Dresden, Semperoper, Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch, IOCO Kritik, 07.12.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch

Semperoper-Ballett brilliert mit antikem Drama

von Thomas Thielemann

Bei den antiken Griechen ging es, wenn man den Dramen des Tragiker Euripides (etwa 480 v. Chr. bis etwa 407 v. Chr.) folgt, ordentlich zur Sache. So opferte der Feldherr Agamemnon bedenkenlos seine Tochter Iphigenie, um einen Fluch der Jagdgöttin Diana, der wegen einer flapsigen Bemerkung des Heerführers erfolgt war, zu lösen und so den Trojanischen Krieg zu ermöglichen. Als der siegreiche Agamemnon nach zehnjähriger Abwesenheit nach Hause zurückkommt, wird er von seiner Gattin Klytämnestra wegen dieses Opfers der gemeinsamen Tochter ermordet. Klytämnestra hatte aber einen weiteren Antrieb zum Gattenmord: sie hatte sich inzwischen mit einem anderen Ehemann getröstet. Das wiederum war für Orest, den Bruder der Iphigenie, Anlass, die gemeinsame Mutter inclusive des Stiefvaters umzubringen.

The Making of … Iphigenie – Gabriela Scherer und Sangeun Lee
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Die Göttin der Jagd hatte aber das Opfer Iphigenie nicht angenommen und die Geopferte in das Land der Tauren, auf die Halbinsel Krim „entrückt“, um dort als Oberpriesterin die Menschenopfer der dortigen Untertanen des Königs Thoas zu überwachen. Religionsgeschichtlich ist interessant, dass die vom Euripides im Amphitheater vorgeführten Götter gegen die Menschenopfer des Vor-Skythischen Volksstammes zu Felde ziehen. Im Verlaufe Euripides-Dramas Iphigenie bei den Tauriern fühlt sich Diana von dem an ihrem aus Griechenland geraubten Altar vergossenem Menschenblut kompromittiert. So schafft sie im Handlungsverlauf zivilisierte Verhältnisse: Orest und sein Gefährte Pylades sind nach Tauris geschickt, um den Altar der Jagdgöttin nach Hause zu holen. Dank des direkten Eingreifens der Göttin wird Thoas, der König der Taurer, gehindert die beiden Ankömmlinge zu opfern. Iphigenie, der vom Muttermord entsühnte Orest und Pylades konnten mit dem Diana-Altar nebst den in Taurus Versklavten nach Griechenland zurückkehren. Iphigenie wird Ober-Priesterin der Jagdgöttin in Athen.

Neben einer Vielzahl weiterer Nachschöpfungen komponierte Christoph Willibald Gluck (1714-1787) mit einem nach Euripides geschriebenen Libretto von Nicolas Francois Guillard (1752-1814) eine wunderbare Oper.

Die hochkreative Choreographin Pina Bausch (1940-2009) hat 1974 mit ihrem Wuppertaler Tanztheater, aus Glucks Oper ein Ballett-Oratorium Iphigenie auf Tauris gestaltet. Dank einer Kooperation des „Semperoper Balletts“ und der Pina Bausch Foundation in Zusammenarbeit mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch erlebte ihre „Tanzoper in vier Akten nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck am 5. Dezember 2019 ihre Dresdener Premiere.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper - hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper – hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Die Choreographin hatte ein außergewöhnliches Talent  für das Erzählen von schweren konfliktbeladenen Mythen und Geschichten ohne deren Frische und Essenz zu gefährden. Durch vitalen und ausdrucksstarken Tanz konnte sie die Grenzen zwischen Musik und den dramatischen Elementen der griechischen Tragödie auflösen. Die anmutigen Tanzszenen mit der Minimalität von Szene und Einfachheit der Kostüme entführen gemeinsam mit der erhabenen Kraft der der Musik Glucks das Publikum auf eine moderne Reise der Gefühle.

Sänger und Tänzer wirkten zusammen, aber von verschiedenen Orten aus, um jeder mit seiner Kunst den Figuren der Geschichte Leben einzuhauchen. Die Tänzer des Semperoper-Ballett beanspruchen die Bühne, die Sänger kommentierten von beiden Seiten aus den Proszeniumslogen die Tanzszene. Der Staatsopernchor war gemeinsam mit den Musikern der Staatskapelle in den Graben verbannt.

The Making of … Iphigenie – hier Dirigent Jonathan Darlington
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Die musikalische Leitung hatte der englische Dirigent Jonathan Darlington übernommen, der schon mehrfach im Graben des Hauses Gast gewesen war. Der 1958 Geborene beeindruckte am Premierenabend mit seinem Gespür für Tempo und Dramatik. Einfühlsam gelang es ihm, mit den hervorragend aufgelegten Musikern der Staatskapelle, die Tänzer und Sänger zusammen zu führen, sowie den Chor trotz der schwierigen räumlichen Verhältnisse zu integrieren.

Die promivierte Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer verkörperte die Stimme der Iphigenie mit einem wunderbar warmen, ebenem Sopran und sicherer Intonation. In Erinnerung bleibt als besonders beeindruckend ihre große Arie im zweiten Akt, wenn sie den Untergang ihrer Familie beklagt.

Den König der Taurer, Thoas, sang der seit Saisonbeginn dem Ensemble angehörige und inzwischen viel beschäftigte Bassbariton Lawson Anderson. Mit seiner kraftvoll, dunkel gefärbten Stimme und seiner differenzierten Phrasierung bot der noch junge Amerikaner etwas Besonderes.

Der Bassbariton Sebastian Wartig, 1989 in Dresden geboren, bis 2008 im Kreuzchor beheimatet, ist über das Junge Ensemble zum Hausensemble gekommen. Mit seiner gut geführten, schön timbrierten Artikulation gab er dem Orest mit Präzision und Beweglichkeit eine Stimme.

Mit seinem geschmeidigen klangschönen, aber leider etwas schmalen Tenor verkörperte der Texaner Joseph Dennis aus dem Ensemble den Pylades. Die seit 1989 dem Ensemble angehörende Koloratur-Sopranistin Roxana Incontrera brachte engagiert und pointiert mit musikalischer Präzision die Stimme der Diana von der Loge. Der von Gerd Amelung vorbereitete Chor flehte, klagte und beeindruckte vor allem mit dem Schlusschor.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Für die Tanzdarbietungen waren, vom Tanztheater Wuppertal Clémentine Deluy und Dominique Mercy als künstlerische Leitung engagiert worden und außerdem mit der Einstudierung der Hauptpartien beauftragt. Den Tänzer des Thoas hatte Andrey Berezin vorbereitet. Die Gruppen hatten Fernando Suels Mendoza und Barbara Kaufmann sowie Thusnelda Mercy trainiert.

Insbesondere den Solisten des Semperoper Ballett gelang es wieder einmal, mit dem Niveau ihrer tänzerischen Leistungen zu überzeugen. An der Spitze die Darstellerin der Iphigenie, Sangeun Lee. Die aus Seoul stammende Tänzerin, 2010 zum Ensemble gekommen, ist seit 2016 Erste Solistin. Die technischen Voraussetzungen der anspruchsvollen Partie zu bewältigen, ist die eine Sache. Ihr aber auch Persönlichkeit zu verleihen, die andere. Beides war ihr aber in hohem Masse gelungen.

Der Kanadier Casey Ouzounis war 2014 über das Elevenprogramm der Palucca-Hochschule zum Ensemble gekommen und ist seit 2017 Coryphée. Mit einer vielschichtigen Bewegungssprache tanzte er den Finsterling Thoas. Auch der aus Italien stammende und in Mailand ausgebildete Francesco Pio Ricci, seit 2011 im Semperoper-Ballett und seit 2018 Solist, konnte als Orest mit seiner Bildsprache und Ästhetik überzeugen. Vom Ballettdirektor Watkin in New York entdeckt und 2013 nach Dresden geholt, hat sich inzwischen Julian Amir Lacey zum Sujet der Company entwickelt. Mit seiner Pylades-Interpretation verkörpert er glaubwürdig die Emotionen dieser Figur.

Die Gruppentänze begeisterten mit ihrem klaren Ausdruck und zeugten in ihren Formationen von der Professionalität der Dresdener Truppe.

Das faszinierende am Abend bleibt, dass nicht nur der über 2500-Jahre alte Stoff des Euripides noch immer lebendig geblieben ist, aber vor allem, dass die inzwischen vor 45 Jahren entstandene Arbeit der Künstler um Pina Bausch mit ihrer Ausdruckskraft, ihrem charakteristischem Stil noch immer modern daherkommen und die Freunde des klassischen Balletts mit seiner humanistischen Aussage mitreißen kann.

Die Ovationen des von der Anspannung etwas erschöpften Publikums begannen etwas zäh, steigerten sich dann aber im Verlauf der folgenden gefühlten fünfzehn Minuten stürmisch bis zu stehenden Ovationen.

Iphigenie auf Tauris als Tanzoper an der Semperoper; die weiteren Termine 8.12.; 10.12.; 12.12.2019

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Wuppertal, Oper Wuppertal, Rocky Horror Show – Intergalaktisches in Wuppertal, IOCO Kritik, 24.02.2017

Februar 25, 2017 by  
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Wuppertaler Bühnen

Theater Wuppertal / Rocky Horror Show - The Time Warp © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Rocky Horror Show – The Time Warp © Jens Grossmann

 Intergalaktische Wesen treiben es in Wuppertal

Die Rocky Horror Show von Richard O´Brien

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal ist seit dem 17.2.2017 im Rocky Horror Show – Fieber: Reife, noch unbescholtete Damen werfen im Theater mit Reis, Konfetti oder Klopapier um sich, andere Wesen schießen mit Wasserpistolen, rotieren Leuchtdioden oder tanzen scheinbar wirr inmitten der Besucherreihen; doch alle einem strengen Ritus folgend. Seriös aussehende Männer widersprechen pöbelnd einem Erzähler auf der Bühne mit fortwährenden „Boring“-Rufen. Der Besucherraum scheint nach der Vorstellung verwüstet. Die Rocky Horror Show – ein schräges Mitmach-Kultevent für, mit und über Außerirdische ist zu Besuch in Wuppertal. Sensible Feingeister sollten die Oper in dieser Zeit meiden. Doch der Reihe nach:

Theater Wuppertal / Transsylvanian Bunnies und Erzaehler © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Transsylvanian Bunnies und Erzaehler © Jens Grossmann

Richard O´Brien schuf 1973 seine Rocky Horror Show. Als experimentelles Rockmusical gedacht parodiert Richard O´Brien darin den bizarren Humor schrottiger Science Fiction Filme der 40 er und 50er Jahren, ergänzt mit glorreich-schrägem Schauspiel, trashigen „Spezialeffekten“ und sexueller Entfaltung. O´Brien selbst zu seinem Stück: „Immer wohnt auch das Animalische in uns. Und das, mit Anspielungen auf Horror- und Sagengestalten, ironischer Kritik am Spießertum bietet die Rocky  Horror Show. Richard Timothy Smith heißt der Autor dieser Show wirklich: Doch es gab im damaligen Engeland einen anderen Schauspieler namens Richard Smith; so benannte sich unser „Richard Rocky-Horror-Smith“ kurzerhand um: Seit 1970 nennt er sich Richard O´Brien. In seiner ersten Rocky Horror Show spielte er den Riff Raff.

Theater Wuppertal / Rocky Horror Ausstattung für Besucher © IOCO

Theater Wuppertal / Rocky Horror Ausstattung für Besucher © IOCO

Das knallbunte Kultmusical besitzt weltweit eine enthusiastische Fangemeinde. Eine Rocky Horror Show ist so in Südafrika ebenso Garant für volles Haus wie in Wuppertal. Mit Reis, Wasserpistolen oder Klopapier bewaffnete Besucher in hohen Hacken, Strapsen und bunten Kostümen machen die Rocky Horror Show zum coolen Mitmach-Event für Groß, Klein, Mann, Frau, Dick oder Alt. Große Theater scheuen verschämt die verschrobene Unbedingtheit des Stückes; kleinere Theater sind deutlich  couragierter. Erst recht das Theater Wuppertal: Es bietet dem Besucher im Eingangsbereich für den Kampf gegen die Außerirdischen sogar eine komplette „Rocky Horror-Ausrüstung“ für nur €4 (Foto): Konfetti, Reis, Rolle Klopapier, Wasserpistole, Leuchtstab, Pappdeckel. Dazu die Zeitschrift der Außerirdischen, The Denton Guardian, welcher von UFOs und Kornkreisen am Himmel über Wuppertal berichtet. Ein Musical-Knigge leitet unbedarfte Wuppertaler an, wann was zu rufen, was zu tanzen, singen, spritzen oder zu zischen sei.  Das Bergische Land war in der Oper Wuppertal punktgenau bereit für Begegnungen mit jenen intergalaktischen Wesen!

Theater Wuppertal / Frank'N'Furter und Transsylvanian Bunnies © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Frank’N’Furter und Transsylvanian Bunnies © Jens Grossmann

Regisseur Sebastian Welker schuf eine Rocky Horror Show, dessen Bühnenbild zwischen einer Kathedrale der Irdischen und dem Tempel der Außerirdischen, zwischen sanfter Zärtlichkeit, erotisierender Travestie (Kostüme Susanne Hubrich) aber auch gelegentlichem Hard Core changiert: Die Hochzeit von Brad and Janet („Dammit, Janet, I love you…„) eröffnet das Wuppertaler Rocky – Trashspektakel in einer Kathedrale mit hinreißend antik gestaltetem Hochaltar (Bühnenbild Stephan Prattes) und prächtigen Seitenkanzeln. Brad Majors und ex-Verlobte Janet Weiss (den Namen Janet begleitet das Publikum mit Beginn im Mitmach-Modus mit zischendem „WeiSSS“) traut ein Priester in streng religiösem Ritual und schwarzer Soutane: Man tauscht Ringe, Nonnen in Tunika und weißen Hauben werfen Reis aus den Seitenkanzeln auf die frisch Vermählten. Auch das Publikum nimmt Anteil, wirft ebenfalls Reis. Projektionen bilden die folgende Autofahrt ab, welche Brad and Janet zu ihrem Dr. Scott führen soll….welche jedoch mit quietschenden Reifen und schepperndem Blech im Irgendwo endet. Aufsteigender Nebel auf der Bühne zeigt ein verbeultes Auto dem Brad and Janet entsteigen. Schrille Wesen nähern sich aus einem nahen Tempel: Die Außerirdische aus Transsylvanien. Der bucklige Riff Raff (Mark Bowman-Hester), Magenta (Kerstin Brix) und verführerische, in rote Dessous gekleidete Transssylvanian Bunnies. Die Rocky Horror Show ist endgültig in Wupperal angekommen.

Theater Wuppertal / Riff Raff und Magenta vor ihrem Abflug © Jens Grossmann

Theater Wuppertal / Riff Raff und Magenta vor ihrem Abflug © Jens Grossmann

Eine wunderlich schrille Gesellschaft lädt Brad and Janet in ihren Tempel, empfängt sie zu einem Gelage wie dem Sinne befreienden, ansteckenden Time Warp Tanz („It´s astounding…Es ist erstaunlich, Zeit eilt vorüber, Verrücktheit fordert seinen Tribut..“). Die Verücktheit des Time Warp ergreift, von Dr. Scott (Sebastian Campione) bedrohlich angeregt („It´s just a jump to the left„), schon nach wenigen Minuten auch  viele in den Reihen tanzende Besucher des Theater Wuppertal. Bis Frank’N’Furter (Andreas Wolfram) in Strapsen und high heels erscheint, sich mit seinem Welthit „I´m just sweet transvestite, from Transsexual, Transylvania..“ als außerirdischer Transvestit outet, Brad wie Janet mit seinen Phantasien umhüllt, um dann in einer großen Projektion sein Traumwesen Rocky zu schaffen: „In just seven days I can make you a man…„. Hunderte Klopapierrollen auf den Theaterboden beweisen:  Die Schöpfung des Retortenwesen Rocky ist gelungen. Viel Surreales, Trashiges, transsylvanische Tänze und Gesänge folgt zwischen Erzähler, Dr. Scott, Brad and Janet und den Außerirdischen. Bis Frank’N’Furter im Bühnenhimmel von Riff Raff mit einer Laserpistole erschossen wird,  der galaktische Tempel auf der Bühne sich in ein Raumschiff verwandelt, welches Riff Raff und Magenta von der Erde zurück in ihre geliebte Heimat, zurück nach Transsylvanien führt. Und Wuppertal, zwar mit seiner einmaligen Schwebebahn aber ohne Außerirdische zurück läßt.

 Frank'N'Furters - Szenegerechte Besucher des Rocky-Spektakels © IOCO

Frank’N’Furters – Szenegerechte Besucher des Rocky-Spektakels © IOCO

Die Rocky Horror Show, eine Produktion des Saarländischen Staatstheaters,  reißt auch in Wuppertal ein begeistertes Publikum mit. Die Choreographie (Amy Share-Kissiov) hält Reiz und Spannung der Produktion mit changierenden Bühnebilder, mit gewagten Tänze wie platten Slapstick beständig hoch. Dass ein Beichtstuhl, weil Rocky und Janet es darin wohl treiben, etwas penetrant lange schaukelt, dass der Sex auf den Emporen manchmal eher irdisch profan als galaktisch wirkt: Chicken feed, geschenkt! Bühnenbilder, lebendige Choreographie und das darstellerisch wie stimmlich starke Ensemble begeisterten die irdischen Bürger aus dem Tal der Wupper über alle Maßen! Der tobende Beifall währte gefühlte sechzig Minuten; er ist gleichzeitig die Empfehlung, sich frühzeitig Karten für kommende Auftritte der Außerirdischen in der Oper Wuppertal zu sichern!

Oper Wuppertal_The Rocky Horror Show_Weitere Vorstellungen am 11.03.2017, 12.03.2017, 26.03.2017, 21.04.2017, 29.04.2017, 30.04.2017, 11.06.2017, 20.06.2017

Wien, Burgtheater, Die Krisen reicher Sprechtheater, IOCO Aktuell, 07.03.2014

Burgtheater Wien

Wien / Burgtheater im Winter © IOCO

Wien / Burgtheater im Winter © IOCO

Wien und Düsseldorf: Kreativ auf und hinter der Bühne !

Mit den Stück „Eine Billion Dollar“ schloss im Juli 2013 das Wuppertaler Schauspielhaus nach Jahren schleichender Krise endgültig aber geordnet seine Pforten. Hoher Sanierungsbedarf, sinkende Zuschauerzahlen und eine verschuldete Stadt ließen keine andere Möglichkeit. Heinrich Böll´s große Wuppertaler Rede in 1966 zur „Die Freiheit der Kunst“ verhallte im armen Wuppertal. Streng folgte man den Zwängen wirtschaftlicher Realitäten. „Eine kleine Großstadt mit zwei riesigen Theatern (NB: Opernhaus und Schauspielhaus)“, resümierte, Intendant Christian von Treskow sinngemäß resigniert, „sei nicht finanzierbar.“ Sprechtheater sind in der Krise, seit Jahren sinken die Besucherzahlen. Wuppertal stellte sich dieser Realität.

Ausgerechnet reiche Theater, das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Wiener Burgtheater  begegneten der Krise der Sprechtheater weniger problembewusst: „Kreativität in Büchern“  heißt eine Zauberformel, mit der Besucherrückgänge und Verluste „künstlerisch“  über Jahre verdeckt wurden. Beide Theater stehen nun vor einem künstlerischen wie finanziellen Scherbenhaufen.

Das Schauspielhaus Düsseldorf, mit 1.050 Plätzen zweitgrößtes Sprechtheater Deutschlands, Jahresetat 24 Mio. Euro mit über 300 Mitarbeiter, ist seit Jahren in einer Krise. Groß war die Aufregung im November 2012, als der Intendant Staffan Holm (55) nach nur einem Jahr in Düsseldorf wegen eines angeblichen Burn-outs über Nacht sein Amt am Schauspielhaus niedergelegte. „Es ist schwierig in Düsseldorf durchzudringen, mit der Stadt zu kommunizieren. Das hat lange Tradition und viele Gründe“, klagte Holm damals enttäuscht; überfordert von der Aufgabe und schwierigen persönlichen Lebensumständen. Doch schon die Amtszeit seiner Vorgängerin Amélie Niemeyer war von Enttäuschungen und Zuschauerschwund gezeichnet.

Schauspielhaus Düsseldorf © IOCO

Schauspielhaus Düsseldorf © IOCO

Nun wurde der Geschäftsführer und Interim-Intendant des Schauspielhauses, Manfred Weber, zum 28. Februar 2014 nahezu fristlos freigestellt, sein Vertrag wurde zum 30. September 2014 einvernehmlich beendet. Der Grund: Die Gesellschafter, die weitgehend schuldenfreie Stadt Düsseldorf und das Land NRW, entdeckten ein über Jahre bestehendes „überraschendes Defizit“ von 5,4 Millionen Euro. Nur eine Sonderzahlung der reichen Gesellschafter verhinderte die Insolvenz des Schauspielhauses. Genaues zu den Ursachen der Schieflage wurde nicht genannt (angeblich waren Umbauten nicht separat verbucht, Einnahmeplanungen unrealistisch…..). Gemeinsam mit Weber wurde Stillschweigen vereinbart. Die Wirtschaftsprüfer BDO hatten zuvor den Jahresabschluss des Theaters uneingeschränkt testiert. Einen Hinweis auf Unregelmäßigkeiten gab BDO nicht. Stadt-eigene Prüfer fanden ebenfalls nichts suspekt.

Interimistisch sollen Ex-Intendant Günther Beelitz (75) und Alexander von Maravic (64) für zwei Jahre die Zuschauer- und Kostenkrise des Hauses klassisch marialisch richten: Das Ruder herum-, Zuschauer mit-, die Auslastung hochreißen. Dirk Elbers, Oberbürgermeister Düsseldorfs, erklärt, das Haus wirtschaftlich auf solide Füße stellen zu wollen. Die Mitarbeiter warnen, “kulturpolitische Machtkämpfe auf dem Rücken der Mitarbeiter auszutragen.“ Nur Thomas Sternberg, Mitglied der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, erklärte eindeutig ehrlich: „Das Schauspielhaus brennt„.

Auch im Wiener Burgtheater, Mekka abendländischer Sprechtheater, mit einem Etat von etwa 50 Mio Euro eines der reichsten Theater der Welt,  wurde, wie in Düsseldorf, über Jahre praktiziertes, merkwürdiges Buchen festgestellt. Zuständige Amtsträger hatten auch in Wien davon nichts bemerkt. Dabei klagte Burgtheater Intendant Matthias Hartmann  schon zur Spielplanpräsentation 2013/14 am 16. Mai 2013 eindeutig wissend über die Finanzlage des Hauses: „Der Tag, an dem es nicht mehr geht, ist bereits verstrichen.“ Und legte am 13. Oktober 2013 sinnig nach: „Der Zeitpunkt, an dem nichts mehr finanzierbar ist…unerkannterweise überschritten; es ist an der Politik zu entscheiden..“

Doch im November 2013 wurde an der „Burg“ eine Lawine losgetreten: Vizedirektorin Silvia Stantejsky wird aufgrund „des Unverzüglichkeitsprinzips“ fristlos entlassen. Angeblich sei sie für ein laufendes Defizit von 13 Millionen Euro (geänderte Abschreibungen, mangelnde Buchführung, Nichteinbehalt von Steuern ausländischer Künstler) verantwortlich sei. Die gefeuerte Stantejsky bestreitet die Vorwürfe und hat Kündigungsschutzklage eingereicht, Begründung: „Die Kontrollinstanzen des Burgtheaters waren immer über die Buchführung informiert.“ Im Januar 2014 spricht Intendant Matthias Hartmann davon, von seinem Vorgänger Klaus Bachler, heute Intendant der Bayerischen Staatsoper, Verbindlichkeiten von 15,3 Mio. Euro geerbt zu haben. Eine Behauptung, welcher Klaus Bachler unverzüglich und vehement widersprach: „Die Geschichte wirkt wie eine Farce von Qualtinger“. Hartmann-Chef Georg Springer wiederum stützt ein gutes Gewissen auf ein Testat der Wirtschaftsprüfer vom Februar 2013.

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Wuppertaler Bühnen

Das Ensemble glaubt mehrheitlich der Darstellung nicht, wonach Stantejsky die alleinige Schuld an der finanziellen Misere „der Burg“ trage. Eine Sonderprüfung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG soll nun das Finanzgebaren des Burgtheaters überprüfen, ein Untersuchungsausschuss der Regierung ist geplant.
Das Burgtheater wird dieses Finanzdebakel und Untersuchungsausschüsse gut überleben; denn Wien ohne Burgtheater ist eben nicht vorstellbar.

Dagegen überlebte das Wuppertaler Theater seine Krise nur eingeschränkt und ist doch Vorbild für verantwortungsbewußtes Krisenmanagement. Die Theatermanager in Düsseldorf und Wien bewiesen überzeugend: Sie taugen nur für die Bühne, nicht jedoch für reales Leben.

IOCO / Viktor Jarosch / 07.03. 2014

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