Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Saison 2020/21 – doch nur bis Januar 2021, IOCO Aktuell, 24.07.2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Die Staatsoper Saison 2020/21 – bis Januar 2021

Nur 38 statt 68 Vorstellungen im Opernhaus

Wer ist wir?

  • Fünf Musiktheater-Premieren im Opernhaus bis Dezember
  • Deutlich reduzierte Anzahl von Vorstellungen durch Kurzarbeit
  • Coronatauglicher Abstand auf der Bühne und im Publikum
  • Wir stellen Fragen nach unserer eigenen Geschichte.
    Womit identifizieren wir uns? Und: Wer ist eigentlich wir?“ (Viktor Schoner)
  • Max Herre ist Artist in Residence
  • Staatsoper unterwegs: Konzerte in Clubs, Projekte in Stadt und Land
  • Gastspiele, Familienkonzert und Parcours beim JOiN

Am 22. Juli 2020 gaben Opernintendant Viktor Schoner, die Leiterin des JOiN Elena Tzavara und Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Rahmen der Jahrespressekonferenz der Staatstheater Stuttgart das Programm der kommenden Saison bis Ende Januar 2021 bekannt.

Alle Premieren der neuen Saison verbindet die Leitfrage „Wer ist wir?. Wann wird aus unterschiedlichen Menschen eine Gemeinschaft? Wer repräsentiert sie? Wo bleibt die Stimme der*s Einzelnen in diesem „wir“ – bei unterschiedlichsten Perspektiven, Standpunkten und Identitäten? Wie positioniert sich Deutschland in einem europäischen Kontext?

Staatsoper Stuttgart / Intendant Viktor Schoner @ Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Intendant Viktor Schoner @ Matthias Baus

Viktor Schoner über das Programm der neuen Saison:Hinter den Premieren dieses Herbstes steht trotz aller Modifikationen eine klare programmatisch-dramaturgische Linie: eine Art Selbstbefragung, die wir an uns als Gesellschaft richten wollen, ohne dabei abgrenzend zu sein: Wer ist eigentlich wir? In der Familie, im städtischen Zusammenleben, in der Frage nach der geschichtlichen Bedeutung der Nationen und im Verhältnis zu unseren Nachbarn. Definiert sich ein Wir tatsächlich leichter über Abgrenzung, wie es vor allem Populisten formulieren? Das Verhältnis von Deutschland und Frankreich spielt genauso eine Rolle wie die Frage nach systemsprengenden und angepassten Persönlichkeiten.“

Im Zentrum der heutigen Jahrespressekonferenz standen die Neuproduktionen der Staatsoper Stuttgart und des JOiN als umfassendem Vermittlungsprogramm sowie die Kooperationsprojekte der Staatsoper Stuttgart. Nach dem „Oper trotz Corona“-Programm mit über 100 Vorstellungen im ganzen Stadtraum kehrt die Staatsoper Stuttgart im Herbst hauptsächlich wieder in den Littmann-Bau zurück.

Dabei ist die Vorstellungsanzahl deutlich reduziert. Statt wie ursprünglich geplant 68 können bis Ende Januar nun nur 38 Vorstellungen im Opernhaus gezeigt werden. Zudem beginnt die Saison erst am 1. Oktober, darüber hinaus wird es im Januar 2021 keine Opernaufführungen geben. Insgesamt liegt der Fokus auf fünf Musiktheater-Premieren und Spezialformaten, es wird lediglich zwei Repertoirevorstellungen geben. Intendant Viktor Schoner: „Die Einsparungsmaßnahmen durch Kurzarbeit fordern von uns allen Opfer. Der Repertoirebetrieb, wie wir ihn kennen, wird in der kommenden Saison nicht stattfinden. Dennoch freue ich mich, dass wir unsere Premieren, für die bereits seit Monaten in unseren Werkstätten gebaut wurde oder deren Bühnenbilder bereits fertig gestellt waren, wie geplant realisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen können.

Fünf Premieren, Spezialformate, ein Gastspiel und Repertoire

Neben zwei Opern des Repertoires werden die fünf Neuproduktionen einen weiten Bogen von Mozarts Zauberflöte bis hin zu Salvatore Sciarrino schlagen. Dezidiert Familientaugliches steht hier neben Experimentellem, Populäres neben selten zu Hörendem. Zusätzlich zu den wenigen Repertoirevorstellungen wurden außerdem neue Projekte angesetzt: konzertante Aufführungen, ein Abend mit Verfilmungen von Madrigalen, eine Gesprächsreihe mit Chorkonzert und vieles mehr.

Generalmusikdirektor Cornelius Meister

Cornelius Meister dirigiert in den ersten Monaten der kommenden Saison zwei Opern-Neuproduktionen: Die eigentlich für Ende Juni 2020 vorgesehene Premiere des Doppelabends von Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana kombiniert mit Salvatore Sciarrinos Kammeroper Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen) in der Regie von Barbara Frey ist nun die zweite Premiere der neuen Saison. Im Oktober feiert dann Gustav Mahlers Das Lied von der Erde in der Orchesterfassung von Arnold Schönberg und in der Kopplung mit Elfriede Jelineks Die Bienenkönige Premiere in einer szenischen Aufführung, Regie führt David Hermann. Diese Produktion ist die einzige Premiere, die aufgrund der Corona-Maßnahmen modifiziert werden musste: Ursprünglich war für Ende Oktober die Neuproduktion von Richard Strauss‘ großdimensionierter Oper Die Frau ohne Schatten vorgesehen. Die eigentlich für diese Produktion vorgesehenen Sänger*innen Ks.Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Michael König und Martin Gantner werden auch Das Lied von der Erde gestalten.

Außerdem übernimmt Cornelius Meister die Musikalische Leitung des programmatischen Eröffnungskonzerts der Saison: Bei  Denk ich an Deutschland in der Nacht  treffen so unterschiedliche Künstler*innen wie Max Herre oder Schorsch Kamerun mit Sänger*innen des Stuttgarter Ensembles und dem Staatsorchester Stuttgart zusammen. Ein Abend zwischen E und U, zwischen Musik und Literatur, zwischen deutscher Romantik und Hiphop.

Die im Opernhaus einmalige konzertante Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni wird ebenfalls Cornelius Meister dirigieren. Ihr geht ein lange verabredetes Gastspiel in der Kölner Philharmonie am 1. November voraus. In der Titelrolle tritt Björn Bürger auf. Im Beethoven-Saal der Liederhalle wird Cornelius Meister außerdem einen Zyklus mit allen Brahms-Sinfonien an zwei aufeinander folgenden Tagen dirigieren.

„Für jedes Werk im Herbst haben wir einen eigenen Klangraum geschaffen: Gesang und Orchester werden bei jeder Oper und bei konzertanten Aufführungen aus unterschiedlichen Richtungen zu hören sein. Dabei beziehen wir den Orchestergraben, die Bühne, die Logen, den dritten Rang und das Foyer ein. Das ganze Opernhaus wird zum Klingen gebracht, und das Publikum hat so die Möglichkeit, die Protagonist*innen der Staatsoper und des Staatsorchesters aus Perspektiven zu erleben, die vollkommen neu und jedes Mal anders sind“, so Cornelius Meister.

Spezialformate, Artist in Residence und Gastspiel

Denk ich an Deutschland in der Nacht ist der inhaltlich-programmatische Auftakt zur neuen Saison mit dem Thema „Wer ist wir?“. Der Konzertabend ist der Versuch, das „Konstrukt Deutschland“ humoristisch, assoziativ und ironisch, aber auch auf ganz ernsthafte Weise zu befragen. Unter der musikalischen Leitung von GMD Cornelius Meister werden dabei Werke von Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven, Clara und Robert Schumann, Fanny Hensel und Arnold Schönberg zu hören sein – und dabei konfrontiert mit Musik von und mit Max Herre und Schorsch Kamerun, der auch die Spielleitung unternehmen wird.

Der Rapper, Singer-Songwriter und Produzent Max Herre ist gleichzeitig Artist in Residence an der Staatsoper Stuttgart: In der Saison 2020/21 wird der das Opernhaus zu seinem „Musikzimmer“ machen und neben dem Eröffnungskonzert Denk ich an Deutschland in der Nacht mit dem Staatsorchester Stuttgart im Juni 2021 mit dem Staatsorchester, dem Pianisten Roberto Di Gioia und dem Projekt Web Web als Jazzer auftreten. Intendant Viktor Schoner:Wir alle hier lieben die Oper, haben aber gleichzeitig keine musikalischen Scheuklappen – und Max Herres Musik mag ich schon seit Jahren. Mit ihm konnten wir einen der wichtigsten und klügsten deutschen Hip-Hop Musiker gewinnen, in unterschiedlichen Formationen im Opernhaus seiner Heimatstadt aufzutreten.“

Zweimal ist am 31. Oktober und 1. November La Fiesta von Israel Galván im Opernhaus als Gastspiel zu sehen: Gemeinsam mit Sänger*innen, Musiker*innen und Tänzer*innen dekonstruiert der als Avantgardist und Enfant terrible der spanischen Flamenco-Szene bekannte Tänzer und Choreograph das zum Aushängeschild spanischer Kultur gewordene Gesamtkunstwerk „Flamenco“.

Wer ist wir?, das Thema der neuen Saison, steht inhaltlich über einer neuen Gesprächsreihe, die im Oktober ihren Auftakt nimmt. Zwei Gäste werden bei dieser Reihe miteinander in Dialog treten, und die zu Grunde liegende Frage bewusst offen, kritisch, global und postnational stellen. Umrahmt werden diese Gespräche teilweise von einem der zentralen Kollektive der Staatsoper Stuttgart, dem Staatsopernchor, der auch musikalisch ein vielfältiges „Wir“ thematisieren wird.

Während der Zeit des Lockdowns des Opernhauses haben sechs Videokünstler*innen sechs Musikfilme mit Sänger*innen des Ensembles gedreht: Sechs Filme über Gefühle im Ausnahmezustand auf der Basis von frühbarocken Madrigalen, diese poetischen Seelenminiaturen von Claudio Monteverdi, Tarquino Merula und Carlo Milanuzzi, werden im Dezember unter dem Titel Quälend süße Einsamkeit im Opernhaus gezeigt. Dazu wird Musik aus der Zeit Monteverdis unter der Musikalischen Leitung von Stefano Montanari gespielt. Entstanden sind die Filme an erstarrten Orten des öffentlichen Lebens – dem Flughafen, der Staatsgalerie oder dem verwaisten Opernhaus.

Neben der konzertanten Aufführung von Mozarts Don Giovanni stehen außerdem zwei Arienabende auf dem Programm: Am 11. November präsentieren Catherine Naglestad und Nicholas Brownlee unter der Musikalischen Leitung von Valerio Galli Höhepunkte der Opernliteratur. Am 17. Dezember stehen Elizabeth Caballero, Diana Haller und Adam Palka auf dem Konzertpodium im Opernhaus. Die Musikalische Leitung hat dann Karsten Januschke. Die Programme werden noch bekannt gegeben.

Projekte im Stadtraum

Viktor Schoner:Wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, dann, dass verlässliche Partner in dieser Stadt sich gegenseitig stützen: Gemeinsam mit den unterschiedlichsten Kooperationspartnern in der Stadt und im Land haben wir in den vergangenen Monaten emotional beflügelnde und künstlerisch bereichernde Erfahrungen gemacht. Diese Haltung wollen wir uns auch in Zukunft bewahren.“

Die bisher im Foyer des Opernhauses stattfindenden Liedkonzerte werden zu Beginn der neuen Saison in Räumen stattfinden, die von der Krise leergefegt wurden: Clubs, Hotellobbys und viele weitere Locations werden Spielorte für die eigens dafür konzipierten Programme sein.

Auch die Lunchkonzerte sind ab Herbst an verschiedenen Orten im Stuttgarter Stadtraum zu Gast: Musiker*innen des Staatsorchesters werden bei diesem beliebten Format zur Mittagszeit mit etwa 30-minütigen Programmen auftreten.

Die Zauberflöte – Welterfolg von Barrie Kosky – nun auch in Stuttgart
youtube Trailer Komische Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Neuproduktionen

Den Auftakt der Opernsaison am 3. Oktober 2020 markiert die Premiere der Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte. Die Inszenierung von Barrie Kosky (siehe Trailer oben) und Suzanne Andrade ist eine Produktion der Komischen Oper Berlin, die bereits weit gereist ist und nun auch mit dem Ensemble der Staatsoper in Stuttgart zu sehen sein wird. Am Pult des Staatsorchesters Stuttgart steht Hossein Pishkar, der bereits in der letzten Saison als Dirigent bei einem Sinfoniekonzert mit Werken von Sciarrino, Romitelli und Beethoven debütierte. Josefin Feiler und Carina Schmieger treten als Pamina auf, alternierend mit Vera-Lotte Böcker als Gast. An ihrer Seite singen Mingjie Lei und Kai Kluge aus dem Stuttgarter Solistenensemble Tamino. Beate Ritter und Ks. Yuko Kakuta sind in der Rolle der Königin der Nacht zu erleben, als Sarastro David Steffens und Michael Nagl.

Am 11. Oktober 2020 folgt ein Doppelabend mit Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen) in der Inszenierung von Barbara Frey, der bereits in der aktuellen Spielzeit angekündigt war und nun Premiere feiert. Es dirigiert Cornelius Meister. Die eigens erstellte Orchestrierung von Sebastian Schwab spielt mit Klängen aus unterschiedlichen Räumen. Eva-Maria Westbroek (Santuzza), Arnold Rutkowski (Turridu), Rosalind Plowright (Lucia), Dimitris Tiliakos (Alfio)und Ida Ränzlöv (Lola) gestalten die Hauptpartien in Mascagnis beliebter Verismo-Oper. Eine weitere tragende Rolle kommt dem Staatsopernchor Stuttgart zu. In Sciarrinos 1998 in Schwetzingen uraufgeführter Oper, die in der Originalbesetzung mit 17 Orchestermusiker*innen aufgeführt wird, singen Rachael Wilson (La Malaspina), Elmar Gilbertsson (Un servo della casa), Ida Ränzlöv (L’Ospite) und Christian Miedl (Il Malaspina). Generalmusikdirektor Cornelius Meister: „Welch Glück, dass wir gezwungen waren, über den Orchesteraufbau bei Salvatore Sciarrinos Oper, der ursprünglich allein für den Orchestergraben gedacht war, noch einmal nachzudenken! Der feine und differenzierte Klangreichtum seiner Instrumentation kommt durch die Anordnung im Raum nun viel besser zur Geltung.“

Das Lied von der Erde von Gustav Mahler in der Fassung für Kammerorchester von Arnold Schönberg und Rainer Riehn am 27. Oktober 2020 ist die dritte Premiere der Saison – und ersetzt die ursprünglich für diesen Termin geplante Premiere von Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss, die aufgrund der großformatigen Besetzung unter den geltenden Hygienerichtlinien nicht zu realisieren gewesen wäre. Die Inszenierung stammt von David Hermann, der als Regisseur auch Strauss‘ Oper erarbeitet hätte. Nun inszeniert er mit den Sänger*innen Ks. Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Michael König und Martin Gantner eine szenische Version von Gustav Mahlers Symphonie auf Gedichte aus Hans Bethges Die chinesische Flöte im Rohbau des Bühnenraums, den Jo Schramm für Die Frau ohne Schatten entworfen hat. Gekoppelt wird Mahlers Musik mit Elfriede Jelineks Prosatext Die Bienenkönige. Die Schauspielerin Corinna Harfouch wird das Gesangsensemble für diesen Teil erweitern. Das Staatsorchester Stuttgart spielt unter der Leitung von Cornelius Meister.

Jules Massenets Werther ist die vierte Premiere der neuen Saison am 15. November 2020. Marc Piollet zeichnet für die Musikalische Leitung verantwortlich. Die Inszenierung stammt von Felix Rothenhäusler, der die Oper als Studie über die „Gefühlsextremist*innen“ Werther und Charlotte deutet. Die Titelrolle wird dargestellt von Jarrett Ott – und damit ist die Oper in Stuttgart in der selten zu erlebenden Bariton-Fassung zu hören. Seine Geliebte Charlotte wird von Rachael Wilson dargestellt, ihr Verlobter Albert ist Pawec Konik.

Die verzauberte Welt ist der Titel eines Musiktheaterabends für alle ab 6 Jahren, in dessen Mittelpunkt Maurice Ravels L’Enfant et les sortilèges steht und der am 19. Dezember 2020 Premiere feiert. Konzipiert und inszeniert wird die Oper von Schorsch Kamerun, der das Stück durch Ravels Märchensuite Ma Mère L’Oye sowie eigene Songs und Texte ergänzt. Die Musikalische Leitung hat der ehemalige Stuttgarter Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies inne. Die zentrale Rolle des Kindes in L’Enfant et les sortilèges wird von Diana Haller dargestellt. Zudem sind bei dieser Produktionen in Zusammenarbeit mit dem JOiN Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren zum Mitmachen eingeladen: Sie werden gemeinsam mit dem Sängerensemble auf der Bühne des Opernhauses stehen.

Repertoire

Lediglich zwei Werke aus dem Repertoire der Staatsoper Stuttgart werden in der ersten Hälfte der Spielzeit 2020/21 wieder aufgenommen, davon eine konzertante Aufführung:

Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni kommt am 9. November 2020 einmalig im Stuttgarter Opernhaus und bei einem Gastspiel in der Philharmonie Köln (1. November 2020) konzertant zur Aufführung. Es dirigiert Generalmusikdirektor Cornelius Meister. Die Titelpartie singt Ensemblemitglied Björn Bürger.

Giacomo Puccinis Madama Butterfly steht am 12. Dezember 2020 wieder auf dem Spielplan der Staatsoper Stuttgart. Dirigentin Oksana Lyniv kehrt ans Pult des Staatsorchesters zurück. Die sängerischen Hauptpartien gestalten Elizabeth Caballero (Cio-Cio San) und Ensemblemitglied Pavel Valuzhin (Pinkerton). Ob die Oper in der Inszenierung von Monique Wagemakers oder konzertant zu sehen sein wird, entscheidet sich im Laufe des Herbstes.

Solistenensemble und Internationales Opernstudio

Das Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart ist zusammen mit dem Staatsorchester und dem Staatsopernchor das Herzstück des Hauses. Intendant Viktor Schoner: „In der kommenden Spielzeit wird es im Solistenensemble eine große Kontinuität geben. Unsere Sängerinnen und Sänger sollen sich gemäß der großen Ensembletradition des Hauses langfristig optimal weiterentwickeln können: durch neue Herausforderungen in einer Arbeitsatmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und der Wertschätzung.“

Neu im Ensemble sind ab der Saison 2020/21 die beiden Sopranistinnen Carina Schmieger und Claudia Muschio sowie der Bassbariton Jasper Leever, die aus dem Internationalen Opernstudio übernommen werden. Acht Plätze für junge Nachwuchssängerinnen und -sänger werden in der kommenden Spielzeit im Opernstudio angeboten, wovon sechs neu besetzt werden: Neu hinzu kommen Linsey Coppens aus den Belgien, Gerard Farreras und Laia Vallés Montojo aus Spanien, Ángel Macías und Jorge Ruvalcaba aus Mexiko und Clare Tunney aus Großbritannien. Ein weiteres Jahr im Opernstudio bleiben Charles Sy aus Kanada und Alexandra Urquiola aus Kuba.

Musiktheater im JOiN: Mitmachen und Zuschauen in jedem Alter!

Neben einer Musiktheaterneuproduktion für alle ab 6 Jahren und einem Familienkonzert mit dem Staatsorchester im Opernhaus sowie den beliebten Sitzkissenkonzerten bietet die Junge Oper im Nord, das JOiN, auch in den ersten Monaten der neuen Saison ein breitgefächertes Programm an: für junge Menschen ab drei Jahren, aber darüber hinaus auch für alle Altersgruppen, die aktiv singen oder performen möchten.

Elena Tzavara, die künstlerische Leiterin des JOiN, über ihr Programm: „Unsere große Stärke ist unsere Kreativität, die nicht nachlassen sollte, wenn es um kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche geht. Gerade in dieser gesellschaftlich allumfassenden Krise sind wir als Kulturakteure aufgefordert, alles zu tun, um Kinder und Jugendliche zu erreichen – jetzt mehr denn je.“

Ein zentrales Projekt des JOiN in der Saison 2020/21 ist die Neuproduktion von Die verzauberte Welt mit Musik von Maurice Ravel, die am 19. Dezember im Opernhaus Premiere feiert. Dazu sind Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren eingeladen, gemeinsam mit der Protestmusik-Ikone Schorsch Kamerun, der den Abend inszenieren wird, auf der Bühne zu stehen. Bewerbungen für einzelne Jugendliche oder ganze Schulklassen sind ab sofort möglich per Mail an join@staatstheater-stuttgart.de.

Auch im Opernhaus wird am 10. Oktober 2020 das Das Dschungelbuch als „tierisch-lustiges Familienkonzert“ für alle ab 6 Jahren zu erleben sein. In einem Arrangement und unter der Musikalischen Leitung von Alexander Erbrich werden dann die Hits aus dem gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilm mit dem Staatsorchester Stuttgart zu erleben sein.

Vor Weihnachten wird Artus – Ein Film-Projekt als Preview gezeigt: Eigentlich hätte Nicholas Koks und Jan Homolkas Adaption von Henry Purcells King Arthur in der Inszenierung von Elena Tzavara bereits in der laufenden Saison Premiere feiern sollen – Corona hat dies verhindert. Nun ist gemeinsam mit dem Projektchor, bestehend aus 30 Jugendlichen, Mitgliedern des Ensembles und des Opernstudios sowie des Staatsorchesters ein Filmprojekt entstanden, in das es noch vor Weihnachten erste Einblicke im JOiN gibt. Dazu wird Claudio Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda im „Vorprogramm“ aufgeführt. Der Termin wird noch bekannt gegeben.

Am 6. Dezember lädt das JOiN zu einem Nikolaus-Parcours ein: Dabei können Kinder und ihre Familien die vorweihnachtliche Junge Oper im Nord erkunden – und sich dabei auf die Suche nach musikalischen Nikolaus-Überraschungen machen.

Zurück im Repertoire ist mit Leonard Evers Musiktheater Gold ab 7. November 2020 eine der Erfolgsproduktionen des JOiN: Angelehnt an das Märchen Vom Fischer und seiner Frau der Brüder Grimm erzählt diese ebenso poetische wie tiefsinnige Kinderoper in der Inszenierung von Jörg Behr von der Suche nach dem Glück.

Den Einstieg ins Musiktheater für Kinder ab drei Jahren und ihre Familien bieten erneut die beliebten Sitzkissenkonzerte, die in der neuen Saison im Foyer des JOiN zu erleben sein werden. In der ersten Spielzeithälfte stehen Die Grille und die Ameise, Das Ding aus dem Klangsumpf, Das kleine Ich-bin-ich und Das Lamm, das zum Essen kam auf dem Programm. Zusätzlich sind die Sitzkissenkonzerte in der neuen Spielzeit auch als Gastspiele für Kindergärten und Grundschulen buchbar: Die Musiker*innen des Staatsorchesters kommen mit den unterschiedlichen Programmen direkt vor Ort!

Partizipation und Vermittlung

Bereits ab November laufen die Vorbereitungen für das Straßenoratorium Nesenbach, das im Juli 2021 im Stuttgarter Stadtraum gezeigt wird: An acht Terminen werden dann an acht unterschiedlichen Orten Menschen jeden Alters gemeinsam singen und performen. Eingeladen sind bereits jetzt alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, sich per Mail an join@staatstheater-stuttgart.de anzumelden. Probenbeginn ist der 4. November 2020.

Zuerst zum Workshop, dann ins Sinfoniekonzert: Bei allen Sonntagsterminen der drei Sinfoniekonzerte bis Januar sind Kinder zwischen 4 und 10 Jahren wieder eingeladen, zunächst an einer spielerischen und musikalischen Einführung teilzunehmen, um dann den zweiten Teil des Sinfoniekonzerts zu erleben. Vor der Pause werden die Kinder durch erfahrene Pädagog*innen auf das Programm vorbereitet und besuchen anschließend gemeinsam mit den anderen Kindern das Konzert.

Unter dem Titel GLOW – Gläserne Opernwerkstatt sind alle Initiativen des JOiN gebündelt, die Zuschauer*innen und Gruppen aller Altersstufen hinter die Kulissen blicken lassen: Ob Proben- oder Aufführungsbesuch, Workshops, Vor- und Nachbereitungen, kleine Stückentwicklungen, ein Urban-Gardening-Projekt, der Preview-Club oder digitale Angebote – die Gläserne Opernwerkstatt ist ein Angebot für alle, die sich bereits für Oper begeistern oder vielleicht zum ersten Mal mit dieser Kunstform in Berührung kommen.


Karten

Schriftliche Kartenbestellungen sind für alle Vorstellungen ab sofort möglich. Die Information über eine Kartenzuteilung erfolgt vor Vorverkaufsbeginn.

Der Kartenvorverkauf für die ersten Monate der neuen Saison beginnt folgendermaßen:

17. August für alle Veranstaltungen im September

15. September für alle Veranstaltungen im Oktober

15. Oktober für alle Veranstaltungen im November

Online
www.staatsoper-stuttgart.de

Telefonisch
+49 711 20 20 90, Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr

Persönlich
Öffnung der Tageskasse ab 1. September:
Mo-Mi 10-14 Uhr
Do-Fr. 14-18 Uhr

Abonnements
Alle Abonnements der kommenden Saison bleiben bestehen. Allerdings können in der nächsten Spielzeit in den Spielstätten aufgrund der derzeit gültigen Abstandsregelungen weniger Sitzplätze angeboten werden als bisher.
Mehr dazu: www.staatstheater-stuttgart.de/abo

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere – Freundeskreis, Die Zauberflöte, IOCO Kritik, 14.09.2014

September 19, 2014 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Kritiken, Premieren

Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein_Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein_Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein

Die Zauberflöte – Wolfgang Amadeus Mozart
Freundeskreis-Premiere, 14.09.2014

Diese Inszenierung von Mozarts populärer Oper Die Zauberflöte (eine der meistgespielten Opern) sollte man unbedingt besuchen. Welch ein Spaß! Für alle Mühseligen und Beladenen ist es ein absolutes Muss, mal drei Stunden den Alltagssorgen zu entgehen. Diese geistreiche, witzige, von optischen Einfällen überbordende Inszenierung macht das möglich.

Es ist eine Produktion der Komischen Oper Berlin, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper am Rhein und lief schon mit Riesenerfolg in der vergangenen Spielzeit im Duisburger Haus.

 Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Der Regisseur Barry Kosky und sein Team ließen Mozarts Meisterwerk im digitalen Zeitalter ankommen. Es wurde ein farbiges, effektvolles, sprühendes Animationstheater. Kosky hatte sich mit den Video-Animationskünstlern Suzanne Andrade und Paul Barritt, die sich als Team “1927“ nennen (1927 endete die Stummfilmzeit) zusammen getan. In diese Zeit legten sie auch ihre Inszenierung.

Auf eine weiße Wand werden die tollsten Sachen projiziert. Diese Wand hat an verschiedenen Stellen Drehtüren mit Böden, auf denen die Sänger stehen und “hereingedreht“ werden. Zum Beispiel bei Taminos Auftrittsarie sieht man ihn nur bis zur Brust und mit den Armen arbeiten wie bei einem Dauerlauf. Seine laufenden Beine werden per Video eingeblendet. Ein riesiger Höllenhund verfolgt ihn und “macht ihm Beine“.

 Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Wenn Papageno in der Prüfungsszene sein Glas Wein serviert bekommt, füllen niedliche, rosa Elefanten durch ihre Rüssel das Glas.

————————————————————————————————————-
Zauberflöte Vorstellungen Spielzeit 2014/15:
Rheinoper Düsseldorf: 20.9.2014; 21.9.; 25.9.; 28.9.; 3. Oktober; 11.10.; 12.10.; 18.10.; 24.10; 14.11.; 20.11.; 6.12.; 9.12.; 11.12. 10.30 Uhr; 11.12. 19.30 Uhr; 14.12.2014 15 Uhr; 14.12. 19.30 Uhr, 25.12.; 9. Januar 2015; 28.1.2015; 15.2.; 5.3.; 20.3.; 16.5.; 21.5.; 25.5.; 31.5.; 5. Juni 2015
Theater Duisburg: 17.12.2014 10.30 Uhr; 17.12.2014 19.30 Uhr; 19.12.2014
—————————————————————————————————————–

Kosky und sein Team haben auf die Dialoge verzichtet. Die Sänger brauchen in den Sprechpassagen nur stumm zu mimen. Die Worte, die sie zu sprechen hätten, werden auf die Leinwand projiziert. Ganz großartig ist der Auftritt der Königin der Nacht, aus der eine riesige Spinne wurde. Wenn Papageno und Papagena von ihren “lieben kleinen Kinderlein“ sprechen, bevölkern gleich hunderte hübsch gemalte die Wand. Dies nur einige der unglaublich vielen, witzigen Einfälle, mehr davon würde den Rahmen sprengen. Man muss es einfach gesehen haben.

Dass bei dieser gewaltigen Bilderflut manchmal die Musik ins Hintertreffen gerät, bleibt nicht aus. Zumal die musikalische Komponente sich auf höchstem Niveau präsentierte.

 Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Düsseldorf / Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Am Pult stand Marc Piollet und schlug sich wacker mit den prächtig disponierten Düsseldorfer Symphonikern. Klang die Ouvertüre noch ein wenig matt aus dem Graben, so sorgte Piollet schon bald für spannungsvolles Musizieren, nicht nur bedingt durch die straffen, vorwärtsdrängenden Tempi. Hervorragend war der Kontakt zur Bühne. Souverän und mit geschärfter Aufmerksamkeit unterstützte er die Sänger. Und diese Sänger waren durchwegs großartig.

Den Tamino sang Ovidiu Purcel mit sehr modulationsfähigem, flexiblem Tenor, der aber in der hohen Lage vielfach zu kraftvoll eingesetzt wurde, was auf Kosten der Ausgewogenheit ging.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Heidi Elisabeth Meier als Pamina gab ein Musterbeispiel für kultivierten Mozart-Gesang. Sie verfügt über eine warme, nach oben wunderbare offene Stimme. Die G-Moll-Arie mit ihren technischen Tücken hat man selten so exemplarisch gehört.

Christina Poulitsi sang mit dramatischer Attacke und klangschön, hinauf bis zum gefürchteten “F“ die Königin der Nacht. Bombensicher und ebenmäßig gerieten die Staccati.  Thorsten Grümbel gefiel durch seine Stimmkultur ebenso, wie durch seine makellose Technik. Mit schlankem Bass und großer Textverständlichkeit erfreute der junge Torben Jürgens als Sprecher.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Die drei Damen der Königin der Nacht, Romana Noack, Annika Kaschenz und Ramona Zaharia fanden nach etwas nervösem Beginn zu harmonischer Homogenität.

Bogdan Baciu (Papageno) gefiel durch seine mimische Beredsamkeit ebenso, wir durch seine gesangliche Leistung. Anna Tsartsidze, seine Papagena, stand ihm da nicht nach.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte © Hans Joerg Michel

Hochkarätig besetzt waren auch die kleineren Rollen. So etwa die beiden Geharnischten Bruce Martin und Lukasz Konieczny und der in seinem Nosferatu-Outfit bizarr aussehende Florian Simson. Die drei Knaben gefielen mehr durch Munterkeit, als durch Stimme. Absolut prächtig sang der Chor, bestens einstudiert von Gerhard Michalski.

Riesenbeifall gab es für die Mitwirkenden und der war hoch verdient.

Jedem Liebhaber der Zauberflöte  kann diese Produktion nur empfohlen werden. Es sind mehr als dreißig Vorstellungen geplant. Nix wie hin!

IOCO / UGK / 14.09.2014

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere DIE ZAUBERFLÖTE, 13.09.2014

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Opernhaus Düsseldorf © IOCO

Opernhaus Düsseldorf © IOCO

Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“

Am 13. September um 19.30 Uhr im Opernhaus Düsseldorf

Unsere neue Spielzeit beginnt mit einer außergewöhnlichen Inszenierung eines echten Opernklassikers: Sehr herzlich laden wir Sie zur Premiere von Mozarts „Die Zauberflöte“ am Samstag, 13. September, um 19.30 Uhr in das Opernhaus Düsseldorf ein. Die gefeierte Inszenierung von Barrie Kosky, die er gemeinsam mit Suzanne Andrade und Paul Barritt aus der britischen Theatergruppe „1927“auf die Bühne bringt, hat in der vergangenen Spielzeit bereits am Theater Duisburg für große Begeisterung gesorgt.

Seit ihrer Uraufführung haben sich immer wieder Künstler mit dem visuellen Charakter der „Zauberflöte“ beschäftigt. Die britische Theatergruppe „1927“ steht mit ihren handgezeichneten und auf die musikalische Interpretation animierten Bildern in dieser Tradition. In Koskys Inszenierung agieren Sänger und Chor vor einer Projektionsfläche, die „Die Zauberflöte“ zu einem völlig neuen Seherlebnis werden lässt.

Als Tamino und Pamina sind in der Premierenbesetzung Jussi Myllys und Anke Krabbe zu erleben, Richard Sveda und Luiza Fatyol sind Papageno und Papagena. Thorsten Grümbel übernimmt die Rolle des Sarastro und Cornelia Götz ist die Königin der Nacht. In weiteren Rollen sind Sylvia Hamvasi, Marta Márquez, Katarzyna Kuncio, Johannes Preißinger, Luis Fernando Piedra und David Jerusalem zu erleben. Am Pult der Düsseldorfer Symphoniker steht Gastdirigent Marc Piollet.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Die Zauberflöte – Musical Cool, IOCO Kritik, 21.12.2013

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

 Die Zauberflöte: Im Bann von Projektionen und Slapstick   

Von Viktor Jarosch

Die Opern Wolfgang Amadeus Mozart und seines Librettisten Emanuel Schikaneder begeisterten durch die Jahrhunderte. Noch heute ist Mozarts jene 1791 geschaffene   Zauberflöte  die populärste und  meist inszenierte Oper weltweit. Mozarts abgeklärt zeitlose Musik, die symbolhaften Akkorde und seine rätselhafte mystisch-phantastische Welt rührt jedes Jahr Millionen Besucher. Am Nektar dieses Erfolgs saugen seit 1791  Legionen von Regisseuren, Dirigenten und Sänger.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Tamino im Magen der Schlange © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Tamino im Magen der Schlange © Hans Jörg Michel

So auch der Regisseur Barrie Kosky, welcher 2012 für seine Komische Oper Berlin eine zeitgeistverstrickte Zauberflöte produzierte.

Seit der Premiere sind in Berlin alle Vorstellungen der Zauberflöte ausverkauft. Die Deutsche Oper am Rhein übernahm im Dezember 2013 die Berliner Produktion. Auch im Theater Duisburg waren alle Vorstellungen ausverkauft. Intendant Christoph Meyer zeigt sich gegenüber IOCO überrascht wie begeistert vom Erfolg dieser Produktion: „Karten für diese Zauberflöte sind heftig gesuchte Mangelware„.

Die Zauberflöte der Regisseure Barrie Kosky und Suzanne Andrade bricht mit Opern-gewohnten Regieansätzen und kreiert eine moderner Leichtigkeit gewidmete Animationsshow, musikalisch untermalt von Mozarts Komposition: Eine die Bühne verdeckende Wand dient als riesige Projektionsfläche für eine zweistündige multimediale Bilderflut. In Öffnungen dieser Wand treten, von kräftigen Bild- und Tonanimationen begleitet, die Protagonisten der Zauberflöte auf. Ein schmaler Bühnenraum vor der Wand dient dem Chor oder Solisten gelegentlich für bescheidene darstellerische Ausflüge. Ein Musical wurde geboren. In schwindelerregender Höhe müssen angegurtete Sänger durch Drehtüren, um, hoch oben, auf kleinen Podesten ihre Einsätze zu treffen und Arien zu singen. Eingefleischten Rampensänger bietet diese Inszenierung wenig Platz. 800 technische Befehle steuern die animierten Bilder durch die Vorstellung.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Königin der Nacht : Eine Spinne © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Königin der Nacht : Eine Spinne © Hans Jörg Michel

Die erste Handlung bereits trifft die volle Kraft von Projektionen: Ein riesiger Bauch einer vermeintlichen Schlange (Bild 1), darin zahllose Skelette an die Wand projiziert. In diesem Bauch rennt Tamino, animiert, singend um sein Leben: „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich…“   , die laufenden Beine perfekt abgefilmt. Die Drei Damen töten die Schlange mit Pfeilen, welche ihre Augen verschießen. Die Königin der Nacht füllt als riesige Monsterspinne nahezu die gesamte Bühnenwand aus. Ihre langgliedrigen, scharf bezahnten Laufbeine bewegen sich drohend, perfekt animiert. Auf der Bühne fügt sich das Ensemble in die Bewegungen der Monsterspinne ein.

Die Drei Knaben schweben mit Schmetterlingsflügeln in der Wandmitte. Auch Sprüche werden projiziert: Die Drei Damen erhalten die Namen: „Schwatz“, „Klatsch“, „Tratsch“: Auf die Wand projiziert, in altdeutscher Schrift, liest man sie. Flotter Musical-Jargon der Regie.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Sarastro mit Zylinger, Sami und Luttinen © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Sarastro mit Zylinger, Sami und Luttinen © Hans Jörg Michel

Beim Auftritt von Monostatos liest man an der Wand: „Kill Sarastro“. Auch Mozarts Freimaurer-Gebote tauchen bei Sarastros Auftritt wie anderswo eher nebensächlich auf: „Weisheit“, „Gerechtigkeit“. Gegelte schwarze Haare, geweißte Gesichter, Kleidung wie Hüte bei Chor und Ensemble holen die Stummfilmzeit zurück; Charlie Chaplin oder Buster Keaton werden klammheimlich im Ensemble vermutet. Zur Arie „Ein Mädchen oder Weibchen..  werden in Sektgläsern badende und bald darauf abfliegende rosa Elefanten projiziert, vom Himmel regnet es Noten…..Mozarts musikalische Feinheiten verschwimmen im Sog von „Schwatz“, „Klatsch“, „Tratsch“. Typisch für das Regiekonzept von Barrie Kosky und Suzanne Andrade war die kaum wahrnehmbare Panflöte des Papageno. Viel Lachen und Kichern im Publikum begleiten stattdessen diese Inszenierung. Eine moderne Zauberflöte, gemacht für ein zeitgeistiges, spaßaffines Publikum.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Tamino mit Traum Pamina © Hans Jörg Michels

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Tamino mit Traum Pamina © Hans Jörg Michels

Die farbig lebendigen Projektionen lassen das Orchester wie Solisten leider verblassen. Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Wen-Pin Chien wirkten wenig strahlend, fast gehemmt. Die Tempi der fallenden, laufenden Bilder beschneiden die darstellerische Kraft des Ensembles. Die Stimmen des Ensembles gefallen zwar durchweg, nur schaffen sie keine Dominanz. Sami Luttinen in der Rolle des Sarastro füllte das Haus mit tiefem schwarzem  Bass. Auch Heidi Elisabeth Meier, meistert ihre schwierige Partie der Königin der Nacht mit sicheren aber zurückgenommen wirkenden Koloraturen. Jussy Myllys glänzte dagegen als Tamino, mit kräftig höhensicherem Tenor. Anke Krabbe als Pamina und Luiza Fatyol als Papagena in   verwöhnen die Besucher mit ihrem gut geführten, klangschönen Sopran. Dmitri Vargin als Papageno füllt seine Partie mit sattem Bariton und starker darstellerischer Präsenz.

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Tamino, Pamania und viele Kinderlein © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Die Zauberflöte / Tamino, Pamania und viele Kinderlein © Hans Jörg Michel

Projektionen, Slapsticks und flache Gags verwandeln die Zauberflöte der Rheinoper in einen Mozart-light, ein flottes Musical von unterhaltender flapsiger Leichtigkeit. Barrie Kosky implantiert die simplen Botschaften des Musical-Königs Andrew Lloyd Webber (Phantom der Oper, Cats) in Mozarts Zauberflöte: Anspruchsvolle Technik, Gags, Slapsticks, rührende Lovestory; und füllt damit die Komische Oper Berlin und die Deutsche Oper am Rhein bis auf den letzten Platz und trifft Erwartungen vieler junger Menschen. Mozarts Genius, nachdenkliches zu Menschlichkeit und Weisheit, sängerische wie orchestrale Reife findet sich nur leise versteckt, in der zweite Reihe.

Willkommen in der Spaßgesellschaft  oder  Oper, Willkommen in der Moderne

Zauberflöte Vorstellungen an der Rheinoper Düsseldorf: 20.9.2014; 12.9.; 25.9.; 28.9.; 3. Oktober; 11.10.; 12.10.; 18.10.; 24.10; 14.11.; 20.11.2014 und mehr

 

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Duisburg |—

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung