Osnabrück, Theater am Domhof, Guercoeur – Oper von Albéric Magnard, IOCO Kritik, 26.06.2019

Juni 26, 2019 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Guercœur – Oper von Albéric Magnard

– Utopie einer allumfassenden Wahrheit –

von Hanns Butterhof

Beifallumrauscht ging im Theater am Domhof die Premiere der Oper Guercœur des französischen Komponisten Albéric Magnard (1865 – 1914) zu Ende. Die deutsche Erstaufführung der spätromantischen Oper ist auch ihre erste szenische Aufführung seit ihrer Uraufführung im Jahr 1931. In der Aktualität ihrer Aussage und musikalischen Qualität ist Guercœur unbedingt eine Entdeckung.

 Theater am Domhof / Guercoeur - hier : Im Nirwana-Schattenreich sehnt sich Guercœur nach dem Leben. Rhys Jenkins als Guercoer © Joerg Landsberg

Theater am Domhof / Guercoeur – hier : Im Nirwana-Schattenreich sehnt sich Guercœur nach dem Leben. Rhys Jenkins als Guercoer © Joerg Landsberg

Guercœur (Rhys Jenkins), Held der Oper, ist zu ihrem Beginn bereits zwei Jahre tot. Auf der dunklen Bühne (Martina Segna) strahlt eindrucksvoll körperlos nur sein Kopf im Nirwana-Schattenreich. Er bittet dessen Herrscherin Vérité (Lina Liu), auf die Erde zurückkehren zu dürfen. Im Leben hatte er nur Schönheit und Glück erfahren, hatte die Liebe seiner Frau Giselle (Susann Vent-Wunderlich) genossen wie die seines Volkes, dem er die Freiheit gebracht hatte.

Zurück auf der Erde findet er alles anders vor als erwartet. Giselle, die ihm Treue über den Tod hinaus geschworen hatte, hat sich in seinen Nachfolger Heurtal (Costa Latsos) verliebt. Trotz ihrer Gewissensbisse hält sie an dieser Liebe fest und zwingt Guercœur ein äußerst leidvolles Verzeihen ab. Er muss auch erleben, dass Heurtal sich zum Diktator aufschwingt, getragen vom Hass des Volks auf die Freiheit, die ihm eine Hungersnot beschert hat. Als Guercœur für seine Ideale eintritt, wird er erschlagen.

Guercœur – oper von Albéric Magnard
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Die irdische Handlung wird durch eine an Arthur Schopenhauer angelehnte Weltanschauung gerahmt. Guercœur muss das Leben als Leiden und Illusion erkennen, bevor er willig ins Nirwana zurückkehren kann. Dort lösen sich in der finalen Utopie der Vérité Zeit und Raum mit allen menschlich gesetzten Unterschieden in eine gestaltlose, allumfassende Wahrheit auf, die nicht mehr von dieser Welt ist.

 .wo es Wagnert ist das Schopenhauern nicht weit.

Die schnörkellos klare Regie von Dirk Schmeding holt Guercœurs Leben und Sterben, vor allem auch seine Himmelfahrt als Aschewolke aus dem Krematorium, zwanglos in die Gegenwart. Gesanglich sind es die Frauenrollen, die besonders beeindrucken. Susann Vent-Wunderlich gibt der Giselle stimmlich und darstellerisch alle dramatische Wahrheit einer um ihre Liebe kämpfenden Frau. Lina Liu verkündet mit überirdisch reinem Sopran statuarisch die Entsagungs-Philosophie der Vérité, einnehmend begleitet von ihren Untergöttinnen Bonté (Katarina Morfa), Beauté (Erika Simons) und Souffrance (Nano Dzidziguri). Bassbariton Rhys Jenkins findet vor allem für Guercœurs Leid den angemessenen Ton, während Costa Latsos mit leichtem Tenor das Bild eines ehrgeizigen Populisten zeichnet. Überwältigend prägt auch der von Sierd Quarré einstudierte Chor sphärisch den Oratoriencharakter der Oper mit.

Theater am Domhof / Guercoeur _ kehrt ins Leben zurück, aber seine Frau liebt jetzt einen Anderen. Rhys Jenkins, Susann Vent-Wunderlich  © Joerg Landsberg

Das Osnabrücker Symphonieorchester folgt dem empfindsamen Dirigat von Andreas Hotz in die vielen Facetten der Partitur zwischen himmlischem Sphärenklang und einer breiten Palette irdischer Gemütsausdrücke.

Die szenisch wie musikalisch fesselnde Oper riss das Premierenpublikum nach drei französisch gesungenen, deutsch übertitelten Stunden zu langen, stehend dargebrachten Beifallsstürmen für alle Beteiligten hin.

 Guercoeur am Theater Osnabrück; Die nächsten Termine:26.6., 2.7., 5.7.2019 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, San Paolo – Uraufführung – Sidney Corbett, IOCO Kritik, 02.06.2018

Juni 1, 2018 by  
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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

SAN PAOLO – Uraufführung von Sidney Corbetts Oper

– Der Ruf des Herrn macht einsam –

Von Hanns Butterhof

Sidney Corbetts Oper San Paolo über den Apostel Paulus ist eine Auftragsarbeit des Theaters Osnabrück. Drei Jahre hat der 1960 in Chikago geborene Komponist an der 325 Seiten starken Partitur gearbeitet. Als Grundlage diente Corbett und seinem Librettisten Ralf Waldschmidt ein nie realisiertes Projekt des italienischen Filmemachers und Autors Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975). Die Oper zeichnet Paulus in Parallelität mit Pasolini szenisch wie musikalisch als einen Zerrissenen, einen Rebellen, den der Ruf des Herrn einsam gemacht hat.

Theater Osnabrück / San Paolo - Uraufführung hier :Die Wohlstandsgesellschaft hört nicht auf Paulus, Jan Friedrich Eggers und Opernchor ©  Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / San Paolo – Uraufführung hier :Die Wohlstandsgesellschaft hört nicht auf Paulus, Jan Friedrich Eggers und Opernchor ©  Jörg Landsberg

Regisseur Alexander May lässt alle Stationen im Leben des Apostels als Metapher für die Kälte der Moderne in einem zweistöckigen, weißen Bauhaus-Kubus mit verschieden großen Räumen spielen (Bühne: Wolf Gutjahr). Die vielen Szenenwechsel bewältigt die häufig kreiselnde Drehbühne problemlos.

Pasolini sah in Paulus eine Figur von heute. Die Oper lässt daher die Stationen im Leben Paulus‘ unvermittelt in entsprechende Situationen der Gegenwart übergehen. So findet sich Paulus (Jan Friedrich Eggers), der eben noch die Tötung des Stefanus (Daniel Wagner) im Jahr 35 in Jerusalem als harter Christenverfolger überwacht hat, bei die Erschießung eines Widerstandskämpfers im besetzten Frankreich 1941 wieder, an der er im langen SS-Ledermantel teilnimmt (Kostüme: Katharina Weissenborn).

Ohne die Kenntnis von Bibel und Programmheft ist allerdings kaum zu verstehen, dass Paulus, nachdem die Stimme des Herrn (Lina Liu und Kinderchor) ihn berufen hat, Petrus (Rhys Jenkins) im Kreis von antifaschistischen Widerstandskämpfern antrifft (Choreinstudierung: Markus Lafleur), dann im Jahr 49 in Philippi und 1952 in Bonn Wirtschaftswunder-Deutschen von der Keuschheit, später von der Rolle der Frau als Dienerin des Mannes kündet, die in der Versammlung zu schweigen habe. Sein Ende findet er im Jahr 60 in Rom und 1968 in New York, wo er den darüber nicht amüsierten Außenseitern der Gesellschaft predigt, dass die Gesetze des Staates zu befolgen sind.

Zu den theologischen Positionen Paulus‘ nimmt die Oper kaum szenisch, musikalisch nur sehr dezent Stellung; im Gespräch mit IOCO betont Corbett, theologische Fragen zwar zu präsentieren, aber nicht zu beantworten. Es gehe ihm darum, Menschen wie Paulus im Musiktheater plausibel zu machen.

Theater Osnabrück / San Paolo - Uraufführung hier : Die Stimme des Herrn beruft Paulus; Lia Liu und Jan Friedrich Eggers © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / San Paolo – Uraufführung hier : Die Stimme des Herrn beruft Paulus; Lia Liu und Jan Friedrich Eggers © Jörg Landsberg

Jan Friedrich Eggers zeigt den Paulus nach seiner dramatischen Damaskus-Bekehrung durch die Stimme des Herrn erst in sich ruhend, dann zunehmend fahrig. Mit ausdrucksstarkem Bariton trumpft Eggers autoritär auf, um dann, am inneren Zwiespalt von jüdischer Orthodoxie und christlicher Botschaft leidend, immer fanatischer zu monologisieren, zunehmend einsam nach dem Ruf des Herrn; seine Schlussworte werden nicht einmal mehr vom Orchester begleitet.

Trotz Eggers‘ beeindruckender Charakterzeichnung berührt die Figur des Paulus nur wenig. Auch seine und Pasolinis Gesellschafts- und Kirchen-Kritik, so zutreffend sie entfremdete Egozentrik und institutionelle Abgehobenheit thematisieren, rütteln kaum auf. Innere Entwicklung, an der teilzunehmen wäre, wird der äußerlich bleibenden Lebensgeschichte geopfert.

Corbetts Musik erlaubt Daniel Inbal mit dem präzisen Osnabrücker Symphonieorchester nur Spannung auf kleinstem Raum. Er schichtet Klang-Cluster übereinander, die sich dissonant reiben und keine großen Spannungsbögen ermöglichen. Soli und Chorisches stehen sich meistenteils gegenüber, nur äußerst selten schiebt sich ein harmonisches Duett dazwischen. Der Rhythmus spielt eine große Rolle; lautes Unisono von Chor und Orchester mit starkem Schlagwerk-Einsatz steht hart neben diffizil individuellen Gesten. Ohne deutliche situative Wertung, mehr dissonant das Zerrissenheits-Motiv sowohl in Paulus wie zwischen ihm und der Welt wiederholend, läuft die Musik in epischer Breite neben Handlung und Gesang her.

Theater Osnabrück / San Paolo - Uraufführung hier : Komponist Sidney Corbett und Librettist Ralf Waldschmidt © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / San Paolo – Uraufführung hier : Komponist Sidney Corbett und Librettist Ralf Waldschmidt © Hanns Butterhof

Der hat einiges zu bieten. Neben dem großartigen Jan Friedrich Eggers besticht Lina Liu als Stimme Jesu mit autoritär geschärftem Sopran, vom Kinderchor lyrisch getragen, und Susann Vent-Wunderlich überzeugt mit dramatisch überwältigendem Sopran als Johannes.

Die sperrige, in der strengen Tonsprache Corbetts verfasste Oper bekam nach neunzig Minuten unnötigerweise auf Italienisch gesungener, deutsch übertitelter Musik anerkennenden, Jan Friedrich Eggers, Daniel Inbal und sein Osnabrücker Symphonieorchester kräftigen Beifall.

San Paolo – Uraufführung am Theater Osnabrück: Die nächsten Termine: 1., 5. und 20.6.2018 jeweils um 19.30 Uhr

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Osnabrück, Theater am Domhof, Die Zirkusprinzessin – Operette mit Trauerrand, IOCO Kritik, 13.12.2017

Dezember 13, 2017 by  
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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

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Die Zirkusprinzessin von Emmerich Kálmán

Operette mit Trauerrand

 Von Hanns Butterhof

Emmerich Kálmán muss den Ersten Weltkrieg übersehen haben. Diesem Eindruck kann man sich nicht entziehen, wenn man die beiden Kálmán-Operetten Die Csárdásfürstin von 1915 in Münster und Die Zirkusprinzessin von 1926 in Osnabrück besucht. In beiden Aufführungen wird Kálmán entschieden korrigiert, der Krieg auf die Bühne gebracht und ein happy end verweigert.

Der Krieg bricht in Kálmán-Operetten in Münster und Osnabrück herein

Als Die Zirkusprinzessin 1926 in Wien uraufgeführt wurde, war der Erste Weltkrieg gerade ein paar Jahre vorbei. So ist das große Thema der Zirkusprinzessin das Fertigwerden mit schlimmen Schlägen des Schicksals und fürs Herz die Hoffnung, dass schon alles wieder gut wird. Im Theater am Domhof traut die Regie Sonja Trebes‘ dem Operettenoptimismus nicht.

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin - hier: Sie lieben sich, Susann Vent-Wunderlich und Ralph Ertel als Fürstin Fedora und Mr. X. © Jörg Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin – hier: Sie lieben sich, Susann Vent-Wunderlich und Ralph Ertel als Fürstin Fedora und Mr. X. © Jörg Lewandowski

Vom Schicksal geschlagen ist Fedja Palinski (Ralph Ertel). Er hatte es gewagt, sich in die künftige Frau seines mächtigen Onkels zu verlieben. Der enterbte Palinski und zerstörte dessen militärische Laufbahn; sozial abgestürzt tritt er nun als Mr.X beim Zirkus auf. Diese Frau, Fürstin Fedora Palinska (Susann Vent-Wunderlich), ist nun Witwe und wegen ihres ungeheuren Reichtums heiß begehrt. Unter etwas schwer nachvollziehbaren Umständen verlieben sich die beiden, und es liegt ein happy end mit echter Liebesheirat statt Vernunftehe in der Luft.

Dass das nicht klappt, liegt an einer fiesen Intrige des Prinzen Sergius Wladimir (Jan Friedrich Eggers), der es selber auf das Vermögen Fedoras abgesehen hat. Er hat Mr.X völlig unnötig dazu bewogen, sich bei der Fürstin als Prinz Korrossoff einzuführen. Als er nach der Heirat seine Zirkusidentität offenbart, weist ihn Fedora zurück.

Das war von der Fürstin nicht zu erwarten, die Susann Vent-Wunderlich als sehr sympathische Figur stimm- und ausdrucksstark spielt. Bei ihr war Standesdünkel eigentlich kein Thema. Auch dass sie sofort von Wladimir als „Zirkusprinzessin“ geschmäht, von Husaren respektlos begrapscht wird und offenbar sofort ihr Vermögen verliert, erschließt sich nicht wirklich.

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin - hier Susann Vent-Wunderlich ist die Zirkusprinzessin © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Die Zirkusprinzessin – hier Susann Vent-Wunderlich ist die Zirkusprinzessin © Jörg Landsberg

Zu deutlich und sichtlich nicht stimmig will die Regisseurin weg von der märchenhaften Operettenseligkeit. Schon Prinz Wladimir ist mafiös mit einer schwerbewaffneten Privatarmee, die sich, weniger lustig, reihenweise an den Frauen vergeht. Im dritten Akt ist Fedora auch noch auf der Straße gelandet, wo sie zudem beraubt wird. Mit Explosionen bricht gar der Krieg ein, und wenn es doch zu überraschenden Heiraten von Nebenfiguren kommt, so bleibt das Ende für das Liebespaar doch offen; nichts da fürs Herz.
Bis dahin gibt es jedoch auf der erst zirkusbunten, dann dunkleren Bühne (von Nanette Zimmermann) phantasievolle Kostüme (von Linda Schnabel) und eine turbulente Haupt- und Nebenhandlung mit abwechslungsreicher, eingängiger Musik. Neben Susann Vent-Wunderlich gefalllen vor allem der elegante, warme Tenor Ralph Ertel, die lebensfrohen Soubrette Gabriella Guilfoiol und ihr Buffo-Partner Mark Hamman, während der von Markus Lafleur einstudierte Chor sich spielfreudig durch den Abend schmettert.
Daniel Inbal und das Osnabrücker Symphonieorchester retteten schwungvoll die Operettenseligkeit und erhielten mit allen Beteiligten den langen Beifall des Premierenpublikums.

Theater Osnabrück – Die Zirkusprinzessin:  Weitere Vorstellungen  15.12.2017 um19.30 Uhr. Silvester 15.00 und 19.00 Uhr und am 5.1 und 10.1.2018 um19.30 Uhr.

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