Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.08.2019

August 9, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Lohengrin – Richard Wagner

– Aufregende Besetzungs-Scharade –

von Ingrid Freiberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Lohengrin ist die wohl schönste (und nach Wagners eigenen Worten „allertraurigste“) Oper des Meisters. Während seiner Beschäftigung mit Tannhäuser fand Richard Wagner zum mittelalterlichen Stoff in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival und erkannte in dem strahlenden Ritter sich selbst als einen von Gott gesandten und von der öden Welt missverstandenen Künstler. So lässt sich Lohengrin auch als Seelen- und Künstlerdrama begreifen. Das Frageverbot Lohengrins kommt geradezu dem göttlichen Verbot des Genusses der Früchte vom Baum der Erkenntnis im Alten Testament gleich. Indem Elsa das Verbot bricht, landet Wagner einmal mehr bei der Ur-Schuld des Weibes. Elsas Gegenspielerin Ortrud ergeht es durch Wagners Behandlung auch nicht besser: Mit ihrer Zerstörung verweigert Richard Wagner, ein reaktionärer Anhänger der „Revolution von oben“,  den Frauen jegliches Recht auf Einmischung in Politik und Kunst.

Bayreuth 2018 – Lohengrin – Interview mit Regisseur Yuval Sharon
youtube Trailer der Bayreuther Festspiele 2018
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Die Uraufführung des Lohengrin, 1850 in Weimar, wurde von Wagners späteren Schwiegervater Franz Liszt geleitet. In Weimar konnte der Komponist nicht beiwohnen, da er wegen Mitbeteiligung an den revolutionären Aufständen steckbrieflich gesucht wurde und sich ins Schweizer Exil begeben hatte. Erst 1861 erlebte er erstmals eine (unbefriedigende) Aufführung des Lohengrin in Wien.

Erlösung – durch Lohengrin, den Sohn des Parzival

Eine in Bedrängnis geratene Thronerbin, eine verleumderische Gegenspielerin, ihr willfähriger Gemahl und ein König aus alter deutscher Zeit – das sind die Beteiligten an einem Konflikt, der nicht nach Lösung, sondern nach Erlösung verlangt. Diese soll der Schwanenritter Lohengrin, der Sohn Parzivals, bewirken, ausgesandt vom heiligen Gral, um der des Brudermordes angeklagten Elsa von Brabant in einem Gottesgericht beizustehen. Die Bedingung dafür ist Vertrauen. „Nie sollst du mich befragen“, fordert Lohengrin von seiner Schutzbefohlenen.

Schon das Vorspiel zum ersten Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners.Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt… für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz) Obwohl das Drama ganz vom Text her erschlossen und musikalisch durchgestaltet ist, lassen sich in der durchkomponierten Großform eingebettete „Nummern“ erkennen, wie Elsas Traumerzählung „Einsam in trüben Tagen“, Elsas Szene „Euch Lüften, die mein Klagen“ und das anschließende Duett mit Ortrud, das in der unübertrefflich schönen Phrase endet „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ “, der Brautchor im dritten Akt, die Liebesszene im Brautgemach „Wir sind allein“ und Lohengrins Gralserzählung „In fernem Land“.

Elsa – emanzipiert von männlichen Dogmen und Ritualen

Für das Regiekonzept von Yuval Sharon sind vor allem die starken Frauenfiguren, Elsa und Ortrud, prägend und wie diese sich von blindem Gehorsam emanzipieren können. Er versucht darzulegen, wie verführbar Menschen durch Religion und Spiritualität sind, inwieweit leben sie sie oder lassen sie sich durch spirituelle Führer verführen? Verkörpert am Ende eine neue Generation in Gestalt von Elsas Bruder Gottfried die Hoffnung auf eine bessere Welt?

Dieser Konflikt zeigt sich schon in der ersten Szene mit König Heinrich. Der erste Satz des Chors ist „Wir geben Fried und Folge dem Gebot“. Ein Scheingericht gegen Elsa schließt sich an. Im 1. Aufzug erscheint Lohengrin noch zweifelsfrei positiv und rettet sie. Je länger Lohengrin in dieser Welt bleibt, desto korrumpierbarer und schmutziger wird er –  bis Elsa das am Ende nicht mehr aushalten kann und das Frageverbot missachtet. Das ist laut Yuval Sharon eine mutige tapfere Tat – ein Aufbegehren, nicht zerstörerische Neugier… Der durch Neo Rauch und Rosa Loy stark vorgegebene Rahmen führt allerdings zu einer etwas statuarischen Inszenierung, liefert eine Traumatmosphäre, das Unterbewusstsein zeigt skurrile Bilder…

 Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Versinken in ein Gemälde

Obwohl Neo Rauch, ein international erfolgreicher deutscher Maler und der bedeutendste Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, zusammen mit Rosa Loy, die sich mit dem Mysterium der Frau, der neuen Weiblichkeit und der neuen Romantik beschäftigt, noch nie ein Bühnenbild bzw. Kostüme für ein Theater kreiert haben, tragen beide diese Produktion entscheidend mit. Für Bühnenbild und Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck zu kreieren… und romantisch blaue Wolkenformationen und Landschaftsszenerien zu malen. Mitten auf der Bühne steht – surreal – ein verlassenes Umspannwerk. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf… Das Versinken in das Gemälde lässt der Musik Wagners nachhaltigen Raum. Ein wohltuendes Erlebnis in der oft mit Videos überfrachteten Theaterszene.

Aufregende Besetzungs-Scharade

Die Wiederaufnahme des Bayreuther Lohengrin 2019 wartet mit einem Novum auf: Lohengrin und Elsa sind in dieser Saison doppelt besetzt. Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, sieht dies als positiven Wettbewerb. Letztes Jahr gab es große Anerkennung für Piotr Beczala, der für Roberto Alagna eingesprungen war. 2019 singt er wieder, aber nicht alle Vorstellungen. Klaus Florian Vogt, der in Bayreuth „die Institution Lohengrin“ schlechthin ist, teilt sich mit ihm die Auftritte. Das hat durchaus Reizvolles. Die Partie der Elsa sollte ursprünglich Krassimira Stoyanova singen, die erkrankte; für sie wurde Camilla Nylund gefunden. Für zwei Vorstellungen war Anna Netrebko verpflichtet, die jedoch kurzfristig absagte… Die Scharade geht noch weiter: Annette Dasch wird nun in zwei Aufführungen die Elsa singen und Thomas J. Mayer ersetzt den erkrankten Tomasz Konieczny als Telramund. Und damit der Aufregung nicht genug, Elena Zhidkova ersetzt Elena Pankratova als Ortrud. Christian Thielemann sprach zu Beginn der Festspiele von einer „Super-Werkstatt Lohengrin, das hat sich nun in aufregender wie überraschender Hinsicht bewahrheitet!

Trotz aller Widrigkeiten lässt sich über die Aufführung am 3. August 2019 fast ausnahmslos in den höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizieren auf beeindruckendem Niveau und verbinden sich zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf. Trotz der Umbesetzungen ist dieser Abend ein Fest!

Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als wortprägnanter König Heinrich in der vordersten Liga, veredelte mit balsamischem sonoren Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Tenor von Klaus Florian Vogt ist voluminöser geworden, mit durchaus sensiblen Seiten, schwankend zwischen Machismo-Ansprüchen an das männliche Geschlecht und einem Hauch von Selbstzweifeln, eine stimmlich und darstellerisch hervorragend gelungene Durchdringung des eben nicht nur edlen Charakters des Titelhelden. Er ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Leistung kulminiert in einer fantastisch klar intonierten Gralserzählung gegen Ende des dritten Aufzugs. Seine Stimme klingt viril und kann durchaus autoritär das Frageverbot verkünden oder sich als Führer der Brabanter ausrufen. Man hört die „heldischen“ Passagen selten so klangschön. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, seine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre, seine Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch-dramatischen Ausbrüchen beglücken. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der als missbrauchte Reflektionsfigur an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert. Vogts „In fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends.

Sechs gestandene Wagner-Sänger*innen teilen sich im Lohengrin die Hauptrollen. Neu im Ensemble und erst kurz vor der Wiederaufnahme eingesprungen ist Camilla Nylund als Elsa. In der Traumerzählung überzeugt sie mit berührend zarten Farben. Sie singt die Partie mit berückend schönem, ganz leicht eingedunkeltem Timbre. Strahlend und licht schwingt sich ihre wunderbar sicher geführte Sopranstimme auf, brilliert im Duett mit Ortrud und in der Brautgemachszene mit Lohengrin mit berührender Intensität, einer Intensität, die sie auch in der Darstellung erreicht.

Ortrud – Elena Zhidkova ist ein Glücksgriff

Vor Vorstellungsbeginn wird mitgeteilt, dass Elena Zhidkova – nach kurzer Einweisung – die Rolle der Ortrud übernimmt und nicht, wie zuvor angekündigt .Elena Pankratova. Elena Zhidkova ist  ein absoluter „Glücksgriff“! Mit großer stimmlicher Attacke porträtiert sie Ortrud als intrigante, machtgeile, giftige Gegenspielerin von Elsa von Brabant. Sie ist die dunkle Zauberin, die Kämpferin gegen das von Lohengrin verkörperte Patriarchat und verleiht dieser Figur eine ungemein packende Größe und Kraft. Überwältigend, mit punktgenau geführter Stimme und wohl dosierten dramatischen Ausbrüchen schleimt sie sich bei Elsa ein, um deren Psyche mit ihrem Gift durchtränken zu können. Dabei gestaltet sie ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Egils Silins singt an diesem Abend Heerrufer und Telramund

Mit „Seht da, den Herzog von Brabant!“ ruft Egils Silins, ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs, klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter auf. Ausdrucksvoll, mit kernig-kräftigem Bariton, zuweilen auch mit ungewöhnlich hintergründigen Tönen, verleiht er der Figur mehr Charakter als üblich. Er wird zum „Hasardeur“, als er im 2. Aufzug eine zusätzliche Aufgabe übernimmt und den inzwischen gänzlich indisponierten Tomasz Konieczny covert. Bereits mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, dass du zu richten kamst…“ lässt dieser wunderbar dramatische Bassbariton erkennen, dass er Probleme mit seiner Stimme hat. Egils Silins übernimmt die Rolle des Friedrich von Telramund. Den gelungenen Wechsel unterstützt auch das märchenhafte Bühnenbild: Kaum sichtbar und vollkommen überzeugend kann Silins, der immer mehr Tiefe bekommt und dabei durch sein völlig akzentfreies Deutsch besticht, übernehmen. Er ist ein geifernder Bösewicht wie aus dem Bilderbuch… und fängt das Malheur mit Bravour auf.

Der Chor der Bayreuther Festspiele (134 Personen!) überzeugt einmal mehr unter seinem langjährigen Leiter Eberhard Friedrich ohne jeden Abstrich, wird auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht und ist eine der tragenden Säulen der Aufführung…

Vollkommener Wagner-Klang

Silbrig-ätherische Klänge kann er ebenso zaubern wie atemberaubende Steigerungen: Christian Thielemann kennt – und kann seinen Wagner. Das zeigt sich gleich im Lohengrin-Vorspiel mit seiner mystischen Grals-Atmosphäre. Wie kein Zweiter beherrscht Thielemann die Finessen und Tücken der Bayreuther Akustik. Zwischen Debussy-hafter Zartheit und staatstragendem Pomp bietet sein Lohengrin perfekten Wagner-Klang. Das bestens vorbereitete Festspielorchester ist auf seinen Musikdirektor eingeschworen, bietet ihm lyrische Streichergesänge, warmes Holz und rundes, strahlkräftiges Blech. Wann hätte man die Bühnenmusik bei Wagner je so perfekt erlebt wie hier? Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau-silberner Schönheit leuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten piani – wie hingetupft – bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit welch souverän unverkrampfter Lust sich Thielemann in das Wagner-Abenteuer begibt, ist eine Freude.

Minutenlanger, einhelliger Applaus mit dem in Bayreuth üblichen euphorischen „Getrampel“ zeigen, dass auch kulinarische Inszenierungen ihren Platz in den Herzen der Wagnerianer finden können.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.11.2018

November 27, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 „Wen sollen wir fragen, wem vertrauen?“ –   Die Lohengrin Inszenierung gibt viel zu sehen, viel zu hören – doch viel mehr Nachzudenkliches

Von Peter Schlang

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die Eröffnungspremiere der aktuellen Saison der Staatsoper Stuttgart von Richard Wagners letzter von ihm so genannter romantischer Oper liegt zwar schon fast zwei Monate zurück; leider war es dem lokalen IOCO – Korrespondenten nicht möglich, den „neuen Lohengrin“ damals zu sehen und zu hören. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die zweitletzte Vorstellung – nicht nur dieses ersten Aufführungs-Zyklus, sondern dieser gesamten Spielzeit – am 3. November zu besuchen. Mit Blick auf die gerade begonnene Intendanz Viktor Schoners und auf die nach wie vor ungeminderte Bedeutung einer Wagner-Inszenierung, nicht zuletzt an einem so traditionsreichen Haus wie der Staatsoper Stuttgart (Der jetzt sanierungsbedürftige Littmann-Bau war 1912 mit dem Lohengrin eingeweiht worden), erscheint es aber sinnvoll und gerechtfertigt, auch jetzt noch ein paar Bemerkungen zu dieser Produktion zu machen. Zudem waren in deren Leitungs-Team durchweg – zumindest für Stuttgart – Debütanten angetreten, deren zwei wichtigste sicherlich der ungarische Regisseur Árpád Schilling und der neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister sind.

Lohengrin  –  Richard Wagner
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Der Regie des quasi im Exil lebenden Árpád Schilling merkt man an allen zentralen Stellen an, dass ihr Autor aus einem immer autoritärer regierten Land stammt und sich somit verständlicherweise intensiv mit sozialen und politischen Fragen wie denen nach der Freiheit, dem Ziel und der Zukunft von Gemeinschaften sowie den Chancen und Möglichkeiten von darin lebenden Individuen, nicht zuletzt im Bereich von Verantwortung und Führung, beschäftigt. So stellt er nicht nur die Frage nach der Herkunft Lohengrins und nach dem Verbot, diese zu erfragen, sondern frägt auch intensiv, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, was sie zusammenhält und warum und woran sie letzten Endes zerbricht.

Dabei zweifelt er unmissverständlich an der Macht und Problemlösungs-Fähigkeit einzelner Führer und rückt bereits den Glauben der Masse an deren angebliches Charisma und die Hoffnung auf Hilfe oder gar Rettung durch sie in das Reich der Utopie.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Dies wird gleich zu Beginn an dem frappierenden Einfall deutlich, Lohengrin nicht durch einen Schwan und damit von außen in die gebeutelte Gemeinschaft der Brabanter bringen zu lassen. Bei Schilling kommt der ersehnte Retter vielmehr aus dem Innern des zu Hoffnung verdammten Volkes, wobei es mehrerer Anläufe bedarf, bis sich ein „Freiwilliger“ finden lässt, der schließlich und endlich bereit ist, diese schwierige und undankbare Rolle zu übernehmen. Und im letzten, überaus starken Bild zieht Lohengrin folgerichtig über zwei Stunden später auch nicht mittels Schwan in das Reich der Gralsritter zurück, sondern kehrt in die anonyme Masse seiner Landsleute zurück, die umgehend nach einem neuen Hoffnungsträger Ausschau halten und den nächsten Kandidaten in die Manege schubsen! Dass durch diese zentrale Deutung und Botschaft des Regisseurs manche gesungene und durch die projizierten Übertitel klar ins Bewusstsein der Opernbesucher drängenden Originalzitate – vor allem in der Schlussszene – unglaubwürdig und fast gar ins Lächerliche gezogen werden, erscheint dem Verfasser dieser Gedanken weit weniger verurteilenswert, als dies mehrere Rezensenten der Premiere fanden. Ja, der Erkenntniswert und die dramaturgische Wirkung dieser Regie-Einfälle rechtfertigen dieses Abweichen von der ja im Übrigen hier oft und stark (über-) strapazierten Vorlage Wagners durchaus.

Lohengrin  – HIER:  Interview mit Cornelius Meister
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Musikalisch bewegt sich die erste Stuttgarter Opernproduktion unter der Gesamt-Verantwortung Viktor Schoners auf sehr hohem Niveau. Cornelius Meister zaubert an diesem Abend vom ersten Takt der Ouvertüre an und lässt diese in jener luziden und flirrenden Aura strahlen, wie sie für Wagner und speziell für dessen Lohengrin als idealtypisch angesehen wird. Besonders hervorzuheben sind hierbei die wunderbaren, dunkel grundierten tiefen Streicher, allen voran die Kontrabässe, aber auch die vorzüglichen Blechbläser, bei denen wiederum den Hörnern die Krone gebührt. Dies soll aber in keiner Weise die Leistung der übrigen Orchestergruppen abwerten, von denen etwa die Holzbläser im zweiten Akt oder die Königs- und Reitertrompeten ganz besonders glänzen.

Als Kollektiv begeistert das Orchester aber nicht nur in den Vorspielen und anderen instrumentalen Passagen, sondern ist auch den Sängerinnen und Sängern ein aufmerksamer und verlässlicher Begleiter, der Solisten wie Chor wie selbstverständlich trägt und das Gesungene fast ständig durchhörbar und gleichberechtigt erscheinen lässt, ohne die Dynamik und Phrasierung zu vernachlässigen. Der Staatsopernchor überzeugt dabei auch unter seinem neuen Leiter Manuel Pujoll ohne jeden Abstrich und wird – egal in welcher Rolle und Besetzung – auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht. Ja, die Choristen sind wieder so überzeugend und zelebrieren allerfeinste Gesangskunst, als wollten sie beweisen, dass der ihnen gerade erneut zugesprochene Titel „Opernchor des Jahres“ wirklich nur diesem phänomenalen Gesangskollektiv gebührt.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Aber auch die Solisten, dieselben wie in der Premiere und bis auf drei Ausnahmen hauseigene Kräfte, überzeugen bis auf allerkleinste, höchstens punktuelle und damit zu vernachlässigende Trübungen und runden so das Bild einer homogenen, geschlossenen musikalischen Höchstleistung ab.

Dies gilt zu allererst für Michael König in der Titelrolle des Lohengrin, der sich seine anspruchsvolle, kräftezehrende Partie klug einteilt und nicht nur die Gralserzählung klangschön und mit betörendem Glanz meistert, sondern auch in den ruhigeren, nach innen gewandten Passagen keine Schwächen erkennen lässt.

Simone Schneider als Elsa ist ihm nicht nur in den Paarszenen eine ebenbürtige Partnerin, sondern überzeugt auch und gerade in ihren solitären Auftritten. Mit ihrem wandelbaren, jederzeit fein geführten Sopran, ihrer subtilen Dynamik und ihrer großartigen stimmlichen wie darstellerischen Gestaltungskraft gelingt ihr ein mitreißendes Rollendebut.

Ihre Gegenspielerin, die unaufhaltsam intrigierende Ortrud, wird von der Bayreuth-erfahrenen Okka von der Damerau mit jener Mischung aus Dämonie, Boshaftigkeit und Verführungskraft auf die Bühne gewuchtet, die nicht nur ihrem Mann Telramund keine Chance zur persönlichen Entfaltung lässt, sondern auch die Zuschauer das Fürchten lehrt. Dabei setzt sie ihre bewundernswerten stimmlichen Fähigkeiten ohne jede Rücksicht ein und gestaltet ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Martin Gantner als Telramund steht seiner (Ver-)Führerin weder stimmlich noch darstellerisch nach und zeichnet mit absoluter stimmlicher Genauigkeit und höchster mimischer Überzeugungskraft ein phänomenales, ja stellenweise geradezu erschütterndes Bild eines willenlosen, fremd-bestimmten Menschen.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Gegen solch wirklich betörenden, mit allen Wassern gewaschenen musikalischen Überzeugungstäter haben es Goran Juric als König Heinrich und Shigeo Ishino als sein Heerrufer allein rollenbedingt nicht leicht. Sie versuchen jedoch, das Beste aus dieser Situation zu machen und fügen sich letztendlich ohne große Abstriche in eine Sängerriege ein, wegen der es sich wirklich nicht lohnt, nach Bayreuth oder zu einem der anderen großen deutsche Opernhäuser in Berlin, Hamburg oder München zu reisen.

Am Ende dieser aufrüttelnden Produktion und nach manch beantworteten Fragen bleibt eine letzte große Frage im Raum, nämlich die, wem wir glauben und vertrauen sollen. Im Zusammenhang mit dieser Frage und vor der Folie des überall in Europa zu spürenden neuen Nationalismus und einer überwunden geglaubten Autoritätsgläubigkeit, ja Führerverehrung, kommt dem neuen Stuttgarter Lohengrin eine beklemmende Aktualität zu, die durch die starke Personenführung und die nachdenklich machenden Chorszenen noch an Eindrücklichkeit und Intensität gewinnt. So kann man den Opern- und Wagner-Fans, welche keine dieser ersten sieben Aufführungen besuchen konnten, nur raten, sich in Geduld zu üben und sich rechtzeitig um Karten für die Aufführungen in der nächsten Spielzeit zu kümmern.

Lohengrin an der Staatsoper Stuttgart: Keine weiteren Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Bonn, Theater Bonn, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.11.2018

November 13, 2018 by  
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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 – Gescheiterte Hoffnungen oder des Mädchens Traum –

Von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die mit großer Spannung erwartete Premiere von Richard Wagners Lohengrin am Theater Bonn übertraf in der Tat sämtliche Erwartungen sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli und vereinte das Publikum an diesem besonderen Abend in kollektiver Begeisterung.

Der renommierte Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli kehrte nach langjähriger Abstinenz an das Theater Bonn zurück, wo er bereits ab 1989 mit einer Reihe spektakulärer Inszenierungen seine internationale Karriere begonnen hatte.

Wagners Lohengrin, seine romantischste und vielleicht seine populärste Oper ist in mehrfacher Hinsicht ein Grenzfall. Kompositorisch beendet der Lohengrin die Reihe von Wagners romantischen Opern. Er weist keine für sich stehenden Formteile auf, Arien, Emsembles und Chorszenen werden bereits in den dramatischen Zusammenhang integriert und verweisen auf das durchkomponierte Musikdrama der späteren Jahre.

Lohengrin – Richard Wagner
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1848 beendete Wagner die Komposition des Lohengrin kurz vor Ausbruch der Märzrevolution und erlebte das Scheitern der bürgerlichen Hoffnungen zugleich als Ausweglosigkeit seiner eigenen Lebenssituation. Denn wie so oft sind bei Wagner Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden. Als politischer Emigrant musste er – steckbrieflich  gesucht- in die Schweiz fliehen. Dort schrieb er seine entscheidenden theoretischen Hauptwerke, „Die Kunst und die Revolution“, „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“, in denen sich Wagners persönliche revolutionäre Erfahrungen spiegeln und er seine Hoffnungen auf eine durch Kunst veränderten besseren Welt formulierte.

Auch das Leitmotiv von Wagners Lebensthema, die Erlösung durch Liebe, nimmt hier eine zentrale Stellung ein. Im Lohengrin als „allertragischstem Gedicht“ (Wagner) gelingt diese Erlösung nicht und ist zum Scheitern verurteilt.

Marelli beleuchtet in seiner Deutung des Werkes die Widersprüche der Lohengrin Tragödie, die – wie er im Programmheft erläutert- immer wieder Fragen aufwerfen und den vielschichtigen Stoff so reizvoll machen. In der Dialektik von Utopie und Realität, Liebe und Macht, Kunst und Politik liegt der unauflösbare Widerspruch und das Scheitern der Utopie einer Erlösung durch Liebe.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Im Zentrum von Marellis Sicht steht die weibliche Hauptfigur Elsa von Brabant. Während des Vorspiels blickt man auf einen geöffneten Bühnenraum mit ansteigenden Holzelementen, die neben- und  übereinander gestapelt sind (Bühnenbild und Lichtregie: Marco Arturo Marelli). In der Mitte befindet sich auf einer quadratischen Ebene Elsas  Mädchenzimmer mit Stuhl und Bett, in welches sich Elsa je nach Bedarf zurückzieht. Man sieht Elsa und ihren jüngeren Bruder Gottfried zunächst ins Gebet versunken. Elsa, fast noch ein Teenager, im weißem Nachthemd und langen Löckchen, rührend in ihrer Unschuld, ist nicht nur stark im religiösen Glauben, sie imaginiert zugleich einen Heilsbringer mittels ihrer visionären Kraft, der dann auch tatsächlich erscheint. Eine erhöhte runde Plattform im Hintergrund wird sichtbar, auf welcher eine Ritterrüstung mit Mantel und Schwanenmotiv sowie ein Flügel stehen, an welchem Wagner / Lohengrin sitzt und komponiert. Der Künstler höchstselbst als Erlöser. Beide Ebenen – die reale des Mädchenzimmers wie die überirdische Sphäre des Kunstraums – bleiben als Einheitsbühnenbild die ganzen drei Akte über präsent. Auch geometrisch werden die beiden Welten streng voneinander abgesetzt.

Der kleine Gottfried liest in einem Bilderbuch, währenddessen erscheint Ortrud aus dem Bühnenboden und entführt ihn aus dem Zimmer, Schwanenfedern verweisen auf seine Verwandlung. Später bei Lohengrins Ankunft nimmt dieser den Jungen in seine Obhut und lässt  ihn im Flügel verschwinden. Dort kann er schon mal fleißig üben …

Der Heerrufer in Uniform und Brieftasche ist ein treuer Untertan und versieht seine Aufgabe mit Disziplin und Hingabe. Er verrichtet seine Tätigkeit nicht nur auf der Bühne, sondern wird auch an wechselnden Standorten im Zuschauerraum positioniert, die die Wirkung seiner Proklamationen unterstreichen. Ein empathischer Herrscher ist König Heinrich, mit viel Verständnis für seine Untergebenen,  der sich auch mal mitfühlend auf Elsas Bett setzt und, wenn er sich seiner royalen Verantwortung bewusst wird, den bunt bedruckten Königsmantel umlegt.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Für deutsches Land das deutsche Schwert

Der Chor trägt bedrohliche überdimensionale Speere, die sich im 3. Akt wie Blitze von der Bühnendecke in den Boden spiessen, wenn sich die Einheiten der Wehrmacht kriegslüstern zur Mobilmachung zusammenfinden. Beim Bekenntnis „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ recken sie reflexartig den rechten Arm in die Höhe, was in diesem Kontext nachvollziehbar ist. Telramund in militärischem Outfit entpuppt sich in seiner Anklage gegen Elsa selbstgefällig und großspurig, und legt dem König zum Beweis ein Papier vor.

Elsas ausweglose Situation stärkt ihren Glauben an einen Retter, das Wunder erscheint tatsächlich, eine sympathische Persönlichkeit im weißen Pyjama, glücklich über seine Mission, ein  Einsamer auf der Suche nach Liebe, zu dem Elsa sofort Vertrauen fasst. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn Lohengrin sein Frageverbot ausspricht und Elsa, fassungslos vor Glück, seine Worte immer wieder nachspricht, um sie ja nicht zu vergessen. Scheu berührt sie ihren Erlöser, die fleischgewordene Inkarnation ihres Traums. Marelli blickt hier mit viel Sensibilität in die Jungmädchenseele.

Das subversive Duo Ortrud und Telramund kauern in ihrem Dialog im 2.Akt am Bühnenrand. Nach Telramunds Schuldzuweisungen zunächst in herzlicher Abneigung vereint, finden sie dann aber als Paar wieder zusammen. Zwei Ausgestoßene, die von der Hochzeitsgesellschaft verspottet werden. Telramund outet sich als ausgemachter Angeber, der nach seiner blamablen Niederlage im Zweikampf mit Lohengrin jetzt in Selbstmitleid badet und sich als Weichei entpuppt, ein Vorläufer Gunthers. –

Seine Gattin, eine fanatische Reaktionärin mit viel erotischer Ausstrahlung, in rotem Gewand (Kostüme: Ingeborg Bernerth), erinnert in ihrem Stolz und ihrer Unbeugsamkeit an eine antike Statue, wenn sie sich in ihren langen Mantel  hüllt und längst vergangene Zeiten beschwört. Ihre Intrigen spinnt sie in Elsas Zimmer beim Kaffeekränzchen in vordergründiger Zweisamkeit. Die beiden hätten eigentlich Freundinnen werden können, wäre da nicht Ortruds erpresserische Androhung ihres Selbstmordes und ihr manipulatives Vorgehen als „wilde Seherin“, wenn sie Elsa das kommende Unheil aus der Hand liest. Hochzeitsvorbereitungen scheuchen die Männer in Schlafanzügen in aller Frühe aus den Betten vor das Münster, wo sie sich – unterstützt von ihren Frauen- in Ihre Festgarderobe werfen. Eine  amüsante Szene.

Elsa ist hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zweifel, Ortruds Gift beginnt bereits zu wirken und Lohengrin muss sie fast gewaltsam zum Altar ziehen, denn „der Rache Werk hat nun begonnen“. Zum Brautgemach werden Elsa und Lohengrin mit verbundenen Augen geführt, es warten jede Menge Überraschungen auf das Paar. Sie werden mit Geschenken überhäuft, unter anderem auch mit einer kleinen Wiege, die bürgerliche Idylle könnte perfekt sein.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Lohengrin verhält sich in der intimen Zweisamkeit mit seiner Ehefrau zunächst noch etwas unbeholfen, aber je mehr sich Elsa wahnhaft in ihre Angst hineinsteigert, desto klarer verweist er  auf seine Sendung. Als Elsa wie unter Zwang die verhängnisvolle Frage nach der Identität Lohengrins stellt, erschlägt dieser den  hereinbrechende Telramund. Damit wird er unfreiwillig zum Mörder, immer wieder schaut er ungläubig auf seine blutige Hand. Im Bewusstsein des Scheiterns aller Utopien nimmt er Abschied von seiner Liebeshoffnung, aber auch von seiner Unversehrtheit. Bevor er seine letzte traurige Fahrt antritt, muss er auch die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuschen und seine Identität enthüllen. Die Gralserzählung singt er wieder am Flügel, die Gesellschaft verharrt wie erstarrt zwischen Truppenaufmarsch und Kriegsbeflaggung.

Ortruds letztes ekstatisches Aufbäumen für die Wiederherstellung der alten Ordnung zitiert den kleinen Gottfried aus dem Untergrund, dem Lohengrin die Symbole der Herrschaft übergibt. Dass er damit etwas anfangen kann, bleibt zu bezweifeln. Elsa bricht unter den Trümmern ihrer vernichteten Welt zusammen; Lohengrin entschwindet auf seiner Wolke zurück in den Elfenbeinturm seiner Einsamkeit. Ob die Kunst ihn rettet ?

Über die musikalische Seite der Aufführung lässt sich fast ausnahmslos in höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizierten auf beeindruckendem Niveau und verbanden sich zu einer zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf.

Das Lohengrin Debüt von Mirko Roschkowski kann man wohl als rundum gelungen bezeichnen. Der sympathische Tenor besticht mit seiner warmen innigen, leicht dunkel mattierten Stimme und viel Belcanto-Schmelz. Die a capella Stellen des liedhaft zarten Schwanenliedes formt er mit  traumwandlerischer Intonationssicherheit wunderbar sensibel aus. Seine Höhe ist mühelos und glänzt eher bronzefarben als heldisch- strahlend, was seiner Gestaltung jenen leicht gebrochenen Grundton verleiht, der die tragische Aura dieser Figur umgibt. Sehr berührend und klug aufgebaut singt er die Gralserzählung, in der er auch mit metallischer Strenge aufzutrumpfen versteht.  Auf die weitere Entwicklung dieses vielversprechenden Tenors darf man sehr gespannt sein.

Die Elsa von Anna Princeva darf man ebenfalls als Glücksfall bezeichnen. Die zierliche Sängerin  mit der berührend kindlichen Ausstrahlung verfügt über einen substanzreichen lyrischen Sopran, der sich in allen Lagen mühelos behauptet und über genug Potenzial für die großen dramatischen Steigerungen verfügt, was sie in der Brautgemachszene eindrucksvoll unter Beweis stellt. Ihre Hinwendung zur Innerlichkeit unterstreicht sie mit tragfähigen Piani und weicher Legatokultur.

Dshamilja Kaiser ist als Ortrud eine Offenbarung. Selten hört man eine so kultiviert singende, perfekt phrasierende Ortrud, die mit ihrem Mezzo alle dynamischen Facetten dieser Partie auslotet. Ihre dramatischen Ausbrüche sorgen für Gänsehauteffekt, wirken dabei nie forciert, die Spitzentöne werden unangestrengt in den musikalischen Kontext integriert. Ein beeindruckendes Rollenportrait!

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Tómas Tómasson zeigt den innerlich zerrissenen Telramund mit großer gestalterischer Intensität, deklamatorischer Klarheit und psychologischer Tiefenschärfe. Sein kerniger Bariton verfügt über ein weites Spektrum an Charakterisierungsmöglichkeiten, die er differenziert einzusetzen versteht.

Paul Kudinov verfügt als König über einen angenehm hell timbrierten Bass, dessen exponierte Höhenlagen sich wie selbstverständlich über das Orchester hinwegsetzen und nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum viel Freude bereiten. Den Heerrufer gibt Ivan Krutinov souverän und mit königlich auftrumpfender Noblesse. Mit seiner vollen und tragfähigen Baritonstimme komplettiert er die fulminante Sängerriege.

Der Dirigent Dirk Kaftan und das Bonner Beethovenorchester sind ohne Zweifel mit höchstem Einsatz und glühendem Eifer bei der Sache. Dirk Kaftan führt das Orchester mit liebevoller Achtsamkeit durch die Partitur, besticht nicht nur mit poetischer Klangzauberei und weit atmenden Bögen, sondern auch mit perfekter Klangbalance und umsichtiger Sängerführung. Als Wagner-Dirigent versteht er, dramatische Spannungsabläufe und orchestrale Wucht unter Kontrolle zu halten und mit imposanten Steigerungen die Energien zu entfesseln. Beeindruckend gerät der Höhepunkt des gesamten Ensemble im 1. Akt.

Es wird beglückend präzise musiziert, herausragend hört man die Trompeten im 3.Akt, die seitlich der Bühne und auch im Zuschauerraum positioniert sind, was eine faszinierende Raumwirkung entfaltet.

Wunderbar anzuhören Chor und Extrachor ( Leitung: Marco Medved), sowie der Kinder- und Jugendchor ( Einstudierung: Ekaterina Klewitz).

Stehende  Ovationen beendeten einen außergewöhnlichen Abend

Lohengrin am Theater Bonn, weitere Vorstellungen 24.11.; 21.12.; 26.12.2018; 6.1.; 17.1.; 1.2.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Bonn |—

London, Royal Opera House, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.07.2018

 Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House

Royal Opera House – Covent Garden

Mit Betreten des geschichtsträchtigen  Royal Opera House (ROH) im Zentrum Londons, im Stadtteil Covent Garden ergreift dessen klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „englische“ Atmosphäre seiner Besucher. 1732 als Theatre Royal eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte  Bau des ROH wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von Georg Friedrich Händel – englisch George Frederick Handel – aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des ROH fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik,  wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater, welches im 3. Rang des Zuschauerraumes bis unter das Dach steil ansteigt.

Das klassische ROH wurde 1990 um ein modernen Glaspavillon, die Paul Hamlyn Hall, ergänzt; das architektonische Aufeinandertreffen von Historie und lebhafter Moderne wurden prägend für den besonderen Charme des Theatergebäudes. Die mit dem ROH verbundene hochmoderne Stahl-Glas-Konstruktion bietet Besuchern wunderbare Aufenthaltsräume und eine der schönsten Dachterrassen Londons: Ein Besuch wird dringend empfohlen!

Royal Opera House London/ Besucherraum - Auditorium © Rob Moore / ROH

Royal Opera House London/ Besucherraum – Auditorium © Rob Moore / ROH

LOHENGRIN  von  Richard Wagner

– In den Trümmern der Welt –

Von Uschi Reifenberg

Die Welt ist aus den Fugen:  Die Gesellschaft nach einem Krieg schwer traumatisiert, die Menschen sehnen sich nach Orientierung und Stabilität. Das ist die Ausgangslage in der Lohengrin – Neuinszenierung des US-amerikanischen Regisseurs David Alden. Der Bühnenbildner Paul Steinberg hat für diese trostlose Situation im 1. Akt zwei heruntergekommene, doppelstöckige, schräg abfallende Häuserreihen auf die Bühne des Königlichen Opernhauses gestellt, die ihre Position je nach Bedarf verändern und auch dem Chor als Aktionsraum dienen.

Richard Wagner konzipierte den Lohengrin um 1845, in einer Zeit des tiefgreifenden politischen Auf- und Umbruchs. Sein Denken war zum damaligen Zeitpunkt auf einen radikalen Strukturwandel der Gesellschaft ausgerichtet und gipfelte in seiner aktiven Teilnahme als Barrikadenkämpfer bei den Dresdner Maiaufständen 1849. In der romantischen Oper Lohengrin kommt Wagners Utopie einer durch Revolution und Kunst erneuerten demokratischen Welt zum Ausdruck, die auf Erlösung hofft…

Royal Opera House London / Lohengrin - hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Der Heerrufer des Königs ist ein Kriegsversehrter mit Beinschiene und Kopfverletzung, König Heinrich ein zutiefst verunsicherter Herrscher, der sich an seinen Königsmantel klammert und mit Elsa zusammen zu ihrem vermeintlichen Retter betet. Elsa, gedemütigt und entrechtet, wird in einem Gefängnis unter der Erde gefangen gehalten, mühsam kriecht sie aus ihrem Verließ und singt ihren Traum unter strenger Bewachung von bewaffneten Militärs, die ihr die Augen verbinden und ein Erschießungskommando vorbereiten.

Elsas traumwandlerische Sicherheit im Glauben an ihre Errettung evoziert Lohengrins Ankunft, indem schwarze Flügelschläge von Schwänen auf die Hauswände projiziert werden (Video: Tal Rosner). Diese gleiten auseinander und geben den Blick frei auf Lohengrin, der in gleißend weissem Licht (Licht: Adam Silverman), rückwärts gewandt, den Schwan verabschiedet. Lohengrin erscheint barfuß, engelsgleich, in einem strahlend weißen Anzug (Kostüme: Gideon Davey), verletzlich, ein Schützer, der selbst Schutz sucht, wenn er seinen Kopf in Elsas Schoss birgt.

Lohengrins Anspruch an Elsa, Liebe und Verständnis durch “höchstes Vertrauen“ zu finden, fraglose Akzeptanz seiner „Eigenart“ zu gewinnen sowie Aufnahme in eine Gesellschaft zu finden, in die er als Retter gesandt wurde, manifestiert auch gleichzeitig die Lohengrin Tragödie. Das Frageverbot, der folgende Dialog zwischen Elsa und Lohengrin, ist bei David Alden eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen den Liebenden. Sie sind plötzlich allein mit sich, das restliche Ensemble ist für diesen Moment nicht mehr auf der Bühne. Telramund wird nach seiner Niederlage im Kampf mit Lohengrin an einen Stuhl gefesselt, fortan ist er stigmatisiert durch ein rotes Farbmal auf seiner Stirn. Ein Geächteter, der sich nach und nach immer mehr seiner eigenen schrecklichen Schuld bewusst wird.

Im 2. Akt ist nun die Innenseite der Häuserreihe zu sehen, die durch Balken abgestützt wird.  Ortrud sitzt an einem Schreibtisch und ordnet Aktenunterlagen, eine eiskalte Politikerin, der zur Erreichung ihrer Ziele jedes Mittel recht ist. Telramund, den heftigste Verzweiflung und Gewissensbisse quälen, ist am Ende. Ein labiler Charakter, der von seiner machtgierigen Frau Ortrud hemmungslos manipuliert wird. Hier wird eine Beziehungstragödie von Shakespeareschem Ausmaß gezeigt, wenn Lady Macbeth- Ortrud Telramund verführt und dieser- nicht nur sexuell von ihr abhängig-, sich nur allzu bereitwillig zum Werkzeug ihrer kriminellen Absichten instrumentalisieren lässt. „Der Rache Werk“ singt das Paar in eng umschlungener Umarmung.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Bei Elsas Zug zum Münster gleitet die schiefe Häuserreihe auseinander und es erscheint eine riesige, leuchtend weiße „Reichs-Schwan“ Statue (!), die auf dem Sockel des Leipziger Völkerschlachtdenkmals thront. Elsas Brautkleid senkt sich vom Schnürboden herab und sie ähnelt nun in ihrer weißen Pracht deutlich dem Schwan.

Ein Verweis auf die Schwan Symbolik von Reinheit, Unschuld und Licht, und ebenso ein Hinweis des Regisseurs, wie unreflektiert notleidende Gesellschaften fremde Kultursymbole und -techniken zu übernehmen bereit sind und wie schnell sogenannte Heilsbringer etabliert werden. Das arg strapazierte Nazi-Klischee lässt grüßen.  Elsa wird- gegenüber der Schwan-Statue auf einen kleineren blumenbekränzten Sockel gehoben, der später Telramund und Lohengrin vor den Volksmassen als Rednerpult dient.

Während des Vorspiels zum 3. Akt verirren sich das Brautpaar Elsa und Lohengrin in die vorderen Parkettreihen des Zuschauerraumes und beeilen sich – in freudiger Erwartung der Hochzeitsnacht- wieder auf die Bühne zu kommen. Denn dort wartet ein großes Bett- ebenfalls in klinischem weiß vor ebensolcher Wand. Darüber hängt ein überdimensionales Bild von August von Heckels „Die Ankunft Lohengrins“ aus dem Wohnzimmer von Neuschwanstein.

Man wünschte sich, Elsa und Lohengrin wüssten dies als Fingerzeig zu nutzen, aber vielleicht gerade deshalb steuern sie sehenden Auges in ihr Schicksal. Die sensible und differenziere Personenführung von David Alden ließ in der Brautgemachszene den Dialog zwischen dem Liebespaar zu einem Höhepunkt werden. Telramund bricht bei seinem Anschlag auf Lohengrin durch die geschlossene Wand; ein wunderbares Detail ist, wenn Lohengrin dem toten Telramund die Augen schließt und er plötzlich erkennt, dass nun auch an seinen Händen Blut klebt.

Das letzte Bild des 3. Aktes wird von zahlreichen Flaggen mit  rot-weiß-schwarzen Schwänen eingerahmt, die Militärmaschine kommt in Gang, Soldaten mit Stahlhelmen und mittelalterlichen Speeren versammeln sich in „ Kampfeslust“. Lohengrin geht wie er kam: weiß, barfüßig, einsam. Das Prinzip Hoffnung ist gescheitert, so wie Land, Leute und Liebe. Er beginnt die Gralserzählung zusammengekauert am Boden, in sich gekehrt und vernichtet in der Erkenntnis seines Scheiterns an den unlösbaren Aufgaben. Ein starkes Bild!

Bei Ortruds Triumphgeheul fallen plötzlich alle Flaggen in sich zusammen, aus diesen schält sich der vermisste Gottfried heraus. Er reckt das übergroße Schwert, das er kaum tragen kann in Siegerpose in die Höhe und man ahnt, dass aus diesen Trümmern wohl keine bessere Zukunft erwachsen kann.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Andris Nelsons hinreißendes Dirigat führt Orchester, Chor und Solisten zu Höchstleistungen. Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau- silberner Schönheit leuchten, in fein  abgestuften Schattierungen von zarten piani bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit klar strukturierten Klangschichtungen, idealen Spannungsbögen und austarierter Agogik zelebriert Nelsons das Vorspiel als Tondichtung im Sinne Wagners:  „..in unendlich zarten Linien zeichnet sich mit allmählich wachsender Bestimmtheit die wunderspendende Engelschar ab, die, in ihrer Mitte das heilige Gefäß geleitend, aus lichten Höhen unmerklich sich herabsenkt...“ ( Richard Wagner: Vorspiel zu Lohengrin, 1853)

Mit packendem Zugriff geriet das Vorspiel zum 3. Akt, schwungvoll-ausladend, mit präzisen Posauneneinsätzen und perfekt balancieren Tutti Stellen. Klaus Florian Vogt ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, eine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre sowie seine unforcierte und zu schönster Legatokultur fähigen Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch- dramatischen Ausbrüchen. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert.

Die junge Jennifer Davis bewährte sich als Einspringerin für Kristine Opolais in ihrer ersten großen Rolle als Elsa in bewundernswerter Weise. Sie besitzt einen sicher geführten, in allen Lagen ausgeglichenen, substanzreichen lyrischen Sopran, der sich im Laufe des Abends mühelos in dramatische Bereiche entwickelt und Zartheit in Dynamik und Darstellung glaubhaft vermittelte.

Die Figur des Telramund ist Thomas Johannes Mayer auf den Leib geschrieben. Der vielseitige Bariton aus Südhessen durchleuchtet die psychologischen Abgründe des Denunzianten bis an die Grenzen und sorgt für Gänsehaut. Mit kernigem, teils stählernem Bariton versucht er seinem Widersacher die Stirn zu bieten und offenbart einen im Kern tief verzweifelten Menschen.

Christine Goerke zeigte nicht nur in ihrer Rollengestaltung als Ortrud eine dämonische Frau mit vielen Gesichtern, auch stimmlich wies ihr Mezzo in den verschiedenen Lagen eine eher inhomogene Klangkultur auf. Ihre tragfähige Tiefe überzeugte mehr als die höheren Lagen, die beiden Spitzentöne im 2. Akt und am Schluss gerieten- trotz oder wegen der Fermaten- leider enttäuschend.

Kostas Smoriginas als Heerrufer liess einen vollen und ausdrucksstarken Bariton hören, allerdings mit einigen mulmigen Vokalen und stellenweiser Textunverständlichkeit. Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als exemplarischer König Heinrich in der vordersten Liga- veredelte mit balsamischem Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Der Chor des ROH (Leitung: William Spaulding), war überwältigend in Klangentfaltung, Präzision und Textverständlichkeit. Das begeisterte Publikum im ausverkauften Royal Opera House spendete für alle Mitwirkenden nach jedem Akt lautstark Jubelrufe und Bravos. Die Musik und die Bilder blieben noch lange präsent auf dem Weg durch die sommerlich-heißen Londoner Straßen.

—| IOCO Kritik Royal Opera House |—

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