Minden, Stadttheater Minden, Rheingold – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 14.09.2019

September 14, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Das Rheingold –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

– „Das Wunder von Minden“  –  Es verzaubert wieder –

von  Patrik Klein

Im September 2018 wurde am Stadttheater Minden der Ring des Nibelungen von Richard Wagner vollendet: ein wagemutiges Projekt, mit dessen Inszenierungen und musikalischem Reichtum  die Stadt Minden und ihr kleines Stadttheater überregionale Aufmerksamkeit, Bewunderung und Begeisterung erzeugte.

IOCO berichtete aus diesem Ring – Zyklus zu  Siegfried (Oktober 2017, link HIER) und Götterdämmerung (Oktober 2018, link HIER!).

Für September/Oktober 2019 wagte sich das Team um Dr. Jutta Hering-Winckler (Initiatorin und Vorsitzende des Wagner- Verbands Minden), Regisseur Gerd Heinz und Dirigent Frank Beermann zwei zyklische Aufführungen des Ring des Nibelungen, innerhalb von je elf Tagen aufzuführen.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter © Dorothee Rapp

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter © Dorothee Rapp

Die Stadt Minden besitzt nur ein sehr kleines Theater ohne Ensemble mit nur wenigen Mitarbeitern in Verwaltung und Technik.  Allerdings hat man in Minden einen mutigen Wagner-Verband mit Visionen, ungeheurer Energie und Tatendrang. Zum größten Teil aus Spenden finanziert ging man im Jahre 2002 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater und der Nordwestdeutschen Philharmonie ein Wagnis ein, das die Opern Richard Wagners in beachtlicher Qualität nach und nach auf die kleine Bühne des Hauses brachte.

Im Abstand von einigen Jahren wurden die Opern Der fliegende Holländer,  Tannhäuser, Lohengrin sowie Tristan und Isolde mit beachtlichem Erfolg auf die Bühne des Stadttheater Minden gehoben. 2015 fasste man dann die größte Herausforderung eines Opernbetriebes: man plante Richard Wagners Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen in den Folgejahren aufzuführen. Ab September 2015 gelang eine Inszenierung im Stadttheater: 2015 – Das Rheingold; 2016 – Die Walküre; 2017 – Siegfried; 2018Götterdämmerung. 

Durch die Positionierung des Orchesters auf der hinteren Hauptbühne (man nennt es heute sogar landläufig das „Mindener Modell) und damit der Nutzung der Spielfläche unmittelbar vor den Reihen im Parkett, gelang musikalisch ein sängerunterstreichender Klang sowie eine intime Nähe zum Publikum, die zu musikalisch allerhöchster Qualität beitrug.

Vor einem Jahr erschien der in schwarzem Leinen gehaltene Bildband Der Ring in Minden  im J.C.C. Bruns Verlag, link HIER, über den IOCO berichtete.

Der überregionale große Erfolg des Ring des Nibelungen in Minden war nur möglich, weil die Mitarbeiter des Stadttheaters permanent an ihre Grenzen und auch darüber hinaus gingen. Der Geist eines gemeinsamen Willen zum Erfolg wird hier plastisch in all seinen Formen und Farben beschrieben. Als Leser des Buches bekam man Lust, an diesem  Unterfangen teilzuhaben, auch wenn es nur der Besuch einer Aufführung wäre. IOCO Kultur im Netz plante deshalb seit langem, über den ersten Ringzyklus im September 2019 zu berichten.

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Das Regieteam um Gerd Heinz erzählt die Geschichte von der hemmungslosen Gier und dem Versuch, Macht und Liebe in Einklang zu bringen ohne aktualisierende moderne Umdeutungen, sondern mit viel Vertrauen auf die Kraft des ursprünglichen Stoffes in seiner Form, seiner Sprache und der phänomenalen Musik Richard Wagners. Die Geschichte um die drei Rheintöchter, Alberichs Liebesverzicht und Geldgier, Wotans Götterwelt mit Machtanspruch und Zukunftsplanung gestaltet man in Minden als Schurkenstück mit sittenwidrigem Bauvertrag und üblem Erfolgsgehabe. In der auf aktualisierende Akzente verzichtenden Interpretation bleibt die Urmutter Erda als einzige Protagonistin integer. Sie warnt die Machtinnehabenden eindringlich vor der unstillbaren Gier nach mehr Reichtum und Macht.

Durch die bühnentechnischen Rahmenbedingungen mit dem auf der Hinterbühne platziertem Orchester und der relativen Enge auf dem verbleibenden Bühnenportal nutzt man geschickt den überbauten Orchestergraben und die seitlichen Räume für Spielmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe zum Publikum. Dadurch wirkt Musik und Szene noch dichter, direkter, eindringlicher und emotionaler. Mit Gazevorhang zur Abtrennung des Orchesters, einem zentralen bühnenumspannenden Ringbogen und einem Wendeltreppenaufgang zur Proszeniumsloge kann das Drama, optisch eingebettet in satte Kulissenfarben, die Figuren in interaktiven Vorgängen aus dem Verständnis der Situation heraus agieren lassend, seinen Lauf nehmen.

Die musikalische hochqualitative Interpretation durch die Nordwestdeutsche Philharmonie unter Leitung von Frank Beermann hat in den letzten Jahren Maßstäbe in Sachen Wagnerklang gesetzt. Auch die Sängerriege  wuchs förmlich über sich hinaus und konnte in dem recht kleinen Haus ihren Stimmen maßhaltende Formschönheit geben ohne, wie das gelegentlich in großen Häusern der Fall ist, sich zu überfordern. Der gemeinsame Erfolg machte stark. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass man für die zyklischen Ringaufführungen 2019 erneut mit den meisten Darstellern der letzten Produktionen zusammenarbeiten konnte.

 Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Sängerensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Sängerensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Das musikalische Ergebnis sprach am ersten Abend dadurch für sich. Schon nach wenigen Minuten wird klar, warum man den für manchen Besucher anstrengend weiten Weg nach Minden an die Weser gewagt hat. Das Orchester wirkt luftig, klar und nicht dominant, sondern formschön unterstreichend aus der Hinterbühne. Die einzelnen Instrumentengruppen sind klar auszumachen. Der Klang mischt sich für den Zuschauer transparent beinahe wie in Hamburgs neuem Konzerthaus, der Elbphilharmonie.

So kommen die drei Rheintöchter (Woglinde Ines Lex, Floßhilde Tiina Pentinnen und Wellgunde Christine Buttle) präzise und verbunden mit einer Textverständlichkeit wie mit gestochen scharfen Lettern auf einem Hochglanzprospekt gedruckt, daher. Zur Darstellung ihres Wesens und Seins nutzen sie zum Spiel sowohl die Bühne, den überbauten Orchestergraben und die beiden Proszeniumslogen, die über eine Wendeltreppe im Zuschauerraum für sie erreichbar sind. Man lehnt sich einfach nur zurück, genießt den akustischen Ohrenschmaus und taucht ein in Wagners Drama von Liebe, Macht und bösem Ende.

Bösewicht Alberich, dargestellt von Heiko Trinsinger steigt mit triefender Taucherbrille aus dem Untergrund auf und lässt seinen schwarz gefärbten Bariton wort- und stimmgewaltig verströmen. Der seit 1999 im Ensemble des Aalto Theaters Essen engagierte Sänger läuft an diesem ersten Abend in Minden zu Höchstform auf und wohl auch über sich hinaus, im Klangrausch und vor einem hochkonzentrierten Publikum sich getragen fühlend. Im Streit mit den drei Damen aus dem Rhein entscheidet er sich für das Gold und verflucht die Liebe.

In der Götterwelt angekommen erscheint Fricka mit Wotans Speer, stößt ein paarmal mit der Spitze in die Tiefe des überbauten Orchestergrabens um ihren Gatten zu wecken und auf finanzielle und personelle Probleme im Haushalt hinzuweisen. Kathrin Göring spielt, singt und gestaltet eine überragende Göttergattin. Mit einer langen Stola über der Schulter lehnt sie an der Bühnenumrahmung und warnt ihren von der Burg schwärmenden Gatten eindringlich vor den Folgen seines Deals mit den Riesen. Die seit vielen Jahren fest engagierte Sängerin an der Oper Leipzig lässt ihren facettenreichen, warmen und dunkel timbrierten Mezzosopran mal federleicht und auch mal dramatisch aufbrausend im Raume verströmen. Man versteht nicht nur jedes Wort; man nimmt ihr die Rolle ab. Sie ist Fricka.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Ihr Gatte Wotan hat es nicht ganz leicht bei ihr. Renatus Mészár, der sein linkes Auge opferte, um sie als Ehefrau zu gewinnen, lässt sich von ihren Warnungen wenig beeindrucken. Zu groß ist sein Verlangen nach der Burg und dem Ausbau seiner Macht. Der gebürtige Hesse, der seit vielen Jahren im Ensemble des Badischen Staatstheater in Karlsruhe singt, gestaltet die Partie des Göttervaters mit reichlichem Einsatz seiner präsenten Bass-Baritonstimme, die mit angemessener Schwärze, Genauigkeit in der Phrasierung und feiner Dosierung seiner Kräfte in den höheren Registern behaftet ist.

Die Freia (Julia Bauer), die zwischen die Fronten gerät, für eine Immobilie verschachert wird und die Ernährung ihrer Artgenossen nicht mehr sicherstellen kann, kommt mit leichter, lyrisch-dramatischer Koloratursopranstimme daher. Die international erfahrene, u.a. an der Komischen Oper Berlin und am Aalto Theater Essen beschäftigte Sängerin gestaltet ihre undankbare Position im Drama mit fein strömender Stimme und präziser Gestaltung.

Probleme in dem aktuellen Machtgefüge machen die beiden Riesen, die nach getaner Arbeit ihren Lohn verlangen und Freia als Pfand mitnehmen müssen, um zu ihrem Recht zu kommen. Ausgestattet mit schwarzen Lackpolstern, Springerstiefeln und einem aufgeklappten Schweißerhelm verleihen sie ihrer ohnehin schon imposanten Erscheinung durch markante Stimmen zusätzlichen Ausdruck. Tijl Faveyts als Fasolt und Johannes Stermann als Fafner sind stimmlich, was bei Wagners Rheingold Opernaufführungen eher selten ist, deutlich zu unterscheiden. Der an der Komischen Oper Berlin engagierte Bass Tijl Faveyts gibt einen überaktiven spielfreudigen und kräftig hell leuchtenden Fasolt, dem der tiefe, rabenschwarze Bass des Johannes Stermann, engagiert an der Oper Magdeburg, kontrapunktisch zugeordnet erschein. Als Fafner seinen Bruder später in Zeitlupe mit riesigem Prügel erschlägt, kann man diese Konkurrenzsituation unter Geschwistern glaubhaft nachvollziehen.

Donner und Froh präsentieren sich alias Andreas Kindschuh und André Riemer. Der am Theater Chemnitz engagierte Bariton, ausgestattet mit goldenem Handschuh und skurriler Gesichtsbemalung mit hochgegeltem Zornlöckchen, gibt den Gott mit warm timbrierter und elegant gestaltender Stimme, die bei Donners Hammerschlag zum Ende des Vorabends auch aufdrehen kann. Der Tenor, ebenfalls von der Theater Chemnitz, beschützt seine apfelspendende Schwester Freia mit hell leuchtender und präzise geführter Stimme.

Einer der stimmlichen und darstellerischen Höhepunkte manifestiert sich in der Gestalt des Loge alias Thomas Mohr, der innerhalb von 11 Tagen in beiden Ring-Zyklen nicht nur den listigen Strippenzieher Loge, sondern auch Siegmund und die beiden Siegfriede gibt. Der freischaffende Künstler, der Gesangsunterricht bei dem legendären Jean Cox genoss, und an dessen Stimme er mittlerweile als Heldentenor gereift erinnert, der zudem noch als Gesangsprofessor an der Hochschule für Künste in Bremen lehrt, spielt und singt, als wenn es um sein Leben ginge. Sein Gesicht ist in einen weißen und einen dunklen Bereich gefärbt und unterstreicht damit die Bandbreite seines Handelns und musikalischen Gestaltens. Als wenn es nichts Leichteres gäbe, schlüpft er in das raffinierte Innere der Figur des Loge, formt einen glaubwürdigen Akteur im Konterspiel der brutalen Kräfte seiner Mitstreiter. Er führt sie in das Reich Alberichs, in dem dieser den Bruder Mime knechtet und das Gold bewahrt.

Jeff Martin ist dieser Mime, der im dunklen Reich der Nibelungen sein armseliges Dasein fristet und auf einen Ausweg hofft. Der vielseitige amerikanische Tenor, der an einer Vielzahl europäischer Bühnen engagiert ist, spielt und vor allem singt seine Partie mit großer Glaubwürdigkeit und einer superb gestaltenden Stimme. Mit einer „Plätschkapp“ (Mütze) auf dem Kopf wird er von seinem Bruder am Ohrläppchen gezogen, gekniffen und malträtiert.

Die zauberhaften Geschicke im Reich des Alberich gestaltet Regisseur Gerd Heinz mit dunkel gekleideten Statisten, die mit schwarzen Tüchern die Protagonisten verschwinden, verkleinern oder vergrößern lassen. Der Wurm kommt in Form eines chinesischen Drachens auf Stäben, die von dunkler Menschenhand getragen werden daher. Die Kröte hängt am Stab mit schwarzer, sie führender Gestalt.

Als Alberich sich schließlich geschlagen geben muss und den Ring und dessen Macht verflucht, sich vor einer schäumenden kreisrunden Videoprojektion krümmt, erzeugt das Orchester mit einem rasanten Tempo und unerwarteter, sekundenlanger Pause eine Spannung, die man sonst nur bei Christian Thielemann in Bayreuths Graben wahrnehmen kann. Fantastisch, wie Frank Beermann in intensiven, langen Proben die Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie auf die akustischen Verhältnisse des Hauses und seine Interpretation eingestellt hat. Zu Recht erhalten Beermann und seine 80 Musiker am Ende tosenden Applaus.

Stadttheater Minden / Das Rheingold - hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Das Rheingold – hier : Nordwestdeutsche Philharmonie mit Dirigent Frank Beermann © Patrik Klein

Im Forte geht es wieder hinauf in die Götterwelt, wo die finale Szene mit der Weichenstellung für das Ende der Tetralogie stattfindet. Die Urmutter Erda, wiederum mit schwarzen Tüchern aus dem Nichts hervorgezaubert, erscheint im weißen Tüchergewand mit Gehstock und warnt die beteiligten Götter vor der Götterdämmerung. Janina Baechle, die deutsche Mezzosopranistin mit Erfahrungen an den großen Häusern Europas, gibt eine dunkel-warm-timbrierte Erda der Sonderklasse. Man darf sich angesichts dieser musikalischen Interpretation nur wundern, dass niemand in der Runde auf sie hören wird und das Ende absehbar kommt.

Das Finale mit erschlagenem Fasolt, ausgelöster Freia, Donners Hammerschlag und Einzug in Walhall auf dem Regenbogen, schlussendlicher Klage der Rheintöchter und  Bewertung durch Loge, gelingt in Minden musikalisch triumphal.

Das teilweise weit angereiste Publikum dankte allen Beteiligten mit nicht enden wollenden Beifallsbekundungen und offener herzlicher Freude an dieser nahezu übermenschlichen Leistung des Stadttheater Minden.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.05.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Das Rheingold – Richard Wagner

– Raub und Verschwörung –  Im Rheingold-Express und Untertage –

von Viktor Jarosch

Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Die Götterdämmerung bilden ein zeit- und grenzenloses Gesamtkunstwerk der Menschheit: Der Ring des Nibelungen, von seinem Schöpfer Richard Wagner als „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ beschrieben. Zwist und Streit, in welche Götter, Riesen, Naturwesen oder Zwerge in dem Vorabend, in Rheingold, nach wenigen Takten verfallen, begleiten Rheingold auch „auf Erden“: So vollzog Ludwig II die Uraufführung des Rheingold 1869 im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Gegen den Wunsch Richard Wagners, der weit entfernt in der Schweiz wohnte und nicht anwesend war. In bitteren Versen zeichnet Wagner 1869 seinen Frust über diese, allein von Ludwig II betriebene Uraufführung des Rheingold:

Das Rheingold – Richard Wagner

Spielt nur, ihr Nebelzwerge, mit dem Ringe,
wohl dien‘ es euch zu eurer Torheit Sold;
doch habet ach; euch wird der Reif zur Schlinge;
ihr kennt den Fluch; seht, ob er Schächern hold!
……..
doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe
bedeckt gar bald des Niblungs Nebelkappe!

Richard Wagners wahre, seine Uraufführung des Rheingold fand in Bayreuth, am 13. August 1876 statt: zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele, als Vorabend des Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, hier erstmals zyklisch aufgeführt.

So schwebt seither über jeder Rheingold Inszenierung auch der Geist des Regisseurs: inszeniert er Rheingold als Teil des Ring oder das Einzelkunstwerk. Zwar tauchen in Rheingold erstmals die großen Leitmotive auf, welche das Beziehungsgeflecht in Wagners Bühnenfestspiel symbolisieren, doch die Leitmotivik in Rheingold ist noch spielerisch, nicht dicht geflochten. Rheingold kann so auch Satyrspiel empfunden werden, in welchem, in musikalischem Konversationston, Götter, naive Naturwesen, Riesen, Zwerge, Rheintöchter oder, wie im MiR, verschlagene, brutale, liebevolle oder zickige Menschen handeln und  kommunizieren.

Im Musiktheater im Revier wird Rheingold nicht als MiR-Ring, nicht als zyklische Parabel inszeniert. Michael Schulz, Wagner-erfahrener Regisseur und Intendant des MiR beschließt mit seinem Rheingold eine Reihe von Inszenierungen, welche sich mit Irdischem, dem Ruhrgebiet, dem Bergbau, mit dem Thema „Arbeit“ auseinandersetzen. So zuvor bereits in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Mythos oder Götter schweben in seiner Inszenierung von Rheingold kaum spürbar mit, dafür aber Bergbau, Maloche, Grubenlampen, Loren und ein Zug.

Das Rheingold – Richard Wagner
youtube Trailer Musiktheater im Revier
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Projektionen begleiten im MiR das vier-minütige Rheingold- Vorspiel: sonnendurchflutete lichte Gewässer schimmern auf dem Prospekt des Theaters, deuten Mythisches an. Doch aller Mythos wird verdrängt, alles wird sehr irdisch, wenn sich zum ersten Bild der Vorhang hebt und das Innere eines langgezogenen Speisewagen mit Abteilen und Speisetheke (Bühnenbild: Heike Scheele) zeigt. Der Speisewagen im Rheingold-Express dominiert, irdisch wie profan, den langen ersten und zweiten Auftritt der Inszenierung; macht alle, Götter, Zwerge, Rheintöchter und Riesen zu menschlichen Wesen, liebende, grobe, tanzende wie hinterhältige. Das Diktum von Regisseur Schulz wird im ersten Bild brutal deutlich: Das Ruhrgebiet ist sichtbar nah; alles ist menschlich in dieser Inszenierung! Götter sind auch nur Menschen!

So lümmelt sich denn Alberich, in altbackener Kleidung und mit Pudelmütze (Kostüme Renée Listerdal) auf einer Sitzbank des Zuges. Die Rheintöchter tauchen nicht aus dem Rhein auf, sondern in knappem sexy Outfit hinter der Theke hervor: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Waglaweia!“ Ein Tabledance, von Woglinde lasziv an einer X-Pole-Stange vollzogen und mehr sollen den aus seinem Zugabteil herüber gekommenen Alberich („He, he! Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk“) verführen; alle verschwinden sie dann durch die Zugfenster, erscheinen wieder durch die Waggontüren. Zum Finale des 1. Auftritts, zum Raub des Goldes und den Klagen der Rheintöchter, „Haltet den Räuber! Rettet das Gold“, verfärben sich die projizierten lichten Gewässer im Hintergrund, werden trübe, verschmutzt; deuten den Mythos an, den Untergang von Göttern, Zwergen und Riesen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

So erscheint dann auch Wotan, männlich menschlich in elegantem Anzug mit Krawatte, im Rheingold-Express, Walhall besingend („Der Wonne seligen Saal bewache mit Tür und Tor …“).. um dann, ein gelungener Regieeinfall, mit den Riesen Fasolt und Fafner („Sanft schloß schlaf dein Auge..“) zunächst „aus dem Off“ zu kommunizieren. Dann erscheinen die Riesen als irdische muskelbepackte Riesen auf den Bühne, um ihren Lohn für den Bau von Walhall einzufordern. Die sich zickig sträubende Freia wird mit Grubenhelm versehen in einen Grubenaufzug gepresst.

Mit dem 3. Auftritt, Loge führt Wotan in das Halbdunkel des unterweltlichen Nibelheim. Der Rheingold – Mythos, Richard Wagners wunderbare Komposition scheinen nun ein wenig auf. werden vom Bühnenbild gestützt; auch wenn Mime dort mit einem Putzeimer herum läuft und auf seinem Plakat „Gold macht Lust“ irdische Genüsse propagiert. Wotan fährt in einer Lore in das Halbdunkel von Walhall ein, wo (das MiR – Thema „Arbeit“, Ruhrgebiet), stöhnende Erdlinge schuften, frühindustrielle Stahlproduktion andeuten. Kinder weihen Walhall fröhlich ein, irdisch Friedensfahnen winkend: Loges düstere Prophezeiungen kontrastierend. So bleibt Rheingold im MiR beständig irdisch, gutmenschlich wie böse: wenn dann Wotan den an Händen gefesselten Alberich mit einem Dolch ersticht, wenn Fasolt  Fafner mit eine Knüppel erschlägt, wenn Erda – in schickem Kostüm ganz Partylike – Wotan vor „. des Ringes Fluch ..“ warnt. Nicht mehr so irdisch verwebt sich das Bühnenbild in Projektionen, wenn zu Wagners wunderbar romantischer Dichtung „Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächt´ger Glut prangt glänzend die Burg..“ im Bühnenhintergrund Walhall in vielschichtiger Farbenglut andeuten und Wotan und Fricka, nun doch ein wenig göttlich, dort friedlich einziehen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Trotz Speisewagen, Loren, Ruhrgebiets-Realität und anderem Irdischen auf der Bühne: Richard Wagner verzaubernde Dichtung, seine Komposition brachte das Ensemble mit stimmlicher Vielfalt wie Pracht und gut lesbaren Übertexten zum Leuchten; Bastiaan Evering, von Beginn an ein bleibend souveräner Wotan, ist mit souverän wohltimbrierten Bass-Bariton und eleganter Erscheinung ein sympathischer Mensch.  Wotan im MiR ist kein Göttervater, der widerwillig auf den Ring verzichtet; er möchte seiner Ehefrau Fricka mit der neuen Wohnung in Walhall gefallen. Cornel Frey festigt als Loge in seiner großen Partie das Irdische der Inszenierung: mit darstellerischem Facettenreichtum und wohlverständlichem Charaktertenor ist Frey als Loge steuerndes, gestaltendes Element der Inszenierung. Urban Malmberg ist als Alberich in profane Kleidung mit Pudelmütze ein herzlos kleingeistiger Kapitalist, beständig und laut schimpfend. Während sich Khanyiso Gwenxane mit elegantem Belcanto als Froh und Piotr Prochera als stimmlich gut aufgelegtem Donner (immer mit schwerem Hammer bewehrt) wunderbar ergänzen. Petra Schmidt ist die zickige Freia, Lohn für die körperlich breit ausstaffierten und stimmlich ebenso sicheren Riesen Fasolt (Joachim Gabriel Maaß und Fafner (Michael Heine). Stark, bewundernswert Almuth Herbst mit sicherem Mezzo in ihren Partien als Fricka und Erda: mit wohltimbrierter Gelassenheit, Persönlichkeit eigenen Charakter verleihend.

Giuliano Betta und die Neue Philharmonie Westfalen lassen Richard Wagners klangliche Momente des Rheingold lyrisch leben. Die wagnersche Dichtung, seine packenden Konversationspassagen kommen durch das sensible Dirigat und ein gut eingestelltes Ensemble wohltuend zur Geltung. So könnte man ein wenig glauben, daß im MiR das Irdische der Inszenierung und der Weltgeist der Komposition verschmitzt miteinander kokettieren.

Das Gelsenkirchener Publikum des MiR, in der Mitte des Ruhrgebiets gelegen, feierte diese Sicht des  Rheingold, ihren Rheingold-Express, ihr Ensemble, ihren Regisseur.

Das Rheingold am Musiktheater im Revier; die weiteren Vorstellungen: 30.5.; 2.6.; 9.6.; 20.6.; 30.6.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Mainz, Staatstheater Mainz, Premiere DER RING AN EINEM ABEND, 09.09.2018

August 4, 2018 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

DER RING AN EINEM ABEND
von Loriot / Richard Wagner
Premiere am 9. September um 18 Uhr im Großen Haus

Zu leichtsinnig haben die Rheintöchter Alberich ein gut gehütetes Geheimnis verraten: Endlose Macht über die Welt fällt demjenigen zu, der der Liebe entsagt und das Rheingold zu einem Ring schmiedet. Alberich zögert nicht, er verflucht die Liebe und entreißt den Töchtern das Gold. Die Konsequenz sind drei weitere aufwändige Opern und gut fünfzehn Stunden Musik. Loriot, einer der größten Opernkenner und -liebhaber, hat Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen um etwa zwölf Stunden gekürzt und mit seinem unverwechselbaren Humor angereichert. Mit einem Augenzwinkern führt er durch Wagners Heldenepos vom berühmten Vorspiel auf dem Grund des Rheins über Siegfrieds Duell mit dem Drachen bis zum Brand der Götterburg Walhall. Dabei erzählt er auch von Wotans Ehekrise, stellt Brünnhilde mit ihren acht Halbschwestern vor und zeigt, dass „die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte eigentlich ganz nette Leute sind“. Dazu erklingt Musik aus Richard Wagners Partituren, gesungen von Mitgliedern des Opernensembles.

Das Philharmonische Staatsorchester spielt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Hermann Bäumer, den Part des Sprechers übernimmt Max Hopp. Der Berliner Schauspieler arbeitet sowohl am Theater als auch für Film und Fernsehen. Wichtige Arbeiten entstanden mit Regisseuren wie Dimiter Gotscheff, Frank Castorf, Christoph Marthaler und in den letzten Jahren auch im Musiktheater mit Barrie Kosky.

Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Einrichtung und Ausstattung: Erik Raskopf
Dramaturgie: Christin Hagemann
Licht: Peter Meier
Sprecher: Max Hopp
Woglinde: Dorin Rahardja
Wellgunde: Eva Bauchmüller
Floßhilde: Katja Ladentin
Alberich / Gunther: Peter Felix Bauer
Fricka: Linda Sommerhage
Wotan / Wanderer: Derrick Ballard
Loge / Siegfried: Alexander Spemann

Siegmund: Lars-Oliver Rühl
Sieglinde / Gutrune: Vida Mikneviciute
Brünnhilde: Daniela Köhler
Mime: Karsten Münster
Hagen: Stephan Bootz
Mitglieder des Herrenchors des Staatstheater Mainz
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

weitere Spieltermine: 16.9., 3., 27.10., 3. und 14.11.

 

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Wagners Tetralogie – Die Walküre, IOCO Kritik, 26.03.2018

März 26, 2018 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Die Walküre – Richard Wagner

 Tetralogie – Der Ring des Nibelungen im Theater Chemnitz

Von Patrik Klein

Die Vorgeschichte:   Vier Abende, vier Opern, vier Regisseurinnen und eine der größten Herausforderungen im Musiktheater überhaupt: Das Theater Chemnitz stellt sich in diesem Jahr Richard Wagners gewaltiger Tetralogie Der Ring des Nibelungen.

Vier Regisseurinnen schmieden Richard Wagners gewaltiges Werk

Es sind oft die Frauen, die in dem Drama der Unvereinbarkeit von Macht und Liebe die Handlungsstränge entscheidend weitertreiben und beeinflussen. Sie wirken in unterschiedlichster Weise auf die mächtigsten Männer in der Tetralogie und sorgen somit für die Entwicklung und auch das Ende der Tragödie. Ob Erdas Rolle als Weltenordnungshüterin, der Rheintöchters gebaren um den Schatz, Freias Bedeutung für das Fortleben der Götter, Frickas zurechtweisen ihres Gatten vor der Duldung des Inzests oder Brünnhildes Ungehorsam gegenüber ihrem Vater. Gutrune schließlich wird die einzige Überlebende in der Götterdämmerung sein.
Am Theater Chemnitz nehmen sich vier Regisseurinnen der Tetralogie an. Verena Stoiber, Monique Wagemakers, Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler werden die vier Teile aus ihrer sehr individuellen Sichtweise gestalten.

Dem Vorabend   Das Rheingold  – folgt –  Der erste Tag  Die Walküre
– Als spannendes Familiendrama inszeniert –

Verena Stoibers Inszenierung des Vorabends mit Rheingold erhielt vor rund acht Wochen in der Premiere ein gemischtes Echo für die Interpretation und einhelligen Jubel für die musikalischen Ergebnisse. Die Geschichte um die drei Rheintöchter, Alberichs Liebesverzicht und Geldgier, Wotans Götterwelt mit Machtanspruch und Zukunftsplanung gestaltete Verena Stoiber als modernes Schurkenstück mit sittenwidrigem Bauvertrag und üblem Korruptionsgehabe. In der auf aktualisierende Akzente setzenden Interpretation blieb die Urmutter Erda als einzige Protagonistin integer. Sie warnte die Machtinnehabenden eindringlich vor der unstillbaren Gier nach mehr Reichtum, Macht und Rendite. Die Leistung des gesamten Ensembles incl. dem überragenden Orchester der Robert-Schumann-Philharmonie unter dem Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo wurden bei der vergangenen Premiere einhellig gefeiert.
Umso gespannter ist man in Chemnitz nun auf den Ersten Tag des Musikdramas Die Walküre, die mit einer weiteren Frau als Regisseurin aufwartet; der aus den Niederlanden stammenden Monique Wagemakers.

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Foto oben, von links Wotan  Aris Argiris, Brünnhilde Dara Hobbs, Walküren Guibee Yang, Regine Sturm, Jana Büchner, Anne Schuldt, Susanne Müller-Kaden, Diana Selma Krauss, Nathalie Senf und Alexandra Sherman; Foto Kirsten Nijhof

Handlung:
Richard Wagners Werk Die Walküre wurde gegen seinen Willen am 26.6.1870 in München uraufgeführt auf Geheiß des König Ludwig, der nicht auf die von Wagner geplante zyklische Aufführung in Bayreuth warten wollte. Die Vorgeschichte, oder dass was nach dem Rheingold passiert: Im Raum steht der von Urmutter Erda angekündigte Untergang der Götter. Der Testosteron-gesteuerte Wotan löst das Problem auf seine Weise. Er versucht von Erda den genauen Ablauf der Götterdämmerung zu erfahren und zeugt nebenbei mit ihr neun Töchter, von denen Brünnhilde sich zu seiner Lieblingstochter entwickelt. Sie verbindet Erdas Weisheit mit Wotans Stärke. Da aber von Alberich Gefahr droht, macht sich Wotan als ewiger Wanderer (erkennbar an der aufgemalten Augenklappe) auf den Weg, gründet mit einer Menschenfrau eine neue Familie, die Wälsungen, die er nach der Geburt der Zwillinge Siegmund und Sieglinde verlässt. Schon früh werden die Zwillinge getrennt und wachsen in feindlichen Lagern auf. Sieglinde wird später an Hunding verschachert. Siegmund kann aus der Gefangenschaft fliehen. Die Handlung von Die Walküre ist eigentlich rasch erzählt: „Siegmund und Sieglinde verlieben sich ineinander. Siegmund zieht das Schwert aus der Esche. Wotan zerstreitet sich mit seiner Frau Fricka und muss Siegmunds Schwert mit seinem Speer zerbrechen und den Widersacher Hunding töten. Brünnhilde rettet Sieglinde. Dafür bestraft Wotan Brünnhilde mit magischem Schlaf“. (Stefan Mickisch in einem Vortrag über das Werk)

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Fot oben; von links: Siegmund Zoltán Nyári, Hunding Magnus Piontek, Foto Kirsten Nijhof

Regisseurin Monique Wagemakers – Sichtweise:
Nach über vier Stunden äußerst spannendem Musiktheater, als Wotan Loge rief, um Brünnhilde mit Feuerzauber zu umsäumen, die wunderbare Schlussmusik erklingt, der Göttervater ganz langsam zur Hinterbühne schreitet, kommt ihm der kleine Junge, sein letzter Hoffnungsträger Siegfried entgegen. Wotan streift ihm die Hand über sein Köpfchen, verschwindet im Hintergrund, während dem die letzten Noten erklingen und sich der Vorhang schließt.
Monique Wagemakers ist eine erfahrene Regisseurin aus den Niederlanden, die an vielen europäischen Bühnen Aufsehen erregte. Mit dem berühmten Harry Kupfer hat sie gerne und häufig zusammengearbeitet und dessen Produktionen für die Nederlandse Opera neu einstudierte. Für die Inszenierung von Madama Butterfly an der Staatsoper Stuttgart im Jahr 2006 wurde sie vom Magazin Opernwelt als Regisseurin des Jahres nominiert.
In Chemnitz arbeitet sie zum ersten Mal und bringt ihre persönliche Sichtweise von Wagners Werk auf die Bühne. Gemeinsam mit ihrem Team, Bühne Claudia Weinhart, Kostüme Erika Landertinger, Dramaturgie Lucas Reuter, Susanne Holfter, gelingt ihr eine aufgeräumte und gleichzeitig höchst spannende Interpretation, frei jeder aktuellpolitischen Montage ohne Symbole wie Schwert Nothung, Speer und Feuerzauber mit lodernden Flammen. Man erlebt ein intensives, auf Wagners Musik und Text fokussiertes, farbiges Familiendrama, das mit recht einfachen aber wirkungsvollen Mitteln die Personen und die Widersprüchlichkeit der Charaktere mit ihren zahlreichen Facetten in den Mittelpunkt rückt.

Ein wesentlicher Bestandteil des Bühnenbildes ist ein mit romanischen Bögen versehenes, Walhall andeutendes Gebilde, welches drehbar im Zentrum der Bühne zu sehen ist und für alle drei Aufzüge unterschiedlich postiert werden kann. Es hat bereits Risse und weitere Teile werden im Laufe des Abends herunterfallen. Auf transparenten Vorhängen werden Videoanimationen fein dosiert und stimmig hinzugefügt. Im ersten Aufzug zum Beispiel entwickelt sich bühnenportalgroß ein Stammquerschnitt der Weltesche; zum dritten Aufzug wird diese Weltesche von innen heraus rabenschwarz und leitet den Walkürenritt ein. Mit großartigem Licht wird der aufkommende Lenz im ersten Aufzug angedeutet, indem die Säulen der Bogenkonstruktion hell erleuchten. Der transparente Vorhang wird ganz intensiv als Stilmittel eingesetzt. Er verdeckt, er verklärt, er trennt, er hellt auf, er schwebt zwischen Wotan und Brünnhilde und hebt Gemeinsamkeiten hervor. Zum Schluss wird mit ihm und den wunderbaren 8 Walküren der Feuerzauber gebildet, wo Wotan und Brünnhilde wie im Zentrum einer Muschelschale ihren Schicksalen entgegensehen. Die Kostüme der Beteiligten sind häufig in Pastellfarben getaucht. Wotan mit tiefem Ausschnitt im blauen, schweren Ledermantel mit aufgemaltem, schwarzen linken Auge. Hunding erscheint im wilden Fellmantel, kahlgeschoren und barbrüstig, Barbarossa ähnelnd. Siegmund kommt im ockerfarbenen Schlabbermantel. Die Damen tragen reifrockähnliche Gewänder mit Reiterhelmen und Walkürenbrustschilden. Die Führung der Personen mit ihren unterschiedlichen Charakteren findet in ganz hervorragender Weise statt. Auch wenn sich vieles direkt an der Rampe abspielt, so sind aber gerade deshalb die vielen Nuancen der Gefühle, der Machtbesessenheit, der Verzweiflung und der Liebe durch intensives Spiel der Protagonisten erkennbar und unter die Haut gehend.

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Foto oben; links – Siegmund Zoltán Nyári, Sieglinde Christiane Kohl; Foto Kirsten Nijhof

Die Musik:
Unter der Leitung des aus Halle stammenden ersten Kapellmeisters und stellv. Generalmusikdirektors Felix Bender kann das Orchester der Robert Schumann Philharmonie am Premierenabend einen wunderbar luftigen, imposanten mit meist moderaten bis gezügelten Tempi und vielschichtiger Klangschönheit versehenen Wagner präsentieren, für den es sich lohnt eine weite Anreise nach Chemnitz anzutreten. Winzige Unsauberkeiten im Blech trüben das Gesamtbild kaum.
Nicht oft genug kann man die Qualität und das Preis-Genussverhältnis der kleinen und mittleren Opernhäuser in Deutschland lobend erwähnen. Die Sängerinnen und Sänger am Premierenabend waren durchweg auf mehr als beachtlichem Niveau, ja vielleicht ganz ohne Enthusiasmus sogar auf Festspielniveau. Stimmschönheit, Textverständlichkeit und Klangfülle im Opernhaus in Chemnitz waren ein überragendes Vergnügen.
In der Sturmtonart D-Moll mit Verweisen auf das Rheingold mit dem Donnermotiv wird Siegmund musikalisch in die „Hütte“ gelenkt zu Sieglinde und Hunding. Das Orchester der Robert Schumann Philharmonie unter seinem jungen Dirigenten Felix Bender spielt die komplementäre Komposition mit dem Drama der Liebe von Sieglinde und Siegmund mit großer Sorgfalt und Empathie für die beteiligten Musiker, Sängerinnen und Sänger. Er führt bereits im Vorspiel mit dem Liebeslied des Lenzes, fast italienisch anmutend die beiden Liebenden zusammen.

Die Minneterzen funktionieren wunderbar als Kennzeichnung des Schicksals der beiden. Die unendlichen Gefühle der Sehnsucht mit der Komposition der unendlichen Melodie geraten ganz besonders „italienisch“ bei den „Winterstürmen wichen dem Wonnemond“, das sicher und mit viel Kern in der Stimme vom Siegmund des Zoltán Nyári gesungen wird. Der ungarische Tenor ist seit 1996 Mitglied des Operetta Theater Budapest, dessen Tourneen ihn unter anderem nach Deutschland, in die Niederlande, in die USA und nach Japan führten. Nachdem er zahlreiche Preise gewonnen hat, gastiert Zoltán Nyári an der Semperoper Dresden, der Oper Frankfurt, beim Budapester Frühlingsfestival und an der Oper Graz. Dort gab er u.a. sein Debüt als Tristan in Wagners Tristan und Isolde. In der neuen Spielzeit 2017/2018 debütiert Zoltán Nyári als Siegmund am Staatstheater Oldenburg sowie nun am Theater Chemnitz.

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner © Kirsten Nijhof

Foto oben: links Fricka Monika Bohinec, Wotan Aris Argiris; Foto Kirsten Nijhof

„Ich weiß ein wildes Geschlecht“ erklingt von Hunding (Magnus Piontek) mit prachtvoller, mächtiger und rabenschwarzer Stimme. Der aus Bonn stammende Bass gehörte von 2013 bis 2015 zum Ensemble des Nationaltheaters Mannheim und wechselte dann an die Bühnen in Gera/Altenburg. An der Semperoper gastierte er in La Traviata und Eugen Onegin. Mit Beginn der Spielzeit 2016/2017 gehört er zum Solistenensemble der Oper Chemnitz.

Ohne die oft übliche Schwertziehung, Siegmund fleht mit offenen Armen seinen Vater an, folgt dem C-Dur der Schrei der Sieglinde. Christiane Kohl singt die Sieglinde zunächst mit fein dosierter lyrisch anmutender Stimme, die aber dann mühelos nach Belieben kraftvoll und mit tragender Substanz das Haus bis auf den letzten Winkel auslotet. Die aus Frankfurt stammende Sopranistin war engagiert am Opernhaus Zürich, Dortmund, Basel, Kiel, Klagenfurt, Frankfurt, Berlin, der Semperoper in Dresden sowie am Théâtre des Champs-Élysées Paris. 2009 gab sie als Woglinde und Waldvogel sowie als erstes Blumenmädchen ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen, an denen sie seitdem regelmäßig teilnimmt.

Im großartigen Finale des ersten Aufzugs ist die Musik eindeutig, denn hier wird von Sieglinde und Siegmund Siegfried gezeugt, wenn wie bei Wagner vorgeschrieben der Vorhang sehr schnell fällt.

Im zweiten Aufzug erklingt bereits im Vorspiel viel Wichtiges. Einprägsame und wuchtige Fluchtmusik erklingt mit dem Schwertmotiv, der Vorahnung der Walküre, die noch gar nicht erschienen ist, der Liebe in Not (wie bei Freia im Rheingold in Not vor den Riesen), mit ersten Hinweisen auf Brünnhildes „Hoiotoho“ und an eine „Leopard 2“ Geräuschkulisse erinnernde, erscheinende kämpfende Brünnhilde in C-Moll. In der Diskussion zwischen Fricka, der Hüterin des Vergangenen mit traditionsbewusster Weltsicht und ihrem Mann Wotan, wird der dramatische Konflikt, in dem die beiden stecken, besonders deutlich. Wotan verliert Siegmund, Fricka verlässt die Situation feierlich erhobenen Hauptes. Der Zwist endet in Es- Moll und führt musikalisch zum Untergang in der Götterdämmerung. Wotan will auch nicht mehr, weil er weiß, dass Alberich den Sohn Hagen zeugte. Die Frustration endet mit dem verstärkten, aber kaum erkennbaren Walhallmotiv in Moll. Monika Bohinec tritt mit feuerrotem langen Haar und einem reifrockähnlichen Gewand in Erscheinung und keift ihren Gatten an, gefälligst nach Recht und Ordnung zu handeln. Sie singt ihre Partie mühelos mit schön dunkel gefärbtem Timbre und kerniger Höhe. Die in Slowenien geborene Mezzosopranistin ist Mitglied des Ensembles der Wiener Staatsoper. Gastspiele führten sie zu den Salzburger Festspielen, in den Wiener Musikverein und ans Staatstheatertheater am Gärtnerplatz in München. Sie sang u.a. bereits die Ortrud in Wagners Lohengrin in Neuschwanstein und die Brangäne in Wagners Tristan und Isolde in Australien.

Bei der Todesverkündung durch Wotan erklingt wunderbar gespielt vom Orchester das Schicksalsmotiv mit schönen, offenen Dominantseptakkorden. Im Des-Dur des Wallhallmotives soll Siegmund dorthin gelangen. Brünnhilde zeigt ihr „menschliches“ Herz, da sie sich von Siegmund überzeugen lässt, dass es höhere Werte gibt, als in Walhall zu sitzen. Siegmund fällt und gibt die Kraft weiter an Siegfried.

Der dritte Aufzug nimmt in neun musikalischen Schleifen (eine für Brünnhilde und acht für die übrigen Walküren) im berühmten Ritt musikalisch Fahrt auf. Das H-Moll klingt als dämonische Tonart wie bei Klingsor im Parsifal und drückt die Wildheit und Kraft auf der Bühne aus. Es klingt, als ob die Hufe der Pferde nur ganz vorsichtig Land betreten. Erst allmählich kommen sie auf die Erde herunter. Das komponierte Pferdegewieher und die Verfolgung Wotans mit seinem achtfüßigen Pferd Sleibnir, dem schwächeren Pferd Grane der Brünnhilde hinterher hetzend, setzt das Orchester aufregend und unter die Haut gehend um. Die acht Walküren werden sehr schön gesungen und gespielt von Guibee Yang, Regine Sturm, Jana Büchner, Anne Schuldt, Susanne Müller-Kaden, Diana Selma Krauss, Nathalie Senf und Alexandra Sherman.

In der Begegnung der Brünnhilde mit Sieglinde hört man bereits das gut erkennbare Siegfriedmotiv, das mit strahlender, unschuldiger Zukunftshoffnung in G-Dur die Handlung weitertreibt. Das Göttliche in Brünnhilde wehrt sich gegen den Bann des Wotans mit ihrem Klagegesang. „Hier bin ich Vater“ und „War es so schmählich, was ich verbrach?“ erklingt in der Klagetonart E-Moll ohne Erfolg beim Gottvater und deshalb auch nicht ins Dur-Geschehen mündend. Dennoch hat sie es beinahe geschafft, ihren Vater zu überzeugen, um ihm die Liebe ins Herz zu hauchen und so zu tun, wie er es eigentlich selbst gerne wollte. Brünnhilde wird von Dara Hobbs in allen Belangen mit Bravour, schöner Stimmführung, kraftvollen Ausbrüchen sowie feinen, leisen Passagen höchst emotional gesungen. Die amerikanische Sopranistin war von 2007 bis 2012 Ensemblemitglied des Theaters Krefeld-Mönchengladbach. Seit 2012 ist sie freiberuflich tätig und sang u. a. an der Oper Leipzig, der Staatsoper Hannover, der Deutschen Oper am Rhein, der Oper Frankfurt, der Kieler Oper, am Theater Gera und am Fundação Calouste Gulbenkian in Lissabon. Bei den Bayreuther Festspielen sang sie 2013 und 2014 die Partie der Ortlinde (Die Walküre).

Wotan nimmt den Wunsch von Brünnhilde auf, denn sie fordert den Schutz und die Wahrung des Göttlichen, indem er den Feuerkreis in Form des beschriebenen transparenten Vorhangs um sie schließt. Loge entfacht das Feuerzaubermotiv. Der Schmerz über die Trennung lässt die Tragik des Gottes erkennen. In der Liebestonart E-Dur ganz nah an Bruckners siebenter Sinfonie steht Wotan als das größte Opfer dieser Trennung zwischen Vater und Tochter. Das Abschiedsthema erklingt macht- und schmerzvoll zugleich. Wotan schützt seine Tochter Brünnhilde mit dem Feuerkreis und beherrscht noch den Kosmos. Die alte Ordnung soll noch geschützt werden, bis Siegfried kommt und das Werk vollendet. Aris Argiris, der in Athen geborene Bassbariton, unterwegs auf den großen Bühnen in Europa und Nordamerika, gibt sein vollständiges, überragendes Debut des Wotans als erster Grieche überhaupt. Fragmentarisch sang er die Partie bereits mit großem Erfolg an dem Theater an der Wien, wo vor einigen Monaten eine Ringtrilogie in gekürzter und neustrukturierter Fassung gegeben wurde. Vom italienischen und französischen Fach kommend, ergänzte er bereits vor einiger Zeit sein Repertoire als Herrscher in Korngolds Wunder der Heliane in Freiburg mit dem deutsch-dramatischen Fach. Sein Wotan besticht in Chemnitz durch eine schier unglaubliche Energie, Spielfreude, eine tief berührende Zerrissenheit als Gatte und Göttervater mit Machtansprüchen und Liebesbedürfnis. Wunderbar die Text-verständlichkeit, die Fähigkeit zu modulieren und eine Spannweite zwischen „leisest“ und „lautest“ aufzuspannen, die einem den Atem rauben kann. Er gestaltet die Partie mit feinster Schwärze, kernigem Metall und berührt damit eindringlich das begeisterte und ihn besonders feiernde Publikum im Theater Chemnitz. Man darf gespannt sein auf die Weiterentwicklung seines Rollenportfolios.

Als der Vorhang fällt herrscht etliche Sekunden atemlose Stille. Doch dann erhebt sich ein  andauernder Orkan des Jubels im Theater Chemnitz. Der frenetische Applaus des Publikums gilt allen Beteiligten, eingeschlossen die wunderbare Interpretation durch das Regieteam um Monique Wagemakers.

 Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner hier Ensemble zum Applaus © Patrik Klein

Theater Chemnitz / Die Walküre von Richard Wagner hier Ensemble zum Applaus © Patrik Klein

Die Walküre am Theater Chemnitz; weitere Vorstellungen… 02.04.2018 | 22.04.2018 | 01.05.2018 | 27.05.2018 | 12.01.2019 | 19.04.2019 | 01.06.2019

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