Hagen, Theater Hagen, Der Graf von Luxemburg – Franz Lehár, IOCO Kritik, 01.11.2019

November 1, 2019 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Der Graf von Luxemburg –  Franz Lehár

 – in Pariser Bohème-Milieu  – Oligarch  kauft „Heiratsgraf“ –

von Viktor Jarosch

1905 – Die lustige Witwe, 1909 – Der Graf von Luxemburg: mit frühen Kompositionen begründete Franz Lehár (1870-1948) seinen bleibenden Ruf als großer Operettenkomponist. Mit Victor Léon, Emmerich Kalman, Leo Fall, Ralph Benatzky, Oscar Strauss ist Léhar auch Mitbegründer der „silbernen Operettenära“, welche zahllose auch heute noch populäre wie lebensfrohe Werke schuf.

Franz Lehár im Stadtpark von Wien © IOCO

Franz Lehár im Stadtpark von Wien © IOCO

Und doch schwebt beständig ein Hauch von Wehmut über den Frohsinn verbreitenden Werken der „silbernen Operettenära“. Viele Komponisten dieser Epoche, so Kalman, Benatzky, Victor Léon mussten im Dritten Reich wegen jüdischer Wurzeln in die USA flüchten; viele, wie beide Brüder von Leo Fall oder Paul Morgan, wurden in  Konzentrationslagern ermordet. Robert Stolz, 1909 Dirigent der Uraufführung des Graf von Luxemburg, durch über 60 Operetten fast ebenso berühmt wie Lehár,  musste ebenso flüchten; 1938 emigrierte er über Paris in die USA. Franz Lehárs Rolle im Dritten Reich ist vielschichtig wie undurchsichtig. Hitler und Goebbels liebten seine Werke; Lehár blieb in der NAZI-Zeit in Deutschland und weitgehend „unbehelligt“.

Der Graf von Luxemburg wurde von Franz Lehár schnell, quasi mal eben, komponiert, in nur vier Wochen. An einen Erfolg seines Werks glaubte er wohl nicht; er übergab das fertige Werk dem Intendanten des Theater an der Wien im Juni 1909 mit den Worten: „Der Schmarrn ist fertig und wenn es keinen Erfolg haben wird, habt ihr es euch selbst zuzuschreiben!“. Lehár und andere irrten: allein über 300 Mal wurde das Stück nach der Uraufführung im Theater an der Wien gespielt; in den folgenden Jahrzehnten wurde es vielfach überarbeitet und blieb bis heute ein „Gassenhauer“ auf den Bühnen der Welt.

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg - hier : zu ersten Takten Kenneth Mattice als weltverlorenes Wesen © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg – hier : zu ersten Takten Kenneth Mattice als weltverlorenes Wesen © Klaus Lefebvre

Von seinem Charme, seiner Popularität hat Der Graf von Luxemburg seit 1909 nichts verloren, in kitschig anrührenden Filmen, in zahllosen Produktionen großer wie kleiner Theater und nun auch im Theater Hagen wird die Geschichte um den russischen Fürsten Basil Basilowitsch inszeniert, welcher seine große Liebe, die bürgerliche Sängerin Angèle Didier, nicht heiraten kann da sie keine Adelige ist; und nun, trickreich und vermeintlich clever, den verarmten Graf Réne von Luxemburg bittet, für eine halbe Million Francs Angèle für drei Monate zu heiraten, um in dieser Art Scheinehe in den Adelstand erhoben zu werden, um sich dann wieder scheiden zu lassen, um dann den reichen Fürsten Basil Basilowitsch zu heiraten. Doch es ist eine Operette; und so bilden zu bunten Liedern und beschwingter Musik schräge wie lebensnahe Verwechslungen, Humor und Verdrehungen einen Potpourri der Lebensfreude, natürlich mit glücklichem Ende. So auch im Theater Hagen; einem Theater mit bescheidenen Mittel und einem kleinen Ensemble, welches immer wieder mit beeindruckenden Produktion aufwartet.

Der Graf von Luxemburg – Franz Lehár
youtube Trailer des Theater Hagen
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Regisseur Roland Hüve kennt das Theater Hagen: Kiss me, Kate und Die Blues Brothers inszenierte Hüve in Hagen und erntete großen Publikumszuspruch. Der Graf von Luxemburg im Theater Hagen spielt authentisch im Milieu der Jahrhundertwende, ist lebendig, bunt wie humoresk angelegt: keine Variante auf den modernen Zeitgeist. Die Handlung hat Hüve im Kern unverändert gelassen doch durch eigene Texte, durch Anleihen bei Paul Lincke, Tosca oder Shakespeares „Sein oder Nichtsein“, choreographische Umdeutungen und Kürzungen dem Stück in Hagen Behäbiges genommen und in klassischem Ambiente doch die Moderne geführt. Dazu geben vielschichtig originelle Bühnenbilder und farbige Kostüme (Siegfried E. Mayer) und eine filigrane  Choreographie (Eric Rentmeister) der Inszenierung frohsinnige Lebendigkeit anregt.

Der Besucher wird mit dem ersten Bild gebannt: wenn, zu den ersten Takten der Operette, René, Graf von Luxemburg etwas trunken träumend auf einer goldgelben Mondsichel sitzend sinniert. Im Hintergrund ein sternenreicher Pariser Nachthimmel und ein Gemälde des Eiffelturms. Eine Karnevalsgemeinde in frohen Kostümen umtanzt den Grafen ihn singend: „Karneval, Du allerschönste Zeit..“  und musikalischen Anleihen umtanzt. Dann, unvermittelt, senkt sich aus dem Bühnenhimmel ein riesiger Rahmen auf die Bühne und verändert die Traumwelt des Grafen in das Atelier des Malers Armand Brissard und seiner stets zickigen Freundin Juliette Vermont.  Erstes Staunen und Sonderbeifall waren damit schon gegeben.

 Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg - hier : Kenneth Mattice als Graf und Angela Davis als Angèle heiraten ohne sich ansehen zu können © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg – hier : Kenneth Mattice als Graf und Angela Davis als Angèle heiraten ohne sich ansehen zu können © Klaus Lefebvre

Spannend, schräg und lebendig setzt sich die Handlung fort, wenn dann in diesem Maleratelier Fürst Basil Basilowitsch, hier ganz russischer Oligarch in klassischem Zweireiher mit zwielichtigen Kumpanen und dem -herrlich- verwirrt agierenden Standesbeamten Pélégrin (Dirk Achille) erscheint. Diese bieten dem Graf von Luxemburg  500.000 Franc, (mit eigenen Texten, hier: „zu zahlen auf eine amerikanische  oder deutsche  oder englische – vor oder nach dem Brexit –  Bank“, Lied:  „Bare 500.000 Francs“) damit er die Sängerin Angèle Didier, Freundin des Fürsten Basil, zu deren Erlangung des Adelsstandes, kurz, für drei Monate, heiratet. Dies alles geschieht ohne Blickkontakt; die baldige Scheidung ist in den Vertrag mit eingeschlossen. Das Gemälde des Eiffelturm (Foto oben) dient bei der Heirat des Grafen von Luxemburg mit Angèle als Sichtschutz. Operettenseligkeit beginnt Raum zu nehmen mit dem wunderbar gesungen Duett:  „Sie geht links, er geht rechts“

Bühne und Akteure der Operette wandeln sich beständig; am auffälligsten wandelt sich Fürst Basil Basilowitsch, welcher vom trockenen russischen Oligarchen im dunklen Zweireiher im 1. Bild, zum tanzenden Operettenfürsten in festlicher Ballkleidung im 3. Bild mutiert; der dann sogar, auf Befehl des Zaren die alte Gräfin Stasa Kokozowa heiraten muss: welche in elegantem Abendkleid erscheint um Whisky darum bittet, „zunächst alles in Ruhe zu genießen.“ Das Ballett Hagen belebt das Bühnengeschehen immer wieder mit ansprechenden choreographischen Einlagen.

Rodrigo Tomillo und das Philharmonische Orchester Hagen stützten sängerfreundlich und mit „feinen Händen“ den Geist Lehárs und seiner Komposition, welche in humoriger Unernstigkeit die Lebensfreude befeuern  soll.

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg - hier : das Ensemble © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Graf von Luxemburg – hier : das Ensemble © Klaus Lefebvre

IOCO bewundert oft die mitreißende künstlerische Vielfalt, welche kleinere deutsche Theater mit begrenzten Mitteln auf ihren Bühnen zeigen. Der Graf von Luxemburg ist  hierzu Beispiel: seine vielschichtige stimmlichen wie darstellerischen Herausforderungen werden durch das weitgehend eigene Ensemble des Theater Hagen wunderbar auf die Bühne gebracht: Dies allein verdient schon ein großes Kompliment für alle Beteiligten; die sichtbaren auf und die unsichtbaren hinter der Bühne.

Kenneth Mattice ist in dem wuseligen „Operettenspiel“ ein nachdenklicher, geradezu seriöser René, Graf von Luxemburg, welcher mit dem ersten Bild mit sanftem Timbre Menschlichkeit und Verletzlichkeit in all seinen Facetten ausdrückt. Oliver Weidinger stellt als Fürst Basil Basilowitsch hierzu einen stimmlich wie  optisch gelungenen Kontrapunkt zum Grafen, dessen Wandlung vom rauhen Oligarchen zum tänzelnden Operettenkönig fasziniert. Tenor Richard van Gemert als Maler Armand und, mit feinem hellen Sopran, Christina Piccardi, als Freundin Juliette Vermont, faszinieren durch ihre  filigrane    Angela Davis ist als Angèle Didier die dominante Operettendiva dieser Produktion; bestens disponiert, mit lebendiger Präsenz und mit auch in Höhen sehr sicherem Sopran (herrlich ihre ToscaAnleihe). Doch zum starken Abschluss des Premierenabends trägt in ihrer kürzerer Partie auch das langjährige Ensemblemitglied Marilyn Bennett als Gräfin Stasa Kokozowa massgeblich bei, wenn sie, in langem Abendkleid, mit sicherem Mezzo und einem Whisky in der Hand, große Bühnenpräsenz ausstrahlt und ihrem zukünftigen Gatten, Fürst Basil Basilowitsch aufträgt: „Alles mit Ruhe genießen“!

Das Publikum im Theater Hagen war überzeugt: Ungeteilten Beifall und Bravos gab es für alle Beteiligten; für das stimmige und gut umgesetzte Regiekonzept um Roland Hüve wie für alle Darsteller auf der Bühne.

Der Graf von Luxemburg im Theater Hagen; die kommenden Vorstellungen 31.10.; 3.11.; 8.11.; 15.11.; 23.11.; 4.12.; 14.12.; 18.12.; 31.12.2019 (Silvester – um 15.00 und 19.30);  auch in 2020 weitee Vorstellungen

—| IOCO Kritik Theater Hagen |—

Wien, Wiener Symphoniker, Jan Nast – Neuer Intendant der Wiener Symphoniker, 01.10.2019

Juli 11, 2019 by  
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Wiener Symphoniker

Wiener Konzerthaus

Wiener Symphoniker / Gruppenfoto am Podium des Großen Saales im Wiener Konzerthaus (mit Chefdirigent), © Stefan Oláh

Wiener Symphoniker / Gruppenfoto am Podium des Großen Saales im Wiener Konzerthaus (mit Chefdirigent), © Stefan Oláh

Jan Nast – Neuer Intendant der Wiener Symphoniker

Die Mitgliederversammlung der Wiener Symphoniker hat in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat des Orchesters den deutschen Orchestermanager Jan Nast als Nachfolger Johannes Neuberts zum neuen Intendanten bestellt. Antreten wird Nast die Stelle am 1. Oktober 2019.

Jan Nast ist derzeit Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Hier hat er in der Ära von Giuseppe Sinopoli begonnen und später mit Christian Thielemann als Chefdirigenten zusammengearbeitet. Außerdem hat Nast die Staatskapelle zum Residenz-Orchester der Salzburger Osterfestspiele gemacht. Der ausgebildete Hornist und Kulturmanager begann seine Karriere als Orchestergeschäftsführer beim Philharmonischen Orchester Freiburg im Breisgau.

„Die Symphoniker sind das erste Orchester der Stadt Wien, sie strahlen international nicht nur durch ihre weltweiten Auftritte und ihre Konzerte im Wiener Konzerthaus und im Musikverein, sondern auch durch ihre Präsenz bei den Bregenzer Festspielen, im Theater an der Wien und bei den Wiener Festwochen“, sagt Jan Nast.Ich kenne kaum ein Orchester mit einer derartigen Publikumsbindung, nicht zuletzt durch seine Musikvermittlung, und bin der festen Überzeugung, dass dieser Klangkörper das Potenzial hat, den musikalischen Reichtum Wiens in höchster musikalischer Qualität zu verkörpern und die Menschen für die Musik zu begeistern. Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg mit dem Orchester, das von Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan oder Carlo Maria Giulini geleitet wurde, das derzeit von Philippe Jordan und von 2021 an von Andrés Orozco-Estrada geführt wird. Für mich sind die Begeisterung und die Leidenschaft der Musiker der Grund, gemeinsam mit ihnen neue Horizonte zu erkunden.“

„Mit Jan Nast ist es gelungen für mein Orchester einen Mann von internationaler Erfahrung und ausgezeichnetem Ruf zu gewinnen. Ich freue mich gleichermaßen, dass ich mit ihm mein Abschlussjahr als Chefdirigent der Wiener Symphoniker durchführen kann und dass mit ihm auch eine seriöse und vielversprechende Perspektive für die Zukunft gefunden wurde“, kommentiert der amtierende Chefdirigent der Wiener Symphoniker Philippe Jordan die Entscheidung.

„Mit Jan Nast konnte ein international erfahrener wie anerkannter Orchesterfachmann für Wien gewonnen werden“, erklärt die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. „Ich bin davon überzeugt, dass Nast die unter Johannes Neubert begonnene Positionierung der Wiener Symphoniker als weltweit rezensiertes A-Liga Orchester weiterführt und beglückwünsche daher unsere Musikerinnen und Musiker ausdrücklich zu ihrem neuen Intendanten.“

Thomas Schindl, Orchestervorstand der Wiener Symphoniker ergänzt: „Mit Jan Nast konnte ein erfahrener, in der internationalen Musikwelt äußerst angesehener und bestens vernetzter Orchestermanager zum Intendanten verpflichtet werden. Wir begrüßen diese Bestellung sehr. Neben seinen Qualifikationen, Erfahrungen und Kompetenzen haben uns vor allem seine Pläne und Ideen für die Zukunft der Wiener Symphoniker begeistert. Dass es gelungen ist, den Manager eines der weltweit führenden Orchester zu gewinnen, reflektiert auch, wie sehr wir in den vergangenen Jahren an Renommee und Strahlkraft gewonnen haben. Gemeinsam mit unserem aktuellen Chefdirigenten Philippe Jordan, dem kommenden Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada und unserem neuen Intendanten Jan Nast kann die positive Entwicklung des Orchesters der letzten Jahre so kontinuierlich vorangetrieben werden. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.“

Vakant wurde die Stelle durch den Wechsel des amtierenden Intendanten Johannes Neubert zum Orchestre National de France nach Paris zur Spielzeit 2019-20. Die Bestellung Jan Nasts erfolgte auf Empfehlung einer 10-köpfigen Expertenjury, die auf Initiative von Veronica Kaup-Hasler eingesetzt wurde. Mitglieder der Findungskommission waren. 55 Bewerbungen sind eingegangen: 40 männlich und 15 weiblich. 34 stammten aus dem Inland, 21 Personen haben sich aus dem Ausland beworben.

—| Pressemeldung Wiener Symphoniker |—

München, Theater am Gärtnerplatz, Die Lustige Witwe – Franz Lehár, IOCO Kritik, 05.02.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Die lustige Witwe  –  Franz Lehár

Die Operette ist nur Folie des Lebens – Der Tod  ist immer dabei

von Daniela Zimmermann

Franz Lehár - Stadtpark von Wien © IOCO

Franz Lehár – Stadtpark von Wien © IOCO

1905 war die gefeierte Uraufführung der Lustigen Witwe von Franz Lehár im Theater an der Wien, bereits 1906 fand die erste Vorstellung am Gärtnerplatztheater statt. Damals wie heute ist die Operette weltweit sehr beliebt. Zur 200. Aufführung 1907 stand  Franz Lehar persönlich am Pult.  Für Johannes Heesters wurde die Partie des Grafen Danilo Danilowitsch ab Sylvester 1938, häufig in München und anderswo, bis 1983 zu seiner Lieblingspartie. Über 1.600 Mal sang er sie in dieser Zeit.

Zwölf eigene Inszenierungen der Lustigen Witwe wurden bisher am Gärtnerplatztheater produziert. Intendant Josef E. Köpplinger eröffnete 2017, nach der jahrelangen kräftezehrenden Restaurierung des Hauses, das neuen Haus mit der eigenen, der 12. Inszenierung der Lustigen Witwe. Doch diese 12. Inszenierung ist  ungewöhnlich, verbindet sie doch die so menschlich humorigen Züge von Lehárs Operette mit Tod, Untergang, Verfall, mit düsterem Ende.

Die lustige Witwe   –  Franz Lehár
youtube Video des Gärtnerplatztheaters
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Seit 1905, in all den Jahren, hat Die lustige Witwe nichts eingebüßt von ihrer Beliebtheit. Sie ist sexy, frech frivol und witzig. Historisch aufwendige Kostüme, aus dem Fin de Siecle (Alfred Mayerhofer) geben Inszenierung passendes Operetten-Flair. Das Bühnenbild, alle Handlung ist in einen blinkenden, goldenen Rahmen gepackt, gestaltete Rainer Sinell.

Köpplinger zeichnet  in dieser Inszenierung das Jahr 1914, das Vorfeld des ersten Weltkrieges. Der Tod, der Ausdruck von Vergänglichkeit, Strippenzieher des Elends begleitet die Handlung beständig, choreographiert und getanzt von Adam Cooper: ganz in schwarz mit Glatze und im langen Soldatenmantel. Der Tod ist auf der Bühne allgegenwärtig; er begleitet Lebende und  Liebende, arrangiert das Zueinanderfinden von Paaren oder deren Trennung; der Tod dirigiert das Leben, die Menschen; er gibt die  Richtung vor. Die Operette, hier Die lustige Witwe, so Köpplinger zu seiner Inszenierung, ist nur Folie für das wahre, echte Leben, welches im Gärtnerplatztheater allerdings, wesensfremd,  wenig froh endet.

Österreichischen Schmäh verbunden mit Charme und Intrige, etwas Sozialkritik, Ballnächte im Walzertakt, faszinierende Eleganz: nicht nur der Damen, sondern auch der Herren, alles das bietet die Inszenierung der Parade-Operette von Franz Lehár trotzdem.

Die lustige Witwe  –  Einführung – Regisseur Josef E Köpplinger
youtube Video des Gärtnerplatztheaters
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Das verarmte Vaterland Pontevedro muss finanziell gerettet werden, und das ist nur möglich, wenn die steinreiche Witwe Hanna Glawari einen Landsmann heiratet. Camille Schnoor singt perfekt in lyrisch betörenden Höhen und spielt glamourös die reiche Witwe, die aber genau weiß, was sie will, nämlich Graf Danilo Danowitsch. Den Grafen singt  mit sicherem Tenor, und mit betörendem Charme spielend, Daniel Prohaska. Seine Bühnenpräsenz ist mitreizend. Beide, Hanna und Graf, waren zuvor schon einmal ein  Paar, aber arm und nicht aristokratisch; doch  wollte die Familie des Grafen nicht mitspielen. Als reiche Witwe sieht alles anders aus; die starken Gefühle füreinander sind bei beiden noch vorhanden

Aber da gibt es noch Camille de Rosillon, Danilos Nebenbuhler, mit kräftigem Tenor gesungen von Maximilian Mayer, mit dem Hanna sich mal eben kurz verlobt, nur um Danilos Eifersucht anzustacheln. Rosillon jedoch verehrt die junge Frau des Barons, Valencienne, gesungen von Jasmine Sakr. Zu Ehren der Witwe wird gefeiert, es wird getanzt und gesungen und der Chor des Gärtnerplatztheaters ist wie immer vielseitig im Spiel und Tanz und trägt immens zur guten Laune Stimmung bei. Dazu das Ballett, das ebenfalls tanzend mitwirbelt. Die Stimmung wird auch angeheizt durch das rasante Tempo der mitreizenden Musik.

Gärtnerplatztheater / Die lustige Witwe - hier : Hanna Glawari mit Ensemble © Marie-Laure Briane

Gärtnerplatztheater / Die lustige Witwe – hier : Hanna Glawari mit Ensemble © Marie-Laure Briane

Eine besondere Rolle spielt der Njegus; Sigrid Hauser ist das Naturtalent, die humorig zwischen den Geschlechtern hin und her pendelt, und mit einer kleinen aber hinreißenden Travestieshow-Einlage alle Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht.

Hanna zaubert aus einem Saal ihres Palais das berühmte Nachtlokal Maxim und bittet dort zum Tanz. Es geht um Liebe und Geld, Rosillon ist nicht aus Pontevedro, aber es muss unbedingt ein echter Landsmann sein. Danilo wäre einer, und beide lieben sich, aber das viele Geld wirkt beklemmend trennend für den Grafen Danilo. Hanna weiß zum Happy-End eine Lösung.

Das „Happy“-End in Köpplingers Inszenierung ist wenig operettenhaft eher dramatisch: Hanna und Graf Danilo versöhnen sich. Doch dann fällt ein Schuss, Nebel steigt auf, der Beginn eines Krieges wird angezeigt; Tod, der Weltkrieg Verfall der Epoche steigen auf. Der Tod, nun mit Flügeln, nimmt Hanna Gawari  in seine Arme, entschwindet im Nebel. Schweigen.

Die Lustige Witwe am Gärtnerplatztheater;  weiteren Vorstellungen sind für die Spielzeit  2018/19 nicht mehr geplant.

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Wien, Theater an der Wien, Euryanthe – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 11.01.2019

Januar 11, 2019 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Euryanthe – Carl Maria von Weber

Weber und „die Einführung des Übernatürlichen“

von Marcus Haimerl

Häufig findet sich Carl Maria von Webers große heroisch-romantische Oper Euryanthe nicht auf den Spielplänen der Opernhäuser. Als Ursache betrachtet man gerne das Libretto der Schriftstellerin Helmina von Chézy, die Weber aus dem Dresdner „Liederkreis“ kannte, in welchem bereits der Librettist des Freischütz, Johann Friedrich Kind, Mitglied war. Nach dem Erfolg des Freischütz war Weber als Komponist in aller Munde und so war das Auftragswerk des Wiener Kärntnertortheaters auch keine Überraschung.

Allerdings litt er auch unter dem großen Erfolg des Freischütz. Aus gutem Grund musste er annehmen, dass von ihm Wiederauflagen der volkstümlichen Nummern seiner Erfolgsoper erwartet wurden: „Die Erwartungen der Masse sind durch den wunderbaren Erfolg des Freischützen bis zum Unmöglichen ins Blaue hinauf gewirbelt; und nun kommt das einfach ernste Werk, das nichts als Wahrheit des Ausdrucks, der Leidenschaft und Charakterzeichnung sucht, und alle der mannigfachen Abwechslung und Anregungsmittel seines Vorgängers entbehrt.“ (Weber in einem Brief an Franz Danzi, 13.02.1824). Mit diesem einfachen Werk meinte Weber seine Oper Euryanthe.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe und Theresa Kronthaler als Eglantine © Monika Rittershaus

Als Vorlage für das Libretto diente Helmina von Chézy eine altfranzösische Ritterlegende aus dem 12. Jahrhunderts, welche Shakespeare bereits in seiner Cymbeline nach einer Novelle aus Boccaccios Decamerone verwendete. Weber wies den Rat Ludwig Tiecks nach einer realistischen Handlungsführung zurück und bestand gegenüber Helmina von Gézy auf die Einführung des Übernatürlichen.

Die zu Unrecht beschuldigte Euryanthe, Opfer einer Männerwette zwischen ihrem Verlobten Adolar und dem bösen Lysiart, ist der Motor der Handlung. Jedoch ist nicht wie in der Vorlage die Kenntnis eines Körpermals, heimlich im Bade beobachtet, das Beweisstück. Emma, die Schwester Adolars beging einst aus Gram über den Tod ihres Ehemanns Selbstmord. Wegen dieser Todsünde kann ihre Seele keine Ruhe finden, bis nicht ihr tödlicher Giftring mit den Tränen einer verfolgten Unschuld genetzt wird. Dies Geheimnis, an die heimtückische Eglantine verraten, löst das Drama aus. Denn diese stiehlt den Ring aus der Grabkammer und wird von Lysiart beobachtet. Da dieser bei Euryanthe mit seinen Verführungsversuchen gescheitert ist, verbünden sich Eglantine und Lysiart zu einem Liebespaar aus Rache. Da sich Euryanthe gegen die falschen Anschuldigungen Lysiarts nicht wehrt, führt Adolar, nun seiner gesamten Güter und Titel verlustig, seine Verlobte in den Tod. Als diese ihn vor einer Schlange zu retten versucht, lässt er Euryanthe allein im Wald zurück. Der König findet die junge Frau und diese offenbart ihm die zuvor verschwiegene Wahrheit. Während der Vorbereitungen von Lysiarts und Eglantines Hochzeit auf Adolars Schloss, gesteht Eglantine, der in einem Anfall von Wahnsinn Emma erscheint, dem König die Wahrheit. Lysiart ersticht die Wahnsinnige und wird selbst als Mörder verhaftet. Euryanthe und Adolar finden wieder zueinander und weil ihre Tränen den Ring benetzt haben, findet Emmas Seele ihren Frieden.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Jacquelyn Wagner als Euryanthe, Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart, Norman Reinhardt als Adolar © Monika Rittershaus

Das Theater an der Wien holte nunmehr diese kaum gespielte Oper als Neuproduktion zurück in die Stadt der Uraufführung und beweist mit der Besetzung, dass Webers Werk durchaus spielbar ist. Constantin Trinks leitet das ORF Radio-Symphonieorchester Wien facettenreich mit großer Leidenschaft und weiß die Dramatik der Musik von Weber, die an mancher Stelle schon Wagner erahnen lässt, voll auszukosten.

Christof Loy verzichtet in seiner Inszenierung auf Mittelalter, Ritter oder gar Übernatürliches, ebenso auf Romantik und setzt ganz auf zwischenmenschliche Beziehungen und Personenführung. Ein weißer, sich trichterförmig nach hinten verengender Raum, mit einem Klavier, einem Bett und ein paar Stühlen ist die ganze Ausstattung (Bühne: Johannes Leiacker). Der sterile weiße Bühnenraum mit dem Bett am Bühnenrand erinnert dabei schon etwas an eine Heilstätte. Und Heilung sucht nicht nur die Seele der armen Emma. In diesem geschlossenen Bühnenraum reduziert  Loy die Romantik zu einem Kammerspiel zwischen den handelnden Figuren und zeigt, dass die handlungstreibenden Gefühle, enttäuschter Liebe, Rache und Erlösung, Allgemeingültigkeit besitzen.

Theater an der Wien / Euryanthe - hier :  Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Theater an der Wien / Euryanthe – hier : Theresa Kronthaler als Eglantine, Andrew Foster-Williams als Lysiart © Monika Rittershaus

Jacquelyn Wagner verkörpert die Titelfigur Euryanthe perfekt. Atemberaubend meistert sie die lyrischen Passagen mit ihrem ausdrucksstarken Sopran und überzeugt auch in glaubwürdiger Rollengestaltung.  Mit durchschlagskräftigem Mezzosopran und packender Darstellung beherrscht Theresa Kronthaler die Bühne in der Partie der Eglantine. Mit seinem großen durchwegs dramatischen Bariton beweist Andrew Foster-Williams höchstes musikalisches Können als hinterlistiger Lysiart. Für seinen Körpereinsatz, er singt die Arie „Wo berg‘ ich mich“ zu Beginn des zweiten Aktes völlig unbekleidet, muss man dem Sänger zusätzlich hohen Respekt zollen. Der amerikanischeTenor Norman Reinhardt überzeugt mit strahlendem, höhensicherem Tenor in der Partie des Adolar. Beeindruckend auch Stefan Cerny der mit seinem schönen, dunklen Bass die Partie des Königs glaubhaft gestaltet. Auf höchstem musikalischen Niveau agiert auch der Arnold Schoenberg Chor.

Mit dieser Produktion bewies das Theater an der Wien erneut, dass man sich nicht nur gefahrlos den vergessenen Werken der Opernliteratur widmen, sondern damit auch noch Erfolg haben kann.

Euryanthe im Theater an der Wien:  Zur Zeit sind keine weiteren Vorstellungen geplant

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

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