Hamburg, Staatsoper Hamburg, Falstaff – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.01.2020

Januar 21, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Falstaff – Giuseppe Verdi

Slapstick und surrealistische Träume in der Kneipe „The Boars Head“

von Patrik Klein

Alles ist zu Ende! Geh, geh, alter John. Lauf dahin auf deinem Weg, solange du kannst … Lustiges Original eines Schurken; ewig wahr, hinter jeglicher Maske, zu jeder Zeit, an jedem Ort!! Geh … Geh … Lauf, Lauf … Addio!!!“   Arturo Toscanini fand einen Zettel mit diesen handschriftlichen Worten Verdis in der Partitur, der in Bezug auf den Monolog Falstaffs zu Beginn des dritten Akts stand.  In Verdis Oper ist Falstaff ein Gewaltmensch und Egoist übelster Sorte, ein menschlicher Parasit, der als bedauerliches, geläutertes Wrack endet: eine heitere Boulevard-Komödie mit einer tiefen menschlichen Wahrheit.

Die Staatsoper Hamburg bescherte dem Hamburger Premierenbesucher dagegen eine menschliche Komödie und eine große knallbunte, surrealistische Show über das exzessive Leben. Calixto Bieito (und sein Team; Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Anja Rabes, Licht: Michael Bauer), spanischer Regisseur und Enfant Terrible für viele Opernfreunde, der bereits Verdis Otello und das Verdi Requiem in Hamburg inszenierte, lässt ein rotierendes Bühnenset aus dem vergangenen Jahrhundert demontieren und die menschlich dargestellten Figuren im Laufe des Abends sich demaskieren. Das Pendel der Inszenierung schwingt zwischen belanglosem Slapstick und genial-textgenauen Geistesblitzen. Der Titelheld soll als Poet des Lebens und als egoistischer Betrüger entlarvt werden. Am Ende sollen wir erkennen, dass Falstaff sich nicht, wie im Original, verändert, sondern mit „Licht und Schattenseiten“ als Botschafter des menschlichen Seins weiterleben wird.

Fallstaff – Proben zur Produktion
youtube Trailer Staatsoper Hamburg
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Nach diversen Schicksalsschlägen in den ersten Jahren seines Schaffens, lehnte Verdi es lange Zeit ab, sich im komischen Genre zu versuchen. Pläne für eine Oper nach Shakespeares Der Sturm (1850 für Covent Garden) sowie für Falstaff (mit Antonio Ghislanzoni als Librettisten, 1868) ließ er schnell wieder fallen. Offensichtlich war es Arrigo Boito, der im Frühsommer 1889 die Aufmerksamkeit des inzwischen fast 76 -jährigen Komponisten wieder auf Shakespeares The Merry Wives of Windsor lenkte. Verdi war sofort begeistert von der Idee. Sie vereinbarten zunächst, die Sache im Geheimen voranzutreiben. Verdi wollte am Stück nur komponieren, um sich zu vergnügen und die Zeit zu vertreiben.

Boito verfasste die ersten beiden Akte bis Mitte November 1889, den dritten schickte er Verdi Anfang März 1890. Am 17. März 1890 berichtete Verdi, er habe den ersten Akt skizziert. Leider stand auch die Arbeit an Falstaff unter keinem guten Stern, denn im März erkrankte ihr gemeinsamer Freund, der Komponist und Dirigent der Uraufführung des Otello Franco Faccio schwer (er starb dann nach langem Leiden im Sommer 1891). Am 6. Oktober schrieb Verdi an Boito, dass er den zweiten Akt zunächst liegen gelassen und zuerst die kleine Arie Fentons zu Beginn des letzten Bildes skizziert habe. In weiteren Briefen an Boito berichtete Verdi, dass er gelegentlich immer wieder am Falstaff arbeite, aber auch tagelang nicht. Am 20. September 1892 schrieb Verdi an Boito:Ich habe dem Verleger Ricordi den dritten Akt des Falstaff übergeben. Gestern habe ich die Korrekturen für das Libretto und den Klavierauszug des ersten Aktes zurückgeschickt.“

Die Uraufführung war für Anfang Februar 1893 vorgesehen, die Proben sollten am 2. Januar beginnen. Die Uraufführung fand wie geplant am 9. Februar 1893 in Mailand, im Teatro alla Scala statt und war ein großer Erfolg.

Calixto Bieito inszeniert seinen Falstaff als menschliche Komödie mit einem realen Titelhelden voller Vitalität und vielschichtigem Charakter. Mit surrealistischen Träumen und Albträumen werden die menschlichen Charaktere und deren Bedürfnisse in der kleinstädtischen Gesellschaft in Windsor, denen des Außenseiters und adligem, übriggebliebenen Ritter aus einer vergangenen Zeit gegenübergestellt. Bieito skizziert hierbei den Wunsch eines jeden, die vorgegebene, vorhandene Ordnung aufzubrechen und die geheimen Wünsche zu träumen und zu realisieren.

Der Zuschauer wird bereits beim Eintritt ins Foyer des Hauses von einer langen Tafel, an deren Enden je ein Falstaff-Komparse mit freiem Oberkörper und Hosenträgern sowie einer Flasche Rotwein sitzt, in diese Traumwelt eingeführt.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : zwei Komparsen stimmen vor Beginn der Oper das Publikum ein © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : zwei Komparsen stimmen vor Beginn der Oper das Publikum ein © Patrik Klein

In einem realistisch anmutenden Bühnenbild steht im Zentrum der Gebäudekomplex um die spießige Dorfkneipe Windsors The Boars Head, der Kopf des Ebers, welcher sich im Laufe des Opernabends zunehmend zu einem Gebäudegerippe demontiert. Dort oder davor finden alle Handlungen statt. Damit werden Einblicke ermöglicht, die nur der Zuschauer und nicht immer die handelnden Protagonisten wahrnehmen können. Es gibt immer wieder aktuelle Bezüge, Momente, die nicht passen oder als Kontrapunkt stehen. Es erscheinen Statisten, wo man sich fragt, was sie da sollen. Häufig erkennt man jedoch auch handwerkliche Ungereimtheiten in der Personenführung. Text und Aktionen der Figuren sind nicht immer im Einklang; gewollt oder ungewollt!?

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Ambrogio Maestri als Sir John Falstaff © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Ambrogio Maestri als Sir John Falstaff © Monika Rittershaus

Zu Beginn und Minuten vor dem Einsatz der ersten Takte sitzt Falstaff alleine auf offener Bühne in seinem Sessel vor dem Restaurant, presst Zitronen aus über einem auf seinem Schoß liegenden Tablett und schlürft Auster um Auster. Die leeren Schalen fallen krachend in einen Sektkühler. Ein Genussmensch stellt sich vor.

Der noch komplette Gebäudekomplex fährt sich drehend nach vorne, aus dessen Seitentüre Bardolfo, Pistola und Dr. Cajus fallen. Die Wirtin schleicht als stumme Figur um sie herum. In turbulenten Szenen erlebt der Sonderling Falstaff von Anfang an Zusammenstöße mit der kleinbürgerlichen Gesellschaft Windsors. Die beiden Ganoven Bardolfo und Pistola haben ihn scheinbar ausgenommen. Er ist Pleite und braucht einen Plan. Erste Teile der Bühnenkonstruktion werden entfernt. Die Wirtin macht sich mit den Briefen an die beiden zum Stelldichein eingeladenen Damen auf. Diese agieren ebenso vor dem Restaurant und lesen sie gemeinsam. Sie freuen sich sogar zunächst über die erhaltenen Briefe, bis sie merken, dass sie identischen Inhalts sind. Aus einem geöffneten Fenster lugen Falstaff und später auch seine beiden Komparsen aus der Foyereingangsszene. Im ständig rotierenden Bühnenbild kommen die fünf Herren dazu und die zweifachen Rachepläne werden geschmiedet.

Im zweiten Akt wird die Kulisse mittig geöffnet und lässt Blicke ins Innere zu. In der Kneipe mit kitschweihnachtsbaumbehaftetem Tresen und Barhockern mieft es nach Kleinbürgertum. Auf einer Tafel steht mit Kreide geschrieben „Buy one beer for the price of two and get the second beer for free“. Über der Kneipe schaut man auf einen spartanisch eingerichteter Gastraum mit Doppelbett und 60er Jahre Mustertapete.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Bardolfo und Pistola sind zurück und verfolgen Falstaffs Kochkünste hinter der Theke, die sogar live im Fernsehen übertragen werden. Quickly erscheint im kurios anmutenden Boxertrainingsoutfit und gibt ihr handlungstreibendes „Reverenza“ zum Besten. Falstaff füttert sie mit Leckereien ab. Im dunklen Mantel mit Fellkragen und Sonnenbrille platzt Ford/Fontana in die Kochshow. Zum Schluss bleibt Ford nach Rache sinnend alleine liegend vor der Theke zurück.

Die vier Damen skandieren ein großes Banner mit der Parole „Fette Steuern für die Fetten“. Das Gebäude dreht sich, fährt nach vorne und offenbart die weiter entblößte Kneipenfront mit darüber liegendem Gastraum. Nun laufen die Intrigen der Damen Alice Ford und Meg Page sowie Ford/Fontanamit seinen beiden Helfern zusammen. Die Fäden sind gesponnen. Falstaff erscheint pfeifend mit selbstgekochten Leckereien auf dem Silbertablett. In der ersten Etage vergnügen sich Nannetta mit Fenton zunächst noch brav in Schuluniform gekleidet und später sich im Doppelbett unter einem Laken liebend. Das Stelldichein mit Alice entwickelt sich zum Spiel im Spiel, zum Theater auf dem Theater unter der Regie der beiden aufgebrachten Damen. Problematisch wird es jedoch, weil der Gatte Ford tatsächlich vor der Türe steht und die Damen improvisieren müssen. Im Finale dieses Bildes ersetzt eine gelbe Mülltonne den sonst üblichen Wäschekorb, aus dem Ford auf der Suche nach Falstaff zunächst Müll herausreißt und sogar später kopfüber darin von den Damen versenkt werden soll. Falstaff versteckt sich naiv unter einem für ihn viel zu kleinen Lampenschirm. Quickly verschnürt ihn zusätzlich noch mit dem entsprechendem Kabel. Fontana entdeckt unter der Decke des Bettes in der ersten Etage nicht seine Frau „in flagranti“, sondern Töchterlein mit Fenton. Die Szenerie wird zunehmend durch beobachtende hereinschleichende, kriechende und später in wilder Hektik Fontana auf der Suche nach Ergebnissen hinterherstürmende Herrenchormitglieder gefüllt, bevor Falstaff endgültig im aufgeklappten Kellerboden verschwindet. Ein Kübel mit dunkelbrauner Flüssigkeit landet auf seinem Kopf.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Im dritten Akt schließlich sitzt der Titelheld im noch übrig gebliebenen Gebäudegerippe fäkalienüberströmt, Wein aus dem Tetrapack trinkend auf der für alle sichtbaren Toilette und philosophiert über die Schlechtigkeit der Welt. Aus dem Off erscheinen alle Darsteller wie in Zeitlupe. Schnell wird es hecktisch und unübersichtlich. Ein negativer Schwangerschaftstest der mittlerweile auf der Toilette sitzenden Nannetta beruhigt das junge Paar. Unter der Offenbarung der bemalten Klowand mit dem Motto „Fuck my dick“ wird nun auch dieser Teil der Kulissen weggefahren. Fenton stochert mit Taschenlampe suchend im Keller des „Eberkopfes“. Schließlich schlurft Falstaff erneut hereingefallen auf die Verlockungen der Intriganten mit kleinem Weihnachtsbäumchen in der Hand über die fast leere Bühne.

Statt bei der Eiche zur Mitternacht wird das nun folgende Shakespearsche Sommernachtstraumambiente vor das restliche blanke Gerippe des „Boars Head“ verlegt. Nachdem das Sextett der vier Damen mit Ford und Falstaff beendet ist, erscheint bei völlig leerer Bühne im Hintergrund nebelverklärt der Chor und an der Rampe Falstaff, umringt von den Damen des Chores. Falstaff wird wie ein Rollmops oberkörperfrei am Boden malträtiert. Die Handlung mutiert zur finalen, streng musikalischen Fuge mit Handlungsstillstand, in der der Chor mit Gürteln peitschenknallähnlich den Rhythmus betont. Rollwagen werden auf die Bühne gezogen und Sektflaschen um den am Boden liegenden Falstaff aufgestellt. Alle sind betrogen außer Fenton und Nannetta, die bereits im Hochzeitskleid erscheint und für Ford fälschlicherweise dem unwürdigen Gatten Fenton in die Arme fällt. Ford würgt wutentbrannt an seiner Alice. Falstaff reißt seine Perücke vom Kopf und knallt sie auf ein silbernes Serviertablett. Es löst sich alles auf und es bleibt nur Leere. Ist Falstaff, der das langweilige Leben satt hatte, wirklich der sympathische Gewinner, der sich traute zu tun, wovon die anderen nur träumten?

In seiner letzten Oper kann der Komponist aus seinem reichhaltigen musikalischen und persönlichen Erfahrungsköcher eine Vielzahl an Impulsen einfließen lassen. Verdi hat mit dem Falstaff ein sprühendes Ensemblestück komponiert, in dem alles vom spontanen, kommunikativen Moment abhängt. Der musikalische Ideenreichtum ist enorm, Verdis Meisterschaft im künstlerischen Schaffen ist über jeden Zweifel erhaben! Das alte Genie macht was es will, Verdi inszeniert eine kontrollierte Abfolge von Explosionen mit „eingeplanten“ Lachern. In manchen Höhepunkten fliegt einem das Stück musikalisch geradezu um die Ohren. Alles dreht sich in Sekundenschnelle von einem Extrem ins andere, und trotzdem verlieren die Zuhörenden dabei nicht die Übersicht.

Der Beginn und das Ende der Oper steht in C-Dur, also in der direktesten Tonart in der Musik. Die ersten beiden Akte sind eine quirlige Darstellung des Ensemblestücks. Im ersten Bild des zweiten Aktes gibt es so etwas wie eine personale Konzentration auf die Titelfigur des Sir John Falstaff. Nehmen wir es vorweg: Ambrogio Maestri, der aus Italien stammende vielbeschäftigte Bariton an allen großen Opernhäusern des Globus, der bereits mehrfach in Hamburg in Rollen seines Fachs zu hören war, gilt wohl als der derzeit beste Falstaff überhaupt. Am Premierenabend stellt er das beeindruckend unter Beweis. Dieser stimmgewaltige Hüne als veritables Bariton-Übergewicht tummelt sich mal mehr oder weniger geschickt in seiner Karikatur des einsamen Ritters, sich oft selbst spielen dürfend. An zwei Stellen sogar ins etwas schräge Falsett einsetzend, lässt er die Zuhörerschaft seine prachtvolle Stimme, die geprägt ist von schier unvorstellbaren Kraftreserven, einer wirklich italienisch geführten „Verdi-Stimme“ mit „gespuckten“ Silben, feinstem Legato und einer überragenden farbenreichen Gestaltung, über drei Akte genießen.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble © Patrik Klein

Mit einer tiefen Verbeugung überreicht Miss Quickly ihm die Einladung zum Stelldichein. Dieses „Reverenza“ wird im Verlauf des Stücks zu einer unverwechselbaren, sofort wiedererkennbaren Geste, gesungen auf ein einziges Wort. Nicht mehr und nicht weniger! Nadezhda Karyazina, die aus Moskau stammende junge Mezzosopranistin, die seit mehreren Jahren festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg ist und bereits in einigen Hauptrollen glänzen konnte, singt Mrs Quickly mit dunkelst gefärbten Mezzotimbre, einer sofort wiedererkennbaren komfortablen Stimmführung besonders in den tiefen und mittleren Lagen.

Der Gesang der jungen Liebenden etwa, und auch die folgende Begegnung mit Ford, der sich als Signor Fontana ausgibt, hinterlässt tiefe Spuren beim Zuhörer. Ford/Fontana muss sich schreckliche Sachen über sich und seine Ehefrau und das anstehende Rendezvous zwischen ihr und Falstaff anhören. Er ist am Boden zerstört, sein Monolog durchbricht die heitere Konsistenz der Komödie. Markus Brück, Kammersänger und Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, der bereits mehrfach Rollen seines Baritonfachs an der Staatsoper Hamburg inne hatte, glänzt als Ford mit bestechend farbenreicher und sicher sitzender Stimme, die ein wenig an den langjährigen ehemaligen Hamburger Hausbariton Franz Grundheber erinnert. Seine Gattin Alice Ford wird gesungen und gespielt von Maija Kovalevska, der international erfahrenen Sopranistin aus Lettland. Sie gibt die Ehefrau des rasenden Ford mit großer Glaubwürdigkeit, strahlendem dramatischen Kern bei sicherster Höhe.

Im zweiten Bild des zweiten Aktes wird das Treffen bei Alice jäh unterbrochen noch ehe es begonnen hat. Der gut informierte Ford und seine Mannen stürmen den Ort des Geschehens. Dort werden Fenton und Nannetta aufgespürt. Das ärgert nun wiederum Ford, der andere Heiratspläne mit seiner Tochter hat. Das Finale ist ein großes schillerndes durchkomponiertes aber organisiertes Chaos. Hier entpuppen sich alle Stimmen zu gleichwertigen und gleichgewichtigen Hauptrollen. Elbenita Kajtazi, die aus dem Kosovo stammende Sängerin mit internationaler Erfahrung und mittlerweile Ensemblemitglied in Hamburg, singt Nannetta mit fein geführtem Sopran, herrlicher Phrasierung und variantenreichen Färbungen. Von den Damen erntet sie dann auch verdient den herzlichsten Applaus des Publikums.

Ihr zur Seite steht Oleksiy Palchykov, der ukrainische Tenor, der seit der vorletzten Saison fest im Ensemble der Staatsoper Hamburg verweilt und Erfolge als u.a. Lensky, Nemorino und Ottavio feierte. Er gibt den jungen Fenton mit warmem samtigen Timbre, hell strahlender und fein fokussierter Stimme.

Nach dem Finale des zweiten Aktes, welches einem Feuerwerk gleicht, fragt man sich, wie das eigentlich noch weitergehen kann und soll. Verdi zeigt im dritten Akt, dass er der drohenden dramaturgischen Kälte gewachsen ist. Er zeigt, dass nach dem Finale des zweiten Aktes noch ein anderes Ende ganz am Schluss möglich ist. Dieser letzte Akt übertrifft das Ganze nochmals in allen Belangen der musikalischen Kompositionskunst. Der große Monolog des gekränkten Falstaff ist ein Moment der Steigerung. Die erneute Einladung der Quickly klingt da wie Hohn. Alles wird gut, denn alles auf Erden ist Narretei, so lautet die schlussfugierte musikalische Botschaft.

Die weiteren Rollen sind mit Jürgen Sacher, Daniel Kluge (unlängst neues Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg), Tigran Martirossian und Ida Aldrian komfortabel besetzt.

Der Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich), der je einen Auftritt am Ende des zweiten und des dritten Aktes hat, wirkt besonders in der quirligen Schlussszene noch etwas szenisch unterprobt leicht unpräzise und uneinheitlich, was sich gewiss im Laufe der kommenden Aufführungen noch entwickeln wird.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble und Chor © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble und Chor © Patrik Klein

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg hat unter der Leitung von Axel Kober, des erfahrenen Dirigenten und Generalmusikdirektors der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, einen überdurchschnittlichen Abend. Kober lässt die Musik Verdis differenziert, farbenreich und mit hoher Sängerfreundlichkeit erklingen. Gelegentlich wirkt es jedoch sicherheitsbetont zu tempoarm. Prägnant werden die feinen Nuancen in den leicht überbordenden, turbulent und laut geratenen Chor- und Ensembleszenen herausgearbeitet. Den musikalische Höhepunkt bildet die präzise geratene Schlussfuge der Oper.

Das Publikum an diesem Premierenabend ist sich ungewöhnlich einig und feiert das Solistenensemble, den Chor und das Orchester mit warmem, herzlichen Beifall. Die Abendspielleitung lässt das Regieteam, wohl ahnend, was auf es zukommt, recht spät auf die Bühne. Weitgehend einhellig erschallen heftige Missfallenskundgebungen aus allen Rängen und viele Zuschauer aus dem Parkett verlassen umgehend hanseatisch leise ihren noch dunklen Platz. Die wenigen Bravos scheinen im Keim zu ersticken.

Falstaff an der Staatsoper Hamburg, weitere Vorstellungen: 22.1., 25.1., 28.1., 4.2., 8.2., 25.3., 28.3.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Trauer um Gerd Grochowski, IOCO Aktuell, 18.01.2017

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin KaufholdHessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Das Hessische Staatstheater Wiesbaden trauert

Gerd Grochowski 1956 – 2017

In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von dem großen Sänger und unserem wahren Freund Gerd Grochowski.  Am 15. Januar 2017 hat er nach einer beglückenden Probenphase die Premiere der Walküre gesungen und als Wotan Ovationen geerntet. Am 16. Januar rief er wegen starker Schmerzen im Herzbereich den Notarzt und ist in Mainz, trotz aller Versuche der behandelnden Ärzte, um 15:09 Uhr verstorben. Seine letzten Worte als Wotan auf der Bühne waren:

Gerd Grochowski © Karl + Monika Forster

Gerd Grochowski © Karl + Monika Forster

»Nur eines will ich noch, das Ende:
In den Trümmern der eigenen Welt
Meine ewige Trauer zu enden«
»Leb‘ wohl, du kühnes,
herrliches Kind!
Du meines Herzens
heiligster Stolz!
Leb‘ wohl! Leb‘ wohl! Leb‘ wohl!
Der Augen leuchtendes Paar,
das oft ich lächelnd gekost,
zum letztenmal
letz‘ es mich heut‘
mit des Lebewohles
letztem Kuss!«

Viele waren tief berührt, ohne dass sie wussten, dass es wirklich die letzten gesungenen Worte von Gerd Grochowski waren. Alle, die mit ihm arbeiten und leben durften, waren begeistert von seiner Güte, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, von seinem ehrlichen Ringen um den wahren und tiefen Ausdruck von Kunst, die sich dem Leben verschrieben hat.

Er konnte lachen, nicht zuletzt über sich selbst.
Er konnte zornig sein, nicht zuletzt über die Ungerechtigkeit
und die Dummheit in der Welt.
Er konnte sich begeistern an den Meisterwerken des Geistes und der Kunst.
Er konnte lieben und diese Liebe weitergeben.

Er hat diese Flamme getragen und mit unserer verbunden.
Wir werden dieses Feuer weitertragen.
Es wird nicht verlöschen.

Gerd Grochowski begann seine Bühnenkarriere 1986 an der Oper Köln. Nach Engagements in Bonn, Frankfurt, Stuttgart etablierte sich Grochowski auch auf der internationalen Bühne: Zur Eröffnung der sanierten Mailänder Teatro alla Scala in 2007 sang er in Tristan und Isolde den Kurwenal unter Daniel Barenboim. Internationale Engagements führten ihn unter anderem nach San Francisco (Gunter, Götterdämmerung), New York (Kurwenal), Tokio (Telramund, Lohengrin), Barcelona (Herzog Blaubart). 2016 hatte Grochowski sein Debüt in Bayreuth: Als Klingsor in der Parsifal-Inszenierung des Wiesbadener Intendanten Uwe Eric Laufenberg. PMHStW

 

 

Hamburg, Staatsoper Hamburg, La Cenerentola von Giocachino Rossini, 01.10.2016

September 28, 2016 by  
Filed under Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

La Cenerentola von Gioacchino Rossini

Musikalische Leitung: Gregor Bühl, Inszenierung und Choreografie: Renaud Doucet,
Bühnenbild: André Barbe, Licht: Guy Simard, Chor: Christian Günther

Vorstellungen am 1., 5., 8., 14. und 18. Oktober 2016, jeweils um 19.30 Uhr

Gioacchino Rossini © IOCO

Gioacchino Rossini © IOCO

Staatsopern-Debut in La Cenerentola: Levy Sekgapane gibt in der Rolle des Don Ramiro in der Oper La Cenerentola sein Debut an der Staatsoper Hamburg. Der junge Tenor Levy Strauss Sekgapane wurde in Kroonstad in Südafrika geboren. In den letzten Jahren hat Levy verschiedene Preise gewonnen, darunter in 2015 den 1. Preis beim Internationalen Belvedere Gesangswettbewerb, sowie den 1. Preis beim Monserrat Caballé Wettbewerb in Spanien. Seit Beginn der Spielzeit 2015/2016 ist Levy Sekgapane Mitglied im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden. Künftige Projekte bringen Levy als Albazar (Il Turco in Italia) zum Rossini Opera Festival in Pesaro. Außerdem singt er den Conte d’Almavia (Il Barbiere di Siviglia) am Aalto Theater Essen und an der Oper Oslo. An der Oper Kopenhagen und der Oper Rom wird er darüber hinaus den Liebenskof (Il Viaggio a Reims) singen.

Ferner wird in den La Cenerentola-Vorstellungen dieser Spielzeit Giorgio Caoduro an der Staatsoper Hamburg die Partie des Alidoro für Alin Anca übernehmen. Giorgio Caoduro studierte bei Cecilia Fusco. Er ist ebenfalls Gewinner zahlreicher Gesangswettbewerbe, dazu gehören der Francesco Maria Martini-Wettbewerb in Ligano Sabbiadoro und der internationale Gesangswettbewerb der Associazione Lirica Concertisticain in Mailand. Der junge Bariton gastierte außerdem bereits an vielen renommierten Opernhäusern weltweit, darunter das Teatro alla Scala in Mailand, das Royal Opera House Covent Garden in London, die San Francisco Opera, die Opéra National de Paris und die Berliner Staatsoper Unter den Linden. Sein Staatsoper Hamburg-Debüt gab er in der Spielzeit 2013/14 als Rolando in »La Battaglia di Legnano«.

Alle übrigen Rollen sind mit Ensemble-Mitgliedern der Staatsoper Hamburg besetzt: Kartal Karagedik (Dandini), Tigran Martirossian (Don Magnifico), Marta Cwiderska (Tisbe), Maria Chabounia (Clorinda) und Dorottya Láng (Angelina). Es singt weiterhin der Chor der Hamburgischen Staatsoper und im Graben spielt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Gregor Bühl.

Biographien 

Levy Sekgapane: Er sang schon als Kind in verschiedenen Chören und wurde 2006 in die Tirisano School Eisteddfod aufgenommen. Darüber hinaus war er Mitglied des Fidentia South African Youth Choir und erhielt 2007 ein Stipendium für die Stellenberg High School in Kapstadt. Er studierte am South African College of Music an der Universität von Kapstadt bei Kamal Khan und Hanna van Niekerk.

Während dieser Zeit wirkte Levy an verschiedenen Opernaufführungen in Südafrika mit, u.a. in „La Boheme“, „The Rake’s Progress“ und „Les Contes d’Hoffmann“. Er war darüber hinaus Mitglied des Chores des Schleswig-Holstein-Musikfestivals und absolvierte Meisterkurse bei Kobie van Rensburg.

 Im Opernbereich debütierte er als Conte d’Almaviva (Il Barbiere di Siviglia) und als Chevalier de la Force (Dialogues des Carmélites). Kürzlich sang er „Songs of Friendship“ an der Scottish Opera in Glasgow, den Grafen von Libenskof (Il Viaggio a Reims) an der Cape Town Opera, Don Ramiro (La Cenerentola) sowie den Vierten Knappen (Parsifal) am Opernhaus Chemnitz. Am Theater in Krefeld hat Levy erneut den Conte d’Almaviva (Il Barbiere di Siviglia) gesungen.

Seit Beginn der Spielzeit 2015/2016 ist Levy Sekgapane Mitglied im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden. Künftige Projekte bringen Levy als Albazar (Il Turco in Italia) zum Rossini Opera Festival in Pesaro. Außerdem singt er den Conte d’Almavia (Il Barbiere di Siviglia) am Aalto Theater Essen und an der Oper Oslo. An der Oper Kopenhagen und der Oper Rom wird er darüber hinaus den Liebenskof (Il Viaggio a Reims) singen.

Giorgio Caoduro : Ferner wird in den La Cenerentola-Vorstellungen dieser Spielzeit Giorgio Caoduro an der Staatsoper Hamburg die Partie des Alidoro für Alin Anca übernehmen. Giorgio Caoduro studierte bei Cecilia Fusco. Er ist Gewinner zahlreicher Gesangswettbewerbe, dazu gehören der Francesco Maria Martini-Wettbewerb in Ligano Sabbiadoro und der internationale Gesangswettbewerb der Associazione Lirica Concertisticain in Mailand. Der junge Bariton gastierte außerdem bereits an vielen renommierten Opernhäusern weltweit, darunter das Teatro alla Scala in Mailand, das Royal Opera House Covent Garden in London, die San Francisco Opera, die Opéra National de Paris und die Berliner Staatsoper Unter den Linden. Zu seinem vielfältigen Repertoire gehören Partien wie Lescaut (»Manon Lescaut«), Germont (»La Traviata«), Enrico (»Lucia di Lammermoor«), Figaro (»Il Barbiere di Siviglia«) und Dulcamara (»L’Elisir d’Amore«). Sein Debüt am Royal Opera House in London gab er 2008 als Ping in Puccinis »Turandot«. 2010 war er an der Mailänder Scala in einer Neuproduktion von »Il Barbiere di Siviglia« zu erleben. Belcore in »L’Elisir d’Amore« sang er in der Spielzeit 2010/11 gemeinsam mit Rolando Villazón und Nino Machaidze in einer Neuproduktion, ebenfalls an der Scala. Sein Hamburg-Debüt gab er in der Spielzeit 2013/14 als Rolando in »La Battaglia di Legnano«.

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

 

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Premiere: NORMA von Vincenzo Bellini, 05.03.2016

Februar 17, 2016 by  
Filed under Musiktheater im Revier, Premieren, Pressemeldung

oper_gelsenkirchen.jpg

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Premiere: NORMA  von  VINCENZO BELLINI

Libretto  FELICE ROMANI, Uraufführung 1831

EINE KOPRODUKTION MIT DEM STAATSTHEATER MAINZ

PPREMIERE am 05. MRZ. 2016, 19.30 UHR, Weitere Vorstellungen:, 13. MRZ. 2016, 18.00 UHR, 18. MRZ. 2016, 19.30 UHR, 25. MRZ. 2016, 18.00 UHR, 10. APR. 2016, 15.00 UHR, 17. APR. 2016, 18.00 UHR, 29. APR. 2016, 19.30 UHR, 14. MAI. 2016, 19.30 UHR
26. MAI. 2016, 18.00 UHR

Gelsenkirchen / MiR Norma © Karl und Monika Forster

Gelsenkirchen / MiR Norma © Karl und Monika Forster

 Norma, Priesterin und Orakel, versucht ihre gallischen Landsleute von einem Aufstand gegen die römischen Besatzer abzuhalten. Doch sie will nicht nur ihr Volk vor einer vernichtenden Niederlage bewahren, sondern auch ihren Geliebten schützen, den römischen Prokonsul Pollione, dem sie verfallen ist. Normas geheimes Doppelleben als Mutter zweier Kinder des Prokonsuls und als keusche Priesterin der Gallier wird unmöglich, als Pollione auch die gallische Novizin Adalgisa verführt. Der labile Frieden zerbricht. Norma gerät in einen Strudel aus Rachegefühlen, Leidenschaft, Vernichtungswahn, Lebenswillen und ethischer Größe, in dem die Rollen als Priesterin, Mutter, betrogene Gattin und Freundin so heftig kollidieren, dass die Ordnung zusammenbricht und Opfer fordert. Die Oper  Norma spielt in einer archaischen Welt, die zwischen dem männlichen Kriegsgott Irminsul und der weiblichen, friedenspendenden Mondgöttin Luna angesiedelt ist. Normas Geschichte beschreibt über den antiken und zwischenmenschlichen Kontext hinaus ein zeitloses Szenario, in dem die Utopie einer humaneren Gesellschaft jenseits religiöser Dogmen unerreichbar zu sein scheint.

Mit Vincenzo Bellini (1801-1835) beginnt eine neue Ära der italienischen Oper. Nur zehn Bühnenwerke komponierte der frühverstorbene Bellini, diese aber waren perfekt ausgearbeitet und auf dauerhafte Wirkung angelegt. Einen legendären Status genießt bis heute die 1831 am Teatro alla Scala in Mailand uraufgeführte Tragödie Norma. An ihr, dem Paradebeispiel des italienischen Belcanto, mussten sich nachfolgende Komponisten messen, allen voran Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Von „Melodie lunghe, lunghe, lunghe“ sprach etwa Verdi, den schier unendlichen Melodielinien, mit denen Bellini die gesungenen Worte zum musikalischen Drama gestaltet und den Hörer in die Höhen und Tiefen der Tragödie trägt. Das Musiktheater im Revier spielt die kritische Neuedition nach autographen Quellen von Maurizio Biondi und Riccardo Minasi, die bisher szenisch nur bei den Salzburger Festspielen zu erleben war. Regie führt Elisabeth Stöppler, die am MiR bereits die Benjamin Britten-Trilogie, Rusalka und zuletzt Don Quichotte inszenierte.

MUSIKALISCHE LEITUNG: VALTTERI RAUHALAMMI
NACHDIRIGAT: THOMAS RIMES
INSZENIERUNG: ELISABETH STÖPPLER
BÜHNE: HERMANN FEUCHTER
KOSTÜME: NICOLE PLEULER
CHOR: CHRISTIAN JEUB
DRAMATURGIE: STEPHAN STEINMETZ

BESETZUNG:
POLLIONE: HONGJAE LIM
OROVESO: DONG-WON SEO
NORMA: HRACHUHI BASSÉNZ
ADALGISA: ALFIA KAMALOVA
FLAVIUS: LARS-OLIVER RÜHL

—| Pressemeldung Musiktheater im Revier |—

Nächste Seite »