2014 by  
Filed under Pressemeldung, Theater Trier

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Theater Trier

Theater Trier © Theater Trier

Theater Trier © Theater Trier

8. SINFONIEKONZERT

Das letzte Konzert der Saison steht im Zeichen von Jubilar Richard Strauss: Im 150. Geburtsjahr des großen „Spätromantikers“ stehen seine „Vier letzten Lieder“ auf dem Programm mit der Sopranistin Christiane Libor, die vor allem im Liedfach zu den weltweit gefragtesten Interpretinnen zählt. Zu Beginn erklingt das aufregend-dynamische Orchesterstück SHORT RIDE IN A FAST MACHINE des amerikanischen Minimal-Komponisten John Adams – im Wortsinn ein kurzer und schneller Ritt durch die Klangmöglichkeiten eines großen sinfonischen Orchesters. Zum Abschluss der Konzertspielzeit präsentiert GMD Victor Puhl mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier das vielleicht bedeutendste Werk der französischen Sinfonik: die Symphonie fantastique, op. 14 von Hector Berlioz.

03.07.2014 // 20.00 UHR // GROSSES HAUS

Theater Trier / Christiane Libor © Theater Trier

Theater Trier / Christiane Libor © Theater Trier

Christiane Libor, Sopran, wurde in Berlin geboren. Schon frühzeitig begann dort ihre musikalische Ausbildung in den Fächern Klavier und Gesang. Bis 1996 studierte sie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin bei Anneliese Fried; 1999 schloss sie ein Zusatzstudium mit Ziel Konzertexamen mit Auszeichnung ab. Von 1997 an gehörte Christiane Libor der Liedinterpretationsklasse von Dietrich Fischer-Dieskau an und nahm Unterricht bei Julia Varady und Brigitte Fassbaender. Schon während ihres Studiums wirkte sie in zahlreichen Operninszenierungen und Konzerten mit.

1998 erhielt sie den O.E. Hasse-Preis der Akademie der Künste Berlin und wurde 1999 Preisträgerin des VII Internationalen Mozart-Wettbewerbs in Salzburg. Im gleichen Jahr Debüt an der Hamburgischen Staatsoper in John Neumeier’s Ballett-Choreographie von Händels Messias. Seit 2000 sang sie dort Partien wie Erste Dame oder Feldmarschallin (Der Rosenkavalier).

Gastspiele u. a. an den Opernhäusern in Hannover, Hamburg, Dresden, Innsbruck, Staatsoper Berlin, Graz, Théâtre du Châtelet in Paris, Opéra du Rhin Strasbourg, Karlsruhe, Seattle, Opéra de Bastille Paris, Frankfurt, Stuttgart, Opéra de Nice, Nürnberg, Zürich, Leipzig. Im März 2008 debütierte sie bei New York Philharmonic unter der Leitung von Kurt Masur.

Weitere Konzertverpflichtungen führten u. a. nach Spanien, Polen, Estland, Österreich, Italien (u.a Santa Cecilia unter Kurt Masur), in die Niederlande, Schweiz, USA, zu den BBC Proms London, Bard-Festival (USA), Schubertiade Feldkirch, Richard Strauss Festival nach Garmisch-Partenkirchen und nach Berlin zu Berliner Philharmonikern.

Des Weiteren Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Helmuth Rilling, Jaap van Zweden, Jörg Faerber, Markus Stenz, Ulf Schirmer, Philippe Jordan, Christoph Prick, Philippe Auguin, David Zinman, Ton Koopmann, Marc Minkowski, Sebastian Weigle, Lawrence Foster, Antoni Wit, Michael Schonwandt, Simone Young, Frieder Bernius sowie Marek Janowski. Seit 2011 hat sie eine Professur an der Hochschule für Musik Karlsruhe.

Pressemeldung Theater Trier

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