Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Herzog Blaubarts Burg – Die sieben Todsünden, IOCO Kritik, 08.03.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Herzog Blaubarts Burg    –   Die sieben Todsünden
Béla Bartók  –  Kurt Weill

von Ingrid Freiberg

Herzog Blaubarts Burg  –  Béla Bartók 

Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg, Text von Béla Baläzs, 1911 für zwei Sänger geschrieben, wurde als „unspielbar“ abgelehnt und erst 1918 nach den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs am Königlichen Opernhaus Budapest uraufgeführt. Der Einakter gehört, wenn auch selten aufgeführt, seither zum Weltrepertoire. Die ungarische Musikwissenschaft deutete den Blaubart als Lohengrin des 20. Jahrhunderts“, dem nicht die Möglichkeit verbleibt, nach der Enttäuschung zum heiligen Gral zurückzukehren.


Herzog Blaubarts Burg  –  Béla Bartók
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Die Tränenburg des Lebens

Judit hat ihre Familie und ihren Bräutigam verlassen, um dem geheimnisumwitterten Mann zu folgen und mit ihm in Einsamkeit zu leben. Weder Finsternis noch Kälte und Feuchtigkeit halten sie davon ab. Durch die Kraft ihres Mitleids und ihrer Liebe will sie Licht in Blaubarts Burg bringen. Als sie leidenschaftlich, mit den Waffen einer Frau, die Öffnung der sieben Türen verlangt, ermöglicht er ihr zunächst – auf seinem Notebook – einen Blick in seine Folterkammer mit den blutdurchtränkten Wänden. Über das Gesehene ist sie bestürzt, es hält sie aber nicht davon ab, die Schlüssel für die weiteren Türen zu fordern. Blaubart, der sie liebt, gibt unwillig sein Inneres zu erkennen. Aus der dritten Tür holt er eine Schatulle mit Gold und Geschmeide, das er ihr umlegt. Eine weitere Tür zeigt den Garten. Nun ist es hell, Lilien und Rosen bedecken die Bühne. „Das alles soll nun dir gehören“, versucht er sie abzulenken, als er ihr sein Land zeigt. Aber seine stürmischen Liebesbezeugungen nützen nichts: Judit besteht auf den letzten beiden Schlüsseln. Hinter der sechsten Tür findet sie einen Tränensee. Tränen, die Blaubart um seine ermordeten Frauen geweint hat, und an die er nicht erinnert werden will. Das Licht trübt sich wieder ein.

Die letzte Tür will Blaubart verschlossen halten, doch Judit, bereits von eifersüchtigen Ahnungen erfasst, fragt ihn nach seinen früheren Frauen. Verzweifelt schließt er auch die letzten Türen auf: Die drei früheren Frauen Blaubarts treten heraus. Die erste, so erklärt Blaubart, traf er am Morgen, die zweite mittags, die dritte abends. Judit, die Schönste, die er in der Nacht erblickte, wird von nun an die Nacht verkörpern. Minutiös schildert die Musik das fortschreitende Eindringen ins Innerste des Mannes, der zwar bereit ist, Grausamkeit, Kampfgeist, Reichtum, Schönheit und Macht mit seiner Auserwählten zu teilen, ihr aber den Zugang zu seinen Tränen und seinen gescheiterten Zielen verwehrt. Auf seine Frage: „Warum?“, antwortet sie „Gib mir deine Schlüssel, Blaubart, gib sie mir, weil ich dich liebe!“.

Berauschender Sog

Die Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg beginnt mit dem Prolog: „Nun hört das Lied – ihr schaut, ich schaue euch an. Aufgeschlagen sind die Wimpernvorhänge unserer Augen. Wo ist die Bühne? Außen oder Innen? Männer und Frauen?„, der die symbolhafte Bedeutung der kommenden Vorgänge unterstreicht. Laufenberg konzentriert sich auf die verschlossene männliche Seele und die weibliche Neugier. Neben drastischer Körperlichkeit gibt er auch der Romantik Raum. Die Burg sieht er als Gehäuse für die Seele Blaubarts. Sie seufzt und stöhnt, weint und blutet. Sieben Türen führen in die Vergangenheit, in Blaubarts verborgenes Seelenreich. Unerbittlich ergründet Judit die Geheimnisse seiner Innenwelt und leitet damit die Zerstörung ihrer Liebe ein.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Herzog Blaubarts Burg - hier : Vessilina Kasarova als Judit, Johannes Martin Kraenzle als Blaubart © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Herzog Blaubarts Burg – hier : Vessilina Kasarova als Judit, Johannes Martin Kraenzle als Blaubart © Karl Monika Forster

Blaubart und seine junge Frau Judit kommen aus einem Aufzug in das Innere der Burg. Die holzgetäfelte, halbdunkle anonyme Halle, mit Bett, Couchgarnitur, Grünpflanzen hinter Glas und einem Bild von Anna Magnani (aus „Rom, offene Stadt“, ein Film, der auf dem Idealismus im Menschen beharrt) gibt den beiden charismatischen Sängerpersönlichkeiten große Entfaltungsmöglichkeiten. Hochspannend, wenn Judit trotz wilder Liebesspiele nicht aufgibt, beharrlich nach den Schlüsseln zu fragen, und Blaubart mit dem Messer letztendlich zustechen wird. Es ist eine Sternstunde, wenn Inszenierung, Gesang und Darstellung so ineinander spielen und ein berauschender Sog entsteht…

Susanne Füller und Matthias Schaller (Bühne) lassen die Wände und Türen um das Paar abwechselnd schließen und öffnen und steigern auch mit Lichteffekten (Klaus Krauspenhaar) das Geschehen. Das dramatische Geschehen wird von der Bühnenarchitektur differenziert unterstützt. Die Kostüme von Susanne Füller betonen die Charaktere: Blaubart, ein glücklicher, aber auch ein von Ängsten geschüttelter Mann, trägt einen grauen unauffälligen Anzug. Während sich Judit mit hellblauem Satintellerrock als hübsche selbstbewusst liebende Frau zeigt.

Vesselina Kaserova – Johannes Martin Kränzle : Welch ein Geschenk!

Johannes Martin Kränzle ist einer der führenden und wandlungsfähigsten Sängerdarsteller seiner Generation. Es gelingt ihm überzeugend, Inhalte und die sinnliche Kraft der Musik zu beleuchten. Sein Blaubart ist mitreißend – Extraklasse! Seine enorme Bühnenpräsenz, gepaart mit fulminanter stimmlicher Autorität und sein prachtvoll strömender Bariton mischen sich mit ansteckendem Lachen, Sinnlichkeit und Brutalität; überaus glaubhaft ist seine innere Zerrissenheit und seine Leidenschaft. Kongenial an seiner Seite Vesselina Kasarova als Judit. Ihr geht es um die psychologisch emotionale Betonung der Rolle, die sie mit ihrem schimmernd warmen und sinnlichen Mezzosopran umsetzt. Sie verleiht der maßlos liebenden Judit lodernde Leidenschaft mit berückend leisen Tönen, Wärme, Frische und Innigkeit. Erotisch knisternde Spannung lässt die Gefühle eskalieren. Judit und Blaubart lieben sich leidenschaftlich, doch ihre Beziehung kann nicht funktionieren. „Nacht“, singt Blaubart, „bleibt es nun ewig.“ Beide Weltstars sind eine Aufsehen erregende Besetzung, ein Geschenk an alle Opernfreunde!

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Musikalischen Leitung von Philipp Pointner öffnet hinter jeder der sieben Türen eine neue Klangwelt, die die vorherige mit ausdrucksstarker, glitzernder und schließlich lähmend-trauriger Musik überbietet. Grandios wird der Höhepunkt, das Öffnen der fünften Tür mit gleißendem C-Dur gespielt. Leitmotivische Intervalle, z. B. das Blutmotiv, durchweben mit effektvoll eingesetzten Soloinstrumenten die Handlung. Das Orchester präsentiert sich in geschliffener energiegeladener Bestform.

Rauschender Beifall, viele Bravorufe – Eine tief bewegende Aufführung

Von der imaginären Burg Herzog Blaubarts geht es nach der Pause in die „Neue Welt“. Die Zahl Sieben ist die Verbindung des Abends; Musiksprachen und Themen können aber unterschiedlicher nicht sein…

Die sieben Todsünden –  Kurt Weill
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Die sieben Todsünden  –  Kurt Weill

Die Machtergreifung der Nazis 1933 zwang den jüdischen Komponisten Kurt Weill, Deutschland zu verlassen. Er ging nach Paris, wo er bereits durch seine Werke Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Der Jasager und Die Dreigroschenoper bekannt war. Hier erhielt er den Auftrag, für die neu gegründete Truppe Les Ballet 1933 ein Tanzstück zu schreiben. Sein Werk, in dem getanzt, gesungen und gespielt wird, wird auch als „epische Kurzoper mit songspielhaften Elementen auf der Basis eines Balletts“ bezeichnet. Kurt Weill und Bertold Brecht fanden bei dieser Arbeit wieder zusammen, obwohl Brecht den Komponisten während der Proben zu Mahagonny als „falschen Richard Strauss“ beschimpft und gedroht hatte, ihn „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe herunterzuwerfen.

Für die Rolle der Anna wurde Lotte Lenya engagiert. Außerdem wirkten Caspar Neher als Bühnenbildner, George Balanchine als Choreograph und Tilly Losch als erste Tänzerin mit. Im Juni 1933 wurden Die sieben Todsünden im Theatre des Champs Elysees uraufgeführt. Doch das Werk hatte – in deutscher Sprache gesungen – nicht den gewünschten Erfolg. Nur die in Paris lebenden deutschen Emigranten reagierten enthusiastisch. Erst durch die Plattenaufnahme mit Lotte Lenya, die 1956 erschien, wurde es einem großen Publikum bekannt.

Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht oder Neid

Brecht und Weill zeigen in diesem Stück eine verkehrte Welt: Schon der Titel  Die sieben Todsünden (der Kleinbürger) wirkt ironisch. Früher galt der Begriff der Todsünde für alle sozialen Gruppen. Verhaltensweisen wie Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht oder Neid sollten vermieden werden, um die Unsterblichkeit der Seele und die Aufnahme in das himmlische Paradies zu erreichen. Mit materiellen Bestrebungen hatten diese Lebensregeln wenig zu tun. Für Amerika galt das nicht: Für ein Haus in Louisiana wird Anna von ihren Eltern und Brüdern in die Welt geschickt. Sie muss in billigen Etablissements tanzen, ihren Körper verkaufen und darf sich nicht der wahren Liebe hingeben. Diesem Druck hält Anna nicht stand, sie zerbricht in zwei Personen. Anna I symbolisiert den erfolgsstrebenden gefühlskalten Teil des Mädchens. Sie erzählt ihre Geschichte in Worten. Dem steht die hübsche, gefühlvolle Anna II gegenüber, die ihren Part vor allem durch Tanz ausdrückt. Die Geschichte des Mädchens, das sieben Jahre lang durch sieben Städte reist, wird in sieben Nummern dargestellt. Der Zuhörer wird immer wieder durch radikale Stilwechsel innerhalb einer Nummer überrascht. Sprach- und Musikrhythmus passen nicht immer zusammenpassen. Solisten und Orchester agieren teilweise unabhängig voneinander. So entstehen in der „Nummer Stolz“ drei verschiedene rhythmische Ebenen gleichzeitig: Orchester, Familie und Anna. Die Musik des Epilogs erinnert eher an einen Trauermarsch. Der Dank bleibt aus… Die Familie bringt sich um. Das Ziel, ein kleines Haus in Louisiana, ist erreicht. Doch macht das glücklich? Zurück bleibt Anna als menschliches Wrack.

Zerbrechlichkeit der Familie, persönliches Leben und wirtschaftliche Systeme

Regisseurin Magdalena Weingut lässt Anna, noch bevor sich der Vorhang öffnet, mit einem Karton mit der Aufschrift „fragile“ auf der Bühne flanieren. Was ist zerbrechlich? Die Zerbrechlichkeit der Familie, das persönliche Leben oder die wirtschaftlichen Systeme? Ein aufregendes inszenatorisches Konzept für die Kammeroper. Aus diesem Karton holt Anna für die sieben Nummern ihre Kostüme und Utensilien. Ohne Choreograf und Tänzer sind die Anforderungen an Regie und Darstellerin sehr hoch. Mit Nicola Beller Carbone fand Weingut eine Sängerin mit der erforderlichen Vielfachbegabung… Drehbare Dreikantsäulen mit schwarzen Spiegelflächen begrenzen die Bühne (Matthias Schaller), eine Badewanne bildet den spielerischen Mittelpunkt. Durch Projektionen der Kupferstiche Todsünden von Pieter Breugel und dem Jüngsten Gericht, das Hieronymus Bosch zugeschrieben wird, wird der Brecht-Text sinnreich verstärkt. Die Kostüme von Katarzyna Szukszta verwandeln Anna mit jedem Kleidungsstück und mit jeder Perücke immer mehr zu einer verführerischen Frau. Warum die Familie auch als Ärzte, ja sogar Pestärzte agieren, ist dem Libretto nicht zu entnehmen.“

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die sieben Todsuenden - hier :  Nicola Beller Carbone als Anna © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die sieben Todsuenden – hier : Nicola Beller Carbone als Anna © Karl Monika Forster

„…sie zeigt ihren kleinen weißen Hintern, mehr wert als eine kleine Fabrik…“

Changierend zwischen Chanson und Oper singt, spielt und tanzt die jugendliche Nicola Beller Carbone die schizophrenen Anna I + II mit bemerkenswertem Elan. Ihr Spagat in der Wanne ist fast zirkusreif wie auch alle anderen Tanzeinlagen gefallen. Sehr biegsam mit viel Piano-Kultur gewinnt sie mit ihrer Charakterisierung, überzeugt mit dunkel getöntem Sopran, Ausstrahlung und guter Laune.

Auf einem Podest sitzt Annas geldgierige Familie am reich gedeckten Tisch – ein Männerquartett: Ralf Rachbauer (Vater), Julian Habermann (Bruder I) und Daniel Carison (Bruder II). Die Rolle der Mutter singt der Bass Florian Küppers. Ermahnungen an Anna wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsere Kinder … “ unterstreichen die Verlogenheit der Sippe. In der Nummer „Unzucht“ wird Anna mit „Und sie zeigt ihren kleinen weißen Hintern, mehr wert als eine kleine Fabrik, zeigt ihn gratis den Gaffern und Straßenkindern…“, zur Prostitution aufgefordert. Köstlich gesungen und gespielt: „Sie hat einen Kontrakt als Solotänzerin, danach darf sie nicht mehr essen, was sie will und wann sie will. Das wird schwer sein für Anna, denn sie ist doch so verfressen…denn die wollen kein Nilpferd in Philadelphia.“ Hierzu tanzt Anna in einem aufregenden Glitzerkleid, drapiert mit einem überdimensionalen Maßband. Das stimmgewaltige Männerquartett ist bestens disponiert und gibt bei aller Boshaftigkeit auch immer wieder Anlass zum Schmunzeln.

Auch hier übernimmt Philipp Pointner die Musikalische Leitung. Während eines Abends von Bartók auf Weill „umzuspringen“, ist eine besondere Leistung, die ihm mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden zwischen radikalen Stilwechseln, zwischen Blues, Choral, Foxtrott, Furiant, Walzer, Dixieland, Tarantella und Shimmy glanzvoll gelingt..

Auch hier intensiver Applaus…

Herzog Blaubarts Burg – Die sieben Todsünden am Hessischen Staatstheater; die nächsten Vorstellungen 8.3.; 14.3.; 23.3.; 31.3.2019

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