Bielefeld, Theater Bielefeld, TAMERLANO – Georg Friedrich Händel – Premiere, 05.12.2020

November 6, 2020 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

TAMERLANO  –  Georg Friedrich Händel

 Text Nicola Francesco Haym – nach Agostino Piovene / Ippolito Zanelli

Premiere 5.12.2020, Weitere Termine 08.12., 12.12., 29.12. / …

davon ausgehend, dass die Bühnen im Dezember ihre Tore wieder öffnen, lädt  das Theater Bielefeld herzlich zur nächsten Premiere ein

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Tartarenfürst Tamerlano will seinen epochemachenden Sieg über den türkischen Sultan Bajazet krönen, indem er dessen Tochter Asteria zur Frau nimmt. Ein freundliches Friedensangebot, das die zentralasiatischen Großmächte des frühen 15. Jahrhunderts vereinen könnte, oder tückisches Katz-und-Maus-Spiel eines racheerfüllten Siegers, der seinen hohen Gefangenen demütigen will?  Wohl eher letzteres, denn Asteria ist bereits mit dem griechischen Prinzen Andronico so gut wie verlobt. Ausgerechnet den schickt Tamerlano als Brautwerber zu Bajazet. Kommt die Heirat zustande, soll Andronico seinen Thron in Byzanz zurückerhalten und obendrein Tamerlanos eigene Braut Irene als Bonus zur Frau bekommen. Da Tamerlano kein Mann ist, dem man gern widerspricht, lenkt Andronico ein und stimmt zu. Prompt fühlt sich Asteria von ihrem Geliebten verraten, und die gerade zur Hochzeit anreisende Irene weiß auch nicht recht, wozu sie hier eigentlich gebeten ist. Asteria stimmt zur Überraschung aller zu, Tamerlanos Frau zu werden, doch als er sie zum Thron führen will, geschieht etwas Unerwartetes …

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Verdichtet zu einem Kammerspiel treffen hier fünf Hauptfiguren und eine Nebenfigur mit ihren Emotionen, heimlichen Plänen und Verunsicherungen nahezu ungebremst aufeinander. Wie in einem Reagenzglas lotet die Oper die Gefühlskurven der Protagonist*innen aus, lässt dabei nicht selten Schein zu Sein gerinnen und serviert auf halber Strecke einen unerwarteten Bruch, der die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Georg Friedrich Händels 1724 in wenigen Wochen komponierte Oper erwuchs aus einer Art Glückssträhne: Er hatte in London 1719 mit der Royal Academy of Music eine Operngesellschaft gegründet, die am King’s Theatre spielte und bald von sich reden machte. Die bekanntesten Sänger*innen aus Kontinentaleuropa wurden engagiert, und Händel hatte als Künstlerischer Leiter alle Hände voll zu tun, um den Opernhunger der Londoner zu befriedigen. Opern wie Giulio Cesare, Tamerlano und Rodelinda verdanken sich dieser Situation.

Tamerlano der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: Lesen Sie hier die IOCO Rezension unserer Korrespondentin Ljerka Oreskovic Herrmann

Mit Tamerlano vertonte Händel einen seinerzeit bekannten und schon mehrfach für die Bühne bearbeiteten Stoff, der nicht in unwirklich fernen Sagenwelten oder der Antike spielte, sondern einer konkreten historischen Situation entsprach, die nur wenige hundert Jahre zurücklag: In einer gewaltigen Schlacht besiegte der tartarische Feldherr Timur Lenk, genannt Tamerlano, im Juli 1402 in Westanatolien die militärisch überlegenen Türken und nahm seinen Gegenspieler Sultan Bayezid I. gefangen, um ihn fortan als Statussymbol mit sich zu führen und zu demütigen. Der war gleichsam als Favorit in die Schlacht gegangen, hatte er doch in den Jahrzehnten zuvor das Osmanenreich stetig vergrößert und dabei etwa das ehedem gewaltige oströmische Reich zu guten Teilen erobert. Doch Tamerlano war noch erfolgreicher als Bayezid I.: In atemberaubender Geschwindigkeit hatte er in Zentralasien ein riesiges Herrschaftsgebiet errichtet, das Teile des heutigen Iraks, Irans, Aserbaidschans, Usbekistans, Armeniens, Georgiens, Syriens und der Türkei umfasste. Obwohl seine Grausamkeit Legende war – er ließ mit Vorliebe Einwohner*innen eroberter Städte köpfen und daraus riesige Schädelberge vor den Stadttoren errichten –, galt Tamerlano zu Georg Friedrich Händels Zeit als eine bewunderungswürdige Persönlichkeit, die Mut und Glück in sich vereinte und der es gelang, vom Hirtensohn zu einem der gefürchtetsten Monarchen seiner Zeit aufzusteigen.

In ihrer Neuinszenierung arbeiten die künstlerischen Leiter von Schauspiel und Tanz, Christian Schlüter und Simone Sandroni, spartenübergreifend. Jede der fünf Hauptfiguren wird in eine tanzende und eine singende Darstellerpersönlichkeit geteilt, was spielerische Gelegenheit zu einem Auffächern der inneren und äußeren Vorgänge gibt. Mit Jürgen Höth (Bühne) und Clemens Leander (Kostüme) sind zwei weitere Namen im Boot, die mehrfach am Theater Bielefeld gestalterisch tätig waren. Die Rollen des Tamerlano und des Andronico hat Händel für Countertenöre geschrieben, damals die gefragtesten Stars der Opernszene. Mit James Hall und Owen Willetts sind zwei Gäste im Tamerlano-Ensemble, die in diesem seltenen Gesangsfach international gefragte Künstler sind. Gregor Rot leitet die Produktion musikalisch, die von den Bielefelder Philharmonikern in barocker Besetzung getragen wird.

Eine spartenübergreifende Produktion von Musiktheater und TANZ Bielefeld Musikalische Leitung Gregor Rot Inszenierung Christian Schlüter, Simone Sandroni Choreografie Simone Sandroni Bühne Jürgen Höth Kostüme Clemens Leander Dramaturgie Jón Philipp von Linden, Janett Metzger

Mit James Hall & Hampus Larsson (Tamerlano) / Lorin Wey & Alexandre Nodari (Bajazet) / Owen Willetts & Andrea Zinnato (Andronico) / Nohad Becker & Cola Ho (Asteria) / Katja Starke & Elvira Zúñiga Porras (Irene) / Yoshiaki Kimura (Leone) / Bielefelder Philharmoniker

MUSIKALISCHE LEITUNG
Der österreichische Dirigent Gregor Rot wurde in Wien geboren und studierte dort Gesang, Cembalo sowie Dirigieren bei Georg Mark. Noch während des Studiums übernahm er die musikalische Leitung der Sommerfestspiele Röttingen (Taubertal, Franken). 2008/09 fuhr er als Cembalist und Assistent für Così fan tutte und Le nozze di Figaro nach Venezuela zum Simón Bolivar Youth Orchestra. Es folgte eine Einladung als Gastdozent für Gesang und Deutsches Lied nach Caracas. Erste Engagements führten Gregor Rot zum Schönbrunner Schlossorchester, dem Leipziger Sinfonieorchester sowie als Assistent an die Opéra national du Rhin in Straßburg. Seine Theaterlaufbahn begann er am Südthüringischen Staatstheater Meiningen als Repetitor mit Dirigierverpflichtung. Er leitete bereits in seiner ersten Spielzeit fast 50 Vorstellungen (darunter Richard Wagners Rienzi). Nach zwei Jahren stieg er in Meiningen zum 2. Kapellmeister auf und dirigierte ein umfangreiches Repertoire in Musiktheater und Ballett. Für die überregional beachtete deutsche Erstaufführung der kasachischen Nationaloper Abai übernahm er die Einstudierung und die Umarbeitung des musikalischen und textlichen Materials für die Meininger Aufführung. 2013 bis 2017 war Gregor Rot 1. Kapellmeister des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin und dirigierte dort u. a. die Premieren von Aida, The Rake’s Progress, Die Verkaufte Braut, Die Zauberflöte, Jake Heggies Dead Man Walking und zahlreiche Konzerte. Gastdirigate führten ihn u. a. an die Theater Duisburg, Würzburg, Regensburg und Eisenach. 2016 gab Gregor Rot sein Debüt beim Bruckner Orchester im Brucknerhaus Linz und dem Wuppertaler Sinfonieorchester in der Historischen Stadthalle Wuppertal. Seit 2017 ist er 1. Kapellmeister des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Christian Schlüter ist seit der Spielzeit 2007/08 Oberspielleiter im Schauspiel am Theater Bielefeld, mit dem er zuvor viele Jahre als regelmäßiger Gastregisseur eng verbunden war. Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 übernahm er dann die Funktion des Schauspieldirektors. Geboren in Nesselwang im Allgäu, studierte Christian Schlüter nach seinem Abitur zunächst zwei Jahre Theaterwissenschaften an der Universität in Bochum und von 1990-1994 Regie bei Jürgen Flimm und Manfred Brauneck in Hamburg. Nach seinem Studium war er bis 1998 als Regieassistent am Thalia Theater Hamburg tätig. Danach arbeitete er als freischaffender Regisseur und Lehrbeauftragter am Studiengang Schauspieltheater-Regie in Hamburg. In Bielefeld inszenierte er zuletzt u. a. die Uraufführungen von Paul Austers Winterjournal und David Gieselmanns Theaterserie Sissy Murnau, die deutschsprachigen Erstaufführungen von Steven Fechters Schlangenbrut und Alan Ayckbourns Rondo, Joseph Rots Hiob, Orwells 1984, Simon Stephens‘ Heisenberg, die Uraufführung von Anne Jelena Schultes Recherchestück Weißes Gold, Shakespeares Ein Sommernachtstraum und Wie es euch gefällt sowie Schillers Wilhelm Tell und Die Jungfrau von Orleans. Aktuell sind seine Inszenierungen von Matthias Brandts Blackbird im Stadttheater und von Samantha Ellis´ How to date a feminist im Theater am Alten
Markt zu sehen.

Seit der Spielzeit 2015/16 ist der italienische Choreograf Simone Sandroni künstlerischer Leiter der Sparte Tanz am Theater Bielefeld. Zuvor arbeitete er mit der von ihm mitbegründeten Tanzkompanie Ultima Vez in Brüssel, bis er ab 1993 mit seiner
Gruppe Ernesto erste eigene Choreografien zur Uraufführung brachte. 1996 gründete er in Prag gemeinsam mit Lenka Flory die Tanzkompanie Déjà Donné, mit der er weltweit in 26 Ländern auf Tournee ging. Simone Sandroni war außerdem international
als Gastchoreograf tätig u.a. für das Nationaltheater Prag, das Festival de Beweegin in Antwerpen, das Four Chambers Dance Project in Toronto, das Luzerner Theater, die Lublin Dance Company sowie für das Bayerische Staatsballett in München.

BÜHNE
Jürgen Höth ist freischaffender Bühnen- und Kostümbildner. Mit dem Theater Bielefeld verbindet ihn eine langjährige Arbeitsbeziehung u. a. mit den Regisseur* innen Matthias Kaschig, Mareike Mikat, Dariusch Yazdkhasti, Michael Heicks und Christian Schlüter. Zuletzt übernahm Jürgen Höth die Ausstattungen für Weißes Gold, How to date a feminist, Spin und das Bühnenbild für Charlys Tante sowie für Simone Sandronis Tanzstück Opus fünfundsechzig.

KOSTÜME
Clemens Leander ist seit 2009 als Kostümbildner tätig. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn dabei mit der Regisseurin Clara Weyde und dem Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot. Seine Arbeiten führten ihn u. a. an die Theater in Bonn und Freiburg, die Staatstheater Hannover und Nürnberg sowie das Schauspielhaus Hamburg und das Deutsche Theater Berlin. Zudem war Clemens Leander von 2013 bis
2015 Kostümdirektor am Theater an der Parkaue, Junges Staatstheater Berlin. Im Jahr 2016 begann er seine Arbeit bei den Salzburger Festspielen in der Produktionsleitung der Kostümabteilung. Dort betreut er seitdem die Schauspielproduktionen des Festivals. In der Spielzeit 2018/19 unterstützte er als künstlerische Organisationsleitung die Kostümabteilung des Burgtheaters in Wien. Am Theater Bielefeld entwarf Clemens Leander u. a. die Kostüme für Wie es euch gefällt und König Ubu, außerdem für die Inszenierungen von Rose Bernd und Die Affäre Rue de Lourcine, die aufgrund der aktuellen Situation noch nicht zur Premiere kommen konnten. In dieser Spielzeit übernahm er zudem die Kostüme für die Uraufführung von Dominik Buschs Deinen Platz in der Welt.

BESETZUNG

Tamerlano, Herrscher der Tartaren James Hall, Hampus Larsson Bajazet,
Herrscher der Türken Lorin Wey, Alexandre Nodari Asteria,
Tochter des Bajazets Nohad Becker, Cola Ho Andronico,
griechischer Prinz Owen Willetts, Andrea Zinnato Irene,
Prinzessin von Trapezunt Katja Starke, Elvira Zúñiga Porras Leone,
Vertrauter Andronicos Yoshiaki Kimura

BIOGRAFIEN DER GÄSTE
Der Countertenor James Hall genießt großes Ansehen im barocken und zeitgenössischen Repertoire. 2019/20 sang James Hall erstmals mit dem Scottish Chamber Orchestra und gab sein Debüt an der Deutschen Oper Berlin als Oberon. Bei der Biennale in Venedig war er als The Boy in Written on Skin zu erleben und sang Goffredo in Rinaldo bei Glyndebourne on Tour sowie ein Konzert unter der Leitung von Sir George Benjamin in der Royal Festival Hall. Vergangene Spielzeit gab Hall sein Debut beim Glyndebourne Festival als Rinaldo und sang Oberon an der Opéra National de Montpellier. In weiteren Engagements der jüngeren Vergangenheit sang er Guildenstern in Hamlet mit Glyndebourne on Tour, Narciso in Agripina beim Grange Festival und Farinelli in Farinelli and the King am Belasco Theatre am Broadway, wobei er mit dem Oscar-prämierten Schauspieler Mark Rylance auf der Bühne stand.

Hall kreierte die Rolle des Leon in Osborns The Mother mit der Mahogany Opera Group, Nathaniel in Na’ama Zissers Black Sand beim Tête-à-tête- und Grimeborn Festival sowie Johan in der Uraufführung von David Bruces Nothing in Glyndebourne. Im Konzert sang James Hall Bach-Kantaten mit The English Concert und Harry Bicket in der Wigmore Hall sowie deren Produktion von Rinaldo in der Carnegie Hall, wo er sein Debut mit Orfeo unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner gegeben hatte. Er sang Adalberto in Ottone mit George Petrou und Il Pomo d’Oro beim Festival de Beaune, war als Solist in Unsuk Chins Cantatrix Sopranica mit dem niederländischen Kammerorchester Asko|Schönberg zu erleben, spielte außerdem Zephyrus in Apollo et Hyacinthus mit Ian Page und der Classical Opera, Giulio Cesare mit der Early Opera Company sowie Mozarts Requiem in Singapur und Bachs Johannes-Passion mit Harry Bicket und der Royal Northern Sinfonia.

James Hall studierte am Royal College of Music und erhielt den Sir Geraint Evans Prize 2009 und 2010 sowie den Somerset Song Prize 2013. Gegenwärtige und zukünftige Engagements von Owen Willetts umfassen die Rolle der Castle Crow in John Abrahamsens The Snow Queen an der Bayerischen Staatsoper in München, Unulfo in Rodelinda in Göttingen und Moskau, Johannes-Passion an der Oper Zürich, die Titelrolle in Orlando am Staatstheater Darmstadt und diejenige in Glucks Orfeo an der Opera Queensland, den Tolomeo in Giulio Cesare am Theater Bonn, Tullio in Arminio in Karlsruhe, Göttingen sowie am Theater an der Wien, außerdem eine Tournee mit Les Musiciens du Louvre, Eustazio in Rinaldo sowie die Titelrolle in Giustinio mit der Lautten Compagney Berlin sowie Händels Il trionfo del tempo e del disinganno am Opernhaus Halle. In den vergangenen Spielzeiten sang Owen Willetts Oberon an der Viriginia Opera und in Hannover, Ottone in L’incoronazione di Poppea an der Pinchgut Opera und am Theater Aachen, Orlando in Heilbronn und Halle, Helicon in Caligula an der Staatsoper Hannover, Andronico beim Buxton Festival, Farinelli in Farinelli and the King am Duke of York Theatre, Narciso in Agrippina in Oldenburg, Göttingen und beim Brisbane Baroque Festival, den Sommer in The Fairy Queen, Giulio Cesare an der Finnish National Opera sowie Orfeo (Gluck) und Arsace in Händels Partenope beim Boston Baroque.

Im Konzertbereich sang Owen Willetts mit Les Musiciens de Louvre, dem Telemann Chamber Orchestra beim Vancouver Early Music Festival, mit dem Ulster Orchestra, Orchestra of the Age of Enlightenment und der Lautten Compagney. Dabei arbeitete er mit zahlreichen führenden Künstler*innen der historischen Aufführungspraxis wie Laurence Cummings, Christian Curnyn, Emmanuelle Haim, Marc Minkowsi, Martin Pearlman, Howard Arman und Raphael Pichon. Owen war Chorschüler an der Kathedrale in Lichfield (Staffordshire/GB) und studierte an der Royal Academy of Music bei Noelle Barker, Iain Leadingham und David Lowe.

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Hamburg, Elbphilharmonie, 1.9.2020 – Wiedergeburt des Konzertlebens, IOCO Aktuell, 04.08.2020

August 4, 2020 by  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

ELBPHILHARMONIE  – LAEISZHALLE –  live ab 1.9.2020

Wiedergeburt des Konzertlebens in Hamburg

Tickets für mehr als 30 Konzerte im September – die meisten davon im Großen Saal der Elbphilharmonie – gehen am Dienstag, den 4. August, um 11 Uhr, in den Verkauf. Alle Veranstaltungen entsprechen den Erfordernissen in Corona-Zeiten. Sie dauern meist nur etwa eine Stunde, haben keine Pause und finden, wo immer dies möglich war, zwei Mal am selben Abend statt. Das von NDR Elbphilharmonie Orchester und HamburgMusik gemeinsam verantwortete Programm zur Saisoneröffnung beginnt am 1. September und markiert mit insgesamt sieben Konzerten den Neustart des Konzertlebens in Hamburg nach nahezu halbjähriger Zwangspause. Weitere Höhepunkte im Laufe des Monats: Das Ensemble Modern kommt unter der Leitung von George Benjamin, das Mahler Chamber Orchestra gastiert gleich an zwei Abenden, Teodor Currentzis hat für sein SWR Symphonieorchester ein komplett neues Programm entwickelt, und auch das Ensemble Resonanz eröffnet seine Spielzeit. Als Solistinnen sind u.a. Lisa Batiashvili und Patricia Kopatchinskaja (Violine) zu erleben, die Sopranistin Anna Prohaska, die Cellistin Alisa Weilerstein sowie der Geiger Leonidas Kavakos und der Pianist Pierre-Laurent Aimard. Tickets ab 10 Euro sind auf www.elbphilharmonie.de erhältlich. Ein ausgeklügeltes Hygiene- und Einlasskonzept gewährleistet ein Höchstmaß an Sicherheit für Publikum und Mitwirkende.

Alle Brahms-Sinfonien zum Neustart

Mit der Sinfonie Nr. 2 von Brahms und dem 1. Violinkonzert von Prokofjew läutet das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Alan Gilbert am 1.9. um 20 Uhr gemeinsam mit der HamburgMusik die neue Saison ein. Solistin ist Lisa Batiashvili. Am 2., 4. und 5.9. spielt das Orchester dann jeweils Doppelkonzerte (18.30/21 Uhr), wobei die Paarung der beiden Komponisten erhalten bleibt und sukzessive alle vier Brahms-Sinfonien und auch das Violinkonzert Nr. 2 von Prokofjew zur Aufführung kommen (Solist: Leonidas Kavakos, 4./5.9.).

Elbphilharmonie Hamburg / NDR - Elbphilharmonie Orchester im Großen Saal © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / NDR – Elbphilharmonie Orchester im Großen Saal © Michael Zapf

Gastspiele mit spannenden, neuen Programmen

Die ersten auswärtigen Orchestergäste auf der Bühne erwartet die HamburgMusik am 6.9. um 20 Uhr mit dem Ensemble Modern unter George Benjamin, in der Saison 2018/19 Composer in Residence der Elbphilharmonie. Die Musiker spielen Benjamins »At First Light« und Wolfgang Rihms »Jagden und Formen« – ein Werk von beinahe unentrinnbarer Sogwirkung. Tags darauf leitet George Benjamin das Mahler Chamber Orchestra mit Werken von Janácek und Ravel und seinem Duett für Klavier und Orchester (Solist: Pierre-Laurent Aimard, 7.9., 18.30/21 Uhr). Das Mahler Chamber Orchestra bleibt noch in der Stadt, um zwei Tage später Werke von vier großen B zu spielen – Bach, Boulez, Benjamin und Britten. Bachs Hochzeitskantate und den Orchesterlied-Zyklus »Les Illuminations« von Britten singt die Berliner Star-Sopranistin Anna Prohaska, die Leitung liegt beim Konzertmeister des Ensembles Matthew Truscott (9.9., 20 Uhr).

Das SWR Symphonieorchester und sein Chefdirigent Teodor Currentzis haben ihr als Entree der Residenz der Geigerin Patricia Kopatchinskaja konzipiertes Konzert komplett umgestellt und präsentieren stattdessen ein aufregendes Programm mit Musik, die wie dafür gemacht scheint, auf Abstand gespielt zu werden. Kopatchinskaja soliert in Giacinto Scelsis filigranem, mikrotonal angelegtem Werk »Anahit / Lyrisches Poem für den Namen der Venus« und in einem neuen Werk für Solovioline und Orchester, das Dmitri Kourliandski zu Ehren von Helmut Lachenmann komponiert hat. Lachenmann selbst, der im November seinen 85. Geburtstag feiert, tritt zudem als Sprecher in seinem Stück »zwei Gefühle… / Musik mit Leonardo« auf. Dem Werk liegt ein Text von Leonardo da Vinci zugrunde, es liefert einen zentralen Beitrag zu seiner in Hamburg uraufgeführten Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Eingerahmt wird das Programm von »Battalia«, einem hochexpressiven Stück des barocken Violinvirtuosen und Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber mit teilweise präpariertem Instrumentarium (23.9., 18.30/21 Uhr).

Einige Programme bleiben (fast) wie geplant

Aus Portugal reist das Remix Ensemble Casa da Música an und stellt wie geplant Hans Zenders Neuinterpretation der Diabelli-Variationen von Beethoven dem Original gegenüber – gespielt vom deutsch-rumänischen Weltklasse-Pianisten Herbert Schuch (22.9., 20 Uhr). Auch der Liederabend mit dem russischen Bass Mikhail Petrenko zieht lediglich vom Kleinen in den Großen Saal der Elbphilharmonie um (16.9., 19.30 Uhr).

Die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker spielt das ursprüngliche Programm ihres Elbphilharmonie-Debüts, verteilt die Werke von Rebecca Saunders allerdings auf zwei Konzerte (27.9., 18.45/20.45 Uhr). Unter der Leitung von Enno Poppe präsentieren die jungen Musiker zunächst Saunders‘ Cinnabar, ein Doppelkonzert für Violine, Trompete, Ensemble und elf Spieluhren. Im zweiten Konzert tritt Fury für Kontrabass solo an die Stelle des Doppelkonzerts, Solist ist Alexander Arai-Swale. Kombiniert werden die Werke mit einem neuen Stück der Komponistin Milica Djordjevic – Preisträgerin des Ernst-von-Siemens-Komponistenpreises 2016 – und mit Enno Poppes Koffer.

Die Reihe »Das Alte Werk« feiert ihren Saisonauftakt im Großen Saal der Laeiszhalle, auch Interpreten und Werk bleiben erhalten, das Programm wird lediglich etwas gekürzt und zweimal gespielt: Die Accademia Bizantina bringt unter der Leitung von Ottavio Dantone Auszüge aus Vivaldis effektvoller Oper Il Tamerlano als konzertante Aufführung in italienischer Sprache (29.9., 18.30/21 Uhr).

Die Elbphilharmonie in Hamburg
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 Konzerte der Residenzorchester werden leicht angepasst

Das Ensemble Resonanz konnte seine Saisoneröffnung unter dem Titel »statt anderer gottheit« kalendarisch beibehalten, hat es aber um einen Programmpunkt kürzen müssen, spielt nun Hans Zenders »Hölderlin lesen I« mit Jens Harzer als Sprecher sowie Beethovens Sinfonie Nr. 5 und doppelt das Konzert (8.9, 18.30/21 Uhr).

Krzysztof Urbacski, Erster Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, kehrt mit insgesamt vier Konzerten und einem reinen Beethoven-Programm in den Großen Saal zurück. Das Klavierkonzert Nr. 5 mit Dejan Lazic als Solist konnte vom ursprünglichen Programm beibehalten werden, Schostakowitschs Sinfonie Nr. 12 wird durch Beethovens 1. Sinfonie ersetzt (10./11.9., jeweils 18.30/21 Uhr). Zum Monatsende hin leitet erneut Alan Gilbert das Orchester, dann in einer Serie von Konzerten mit der Cellistin Alisa Weilerstein, die anstelle von Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 nun Tschaikowskys Rokoko-Variationen mitbringt. Zweiter Programmpunkt: die 3. Sinfonie von Beethoven, die Eroica (24.9/26.9., jeweils 18.30/21 Uhr sowie 27.9., 10.30/13 Uhr).

Harbour Front Sounds – Tickets ab 11. August

Karten für Harbour Front Sounds – ein Festival im Literaturfestival, das in Kooperation mit HamburgMusik realisiert wird – sind derzeit noch auf Bestellung erhältlich. Restkarten gehen am 11. August in den Verkauf.

Weitere Veranstalter

Des Weiteren gelangen am 4.8. Tickets für Konzerte mit dem Belcea Quartet in den Verkauf (24.9., Laeiszhalle Großer Saal, 19.30 Uhr), für das Festival der Preisträger des Fanny Mendelssohn Förderpreises (26.9., 18.45/20.45 Uhr, Elbphilharmonie Kleiner Saal) sowie für das Auryn Quartett, das seinen Auftritt beim diesjährigen International Mendelssohn Festival vom Kleinen in den Großen Saal der Laeiszhalle verlegt (27.9., 20 Uhr) hat. Die weiteren Konzerte des Festivals mussten Corona-bedingt abgesagt werden.

Ticketinformationen und Hinweise zum Konzertbesuch

Tickets sind online über www.elbphilharmonie.de erhältlich. Kunden, denen eine Online-Buchung nicht möglich ist, können unter +49 357 666 66 anrufen (Di-Sa 10-16 Uhr). Eine Übersicht über alle weiteren Konzerte und Vorverkaufstermine gibt es auf www.elbphilharmonie.de (gleich auf der Startseite, oben rechts »Verfügbare Konzerttickets« anklicken).

Solange das Konzertleben weiterhin den Unwägbarkeiten infolge der Corona-Pandemie unterworfen bleibt, starten HamburgMusik, NDR und einige andere Veranstalter jeweils am ersten Dienstag eines Monats den Vorverkauf für die neuen Konzerte des Folgemonats. Am 1. September gelangen demzufolge die Tickets für Oktober 2020 in den Verkauf.

Für den Konzertbesuch gelten aktuell besondere Vorgaben: So ist in Elbphilharmonie und Laeiszhalle auf allen Laufwegen im Konzertbereich eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Auf den Plätzen im Saal, die einen Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Besuchern bzw. Besuchergruppen gewähren, gilt keine Maskenpflicht. Auch beim Aufenthalt im Foyer muss unter Wahrung des Mindestabstands zu anderen Gästen keine Maske getragen werden. Anders als bisher öffnen die Häuser für Konzertbesucher nun 60 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. Foyers und Säle werden gleichzeitig geöffnet. Die Konzertgastronomie in den Foyers ist nur vor der Veranstaltung in Betrieb. Alle Hinweise – auch zur Nutzung der Garderoben und Aufzüge sind auf www.elbphilharmonie.de zu finden.

—| Pressemeldung Elbphilharmonie Hamburg |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Tamerlano – Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 16.11.2019

November 16, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

Tamerlano –  Georg Friedrich Händel

 – ein aus der Zeit gefallener Möchtegern-Westernheld im Kulturkampf –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Dieser Tamerlano ist nicht blutrünstig, nur bisweilen komisch und hat mit der historischen Figur des Timur Leng (1336-1405) nur wenig gemein. Während bei Christopher MarloweShakespeares gleichaltrigen und zunächst berühmteren Zeitgenossen – der gewalttätige Machtmensch ungeschönt gezeigt wird, hat sich Georg Friedrich Händel für eine andere Version entschieden und am Ende das Gewicht zugunsten Bajazets verlagert. Der Text von Nicola Francesco Haym geht auf die Libretti von Agostino Piovene (Tamerlano, 1711) und Ippolito Zanelli (Il Bajazet, 1719) zurück, diese wiederum bedienten sich bei der Tragödie Tamerlan ou La Mourt de Bajazet (1675) von Jacques Pradon.

Tamerlano von Georg Friedrich Händel feierte 1724 ihre Uraufführung am King’s Theatre Haymarket in London. Es war eine auf italienisch gesungene Tragödie um Macht, Hass, Liebe, Enttäuschung und Tod; wie so oft bei Händel wird das ganze menschliche Leben verhandelt, verpackt in einnehmender Musik, die einen nicht mehr loslässt. Dass muss der Regisseur R.B. Schlather – die Inszenierung für die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot war sein Europadebüt – ebenso empfunden haben und befürchtete wohl, der Sogwirkung von Händels Werk ausgeliefert zu sein, so dass er kurzerhand das 28 Personen zählende Orchester in einen Käfig steckte. Natürlich gibt es auch einen inszenatorischen Sinn dahinter: Tamerlano ist ein  amerikanischer Cowboy, wohl auch Kulturbanause und so hält er die Musiker und Musikerinnen wie Gefangene, denn er besitzt den Schlüssel zu diesem Gefängnis, ohne ihn kommen sie weder rein noch raus. Demütigung ist bei ihm Programm – und als Verweis zu Guantánamo gedacht. Sein gefangengenommener Feind, der Osmane Bajazet dagegen, vom Regisseur als europäische Kontrastfigur beschrieben, trägt zunächst einen edlen grauen Anzug, während seine Tochter Asteria im Jogging-Kapuzen-Outfit bereits an einen Häftling erinnert. Mit Waffen wird diese Feindschaft nicht mehr ausgetragen, sie gleicht eher einem (bösen) Spiel, Kultur- oder Sport-Wettkampf, der zwischen der einen und der anderen Seite des Atlantiks ausgefochten wird und wofür die Startnummern auf den Kostümen der Protagonisten um Tamerlano herum zeugen.

Oper Frankfurt / Tamerlano - hier : vl Brennan Hall als Andronico, Elizabeth Reiter als Asteria, Liviu Holender als Leone; im Käfig das Frankfurter Opern- und Museumsorchester © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Tamerlano – hier : vl Brennan Hall als Andronico, Elizabeth Reiter als Asteria, Liviu Holender als Leone; im Käfig das Frankfurter Opern- und Museumsorchester © Monika Rittershaus

Tamerlano kann eigentlich nur verlieren, denn „Macht“ ist bei ihm allenfalls noch in seinem Peitsche-schwingenden Auftritt zu spüren, ansonsten ist er eher ein aus der Zeit gefallener Möchtegern-Westernheld mit Schnauzer. Er kann die Machopose nur noch übertreiben – der später eingesetzte Baseballschläger vermag ebenso wenig die kulturelle oder sportliche Überlegenheit belegen –, aber auch ein lächerlicher Tyrann ist zu menschenverachtender Erniedrigung fähig, denn die  Regeln in diesem Schaukampf bestimmt immer noch Tamerlano. Seine grotesken Auswüchse – mal nimmt er im Publikum Platz oder verteilt Bierdosen – sorgen selbstverständlich für gehörige Lacher und wie sie der Countertenor Lawrence Zazzo verkörpert, zugleich schöne Koloraturen singend und dabei sich selbst ein bisschen karikierend, zeigt meisterliches Können. Ihm gegenüber – nicht nur gesanglich – steht Asteria, Bajazets Tochter, mit gehöriger Wut und unbeugsamen Willen, gewillt diesem Unmenschen entgegenzutreten. Das widerwillige Anziehen eines in ihren Augen unwürdigen Brautkleids, schwarze Cowboystiefel trägt sie bereits, die mit voller Wucht gesungene Rebellion und zugleich verzweifelt-betörende Suche nach Nähe zum Vater wird von Elizabeth Reiter überragend gesungen und gespielt; eine Darbietung auf unübertrefflichem Niveau.

Ihre Uneinigkeit mit dem Vater, wie dem Tyrannen zu begegnen sei, wird durch den Konflikt des ebenfalls in Haft gehaltenen Geliebten Andronico noch gesteigert. Ihre wechselseitigen Beschuldigungen am Verrat des jeweils anderen verstärken den Eindruck der Tragödie und der – auch räumlichen – Ausweglosigkeit. So wie Asteria einwilligt Tamerlano zu heiraten, weil sie sich von Andronico hintergangen fühlt, doch zum Anziehen des Brautkleids von Tamerlano gezwungen werden muss, so muss sich auch Andronico ein Football-Outfit überstreifen und anstelle Tamerlanos als Bräutigam vor Irene auftreten. Brennan Halls Altus und seine zurückgenommene Haltung schaffen einen eindringlichen Kontrast zu Tamerlanos Exaltiertheit.

Oper Frankfurt / Tamerlano - hier : vorne Lawrence Zazzo als Tamerlano © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Tamerlano – hier : vorne Lawrence Zazzo als Tamerlano © Monika Rittershaus

Irene – von der Mezzosopranistin Cecelia Hall als furchtlose Frau trefflich gesungen – wiederum ist die eigentliche Braut Tamerlanos, an der er aber kein Interesse zeigt. In ihrem Glitzer-Jumpsuit passt sie tatsächlich besser zum Manipulator und mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet, ist sie nicht bereit, von Tamerlano zu lassen. Der Wärter Leone führt sie indes als Vertraute Irenes bei seinem Dienstherrn ein: Dann soll sie dafür sorgen, dass er kein Gefallen mehr an Asteria findet, und er wird Irene heiraten – so einfach geht das verachtende Spiel bei Machtmenschen. Leone, Liviu Holender stellt ihn als beobachtenden und verständigen, aber zurückhaltenden Mann dar und immer zur rechten Zeit zur Stelle, wird selbst zum Akteur in diesem bösen Spiel. Er trägt übrigens einen blauen Kittel mit der Aufschrift „Crew“, wie alle (wirklichen) Mitarbeiter des Bockenheimer Depots an diesem Abend, was ihn spätestens, wenn er seinen gut geführten Bariton erklingen lässt, aus diesem Kreis wieder heraushebt (Kostüme: Doey Lüthi). So wie ein Kleidungsstück über die wahren Absichten eines Protagonisten täuschen soll, so enthüllen sie zugleich den Zustand einer Figur: Bajazet trägt inzwischen orange Häftlingskleidung, in der er noch kurz vor seinem Tod von Tamerlano besudelt und erniedrigt wird. Es sind die äußeren, optischen Zeichen, die Regisseur R.B. Schlather bei seiner Deutung dieser Geschichte betont. Und auch Tamerlano wird dabei nicht verschont werden.

Die Ereignisse überstürzen sich. Bajazet sieht angesichts Asterias Entschluss Tamerlano zu heiraten nur noch im Selbstmord einen Ausweg und fordert seine Tochter auf, ebenfalls Gift zu nehmen, um sich vor Tamerlanos Übergriffen zu retten. Asteria, die diesen in der Hochzeitsnacht zu töten beabsichtigte, lässt davon ab, und endlich bekennt sich Andronico zu ihr, was Tamerlanos Wutanfall und ihre weitere Demütigung zur Folge hat. Sie nimmt das Gift nicht, sondern mischt es in Tamerlanos Getränk, wird dabei von Irene beobachtet – und diese ergreift die Gunst des Augenblicks: Sie warnt Tamerlano und gibt ihre wahre Identität zu erkennen. Noch kann Tamerlano seine Macht vollends ausspielen: Er verlangt von Andronico und Bajazet davon zu trinken. Asteria will ihnen zuvorzukommen, wird jedoch von ihrem Geliebten daran gehindert.

Den Selbstmord Bajazets kann Tamerlano aber nicht verhindern, und seine „Pose“ hat bereits gelitten: den aufgeklebten Schnurrbart, sein Symbol der Männlichkeit und Macht, hat er zuvor abgerissen. Nun muss er Bajazets letzten Kraftakt, vor dem wahrhaftigen und auch musikalischen Aushauchen, ertragen, und was dieser an Verwünschungen ausstößt, hat es in sich: „Um dich Ungeheuer zu quälen und zu zerreißen, will ich selbst die schlimmste Furie der Hölle sein.“ („Per tormentar, per lacerar quel mostro io sarò la maggior furia d’averno“, lautet es im italienischen Original). Bajazets Sterbeszene stellt der belgische Tenor Yves Saelens so intensiv, vokal und darstellerisch berührend dar, dass selbst ein herzloser, breitbeiniger Fake-Cowboy davon nicht unverschont bleibt und dem nichts mehr entgegenzusetzen hat. Vor dem Tod verblasst jede noch so machtvolle Gestalt, und dies lässt die Geschichte, die R.B. Schlather in eine heutige Zeit transferiert hat, am Ende doch noch aufgehen. Es ist aber vor allem ein Verdienst der Solisten, die durch ihre Darstellung das Konzept umsetzen und gesanglich bis zum Schluss grandios tragen.

Oper Frankfurt / Tamerlano - hier : vorne Elizabeth Reiter als Asteria © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Tamerlano – hier : vorne Elizabeth Reiter als Asteria © Monika Rittershaus

Dass Tamerlano das Orchester in einem Käfig „hält“ ist ziemlich gewöhnungsbedürftig, wenn auch in der Lesart dieser Inszenierung konsequent. Der ganze Raum ist ein weiß umrandetes Gefangenenhaus, es gibt praktisch für niemanden ein Entkommen (Bühnenbild: Paul Steinberg) und das Licht ist meistens neon-grell, wie es sich für so einen Ort gehört (Licht: Marcel Heyde). Auf der rechten Seite befindet sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, allerdings nicht zum Publikum gewandt. Karsten Januschke, der musikalische Leiter der Produktion, besticht auch durch körperlichen Einsatz: Wie ein Vortänzer, an barocke Orchesterleiter erinnernd, peitscht er das Ensemble an, doch auch Innigkeit erzeugt er mit seinem z.T. auf alten Instrumenten wie Laute, Barockgitarre und Chalumeau oder auch Blockflöte spielendem Orchester – etwa bei dem von gegenseitigen Enttäuschungen geplagten Liebespaar Andronico und Asteria oder in der Sterbeszene von Bajazet. Wer den Wettkampf der Kulturen für sich entschieden hat, ist nicht eindeutig auszumachen, ganz sicher lässt sich jedoch festhalten, dass zwar das Orchester eingesperrt werden kann, aber allen Gitterstäben zum Trotz der herrliche Klang seine betörende Wirkung zu verströmen vermag.

Für sein Europadebüt erhielten R.B. Schlather und sein Team einhelligen Applaus, übertroffen wurde er allerdings von dem für die Mitwirkenden und dem „befreiten“ Orchester

Tamerlano – Bockenheimer Depot, Frankfurt: die weiteren Termine 16.11.; 20.11.; 22.11.; 24.11.2019

–| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere: Mitridate, re di Ponto, 13.07.2014

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Premiere: Mitridate, re di Ponto

Premiere am 13. Juli, 19.30 Uhr, Schloss Schwetzingen – Rokokotheater

Opera seria in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart // Text von Vittorio Amadeo Cigna-Santi

Im Rahmen des Mannheimer Mozartsommers führt das Nationaltheater Mannheim Mozarts erste Opera seria auf, die in nur fünf Monaten als Auftragswerk zur Eröffnung der Mailänder Opernsaison am Teatro Regio Ducale 1770/1771enstanden ist – für einen damals kaum bekannten deutschen Komponisten eine herausragende Ehre. Im Rahmen des strengen Seria-Regelwerks gelang es Mozart, seinen Protagonisten individuelle Charaktere zu verleihen. Sein einzigartiges Gespür für dramatische Situationen, die er durch seine Musik erschuf, sicherte ihm schon in dieser frühen Zeit außerordentliche Erfolge. Das Schwetzinger Rokokotheater bietet einen prachtvollen Aufführungsort für diese Geschichte um Politik und Liebe und Mozarts wunderbar frische Musik.

Nach einer Niederlage gegen die Römer kehrt König Mitridate heim und trifft auf seine Söhne, die ihn tot glaubten. Beide sind in Mitridates Verlobte Aspasia verliebt. Farnace paktiert zudem mit den Römern, während Sifare dem Vater politisch die Treue hält. Als Mitridate den Römern erneut zu unterliegen droht, stürzt er sich in sein Schwert, um den Feinden nicht in die Hände zu fallen. Sterbend verzeiht er seinen untreu gewordenen Söhnen und gibt Aspasia Sifare zur Frau.

Mithridate VI., König von Pontus, war einer der letzten ernsthaften Gegner Roms im ersten Jahrhundert vor Christus. Als tapferer Krieger, brillanter Stratege, aber auch als Kenner von Kunst und Wissenschaft ist er in die Geschichte eingegangen. Der französische Dichter Jean Racine machte ihn zur Titelfigur seiner 1673 verfassten Tragödie Mithridate, an die das Libretto zur Oper des 14-jährigen Mozart, Mitridate, re di Ponto, eng angelehnt ist.

Musikalische Leitung George Petrou – Inszenierung Nicolas Brieger – Bühne Raimund Bauer – Kostüme Andrea Schmidt-Futterer – Licht Alexander Koppelmann – Dramaturgie Elena Garcia-Fernandez, Klaus-Peter Kehr

BESETZUNG: Mitridate: Mirko Roschkowski – Aspasia: Cornelia Ptassek – Sifare: Ma Xiao – Farnace: Clint van der Linde – Arbate: Onur Abaci – Ismene: Eunju Kwon – Marzio: David Lee

Orchester und Statisterie des Nationaltheaters Mannheim

Mit freundlicher Unterstützung der Karin und Carl-Heinrich Esser Stiftung

George Petrou ist preisgekrönter Pianist mit Konzerten u. a. in der Queen Elizabeth Hall und der Wigmore Hall in London, in der Carnegie Hall in New York und der Berliner Philharmonie. Als Dirigent spezialisierte er sich auf Alte Musik und leitete u. a. Opernproduktionen in Leipzig, Bern und Athen. Seine CD-Einspielungen von Händels Oreste, Ariana in Creta und Tamerlano für das Label MDG erhielten hohe Auszeichnungen wie den Echo Klassik, den Choc-Monde de la Musique und den Gramophon-Editor’s Choice.

Nicolas Brieger arbeitete zunächst als Schauspieler im Theater sowie in Kino- und Fernseh-produktionen. Seine Regiearbeiten führten ihn u. a. an die Theater von Berlin, Basel, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München, Zürich und Wien. Zu seinen Inszenierungen gehören Opern von Mozart, Verdi, Puccini und Janá?ek wie auch Werke Schönbergs, Henzes, Messiaens und Rihms. Von 1988 bis 1992 war er Schauspieldirektor am Nationaltheater Mannheim, wo er zuletzt 2009 Johann Christian Bachs Amadis des Gaules in Szene setzte.

Weitere Vorstellungen: 17. und 19. Juli, 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

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