Lübeck, Theater Lübeck, Musical-Star Gitte Haenning im Gespräch, IOCO Aktuell, 30.12.2017

Dezember 30, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 Gitte Haenning  „JAZZ IST MEINE GROSSE AFFINITÄT“

Gitte Haenning ist Norma Desmond, Hauptdarstellerin, in Sunset Boulevard, dem Musical von Andrew Lloyd Webber. Rolf Brunckhorst (RB) sprach mit dem populären Musical-Star im Theater Lübeck

Gleich zu Beginn spricht Gitte über das Theater, zitiert Brecht und Schiller, die das Theater als Lehranstalt verstanden. „Wenn man es im Theater schafft, dann schafft man es auch besser im Leben. Shakespeare hat gesagt: „The world is a stage and the stage is the world“. Das Theater kann allerdings auch böse, unangenehm, psychopathisch und pervers sein. Ich gehe gern ins Theater, bin aber kein Fan von modernem Regietheater, wobei ich hier in Deutschland gutes Regietheater erleben kann. Manchmal fliege ich nach Kopenhagen, um zu sehen, wie dort der Stand ist;  z.B. habe ich dort vor vier Jahren einen Hamlet gesehen, der sehr gelobt wurde, aber ich fand es schlecht, es gab darin gute Protagonisten, aber der Hamlet war schlecht und die Mutter war auch schlecht. Ich versuche, den Stand in Deutschland und Dänemark zu vergleichen, deshalb sah ich mir in Kopenhagen auch den Woyzeck an, ein Freund spielte mit und war sehr unzufrieden mit dem Regisseur, der schlecht gelaunt und noch im Jet-lag war, von unten ins Mikrofon rülpste und nicht bereit war, mit den Schauspielern über das Regiekonzept zu diskutieren, er war der Ansicht, ‘die Schauspieler haben das zu tun was ich sage‘. Und das ist eben die harte Seite des Berufs. Das Theater kann eine Heilanstalt sein, aber auch eine Irrenanstalt, es zeigt das Leben.“

Gitte führt eine Mitarbeiterin im Theater an, die erzählte, jeden Abend ins Theater gehen zu müssen, ohne das Theater nicht leben zu können. Rolf Brunckhorst führte ein weiteres Beispiel für die soziale Verantwortung des Theaters an: Viele Opernfans, die vor Jahren noch an der Theaterkasse stundenlang Schlange standen, um Premierenkarten zu bekommen, sind nun frustriert, weil es die meisten Karten nun online zu kaufen gilt, und online kann man keine Menschen treffen. Nach einleitenden Gedanken kam das Gespräch auf die aktuelle Internet-Kultur. Gitte steht dieser ganzen Internet-Kultur skeptisch gegenüber, sie nutzt z.B. Facebook nicht selbst, das machen andere für sie, aber sie ist dennoch erstaunt über die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Nun wenden wir uns dem eigentlichen Anlaß unseres Gespräches zu, ihrer Rolle der Norma Desmond. „Ich habe sofort Nein gesagt, als das Angebot kam. Ich habe Schwierigkeiten, deutsche Texte zu lernen und sagte ihnen, sie seien nicht gut bedient mit mir. In meinen eigenen Konzerten habe ich Textbücher, und hier in Lübeck sagten sie, sie würden mir Monitore aufstellen, und das haben sie dann auch gemacht. Ich dachte, okay, let’s give it a try, denn das Theater ist ja eine Lehranstalt, und ich trage ein großes Drama in mir, ähnlich wie meine Schwester, und auch meine Mutter wäre eine großartige Schauspielerin gewesen, aber sie hat sich geopfert für die Familie. Mein Vater fühlte sich berufen, Liedermacher zu werden, er war eigentlich Silberschmied. Ich selbst wurde in die Musikbranche fast hineingezwungen, daher habe ich eine etwas ambivalente Auffassung vom Showbusiness. Ich bin eigentlich eher introvertiert, scheu, und ich muß längeren Zulauf haben, ich bin nicht jemand, der sich hinstellt und sofort sagt: „Yes“. Aber Lübeck hatte mich angesprochen, sie wollten unbedingt mich“. Rolf Brunckhorst erinnert sich, wie sehr er sich gefreut hatte, als er von dieser Besetzung erfuhr: Sunset Boulevard und dann noch mit Gitte !

 Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte zu Sunset Boulevard: Es ist ein gelungenes Webber-Musical, ich bin eigentlich kein Fan von Webber, aber ich mag Jesus Christ Superstar, Cats und eben auch dieses. Ich hatte Tell me on a Sunday gemacht und dafür sogar einen Preis bekommen, danach mochte ich es auch, aber am Anfang fand ich es nicht so toll. Ich mag Stephen Sondheim lieber, z.B. Gypsy oder Sunday in the Park with George. Sondheim schreibt Musik und Libretto, beides, und es ist rund für mich. Hier bei Lloyd-Webber ist es selten rund, furchtbar eckig, nicht sehr jazzy, aber ab und zu gibt es ein paar jazzige Einlagen, z.B. bei Betty Schafers kleinem Solo im 1. Akt“. RB ergänzt, daß wohl die gesamte Filmmusik durch den Jazz geprägt sei, worauf Gitte erwidert: „Ohne Jazz geht gar nichts, Jazz ist meine große Affinität. Ich hatte so viele Jazz-Erlebnisse als Teenager in Kopenhagen mit großen Jazz-Musikern. Bei seinem eigenen Musikgeschmack muß man seinem Herzen oder seinem Bauch folgen.“ Aber zurück zu Lloyd-Webber: „ Wie gesagt hatte ich einen Preis bekommen für „Bleib noch bis zum Sonntag“, und er wollte, daß ich dieses Stück überall in Europa mache, z.B. auch in Amsterdam und in Skandinavien. Ich hatte Lloyd-Webber in meiner Fernsehshow und er machte wieder einen Anlauf, mich für dieses Projekt zu gewinnen, aber ich hatte den Eindruck, daß er das Musical noch gar nicht fertig geschrieben hatte. Jedenfalls hatte er für seinen Bruder im ersten Akt ein langes Cello-Solo komponiert und ich hatte keine Lust, so lange auf meinen Auftritt zu warten, und am Ende sollte ich noch ein Duett mit seinem Bruder singen. Ich hatte keine Lust und habe dann Angelika Milster dafür empfohlen (sie lacht), die übrigens auch die Norma Desmond singt, in Gera.“

Auf die Frage nach Zukunftsplänen antwortet Gitte:  „Ich bin mit meiner Band ausgebucht, aber ich habe die Vision von einem Musical sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, meine Freunde Rolf Kühn und Katrin Briegel schreiben es und es wäre eine tolle Rolle für mich.“ RB  schlägt als weitere mögliche Rolle für Gitte die Schankwirtin in Le Misérables vor: „Nein, das mag ich nicht, das ist mir zu sentimental. Mein Schwager ist auch ganz begeistert von Les Misérables, aber er ist ein alter Kommunist gewesen und er hat diese romantischen Träume von arm und reich. Nein, für mich wäre das nichts, aber ich kenne andere süße Schauspielerinnen, die in dieser Rolle Erfolg haben würden“.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard - hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard – hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Auf die Frage, ob es möglicherweise ein weiteres Angebot aus Lübeck gäbe, antwortet Gitte: „Nein, darüber habe ich auch noch nicht nachgedacht, und anderes ist mir im Moment wichtiger, und ich denke auch, wichtig ist es, daß „Sunset Boulevard“ hier weiterhin ein Erfolg ist mit sehr viel Qualität. Das Ensemble hier ist wunderbar und ich habe mich sofort wohl gefühlt mit diesen Kollegen, mit Steffen Kubach habe ich mich von Beginn an gut verstanden, und er ist bezaubernd  in seiner Rolle. Rasmus Borkowski und ich haben sehr viel Spaß, er ist ein wunderbar authentischer Darsteller mit so viel Wärme. Und er will vor allem kein typisches Musical-Produkt sein, er nimmt die Schauspielerei sehr ernst.“ R.B.  unterbricht und sagt: „Das habe ich gemerkt, als er zu Norma sagt: Ich wollte Dir nie weh tun.“ Gitte fährt fort: „Ja, wir haben bei den Proben oft zu ihm gesagt, Du mußt etwas böser werden. Er sieht so liebend aus mit so viel Tiefe“. „Es ist ein Abgrund für ihn, einerseits so fies zu sein, aber doch nicht allzu fies.“ Gitte: „Genau das ist es, das macht er gut, das kriegt er alles hin, und es freut mich sehr, daß Sie das sagen. – Ich werde hier getragen vom Chor, der Chor zeigt  viel Herzenswärme, auch die Arbeiter auf den Bühne geben alles für mich, das ist ein gutes Gefühl für mich und das gibt mir Kraft“.

Das Gespräch wendet sich anderen Rollen zu: Gitte berichtet von ihrer Papagena in Mozarts „Zauberflöte“ in Berlin, die für sie transponiert worden ist, obwohl es nach Aussage der anderen Solisten gar nicht nötig war. Und dann noch von Offenbach Orpheus in der Unterwelt, in der sie die Rolle der Juno mit René Kollo in Trier sang.

„Ich bin ohnehin kein großer Opernfan, ich habe Wagner-mäßig viel von Harry Kupfer in Berlin  gesehen, aber da meiste fand ich furchtbar und ich habe sehr gelitten. Als Dänin wollte ich wissen, wie es ist mit der deutschen Kultur, und wann immer ich Zeit hatte, bin ich in die Oper gegangen. So habe ich in Hamburg „Tristan und Isolde“ gesehen und habe auch wieder sehr gelitten. Ein anderes Mal sah ich „Tristan und Isolde“ in einer Inszenierung von Götz Friedrich und das war toll, das Bühnenbild war nur blauer Himmel und ein Berg, es war eine wunderbare Atmosphäre, da kommt die eigene Phantasie ins Spiel.  Aber René Kollo, den habe ich gemocht, er war hervorragend als Wagner-Sänger, er liebt Wagner, aber ich verstehe einfach nicht, wie man Wagner lieben kann (sie lacht). Meine Eltern hatten damals versucht, mich an die Oper heranzuführen, aber es hat nicht geklappt, ich dafür viel zu unruhig, ich war immer mehr für Jazz.“

An dieser Stelle unterbricht uns die Kantinenwirtin, und weist auf die fortgeschrittene Uhrzeit hin. Wir fügen uns, beenden das Interview. Vielen Dank, Gitte, für dieses intensive Gespräch.

Das Gespräch fürhte Rolf Brunckhorst

Lübeck, Theater Lübeck, Musical Sunset Boulevard – Mit Gitte, IOCO Kritik, 10.12.2017

Dezember 11, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 SUNSET  BOULEVARD von Andrew Lloyd-Webber

 Prickelnde Wiederaufnahme mit Gitte Haenning

Von  Rolf Brunckhorst

Das Theater Lübeck hat dankenswerterweise sein Erfolgsstück aus der letzten Spielzeit, das Musical Sunset Boulevard  von Andrew Lloyd-Webber, wieder aufgenommen, und das in der exakt selben Besetzung wie vor einem Jahr. Die Inszenierung mit einer großen Multifunktionstreppe bietet immer noch einen vorzüglichen Rahmen für die Ereignisse am Sunset Boulevard. Ein kleines Highlight stellte der Luxus-Oldtimer dar, den Norma Desmond am Paramount Studio abliefern soll und der sich als einfaches Gestell entpuppt, das die Sänger sich quasi unter den Arm klemmen konnten, um eine Autofahrt zu simulieren –  Applaus auf offener Szene!

Zur Handlung: Im Pool einer luxuriösen Villa treibt ein Leichnam. Es ist der junge Drehbuchautor Joe Gillis, erschossen nach einer verhängnisvollen Affäre mit der früheren Stummfilmdiva Norma Desmond. Im Rückblick erzählt Joe, wie es zu dem tragischen Vorfall kam: Norma lebt zurückgezogen auf ihrem Anwesen am Sunset Boulevard. Ihre goldenen Zeiten als Filmstar sind vergangen, die Ära des Stummfilms ist vorbei und Normas Ruhm längst verblasst. Doch sie, süchtig nach dem Scheinwerferlicht, lebt in der Erinnerung an ihre schillernde Vergangenheit und glaubt fest an ein Comeback. Als sie die Bekanntschaft mit Joe Gillis macht, keimt ihre Hoffnung auf einen neuen Film auf. Doch der Schein trügt – es entspinnt sich ein Netz von Abhängigkeiten……..

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Den ersten großen Applaus hatte GITTE HAENNING schon für ihre Auftrittsarie „Nur ein Blick“ entgegennehmen können, und Gitte erwies sich auch in dieser Spielzeit wieder als Top-Besetzung der Norma Desmond. Es war faszinierend anzusehen, wie sie die zentrale Freitreppe in immer neuen Bewegungsabläufen auf und ab eilte. Man vergleiche z.B. den ersten Auftritt auf der Treppe, den sie mit ihrem neuen Scriptboy noch scheinbar unbeteiligt und ungerührt absolviert, mit dem letzten Auftritt, wenn die total verwirrte Norma Desmond sich auf den Treppenstufen (ihrer Bühne) präsentiert. Gitte konnte alle diese unterschiedlichen Seelenzustände überzeugend ausdrücken. Auch stimmlich bot Gitte eine exzellente Leistung, ihr unverkennbares Timbre kann sich in den Soloszenen prächtig entfalten. Gittes Intensität in dramatischen Höhepunkten ist schier unglaublich.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Darin war ihr Bühnenpartner RASMUS BORKOWSKI als Joe Gillis ebenbürtig, wenn er singt, kann man sich im Sessel zurücklehnen und entspannen, alle schwierigen Passagen und Spitzentöne kommen tonschön zu Gehör. Darüber hinaus ist er ein gewandter Darsteller, der fast schon zu freundlich erscheint, wenn er Norma zum Abschied sagt: „Ich habe Dir nie weh tun wollen“KATRIN HAUPTMANN in der Rolle der Betty Schaefer entspricht dem äußeren Idealbild eines amerikanischen Möchtegern-Glamourgirls, ihre Stimme ist durchweg präsent und allen technischen Schwierigkeiten singt sie sicher entgegen. Vierter im Quartett der Publikumslieblinge ist STEFFEN KUBACH als Max von Mayering, der einen sonoren Kavaliersbariton vorführte, dem weder in der Höhe noch in der Tiefe irgendwelche Grenzen anzumerken waren. Wohl besetzt waren auch die Rollen des Cecil B. DeMille (MICHAEL WALLNER), Sheldrake (RUDOLF KATZER), Artie Green (GRZEGORZ SOBCZAK), sowie GUILLERMO VALDES, der in gleich drei kleineren Rollen zu gefallen wußte.

 Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Applausfot mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Applausfot mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Das faszinierende dieser Auflistung ist, daß der Rezensent bei keinem der Solisten Einschränkungen machen oder Einwände erheben muß, es war eine vorbildlich geschlossene Ensembleleistung, an der selbstverständlich LUDWIG PFLANZ am Dirigentenpult mit seinem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck einen großen Anteil hatte. Von der Klangqualität des Orchesters konnte man sich in den zahlreichen Zwischenspielen und den Akt-Einleitungen überzeugen. Ein Pauschallob auch für die Mitglieder des Chores und des Balletts, die die Massenszenen stimmlich und tänzerisch vorbildlich im Griff hatten. Falls Sunset Boulevard keine dritte Auflage erleben sollte, könnte die Intendanz vielleicht ein anderes Top-Musical in Betracht ziehen. Das Publikum schien derselben Meinung zu sein, denn es gab am Ende Jubel für alle Beteiligten, Standing Ovations und zahlreiche Bravos – ein wirklich Abend.

Sunset Boulevard am Theater Lübeck: Weitere Vorstellungen 31.12.2017 15.00 und 19.30 Uhr; 13.01.2018                                             

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Lübeck, Theater Lübeck, Der fliegende Holländer von Richard Wagner, IOCO Kritik, 10.06.2017

Juni 10, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Der Fliegende Holländer von Richard Wagner 
Ohne Reu´ bis in den Tod gelob´ ich Treu´

Premiere:  9. Juni 2017, weitere Vorstellungen 15.6.2017, 24.6.2017, 2.7.2017

Von Patrik Klein

Mea culpa: Als Wahlhamburger und Dauergast an der Hamburgischen Staatsoper zum ersten Mal im Theater Lübeck zur Premiere von Richard Wagners Fliegendem Holländer, darf man und muss ich mir die Frage stellen, warum nicht schon viel früher?

 Richard Wagner schrieb die Oper unter dem Eindruck einer stürmischen Schiffsreise und verlegte die Handlung vom Kap der Guten Hoffnung in der Urfassung von 1841 nach Schottland, später dann nach Norwegen. Oft wird das Stück als sein Durchbruch zum eigenen Stil angesehen. Die Oper wurde in ihrer Urfassung 1841 vollendet und am 2. Januar 1843 mit mäßigem Erfolg am Königlichen Hoftheater in Dresden uraufgeführt. Bereits nach vier Aufführungen wurde sie wieder vom Spielplan genommen. Im Jahr 1861 hat Wagner dann die Urfassung überarbeitet. Unter dem Einfluss seiner Tristankomposition stehend, überarbeitete er musikalisch insbesondere die Ouvertüre und den Schluss. Hierin wird im Gegensatz zur ersten Komposition die Erlösung Sentas musikalisch deutlicher hervorgehoben.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer - Steuermann - Holländer und Daland © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Steuermann – Holländer und Daland © Olaf Malzahn

Wegen eines Sturmes auf See muss Kapitän Daland eine sichere Bucht ansteuern. Dort erscheint das Schiff des Fliegenden Holländers, der dazu verdammt ist, ewig die Weltmeere zu befahren. Nur eine bedingungslos treu liebende Frau könnte ihn erlösen. Dalands zurückgezogen lebende Tochter Senta kennt die Geschichte des Holländers aus einer Ballade und sehnt sich nach etwas Unerhörtem und Unerlebtem.

Regisseurin und gleichzeitige Ausstatterin des Stückes, Aniara Amos, und der Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach interpretieren den Fliegenden Holländer für ihre Inszenierung jenseits von Schiffsflotte oder Hafenromantik. Viel eher rücken durch den Einbruch des Übersinnlichen in die Realität die inneren Vorgänge und Antriebe der Protagonisten in das Zentrum der Handlung. Es geht um die Zahl sieben. Diese Zahl ist zum einen die biblische Zahl (Gott schuf in sieben Tagen die Welt, sieben Todsünden, sieben Wochen Fastenzeit). Daraus ableitend taucht in den Märchen die Zahl sieben auf (Meilenstiefeln, Geißlein, Raben). Darüber hinaus ist die sieben die Summe aus drei (heilige Dreieinigkeit) und vier (Himmelsrichtungen, Jahreszeiten oder die vier Elemente). SentasOhne Reu´ bis in den Tod gelob´ ich Treu´“ war für die deutsch-chilenische Regisseurin, die mit Achim Freyer und Peter Konwitschny zusammen arbeitete, die zentrale Stelle im Libretto für ihre Interpretation. Denn diesen Satz richtet Senta am Ende des zweiten Aktes und in der Schlussszene ungewöhnlicherweise an ihren Vater. Es muss also etwas in Sentas Biographie völlig „aus dem Ruder“ gelaufen sein. Situationen aus ihrem Leben als 7-, 14- und 21jähriger Tochter werden dargestellt. Die Erlösung Sentas geschieht, indem sie aus dem Handlungsschema heraustritt und ihrem Vater ihre „Ketten“ vor die Füße wirft. Der Holländer erscheint als „Alter Ego“ Dalands und erfährt keine Erlösung. Das Ganze wird aus der Sicht Sentas erzählt, die als Kind bereits vom Vater missbraucht wurde. Die Handlung wird von dem den Teufel in Gestalt des Fährmanns in die Unterwelt symbolisierenden Steuermann vorangetrieben.

Theater Lübeck / Der fliegende Hollaender -  Senta und Holländer © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Hollaender – Senta und Holländer © Olaf Malzahn

Bereits im Vorspiel wird musikalisch und szenisch das Konzept und die Handlung verdeutlicht. Auf der in blutrote Segeltuchfarbe getauchten Bühne stehen zwei Badewannen. Im Sturm erscheint ein schwarz gekleideter Seemann. Daland streicht der 7-jährigen Senta, die in der Badewanne liegt, über die Haare. Der junge, jägergrün gekleidete und verzweifelt wirkende Erik erscheint mit roter Rose. Er will Senta vor den Übergriffen ihres Vaters mit dem Spielgewehr beschützen. Sie gehen aufeinander zu, erreichen sich aber nicht. Schwarz und weiß bemantelt ringen Daland und der Holländer miteinander. Senta hält sich weinend die Ohren zu, unsicher, wessen Hand sie nehmen soll. Sie nimmt die des Holländers. Wunderbar, kräftig und schwungvoll erklingt es aus dem Graben des Theater Lübeck. Der scheidende Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri leitet das eindrucksvoll klingende philharmonische Orchester Lübeck mit Präzision, großer Wucht, schillernden Farben und wunderschönen leisen Nuancen.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer   - Senta und Spinnerinnen © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Senta und Spinnerinnen © Olaf Malzahn

In allen Szenen der Oper bilden die Badewannen die zentralen Ausstattungselemente. Beim Lied des Steuermanns erscheint Senta als 14-jährige umringt von Chor und blauen Segeln im Hintergrund. Der Steuermann taucht gespenstig als Gerippe auf. Paddelnd in der Wanne ist er die die Handlung vorantreibende Gestalt. Hier ist der Teufel im Spiel. Im Hintergrund die 7-jährige Senta in der zweiten Wanne. Taras Konoshchenko, hauseigener Bass lässt hier zum ersten Mal seine prächtige, sonore Stimme erklingen. Daniel Jenz, der von Lübeck nach Kassel wechselnde Tenor, singt präzise, höhensicher und wohlklingend einen großartigen Steuermann.

 Die Ankunft des Holländers und der Brauthandel beginnt auf blutrot gefärbter Bühne. Holländer und Daland stehen Rücken an Rücken und beim Singen des Einen macht der Andere mit Mundbewegungen deutlich, dass hier die ein und dieselbe Person am Werke ist. Der innere Kampf zwischen den beiden Facetten des unterdrückenden Mannes beginnt. Oliver Zwarg, der heute sein Holländerdebut am Theater Lübeck feiert, lässt hier seine großartige farbenreiche mit schöner Schwärze abgedunkelte Stimme erstmalig erklingen: „Die Frist ist um.“ Der Steuermann fädelt geschickt mit teuflicher Absicht den Brauthandel ein. Holländer, Daland und Steuermann paddeln gemeinsam im „Nahalla-Marsch“ über die Bühne. Die nun 21-jährige Senta erscheint auf der Bühne. Auch sie steigt in eine der Badewannen und ergibt sich ihren Peinigern.
Die Gewalt und Unterdrückung der Senta findet ihren Höhepunkt im Chor der „Spinnerinnen“. In knallig bunte Kostüme und Masken gesteckt erscheinen die Damen des spielfreudig gestaltenden, äußerst präzise singenden Chores des Theater Lübeck unter der Leitung von Jan-Michael Krüger, malträtieren und verhöhnen die leidende Senta. Mary ist besonders brutal zu ihr. Machtausübung an den allerschwächsten wird deutlich. Die wunderbar singende Wioletta Hebrowska, mit einem sehr schön abgedunkelten Mezzo und feinem legato, taucht Senta in der Wanne unter Wasser. Die anderen Damen fühlen sich ermutigt es ihr gleich zu tun.

 Zur Ballade steigt Senta in der Wanne auf und lässt ihrer fantastischen Stimme freien Lauf. Miina Liisa Värelä, finnischer Gast am Hause, hat alles was eine hervorragende Senta haben muss. Einen leicht abgedunkelten Sopran mit schwindelerregender Sicherheit in allen Registern. Zu Recht wird sie später vom Publikum mit Ovationen gefeiert. Die Damen des Chores knien um sie herum, hören zu und machen sich über sie lustig. Im Hintergrund fleht die 7- und 14-jährige Senta um Erlösung. Senta (erwachsen) ringt die beiden jüngeren Erscheinungen nieder, während dem ein blutrotes Segel mit Engel gehn Himmel schwebt.
Wie im Vorspiel bereits angedeutet treten Senta und Erik zwar aufeinander zu, können sich aber trotz mitgebrachter roten Rose des Jägers nicht berühren. Erik schaut von der Bühnenvorderseite in die Szene, die ihm unerreichbar erscheint. Heiko Börner gibt einen soliden, kraftvollen Heldentenor. Aber keiner auf der Bühne hört ihm zu. Der Damenchor befindet sich in höchster Ekstase. Dann fasst Erik sich ein Herz und tritt in die Bühnenszene zu den drei Sentas. Senta leidet und schreit nach Erlösung.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer -  Die Ballade der Senta - Chor der Spinnerinnen © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Die Ballade der Senta – Chor der Spinnerinnen © Olaf Malzahn

 Höhepunkt der Oper und der Interpretation Aniara Amos erlebt man im Duett (Terzett mit Daland) Holländer mit Senta. Oliver Zwarg singt hier sehr schön leise, fast lyrisch und höhensicher am Beckenrand der Wanne Sentas sitzend. Daland liegt in der anderen Wanne mit der 7-jährigen Senta und streicht ihr Haar (kaum auszuhalten als Zuschauer). Die 14-jährige Senta weint bitterlich. Miina Liisa Värelä singt herzzerreißend. Der Steuermann erscheint höhnisch lachend, Zigarette rauchend, alles im Griff zu haben scheinend. Senta wiederholt ihre Treue zu ihrem Vater-Doppel; sie tastet pantomimisch ihr Gefängnis ab und wirft die Wannen krachend um.
In der folgenden Szene zieht Senta Damenschuhe an, raucht und tanzt zum Steuermannslied zusammen mit dem Tod und mit den Matrosen. Sie würgt sogar einen als Anzeichen ihrer ständigen Unterdrückung, es auch selbst weitergeben zu müssen. Der Chor der Damen und Herren klingt äußerst präsent zusammen mit dem Orchester in einer beeindruckenden Akustik dieses Jugendstilhauses Lübeck. Erik schüttet Senta enttäuscht ein Glas ins Gesicht und reiht sich ein in die Gewaltausübenden. Zwei riesige Augen erscheinen über einer der Wannen und erzeugen eine abstruse, gespenstige Stimmung. Schwarze Gestalten mit roten „Plastikpenissen“ umkreisen Senta und tauchen die Szene in eine Art Gewalt- und Sexorgie.

 Im Finale stehen zunächst Erik und Senta alleine auf der leeren Bühne. Wie bereits im Vorspiel versuchen sie sich zu erreichen. Doch es gelingt nicht. Erik verweist auf Sentas Treueschwur ihm gegenüber. Nun muss Senta erkennen, dass Erik nicht als Beschützer zu sehen ist, sondern auch als Mann, der ihr den Treueschwur abverlangt. Er missdeutet ihren Händedruck als Treueschwur und wirft endgültig seine Rose weg. Sie verlacht ihn. Alle Mitwirkenden erscheinen auf der Bühne. Die jungen Senta liegen bereits erledigt am Boden; Daland hält Senta während der Holländer singt. Eriks Gewehr taucht auf und wandert in die Hände Sentas. Aber sie erschießt niemanden. Auch nicht sich selbst. Sie wirft ihre „Ketten“ den „Vätern“ vor die Füße und entledigt sich endgültig ihrer Pein. Der Vorhang fällt.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer  - Ensemble mit Schlussapplaus © Patrik Klein

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Ensemble mit Schlussapplaus © Patrik Klein

Das Publikum feiert die musikalische Leistung mit frenetischem Beifall für alle Beteiligten. Das Konzept von Aniara Amos und ihrem Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach stößt auf einige Gegenwehr aber auch zustimmenden Applaus. Ein aufregender, spannender und neue Perspektiven aufzeigender Abend. Eine Reise nach Lübeck ist es allemal Wert.

Der fleigende Holländer am Theater Lübeck: Weitere Vorstellungen am 15.6.2017, 24.6.2017 und 9.7.2017

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Lübeck, Bassbariton Oliver Zwarg im Gespräch, IOCO Interview, 03.06.2017

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

IOCO stellt vor:  Bassbariton Oliver Zwarg 

Zur Premiere  Der fliegende Holländer  am Theater Lübeck

IOCO Korrespondent Patrik Klein führte am 30.5.2017 das folgende Interview mit Bassbariton Oliver Zwarg, welcher am Theater Lübeck in der kommenden Produktion Der fliegende Holländer von Richard Wagner die zentrale Partie des Holländer übernehmen wird.

IOCO: Lieber Herr Zwarg, wir sprechen kurz vor Ihrem Rollendebüt als Fliegender Holländer, den Sie ab 9. Juni am Theater Lübeck singen werden. Ist das die letzte große Wagnerrolle, die noch fehlt?
Oliver Zwarg: Nein, ist es nicht. Es fehlen neben dem Hans Sachs, den ich mir bis zum Schluss als Krönung aufbewahren möchte, noch zumindest die szenischen Umsetzungen der Wotane (im Rheingold und der Walküre) und der Wanderer. Übrigens hätte ich diese Rollen zeitgleich mit dem Holländer in Oldenburg singen können. Gerne hätte ich das für mich selber realisieren wollen, aber aus terminlichen Gründen war das leider noch nicht möglich. Auch der Wanderer bei den Maifestspielen in Wiesbaden wurde mir angeboten, passte aber ebenso nicht in meinen Terminkalender.

IOCO im Gespraech / Oliver Zwarg und Patrik Klein © Patrik Klein

IOCO im Gespraech / Oliver Zwarg und Patrik Klein © Patrik Klein

IOCO: Ist es angenehmer eine so wichtige Partie, wie den Holländer, an einem mittelgroßen Opernhaus wie dem Theater Lübeck erstmals zu singen?
Oliver Zwarg: Das lässt sich nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten. Bei der Frage nach einer Rolle ist es von großer Bedeutung, dass das „Timing“ stimmt, wann man diese annimmt. Franz Grundheber hat einmal gesagt, dass man die ganz großen Rollen seines Faches nicht vor dem Alter von 45 Jahren beginnen sollte. Da bin ich jetzt genau angekommen. Insofern kommt der Holländer nun gerade recht. Sicherlich ist es auch hierbei angenehmer, wenn man an einem mittelgroßen Haus wie Lübeck debutiert, um sich nicht dem gleichen feullitonistischen Druck auszusetzen wie dies etwa in München oder Frankfurt wäre.

IOCO: Wie ist Ihr bisheriger Eindruck von den Proben und die Zusammenarbeit mit den Beteiligten und insbesondere mit Regisseurin Aniara Amos?
Oliver Zwarg: Die Zusammenarbeit gestaltet sich sehr angenehm. Ganz besonders auch im Zusammenspiel mit der wunderbaren und bereits erfahrenen Senta der finnischen Sopranistin Miina-Liisa Värelä, die ich schon von einem konzertanten Walkürenwotan kenne. Ich muss mich bei dem Duett mit Senta schon ganz schön strecken, damit ich auf dieses Niveau komme. Bei der Regie durfte ich einen großen Teil meiner gesanglichen, musikalischen Vorstellungen auch szenisch umsetzen, weil es so in das vorgegebene Regiekonzept passt. So viel darf ich verraten: Es geht beim Holländer sehr stark um die Zahl sieben. Die Zahl Sieben ist ja zum einen die uns allen bekannte biblische Zahl (Gott schuf in 7 Tagen die Welt, 7 Todsünden, 7 Wochen Fastenzeit, etc.) Daraus ableitend gibt es sicher in den Märchen ständig die Zahl 7 (Meilenstiefeln, Geißlein, Raben, etc.) Darüber hinaus ist die Sieben die Summe aus 3 (heilige Dreieinigkeit) und der 4 (Himmelsrichtungen, Jahreszeiten oder die vier Elemente. Bei Griechen galten diese als die Grundbestandteile allen Seins). Sentas „Treu bis in den Tod“ war für Frau Amos der Grund Aufhänger zu untersuchen, was in Sentas Biographie schief gelaufen sein muss. Denn diesen Satz richtet sie an ihren Vater… Musikalisch wird der Schluss Wagners mit Erlösung gespielt, den er 1862 nachdem er Tristan komponierte, nachträglich verändert hatte. Es wird spannend für das Publikum.

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

IOCO: Haben Sie ein „Holländer-Vorbild“?
Oliver Zwarg: In meiner Zeit an der Hamburgischen Staatsoper habe ich viele Male den wunderbaren Franz Grundheber erleben dürfen. Was ich bei ihm besonders interessant finde ist, dass er aus dem Wort denkend und handelnd auf der Bühne agiert und gesanglich gestaltet. Ganz egal wo ich stand und ihm zuhörte, entweder im Publikum oder auf der Seitenbühne haben mich z.B. sein Jago fasziniert und zu Tränen gerührt. Klanglich sind für mich Franz Crass und George London ein Vorbild. Besonders die Schwärze der Stimme bei London ist für mich ein Ideal. Als ich damals so davon fasziniert war und es versuchte nachzuahmen, hat mich zum Glück mein Gesangslehrer von weiteren Nachahmungsversuchen abgehalten. (lacht)

IOCO: Am Anfang Ihrer Karriere, während der Festengagements in Hamburg und Hannover haben Sie u. a. viel Mozart gesungen. War Ihnen immer schon klar, dass die großen Heldenbaritonrollen bei Strauss und Wagner einmal im Zentrum des Repertoires stehen werden?
Oliver Zwarg: Instinktiv und unterbewusst „Ja“. Als junger Sänger mit 26 Jahren habe ich das irgendwie gespürt, das ist mal meins. Auch, obwohl ich Salome noch gar nicht richtig kannte, war mir klar, dass es irgendwann einmal der Jochanaan wird. Andere Rollen wie Orest, Barak, Wotan oder Sachs sind nach und nach in mir „entstanden“. Man hat immer seine „Lieblinge“ wie Abschied, Fliedermonolog oder erster Auftritt Orest ein bisschen gesungen… Und irgendwann kamen dann ja auch die Angebote dafür!

Richard Wagner Bueste in Bayreuth © A. Schneider

Richard Wagner Bueste in Bayreuth © A. Schneider

IOCO: In welcher Reihenfolge haben Sie die großen „Brocken“ Ihres Repertoires erarbeitet? War diese Reihenfolge gut und richtig oder haben Sie manche Partien zu früh angesetzt?
Oliver Zwarg: Das ist eine schwierige Frage, die ich nicht eindeutig mit ja oder nein beantworten kann. Vielmehr ist es ein Prozess. Es gibt ja manchmal Jahre, wo alles Mögliche gleichzeitig auf einen einwirkt. 2010 sang ich zum ersten Mal Amonasro und den Smee in Der Schmied von Gent (Schreker). Das ist ein „kleiner Hans Sachs“. Im selben Jahr sang ich erstmals Jochanaan und alle drei Alberiche. Zudem war ich Cover als Orest bei den Salzburger Festspielen. Das war einfach unter dem Strich zu viel. Der Alberich in Köln zum Beispiel war ein so großer Erfolg, das Adrenalin hat mich damals geradezu nach vorne katapultiert. Das lässt sich aber nicht eine ganze Spielzeit durchhalten.

IOCO: Wie ist das Gefühl für Sie, umjubelt von 1000 oder mehr Zuhörern auf der Bühne beim Applaus zu stehen?
Oliver Zwarg: Ja, das ist ein Gefühl, das durch nichts Schöneres zu ersetzen ist. Vielleicht noch die Geburt des eigenen Kindes zu erleben. Damals in Köln oder auch bei einem konzertanten Pelléas in Amsterdam habe ich auf der Bühne gestanden und mir liefen die Tränen. Sowas treibt dann auch an.

IOCO: Als Hamburger sind Sie ständig unterwegs in ganz Europa und singen und spielen die Rollen in Ihrem Fach. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?
Oliver Zwarg: Das ist nicht leicht. Das Leben aus dem Koffer und nebenbei noch ein guter Familienvater zu sein ist eine große Herausforderung. Bei bestimmten Terminhäufigkeiten versuche ich das so zu lösen, indem ich Ausgleichszeiten schaffe. Bei einer Terminfülle wie in 2010, wenn ich bis zu 3 Monaten nicht zu Hause bin, muss auch manchmal die Familie wenn möglich mitkommen. Das ist alles nicht ganz einfach, weil meine Frau ja im Chor der Hamburgischen Staatsoper singt. Wenn diese Ausgleichszeiten dann gelingen, widme ich mich unserem Haus in Hamburg, wo etliche Umbaumaßnahmen anstehen und für mich Zeit zum Abschalten entsteht.

IOCO: Wie darf man sich Ihre Arbeit beim Einstudieren neuer Partien vorstellen? Sind Sie ein Autodidakt mit Repetitor oder haben Sie einen Gesangslehrer? Wie lief das beim Holländer?
Oliver Zwarg: Ich bin jemand, der mit neuen Rollen immer zum Repetitor geht, weil ich nichts falsch einstudieren möchte. Man kann sich schnell ein falsches Intervall oder einen falschen Rhythmus aneignen. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, gehe ich auch zumindest für ein, zwei Tage zu einem Gesangslehrer, um u.a. die Technik noch einmal zu überprüfen. In meiner Laufbahn waren das verschiedene Lehrer wie z.B. Marianne Spiecker, Julia Hamari, Carl Davis oder Rudolf Piernay.

Oliver Zwarg © Oliver Zwarg

Oliver Zwarg © Oliver Zwarg

IOCO: Sie haben am Anfang unseres Gesprächs gesagt, dass der Hans Sachs auf Sie wartet. Wie lange Vorbereitungszeit bedeutet das?
Oliver Zwarg: Mindestens zwei Jahre bis zum erstmaligen Probieren auf der Bühne. Die Rolle ist wohl die längste, die es in der Literatur gibt. Von fünf Stunden Musik in den Meistersingern hat Hans Sachs fast die Hälfte der Zeit zu singen. Dann gibt es extrem viele Stellen, die man philosophisch sehr unterschiedlich deuten und interpretieren kann. (Oliver Zwarg singt musikalische Passagen in unterschiedlichen Facetten und zitiert Faust klassisch und in moderner Regie, um die Unterschiede einer Interpretation zu verdeutlichen). Das Erlernen braucht unglaublich viel Zeit und Geduld.

IOCO: Wo liegen die Schwierigkeiten der Partie?
Oliver Zwarg: Der Hans Sachs ist eine unglaubliche Konditionsaufgabe. Man darf die Stimme z.B. nicht zu breit machen, um am Ende nicht zu müde zu werden. Dann bräuchte es gute Nerven, um am Ende einen Rettungsanker zu finden, der einen durch die Partie bringt. Konkret heißt das, dass man beim Streit mit Beckmesser im zweiten Akt nicht übertreiben darf und den Weg ins Lyrische im dritten Akt wieder zurückfinden muss. Bei der Ansprache des Hans Sachs muss immer wieder in der Passaggio-Lage, also dem Grenzbereich zwischen Brust- und Kopfstimme gesungen werden. Hier ist eine besonders kluge Mischung aus diesen beiden Bereichen notwendig. Das ist einfach unglaublich schwer.

IOCO: Gibt es nach dem Sachs noch ganz große Partien, die Sie gerne singen würden?
Oliver Zwarg: (überlegt) Alle großen Strausspartien sind durch, aber ich würde schon gerne noch einmal den Jochanaan singen, den ich zuletzt vor sieben Jahren sang. Meine Stimme hat sich seitdem weiterentwickelt. Aber grundsätzlich sind  unter anderem Elektra, Ring des Nibelungen, Frau ohne Schatten  große Meisterwerke, weil sie nie langweilig werden. Jede Beschäftigung damit bringt wieder Neues zum Vorschein. Deshalb gerne alles wieder. Immer wieder! Ferner fehlt mir noch in meinem Repertoire der Prus in Janaceks Die Sache Makropulos. Diese Rolle finde ich neben dem Förster in Janaceks Füchslein besonders schön. Falstaff und Jago würden noch auf meiner Wunschliste stehen, aber ich mache mir da keine Illusionen. International werde ich da wohl nicht berücksichtigt werden!

IOCO: Welches sind die Partien, gleich ob groß, mittel oder klein, die Ihnen besonders am Herzen liegen?
Oliver Zwarg: Eine der größten Opern in der Geschichte ist für mich Mozarts Don Giovanni. Meine Lieblingsrolle ist der Leporello für mich gewesen und steht immer noch ganz oben in meiner Beliebtheitsskala. In den Jahren 2001 bis 2009 habe ich den Leporello in Hannover und Stuttgart sehr oft gesungen.

IOCO: Welche Partien würden Sie gerne oder kann man in Ihrem Fach bis in hohe Alter singen?
Oliver Zwarg: Das zeigt Franz Grundheber ja gerade mit seinem Barak in Leipzig, dass das sehr abhängig von der Technik ist und bis ins hohe Alter funktionieren kann, wenn man nicht zu früh mit dramatischen Partien begonnen hat. Ferner kann man beispielsweise den Dikoj aus Katia Kabanowa oder den Musiklehrer aus Ariadne auf Naxos spät singen. Dazu die ganzen sogenannten „Alterspartien“. Da sind wir Männer ja wirklich gesegnet!

IOCO: Sie sprechen häufiger davon, wie wichtig der familiäre Rückhalt für die Arbeit ist. Können Sie uns ein wenig von Ihrem Privatleben preisgeben?
Oliver Zwarg: Ich habe zwei Töchter im Alter von 14 und 11 Jahren und eine tolle Frau, die ein wenig älter ist als ich (lacht). Ich bin sehr froh darüber, eine so ergänzende, wunderbare und auch immer mal mich wieder erdende Familie zu haben. Dann haben wir noch unser altes Haus, das jedes Jahr im Sommer zu einem Paradies mit persönlichen Inseln der Selbstverwirklichung wird.

IOCO: Werden Ihre Töchter auch eine Musikerlaufbahn einschlagen wollen? Würden Sie sie dabei unterstützen?
Oliver Zwarg: Grundsätzlich würde ich meine Kinder in Allem unterstützen sofern das ihrer Entwicklung förderlich ist. Wenn eine meiner Töchter z.B. sagen würde, dass sie Schauspielerin werden möchte, dann ist das okay. Was ich nicht schätze, ist alles Mögliche für kürzeste Zeit auszuprobieren und wieder zu verwerfen. Eine Zeit lang erwarte ich hier jedenfalls den Ehrgeiz, eine Sache durchzuziehen. Die Ältere nimmt derzeit Gesangsunterricht und die jüngere Tochter spielt Gitarre. Beide begleiten mich und meine Frau auch häufig in die Oper.

IOCO: Wie sehr und in welche Richtung hat sich das Sängerleben in den 20 Jahren Ihrer Karriere verändert?
Oliver Zwarg: Hier gibt es durch den seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Druck enorme Kürzungen in den Etats der Opernhäuser. Seit über 2 Jahren gibt es zumindest einen Gehaltsstillstand für die meisten Sängerinnen und Sänger. Die Spesen, wie Unterkunft und Reisekosten müssen von den Gagen bezahlt werden. Es ist nicht zynisch gemeint, wenn ich davon spreche, dass wir in vielleicht 30 Jahren keine Opernlandschaft, wie wir sie heute in Deutschland kennen, haben werden. Dann könnte diese sich so gestalten, wie derzeit in Italien oder Spanien. Ein Grund dafür ist die meiner Meinung nach nicht vorhandene Priorität von Musik und Kunst in der Bildungspolitik an unseren Schulen.

IOCO: Würden Sie gerne die Erfahrungen an junge Sänger von heute weitergeben?
Oliver Zwarg: Das tue ich gerne, aber im heutigen System der Hochschulen ist das nicht ohne Weiteres unproblematisch. Ähnlich wie bei der Bildungspolitik sind hier viele unterschiedliche Bewertungskriterien vorhanden, dass es schon sehr gut passen müsste, wie zum Beispiel bei einer guten Ehe.

IOCO: Wann darf Ihre Hamburger Fangemeinde wieder mit einem Auftritt auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper rechnen, wo Sie in der Vergangenheit im Opernstudio engagiert waren und einige Partien wie z.B. den Wurm in Verdis Luisa Miller gegeben haben?
Oliver Zwarg: Wenn es nach mir ginge, würde ich so schnell als möglich wieder an der Hamburgischen Staatsoper singen wollen. Das Haus bietet eine solche Fülle an Möglichkeiten, auf die ich mich freuen und die ich glaube ich gut ausfüllen würde.

IOCO: Herr Zwarg, Danke für das Gespräch und alles Gute zunächst für die Premiere in Lübeck nächste Woche und Ihre künstlerische wie private Zukunft.

Biografie 
Oliver Zwarg, 1971 in Bergisch Gladbach geboren, ist in Norddeutschland aufgewachsen. Er studierte Geschichte, Erziehungswissenschaften und Musik, ehe er ein Studium an der Opernschule in Stuttgart bei Carl Davis und Julia Hamari begann. Seine Gesangsstudien führten ihn in der Folge zu Rudolf Piernay.
Sein Bühnendebüt hatte er 1997 bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen als Nanni in L’infedeltà delusa. Festengagements führten ihn 1999 an das Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper und 2001 ins Ensemble der Staatsoper Hannover. Heute ist Oliver Zwarg freischaffend tätig und gastiert in Deutschland u.a. an den Staatstheatern von Darmstadt, Mainz und Wiesbaden, an der Oper Köln, an der Staatsoper Berlin, an der Komischen Opern Berlin, an der Bayerischen Staatsoper, an der Staatsoper Stuttgart sowie im Ausland in Shanghai (Kölner Ring), bei den Wiener Festwochen, den Salzburger Festspielen, den Osterfestspielen Salzburg, im Concertgebouw Amsterdam, beim Edinburgh Festival, beim Lucerne Festival oder an den Opernhäusern von Barcelona, Liège, Strasbourg, Toulouse und Bordeaux. Er hat mit Regisseuren wie Calixto Bieito, Stefan Herheim, Peter Konwitschny oder Jossi Wieler zusammengearbeitet. 2007 wurde er von der Zeitschrift „Opernwelt“ als „Sänger des Jahres“ nominiert.
Zentrales Opernrepertoire sind bei Richard Strauss Jochanaan, Barak, Orest und Musiklehrer, bei Wagner Telramund, Kurwenal, Amfortas & Klingsor, Holländer sowie Wotan und Alberich im Ring, bei Alban Berg Wozzeck sowie Mozarts Leporello und Papageno. Im italienischen Repertoire gehören Scarpia, Jago und Amonasro zu seinen Lieblingsrollen. Große Erfolge hatte er stets mit Golaud in Pelléas et Melisande. Bei den Salzburger Festspielen 2013 war er Fritz Kothner in einer Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg und Cecco del Vecchio in Rienzi. 2013/14 bringt als Rollendebüts den Förster im Schlauen Füchslein, Pizarro in Fidelio sowie den Fluth in den Lustigen Weibern von Windsor.
Oliver Zwarg verfügt über ein von der Renaissance bis zur Moderne reichendes Konzertrepertoire. Er arbeitete bislang u.a. mit den Berliner und Wiener Philharmonikern, dem Gürzenich Orchester Köln, dem NDR Sinfonieorchester oder dem Orchestre National du Capitole Toulouse zusammen. Bei cpo erschien im März 2012 Schrekers  Der Schmied von Gent mit Oliver Zwarg in der Titelrolle.

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