Marco Armiliato – Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper, IOCO – Aktuell, Dezember 2019

Dezember 20, 2019 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Maestro Marco Armiliato

zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt

Nach einer umjubelten Vorstellung von Puccinis La Bohème wurde am 19. Dezember 2019, dem seit vielen Jahren dem Haus am Ring eng verbundenen italienischen Dirigenten Marco Armiliato die Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper verliehen.

Die Ehrung erfolgte durch Staatsoperndirektor Dominique Meyer und Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Mag. Christian Kircher auf offener Bühne, auf der sich das Ensemble des Abends – Irina Lungu, Saimir Pirgu, Marco Caria, Samuel Hasselhorn, Ryan Speedo Green, Mariam Battistelli, Marcus Pelz –, der Chor sowie weitere Mitglieder des Hauses und Weggefährten wie Ioan Holender versammelt hatten. Im Rahmen der Ehrung wurde Marco Armiliato auch der von Juwelier Wagner gestaltete und zur Verfügung gestellte Ehrenring der Wiener Staatsoper überreicht.

Direktor Dominique Meyer sprach in seiner Laudatio von der großen internationalen Karriere Marco Armiliatos und betonte: „Wir lieben Marco Armiliato! Überall ist er beliebt – er ist geschätzt vom Orchester, geliebt von den Sängern und vom Publikum. Er bedeutet für uns alle echte Kenntnisse, Musikalität und Sicherheit. Er ist eine Stütze des Hauses!“

Ioan Holender erläuterte, dass Marco Armiliato eigentlich nicht von ihm, sondern von Luciano Pavarotti an die Wiener Staatsoper gebracht wurde – dieser wollte nur dann den Andrea Chénier singen, wenn Marco Armiliato dirigiert.

Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Christian Kircher betonte: „Er ist immer präsent und mit seiner unglaublichen Ausstrahlung ist es eine so große Freude, ihm zu begegnen – und ich glaube, es gibt nur wenige Personen, die die Ehrenmitgliedschaft so verdienen, wie Marco Armiliato.“

Kurzbiografie:

Marco Armiliato studierte Klavier und Dirigieren in seiner Heimatstadt Genua. 1995 debütierte er mit Il barbiere di Siviglia am Teatro La Fenice in Venedig. Bereits ein Jahr später folgte sein Debüt an der Wiener Staatsoper mit Andrea Chenier – zusammen mit einigen Konzertserien mit Luciano Pavarotti waren diese Auftritte der Beginn seiner erfolgreichen Karriere, die ihn wiederholt unter anderem an die Met, zu den Salzburger Pfingstfestspielen, an die Bayerische und Hamburgische Staatsoper, die Deutsche Oper Berlin, an das ROH Covent Garden, an das Theatre du Chatelet und die Opera Bastille in Paris, nach Zürich, Madrid, Turin, Rom, Verona, Toronto, Pittsburgh, Baltimore, Turin, Rom brachte. Marco Armiliato ist international auch als Konzertdirigent höchst erfolgreich. An der Wiener Staatsoper dirigierte er seit seinem Debüt 1996 mit Andrea Chénier neben den Premierenproduktionen von Il trovatore und Samson et Dalila eine Vielzahl an Repertoireabenden von 30 unterschiedlichen Werken, mehrere Konzerte und Galaabende sowie die künstlerische Eröffnung des Wiener Opernballs 2019 – bisher insgesamt 290 Vorstellungen.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Wien, Oper in der Krypta, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.04.2019

April 24, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Rigoletto  –  Giuseppe Verdi 

– hautnah in der Krypta der Wiener Peterskirche  –

von Marcus Haimerl

Giuseppe Verdis Rigoletto erlebte in der Wiener Peterskirche, in der Oper in der Krypta eine fulminante Premiere. Das Libretto von Francesco Maria Piave orientiert sich an Victor Hugos 1832 in der Comédie-Française uraufgeführten Versdrama Le roi s’amuse. 1851 wurde Rigoletto im Teatro la Fenice in Venedig uraufgeführt und war bereits ein Jahr später in einer deutschen Übersetzung von Johann Christoph Grünbaum in Wien zu erleben.

In einer klugen Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel Wolcott, konnte man tief unter der Wiener Peterskirche Rigoletto hautnah erleben. Für die szenische Umsetzung bedurfte es nicht viel. Das Bühnenbild besteht aus mehreren Holzkuben, die, immer wieder neu arrangiert, völlig neue Kulissen ergeben. Mit nur wenigen Handgriffen wird aus dem Thron im Palast des Herzog von Mantua die Fassade von Rigolettos Haus – von Rigoletto unmissverständlich vor Gilda aufgebaut- oder aber die Eingangstüre zu Sparafuciles Spelunke. Mit Umbauten, die psychologisch motiviert in die Handlung eingebaut waren, ergänzten sie eher die Handlung, als sie zu unterbrechen und ersetzten die für Rigoletto so beliebte Drehbühne ideal.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) - Emi Nakamura (Maddalena) - Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) – Emi Nakamura (Maddalena) – Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Dies gab Raum, sich vollkommen mit Joel Wolcotts exzellenter, dichter Personenführung auseinanderzusetzen, die eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der psychologischen Seite des Werks bietet. Auch die Ausstattung steht im Dienst des Erzählens von Seelenzuständen. Mit nur zwei Nicht-Farben, schwarz und weiß, wird klar ersichtlich, dass Liebe und Güte selten sind am schwarz gekleideten Hof des Herzog von Mantua. Rigoletto in seinem schwarz-weißen Narrenkostüm schwankt zwischen den Welten, während Gilda, Rigolettos Tochter, in strahlend weißer Reinheit ein Einzelfall inmitten der düsteren Umgebung ist. Als der Herzog von Mantua (in weißem Cape) sie verführt, überreicht er ihr einen schwarzen Schal, und sie verliert das weiße Taschentuch ihrer Mutter. Wenn Gilda schließlich die Gemächer des Herzogs verlässt, ist ihr Unterrock unter dem weißen Kleid schwarz – das junge Mädchen hat endgültig ihre Unschuld verloren. Auch Gildas Tod ist vermenschlicht und wird dadurch noch berührender. Zwar betritt sie energisch die Gaststube Sparafuciles, bekommt es aber schließlich doch mit der Angst zu tun und versucht zu fliehen, ehe der Auftragsmörder ihrer habhaft werden kann. Durch dieses ehrliche Verhalten gewinnt diese Szene unglaublich an Stärke.

In der Titelpartie erlebt man den aus Wien stammenden Bassbariton Florian Pejrimovsky, der dem Publikum der Krypta bereits aus vielen anderen Partien ein Begriff ist. Ob als gefeierter Scarpia in Puccinis Tosca, Gefängnisdirektor Frank in Strauss‘ Die Fledermaus oder als Colline in La Bohème, Pejrimovsky versteht es stets, sein Publikum in den Bann zu ziehen. Sein Debüt als Rigoletto ist hier keine Ausnahme. Obgleich ein noch sehr junger Rigoletto, beeindruckt er mit seiner reifen Stimmfarbe und Stimmgewalt. Sein „Quel vecchio maledivami“ lässt niemanden kalt und seine große Arie „Cortigiani, vil razza dannata“ wird zu einem explosiven Ausbruch des Leidens. Er ringt mit berührender Vaterliebe verzweifelt um das einzige Licht in seinem Leben und entkommt doch nicht seiner Rolle als verbitterter Hofnarr und Zyniker. Die Schlichtheit und Aufrichtigkeit, mit der er die Figur zum Leben erweckte, bestrickte und überzeugte weitaus mehr, als alle zustützliche Exzentrik es gekonnt hätte.

Die in Südkorea geborene Jay Yang gestaltet die Partie der Gilda mit einem schönen, glasklaren Sopran scheinbar mühelos. Die gefragte Belcanto-Spezialistin – bei Oper in der Krypta bereits als Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani oder Lucia in Donizettis Lucia di Lammermoor gefeiert – beeindruckt mit schmelzenden Piani und zierlicher Phrasierung. Spätestens mit der überirdisch schön gesungenen, anspruchsvollen Arie „Caro nome che il mio cor“ gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Der spanische Tenor Sergio Tallo-Torres, verkörpert die Partie des Duca di Mantova mit großer Verve und zeigt auch dessen uncharmante Seiten mit viel Gespür auf. Er zeigt in seinen großen Arien („Questo e quella“ und „La donna è mobile“) neben technischem Können und unfehlbaren Spitzentönen vor allem seine große Musikalität und wurde vom Publikum dafür mit Applaus überschüttet. Auch Daniel Bäumer überzeugt mit seinem kräftigen, sonoren Bass in der Rolle des Sparafucile und zeigt in seiner Gestaltung die Komplexität dieses Charakters. Die Entdeckung des Abends ist die japanische Mezzosopranistin Emi Nakamura in der Partie der Maddalena. Mit ihrem unglaublich vollen, warmen Mezzo kann sie das Publikum ebenso verführen, wie in ihrer unglaublich intensiven Rollengestaltung. Aktuell erlebt man die Künstlerin, auch als Suzuki in Puccinis Madama Butterfly.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier :  Sergio Tallo-Torres (Duca) - Calon Danner (Borsa) - Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Sergio Tallo-Torres (Duca) – Calon Danner (Borsa) – Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Eine weitere Sensation des Abends ist das Trio Marullo (Christopher Michael Kelley), Borsa (Calon Danner) und Conte di Ceprano (Ivo Kovrigar). Trotz der Tragik dieses Werks gelingt es den drei Herren, unter der feinen Klinge des Regisseurs eine angemessene Portion Humor in die Produktion zu bringen. Der Bariton Christopher Michael Kelley überzeugte das Publikum der Krypta bereits als fulminanter Leporello (Don Giovanni, Mozart) und in zahlreichen anderen Rollen, und bringt auch in dieser kleinen Rolle sein untrügliches Gespür für Emotionen und ungeheures schauspielerisches Talent ein. Der österreichische Tenor Calon Danner weiß das Publikum mit seinem schönen Tenor ebenso zu überzeugen, wie mit seiner intensiven Darstellung. Intensive Bühnenpräsenz zeigt auch der junge Bariton Ivo Kovrigar, der dieses wunderbare Trio hervorragend ergänzt.
Michael Pinsker ist als düster fluchender Grafe von Monterone eindrucksvoll. In der Doppelrolle der Contessa di Cepreano und Giovanna, der Gesellschafterin Gildas, debütierte die serbische Sopranistin Djurdjica Gojkovic in ihrer ersten Solopartie in der Krypta der Peterskirche.

Die musikalische Leitung lag in den Händen der koreanisch-amerikanischen Pianistin Victoria Choi, die nicht nur den Sängern eine hervorragende Begleiterin war, sondern auch schon im Vorspiel ihr Können als Solistin unter Beweis stellen konnte.

Alles in allem war schafften die Künstler von Oper in der Krypta erneut einen sehens- und hörenswerten Publikumshit, welcher noch viele Male das Haus füllen dürfte.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 23.01.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Rigoletto – Giuseppe VERDI

„Der Fluch“ wird „Rigoletto“ – Rigoletto wird ein Welterfolg

von Ingrid Freiberg

Der Uraufführung von Rigoletto, der legendären trilogia popolare 1851 am Teatro La Fenice ging ein penibles Ringen mit der Zensur voraus; war doch Victor Hugos Vorlage Le Roi s’amuse (Der König amüsiert sich) über den zynischen Hedonismus eines Aristokraten ein heißes Eisen. Als sich Giuseppe Verdi, der Komponist des italienischen Risorgimento, anschickte, das Theaterstück zu vertonen, stieß er noch knapp 20 Jahre später auf den Widerstand der Zensurbehörden. Er musste sein Melodramma von La maledizione (Der Fluch) in Rigoletto umtaufen und den Schauplatz an den Hof eines fiktiven Herzogs von Mantua verlegen. Giuseppe Verdi zeichnet in Rigoletto eine groteske Welt, ein menschenverachtendes System. Sein Werk zeigt, was das Gefühl der Rache mit Menschen machen kann, was es heißt, aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Ioan Hotea als Herzog von Matua, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Ioan Hotea als Herzog von Matua, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Ensemble © Karl Monika Forster

Mit Francesco Maria Piave hatte er einen Librettisten, der unter seiner strengen Anleitung das Drama in einen wirkungsvollen Operntext verknappen konnte. Verdi bezeichnete seine 16. Oper als seine beste, war aber enttäuscht über deren Erfolg, weil er befürchtete, das Publikum erkenne sein tiefes Anliegen nicht. Der Anekdote nach hatte Verdi die Arie La donna è mobile vor der Premiere am 11. März 1851 längst fertig, doch die Noten zu dem Erfolgsstück gab er erst kurz vorher heraus, weil er Angst hatte, dass die Melodie bereits nach den Proben ihre Runden durch die Stadt machen würde und man vermuten könnte, er habe sie auf den Gassen aufgeschnappt.

Die Musik bewegt sich durch eine orgiastische Party mit schicksalhaften Beziehungen zwischen dem Herzog, seinen Höflingen, Rigoletto und Monterone. Schnell und virtuos wird über den Hof berichtet. Zur zynischen Chiffre des Scheiterns wird ausrechnet der Tenorschlager La donna è mobile. In Verdis Werk bedingen sich Triviales wie Groteskes und hohes Pathos gegenseitig. Die Kontraste aus greller Bandamusik und expressiven Kantilenen formen ein kompromissloses Meisterwerk.

Rigoletto – Opfer und Täter

Für die drei fast ebenbürtigen Rollen Vater, Tochter und Liebhaber komponierte Verdi ein Familiendrama, wie er es nie zuvor schrieb. Die tragische Figur des deformierten Hofnarren, der alle Register des Sarkasmus zieht, stellte er dabei in den Brennpunkt. Rigoletto ist ein intelligenter, scharfsinniger Mann mit Sinn für Sarkasmus und Späße, der ihn zum Hofnarren macht. Sein Humor ist grob. Er ist zynisch und bösartig und dabei nicht minder skrupellos als sein absolutistischer Herrscher. Aber er glaubt, wenn er seine frevlerische Narretei säuberlich von seinem privaten Glück trennt, kann er es bewahren. In dieser wahnwitzigen Welt hat er große Angst um seine Tochter, sperrt sie ein, lässt sie bewachen.

Als er von der Liaison seiner Tochter mit dem Herzog erfährt, verliert er den Boden unter den Füßen. Der Narr sieht sein Heiligstes geschändet, schwört Rache und engagiert Sparafucile als Auftragsmörder, um seinen Herrn zu ermorden. Cello und Kontrabass singen dazu eine böse Melodie. Hier zeigen sich die pathologischen Charakterzüge von Rigoletto. Er ist fähig, jemanden töten zu lassen, und ist beides, Opfer und Täter. Vladislav Sulimsky gelingt es eindrucksvoll, die seelischen Abgründe der Figur darzustellen.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Vladislav Sulimsky als Rigoletto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Vladislav Sulimsky als Rigoletto © Karl Monika Forster

Macht, Geld, Sex oder eine romantische Liebe?

Der Herzog, ein Charmeur und ein Naturtalent im Lügen, trifft despotische Entscheidungen, schart einen Hofstaat von Günstlingen um sich und nimmt sich alle Frauen, die er begehrt. Als bipolarer Charakter wechselt er blitzartig von schwarz auf weiß, kehrt hervor, was der jeweiligen Frau gefällt: Macht, Geld, Sex oder eine romantische Liebe. Für Gilda ist er ein armer Student und entspricht damit den Sehnsüchten der jungen Frau. Unvergleichlich beschreibt Verdi seinen zerstörerischen, manipulativen Charakter und gibt ihm gleichzeitig diese verführerische Musik. Fraglos ein faszinierendes Paradoxon.

Gilda, die Tochter Rigolettos, ist ein unschuldiges Mädchen aus der Vorstadt, auf das der Herzog ein Auge geworfen hat. Ihr Vater behütet sie wie seinen Augapfel. Er schließt sie ein, nur zum Kirchgang darf sie das Haus verlassen. Giovanna, ihre Gesellschafterin, muss sie immer begleiten. Und so wie Gilda aufgewächst – sie erfährt weder den Namen ihrer Mutter noch den ihres Vaters – ist sie empfänglich für die Liebesschwüre des Herzogs. Selbst als Rigoletto seiner Tochter zeigt, dass ihr Verführer sie mit der Hure Maddalena betrügt, ist sie noch voller Liebe. Als Mann verkleidet begeht sie in ihrer Ausweglosigkeit einen „Suicide by Proxy“. Nach ihrer Entehrung sieht sie keine Lebenschance mehr, und die damalige Moral verbietet es ihr, ihr ruiniertes Leben selbst zu beenden. Ohne selbst Hand an sich legen zu müssen, rettet sie damit aufopferungsvoll ihre einzige Liebe. Über Nacht wächst sie zu einem Charakter zwischen Heroismus und Liebe heran.

Leidenschaft und Partiturfreude

Dirigent Will Humburg, Spezialist für italienische Opern des 19. Jahrhunderts, bietet mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden einen Rigoletto in allerschönster Prachtentfaltung. Lyrik und Dramatik setzt er kontrastreich voneinander ab. Er ist ein einfühlsamer Begleiter des großartigen Sängerensembles. Seine Leidenschaft und Partiturfreude sind mitreißend. Alles ist da, dynamische Abstufungen, Feinheiten der Phrasierung und nicht zuletzt die rasanten Tempi. Das hervorragende, klangrednerisch geschärfte Orchester ist voller Intensität, durchsetzt von grellen dramatischen Akzenten und fabelhaft gestalteter Klangdramaturgie.

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Ioan Hotea als Herzog von Mantua, Silvia Hauer als Maddalena, Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Ioan Hotea als Herzog von Mantua, Silvia Hauer als Maddalena, Ensemble © Karl Monika Forster

Zwielichtig und spannend

Meistens ist in der Oper gerade das Widersprüchlichste am spannendsten, das Unerklärbare und Unwahrscheinliche. Verdi ist darin ein unerreichter Meister. Der Intendant Uwe Eric Laufenberg entschied sich für eine zeitlose, teils burleske Deutung. Zum Farbenreichtum seiner Inszenierung gehört eine Clownspuppe, mit der nicht nur Rigoletto hantiert, sondern auch die Höflinge, die im 2. Akt voyeuristisch vor einem verschlossenen Vorhang sitzen, hinter dem der Herzog Gilda Gewalt antut. Als sie sich nach einer Weile unbefriedigt umdrehen, scheint es, jeder von ihnen säße auf den Schultern eines Clowns, der sie ekstatisch herumwirbelt und die Geilheit der Lüstlinge noch anstachelt. Der Sog des 3. Akts ins Dunkel mit vorübergehendem Zwielicht ist spannend. Der Sturm ist weniger ein Unwetter, sondern etwas, dass die Charaktere durchschüttelt. Die unsichtbaren Chöre steigern noch die Intensität des Geschehens. Gilda wird von Sparafucile nicht gleich gemeuchelt, sie bettelt förmlich um ihren Tod – an einem Laternenmast, ihre Arme ausgebreitet – was an ein Kreuzigungsmotiv erinnert. Nach ihrer Ermordung, in einer Mülltonne entsorgt und kurz vor dem düsteren Fazit Rigolettos, entschwindet sie in ein helles Licht – in den Himmel? Eine überzeugende Inszenierung.

In einem szenisch stimmigen Bühnenbild mit optisch reizvollen Wechseln gelingen Gisbert Jäkel ausdrucksstarke Bilder: Koitusstellungen anstatt Ziffern auf der Palastuhr, die Zeiger bewegen sich nicht… Treibt der Herzog hier zeitlich unbegrenzt Unzucht? Die offenen Fenster von Rigolettos Haus zeigen in Gildas Zimmer eine Tapete mit Vögeln auf Blütenzweigen. Lebt Gilda in einem goldenen (Vogel)Käfig? Ein abschließbares eisernes Scherentor unterstreicht den Käfigcharakter noch. Geschickt die Bühnentechnik nutzend steht ein Wohnwagen in einer verwahrlosten Palastruine, in dem Sparafucile und Maddalena am Rande von Mantua hausen, und wo sich junge Frauen prostituieren. Mit beeindruckenden Lichteffekten beschreibt Andreas Frank das nächtliche Geschehen: Dramatisches Unwetter, Blitze und drohend schwarzer Himmel. Verdi probte das einhundertfünfzigmal mit schaurigen Chorvokalisten im Hintergrund, die das Heulen des Sturms und das Unheilvolle des Geschehens ausdrückten.

Andrea Schmidt-Futterer unterstreicht mit ihren Kostümen die Inszenierung von Eric Uwe Laufenberg: Rigoletto trägt einen unauffälligen schwarzen Mantel, hat keinen Buckel. Seine Deformation ist nicht physischer, sondern psychischer Natur. Kammerkätzchen in schwarzem Lackleder – hübsche Statistinnen – stellen sich in teils akrobatischen Stellungen zur Lustbefriedigung der Höflinge bereit. Die durch die Nacht schlendernden Huren tragen transparente Regenmäntel, die ihre wohlfeilen Körper zeigen. Auffallend, und zweifelsohne schwierig zu kreieren, die Clownskostüme der Günstlinge. Andrea Schmidt-Futterer kann bei dieser Produktion aus dem Vollen schöpfen, da alle Figuren auch optisch ihrer Rolle entsprechen können: Gilda unschuldig, Maddalena sexy und Sparafucile Ghost Dog…

Hessisches Staatstheater / Rigoletto - hier : Cristina Pasaroiu als Gilda © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Rigoletto – hier : Cristina Pasaroiu als Gilda © Karl Monika Forster

Hochkarätig besetzte Aufführung

Vladislav Sulimsky, mittlerweile an allen großen internationalen Opernhäusern zu hören, ist ein umwerfender Rigoletto mit tiefem Bariton und ausdrucksstarker Phrasierung. Er begeistert mit Nuancenreichtum und leidenschaftlicher Hingabe, glänzt mit wütenden Ausbrüchen und verzweifelten Klagen – dramatisch fesselnd. Mit seinem expressiven Wohllaut ist er als zynischer Narr genauso glaubhaft wie als mitfühlender Vater und tief gedemütigtes Opfer.

Beeindruckend auch der Operalia-Gewinner Ioan Hotea als Herzog von Mantua mit seiner auf Hochglanz polierten Stimme. Souverän die zärtlich-intimen Töne im Duett mit Gilda und die Arie Ella mi fu rapita!… Parmi veder le lagrime. Im Machogestus mühelos agierend brilliert er mit lockerer, farbenreicher Höhe und feinfühliger Phrasierung.

Eine hinreißende Gilda gibt Cristina Pasaroiu. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und eine silbrig timbrierte Stimme mit müheloser Höhe und scharf gestochenen Koloraturen. Sie findet wunderschöne Farben der Sehnsucht. Die schwierigen Höhen und die filigranen Raffinessen in den drei Duetten mit dem besitzergreifenden Vater meistert sie mit Bravour. Eine stimmlich wie darstellerisch gleichermaßen beglückende Leistung.

Young Doo Park überzeugt als Sparafucile. Er gibt der Partie beeindruckende Intensität. Die optische Anlehnung an Ghost Dog, ein mysteriöser Auftragsmörder im gleichnamigen Film, unterstreicht seine Rolle: Er differenziert darstellerisch wie stimmlich und besticht in der Rolle des gewissenlosen Mörders durch seine Unverfrorenheit. Bei ihm finden die Figuren ihre Ruhe, und sei es die letzte.

Erregend Silvia Hauer als verführerische Maddalena, die nicht nur mit ihrem warmen Mezzosopran, sondern auch als liebende Frau mitreißt. Die attraktive Verführerin begegnet dem Herzog auf Augenhöhe. Mit ihrer prachtvollen Stimme verzaubert sie das Publikum. Über allem steht der Fluch Ah, la maledizione... des Grafen von Monterone, gewaltig und eindrucksvoll Kammersänger Thomas de Vries. Zur Vollendung dieses Opernabends – mit Suchtcharakter – tragen Daniel Carison als Marullo, Erik Biegel als Borsa, Frederic Mörth als Graf von Ceprano, Isolde Ehinger als Gräfin Ceprano, Elisabeth Bert als Giovanna, Aldomir Mollov als Gerichtsdiener und Izumi Shibata als  Page des Herzogs bei. Ein besonders großes Lob verdient der stimmkräftige perfide Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, der von Albert Horne meisterhaft einstudiert ist: Povero Rigoletto! Er hat erheblichen Anteil am Gelingen des Abends.

Diesen Abend wird man in Erinnerung behalten. Für Sänger und Orchester gibt es stürmischen Beifall und Bravi.

Die bezaubernde Cristina Pasaroiu stürzte am Ende des 2. Aktes. Trotz verletztem Fuß begeisterte sie bis zum großen Ende. Wir wünschen Ihr gute Besserung!

Rigoletto am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; die folgenden Vorstellungen 23.1.; 26.1.; 1.2.; 6.2.; 9.2.; 17.2.2019;  Zu den Internationalen Maifestspielen am 31.5.2019

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Frankfurt, Regisseur Hendrik Müller im Gespräch, IOCO Interview, 25.03.2017

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

„DIE DECHEFFRIERUNG DER LEIDENSCHAFT“

Ljerka Oreskovic Herrmann im Gespräch mit Regisseur Hendrik Müller, der an der Oper Frankfurt Rigoletto von Giuseppe Verdi inszenierte

LOH:  Wie sind Sie zum Theater gekommen?

HM: Zum Theater bin ich in der Tat aus Leidenschaft gekommen! Ich bin schon als Schüler jeden Abend in die Oper gegangen, und nach dem Abitur war mir bewusst: Ich werde etwas im Bereich Theater machen. Ob es in eine journalistische Richtung geht oder die Option Gesangsstudium zum Tragen kommt – ich habe mich dann für die Regie entschieden. Ich habe die Entscheidung, ich bewundere Sänger sehr, nie bereut, weil das Sängerleben ein sehr, sehr hartes Business ist. Zum Einen was die Konkurrenz anbelangt, zum Anderen dieses Faktum, zwei winzige Muskeln zu besitzen, nämlich die Stimme, und einfach alles von ihnen abhängt. Wenn man sich da nicht hineindenken kann, ist es einfach, sich darüber lustig zu machen. Es ist aber das Kapital der Sänger!

 Hendrik Müller - Regisseur © Lena Kern

Hendrik Müller – Regisseur © Lena Kern

LOH: Was macht für Sie Oper aus? Was ist es, das Sie fasziniert?

HM: Es setzt Kräfte frei, die in uns allen schlummern, die aber unter einer Schicht von Alltäglichkeit, Gewohnheit, auch von Gewöhnlichkeit begraben sind – gerade in einer Zeit, in der es viel um Optimierung geht und insofern ist das berühmte Wort von der Oper als „Kraftwerk der Gefühle“ richtig. Ich glaube übrigens auch in Menschen, die gar nicht künstlerisch tätig sind, setzt es sehr viele Energien und ein großes Potential frei – in eine andere und zwar durchweg positive Energie, so dass wir anders, verändert in einen Alltag, in das Leben zurückgehen.

LOH: Es ist nicht nur ein „Kraftwerk der Gefühle“, sondern auch eines der Sinne, das mit dem Vorstellungsende nicht einfach abgeschaltet wird, sondern durchaus weiterwirken kann.

HM: Das ist ein ganz interessanter Spagat, insbesondere bei der Regiearbeit, zwischen Intellektualität und Sensualität. Dieses künstlerische „Sprichwort“: ‚Was will uns der Künstler damit sagen?!’ Diese Aufforderung – gerade für mich als Regisseur wichtig –, die Einladung das Werk intellektuell durchdringen zu müssen, aber nicht auf dem Level der Intellektualität stehen zu bleiben, sondern diese wieder in die sinnliche Komponente und das Unmittelbare, Verstehbare zu übersetzen, ist entscheidend.

LOH: Da sind wir schon bei dem Stück, das Sie hier in Frankfurt inszenieren: Rigoletto. Victor Hugos Stück ist ein sehr revolutionäres, das zensiert wurde, und damit ein sehr politisches Werk. Ist das auch bei Rigoletto noch zu finden, der ebenfalls zensiert wurde?

HM: Absolut, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Es ist eben kein Sprechstück mehr, es ist ein „Singstück“. Verdi ist in fast allen seinen Opern sehr politisch, aber nicht auf einer vordergründigen Ebene. Emotion ist richtig dosiert politisch! Wie hätte denn sonst der Chor aus Nabucco zu einer solchen Hymne werden können, der in unseren deutschen Breiten gerade von der Werbung durchgenudelt wurde, in Italien jedoch bis heute eine ganz andere Bedeutung besitzt: Er ist gesellschaftlich konstitutiv! Der interessante Punkt ist, dass Verdi bei den meisten Aspekten, also denjenigen die bei Hugo anknüpfen, von der Zensur aber abgelehnt wurden – z.B. den historischen Monarchen –, gar nicht lange gekämpft hat. Aber er hat um zwei Punkte wie ein Löwe gekämpft: um den Buckel und den Sack, in den die Leiche hineinkommt. Heute fragen wir uns: Wo bitte ist denn da die Anstößigkeit?! Aber das genau führt uns auf die Fährte, was daran so politisch ist. Ohne den Buckel ist das ganze Stück sinnlos, denn es zeigt das Bild einer körperlichen Entstellung, die zwei Ausrichtungen in sich trägt.

Venedig / Teatro La Fenice - Rigoletto wurde hier 1851 uraufgeführt © IOCO

Venedig / Teatro La Fenice – Rigoletto wurde hier 1851 uraufgeführt © IOCO

Am herzoglichen Hof ist alles unglaublich gespreizt, alles ist auf Außenwirkung gesetzt, purer Hedonismus, keine Vergangenheit, keine Zukunft, und nicht nur die Lust am Augenblick, sondern eher Zwang zur Lust am Augenblick. Das ist wie ein niemals endender Drogenrausch und nicht auszuhalten. Aber was heißt das für einen Menschen, der schlechterdings nicht mitspielen kann?! Eine Figur, die aufgrund einer gewissen körperlichen Entstellung gar nicht mitspielen kann, ist das Eine. Der andere Aspekt ist der, der erst viel später explizit formuliert wird, man stolpert praktisch immer wieder über das Bildnis des Dorian Gray. Wie sich die böse Tat, das böse Wort des Rigoletto immer wieder in die körperliche Entstellung übersetzt. Es gibt nicht das Bild auf dem Dachboden, das für ihn die Entstellung nimmt. Das Interessante ist dabei die Dichotomie der Opferrolle, denn bei Rigoletto, sowohl als Täter als auch Opfer, bedingt sich das immer gegenseitig. Allein an diesem Punkt ist die Frage unheimlich politisch, nämlich wie sich die Rolle des Individuums mit der Gesellschaft, der Welt oder der Masse verknüpft – politscher kann es somit nicht mehr werden.

LOH: Rigoletto ist ein äußerlich und innerlich beschädigter Mensch. Ist er eine bemitleidenswerte Figur? Sollte oder kann man mit ihm überhaupt Mitleid empfinden?

HM: Das wir, glaube ich, gar nicht umhin kommen, mit ihm Mitleid zu empfinden, liegt an der Musik. Wenn ich nur seine Worte betrachten würde, wird es schwierig, weil er Monstrosität auf Monstrosität türmt – egal ob in seinem beruflichen Leben oder in seinem Privatleben –, er bleibt absolut unbelehrbar bei allem, was er tut. Und immer dann, wenn er zu der Erkenntnis kommen müsste, externalisiert er. Er sagt: ‚Ach das war der Fluch.’ Dieser Fluch wird für ihn zu einer bequemen Außenposition, auf die man alles, was im Grunde genommen eigene Schuld ist, abladen kann. Der Fluch, der nichts weiter als die Verzweiflungstat eins verwirrten alten Mannes ist, eine Chimäre, die körperlos im Raum schwingt, niemanden mehr interessiert – nur Rigoletto, der völlig davon besessen ist, aber nicht, weil er tatsächlich eine Schuld in sich fühlt. Er bleibt bis zum Schluss vollkommen unbeirrbar. Das ist das absolut Geniale an diesem Stück, denn man kommt trotzdem nicht umhin, mit ihm, wie auch mit allen Figuren in diesem Stück, zu gehen. Für mich ist es ein absolutes Nachtstück, es ist das düsterste Stück, das Verdi geschrieben hat. Macbeth hat mehr Lichtmomente als dieser Rigoletto.

LOH: Ein Narr kann austeilen, aber es passiert ihm nichts.

Er sollte das Korrektiv des Herrschers sein, nur dafür gibt es die Narrenfreiheit. Er macht jedoch das Gegenteil. Er ist die böse Stimme, die immer auf der Schulter vom Herzog sitzt. Die Geschichte mit dem Grafen Monterone geht von Rigoletto aus. Graf Monterone wollte ein Attentat auf den Herzog verüben, in der völlig falschen Annahme, dass, wenn man der Schlange den Kopf abschlüge, es besser würde. Die Tat wurde vereitelt, und er hat die Todesstrafe zu erwarten. Rigoletto: ‚Nein, halt. Du kannst dein Leben behalten. Du musst nur deine Tochter geben.’ Das hat Monterone schließlich getan, weil er – alle sind es – schwach war. Es würde sehr, sehr viel dazugehören, es in diesem Moment nicht zu tun. Es steht nicht explizit in der Oper, wir belassen es lieber in der Phantasie, auf welche Art sie ihr Leben für den Vater gelassen hat. Den Herzog langweilt das einfach nur, aber er wäre nie auf diese Idee gekommen, das ist Rigolettos Werk, und die Triebfeder seines gesamten Handelns ist: Hass!

LOH: Wie erarbeiten Sie sich das Stück? Wie wichtig ist der Austausch mit Anderen, z.B. Dirigenten, Dirigentinnen, Sängern und Sängerinnen?

HM: Es ist sehr wichtig. Das Theater grundsätzlich und vor allem die Oper ist ein kollektives Unterfangen. Und wenn wir alle nur unsere Ego-Show machen würden, würde der Laden auseinanderdriften. D.h. nicht, dass Dirigent/Dirigentin und Regisseur immer einer Meinung sein müssen. Wie stark der Austausch im Vorfeld sein kann, hängt von objektiven Kriterien ab: Bekommt man Kalender und Ort übereinander. In diesem Fall haben Carlo Montanaro und ich keinen Termin gefunden. Der Austausch war aber da. Für mich ist ein Austausch mit dem Dirigenten/Dirigentin wichtig, weil ich alles aus der Musik heraus entwickle und vielleicht stärker als andere in die Musik hineinrede: ‚An dieser Stelle bitte nicht sofort weitermachen, weil da noch etwas passiert …’ Oder unsere Gilda, die weit vom üblichen Klischee der Rolle entfernt ist. Das hat, muss geradezu einen unmittelbaren Einfluss auf die musikalische Gestaltung haben, und dafür brauche ich die betreffenden Sänger, der Dirigent muss im selben Boot sitzen, sonst wird es nicht Ereignis, dann behaupte ich etwas auf der Bühne, obwohl mich jeder Ton Lügen straft.

LOH: Sich auf die Bühne zu stellen – ob als Sänger oder Schauspieler – ist ein sich „Entblößen“.

HM: Absolut, Seelenstriptease! Bei manchen Sachen muss man sehen, ob sie funktionieren können. Diese Offenheit, mit der ich in die Arbeit hineingehe, erwarte ich auch von der „Gegenseite“. Ich habe oftmals Dinge im Buch notiert, wohl wissend, dass sie heikel sind, mir ist das Neuralgische daran sehr bewusst. Wenn das Punkte sind, die nicht absolut beglaubigt werden können, muss es anders gehen, man muss sehr sensibel beobachten, ob sie entsprechend funktionieren. Es gab eine Szene, bei der ich sehr gespannt war, ob sie gelingt, und sie hat im ersten Anlauf sofort funktioniert. Ich konnte der Betreffenden nur sagen: ‚Es ist phantastisch!’ Den Vorgang dieser Szene so zu sehen ist schmerzhaft – diesen Effekt soll er tatsächlich haben. Das ist gut und nicht: ‚O, Gott!’   Ein Riesenunterschied!

LOH: Sie sagten, Ihre Gilda ist anders. Ist sie überhaupt dieses ätherische, vor der Welt eingeschlossene und von der Welt unberührte Wesen?

 Hendrik Müller - Regisseur © Lena Kern

Hendrik Müller – Regisseur © Lena Kern

HM: Sie ist nicht von der Welt unberührt. Ich muss der Figur erst einmal ihre Autobiographie vorlegen, gerade bei Verdi. Ob wir über das 21., 19. oder 15. Jahrhundert reden – grundsätzlich gilt doch: Die menschliche Natur und bestimmte Reaktionsweisen verändern sich nicht. Es gibt natürlich andere gesellschaftliche Voraussetzungen, deshalb bleibt manches meine Erfindung, aber Verdi gibt in seinem Stück sehr klare Anhaltspunkte. Sie darf das Haus einmal in der Woche verlassen, um in die Kirche zum Gottesdienst zu gehen. Und Rigoletto baut über diese Mutter, Gildas Mutter, einen Popanz auf, der jedweder Glaubwürdigkeit entbehrt.
Es gibt zwei mögliche Varianten: Erstens, gab es vielleicht eine Liebesbeziehung, und warum auch immer Rigoletto zu diesem Kind nicht stehen wollte, was auch immer passiert ist, die Mutter starb, und das Kind ist woanders aufgewachsen, nicht bei ihm. Die zweite These: Gilda ist ein Vergewaltigungskind und nun kommt die soziale Komponente hinein. Gilda war der soziale Tod dieser Mutter. Das Kind ist auf jeden Fall, das erfahren wir, unehelich. Ich finde es mehr als wahrscheinlich, dass die Mutter Selbstmord beging. Sie ist nicht im Bett gestorben. Gilda kommt zu den Nonnen ins Heim. Ich möchte kein allzu negatives Bild zeichnen, aber Verdi hatte zum katholischen Glauben, zur katholischen Kirche, zu Würdenträgern ein äußerst negatives Verhältnis. Es war keine liebende, sondern eher eine züchtigende Hand. Liebe wird durch Zucht und Ordnung ersetzt. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn dieses Kind nicht verhaltensgestört wäre. In seinem ganzen Verhalten ist Rigoletto überhaupt kein Vater. Gilda ist in einer extrem schwierigen Phase ihres Lebens, mitten in der Pubertät oder gerade darüber, und lebt nun bei einem Menschen, den sie überhaupt nicht kennt, der aber zu ihr sagt, ‚ich bin dein Vater’.

LOH: Gibt es nicht auch unserer „modernen“ Gesellschaft solche familiären Konstellationen?

HM: Rigoletto ist ein aktuelles Stück, was diese ganze narzisstisch verformte Welt, diese absolute Inhaltsleere, dieses Zerbröseln nach innen betrifft. Es wäre ein Kurzschluss, der auch bei Rigoletto versucht worden ist, wenn man es einfach eins-zu-eins übersetzt und hier in der Commerzbankzentrale spielen lässt, was auch ästhetisch ein unerträglicher Kurzschluss wäre, weil das Stück eine Fabel ist. Es ist ein Gleichnis, eine Parabel, es geht um etwas ganz anderes. Wenn Verdi immer vorgeworfen wird, dass er viele dramaturgische Ungereimtheiten aufweist – Rigoletto ist nicht arm dran, Troubadour hat viele –, so ist dieser Vorwurf an die Kunstgattung Oper aus dem 20. Jahrhundert herangetragen für mich der dämlichste Vorwurf, denn es geht doch nicht darum…

LOH:  …. die Welt abzubilden…

HM: Genau. Verdi bildet die Welt nicht ab, er erfindet sie. Er erfindet Realität! Ich halte das heutige Bestreben in der Regie für einen schwierigen Weg, alles nur auf unsere kleinliche Alltäglichkeit herunterbrechen zu müssen. Nein, dafür brauche ich nicht die H&M-Kleidung. Ich will hier nicht der unhinterfragten Tradition das Wort reden, aber es geht doch um die Frage: Wo ist der eigenständige Beitrag zur Charakterisierung oder Verdeutlichung der Figuren und der Vorgänge, der inneren Welt dieser Figuren?
Wenn ich Rigoletto inszeniere, und alle in prunkvollen Renaissancegewändern mit Renaissancekragen auftreten lasse, verhält es sich wie mit der H&M-Kleidung, weil es den Personen nur etwas anzieht, aber ihr Wesen nicht unbedingt vermittelt. Das eine wie das andere widerspricht damit dieser Grundthese, dass der Komponist nicht die Realität und die Wahrheit abbildet und sie einfach nacherzählt, sondern sie erfindet! Deshalb sind Wagners Götter in germanischen Kostümen auch unerträglich, nicht weil die germanischen Kostüme „drollig“ sind, sondern weil sie einfach nichts mit der erfundenen Welt oder Realität zu tun haben. Die Götter im Rheingold sind im germanischen Göttergewand genauso ulkig und genauso verkehrt wie im H&M-Anzug.

LOH: Müssen Opernstoffe modern sein, damit das heutige Publikum Zugang zu ihnen findet?

HM: Modernität oder Zeitgenossenschaft stellt sich automatisch dadurch her, dass beides grundsätzlich immer erst im Moment der Produktion wieder ersteht. Eine Partitur ist nur Notizen auf Papier, also eine Annäherung, der Versuch einer Verschriftlichung. Das Stück entsteht erst im Moment der Aufführung. Allein dadurch kommt jede Produktion, egal welcher ästhetischen Ausrichtung, um die Zeitgenossenschaft nicht herum. Ich muss innerlich bereit sein, meine Rezeptoren müssen so aufgestellt sein, dass ich ans Stück andocken kann und dann wird das Sujet zeitgemäß.

LOH: Herr Müller, danke für das Gespräch.

Rigoletto von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt:  30.3.2017. 2.4.2017. 7.4.2017. 13.4.2017, 16.4.2017. 22.4.2017, 28.4.2017, 1.5.2017, 11.5.2017

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