Baden-Baden, Festspielhaus, Jonas Kaufmann – Das Lied von der Erde, IOCO Aktuell, 10.01.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Jonas Kaufmann  –  Das Lied von der Erde

Für sein Konzert in Festspielhaus Baden-Baden hat Jonas Kaufmann ein Werk ausgesucht, dass ihn schon sehr lange begleitet: Am 20. Januar 2019, 19 Uhr, wird er im Festspielhaus Gustav Mahlers sinfonischen Zyklus Das Lied von der Erde singen. Das Besondere: Jonas Kaufmann singt nicht nur die Tenorstimme, sondern übernimmt auch die Bariton-Partie.

Gustav Mahler Grabmal © IOCO

Gustav Mahler Grabmal © IOCO

An seine erste Begegnung mit Gustav Mahlers Lied von der Erde kann sich Jonas Kaufmann noch genau erinnern: „Es war die Klemperer-Aufnahme mit Fritz Wunderlich und Christa Ludwig, und ich war derart hingerissen von dem Stück, dass ich mir sofort die Noten besorgt und versucht habe, den Tenorpart zu singen.“ Gerade einmal 20 Jahre alt war er da, und dem Stück einfach noch nicht gewachsen. „Mit Wunderlichs grandioser Wiedergabe im Ohr habe ich mich mit Innbrunst in dieses ‚Trinklied vom Jammer der Erde‘ gestürzt – und war nach der ersten Seite stockheiser. Das ist nun wirklich nichts für Anfänger!“ Jahre habe es gedauert bis er sich der schwierigen Tenor-Partie gewachsen fühlte. Denn in dem vielfarbig schillernden Stück werden die Sänger mit einem Orchestersatz konfrontiert, der ihnen neben ausgefeilter Gesangstechnik auch die letzten Reserven abverlangt. „Aber wenn man’s kann“, so der gebürtige Münchner, „ist es jedes Mal die reinste Ekstase.“

Jonas Kaufmann © Gregor Hohenberg - Sony Classical

Jonas Kaufmann © Gregor Hohenberg – Sony Classical

Begleitet von dem Sinfonieorchester Basel und unter der musikalischen Leitung von Jochen Rieder wird Jonas Kaufmann nun mit Mahlers Lied von der Erde in Baden-Baden erwartet, wobei der Sänger in der „Symphonie für Tenor- und eine Alt- oder Baryton-Stimme“ (Mahler) beide Partien übernehmen wird. „Bei Aufführungen habe ich mich oft gefragt, warum man für diese sechs Lieder eigentlich zwei Sänger braucht. Natürlich gibt es in den Stücken sehr starke Kontraste und auch deutliche Unterschiede in der Stimmlage; trotzdem habe ich gedacht, dass es doch reizvoll wäre, bei allen Unterschieden auch den großen Bogen vom Anfang bis zum Ende zu spannen. Außerdem liebe ich die tieferen Lieder so sehr, dass ich bei Aufführungen oft sehr eifersüchtig den Bariton- und Mezzo-Kollegen gelauscht habe, vor allem mit Blick auf das letzte Lied, den ‚Abschied‘.Kaufmann, der über ein ausgeprägt baritonales Timbre verfügt (und der auch schon für einen erkrankten Kollegen die Basspartie des Komturs im Finale von Mozarts ‚Don Giovanni‘ gesungen hat), bereitet die tiefere Lage keine Probleme: „Wenn ich daran denke, dass Renata Scotto meine Stimme mit einem Cello verglichen hat, dann werden mir meine Mezzo- und Bariton-Kollegen hoffentlich verzeihen, dass ich in ihr Revier eingedrungen bin.“

[ Von Jonas Kaufmann wurden verschiedene Aufnahmen bei der Sony Classical veröffentlicht ]

Vor Mahlers Weltabschiedswerk, das nach dem katastrophenartigen Höhepunkt des letzten Satzes mit offenem Ende in der Unendlichkeit zu verhallen scheint, hat Jochen Rieder, der Dirigent des Abends im Festspielhaus, Luciano Berios „Rendering“ gestellt, eine Rekomposition von Franz Schuberts letztem Sinfonieentwurf. Luciano Berio beschrieb sein Werk nicht als „Vollendung oder Rekonstruktion“, sondern als eine „Restaurierung“, die mit ihrer „Auffrischung der alten Farben“ den „Richtlinien einer modernen Freskorestaurierung“ folge: „Die Skizzen sind durch ein sich ständig wandelndes musikalisches Gewebe verbunden, immer ‚pianissimo‘ und ‚fern‘, untermischt mit Anklängen an das Spätwerk Schuberts […] und durchsetzt mit polyphonen Passagen aus Fragmenten derselben Skizzen. Dieser musikalische ‚Zement‘ bildet den fehlenden Zusammenhang und füllt die Lücken zwischen den einzelnen Entwürfen.“

Sinfonieorchester Basel © Matthias Willi

Sinfonieorchester Basel © Matthias Willi

Der Tenor Jonas Kaufmann gilt als einer der berühmtesten Tenöre unserer Zeit. Nach dem Gesangsstudium in seiner Heimatstadt München und ersten Engagements ging er 2001 an die Oper Zürich. Von dort aus begann seine internationale Karriere, mit Auftritten bei den Salzburger Festspielen, an der Pariser Oper, in Covent Garden, an der Mailänder Scala und an der Metropolitan Opera New York. Sein Debüt im Festspielhaus Baden-Baden gab er 2009 in Strauss’ Rosenkavalier unter der Leitung von Christian Thielemann. Auch mit Mahler war er schon im Festspielhaus zu erleben: 2012 mit den Kindertotenliedern und 2014 mit einem Mahler-Liederabend.

Der Dirigent Jochen Rieder, den seine klassische Laufbahn als Kapellmeister von Karlsruhe über Bremen ans Opernhaus Zürich führte, verbindet mit Jonas Kaufmann eine lange musikalische Zusammenarbeit. Gemeinsam traten sie weltweit in renommierten Häusern auf und in ihrer Zusammenarbeit entstanden mehrere erfolgreiche CD- und DVD-Produktionen.

Das Sinfonieorchester Basel ist eines der ältesten und zugleich innovativsten Orchester der Schweiz und genießt eine starke überregionale und internationale Ausstrahlung. In eigenen Konzertreihen, im Theater Basel sowie bei Gastspielen im In- und Ausland beweist es immer wieder aufs Neue seine hohe Klangkultur. Chefdirigent ist seit der Konzertsaison 2016/17 der Brite Ivor Bolton. Im Festspielhaus Baden-Baden war das Sinfonieorchester Basel zuletzt im November 2017 im Konzert mit Daniel Hope zu Gast.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Freiburg, Opera Factory Freiburg, Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann, IOCO Kritik, 15.10.2018

Oktober 16, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Factory Freiburg, Schauspiel

EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung – Viktor Ullmann

«Es wird der Tod zum Dichter»

 Von  Julian Führer

Viktor Ullmann _ Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Viktor Ullmann _ Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Das Ensemble Opera Factory Freiburg (früher Young Opera Company) verfolgt das ambitionierte Ziel, Stücke, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ins Kernrepertoire der großen Häuser gekommen sind, aufzuführen. Nun hat sich die Formation unter der Leitung von Klaus Simon an den Kaiser von Atlantis gewagt und dieses 1943 entstandene, aber erst 1975 uraufgeführte Stück um eine bedenkenswerte Interpretation bereichert. Die Regie lag bei Joachim Rathke.

Viktor Ullmann und sein Librettist Peter Kien waren ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Es war kein Vernichtungslager, nach außen hin gar als „Musterlager“ präsentiert. Ullmann konnte dort Musik schreiben, war sehr produktiv. Dennoch erfahren wir, dass es schwierig war, an Notenpapier zu gelangen, und vor allem drohte permanent der Abtransport in den Tod. Unter den dortigen prekären Bedingungen entstanden mehrere Fassungen des Librettos, und auch einzelne Musikstücke wurden geändert. Es gab Proben, die abgebrochen wurden, eine Überarbeitung, weitere Proben bis zu einer Generalprobe – zu einer Aufführung kam es nicht. Im Oktober 1944 wurden Kien und Ullmann nach Auschwitz geschickt, wo sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern starben.

Zu Beginn ist der Bühnenraum dunkel und in diffusen Nebel getaucht. Das Stück wurde um einen Prolog erweitert, den Anno Schreier komponiert hat: düstere Akkorde vom Flügel, dazu langsam hohe Töne der Violine, manchmal der Flöte. Eine Form der Ouvertüre, die Ullmanns sehr abruptem Start ins Stück („Hallo, hallo!“) widerspricht, aber stimmig die Lichtregie und das Konzept des Abends unterstützt. Dazu treten die Personen der Handlung auf und schieben ein mehrstöckiges Gerüst nach vorne.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier : Zurück ins ewige Eis im Nebel © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier : Zurück ins ewige Eis im Nebel © Sebastian Duesenberg

Worum geht es? Der Kaiser von Atlantis ist eine Art Parabel, die starke Gegenwartsbezüge aufweist. Die 18 Nummern zeigen uns eine Welt, die weder räumlich noch zeitlich zu fassen ist und dennoch eindeutigen Verweischarakter hat: „Das erste Bild spielt irgendwo; Tod und Harlekin sitzen im Ausgedinge, das Leben, das nicht mehr lachen und das Sterben, das nicht mehr weinen kann in einer Welt, die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes sterben zu lassen.“ Der Kaiser von Atlantis Overall scheint dem Namen nach aus mythischer Vergangenheit zu kommen, aber er bedient sich modernster Technik. Ihm zur Seite stehen ein Lautsprecher, also ein modernes Medium, und ein Trommler, also eine Art Vorläufer des Lautsprechers. Tod erinnert sich (zu einer schwungvollen Melodie) an frühere Zeiten: „Das waren Kriege, wo man die prächtigsten Kleider trug, um mich zu ehren“. Overall nun lässt seinen Trommler nach einer Einleitung zu den ins Phrygische verzerrten Klängen des Deutschlandlieds (und gleichzeitig der alten österreichischen Kaiserhymne) „den großen, segensreichen Krieg aller gegen alle […] verhängen“. Dies wird selbst dem Tod zuviel („Was bleibt mir übrig, als hinter den neuen Todesengeln zu hinken, ein kleiner Handwerker des Sterbens“). Tod lehnt sich gegen das selbst ihn überfordernde mechanisierte Massensterben auf („Hörst du, wie sie mich höhnen? Die Seelen nehmen kann nur ich“) und tritt in einen Streik.

Diese Groteske wirkt vor dem Hintergrund der Werkentstehung beklemmend. Was ist die Konsequenz? Ein Leben ohne Tod ist ins Grässlichste gesteigerte Verlängerung von Leid, wie es der Lautsprecher verkündet: „Tausende ringen mit dem Leben, um sterben zu können.“ Gleichzeitig ist das Nicht-Sterben schon ein Akt des Widerstands gegen ein sich allmächtig gebendes Regime. Kaiser Overall realisiert, was ihm da droht: „Ringt den Tod man aus der Hand mir? Wer wird in Zukunft mich noch fürchten? Weigert sich der Tod zu dienen?“ Overall lässt Aufständische aufhängen (der Vorgang wird durch den Lautsprecher berichtet), die nicht sterben: „Henkt der Henker in zweiundachtzig Minuten nicht zu Tode!?“ Die Gehenkten sollen obendrein noch erschossen werden, dies geschieht auch, doch tot sind sie immer noch nicht. Diese Szenerie lässt an das absurde Theater Alfred Jarrys denken, aber vor dem Hintergrund des täglichen Massensterbens und alltäglicher Hinrichtungen 1943/1944 weicht das Absurde dem nackten Grauen. Tod kann gerade in dieser Situation auch Erlösung bedeuten: „Bin der, der von der Pest befreit, und nicht die Pest.“

Die Figuren der Handlung irren durch den Bühnenraum, erklimmen auch das Gerüst, von dem im Lauf des Abends immer deutlicher wird, dass es in seiner unteren Ebene den abgeschlossenen Palast des Kaisers darstellt, aus dem heraus Befehle aus Papier herausgegeben werden; die obere Ebene hingegen ist eine Art Aussichtspunkt für Tod und Harlekin, aber auch ein Wachtturm mit Suchscheinwerfer, der sowohl das Publikum als auch den Soldaten Bubikopf blendet. Die fast idyllische Szene zwischen einem Soldaten (Tenor) und Bubikopf (Sopran) zeigt das Ausbrechen aus dem gegenseitigen Massentöten: „Ich will’s nicht, du sollst nicht leiden, schau, die Welt ist hell und bunt.“„Ist’s wahr, dass es Landschaften gibt, die nicht von Granattrichtern öd sind? Ist’s wahr, dass es Worte gibt, die nicht schroff und spröd sind?“ Kurz blüht eine Utopie auf, und Ullmann bedient sich der Stimmfächer, die in der Tradition der Oper den großen Liebespaaren vorbehalten waren. Er wechselt dauernd den Stil, macht Anleihen bei Kurt Weill, hat aber auch ganz eigene Ausdrucksarten.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier - Bubikopf und Harlekin © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier – Bubikopf und Harlekin © Sebastian Duesenberg

Eine Handlung im Sinne der inneren Entwicklung der Figuren gibt es nicht, wie die Figuren ja ohnehin namenlose Typen ohne eigentliche Individualität sind. Harlekin sinniert: „Schlaf, Kindlein, schlaf: Ich bin ein Epitaph.Overall scheint wahnsinnig zu werden, da verkündet eine Stimme: „Der Krieg ist aus.“ Zur leicht verfremdeten Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen Bubikopf, Trommler, Harlekin und Lautsprecher „Komm Tod, du unser werter Gast“. Die Musik verdämmert, das immer wieder sehr stimmungsvolle Licht ebenfalls. Anno Schreier hat auch einen Epilog beigesteuert, der musikalisch an den Prolog anknüpft, aber auch die Trommeln aus Ullmanns Stück wiederaufnimmt und ein Verdämmern in Musik setzt, wie es auch Dmitri Schostakowitsch im Schlusssatz seiner 15. und letzten Symphonie tat.

Jede Aufführung von Der Kaiser von Atlantis muss sich mit der Frage auseinandersetzen, welche der möglichen Fassungen gespielt werden soll. Im Autograph sind manche Passagen sehr deutlich durchgestrichen und durch anderes ersetzt – entsprach dies Ullmanns künstlerischem Willen, musste er sich einer Zensur beugen, oder handelt es sich um Selbstzensur, um eine Aufführung unter den gegebenen Bedingungen möglich zu machen? Die Deutschlandlied-Groteske wurde von Ullmann selbst gestrichen, in Freiburg erklingt sie. Auch die Besetzung des Kammerorchesters (ein reichliches Dutzend Musiker) geht wohl auf die Situation bei der Entstehung des Werkes zurück. Es fehlt ein tiefes Holzblasinstrument, dafür gibt es ein Saxophon, ein Harmonium (hier Akkordeon) und eine Gitarre. Klaus Simon dirigiert dies alles überzeugend. Für die manchmal nicht einheitliche Klangbalance ist sicherlich auch die spezielle Komposition verantwortlich.

Beim Gesang muss Ullmann professionelle Stimmen zur Verfügung gehabt haben, die Rollen sind sehr anspruchsvoll. Der Trommler verkündet den „Krieg aller gegen aller“ mit in Halbtonschritten aufsteigenden Oktavsprüngen, möglicherweise eine Parodie der sich überschlagenden Stimmen Hitlers oder Goebbels‘. Der musikalische Ansatz, die kaum eine Stunde dauernde Oper durch Prolog und Epilog zu ergänzen, wird durch mehrere Lieder noch erweitert, die Viktor Ullmann in Theresienstadt schrieb. Die Stimmfächer sind hier also nur einzeln besetzt: Bubikopf (Sopran) mit Lena Kiepenheuer, die gerade am Anfang ein fast naives Timbre in die kurze Idylle einbringt und die man gerne auch einmal in Rollen wie Humperdincks Gänsemagd hören würde. Die sehr anspruchsvolle Partie des Trommlers (Mezzosopran) wurde Sibylle Fischer anvertraut, die bei den geforderten Sprüngen und schnellen Registerwechseln manchmal forcieren muss, aber in ruhigeren Momenten überzeugt. Die Tenorpartien des Harlekin und des Soldaten sind beide bei Keith Bernhard Stonum gut aufgehoben; die gewisse stimmliche Zurückhaltung (zum Beispiel im Duett mit Tod) kann in der akustisch nicht ganz günstigen Position auf dem Wachtturm oder in der Länge der Partie begründet sein. Als Kaiser Overall hört man den sonoren Bariton von Ekkehard Abele, der auch die Wutausbrüche des Potentaten glaubhaft umzusetzen weiß. Schließlich der Bass von Tod und Lautsprecher, den Nikolaus Meer im gesamten Umfang präsentieren kann. Wann hört man sonst ein tiefes Des(!) a capella als Fermate? Meer verfügt zudem über eine klare und eindringliche Sprechstimme, was ihm in der Partie des Lautsprechers zugutekommt.

E-Werk Freiburg / Der Kaiser von Atlantis - hier : Der Kaiser und der Tod im Nacken © Sebastian Duesenberg

E-Werk Freiburg / Der Kaiser von Atlantis – hier : Der Kaiser und der Tod im Nacken © Sebastian Duesenberg

Die Rollenwechsel der Sänger werden durch wenige Accessoires sinnfällig gemacht: Harlekin hat weiße Clownsschminke im Gesicht, die beim Wechsel zum Soldaten mit einem Handspiegel als Hilfsmittel entfernt und zum Ende hin wieder aufgetragen wird. Bubikopf hat eine Pistole, Tod eine Sonnenbrille. Wenn Tod zum Lautsprecher mutiert, legt er die Sonnenbrille ab und markiert mit Kleidungsstücken (Richtermütze, Arztkittel,…), welche Rolle gerade eingenommen wird.

Die Reduktion der Rollen auf fünf Solostimmen ermöglicht es also, im Verlauf des Stückes fünf Lieder einzufügen und auf die einzelnen Stimmen zu verteilen. Klaus Simon hat diese Lieder für Kammerensemble arrangiert, so dass sie sich in den musikalischen Rahmen einfügen. Auch dramaturgisch ist dieser Kunstgriff kein Gewaltakt, da Ullmanns 18 Nummern scharf kontrastierend nebeneinanderstehen und nicht durchkomponiert sind. Durch die Lieder wird das Stück länger, lyrischer. Das Original ist buchstäblich zerhackt und hat keine „schönen Stellen“, abgesehen vom Duett zwischen Bubikopf und Soldat. Auf einmal jedoch hören wir Wohlklang mit Harmonien und kleinen Idyllen im Cello wie im Vorspiel zum dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg. Vielleicht hätte es Ullmann so gewollt, wenn er gekonnt hätte – vielleicht hat er auch die Schroffheit mit Absicht so komponiert, der nun die Kanten abgeschliffen werden. Die manchmal fast erratisch nebeneinanderstehenden Nummern machen das Einfügen leicht. Doch die Lieder tragen zur Charakteristik der Figuren nichts bei – oder sie schaffen eine bislang nicht vorhandene Charakteristik, etwa wenn Tod / der Lautsprecher das Lied „Betrunken“ vorträgt. Die Eigenheit des Lautsprechers ist doch eigentlich, dass er keine Individualität hat.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier : Kampf und Trommler © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier : Kampf und Trommler © Sebastian Duesenberg

Dieses Vorgehen betrifft ein grundsätzliches Problem, das auch im Programmheft unter dem Stichwort „dramaturgisches Theater“ angesprochen wird: Ist es legitim, überlieferte Texte oder Partituren anzureichern, neu zu arrangieren? Der Ansatz des Regietheaters, einem Stück auf Augenhöhe zu begegnen, wird hier auf die musikalische Seite ausgeweitet. War es vor dem Ersten Weltkrieg beispielsweise üblich, die Musikdramen Richard Wagners in gekürzten Fassungen zu spielen, wäre dies heute dem Publikum wohl kaum vermittelbar. Die Hamburger Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Peter Konwitschny von 2002 setzte auf den Schock, den musikalischen Fluss bei der Schlussansprache von Hans Sachs zu unterbrechen. Am Opernhaus Zürich hatte soeben eine gekürzte Fassung von Franz Schrekers Die Gezeichneten Premiere, die für diese Eingriffe in die musikalische Substanz scharf kritisiert wurde. Wie ist das Anreichern bei Der Kaiser von Atlantis zu bewerten? Angesichts der Überlieferungslage und der Tatsache, dass alles erhaltene Material nur ein Torso ist, ist dieses Unterfangen hier legitim, allerdings auch problembehaftet: Klaus Simon ist Experte für Lieder dieser Zeit – er hat eine Gesamteinspielung der Lieder Hans Pfitzners vorgelegt – und hat ein Gespür für die Lieder, die sich am besten in die Grundstimmung einfügen. Durch das Hinzunehmen der eher breit ausgesungenen Lieder geht aber das Kantatenhafte der Oper verloren. Eine verlängerte Oper ist auf jeden Fall besser als eine gekürzte Oper!

Das Publikum nahm diese erweiterte Fassung und die einerseits reduzierende, andererseits in einzelnen Augenblicken auch gekonnt zuspitzende Regie sehr freundlich auf. Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen. Die nächste Produktion dieses wichtigen Stückes in dieser Region ist bereits angekündigt und wird am 8. Februar 2019 am Theater Basel Premiere haben.

Der Kaiser von Atlantis im E-Werk Freiburg; weitere Vorstellungen am 16.10.; 19.10.; 20.10.; 21.10.2018

—| IOCO Opera Factory Freiburg |—

 

Basel, Theater Basel, Benedikt von Peter – Neuer Intendant ab 2020/21, IOCO Aktuell

August 22, 2018 by  
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Theater Basel

Theater Basel © Sandra Then

Theater Basel © Sandra Then

Benedikt von Peter – Neuer Intendant ab 2020/21

Benedikt von Peter wird ab Spielzeit 2020/21 neuer Intendant des Theater Basel. Der Verwaltungsrat der Theatergenossenschaft Basel hat ihn einstimmig gewählt. Von Peter ist einer der aussergewöhnlichsten Regisseure im deutschsprachigen Raum und gegenwärtig Intendant am Luzerner Theater. Er tritt die Nachfolge von Andreas Beck an. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt hat die Wahl des neuen Intendanten am 14. August 2018 einstimmig genehmigt und begrüsst.

Theater Basel / Benedikt von Peter © David Roethlisberger

Theater Basel / Benedikt von Peter © David Roethlisberger

Benedikt von Peter, 41, gilt als Theatererneuerer und bringt ideale Voraussetzungen mit, um als neuer Intendant ab 2020/2021 das Theater Basel erfolgreich zu leiten. Er erfüllt höchste künstlerische Ansprüche in den drei Sparten Oper, Schauspiel und Ballett und verfügt über eine überzeugende und gewinnende Führungspersönlichkeit. Dies bietet Gewähr für die strahlkräftige Weiterführung des grössten Dreispartenhauses der Schweiz. Für das Theater Basel ist Benedikt von Peter kein Unbekannter; 2009 inszenierte er hier Francis Poulencs «Dialogues des Carmélites» und 2011 Richard Wagners Parsifal.

Benedikt von Peter überzeugte die Findungskommission und den Verwaltungsrat mit einem integralen und spartenübergreifenden künstlerischen Ansatz, der sich auch in einem teamorientierten Führungsmodell abbilden soll. Seinen Ansatz wird er gemeinsam mit einem starken Leitungsteam entwickeln, welches er in den nächsten Monaten zusammenstellen wird.

Benedikt von Peter zeichnet eine zeitgenössische, aber zugängliche künstlerische Handschrift aus. Mit einer ganzheitlichen Bespielung von Theater-Räumen, durch eine starke regionale und lokale Vernetzung, sowie mit international gefragten Regiehandschriften möchte er das Theater Basel zu einem Begegnungsort für seine Zuschauer_innen und die Basler Bevölkerung werden lassen.

Der Verwaltungsrat ist überzeugt, dass Benedikt von Peter dank seiner ausgewiesenen Sozial-kompetenz und Teamfähigkeit die ideale Führungsperson für das Theater Basel sein wird und freut sich sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm.

Benedikt von Peter wurde 1977 in Köln geboren, studierte in Bonn Musikwissenschaft, Germanistik, Jura und Gesang. Danach war er an verschiedenen Häusern Regieassistent und gründete ein freies Theaterkollektiv. Nach einigen Jahren in der Freien Szene inszenierte er an Theatern und Opern in Deutschland und der Schweiz (u.a. Theater Basel, Oper Frankfurt, Staatstheater Hannover, Wiener Festwochen, Komische und Deutsche Oper Berlin), von 2012 bis 2016 leitete Benedikt von Peter die Musiktheatersparte des Theater Bremen. Ausgezeichnet wurde er u.a. mit dem Götz Friedrich-Preis, dem Theaterpreis «DER FAUST» sowie 2014 mit dem Kurt Hübner-Preis für das Musiktheater-Programm und die eigenen Produktionen am Theater Bremen. Seit der Spielzeit 2016/2017 ist Benedikt von Peter Intendant des Luzerner Theaters.

Wir danken dem Stiftungsrat Luzerner Theater, dass Benedikt von Peter ab der Spielzeit 2020/21 die Verantwortung als Intendant für das Theater Basel übernehmen kann.

Der Findungskommission des Theater Basel gehörten die Verwaltungsratsmitglieder Dr. Caroline Barthe (Vorsitz), Adrienne Develey und Martin Lüchinger, Co-Leiterin Abteilung Kultur des Präsidialdepartements Basel-Stadt Sonja Kuhn sowie die externen Experten Stefanie Carp (Intendantin Ruhrtriennale), Stefan Bachmann (Intendant Schauspiel Köln) und Dietmar Schwarz (Intendant Deutsche Oper Berlin) an.

Basel, 21. August 2018:   Samuel Holzach, Präsident Verwaltungsrat Theater Basel, Dr. Caroline Barthe, Präsidentin Findungskommission Theater Basel und Vizepräsidentin Verwaltungsrat Theater Basel

—| Pressemeldung Theater Basel |—

Basel, Theater Basel, Der Spieler von Sergej Prokofiew, IOCO Kritik, 29.3.2018

März 31, 2018 by  
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Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Der Spieler von Sergej Prokofiew

 Die Sinnlosigkeit der Existenz – Auf den Punkt gebracht

Von Julian Führer

Fjodor Dostojewski schrieb Romane, die auch heute noch berühmt sind und (hoffentlich) gelesen werden: Die Brüder Karamasow, Schuld und Sühne, Der Spieler. Sergej Prokofiew komponierte Musik, die es (mit Peter und der Wolf) bis in die Kinderzimmer und (mit Romeo und Julia) bis in die Fernsehwerbung geschafft hat. Wenn also Prokofiew einen Dostojewski-Stoff vertont, sollte doch der Erfolg vorprogrammiert sein, sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Prokofiews Version von Der Spieler, seine erste Oper, lag nach der Vollendung 1917 ein Jahrzehnt in der Schublade, wurde 1929 in Brüssel in einer revidierten Fassung uraufgeführt und anschließend so gut wie vergessen. Erst in den letzten Jahren zeigten die Opernhäuser in Frankfurt, Mannheim und St. Petersburg sowie die Wiener und die Berliner Staatsoper das Stück, das nun, im Jahr 2018, in Basel seine Schweizer Erstaufführung erlebte.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Bei dieser Schweizer Erstaufführung kam die revidierte (Brüsseler) Fassung zum Zuge, anders als 1929 wurde aber im russischen Original gesungen. Das Personal wurde von Regisseur Vasily Barkhatov aus Dostojewskis imaginärem Roulettenburg in ein anonymes Hostel verlegt, stilecht mit einsamer Bushaltestelle, anonymen Zimmern und kalter Waschküche (Bühne: Zinoy Margolin). Das mehrstöckige Bühnenbild (Foto) zeigt uns parallel die einzelnen Zimmer der Figuren und die Wohnung des Generals, so dass es immer viel zu sehen gibt. Die Bühnentechnik leistet hier Erstaunliches, wenn innerhalb kürzester Zeit das Hostel verschwindet und die folgende Szene einen anderen Schauplatz hat. Auch sonst ist das Thema des Spielens um Geld weniger dominant als in der Romanvorlage und bei Prokofiew. Das Roulette ist hier vor allem eine Projektion; wichtiger ist der Regie die heute wohl verbreitetste Art des Spielens um Geld, das einsame Sitzen am Computer. Das ist weniger glamurös, es gibt weniger mondäne Begegnungen im Casino (doch hatte schon Dostojewski die spielsüchtige Gesellschaft buchstäblich seziert und sie als leere Fassade vor heruntergekommenen Individuen gezeigt). Auch wenn mitunter mit der Brechstange modernisiert wird, entwickelt sich das Stück in dieser Sicht doch schlüssig. Auch am Roulettetisch gewinnt und verliert jeder für sich allein.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Die Personen sind diesem aktualisierenden Konzept angepasst. Der arrogante Marquis (Rolf Romei) ist eine schmierige Gestalt, die dem Sohn des Generals auf der Straße Drogen verkauft. Alexej (Dmitry Golovnin) ist tatsächlich Hauslehrer bei den Kindern des Generals, die aber lieber an einem Großbildschirm Mortal Kombat spielen. Der General (Pavlo Hunka) hat als einziger eine Wohnung, in der zwar keine persönlichen Gegenstände zu sehen sind, die aber immerhin über eine Küche verfügt, in der er sich mit umgebundener Schürze etwas kocht (passt das zur Figur des Generals?). Baron Würmerheim (Andrew Murphy) ist hier der Hausmeister des Hostels (womit die von Alexej ausgesprochene ehrverletzende Bemerkung noch weniger nachvollziehbar wird als ohnehin schon). Der reiche Engländer Mr. Astley (Pavol Kuban) tritt etwas in den Hintergrund, er sitzt meist in einem Tonstudio und kommt eher als Stichwortgeber vor. Die Halbweltdame Blanche (Kristina Stanek), die den General nach Strich und Faden ausnimmt, ist wie kaum anders zu erwarten etwas nuttiger angezogen als die anderen. Dennoch ist sie weniger profiliert als im Roman, da Prokofiew den Epilog gestrichen hat, in dem Blanche mit dem zu Geld gekommenen Alexej nach Paris durchbrennt und dort in kürzester Zeit alles verjubelt, was ihr nie gehört hat. Die psychologisch wohl interessanteste Figur ist Polina (Asmik Grigorian), Stieftochter des Generals, die mit dem Marquis eine Affäre hatte und in die Alexej hoffnungslos verliebt ist. Wir sehen sie hier als attraktive, voll im Leben stehende Frau, die sich ihrer eigenen Gefühle nicht klar wird und die ebenso freudlos in der Wartehalle des Lebens steht wie die anderen auch. Alle Solisten beherrschen ihre Rollen und stellen sie glaubhaft dar.

Einen starken Auftritt hat die Babulenka, die reiche Tante des Generals. Während alle auf ihren Tod und eine üppige Erbschaft hoffen, platzt sie auf einmal ins Geschehen hinein, beschenkt die ganze Familie mit billigen Russland-Devotionalien und verkündet rundheraus, sie werde dem General kein Geld geben oder hinterlassen und sei im übrigen quicklebendig. Dieser Theatereffekt verfehlt auch hier seine Wirkung nicht, zumal Jane Henschel der Figur optisch und stimmlich große Präsenz verleiht.

Theater Basel / Der Spieler - hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Prokofiew hält sich eng an die Romanvorlage; das Libretto lehnt sich an die sehr dialogische Form bei Dostojewski an. Auch bei Prokofiew gibt es französische und deutsche Einsprengsel, aber keine Arien. Als melodisch kann man die Komposition nicht bezeichnen; der Komponist arbeitet mit einem Verweissystem, das bestimmten Situationen eine bestimmte Instrumentierung zuweist, die im Laufe des Stückes wiederkehrt. Es kommt zu erheblichen Klangballungen, zu laut wird es aber nie. Das Orchester spielt eine ganz entscheidende Rolle und wird von Modestas Pitrenas souverän geleitet. Die scharfe Rhythmik und manche Klangfarben erinnern an den jungen Schostakowitsch der Lady Macbeth von Mzensk, die Schroffheit der Nase oder auch der Ballettmusiken Prokofiews wird hier (noch) nicht erreicht. Die Kontraste und fahlen Abgründe, die Prokofiew in Der feurige Engel gestaltete, scheinen ihm hier noch nicht zur Verfügung gestanden zu haben.

Die Schlüsselszene (abgesehen vom Hereinbrechen der Babulenka) ist die große Spielszene kurz vor dem Ende, als Alexej mit hohem Risiko spielt, um Polina Geld zu verschaffen. Der Zuschauer sieht etwa ein Dutzend Gesichter als Videoprojektion in Großaufnahme, die angestrengt in einen Bildschirm zu schauen scheinen; in der obersten Ebene der Bühne sind drei Croupiers an Spieltischen zu sehen – ohne Mitspieler, aber mit einer auf sie gerichteten Kamera, in die monoton (und von Prokofiew psychologisch brillant in Musik gesetzt) „Faites vos jeux“, „Rien ne va plus“ und das Resultat gesagt werden. Diese Szene ist lang, und dass Alexej sich inmitten der projizierten Riesengesichter auf einem kleinen Sofa vor seinem Bildschirm in seinen Gewinn hineinsteigert, lässt den äußeren Anlass der Geschichte, die Spielsucht, etwas in den Hintergrund treten. Die Inszenierung legt vielmehr offen, wie hier jede Person für sich ist, egoistisch handelt, abgeschlossen von den anderen Menschen und vom Rest der Welt ist, einer Welt, in der man aus nichtigem Grund Beleidigungen ausspricht, in kurzer Zeit ein Vermögen macht oder sich ruiniert – was eigentlich keinen Unterschied macht, da die Existenz ohnehin sinnlos scheint.

Ein starker Abend, dem man für die noch ausstehenden Vorstellungen viele Zuschauer wünscht.

Der Spieler im Theater Basel,  weitere Vorstellungen 7.4.; 14.4.; 25.4.; 21.5.; 23.5.; 28.5.; 9.6.; 12.6.; 15.6.; 17.6.2018

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