Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Die Fledermaus – in rheinischer Lebensfreude, IOCO Kritik, 01.02.2020

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Die Fledermaus  – Johann Strauss

– Düsseldorf – Ein Weltraumbahnhof für Marsraketen –

von Viktor Jarosch

Johann Strauss Wien © IOCO

Johann Strauss Wien © IOCO

Die Fledermaus von Johann Strauss, 1874 komponiert, ist wohl einer der größten „Exportschlager“ Österreichs. Urwienerisch, so irrt man gern, sei die Fledermaus. Sie ist französischen Ursprungs; das erfolgreiche Vaudeville Réveillon (1872) von Henri Meilhac und Ludovic Halèvy ist ihr Ursprung. Réveillon (Vorabend – Heiligabend), ist ein in Frankreich übliches, ausgelassenes Weihnachtssouper mit Freunden.

1873 litt ganz Österreich unter den Folgen eines Börsenkrachs. In dieser schweren Zeit wird Réveillon für Johann Strauss zur Vorlage für Wiener „Lebenserkenntnisse“, die lauten: Wenn im richtigen Leben schon vieles falsch läuft, ¾ Takt, ein wenig Lüge, Maske, Kostüme, Polka, falsche Identitäten können oft weiter helfen. So etablierte der Walzerkönig Strauss mit seiner Fledermaus dauerhaft die Gattung „Operette“, in welcher sympathische Durchschnittsmenschen mit gutbürgerlicher Doppelmoral gut leben können. Überschaubare Alltagsprobleme werden etwas realitätsfern mit lieben Ungereimtheiten, Lügen und oft tänzerischen Schmankerln  dem natürlich glücklichen Ende zugeführt. Doch sympathische Durchschnittsmenschen mit gutbürgerlicher Doppelmoral leben überall auf der Welt: so konkurrieren vielfältige Fledermaus-Produktionen in  Facetten immer und überall in allen Opernhäusern rund um den Globus.

Die Fledermaus – im Rheinland
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Im Düsseldorf inszenierte nun Axel Köhler, früher im Theater Halle (Saale) als Bariton und Countertenor auf der Bühne, eine rheinische Fledermaus. Erklärtes Petitum von Axel Köhler zu seiner Inszenierung war, die Operette als Gattung „ernst“ zu nehmen; ihr mit aktuellen Bezügen und in modernem Gewand alles Verstaubte zu nehmen. So konkurrieren denn auch in den lokalen Bezügen von Köhlers schräg bunter Düsseldorfer Fledermaus  rheinische Lebensfreude, Doppelmoral, Lügen, Ungereimtheiten um die heimliche Rache des Dr. Falke an Gabriel von Eisenstein („Die Rache der Fledermaus“).

Deutsche Oper am Rhein / Die Fledermaus hinter diesem goldenen Bilderrahmen passiert ... © IOCO

Deutsche Oper am Rhein / Die Fledermaus hinter diesem riesigen goldenen Bilderrahmen passiert alles … © IOCO

Ein breiter goldener Bilderrahmen fasst die Bühne operettenhaft ein. Und schon zur Ouvertüre „üben“ schrill bekleidete Prostituierte, Dirnen, Kurtisanen an einer leuchtenden Straßenlaterne und an dem vorübergehenden Notar Dr. Falke ihre lasziv anmutige Verführungskünste und machen deutlich: Dies ist nicht Wien; ihr „Revier“ ist das Rheinland! Auch in den folgenden Bildern bleibt diese Fledermaus im Rheinland heimisch: Mit der geschmacklosen Luxusbehausung des neureichen Industriellen Gabriel von Eisenstein, welche von Übertreibungen protzt, wie mit riesigen Zebrafellen an den Wänden; wenn zwischen dem ersten und zweiten Bild Gefängnisinsassen in Gefängniskleidung vor dem Gemäuer der Justizvollzugsanstalt NRW Körperübungen machen; wenn aus der Strausssche Zofe Adele eine rheinische Putze Adele, „putzen ist mein zweites Standbein“, wird; wenn Dr. Falke den Gabriel von Eisenstein zur Feier des  Prinzen Orlofsky mit dem Hinweis lockt, Orlofsky sei ein russischer Oligarch der   „Düsseldorf zur Weltraumetropole für Marsraketen“ und Investoren suche; wenn inmitten des Festraums des Prinzen Orlofsky eine Rakete steht, die zum Ende des zweites Aktes knatternd abhebt und im dritten Akt bruchgelandet im Gefängnis zu sehen ist; wenn

Deutsche Oper am Rhein / Die Fledeermaus - hier : zum Fest des Prinzen Orlofsky mit wunderbaren Tanzeinlagen © Hans Joerg Mchel

Deutsche Oper am Rhein / Die Fledeermaus – hier : zum Fest des Prinzen Orlofsky mit wunderbaren Tanzeinlagen © Hans Joerg Mchel

Die rheinisch emanzipierte Inszenierung fasziniert sein Publikum im zweiten Akt mit einer vielfältig glitzernden, boulevardesken Gestaltung der Bühne und humorig schräge Wortspiele („Was ist das für eine Branse?“ – „Das ist Prinz Orlofsky!“), welche beständig schmunzeln lassen.. Auffällig hier auch die Tänzerinnen der Rheinoper, wenn sie in verspielten Kostümen, Foto, mitreißend choreographiert, – in Düsseldorf lange nicht mehr gesehene – revuehaft-verträumte Tanzeinlagen bieten; wenn die Festgesellschaft des Prinzen Orlofsky das Lied „Ha, welch’ ein Fest, welche Nacht voll Freud“  in hypnotisch sinnlicher Trance tänzerisch begleitet.

Doch das Wienerische kehrt im 3. Akt zurück an den Rhein: wenn der Österreicher Wolfgang Reinbacher, seit 1970 am Düsseldorfer Schauspielhaus, als Frosch das „Frosch-Wohlfühl Programm“ in Wiener Mundart mit dem dortigen Volks-Klassiker einleitet: In der Kellergassen, kanns gar ned fassen, sitz i ganz verlassen, auf einem Schwein…“ und diese Fledermaus-Inszenierung ihrem meist glücklichem Ende zuführt. Nur für Gabriel von Eisenstein endete der Premierenabend bitter: Er wurde (die Rache der Fledermaus schlug zu) mit einem Kabelbinder gefesselt abgeführt, da der begründete Verdacht bestand, daß er „Düsseldorf an Dritte veräußern wollte“!

Deutsche Oper am Rhein / Die Fledermaus - hier : Wolfgang Reinbacher als Frosch © Hans Joerg Mchel

Deutsche Oper am Rhein / Die Fledermaus – hier : Wolfgang Reinbacher als Frosch © Hans Joerg Mchel

Das Wohlgefühl der Besucher bebte von Beginn des 1. Bild an, als Lavinia Dames als Adele, zur Putze mutiert, einen Staubsauger hinter sich her ziehend die Bühne betritt und mit frappierend sicheren wie herrlich lyrischen Koloraturen wunderbare erste Akzente setzt, gute Laune erzeugt. Bis zum letzten Bild, mit ihrem Spiel‘ ich die Unschuld vom Lande, natürlich im kurzen Gewande“, beschwingt Lavinia Dames die Handlung stimmlich wie darstellerisch. Doch das Ensemble ist insgesamt wunderbar aufgelegt: Anke Krabbe spielt eine sensibel präsente Rosalinde, welche das Publikum im wohl timbrierten Csárdás „Klänge der Heimat“ mitreißt. Jussys Myllys formt seine Partie des Liebhabers Alfred mit feurig italienischem Belcanto (was ihn sogleich zum Alfredo macht). Nobert Ernst war der Partie des neureichen Gabriel von Eisenstein stets gewachsen, wenn auch weniger auffällig. Die Partie der  Gräfin Orlofsky war mit Maria Boiko zurückgenommen angelegt; doch stimmlich glänzte sie, speziell in der großen Arie „Im Feuerstrom der Reben“. Stefan Heidemann als Gefängnisdirektor Frank, Luis Fernando Piedra als Dr. Blind, Christoph Filler als Dr. Falke, Helena Günther als Ida und Volker Philippi als Staatsanwalt rundeten das Ensemble dieser humorig rheinischen Fledermaus glänzend ab. Dirigent Benjamin Reiners und die Düsseldorfer Symphoniker stützten Solisten und Chor mit sängerfreundlichen Klängen.

Das durchaus junge Publikum im ausverkauften Opernhaus feierte die Inszenierung, besonders aber Ensemble, Tänzer und Orchester. Die folgende Premierenfeier bestätigte das für die meisten Akteure glückliche Ende der rheinischen Fledermaus mit frohem Zuspruch und vielen strahlenden Gesichtern.

Die Fledermaus an der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf; die nächsten Termine 2.2.; 9.2.; 15.2.; 21.2.; 23.2.; 29.2.; 7.3.; 22.3.; 1.4.2020

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Halle, Oper Halle, Rundum-Mitmach-Oper: Der fliegende Holländer – Sacrifice, IOCO Kritik, 06.09.2017

September 7, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Theater und Orchester Halle

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

Mitmach-Rundum-Oper zum Saisonauftakt 

Der fliegende Holländer – Sacrifice (UA)

Bilanz und Brisanz der neuen Intendanz 

Von Guido Müller

Auf besondere, intensive und kulturpolitisch diskutierte Weise steht das Publikum im Mittelpunkt des Musiktheaters der neuen Intendanz von Florian Lutz am Opernhaus Halle. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen, wie exemplarisch deutlich wird an seinen beiden Inszenierungen von Richard Wagners Der Fliegende Holländer und der Uraufführungsoper Sacrifice von Sarah Nemtsov und Dirk Laucke. Im Fliegenden Holländer sitzt das Publikum auf der Bühne auf Bänken und Sesseln umgeben vom Chor und den Solisten und wird auch schon mal zur Mitwirkung eingeladen. In Sacrifice befindet sich das Publikum auf der Drehbühne und fährt nicht nur langsam an den Szenen und vier Spielorten der Oper und am Orchester vorbei, sondern wird auch zum direkten Objekt der Oper, indem es durch Videoaufnahmen und Technik wie Beleuchtung in die Aufführung integriert wird.

Im Sinne einer offenen Gesellschaft und Neurorientierung des Musiktheaters weg von traditionellen Formen der herkömmlichen Guckkastenbühne geht es der neuen Intendanz sichtlich um das Aufbrechen des Theaters der vierten Wand. Lutz und sein Team zielen auf eine sehr viel stärkere partizipative und diskursive Einbeziehung des Publikums auch in die Inszenierungen, nicht nur in den unterschiedlichsten Angeboten rund um jede Vorstellung. Es soll nicht nur an die Fantasie und an die Sinne appelliert werden sondern Musiktheater soll zum Ort des politischen und gesellschaftlichen Diskurses werden. Also geht es auch um (gescheiterte) Utopien und verschiedene Wege in die menschliche Zukunft

Zum Ende der Spielzeit am Opernhaus Halle wurde zum vierten Mal die Raumbühne HETEROTOPIA von Sebastian Hannack errichtet, die sowohl das Bühnenhaus des Großen Haus wie den Orchestergraben und Zuschauerraum zusammenfasst. Hannack wurde u.a. mit dieser Arbeit vom Fachblatt Deutsche Bühne zum „Bühnenbildner der Saison 2017/18″ gewählt. Bespielt wurde die Raumbühne nun durch diese beiden Opern sowie durch das Schauspiel (Elfriede Jelinek, Wut), durch das Ballett (Grooving Bodies) und eine vierundzwanzigstündige Dauerperfomance zeitgenössischer Musik. Auch die Verbindung dieser Sparten zeichnet die neue Intendanz des Opernhauses aus.

Oper Halle / Raumbühne Heterotopia - Der Fliegende Holländer © Falk Wenzel

Oper Halle / Raumbühne Heterotopia – Der Fliegende Holländer © Falk Wenzel

Damit fand die erste Spielzeit des neuen Intendanten Florian Lutz mit seinem Dramaturgenteam Veit Güssow (stellvertr. Intendant) und Michael von zur Mühlen einen vom Publikum mit starker Zustimmung in den letzten beiden, zum Saisonabschluß ausverkauften Vorstellungen der Opern begeistert akklamierten Abschluss.
Florian Lutz und seinem Team ist es gelungen ein breites, vor allem auch neues, junges und neugieriges Publikum quer durch die Stadtgesellschaft und in allen Altersgruppen in die Oper zu ziehen.

Die Neuerungen riefen allerdings auch starken Widerspruch und teilweise Protest der Besucher und Abonnenten hervor. Skurril erscheint mir, dass gerade das durch Bühnenbildner umgestaltete Operncafé mit dem ursprünglichen Charme der DDR-Innenarchitektur dabei den heftigsten Protest der Besucher hervorrief.
Auslöser der Kontroversen war dann eine seit April 2017 heftig geführte öffentliche Debatte um angeblich starken Zuschauerrückgang und Einnahmen unter der neuen Intendanz Lutz. Doch wie sich kürzlich herausgestellt hat, sind weder der prozentuale Zuschaueranteil noch die Einnahmen unter der neuen Intendanz eingebrochen. Teilweise erhebliche finanzielle Lücken sind auf die Zeit vor ihm zurück zu führen und wurden seinerzeit vom Aufsichtsrat und der Stadt gedeckt. Im Regionalteil der Mitteldeutschen Zeitung waren in einem sehr ungewöhnlichen Vorgang nach der Hälfte der ersten Spielzeit zu angeblich unter Lutz erheblich eingebrochenen Geschäftszahlen lanciert worden, um öffentlich gegen die neue künstlerische Leitung und ihren künstlerischen Kurs zu agieren.

Der neue Geschäftsführer der Bühnen und Orchester Halle GmbH, Stefan Rosinski, enthielt sich auch öffentlich in einer an Geschäftsschädigung grenzenden Weise der Unterstützung der neuen Opernleitung. Stattdessen wetterte er in einem Aufsatz des Merkur im Mai 2017 gegen das „depressive Staatstheater“ und politisch ambitionierte Intendanten, der deutlich auf die neue künstlerische Leitung der Oper in Halle bezogen werden muss

Die Leiter der Oper, des Schauspiels und des Orchesters warfen ihm in einem Schreiben an den Aufsichtsrat eigenmächtiges Verhalten vor. Damit machten sie deutlich, wie vergiftet die Arbeitsatmosphäre ist. Diese Vorgänge werden mittlerweile in der Fachpresse und den Medien weit über die Region hinaus beachtet und kritisch erörtert. Ein solcher öffentlicher Versuch der Demontage einer neuen Intendanz und ihrer künstlerischen Arbeit zur Hälfte der Spielzeit erscheint mir ein sehr bedenklicher Vorgang und verleiht den Vorgängen besondere Brisanz.

Gleichzeitig mit dem Fliegenden Holländer und Sacrifice waren in dieser Auftaktspielzeit von Florian Lutz Produktionen des Musiktheaters aus vier Jahrhunderten zu erleben: Tosca von Giacomo Puccini, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill, zum Reformationsjubiläum das Luther-Projekt mit anspruchsvollen Kantaten von Johann Sebastian Bach – unter Einbeziehung eines großen, nur für diese Produktion zusammen gestellten fast hundertköpfigen Chors aus Bürgern der Stadt Halle – und im Rahmen der Händel-Festspiele Georg Friedrich Händels Jephta. Diese neuen Produktionen wurden teilweise erheblich im Pro und Contra durch das Publikum diskutiert. Die Oper Halle rückt damit nach langen Jahren mäßiger Aufmerksamkeit endlich wieder in den Mittelpunkt kultureller Diskussionen in Halle und weit darüber hinaus.

In den beiden hier zu besprechenden Opern stehen jeweils junge Frauen im Mittelpunkt, die sich für ein utopisches Ziel aufopfern wollen und scheitern. In Wagners Großer Romantischer Oper ist es das Mädchen Senta in ihrer Sehnsuchtsgeschichte nach dem Fliegenden Holländer, die beredten musikalischen Ausdruck in ihrer großen Ballade findet.
Bei der Berliner Komponistin Sarah Nemtsov und ihrem in Halle aufgewachsenen Librettisten Dirk Laucke nach einer tatsächlichen Begebenheit sind es zwei heutige Mädchen, die sich mitten aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft 2014/15 auf den Weg nach Syrien machen, um in den Dschihad zu ziehen. Sie drücken ihre Sehnsucht nach dem Ausbruch und ihre Opferbereitschaft in dem großen Eingangsduett der Oper auf Zeilen eines afghanischen Gedichtes aus. Darin wird die Schönheit, die Größe und Würde des Heimatlandes beschworen, bis in den Tod der Menschen, die für dieses Land sterben. Das Gedicht wird den Taliban zugeschrieben. Daher der Titel Sacrifice, „Opfer“.

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Doch zunächst zu Richard Wagners Fliegendem Holländer. Damit hatte die neue Leitung die Spielzeit programmatisch eröffnet, denn diese Oper beginnt mit einer äußerst stürmischen Ouvertüre, geschrieben von einem späteren 1848er Revolutionär und in Dresden mit großem Erfolg uraufgeführt. Der junge Wagner hatte sich nichts Geringeres zum Ziel gesetzt, als durch seine musiktheatralischen Gesamtkunstwerke auch die Gesellschaft seiner Zeit umzustürzen. Nur kurz blinkt in einem Videotext während der Oper Wagners programmatisch-utopische Hoffnung auf eine Gesellschaft auf, die offener und kooperativer sein möge als heute.

Florian Lutz beläßt es vor Beginn der Aufführung erst einmal viel bescheidener als in Wagners sozial- und kunstrevolutionärem Ansatz damit, das Publikum an den Eingängen zum Bühnenhaus zunächst mit Augenbinden zu versehen. Dann werden wir Zuschauer als reine Zuhörer – sozusagen ihm und seinem Team am Anfang „blind vertrauend“ – in kleinen Gruppen von den Türen an Schiffstauen auf die Bühnenplanken geführt, die für Manche die Welt bedeuten, aber in Halle zum Glück nicht auch noch schwanken. Florian Lutz ist es sichtlich ein großes Anliegen das Musiktheater mit allen Sinnen zu einem neuen und intensiveren emotionalen und gedanklichen Abenteuer zu machen.

Ältere, gehbehinderte und ängstliche Premierenbesucher widerstrebten dem Wagnis, das möglicherweise Gefahr für Knochen und Ärgeres verhieß. Die anderen und mutig-neugierigen Besucher konnten wie ich blind die Ouvertüre erlauschen. Eine neue Dimension des Opernerlebens, da zunächst auch das Orchester und die Instrumente nicht zu verorten waren. Diese Idee des unsichtbaren Orchesters entspricht ja auch Wagners Intentionen, die er erst in seinem Bayreuther Festspielhaus realisieren konnte
Wir Zuschauer klammerten uns ans Seil, versuchten den Raum zu orten und die Instrumente, die rund um ums herum die hochromantische aufpeitschende Ouvertüre spielten. Mal glaubte ich, die Blechbläser stünden oben hinter mir, dann kamen sie plötzlich wieder von vorne. Und wo saßen denn die Streicher, rund um mich verteilt? Fast verlor ich während der etwa zehnminütigen Ouvertüre die Orientierung für oben und unten wie hinten und vorne.
Am Ende der Ouvertüre nahmen wir die Augenbinden ab. Wir fanden uns mitten im oder am Rande des Bühnenraums. Rund um uns Sitzgelegenheiten auf Bänken, Tische, ein alter Ford. Vor uns im Zuschaueraum war oben auf den über den Sitzreihen eingebauten Stufen einer halbrunden Arena eine festliche Tafel für einen sichtlich reichen Menschen hergerichtet. Dort sollte denn auch später der vermögende Kaufmann Daland den zukünftigen Holländer-Schwiegersohn als philantopischen Medienmogul empfangen, der zum ewigen Zwang der Vermehrung abstrakten Reichtum verflucht ist. Jetzt saßen aber wohl schon ein paar Zuschauer da oben, denen es sichtlich besser ging als uns Proletariern auf Bierbänken.
Um uns im Bühnenraum standen, saßen und begannen Mitglieder des Chores in orangenen Warn-Arbeits-Westen und Schutzhelmen zu singen. Und oben hingen in den Ecken der Bühne vier große Lautsprecher, über die der Klang des Orchesters eingespielt wurde, das im teilweise überdeckten Orchestergraben musizierte. Damit war zunächst erklärt, woher der mystische Rundumklang kam, in dem ich quasi Orientierung gesucht und keinen festen Ankerplatz gefunden hatte wie der über die Meere irrende Fliegende Holländer mit seiner Geistermannschaft.

Oper Halle / Raumbühne Heterotopia - Der Fliegende Holländer , Chor der Spinnerinnen © Falk Wenzel

Oper Halle / Raumbühne Heterotopia – Der Fliegende Holländer , Chor der Spinnerinnen © Falk Wenzel

Die Chormitglieder baten, dass wir uns Plätze suchten und während die Oper weiter lief, waren wir sozusagen im wahrsten physischen Sinne mitten drin. Auf vielen Plätzen lagen Arbeitswesten und Helme für uns, die wir anlegen sollten. Andere Plätze für Mitglieder der Upper Class waren an Esstischen oder auf bequemen Sesseln im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Wohnzellenblocks an der rückwärtigen Bühnenseite, in dem in den verschiedenen gleich großen und engen Räumen wie im Plattenbau auf mehreren Etagen mit blonden Perücken ausgestattete Chorsängerinnen sich angeregt miteinander austauschten und sichtlich auf die Rückkehr ihrer Männer von der Arbeit freuten. Einige Opernbesucher legten ebenfalls blonde Perücken an und machten es sich in Cocktailsesseln bequem. Oder waren es doch Opernsänger? Später wurden sie mit Mixgetränken bedient. In einer Ecke der Bühne drängten sich Menschen stehend in ärmlicher Alltagskleidung auf engem Raum hinter einem Maschendrahtzaun. Einige trugen Kopftücher. Waren das auch verkleidete Opernbesucher wie wir, die einfach mit ihrer Gruppe Pech gehabt hatten, oder doch Chorsänger?

Die Handlung nahm ihren dramatischen Lauf mit dem Auftritt des Fliegenden Holländers, seinem Geschäft mit Daland und der unvermittelt aus der Gruppe junger Frauen heraustretend singenden Senta in einer Art Hippieoutfit, die mit ihrem Teddybär im Arm auf ihrem Bett Jungmädchenträumen nachhängt. Stark schwärmerisch, und wenig greifbar, unterscheidet sie sich stark mit ihrer Utopie von den an ihren konkreten Utensilien erkennbaren Hoffnungen der anderen jungen Frauen auf Ehe, Haushalt, sexuelle Erfüllung und Familie.

Mit zartem und klar fokussierten, dann immer lyrischer und schließlich sich hochdramatisch steigernden Sopran singt Anke Berndt die Ballade vom Fliegenden Holländer. Gerd Vogel singt den Holländer als Charakter-Heldenbariton mit viriler kräftiger und verführerischer Schönheit von seiner großartigen Auftrittsarie „Die Frist ist um“ bis zum packenden Finale „Erfahre das Geschick“. Ihr ergreifendes Duett „Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten“ wird zu einem Höhepunkt der Vorstellung.

Oper Halle/ Der fliegende Holländer - Anke Berndt als Senta © Falk Wenzel

Oper Halle/ Der fliegende Holländer – Anke Berndt als Senta © Falk Wenzel

Vokal strahlt der prollig gezeichnete Erik des Ralph Ertel und  Lucie Ceralová singt die Mary schön timbriert. Vladislav Solodyagin verleiht dem Daland ein markiges Profil.
Der Chor (Leitung Rustam Samedov) bewährt sich vokal und im Spiel in den unter diesen speziellen Raumbedingungen nicht einfachen Aufgaben der Abstimmung mit Dirigent und Orchester. Zum Höhepunkt wird das ausgelassene patriotische Volksfest der Seemänner und Frauen im dritten Akt, zu dem wir Zuschauer zu Bier und Würstchen vom Vorarbeiter (Steuermann: Robert Sellier) eingeladen werden, das in einem doppelchörigen Exzess außer Rand und Band gerät, wenn die provozierten Ausgegrenzten ihre Zäune einreißen und die Bühne stürmen. Die musikalische Leitung liegt bei Josep Caballé-Domenech in souverän-erfahrenen Händen über alle Klippen der Koordination dieser im ganzen Bühnen- und Zuschauerraum spielenden Oper hinweg. Die Staatskapelle Halle musiziert und begleitet brilliant und zuverlässig.

Zu einen alle Sinne und intellektuellen Kräfte fordernden, zutiefst beunruhigenden und nachwirkenden Erlebnis über pausenlose zwei Stunden wird die von der Oper Halle in Auftrag gegebene Uraufführungsoper Sacrifice der in Berlin lebenden Komponistin Sarah Nemtsov und ihres in Halle aufgewachsenen Librettisten Dirk Laucke. Mich hat keine zeitgenössische Oper so lange danach noch beschäftigt – auch aufgrund ihrer emotionalen und aktuellen Dimensionen. Das Werk wirft mit deutlichem Vorrang der Musik und Kompositionsstruktur gegenüber dem Textlichen in den Dialogen, Textfragmenten, Vokalisen, eingespielten Texten und Videos die brennenden politischen Fragen der Gegenwart in ihrer Gleichzeitigkeit auf, ohne einfache moralische Positionen oder Antworten bereit zu halten.

Es geht um Krieg, Terror, Einsatz für ein Ziel bis zur Selbstzerstörung, Flüchtlingselend und Ängste, menschliche Verrohung und Abstumpfung im Desaster der Medien und des Alltags in Wohnsilos, schließlich um Populismus und Suche nach Selbstvergewisserung und Lebenssinn in den Wüsten der Globalisierung. Erzählt wird dies an der tatsächlich geschehenen Geschichte von zwei jungen Frauen aus dem trostlosen Alltag von Sangerhausen (ein wirklicher Ort in Sachsen-Anhalt!) auf ihrem Weg in den Dschihad und ihrer unterschiedlich motivierten und erlebten Rückkehr, und den begleitenden Szenen von einem Elternpaar, Frontberichterstattern, einem syrischen Flüchtling, Pegida-Demonstranten und Krieg.

Oper Halle / Die Staatskapelle Halle und Michael Wendenerg © Falk Wenzel

Oper Halle / Die Staatskapelle Halle und Michael Wendenerg © Falk Wenzel

Die Komponistin Sarah Nemtsov schildert in einem Interview mit der Deutschen Bühne im Mai 2017 ihre Kompositionstechnik der klanglichen Strukturen und musikalischen Überschichtungen im Zusammenhang der Position der Zuschauer und Zuhörer auf der Drehbühne: „Ich habe beim Komponieren schon von mir aus in vier abstrakten Räumen gedacht: ein Ort für die Mädchen, ein Ort für die Journalisten, ein Ort für das Elternpaar, kein Ort für den Flüchtling Azuz und dann der Ort des Stummen Chores, den ich mir meist hinter dem Publikum gedacht habe. Aber das könnte auch ohne Drehbühne funktionieren, in einem traditionellen Aufbau. Trotzdem war es für mich am Ende wirklich ganz toll, das zusammen mit der Drehbühne, auf der das Publikum sitzt, zu denken. Dadurch wurde eine klangliche Struktur möglich, die sozusagen mit den Drehungen entsteht: Man hört etwas, dem man räumlich noch gar nicht zugewandt ist, aber dann fährt es ins Sichtfeld und wird dadurch auch klanglich noch mal anders wahrgenommen… Das war für mich äußerst inspirierend, das so zu denken, dadurch bin ich klanglich und kompositorisch auf Dinge gekommen, die mir sonst wahrscheinlich nicht eingefallen wären.“

Zum Problem der Koordinierung der Fahrten der Drehbühne mit der musikalischen Leitung der Komposition und mit den Szenen äußert sich der Regisseur Florian Lutz im gleichen Gespräch in der Deutschen Bühne im Mai 2017 über den Work in Progress:  „Als wir vor dieser Frage standen — also das war wirklich einer der Momente, wo wir unseren Ersten Kapellmeister Michael Wendeberg noch mal in ganz besonderer Weise schätzen gelernt haben. Da lag gerade die Partitur als Handschrift in A3-Ausgabe vor, wir haben uns mit ihm zusammengesetzt, und er hat uns dieses ganze große Werk quasi prima vista einmal vorgespielt. Das haben wir aufgenommen, und nach dieser Aufnahme haben wir dann die dreizehn Drehscheibenfahrten programmiert, sind das dann noch mal mit einem Pianisten durchgegangen, und dann konnten die Drehungen bis auf wenige Aufnahmen bis zur Premiere so bleiben. Dass diese provisorisch im Kämmerchen gemachte Aufnahme von Michael Wendeberg sich als so belastbar erwiesen hat — ja, das fanden wir ziemlich verblüffend. Aber es war so. Was einerseits dafür spricht, dass Michael Wendeberg das unglaublich gut antizipieren konnte, aber sicher auch dafür, dass das, was Sarah notiert hat, sehr realistisch umsetzbar ist. Das hat Michael auch immer gesagt: Das ist alles sehr strukturiert — macht euch keine Sorgen, das funktioniert!“

Hier leisten die gesamte Technik des Hauses, das Orchester, die musikalische Leitung und alle beteiligten Mitarbeiter der Oper Halle weit noch über das Übliche hinaus Großartiges und stehen mit allen Möglichkeiten hinter dieser zeitgenössischen Musiktheateraufführung, die atemberaubende Momente liefert. Die visuelle Reizüberflutung unserer medialen Gegenwart wird sehr sinnvoll und zugleich ästhetisch grandios um uns herum vermittelt durch mehrfache Monitore und Video-Leinwände, Web-Cams, Live-Cams, Überwachungskameras, Fernsehen, Nachrichten, Projektionen und LED-Screens. (Videokünstler Konrad Kästner)
Auf die politische Dimension des Werkes, der musikalischen Struktur und der Inszenierung geht der Dramaturg Michael von zur Mühlen in diesem Gespräch in der „Deutschen Bühne“ ein: „Ich finde, Sarahs Oper zeigt, dass Musiktheater mit einem politischen Thema in einer Dialektik umgehen kann, in einer Offenheit – eben nicht nur durch Einfühlung in die Figuren und durch Darstellung einer statischen „grausamen“ Welt, sondern durch Einordnung in historische Prozesse, die eine dialektische Zukunftsperspektive haben.“

Oper Halle/ Marie Friederike Schöder als Jana und Tehila Goldstein als Henny © Falk Wenzel

Oper Halle/ Marie Friederike Schöder als Jana und Tehila Goldstein als Henny © Falk Wenzel

Die jungen zunächst gelangweilten, dann für ihr Abenteuer samt restloser Aufopferung entbrannten Teenager Jana (Marie Friederike Schöder) und Henny (Tehila Goldstein) sind die vokal strahlend-packenden Führerinnen des Werkes. Kaum nach steht ihnen in seiner kurzen Rolle als Syrer Azuz der Bariton Gerd Vogel mit tief berührenden Vokalisen. Die kleinbürgerlichen Eltern werden hervorragend gesungen und gespielt durch Anke Berndt als verzweifelte, im Patriotismus Beruhigung suchende verängstigte Mutter und den Vater von Vladislav Solodyagin, der mit seinem sonoren Bassbariton Vertrauen erweckt, wenn er seiner Friedensutopie durch die Einladung der Flüchtlinge in seine enge Wohnung Leben verleihen möchte. Ohne irgendeine Peinlichkeit übertriebenen Aktualismus wird von beiden Sängerdarstellern wahres Musikdrama verkörpert. Auf der Seitenbühne werden die drei Kriegsberichterstatter von Nils Thorben Bartling, Sybille Kress und Frank Schilcher in ihrem Streit über die Moral und den Sinn ihres Tuns prägnant gesprochen.
Am Ende stehen wir als Zuschauer im Fadenkreuz eines Zielfernrohrs, das zu Beginn der Oper per Video noch Jagd auf Kämpfer im Nahen Osten gemacht hatte. Von oben fahren heiß und hell brennende Scheinwerferbatterien wie Sonnen in der Wüste ganz dicht auf unsere Köpfe herab. Haben wir uns vielleicht bis dahin noch als lediglich von der intensiven Musik gepackte und sonst unbeteiligte Zuschauer fühlen können, erfahren wir nun spätestens die Rolle des Opfers. Oder fühlen wie der Kriegsberichterstatter an der Front mit der mehrdeutigen Aufschrift auf seinem Körper „Ich kann keine Oper mehr sehen“.

Oper Halle/ Sacrifice - Nils Thorben Bartling als Journalist © Falk Wenzel

Oper Halle/ Sacrifice – Nils Thorben Bartling als Journalist © Falk Wenzel

Das groß u.a. mit solistischer Harfe, E-Gitarre, präpariertem Klavier und Sample-Keyboard, Streichern, Bläsern und Schlagwerk besetzte Orchester der glänzend disponierten und herausragend in allen Instrumentengruppen die großen Herausforderungen musizierenden Staatskapelle Halle fährt langsam zu mehrfachem Pianissimo in den Graben herab.
Zurück bleibt der Zuschauer in einer starken Verstörung durch ein großartiges Werk des zeitgenössischen Musiktheaters, das positiv erschüttert, da es nicht nur die Erfahrung der Fragmentierung vermittelt sondern auch wunderbare musikalische Momente der Hoffnung wie in der Arie Alive der Henny (Tehila Goldstein) mit der Möglichkeit einer Selbstfindung, der Bewusstwerdung eigener Freiheit und eigener Abwendung von ideologischen Verlockungen.

Großer befreiender Beifall, Bravorufe und Getrampel des Publikums für alle Beteiligten der Produktion.

Raumbühne HETEROTOPIA,  Der Fliegende Holländer in der Oper Halle: Die kommenden Vorstellungen: 29.9., 4./6./14.10.2017

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